Ticken

Wie würden wir denn eigentlich ticken, wären wir nicht andauernd dem Ticken der Uhr unterworfen? Wenn wir dem Minutenzeiger nicht immer schon ein, zwei, drei Schritte hinterher wären? Wenn Sekunden keine Rolle spielten? Wenn die Stunden des Tages nicht angefüllt wären mit Dingen, die wir uns nicht selbst aufgetragen haben? 

Solche Fragen drehen manchmal in meinem Kopf, wenn wir einander zu Hause vor lauter Alltag nur noch auf die Nerven fallen. Wenn wir die Kinder und die Kinder uns anmotzen. Wenn freundliche Worte Mangelware werden. Wenn es so aussieht, als wären wir zu einer Familie geworden, die wir so nie hatten werden wollen.

„Sind wir wirklich so?“, fragen wir einander dann manchmal.

Auch hier tickt die Uhr. Nicht schneller und nicht langsamer als sonst, aber irgendwie freier. Wie, schon sechs Uhr abends? Was soll’s? Wir müssen ja heute nichts mehr. Kein Druck, kein Drängeln, kein „Mach jetzt endlich vorwärts, sonst…“ Viel Zeit, um zu sehen, wie wir ticken, wenn das Ticken der Uhr keine Rolle spielt. 

Ganz klar: Wir ticken anders. Nicht perfekt, beileibe nicht. Nicht ohne Streit, ungeduldige Worte und genervte Seufzer. Aber mit neuer Nähe. Besserem Verständnis. Mehr Liebe für Eigenarten. Einem geschärften Blick für Fähigkeiten. Mehr Musse zum Fragen, zum Antworten, zum Nachhaken.

Daraus die beruhigende Gewissheit: Wir sind nicht zu der Familie geworden, die wir so nie hatten werden wollen. Wir sind einfach eine Familie. 

callistemon laevis; prettyvenditti.jetzt

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Geschäftstüchtig

Absolut unfair sei es, wie das Prinzchen sich sein Taschengeld aufbessere, schimpften die grossen Geschwister. „Das kann doch jeder: Schneckenhäuser auf Hölzchen kleben und die Hölzchen mit einem Gesicht verzieren. Sowas kann der doch nicht einfach verkaufen“, beklagten sie sich. Der Aufruhr flaute erst ab, als Prinzchens Schnecken-Business aufgrund mangelnder Kundschaft ins Stocken geriet. Doch das Prinzchen begriff schnell: Wenn Eltern und Geschwister nicht ewig kaufen mögen, muss man auf anderem Wege an ihr Geld rankommen. Also machte er sich an die Arbeit, malte Bilder, verzierte Steine, klebte fantastische Gebilde und als das alles fertig war, lud er zur Vernissage. Ein Euro pro Person kostete der Eintritt, wer laut genug über Geldmangel klagte, kam auch für 50 Cent rein, wer noch lauter jammerte, sogar für 20. Prinzchen ist da nicht so stur, Hauptsache, sein Portemonnaie fühlt sich in der Hosentasche angenehm schwer an. Es dauerte nicht lange, bis die Geschwister wieder motzten: Absolut unfair sei das, wie er Eintrittsgeld einsacke, damit wir uns sein Gebastel ansehen. „Das kann doch jeder“, maulten sie schon wieder, aber genau in diesem Punkt irren sie gewaltig. Wer sein Gebasteltes und Geklebtes mit so viel Hingabe und Liebe zum Detail präsentiert, dass die Eltern aus Überzeugung und nicht aus Mitleid bares Geld springen lassen, der ist ein wahrer Könner. 

  

Intelligenzbestien beim Einkauf

Sie sind zu dritt unterwegs. Mama, Papa und Baby. Der Zufall will es, dass sie kurz nach uns die Kasse erreichen, was sie aber nicht daran hindert, sich vorzudrängen. Ich nehme es hin, denn wer mit einem Baby unterwegs ist, hat Vorrang. Immer. Auch dann, wenn das Baby zufrieden auf einer halben Baguette kaut, während sich unsere Fünf nach einem anstrengenden Homeschooling-Tag aufführen wie eine Horde ausgehungerter Vandalen.

Nun, wie auch immer, warten müssen wir alle, denn vorne an der Kasse hat einer ein Problem mit der Karte. Zeit also, um den Inhalt des Einkaufswagens zu überprüfen. Wir, um festzustellen, ob wir etwas vergessen haben, sie, um auszumustern, was sie nicht benötigten. Eine Familienpackung tiefgekühlte Hamburger wird als überzählig erkannt und muss den Einkaufswagen verlassen. Nun ist es aber leider so, dass es zum Tiefkühler, wo die Hamburger sich gerne aufhalten, wenn sie nicht gekauft werden, mindestens zwanzig, vielleicht gar dreissig Schritte wären und wenn man schon so lange durch den Laden gelatscht ist, mag man sich sowas nicht mehr antun, das muss man verstehen. Also werden die Hamburger ins Kaugummiregal neben der Kasse ausgesetzt. So ein kleines bisschen Luftveränderung tut doch jedem gut, auch einem Tiefkühlhamburger. 

Einkaufen macht aber nicht nur müde, sondern auch hungrig und die Chips sehen ja so verlockend aus. Also wird die Packung aufgerissen. Nein, nicht vom Kind, das ist noch viel zu klein, um selber eine Tüte aufzureissen. Mama und Papa sind es, die sich mit Chips vollstopfen, währenddem sie ihre Artikel aufs Band legen. Als alles – ausser den Hamburgern – auf dem Band ist, kommt ganz zum Schluss die offene Chipspackung.  Aber wie immer, wenn man sich mal mutig den gängigen Konventionen  widersetzt hat, sitzt da vorne an der Kasse so ein engstirniger Mensch, der davon ausgeht, dass sämtliche Verpackungen, die auf dem Band liegen, unversehrt sind. (Man sollte ja wirklich meinen, inzwischen sei die Menschheit in dieser Hinsicht offener geworden, aber diese Ewiggestrigen halten unbeirrt an solchen alten Zöpfen fest.) Ja, und dann gibt das natürlich eine Riesensauerei, ungehalten schauen Mama und Papa dabei zu, wie die ungeschickte Kassiererin ihren Arbeitsplatz von Chips befreit. Na ja, immerhin hat sie genügend Anstand, sich für das Missgeschick zu entschuldigen.

Wenig später, als endlich wir an der Reihe sind mit Bezahlen, beobachte ich aus den Augenwinkeln, wie Mama und Papa ihren Einkaufszettel ganz genau studieren, um zu überprüfen, ob die Chips auch ordnungsgemäss storniert worden sind. Recht haben sie. Wäre ja wirklich die Höhe, wenn sie das Zeug auch noch bezahlen müssten, wo sie doch nicht mal alles aufessen konnten.  

orange; prettyvenditti.jetzt

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Heimweh?

Und wie steht’s eigentlich mit dem Heimweh? Na ja, so hin und wieder läuft schon mal eins der Kinder mit etwas niedergeschlagenem Blick rum und will wissen, wie lange es denn noch gehe, bis man die Freunde wieder sehe. Hin und wieder der eigene Wunsch, in der Stadt ein bekanntes Gesicht zu sehen, ein paar Worte mit jemandem zu wechseln, vielleicht auch ein Tässchen Tee zu trinken. Nachts kommen die Katzen in die Träume geschlichen – nicht nur in die Träume der Kinder – und hat tagsüber mal ein Büsi das Pech, uns über den Weg zu laufen, sieht es sich von sieben irren Vendittis verfolgt, die ganz dringend mal wieder weiches Fell spüren und zartes Schnurren hören wollen. Gelegentlich auch Unterhaltungen darüber, was man zu Hause anders machen könnte oder was man als erstes tun wird, wenn wir wieder dort sind, wo wir eigentlich hingehören. Und doch manchmal auch eine gewisse innere Distanz zu dem, was wir Heimat nennen. Die Frage, ob man manche Dinge nicht einfach darum als besser empfindet, weil man es von Kind an so kennt. 

Heimweh? Nicht wirklich, aber allmählich so ein Bewusstsein, dass man hier nicht ewig bleiben wird, auch nicht ewig bleiben will.

prettyvenditti.jetzt

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Ganz schön (intensiv)

„Und, wie ist das jetzt so, wenn ihr so viel Zeit miteinander verbringt? Schön, nicht wahr?“, so lauten die Fragen von Freunden. Schön? Aber ja, natürlich. Wenn Teenager ganz offen mit Mama und Papa über die wichtigen Fragen des Lebens reden, weil hier keiner ist, vor dem sie cool sein müssen. Wenn bisher unbekannte Fähigkeiten als Licht kommen, die zu Hause, im Alltag, nicht gefragt sind. Wenn Geschwister einander Mut machen, gemeinsam etwas zu wagen. Wenn alte Spiele hervorgekramt und neue Ideen ausgeheckt werden. Wenn einer, der sonst heikel ist, plötzlich Neues kostet und merkt, dass er schmeckt. Wenn sie uns ohne jeglichen Vorwurf den Spiegel vorhalten, manchmal auch über unsere Macken lachen. Dann ist es tatsächlich schön. Wunderschön.

Und ganz schön intensiv. Denn wenn sie dich mal haben, so voll und ganz für sich, dann geniessen sie dich. Auch dann, wenn du mal einen Moment lang alleine sein möchtest. Auch dann, wenn es deiner Meinung nach längst Zeit für Feierabend wäre. Auch dann, wenn du mal ein wenig deinen eigenen Gedanken nachhängen möchtest.

Für einmal ist das ganz in Ordnung so, denn du weisst, dass diese kurzen Wochen eine einmalige Chance sind, ihnen nahe zu sein. Der Stundenplan und die Freunde werden rasch genug wieder die Macht an sich reissen, wenn das hier vorbei ist.  

Eichelhäher

Wann habe ich zum letzen Mal einen Eichelhäher gesehen? Das muss mindestens 22 Jahre her sein. Still sass er damals da, mit glasigen Augen und liess sich seelenruhig von zwanzig eher weniger interessierten Gymnasiasten beobachten. Nun gut, er konnte gar nicht anders, als seelenruhig zu sein, denn der Kerl war mausetot und ausgestopft, aber immerhin war er ein Prachtexemplar. 

Meine vorletzte Begegnung mit einem dieser Vögel liegt noch weiter zurück, schätzungsweise 35 Jahre. Damals teilten wir uns sogar eine Zeit lang ein Zimmer. Er sass auf dem Fenstersims und beobachtete, was meine Geschwister und ich den lieben langen Tag alles anstellten. Oder er hätte zumindest beobachtet, wenn er nicht ebenfalls Glasaugen im Kopf und Füllmaterial im Leib gehabt hätte. Irgendwann flog er dennoch davon, ich vermute, in eine Abfallmulde, nachdem er genügend Kinderzimmerstaub angesammelt hatte. 

Hier also kreuzen sich unsere Wege wieder, aber hier ist er nicht still und glotzäugig, sondern ausgesprochen lebendig. Frühmorgens fliegt er jeweils zwischen den Bäumen hin und her und posiert gelegentlich auf dem Kirschbaum, damit wir seine blauen Federn bewundern können. Weltbewegend? Wohl kaum. Für gewisse Menschen aus dem Schweizer Mittelland, die schon dankbar sein müssen, wenn sie hin und wieder eine Blaumeise oder einen Spatzen zu Gesicht bekommen, aber doch immerhin denkwürdig genug, dass sie sich dazu gedrängt fühlen, einen Blogpost darüber zu schreiben. 

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Awards und so…

Kleinwirdgross und Opa haben mich nominiert und zwar für zwei verschiedene Awards. Nun ist das bei mir mit den Awards so eine ähnliche Sache wie bei den Stöckchen: Ich freue mich, dass andere Blogger mein Geschriebenes toll genug finden, um mich zu nominieren, meistens finde ich auch die Fragen spannend, aber wenn’s dann darum geht, mir eigene Fragen auszudenken und weitere Blogger zu nominieren, dann ist das irgendwie nicht so mein Ding. Darum mache ich es wieder so:

a) Ich bedanke mich ganz herzliche bei Kleinwirdgross und bei Opa. So lieb von euch. 

b) Ich beantworte eure Fragen wahrheitsgetreu.

c) Ich empfehle meiner Leserschaft ein paar Blogs, die mir gefallen. 

Gut so? Okay, dann kümmern wir uns mal um den „Lovely Blog Award“ von Kleinwirdgross. Hier sind offenbar sieben Fakten über mich gefragt. Na dann, lege ich mal los:

1. Manchmal denke ich, ich sollte mit bloggen aufhören, aber dann halte ich doch nicht länger als zwei Tage durch, bis ich wieder irgend etwas loswerden muss.

2. Wenn ich keine Kinder hätte, wäre ich so ordentlich, dass ich mich selbst unsympathisch fände.  

3. Wenn ich viel Zeit habe – wie zum Beispiel jetzt -, lese ich so lange Kommentare zu Zeitungsartikeln, Blogposts und auf Facebook bis ich mich frage, ob es wirklich eine gute Idee war, den Menschen flächendeckend das Schreiben beizubringen. 

4. Manchmal überkommt mich der unbändige Drang, die Welt zu verändern. Wenn ich bloss wüsste, wo anfangen…

5.  Ich quatsche jede Katze an, die mir begegnet und wenn ein Mensch mit Hund meinen Weg kreuzt, grüsse ich beide, obschon ich Hunde (bis auf wenige Ausnahmen) überhaupt nicht mag. 

6. In letzter Zeit habe ich mich öfters mal auf meine Pensionierung gefreut und dann gedacht, dass man das in meinem Alter eigentlich noch nicht sollte.

7. Meistens weiss ich nicht, ob ich das mit dem Muttersein richtig gemacht habe, aber wenn wir alle zusammen am Tisch sitzen und ganz ungezwungen miteinander reden, dann ist mir das egal und ich bin einfach glücklich. 

So, und nun zu Opas Fragen für den „Liebster Award“:

1. Meine grösste Stärke ist…

Hmmmm, schwierig. Vielleicht, dass ich auch in miesesten Zeiten meinen Humor nicht ganz verliere und immer irgend eine Absurdität finde, über die sich lachen oder zumindest lästern lässt.

2. Meine grösste Schwäche ist…

Ich bin ganz schrecklich launisch.

3. Am meisten Angst habe ich vor…

Aktuell gerade, dass ich hier in Südfrankreich einer Schlange oder einem Skorpion begegnen könnte.

4. Familie bedeutet für mich…

Die Kurzfassung: Dort, wo meine Familie ist, bin ich zu Hause. Die lange Fassung erspare ich euch, denn das könnte dauern.

5. Kinder sind für mich…

Wunder (Okay, ich geb’s ja zu: Manchmal auch einfach wunderbare Nervensägen.)

6. Mit…würde ich gern mal…

Mit einigen dieser grossmäuligen, hartherzigen, überheblichen Politiker würde ich gerne mal ein Wörtchen reden.

7. Eine Stunde im Wald spazieren gehen ist für mich…

Himmlisch. Vor allem, wenn Schnee liegt.

8. Essen ist für mich…

Eine ganz wunderbare Sache. 

9. Kochen ist für mich…

Für mich persönlich: Eine Leidenschaft, die ich mir nicht nehmen lassen will durch die alltägliche Pflicht, auch im grössten Stress etwas halbwegs Anständiges auf den Tisch bringen zu müssen. 
Ganz allgemein: Eine hohe Kunst, egal, wie einfach die Zutaten auch sein mögen.

10. Mein Lieblingsgericht ist…

Ein eigentliches Lieblingsgericht habe ich nicht, da es auf dieser Welt zu viele köstliche Gerichte gibt. Ich liebe vegetarische Curries, knuspriges Brot, Gewürze, frische Pasta, Salzbutter, Basilikum, Käse, Joghurt, einfache Gerichte, bis ins letzte Detail durchdachte Menüs, Gnocchi, frisch zubereitete Suppen, hausgemachte Marmelade und einmal hätte ich über einer „Insalata Caprese“ aus sonnenwarmen Tomaten beinahe Freudentränen vergossen. 

11. Bloggen ist für mich…

Eine Möglichkeit, meine Gedanken in Worte zu fassen und mit anderen Menschen zu teilen, oftmals aber auch einfach ein Mittel, im ganzen Alltagschaos nicht durchzudrehen. 

Und das hier wären die Blogs, die ich euch allen ans Herz legen möchte:

Feminism – OMG! 

Vater da sein

Eulenkling 

Madame Gaianna 

Signora Pinella   

Die Schreibschaukel

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Am Wasser

Da liegt es also vor uns, tiefblau und friedlich. Eine kleine, saubere Bucht, Muscheln, kreischende Möwen und nette kleine Wellen. Sandburgen bauen, Muscheln sammeln, planschen, bis man so nass ist, dass man auch ein Bad im noch zu kühlen Wasser wagen kann. Familienfrieden pur, zumindest so lange, bis einer etwas mehr Wasser abbekommen hat, als ihm lieb gewesen wäre. 

Kann das wirklich das gleiche Wasser sein? Das Wasser, von dem sie wieder andauernd reden, in den Nachrichten, in Diskussionsrunden, in Parlamenten? Das Wasser, das den einen Vergnügen bereitet, den anderen den Tod? Dort ihr Elend, hier unser Glück.

Ein Urteil ist so leicht gesprochen, wenn man am sicheren Ufer sitzt. 

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Die Macht der Werbung

So sehr ich es auch versuche, ich kann’s nicht verstehen. Begreife nicht, wie man sein Taschengeld dafür sparen kann. Wie man auf unzählige schöne Dinge verzichtet, um ganz bestimmt genügend Geld zu haben, damit man die Sammlung bald vergrössern kann. Wie man auf die Idee kommt, die kostbaren iPad-Minuten, die Mama und Papa einem zugestehen, damit zu vergeuden, sich ein Video nach dem anderen reinzuziehen. Weshalb man tieftraurig ist, weil man das Ende des Filmchens nicht mitbekommen hat, da die iPad-Minuten zu schnell um waren und man jetzt nicht weiss, ob der Held noch lebt oder nicht. Kriege nicht in meinen Kopf hinein, wie man sich all die Namen merken kann und dann auch noch weiss, zu welchem Namen welche Charaktereigenschaften gehören. Habe erst recht kein Verständnis dafür, wie man für viele Stunden in diese Rollen schlüpfen kann. Wie man nach dem Rollenspiel zu zeichnen anfängt, viele viele Blätter voll, immer die gleichen Figuren. (Oder vielleicht auch nicht – welcher Erwachsene weiss das denn so genau?) Und wenn einen die Eltern aus dem Spiel reissen, einfach so, vollkommen rücksichtslos, weil sie irgendwelche Sehenswürdigkeiten sehen wollen, dann vergnügt man sich auf der Autofahrt damit, einander Pantomimen vorzuspielen, damit die anderen erraten können, welchen der Grossartigen man imitiert. 

Schon oft habe ich mir die Dinger angeschaut, habe sie in meinen Händen gedreht und gewendet, um daran irgend etwas Schönes zu finden. Habe gefühlt, ob da vielleicht etwas wäre, was einem so angenehm in der Hand liegt, dass man es nicht mehr aus den Fingern geben mag. Habe ihre Gelenke gebogen, gestreckt und beinahe gebrochen, nur um herauszufinden, warum es so viel Spass macht, mit ihnen Zeit zu verbringen. Glaubt mir, ich habe ehrlich versucht, hinter das Geheimnis zu kommen, aber alles, was meine Augen sehen ist pure Hässlichkeit und ganz viel Plastik.

Nie werde ich verstehen, warum gleich drei meiner Kinder voll darauf abfahren, aber immerhin kann ich jetzt wieder voll und ganz an die Macht der Werbung glauben. Wie sonst kämen kleine Jungen darauf, sich so etwas Abscheuliches aus tiefstem Herzen zu wünschen?

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Je (ne) regrette (rien)

Jetzt sollen wir Mütter also der Welt erzählen, warum wir es bereuen, Mütter geworden zu sein. Anfangs wollte ich mich der Debatte ja verweigern, weil es immer irgendwie schief rauskommt, wenn Blogger halb verdaute und vermutlich auch falsch verstandene Aussagen aus wissenschaftlichen Studien auf ihr eigenes Leben zu übertragen suchen. Doch dann erinnerte ich mich daran, wie ich vor gut sieben Jahren jeweils stundenlang mit leerem Blick am Fenster stand und mich fragte, wie ich auf dieses Karussell geraten war, das sich immer schneller drehte, pausenlos, ohne die Möglichkeit, einmal für ein paar Momente abzusteigen, um dem Schwindel Einhalt zu gebieten. Das Ticket war „non-refundable“, das wusste ich, aber könnte man mich vielleicht in eine etwas komfortablere Karussell-Kategorie wechseln lassen? Oder den Betreiber dazu bringen, das Ding etwas langsamer laufen lassen? Oder mal zwei, drei, vier, fünf Runden ohne mich zu drehen? Oder könnte man den Kerl dazu überreden, mich ans Schaltpult zu lassen, damit ich wenigstens selber bestimmen könnte, wann und wie schnell dieses Karussell drehte? Oder das Karussell auf eine andere Chilbi stellen, eine, auf der es etwas ruhiger und freundlicher zuginge? Oder könnte jemand anders für mich einen Teil der Fahrten übernehmen, damit ich mich anderswo austoben könnte? Und natürlich auch: Würde mir das Karussellfahren je wieder Spass machen?

Solche Fragen quälten mich damals und weil mich damals diese Fragen quälten, stand gestern Nachmittag, als ich mal wieder einen Artikel über die ganze Regrettinmotherhood-Debatte las, eine andere Frage vor mir: „Trifft doch genau auf dein Erleben zu, diese ganze Sache, nicht wahr?“ Dick und fett und aufdringlich stand sie da, diese Frage und sie weigerte sich, mir aus dem Weg zu gehen, so oft ich mich auch anderen Themen zuzuwenden versuchte.  Also versuchte ich, sie mit Scheinantworten zufrieden zu stellen. „Das kann ich nicht beurteilen, ohne die Studie gelesen zu haben“, war eine davon. „Da müsste ich mich erst mal eingehend mit der Sache befassen“, eine andere. „Es gibt schon Dinge, die ich bereue, aber doch nicht so“, eine dritte. Die Frage gab sich damit nicht zufrieden, im Gegenteil, sie wurde noch aufdringlicher: „Vielleicht muss ich deutlicher werden“, sagte sie mit herausforderndem Blick, „Bereust du es, Mutter geworden zu sein? Ja oder Nein?“ 

„Nein“, antwortete ich ohne nur einen Augenblick lang zu zögern. „Und ich habe es auch damals, als sich alles nur noch drehte und ich den Boden unter den Füssen zu verlieren drohte, nie bereut. Ich bereue in diesem Zusammenhang viel, aber nicht, dass ich Mutter geworden bin.“ Um meiner Leserschaft das ganze „antwortete ich“, „fragte sie mit herausforderndem Blick“, „insistierte ich“ Beigemüse zu ersparen, höre ich jetzt auf, dieses Selbstgespräch wiederzugeben und schreibe klipp und klar, was ich bereue:

  • Ich bereue, meine Kinder in einer Gesellschaft geboren zu haben, die keine Kinder mag, die sie als Privatsache ansieht, die man irgendwie selber managen soll, aber bitte schön so, dass man andere dabei nicht stört. (Man könnte auch sagen „Ich bereue, in der Schweiz geblieben zu sein“, aber darf man das sagen, wenn man in einem Land lebt, in dem alles so reibungslos funktioniert? Und weiss man denn, ob es einem anderswo besser ergangen wäre?)
  • Ich bereue, schwanger geworden zu sein, bevor ich beruflich genügend etabliert war, um zu wissen, was ich will und wie ich es will. (Also, eigentlich bereue ich nicht das mit der Schwangerschaft, sondern die ihr vorangehende Naivität, dass es sich irgendwie schon so ergeben würde, wie es uns zusagt.) 
  • Ich bereue, dass „Meiner“ und ich bis heute in einer Rollenteilung festgefahren sind, die unseren Fähigkeiten nicht entspricht und weil das Karussell noch immer unaufhaltsam dreht, ist es gar nicht so einfach, diese Rollenteilung zu durchbrechen, vor allem in finanzieller Hinsicht nicht. 
  • Ich bereue, die Weichen auf „Mutter = Hausfrau“ gestellt zu haben, obschon das nie mein Ding war. 
  • Ich bereue, mich selber nicht besser gekannt zu haben, bevor ich Mutter geworden bin, aber manchmal frage ich mich, ob ich mich selber überhaupt je so intensiv kennen gelernt hätte, wenn ich nicht Mutter geworden wäre.
  • Ich bereue, dass ich jahrelang unbewusst eine „Das macht man halt so“-Haltung an den Tag gelegt habe, anstatt so lange nach unserem Weg zu suchen, bis wir ihn gefunden haben.
  • Ich bereue, auf Menschen gehört zu haben, die in meinem Leben nichts zu melden haben.
  • Ich bereue, mich an Müttern orientiert zu haben, die nicht im geringsten so ticken wie ich.
  • Ich bereue, zu sehr auf das geschaut zu haben, was die Gesellschaft über Mütter denkt, anstatt mich damit zu befassen, wie ich mit dem, was mir in die Wiege gelegt worden ist, authentisch Mutter sein kann. (Okay, ich habe keine Ahnung, ob man das versteht, aber es war mir halt doch wichtig, das noch anzufügen.)

Und ich bereue übrigens auch, nach Kind Nummer fünf zu einem eindeutigen Schlussstrich in Sachen Kinderkriegen eingewilligt zu haben, obschon ich in der Schwangerschaft mit Kind Nummer fünf gewahr wurde, dass das Karussell für meinen Geschmack etwas zu heftig dreht. (Darum habe ich ja auch eingewilligt.) 

Kurz und knapp zusammengefasst: Ich bereue nicht, dass ich Mutter geworden bin, ich bereue, wie ich es geworden bin. Aber im Nachhinein ist man immer schlauer. Und wer kann denn schon mit Sicherheit sagen, dass es andersrum nicht nur anders, sondern auch besser gewesen wäre?

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