Reichtum

Nach zahlreichen misslungenen Versuchen ist es mir endlich gelungen, unser Familienfotoarchiv auf dem Computer wieder zu öffnen und so verbrachten die Kinder und ich gestern viel Zeit damit, uns durch alte Fotos zu klicken.

Das Prinzchen begegnete dabei zum ersten Mal ganz bewusst seinem sehr viel kleineren Ich. Anhand der unzähligen „Jöööööö“-Rufe gehe ich davon aus, dass ihm dieses sehr viel kleinere Ich äusserst gut gefällt.

Dem Zoowärter ging es ganz ähnlich wie dem Prinzchen, er musste aber auch mit Entsetzen feststellen, dass ihn seine einzige Schwester während einiger Zeit für eine lebendige Puppe gehalten hatte.

Der FeuerwehrRitterRömerPirat, Luise und Karlsson kramten beim Betrachten der Bilder in ihren Erinnerungen und zum ersten Mal erzählten sie nicht nur, was ich selber auch miterlebt hatte, sondern auch das, was bei diesen Erlebnissen in ihren Köpfen vorgegangen war, was sie bei dieser oder jener Gelegenheit gedacht, gefühlt, befürchtet, …. hatten. 

Mich überkam bei alldem das Gefühl, eine unglaublich reiche Mutter zu sein. So viele Erlebnisse mit doch ziemlich vielen kostbaren kleinen Menschen. Einfach überwältigend. Ich wurde aber auch von Wehmut ergriffen. Nicht nur, weil diese kleinen Menschen so schnell gross geworden sind, sondern auch, weil ein Teil dieser wichtigen Jahre in meinem Leben geprägt gewesen waren durch eine tiefe Erschöpfung, die mich daran gehindert hat, diesen unendlichen Reichtum auch wirklich wahrzunehmen und zu geniessen. 

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Wir können das jetzt wieder

Wenn die Kinder alle schlafen, oder zumindest so still sind, dass keine Gefahr mehr von Ihnen ausgeht und „Meiner“ und ich Lust haben, das Wochenende gemütlich ausklingen zu lassen, dann tun sich uns ein paar Möglichkeiten mehr auf, als noch vor einigen Monaten. Bisher waren unsere Optionen ja ziemlich beschränkt: Film reinziehen, heimlich Pizza holen und auf dem Balkon essen oder ein wenig im Garten sitzen und plaudern. Gut, es gab noch die Möglichkeit, einen Babysitter zu engagieren und wegzugehen, aber das war erstens nicht sehr spontan und zweitens ziemlich teuer.

Inzwischen aber sind die Grossen gross genug, dass wir – wenn die Kleinen hundemüde sind und schon schlafen, ehe der Kopf aufs Kissen gesunken ist – ruhigen Gewissens in die Stadt fahren können, wo wir uns in der Bar am Fluss eine kühle Gazosa und eine Kleinigkeit zum Essen gönnen. Wenn der Teller leer ist und noch kein panischer Anruf von zu Hause gekommen ist, liegt gar ein gemütlicher Spaziergang am Fluss drin. Fast so, wie damals, als wir noch jung und unbekümmert waren und unsere Abende ganz nach Belieben gestalten konnten. Und ebenso wie damals erwartet uns zu Hause meistens irgend jemand mit dem Vorwurf „Wo seid ihr so lang gewesen? Ich hab‘ mir Sorgen gemacht.“

Gut, ganz so wie damals ist es natürlich trotzdem nicht. Die Sache mit dem Händchenhalten haben wir ein wenig verlernt, aber vielleicht kommt das ja wieder, wenn wir uns an unsere neu gewonnenen kleinen Freiheiten gewöhnt haben.

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Gedanken auf dem Kirschbaum

Warum gibt es erwachsene Menschen, die sich Ende April, wenn die Kirschbäume in voller Blüte stehen, darüber beklagen, die Kirschen im Laden seien so furchtbar teuer? Ist es so schwer zu verstehen, dass man einen gewissen Preis zu zahlen hat, wenn man vor der Saison Kirschen essen will? Und warum kommen genau diese Menschen, die uns im April die Ohren voll gejammert haben, jetzt nicht zu uns, um sich gratis Kirschen abzuholen?

Manchmal werfen mir Menschen Inkonsequenz vor, weil ich aus Gewissensgründen kein Fleisch esse, bei Obst aber bedenkenlos zugreife. Doch ich bringe den Baum ja nicht um, sondern esse, was er ohnehin früher oder später zu Boden fallen liesse. Und so, wie meine Kinder Kirschkerne in der Gegend herumspucken, helfen wir dem guten alten Baum gar bei der Fortpflanzung.

Der Bauernverband empfiehlt, das Kilo Kirschen für 6 Franken 50 zu verkaufen. Mama Venditti pflückt 8 Kilo Kirschen. Wie viel Geld würde sie einnehmen, wenn sie die Kirschen am Strassenrand verkaufen würde, anstatt sie ihren Kindern aufzutischen? In der Migros kostet das Kilo Kirschen heute10 Franken 60. Wieviel Geld hätte Mama ausgegeben, wenn sie ihren Kindern die 8 Kilo Kirschen hätte kaufen müssen?

Hoffentlich sieht mir keiner dabei zu, wie ich im Geäst herumklettere, das Telefon am Ohr, den Korb mit den Kirschen an der Schulter.

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Wir sind doch keine Hobbygärtner

Hobbygärtner nennen sie uns etwas verächtlich und sie liegen damit ja nicht vollkommen falsch. Wir sind keine Profis, werden es nie sein und wollen es auch nicht sein. Dennoch stört mich die Bezeichnung „Hobbygärtner“, denn wir machen uns die Finger ja nicht bloss schmutzig, weil uns sonst langweilig wäre. Wenn wir in der Erde buddeln, verfolgen wir weitaus höhere Ziele.

Wir wollen, dass unsere Kinder miterleben, wie aus winzigen Samen etwas Grossartiges wird, sei es nun essbar oder „nur“ schön. Wir wollen die Gewissheit, alles in unserer Macht stehende getan zu haben, um Nahrungsmittel auf unsere Teller zu bringen, von denen wir wissen, woher sie kommen und wie sie aufgewachsen sind. Unsere Gärten sollen ein Festbankett für Schmetterlinge, Bienen, Hummeln und anderes Getier sein, unser Gemüse soll sich ernähren von dem, was auf dem Komposthaufen verrottet ist. Unsere Bäume sollen nicht nur Obst tragen, sondern auch unseren Kindern als Klettergerüst dienen – wenn die Zweige nicht gerade voller Blüten oder voller Obst sind. Wir wollen Gemüsesorten ziehen, die man nicht in jedem Laden kaufen kann und die Schnecken halten wir lieber mit Blumen – oder notfalls mit Salz – von diesem Gemüse fern. Wir wollen Gärten, in denen man nicht lange still sitzen kann, weil es immer etwas zu beobachten gibt, vielleicht auch etwas zu jäten oder zu ernten. Wir wollen nicht perfekte Schönheit, sondern buntes, abwechslungsreiches Leben.

Wie? Das klingt euch alles etwas zu idyllisch? Das kann ich leider nicht verhindern. Wir sind nämlich keine Hobbygärtner, sondern Garten-Idealisten.

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Aussensicht

Heute nur soviel: Manchmal ist es gut, wenn man gezwungen wird, die eigene Höhle für ein paar Tage zu verlassen und sich unter die Leute zu mischen. Die Sorgen lösen sich damit zwar nicht in Luft auf, aber immerhin hat man keine Gelegenheit, um sie herumzutanzen.

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Ende der Geschmacksverirrung

Lange Zeit habe ich mir eingeredet, so schlimm könne es doch nicht sein, doch seit heute gibt es keinen Zweifel mehr: Ich werde alt. Es ist noch gar nicht so lange her, da war klar, dass am Ende eines Tages wie heute ein Teller Pasta mit Mayonnaise und Käse stehen würde. Ein Tag, der wegen einer Mischung aus Hormonen und unbezahlten Rechnungen mit einem Heulkrampf beginnt, der damit weitergeht, dass wildfremde Kinder in unserem Garten auftauchen und das Prinzchen piesacken, ein Tag, der gewürzt ist mit diversen kleineren und grösseren Dramen und der mit dem vierten Musikschulkonzert innerhalb von drei Wochen und quälenden Bauchkrämpfen endet. Ein Tag also, den man nicht gelebt, sondern mehr schlecht als recht hinter sich gebracht hat. Ein Pasta-mit-Mayonnaise-Tag eben. 

Wenn ich es denn noch über mich brächte, Pasta mit Mayonnaise zu essen. Doch der Comfort-Food, der mich bei Teenager-Liebeskummer, schlechten Mathenoten, endpubertären Streitereien mit „Meinem“, Hochzeitsstress, Schwiegermutter-Dramen, Schwangerschafts-Elend, Babyblues und endlosen Tagen mit störrischen Kleinkindern getröstet hatte, schmeckt mir nicht mehr. Einfach so, ohne jegliche Vorwarnung, sind meine Geschmacksnerven erwachsen geworden und tolerieren keine derartigen Geschmacksverirrungen mehr. 

Gut, ich hab‘ festgestellt, dass Pasta mit Butter und Käse auch ganz tröstlich sind, aber irgendwie riecht das halt nicht gleich wohlig nach Selbstmitleid. Vielleicht liegt’s daran, dass man mit zunehmendem Alter nicht mehr so ungeniert im Selbstmitleid baden darf, weil man ja weiss, dass es anderen viel dreckiger geht. 

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Und, hat sich was getan?

Kein Zweifel, über die Bedürfnisse von uns Familien wird deutlich mehr geredet, geschrieben und diskutiert als auch schon. Man macht Datenerhebungen, analysiert, verfasst Berichte, erstellt bunte Grafiken, um Missstände für alle verständlich zu erklären. Man trommelt Expertenrunden zusammen, jedes Medium, das etwas auf sich gibt, veröffentlicht hin und wieder einen grossen Sonderteil zum Thema Familie, in dem dann auch ein paar Mütter und Väter von den Herausforderungen erzählen dürfen. Und natürlich hat man unzählige Produkte und Angebote entwickelt, die uns Familien das Leben – und das Portemonnaie – erleichtern sollen. 

Auch im Alltag sind Familien präsenter als früher. Hatte ich zu Beginn meiner Mutterkarriere noch den Eindruck, man müsse den Leuten das Wort „Kinderfreundlichkeit“ buchstabieren, so ist es heute für fast jeden klar, dass das irgendwie wichtig ist. Wir Eltern dürfen auch mal ungeniert sagen, dass uns unsere Aufgabe zuweilen an die Grenze treibt und nur noch die wahrhaft griesgrämigen Zeitgenossen wagen es, uns daraus einen Strick zu drehen. Faltprospekte für Anlaufstellen, Beratungsangebote, Treffpunkte, Kurse etc. wirft man uns regelrecht hinterher. Und ja, inzwischen findet man an vielen Orten auch Familienparkplätze, verkehrsberuhigte Zonen, süssigkeitenfreie Supermarktkassen, kinderwagentaugliche Wanderwege, Fläschchenwärmer und Wickeltische, die sowohl für Mütter als auch für Väter zugänglich sind – früher waren die ja immer im Damen-WC untergebracht oder vielleicht im Behinderten-WC, wofür man eigens irgendwo einen Schlüssel auftreiben musste. 

Ist es also besser geworden für uns Familien? In einigen Punkten ganz bestimmt und doch frage ich mich zuweilen, ob das alles nur eine nett aufgebaute Fassade ist, um davon abzulenken, dass man die grossen Brocken weiterhin ignoriert: Das Geld, das auch bei anständig verdienenden Familien immer knapper wird. Die Kinderzulage, die den meisten Familien nichts weiter bringt, als dass sie bei den Steuern etwas höher eingestuft werden und deshalb mehr abliefern dürfen. Die berühmte (Nicht)Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das allzu löchriger Auffangnetz, wenn eine Familie mal wirklich arg in Bedrängnis gerät. Das Schulsystem, das denen eine Chance bietet, die zu Hause Unterstützung bekommen. Und noch ein paar Dinge mehr…

Wenn ich, wie heute, diesen bitteren Realitäten mal wieder im eigenen Alltag in die Augen sehen muss, überkommt mich die grosse Wut über das ganze familienfreundliche Geschwätz, das derzeit so beliebt ist. „Hört doch endlich auf zu quatschen und bringt mal ein paar echte Verbesserungen“, möchte ich denen zurufen, die es in der Hand hätten, etwas zu ändern. Ich will  nämlich nicht, dass meine Kinder, wenn sie mal Eltern sind, noch an den gleichen Brocken meisseln müssen, die uns im Wege liegen. Die Hoffnung, dass diese Brocken weggeräumt werden, solange wir noch davon profitieren, habe ich schon fast begraben. 

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Und als Ausgleich zehn Dinge, die mich zutiefst glücklich machen

* Frisch geschleuderter Honig, geschenkt von Menschen, die ihn selber geschleudert haben. Kostbarer geht’s fast nicht, finde ich.

* Wenn ich mit einem oder mehreren Kindern lachend und schwatzend durch die Strassen gehe und wir erstaunte Blicke von Passanten ernten. Ihr glaubt gar nicht, wie befremdlich es gewisse Menschen finden, wenn Mütter mit ihren Kindern herumalbern. (Schnauze ich meine Brut in der Öffentlichkeit an, dreht sich übrigens kaum je einer nach uns um.)

* Wenn es spät abends zu regnen anfängt und am Morgen wieder die Sonne scheint. Von mir aus dürfte der ganze Sommer so sein.

* Dass „Meiner“ und ich es trotz allem noch miteinander aushalten. Ach, was untertreibe ich da? Ich liebe diese Nervensäge noch immer.

* Blütendüfte beim Abendspaziergang (natürlich nicht zu spät am Abend, weil es dann ja gefälligst regnen soll).

* Die Vielfalt an Menschen, mit denen wir grössere und kleinere Bruchstücke unseres Lebens teilen dürfen.

* Dass die Kätzchen innert kürzester Zeit begriffen haben, wo das Geschäft hingehört. Okay, vielleicht macht mich das nicht gerade zutiefst glücklich, aber doch sehr zufrieden. Vor allem, wenn ich bedenke, dass der gute Gottegris noch immer… Ach, lassen wir das, wir reden hier von schönen Dingen.

* Heidelbeeren

* Das Gefühl, gesegnet zu sein. Überkommt mich immer dann, wenn uns aus heiterem Himmel etwas unglaublich Gutes zustösst.

* Dass ich wieder gelernt habe, Tränen zu lachen.

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Weshalb ich gestern nichts geschrieben habe

Gewollt hätte ich ja schon, aber nicht gekonnt, weil ich den ganzen Tag eine Zweijährige gehütet habe. Eine sehr selbständige, unternehmungslustige, aber auch äusserst friedfertige Zweijährige, die einem mit Blicken und Händedruck klar macht, was sie will. Eine Zweijährige, die so lange auf dem Trampolin hüpft, wie es ihr passt, die nicht länger als 45 Minuten Mittagsschlaf macht, die schelmisch lächelt, wenn sie etwas im Schilde führt, die unsere Jungs mit Leichtigkeit dazu bringt, ihr die volle Aufmerksamkeit zu schenken, die sofort Vertrauen zu mir gefasst hat, auch wenn sie mich nicht besonders gut kennt und darum liess sie sich willig von mir an der Hand nehmen, herumtragen, auf dem Schoss halten, auf die Schultern nehmen…  Eine ganz wunderbare Zweijährige, die schon bei unserer ersten Begegnung mein Herz erobert hat und die jederzeit herzlich willkommen ist bei mir. 

Wenn sie das nächste Mal kommt, muss ich vorher einfach gedanklich ein paar Jahre zurückreisen, um wieder in den „Allzeit bereit für den nächsten verrückten Einfall“-Modus zu kommen, den ich irgendwie verlernt habe, seitdem das Prinzchen im Kindergarten ist. Wie konnte ich bloss vergessen, dass so ein kleines Menschlein mindestens 59 von 60 Minuten für sich in Anspruch nimmt und das erst noch mit Charme? Wie konnte ich bloss vergessen, wie müde man nach einem wunderbaren Tag mit einem kleinen Menschlein ist?

Und wie haben wir das bloss geschafft, als bei uns zu Hause noch mehrere von diesen hinreissenden kleinen Menschlein gleichzeitig auf verrückte Einfälle kamen?

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Sonntagsfragen

Bei wem muss man sich eigentlich beschweren, wenn am Sonntag keine Sonntagszeitungen im Briefkasten liegen?

Wären Sonntage immer so entspannt, wenn wir keine Sonntagszeitungen hätten, oder war es heute nur deshalb so friedlich, weil zwei von fünf Kindern ausser Hause waren?

Warum hat mir als Teenager oder junge Erwachsene niemand gesagt, ich solle ein paar Obstbäume pflanzen, damit ich richtig viel ernten kann, wenn ich Kinder habe. Bis unsere Obstbäume so richtig Ertrag bringen, werden längst alle ausgeflogen sein und ich sitze da mit Bergen von Äpfeln, Aprikosen und Kirschen, die niemand essen will. 

Warum gibt es nie, aber auch wirklich gar nie einen Abstimmungssonntag, an dem ich rundum zufrieden sein kann? Ich komme mir jedes Mal vor, als hätte ich Lotto gespielt und nur eine Richtige erwischt.

Musste „Meiner“ ausgerechnet heute, wo ich mal richtig viele Köttbullar aufs Mal gemacht habe, zu viel Salz ans Hackfleisch schmeissen? Gewöhnlich prügeln sich die Kinder um die letzten paar Fleischbällchen und heute lassen sie mich mit einer halb vollen Schüssel sitzen. Nicht mal die Katzen wollen das Zeug essen.

Warum werde ich auf dem Spaziergang gefragt, ob ich nicht etwas spät dran sei mit den Holunderblüten, wenn im Wald noch kaum ein Holunder blüht?

Müssen eigentlich alle Menschen von Zecken reden, wenn sie an einem sonnigen Sonntag eine Mama mit vier kleinen Jungs im Wald antreffen?

Und dann noch eine „Gastfrage“, von Prinzchens bestem Freund, gestellt, als wir heute durch den Wald spazierten und ein Flugzeug hörten: „Hä? Gibt es hier im Wald auch Flugzeuge?“

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