Familienerlebnis

„Das wird bestimmt ein tolles Familienerlebnis für euch“, sagten die Leute zu Hause, als sie von unserer Reise erfuhren. Und das ist es ja tatsächlich, ein Familienerlebnis, meine ich. Toll ist es auch. Zum Beispiel, weil wir mal einfach unter uns sind, ohne die andauernden „Darf ich heute mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten spielen“-Anrufe, ohne „Frau Venditti, wann kommt ‚Ihrer‘ denn nach Hause?“-Arbeitsunterbrechungen und ohne auf die Minute durchgeplante Tagesabläufe. Toll ist auch die fremde Umgebung, die ungewohnten Düfte, die faszinierenden Geschmacksrichtungen, das traumhafte Wetter. Das alles versetzt uns täglich aufs Neue ins Staunen und uns dazu inspiriert, Dinge zu tun, die im Alltag wenig oder gar keinen Raum finden. Und toll ist natürlich auch, dass keiner dem anderen etwas vormachen muss. Jeder darf sein, wie er oder sie ist, wir sind schliesslich „en famille“.

Tja, dieses „en famille“… Wer selber eine Familie hat – Und wer hat das nicht, auf irgend eine Weise? -, kann sich ausmalen, was das auch noch bedeuten kann. In unserem Fall zum Beispiel, Mahlzeiten, bei denen der liebe Karlsson zu meiner Linken darüber nachsinnt, ob er die Schnecken, die er sich im Supermarché gekauft hat, nun wirklich verspeisen soll, oder ob das ethisch nicht vertretbar ist, während zu meiner Rechten das Prinzchen und der Zoowärter versuchen, die Salzkartoffeln zu Kartoffelbrei „wie neulich bei Ikea“ zu verarbeiten. Oder die zwei Teenager, die sich stundenlang Trash-TV reinziehen und einander danach im Garten lauthals „Rooooobert!“ zurufen, obschon sie ganz genau wissen, dass der nette Herr Vermieter gleich auf der anderen Seite des Zauns auf denselben Vornamen hört. Oder die drei kleinsten Vendittis, die allüberall das Feriengeld, das Schwiegermama ihnen vor der Abreise zugesteckt hat, loswerden müssen, weil es sonst schimmlig wird. Und dann natürlich die ganzen Streitereien – Ich gegen „Meinen“, der Zoowärter gegen den FeuerwehrRitterRömerPiraten oder Luise gegen den Rest der Welt -, die im Alltag auch immer zu kurz kommen. 

Familienerlebnisse halt… 

Foto by Karlsson

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Shoppingträume

Neulich wollte Luise von mir wissen, was ich anstellen würde, wenn ich einen Tag lang unbegrenzt viel Geld zum Shoppen zur Verfügung hätte. Ich wusste es nicht. „Shopping ist langweilig“, sagte ich und meine Tochter starrte mich ungläubig an. Ein Mensch, der nicht vom unlimitierten Shopping träumt, kann ja wohl nicht ganz bei Sinnen sein. 

Nun, seit heute muss Luise nicht mehr um meinen Geisteszustand fürchten, ich weiss jetzt, wie ich mein Geld loswürde, so ich es denn in rauen Mengen besässe. Ich ginge mittwochs auf den Markt nach Saint-Rémy-de-Provence und würde dort mit Freuden mein ganzes Geld verjubeln. Essig in allen Farben und Geschmacksrichtungen würde ich kaufen, Honig in allen möglichen Konsistenzen und Schattierungen, knusprige Brote, knallbunte Einkaufskörbe, getupfte und gerüschte Kleider, riesengrosse Artischocken, Seifen, Hüte, Melonen, Schirme, ganze Käselaibe, Kissen, Tomaten, ja, vielleicht sogar ein paar Austern und andere Meerviecher… einfach den ganzen Markt. Nicht, weil ich all das Zeug unbedingt besitzen möchte, sondern einfach in einem verzweifelten Versuch, diese farbenfrohe Vielfalt, die alles übertrifft, was ich bis jetzt auf Märkten geschehen habe, für mich einzufangen und mit nach Hause zu nehmen. 

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Kater Leone weiss 

Fragt mich nicht, woher, aber er weiss. „Bald wirst du für lange Zeit weggehen“, scheint er zu mir zu sagen, „also lass mich dich noch ein wenig geniessen.“ Und  weicht er kaum mehr von meiner Seite. Schläft wieder wie in Anfangszeiten jede Nacht auf meinem Rücken, lässt sich auch dort nieder, wenn ich ausnahmsweise mal Zeit für einen Mittagsschlaf habe, krallt sich an meinem Rücken fest und legt mir den Kopf besitzergreifend auf den Nacken, wenn ich aufstehen will. Seine tagelangen Ausflüge zum Bahnhofsareal hat er eingestellt, gerade so, als wollte er jede kostbare Minute in meiner Nähe auskosten.

Leone weiss aber auch, wo er in den kommenden Wochen zu Hause sein wird. An dem Tag, an dem meine Mutter und ich uns darüber unterhielten, dass die Katzen bei ihr Asyl bekommen, spazierte er wie selbstverständlich in ihre Wohnung und nahm alles genau unter die Lupe. Noch nie zuvor hatte er sich für die Wohnung meiner Mutter interessiert, obschon er tagtäglich daran vorbeigeht. Jetzt aber hält er auf der Treppe vor ihrer Tür kurz inne, ehe er ein Stockwerk höher nach Hause kommt. 

Ganz klar, Leone weiss und das beruhigt mich ungemein. Ich hatte nämlich schon befürchtet, er würde uns verlassen, wenn wir eine Weile lang nicht hier sind. 

 

  Edit 

Kinderlose Kinderexperten

Meine kinderlosen Freundinnen sind Gold wert. Mit ihnen kann ich über die Dinge quatschen, die sich außerhalb meiner Mamawelt abspielen. Sie erfahren von mir, was sie ohne Kinder verpassen (und was nicht), ich lerne von ihnen, wie man die Dinge auch noch sehen könnte, wenn man sie nicht immer im Hinblick auf die eigenen Kinder betrachtete. Bei ihnen kann ich auch mal ungehemmt darüber lästern, wie sehr mir der Tanz ums goldene Kind, den manche Mütter veranstalten, auf den Geist geht. Im Gegenzug berichten sie mir schonungslos offen über die Abgründe des „Single-WG-wie soll meine Zukunft aussehen?“-Lebens. Kurzum, sie sind eine echte Bereicherung, diese Frauen. 

Was ich hingegen nicht ertragen kann, sind kinderlose Menschen, die Kinder und Teenager nur vom Hörensagen und vor allem aus den Medien kennen und sich dennoch für Experten halten. Menschen, mit denen man solche Gespräche führt (Dieses hier ist übrigens fiktiv, leider aber nicht frei erfunden.): 

Ich: „Meine Tochter ist in den Ferien jeweils sehr viel experimentierfreudiger mit ihrem Kleiderstil. Dann trägt sie Dinge, die sie für die Schule nie anziehen würde.“

Mein Gegenüber seufzt tief, legt die Stirn in sorgenvolle Falten und sagt: „Ja, das ist heutzutage einfach schlimm mit diesem Markenwahn. Die Kinder trauen sich ja nicht mehr aus dem Haus, wenn sie nicht die richtigen Klamotten tragen…“

„So habe ich das nicht gemeint“, unterbreche ich, um mir nicht den ganzen Markenkleider-Sermon, den ich inzwischen in- und auswendig kenne, anhören zu müssen. „An unserer Schule ist das eigentlich kein Problem…“

Weiter komme ich nicht, bevor mein Gegenüber ins Wort fällt: „Nein, glaub mir, die Kids leiden richtig. Wenn die die falschen Schuhe an den Füssen haben, werden die verprügelt. Ich habe neulich diesen Artikel gelesen…“

Jetzt ist es an mir, unhöflich zu sein: „Ich weiss, an manchen Schulen läuft das tatsächlich so, aber bei uns schlagen wir uns mit anderen Themen rum. Meine Tochter ist halt jetzt einfach in dem Alter, in dem man nicht auffallen will…“

„Das ist es genau, was ich meine“, unterbricht mich mein Gegenüber schon wieder. „In dem Artikel haben sie diese bekannte Jugendpsychologin zitiert…wie heisst sie nochmal?… Ach, ist ja auch egal, aber auf alle Fälle hat sie gesagt, die Kids wollten auf gar keinen Fall mehr auffallen, weil sie sonst…“

So geht das dann so lange weiter, bis die Person meine Aussage über Luises Kleiderstil so weit zurechtgebogen hat, dass sie als Beleg für die Thesen aus dem Zeitungsartikel herhalten kann. Und bis ich mir überlege, ob ich der Person einen Praktikumsplatz bei uns zu Hause anbieten soll, damit sie mal Kinder und Teenager in freier Wildbahn erleben kann. 

Noch Fragen, warum ich solche Menschen nicht zu meinem Freundeskreis zähle?

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Schulsack

Ein letztes Mal mit einem zukünftigen Erstklässler auf Schulsack-Suche. Ein letztes Mal „Nimm doch lieber den mit den Elefanten, der mit dem Flugzeug ist langweilig.“ Ein letztes Mal: „Nein, nimm den nicht. Mit dem schämst du dich, wenn du in der Dritten oder in der Vierten bist.“ Ein letztes Mal Gegensteuer geben, weil das Verkaufspersonal die Kinder mit grellen Extras ködern will, Extras, die im Schulalltag ganz schnell an Glanz verlieren und dann hat man ihn, den langweiligsten Schulsack aller Zeiten. Ein letztes Mal die Diskussion, ob man dazu auch noch ein Znüniböxli braucht, eine Trinkflasche und den passenden Turnsack. Ein letztes Mal „Möchtest du ein Sugus?“, bevor das Geld einkassiert wird. Ein letztes Mal Luft anhalten, weil das Zeug immer ein halbes Vermögen kostet. (Ja, ich hab‘ die Luft angehalten, auch wenn diesmal nicht unser Konto belastet wird.) Ein letztes Mal die Spannung der Geschwister: „Zeig her, was hast du gewählt?“ Ein letztes Mal der Gedanke, dass ich ja einen anderen genommen hätte, aber dass das Kind trotzdem ziemlich guten Geschmack bewiesen hat. 

Aber ganz bestimmt nicht zum letzen Mal der Gedanke: „Himmel, könnte mal bitte einer die Zeit anhalten? Mir geht das irgendwie alles zu schnell.“

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Kalenderleere

Bis Donnerstag ist der Kalender noch voll, die To-Do-Liste erscheint endlos. Dann wendet sich das Kalenderblatt und da ist nichts mehr. Lauter leere Felder, voll und ganz terminfrei, zweieinviertel Kalenderblätter weit. Eine Leere, seit vielen Jahren unbekannt und dadurch fast schon unheimlich. Geht das noch, zeitlich frei zu sein, ohne dabei die Zeit zu verschleudern? Ohne am Ende verwundert zu fragen: „Wie? Schon vorbei? Aber ich hab doch noch gar nichts angefangen mit meinen Freiräumen“? Ein wenig unanständig sei das schon, als Erwachsene einfach eine Zeit lang abzutauchen, nicht verfügbar zu sein, meinten Freunde neulich im Scherz und ich glaube, gewisse Leute würden ihnen recht geben, nicht nur im Scherz. Zwischen dreissig und fünfzig tut man sowas einfach nicht, erst recht nicht, wenn man nicht zu den Menschen gehört, die mit einem Start-up unanständig viel Geld verdient haben und sich mit vierzig zur Ruhe setzen können. 

Nun, wir tun’s trotzdem und ich bin mir ziemlich sicher, dass wir die Kalenderblätter zu füllen wissen. Halt einfach mit etwas anderem Inhalt als gewöhnlich. 

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Bütschgi

Treffen Schweizer aus unterschiedlichen Himmelsrichtungen irgendwo – zum Beispiel im Jura, in Opfikon oder in auf Ibiza – aufeinander, können sie gar nicht anders, als früher oder später zu erörtern, wie man das abgenagte Kerngehäuse eines Apfels oder einer Birne nennt. „Gigetschi, natürlich“, sagen die einen. „Spinnst du? Das nennt man Gröibschi“, kontern die anderen. „Ihr habt ja beide keine Ahnung. Das Ding heisst Gürbschi“, behaupten die Dritten. Gerate ich in einen solchen Sprachstreit, halte ich stur am „Bütschgi“ fest, obschon ich seit Jahren im „Gürbsi/Bätzgi“-Gebiet lebe. Eigentlich interessiert es mich aber schon längst nicht mehr, wie meine Landsleute das Ding nennen, betreibe ich doch seit einigen Jahren intensive Forschungen in einem ganz anderen Kerngehäuse-Bereich. Mich beschäftigt nämlich die Frage, wo sich die Dinger in einem Grossfamilienhaushalt bevorzugt aufhalten. Hier eine – noch längst nicht abgeschlossene – Liste der bisher bekannten Bütschgi-Fundorte:

  • Auf dem WC-Rollenhalter
  • Auf dem Rand hinter dem WC-Deckel
  • Am Fussende des Elternbetts
  • Im Kerzenhalter
  • In sauberen Tassen auf dem Regal
  • In Kindersocken
  • Hinter dem Klavier
  • Auf den Klaviertasten
  • Unter dem Klavier
  • Im Klavier? Ich hab’s nie abgeklärt, könnte es mir aber sehr gut vorstellen.
  • In der Dachrinne.
  • Im Blumentopf
  • In Schulsäcken, von vielen kleinen Fruchtfliegen umsummt
  • In Kindergartentaschen, ebenfalls von vielen kleinen Fruchtfliegen umsummt
  • Im Altpapierstapel
  • Im Sammeleimer für Pet-Flaschen
  • Im Kühlschrank
  • In Mamas Schuhen
  • Im Türgriff des Autos
  • Im Katzenklo
  • Neben dem Abfalleimer (Dies ist mit Abstand der häufigste Fundort. Ist halt unglaublich schwer, die Öffnung zu treffen. Von der mütterlichen Weisung, Bütschgis konsequent im Kompost zu entsorgen, wenn man sie schon nicht aufessen mag, reden wir gar nicht erst.)
  • Unter dem Abfallsack, der eigentlich dazu da wäre, die Dinge, die im Abfalleimer landen, aufzufangen
  • Hinter dem Sofakissen
  • In der Obstschale
  • Unter der Matratze
  • Auf dem Fenstersims
  • Auf dem Treppenabsatz
  • In der Waschmaschine
  • In einer Falte des Sonnendachs
  • Zwischen den Kochbüchern
  • Im Klo (Halt, ich glaube, das war ein ganzer Apfel. Haben wir aber erst rausgefunden, als die Sauerei bereits da war.)
  • Im Abfluss
  • In Prinzchens Bastelkiste
  • Auf dem Trampolin
  • Im Sandkasten (Als wir noch einen hatten)
  • Aufgespiesst auf dem Gartenzaun

…und vermutlich an ganz vielen anderen Orten, wo sie irgendwann, wenn wir fleissig genug aufräumen, auftauchen werden. (Und falls wir nicht zum Aufräumen kommen, wächst da halt eines Tages ein hübscher, kleiner Apfelbaum.) Die endgültige Auswertung meiner Forschungsergebnisse steht noch aus, ein Ergebnis steht aber bereits fest: Die Liebe zum Kernobst ist bei den kleinen Vendittis derart gross, dass sie darob die elterliche Weisung, nur im Esszimmer oder in der Küche zu essen, glatt vergessen. 

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Kleine Absurditäten

Manchmal begegnen mir im Alltag Dinge, die zu klein sind, um einen ganzen Blogpost zu füllen, aber auch zu köstlich, um sie einfach wegzuschmeissen. Zum Beispiel diese hier:

  • „Du hast fünf Kinder? Wie, kein Patchwork? Dann seid ihr also in einer Sekte.“
  • „So viele Jahre habe ich der Lungenliga gespendet und jetzt habe ich trotzdem eine Lungenentzündung.“ (Nein, da schwang keine Ironie mit. Auch keine Bitterkeit. Einfach grosses Erstaunen, dass die Schutzfunktion der Spende nicht ausreichend war.)
  • „Die war voll fies zum Prinzchen. Er wollte sie angreifen, aber sie ist einfach zur Seite gesprungen und dann ist er auf den harten Boden gefallen. Echt, voll fies war das. Die kann doch nicht einfach ausweichen, wenn er sie angreifen will.“
  • „Sieh mal, eine Schwangere. Ich hab schon so lang keine Schwangere mehr gesehen, dass ich gar nicht mehr gewusst habe, wie die aussehen.“
  • „Mama, darf ich heute Nachmittag mit einem Freund abmachen?“ – „Ja, natürlich.“ – „Oh, schade. Aber kannst du wenigstens sagen, dass ich schon um halb fünf nach Hause kommen muss?“
  • „Also, wenn Sie die Post umleiten lassen wollen, müssen Sie zuerst mal ein Online-Konto einrichten. Wie? Die Person hat keine E-Mail-Adresse? Tja, dann müssen Sie eben die temporäre Adressänderung notariell beglaubigen lassen.“
  • „Warum ich deine Lichterkette zerstört habe? Ich war halt wütend auf dich.“ – „Das war die schönste Lichterkette, die ich je hatte.“ – „Echt, Mama, die hat dir gefallen? Na, dann tut es mir eben leid, dass ich das hässliche Ding kaputt gemacht habe.“
  • „Ich weiss auch nicht, was die mit diesen Kreuzworträtselheften machen. Da hat es in letzter Zeit immer so viele Fehler drin. Nie hat es genügend Feldchen für die Wörter, die ich schreiben will.“ (Nein, das war kein Kind.)
  • „Auf unserer Homepage hat es bestimmt noch ganz viele passende Angebote für Sie. Durchsuchen Sie sie doch gleich mal. Nur ist die Seite leider gerade zusammengebrochen und wir brauchen ein paar Tage, bis sie wieder läuft.“
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Wenn Papa mitmischt,…

…dann ist das grundsätzlich eine ganz und gar gute Sache. Väter sind in meinen Augen ebenso wichtig wie Mütter und ich könnte und wollte den Karren nicht ohne „Meinen“ aus dem Dreck ziehen. Eine klarere Abgrenzung, wer wofür zuständig ist und wer zu welchem Zeitpunkt von wem übernimmt, wäre aber zuweilen wünschenswert. Zum Beispiel in der Sache mit dem Velo.

„Am Montag, 23. März müssen die Kinder mit dem Velo zur Schule kommen. Bringen Sie das Fahrzeug vorher noch zum Mechaniker, damit alles in Schuss ist“, so oder so ähnlich sprach die Lehrerin zu „Meinem“, als er vor drei Wochen zum Elterngespräch antrabte. „Wird gemacht“, versprach „Meiner“ und vereinbarte auf dem Heimweg mit dem Kind, dass es das Rad selber zum Mechaniker bringen würde.

Von alldem bekam ich nichts mit, ich erfuhr erst vor etwa neun Tagen von der Sache, als das Kind zu mir sagte: „Papa sagt, ich soll das Velo zum Mechaniker bringen, damit am übernächsten Montag alles in Ordnung ist.“ „Okay, tu das“, antwortete ich. „Kann ich auch erst morgen gehen?“, fragte das Kind. „Von mir aus, hast ja noch genug Zeit“, gab ich zurück. Dann hörte ich nichts mehr von der Sache, mal abgesehen von den Gesprächsfetzen zwischen „Meinem“ und dem Kind. „Die scheinen die Sache im Griff zu haben“, murmelte ich und kümmerte mich um andere Angelegenheiten.

Ich hörte erst heute früh wieder davon, als das Kind mit tränenüberströmtem Gesicht vor mir stand: „Das Velo hat einen Plattfuss und beim Mechaniker waren wir auch nicht und ich hab Papa doch gesagt, dass ich mich nicht traue, alleine hinzugehen“, heulte das Kind. „Einen Helm habe ich auch nicht mehr“, schluchzte es dann noch leise, doch das ging in meiner Schimpftirade fast schon unter. Mein Zorn war erst gerade am Hochköcheln, als die Lehrerin anrief. Sie war natürlich vollkommen ausser sich und das zu Recht, stand sie doch mit einem Trupp Viertklässler abfahrbereit auf dem Pausenhof und wartete auf mein Kind, das mal wieder darauf gehofft hatte, das Problem würde sich in Luft auflösen, wenn man es nur lange genug vor sich herschiebt. 

Nun, das Problem hatte sich natürlich nicht aufgelöst, es stand plattfüssig und ohne funktionierendes Hinterlicht bei uns im Garten und wartete darauf, Luft in seinen Hinterreifen gepumpt zu bekommen. Bloss wie, wo doch das Ventil kaputt gegangen war – vermutlich, als das Kind versucht hatte, den Reifen selber zu pumpen? Ich tat, was alle schlechten Mütter in einem solchen Moment tun: Ich fuhr aus der Haut. Das volle Programm, so laut, dass es wohl die ganze Nachbarschaft gehört hat. Ich erspare euch die Details, küren wir die Szene doch einfach zum erzieherischen Tiefstpunkt des Monats, der im absolut herzlosen Ausruf „Heulen bringt jetzt auch nichts mehr! Hättest du mich früher um Hilfe gebeten, hätte ich dir helfen können, aber jetzt ist es zu spät“ gipfelte.

Das Kind ging traurig weg. Zu Fuss, weil das Ersatzvelo zu gross und auch nicht ganz im Schuss ist. Und ich? War traurig, weil ich es schon im Morgengrauen ganz gewaltig vergeigt habe. Wütend, weil „Meiner“ die Sache nur angerissen, nicht aber zu Ende geführt hat. Verärgert, weil ich nicht gespürt hatte, dass das vermehrte „Ich hab‘ Bauchweh“ des Kindes wohl ein versteckter Hinweis auf die Velo-Geschichte gewesen wäre. Und beschämt, weil ich jetzt wieder als die Mama dastehe, die sich nicht kümmert, denn genau das denken die Lehrer, wenn solche Dinge passieren. Auch dann, wenn der Papa im Familienleben mitmischt und darum ebenso viel zum Guten und zum Schlechten beiträgt wie die Mama. 

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Mama auf Abruf

„Wenn die Kinder erst mal grösser sind“ – so tröstete man mich, als ich noch mitten in der Baby- und Kleinkindphase steckte -, „wirst du wieder viel mehr Freiheiten haben.“ Naiv, wie ich damals noch war, glaubte ich den erfahrenen Müttern, die mich auf diese Weise aufzuheitern versuchten. Nun möchte ich natürlich keineswegs behaupten, diese Mütter hätten mich belogen, bei ihnen war es wohl tatsächlich so. Bei mir nicht. Noch selten in meinem Leben habe ich mich so angebunden gefühlt wie gerade jetzt.

Als die Kinder noch im Vorschulalter waren, konnte ich – wenn ich denn wollte – morgens ein paar Bananen und Getreideriegel einpacken und mich mit meiner Horde aus dem Staub machen. Wenn es sich ergab, tat ich mich mit einer anderen Kleinkindmutter zusammen, damit die Kinder spielen und wir quatschen konnten. Zugegeben, ich tat das nicht oft, weil es doch ein wenig umständlich war, mit fünf Kindern aus dem Haus zu gehen, doch allein schon der Gedanke, dass ich könnte, tat gut. Nein, ich habe nicht vergessen, dass mir schon damals in schöner Regelmässigkeit die Decke mit Getöse auf den Kopf gekracht ist, aber das war auch nicht anders zu erwarten in einem Leben mit fünf kleinen bis mittelgrossen Menschen im Dauerchaos. Also fand ich mich damit ab, mal mit mehr, mal mit weniger Gebrumm und Gemotze.

Heute aber sollte es eigentlich anders sein. Zumindest haben mir das die erfahrenen Mütter von damals so versprochen. Die Kinder sind selbständiger, verbringen sehr viel Zeit ausser Hause und brauchen mich… also, na ja, wie soll ich sagen… irgendwie permanent und irgendwie doch nicht so richtig…also so auf Abruf. Wer schon mal auf Abruf gearbeitet hat, weiss, wovon ich rede: Du weisst nie so recht, wann du zur Arbeit gerufen wirst. Du weisst auch nicht, ob du bei deinem nächsten Einsatz nur gelangweilt rumstehen wirst, oder ob du zehn Stunden Dauereinsatz leisten wirst. Du weisst aber sehr genau, dass du nie allzu weit wegfahren darfst, weil die Chefin dich jederzeit herzitieren könnte. Wenn du dann sagst: „Ich bin jetzt gerade noch in Locarno. Sobald ich mein Pedalo zurückgegeben und meine Penne all’Arrabiata gegessen habe, nehme ich den Zug. So gegen siebzehn Uhr sollte ich es schaffen“, bist du deinen Job los, das weisst du genau. Also bleibst du schön zu Hause und wartest, bis das Telefon klingelt. Du hast zwar nur hin und wieder Arbeit, aber dein Job füllt dennoch dein ganzes Leben aus. 

Irgendwie so ähnlich fühlt sich die Lebensphase an, in der ich derzeit gerade feststecke. Also nicht ganz die grosse Freiheit, die ich mir vorgestellt habe. Weshalb mir weiterhin in schöner Regelmässigkeit die Decke mit Getöse auf den Kopf kracht. 

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