Nebenschauplatz

Zum Streiten kommt man in so einer Ehe mit Kindern ja nicht mehr richtig. Sind die Kinder noch wach, wird ihnen Angst und Bange, wenn Mama und Papa einander gegenseitig anbrüllen und mit Tellern um sich schmeissen. Sind die Kinder im Bett ist man zu müde, um sich noch Gehässigkeiten an den Kopf zu werfen. Sollte man es tatsächlich mal schaffen, ein paar Stunden ohne Kinder zu sein, gibt es noch so viele andere Dinge zu tun, dass Streit nicht den ersten Platz auf der Prioritätenliste einnehmen kann. Also muss man die Kämpfe, die ja irgendwie zu einer funktionierenden Beziehung dazugehören, auf einem Nebenschauplatz austragen. Bei uns ist das aktuell gerade der Garten.

Ich demontiere ganz und gar respektlos die potthässliche, instabile, klotzige Rankhilfe, die er vor einem oder zwei Jahren in mühevoller Kleinarbeit gebaut hat. 

Um sich an mir zu rächen, führt er das Mäuerchen des Halbrundbeetes einfach zur anderen Seite des Gartenpfades weiter, obschon ich ihm klipp und klar gesagt habe, dass ich das nicht haben will. Und dann erwartet er auch noch Komplimente, für sein unglaublich tolles Gartendesign.

Ich würde mir natürlich lieber die Zunge abbeissen, als ihm das erwünschte Kompliment zu schenken. (Obschon das Resultat seiner Bemühungen ganz ansprechend aussieht, aber wehe, einer von euch verrät mich!)

Er kritisiert, ich hätte das Moorbeet ganz und gar falsch angelegt. Nicht dass er etwas vom Anlegen von Moorbeeten verstünde –  den Ratgeber habe ich gelesen -, aber optisch passt es dem Herrn Gemahl nicht. 

Dann ändere ich halt die Form des Moorbeets, weil ich diese Niederlage aber nicht einfach so einstecken kann, schnappe ich mir das einzige gerade auffindbare Schäufelchen und buddle Tulpenzwiebeln in den Boden, wohl wissend, dass er ohne das Schäufelchen an seinem Mäuerchen nicht weiter werkeln kann. (Das hat man eben davon, wenn man ohne Rücksprache mit mir längere Mäuerchen baut und an meinen Moorbeeten rummäkelt.)

Irgendwann gelingt es ihm, sich das Schäufelchen zu schnappen und dann stehe ich da mit meinen Tulpenzwiebeln und weiss nicht, wie ich die in den Boden bringen soll und dann beginne ich zu jammern, weil das zweite Schäufelchen mal wieder spurlos verschwunden ist und daran ist ganz bestimmt nur „Meiner“ schuld, denn der schiebt ja immer die Steine von einem Ort zum anderen, anstatt sie endlich zu entsorgen, aber das sage ich natürlich nicht laut, sonst würden wir ja offen streiten. 

Ihn lässt das alles kalt, denn er muss jetzt schaufeln, sonst trocknet der Mörtel ein. 

Die Menschen, die am Haus vorbeigehen, freuen sich an dem netten Paar, das in froher Eintracht in der Erde wühlt, die kleineren Kinder machen fröhlich den Handlanger, die grösseren Kinder plündern oben in der Wohnung den Kühlschrank und keiner merkt, dass wir einen erbitterten Kampf austragen, weil wir bei all dem nicht ein einziges böses Wort verlieren. Warum sollten wir auch, wo doch das Resultat unseres kleinen Machtkampfes durchaus ansprechend aussieht? (Also ja, mal abgesehen von dem verlängerten Mäuerchen, das ich im Kreise der Familie erst dann als schön bezeichnen werde, wenn „Meiner“ vergessen hat, wie sehr ich mich gegen seine Idee gestemmt habe.)

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GLAUB IA NICHT…

Sie ist wieder zu Hause, ein bisschen lädiert zwar noch und mit Gips, aber immerhin wieder dort, wo sie hingehört. Sie hat sie wieder, ihre Freundinnen, ihre Katzen und ihre Brüder. Die Brüder, die ihre Schwester vermisst haben, kaum war ihnen klar, dass das jetzt wirklich nicht lustig ist. So sind sie, unsere Kinder: Geraten sich wegen jedem kleinen Mist in die Haare, missgönnen einander jedes Stücklein Schokolade und dann, wenn’s mal einem dreckig geht, zerfliessen sie vor lauter Mitgefühl und basteln Willkommensschilder. Drei Stück hat der FeuerwehrRitterRömerPirat gemalt, der Zoowärter brachte ein hübsches Bild aus der Schule nach Hause und das Prinzchen hängte eine Zeichnung an die Haustüre.

Ein überaus herzlicher Empfang also, wenn auch einer mit Seitenhieb: „GLAUB IA NICHT DAS DU JETZ EIN NOIES HANDY BEKOMST“, schrieb das Prinzchen in wackligen Buchstaben neben seine hübsche Zeichnung. Könnte ja sein, dass die grosse Schwester ihre missliche Lage schamlos ausnützt und eine Entschädigung für erlittene Schmerzen fordert. 

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Wer verwöhnt denn da?

Vor ein paar Tagen geriet ich mit einem unserer grösseren Kinder in einen ziemlich heftigen Disput. „Das Prinzchen ist dein Lieblingskind. Er ist total verwöhnt und darf alles“, lautete der Vorwurf im Kern und ich versuchte, möglichst angemessen zu reagieren. Mir sei schon klar, dass „Meiner“ und ich mit dem Jüngsten weniger streng seien, gab ich zu. Wir täten das nicht mit Absicht und erst recht nicht, weil wir das Prinzchen lieber hätten als die anderen, aber als Eltern werde man mit zunehmender Erfahrung einfach gelassener. Ja, ich stand sogar dazu, dass ich als jüngstes Kind in meiner Familie mich ohne es zu wollen oft mit dem eigenen jüngsten Kind solidarisiere. Ich erklärte aber auch, die Position des Nesthäkchens bringe nicht nur Vorteile mit sich, übermüdete Eltern und besserwisserische grosse Geschwister könnten einem ziemlich zusetzen. Weil ich mich gerade für einen Artikel mit dem Thema „Geschwisterkonstellationen“ auseinandersetze und mehrere Fachbücher gelesen habe, konnte ich mein Geschwätz gar theoretisch untermauern, doch es half nichts; der Vorwurf, ich würde den Jüngsten krass bevorzugen, blieb im Raum.

Heute Abend trat das Prinzchen mit nackten Füssen in eine Nähnadel, die aus unerfindlichen Gründen auf dem Teppich lag. Die Nadel steckte tief im grossen Zeh und entsprechend laut war das Geschrei. Innert Sekunden kamen sie angerannt, die grossen Geschwister. „Prinzchen, was ist mit dir? Tut es schlimm weh? Kann ich dir helfen? Willst du meine Spielfigur haben?“ Das alles, obschon das Prinzchen längst auf meinem Schoss sass und „Meiner“ sich um die Entfernung der Nadel kümmerte. „Oh ja, er wird tatsächlich gehätschelt und verwöhnt, der Kleine“, brummte ich. 

Blöd war einfach, dass ausgerechnet das Kind, das so sehr mit der Sache gehadert hatte, nicht dabei war, um zu sehen, dass Mama und Papa bei Weitem nicht die einzigen in diesem Haus sind, die dem Jüngsten das Gefühl geben, er sei ein kleiner Prinz.

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Letzter erster Schultag

Natürlich hat sie ein wenig geheult. Jede Glucke heult ein wenig, wenn sie ihren Jüngsten in die Klauen der Schule übergeben muss. In solchen Momenten ist es der Glucke egal, dass ihr Jüngster durchaus willig und bereit ist, endlich offiziell zu lernen, was er schon längst von den grossen Geschwistern abgeschaut hat. Sie blendet auch aus, dass die Schule heute die Erstklässler nicht mit dem bei den grossen Geschwistern üblichen Kasernenhofton, sondern mit einem freundlichen Lächeln und einem Glückskäfer empfing. Ja, nicht einmal die Tatsache, dass ich mir diesen Tag seit Wochen herbeigesehnt habe, weil endlich etwas Ruhe im Haus einkehrt, vermag sie daran zu hindern, ein paar Tränen zu verdrücken und auf dem Heimweg über diese „unbeschreibliche Leere“, zu klagen, die sich in ihr breit macht. 

Ich finde ja, die Glucke übertreibe mal wieder gewaltig. Noch nie konnten wir einem ersten Schultag so unbesorgt entgegen sehen. Eine neue Lehrerin, die ihre Schützlinge mit Herzlichkeit empfängt und über die noch kein grosser Bruder und keine grosse Schwester je ein böses Wort hat verlieren können, weil sie in der Familie noch gänzlich unbekannt ist. Ein vor Selbstbewusstsein strotzendes Kind – Hat man schon je zuvor einen Venditti gesehen, der sich am allerersten Schulmorgen freiwillig zu Worte meldet? -, das seine Mutter ermahnt, sie solle dann bitte nicht stören, wenn die Eltern noch kurz im Schulzimmer bleiben dürfen. Eine Mutter, die überreif ist, endlich mal wieder so etwas wie ein eigenes Leben zu leben. Viel besser könnten die Startbedingungen nun wirklich nicht sein. 

Aber für eine wahre Glucke spielen solche Dinge keine Rolle. Sie sieht nur, wie ihr kleines, zartes Prinzchen oben auf der grossen Schulhaustreppe steht und schon fliessen die Tränen. Dass dieses kleine, zarte Prinzchen dabei ein ziemlich freches „Nun krieg dich wieder ein, Mama“-Grinsen auf dem Gesicht hat, macht die Sache für sie nicht einfacher…

best mom award; prettyvenditti.jetzt

best mom award; prettyvenditti.jetzt

Warum Erziehung Social Media braucht

Erörterungen, warum es in Sachen Social Media Erziehung braucht, gehören schon längst zum Kanon der pädagogischen Literatur. Zu Recht natürlich, denn so ganz ohne Leitplanken würde die heranwachsende Generation wohl noch gebannter aufs Display starren als ihre Erzeuger es fast den ganzen Tag tun. Weil wir aber zwischen drei Facebook-Nachrichten und acht Tweets gerne so tun, als fänden wir die sozialen Medien ganz furchtbar böse und verwerflich, übersehen wir Eltern leicht, welch ein Segen das Zeug sein kann. Wie, ihr findet, ich würde mal wieder übertreiben? Mitnichten. Es ist nämlich so:

Mama-Teenager-Beziehung ohne Social Media:

Mama: „Du bist ein wunderbarer Mensch.“

Teenager grunzt irgend etwas Unverständliches.

Mama: „Komm, lass dich umarmen!“

Teenager grunzt wieder, lässt sich widerwillig Mamas Arm um die Schulter legen.

Mama: „Ich hab dich soooo lieb!“

Teenager zuckt peinlich berührt die Schultern und schüttelt damit auch gleich Mamas lästigen Arm ab.

Mama (seufzend): „Manchmal habe ich das Gefühl, du magst mich überhaupt nicht mehr.“

Teenager (genervt): „Mama, wo sind meine Converse?! Immer versteckst du sie.“

Mama (beleidigt): „Bin ich für dich eigentlich nur noch das Dienstmädchen? Immerhin bin ich die Frau, die dich geboren hat…“

Mama-Teenager-Beziehung mit Social Media, hier zum Beispiel WhatsApp am späten Abend:

Teenager: Hallo Mama! 😍

Mama: Alles gut bei dir? 💖

Teenager:👌💐😘

Mama: 😊 Schlaf gut!

Teenager schickt Mama ein irrwitziges Selfie.

Mama: 😂😂😂

Mama schickt auch irgend ein schräges Bild.

Teenager: 😂😂😂😂😂😂😂😂😂😂😂😂

Mama: Hab dich lieb! 😍🌟⭐️😘😘💖💖

Teenager: Ich dich auch!🌹💚💛💜💙💞💕💖💝💝😍😍

Mama: 💞💚⭐️🌟😘

Teenager: 💞🌼💖💖💖💖💖🎀🎀 …. und so weiter, bis beide wieder wissen, wie viel sie einander bedeuten und bis zur nächsten Krise viel entspannter miteinander umgehen können. 

 

Wunschliste

Eine treue Leserin hat mich gebeten, eine Wunschliste mit erwünschtem, alltagstauglichem Lehrerverhalten zu erstellen. Eine Bitte, der ich gerne nachkomme, obschon ich mich dabei auf dünnes Eis begebe, lebe ich doch selber mit einem Lehrer unter einem Dach. Ich muss also aufpassen, was ich sage… Bevor ich loslege, möchte ich noch die folgende Bemerkung vorausschicken:

Grundsätzlich bin ich der Lehrerschaft sehr wohlgesinnt und ich habe grossen Respekt vor einer Arbeit, die ich selber nie, aber auch wirklich gar nie, länger als drei Tage am Stück ausüben könnte, ohne in der Klapsmühle zu landen. Solange jemand die Kinder wirklich mag und in seinem Beruf mehr sieht als nur lästige Pflichterfüllung, fresse ich ihm oder ihr aus der Hand. Wisst ihr, was ich zu meinen Kindern sage, wenn sie sich bei mir über eine solche Lehrperson beklagen wollen? Ich sage: „Okay, das war vielleicht etwas ungeschickt von ihr/ihm. Aber die Frau/der Mann leistet unglaublich gute Arbeit, hat ein Herz aus Gold und schlägt sich den ganzen Tag mit dir rum, ohne sich zu beklagen. Also beklag dich nicht über sie/ihn.“ (Wenn die Liebe zu Kindern und Job nicht da ist, ist das natürlich eine ganz andere Geschichte, aber wir tun heute mal so, als gäbe es diesen Fall nicht.)

Um den Lehrpersonen mit Herz die Arbeit zu erleichtern, präsentiere ich im Folgenden also meine Wunschliste. (Die anderen dürfen natürlich auch mitlesen, aber wie ich in den vergangenen Jahren erfahren habe, sind denen meine Wünsche so ziemlich egal.) 

  • Schluss mit diesem Zettelkrieg! Himmel, wir leben im 21. Jahrhundert, alle haben Internet und kaum einer verbringt so viel Zeit am Smartphone wie wir Eltern. Also bitte, bitte, bitte liebe Lehrer tragt eure Infos täglich auf der Homepage eurer Schule ein, wo wir sie zu jeder Tages- und Nachtzeit abrufen können. Die Hausaufgaben könnt ihr auch gleich dort bekannt geben, unsere Kinder notieren sich ohnehin immer nur die Hälfte. Für die ganz wenigen Familien, die noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen sind, könnt ihr die Infos ja noch ausdrucken („Print Screen“), aber wir anderen wären ganz schrecklich dankbar, wenn nicht immer so furchtbar viel Papier ins Haus flatterte.
  • Wo wir schon bei den Infos sind: Bitte denkt daran, dass wir Eltern nicht den ganzen Tag untätig zu Hause sitzen und darauf warten, bis ihr uns eine Anweisung gebt. Wollt ihr also auf Schulreise gehen, könnt ihr uns dies nicht erst am Vortag, vorzugsweise am späten Nachmittag, mitteilen. Wenn unsere Kinder verreisen, müssen wir Essen einkaufen. Wir müssen Instrumentallehrer und Sporttrainer ins Bild setzen. Wir müssen unseren Chefs sagen, dass es etwas später wird, weil unser Kind später als üblich aus dem Haus geht. Wir müssen die Betreuungseinrichtung informieren, dass das Kind nicht kommt. Und dann gibt es noch so unverbesserliche Vendittis, die das ganze Haus nach Wanderschuhen in der richtigen Grösse absuchen müssen. All das braucht Zeit, die wir nicht mehr haben, wenn wir erst in letzter Sekunde erfahren, wohin es geht und was es dazu braucht. Das gleiche gilt übrigens für alle anderen ausserordentlichen Veranstaltungen wie Schulfeste, Sporttage, Theateraufführungen, etc.
  • Ich flehe euch auf Knien an: Arbeitet mit uns Eltern an einer Lösung für das „Der Schulweg ist nicht Sache der Schule“-Problem. Mobbing beginnt oft auf dem Schulweg und findet nur schleichend den Weg ins Klassenzimmer. Experten raten uns Eltern ja, wir sollten uns nicht einmischen, weil das Kind sonst noch mehr leidet. Wie aber sollen wir uns raushalten, wenn die Schule schulterzuckend sagt: „Ach so, das ist auf dem Schulweg vorgefallen? Na, dann ist das aber nicht unser Problem.“ Es ist sehr wohl euer Problem, genau so, wie es unser Problem ist, denn unser beider Arbeit wird erheblich erschwert, wenn ein Kind leidet. 
  • Kommen wir zu den Hausaufgaben: Müssen die so sein, wie sie jetzt sind? Ich meine, inzwischen weiss man ja, dass sie nur selten wirklich sinnvoll sind und nur wenig zum Lernprozess beitragen. Wie wär’s, wenn ihr den Kindern nur noch dann Hausaufgaben aufgebt, wenn ihr auch wirklich ein klares pädagogisches Ziel damit verfolgt? Stunde um Stunde füllen unsere Kinder Blätter aus, ohne je den Sinn dahinter zu begreifen. Stunde um Stunde korrigiert ihr diese Blätter, ohne je einen wirklichen Lernfortschritt zu erkennen. Ich will ja nicht gleich das ganze System revolutioniert sehen, aber wie wär’s wenn ihr euch auf der Lehrerfortbildung mal mit den Gedanken der Querdenker auseinandersetzet? Die liefern meist wertvollere Impulse als die weltfremden Schreibtischtäter in den Bildungsdepartementen.  
  • „C‘ est le ton qui fait…“: Glaubt mir, liebe Lehrer, ich weiss, wie sehr einen Kinder an den Nerven zerren können und auch bei mir kommt es ziemlich schief raus, wenn ich überreizt bin. Ich erwarte also keineswegs, dass ihr andauernd nur mit Säuselstimme Liebesbezeugungen von euch gebt, wenn euch die Blagen auf den Nerven herumtanzen. Wenn die Kinder aber mit schlotternden Knien zum Lehrerpult kommen und die Eltern beim Besuchstag strammstehen, dann stimmt etwas nicht mehr. Nur sparsam angewendet entfaltet der Kasernenhofton seine volle Wirkung. (Wie, ihr meint, ich könnte doch gar nicht wissen, wie ihr im Unterricht mit den Schülern redet, ich sei ja gar nicht da? Glaubt mir, die Stimmung unserer Kinder ist ein exaktes Messinstrument, auf dem ich bei der Heimkehr sehr genau ablesen kann, wie das Klima im Klassenzimmer war.)
  • Schulleitbilder: Ich weiss, ihr habt manche quälende Sitzung über euch ergehen lassen, bis das Papier endlich stand, vielleicht habt ihr euch wegen des einen oder anderen Punkts sogar ernsthaft mit eurer störrischen Kollegin überworfen und jetzt wollt ihr nie wieder etwas von diesem elenden Leitbild hören. Ich muss euch dennoch bitten, die Sache noch einmal zu überarbeiten. Warum nicht fünf, sechs Punkte, an denen man mit den Schülern auch wirklich arbeiten kann, anstelle dieses endlosen Katalogs, den doch keiner umsetzen mag, weil man sich schon längst nicht mehr dran erinnern kann, was alles drinsteht?  
  • Diese Einträge… Ich habe mir ja lange überlegt, ob ich es überhaupt noch einmal erwähnen soll, wo ich mich doch schon mehrmals ausführlich darüber ausgelassen habe, zum Beispiel hier. Eines muss ich aber zu dem Thema doch noch loswerden: Ich werde über jeden Fetzen Papier, den mein Kind zu Hause vergessen hat, ins Bild gesetzt und muss unterschreiben, dass ich die Sache zur Kenntnis genommen habe. Geht es meinem Kind aber wirklich dreckig, weil es in der grossen Pause angespuckt worden ist, oder weil es andauernd von den gleichen drei Kindern aufs Übelste gehänselt wird, herrscht grosses Stillschweigen. Nicht fair. Mehr kann ich dazu nicht sagen, es schmerzt zu sehr. 
  • Nach diesem Punkt ist Schluss, versprochen, aber der muss noch sein: Gruppen wählen im Sportunterricht. Muss ich euch wirklich dran erinnern, wie es sich angefühlt hat, immer der Letzte zu sein, der gewählt wurde? Ach so, ihr könnt euch ja gar nicht erinnern, wie das war, denn ihr habt wohl zu denen gehört, um die man sich beim Bilden der Teams geprügelt hat. Sonst hättet ihr schon längst begriffen, dass diese Art der Gruppenbildung verboten gehört. 

Jetzt, wo ich mir das von der Seele geschrieben habe, bleibt mir nur noch eins, nämlich den Lehrerinnen und Lehrern zu danken, die es gar nicht nötig haben, solche Wunschlisten durchzulesen, weil sie es einfach im Blut haben, die Kinder anständig zu behandeln. Solche Lehrer gibt’s,  und einige meiner Kinder haben sogar das grosse Glück, bei ihnen zur Schule zu gehen. 

power; prettyvenditti.jetzt

power; prettyvenditti.jetzt

Wir müssen reden…

„Frau Venditti, Ihr Sohn hat gestern…“

„Da müssen wir wirklich mal über die Bücher, Frau Venditti. Es läuft mit ihm einfach nicht, wie es sollte.“

„Frau Venditti, könnten Sie bitte dafür sorgen, dass er…“

„So kommen wir nicht weiter, Frau Venditti. Er sollte unbedingt…“

Was auch immer wir tun, die Sätze, die wir zu hören bekommen, ähneln sich alle irgendwie. Richten wir unser Augenmerk auf die eine Sache, läuft es in einem anderen Bereich schief und wenn wir glauben, jetzt sei mal alles in Butter, erfahren wir, dass dennoch etwas krumm gelaufen ist. Er fühlt sich schlecht, weil wir wieder schimpfen, wir fühlen uns schlecht, weil wir wieder dastehen, als würden wir uns nicht kümmern. Es will einfach nicht gelingen, weder ihm noch uns, darum fange ich an, sie zu fürchten, diese „Frau Venditti, wir müssen reden“-Sätze.

Was bin ich froh, dass in diesen Tagen vorzugsweise „Meiner“ ans Telefon geht. Irgendwie befreiend, wenn es zur Abwechslung mal heisst: „Herr Venditti, wir müssen reden…“

(Ach ja, was ich noch sagen wollte: Wir glauben trotzdem an ihn. Da gäbe es nämlich auch Qualitäten zu entdecken, nicht nur Probleme.)

 

Ticken

Wie würden wir denn eigentlich ticken, wären wir nicht andauernd dem Ticken der Uhr unterworfen? Wenn wir dem Minutenzeiger nicht immer schon ein, zwei, drei Schritte hinterher wären? Wenn Sekunden keine Rolle spielten? Wenn die Stunden des Tages nicht angefüllt wären mit Dingen, die wir uns nicht selbst aufgetragen haben? 

Solche Fragen drehen manchmal in meinem Kopf, wenn wir einander zu Hause vor lauter Alltag nur noch auf die Nerven fallen. Wenn wir die Kinder und die Kinder uns anmotzen. Wenn freundliche Worte Mangelware werden. Wenn es so aussieht, als wären wir zu einer Familie geworden, die wir so nie hatten werden wollen.

„Sind wir wirklich so?“, fragen wir einander dann manchmal.

Auch hier tickt die Uhr. Nicht schneller und nicht langsamer als sonst, aber irgendwie freier. Wie, schon sechs Uhr abends? Was soll’s? Wir müssen ja heute nichts mehr. Kein Druck, kein Drängeln, kein „Mach jetzt endlich vorwärts, sonst…“ Viel Zeit, um zu sehen, wie wir ticken, wenn das Ticken der Uhr keine Rolle spielt. 

Ganz klar: Wir ticken anders. Nicht perfekt, beileibe nicht. Nicht ohne Streit, ungeduldige Worte und genervte Seufzer. Aber mit neuer Nähe. Besserem Verständnis. Mehr Liebe für Eigenarten. Einem geschärften Blick für Fähigkeiten. Mehr Musse zum Fragen, zum Antworten, zum Nachhaken.

Daraus die beruhigende Gewissheit: Wir sind nicht zu der Familie geworden, die wir so nie hatten werden wollen. Wir sind einfach eine Familie. 

callistemon laevis; prettyvenditti.jetzt

callistemon laevis; prettyvenditti.jetzt

Nichts, einfach nichts

Kein Frühstück im Bett, nicht ein einziges selbst gebasteltes Etwas, das man mit Tränen der Rührung in Empfang nehmen könnte, keine holprigen Gedichte, ja, nicht mal ein Blümchen, das irgend einer in letzter Sekunde im Garten gepflückt hat. Einfach nichts – Muttertag gestrichen. Aber was soll’s? Kein Schwein feiert heute in Frankreich Muttertag, also reibt dir auch keiner unter die Nase, welch grossen Dinge du von diesem Sonntag eigentlich erwarten müsstest, wenn du Kinder geboren hast. Folglich fühlst du dich auch nicht wie der letzte Depp, wenn die Deinen partout nich einsehen wollen, weshalb sie dich für eine Sache feiern sollten, zu der sie nicht das Geringste zu sagen hatten. Herrlich entspannt ist das, so ein Muttertag, den man getrost ignorieren kann. 

Wehe aber, meine Lieben tragen mich in drei Wochen nicht auf Händen. Dann nämlich feiern die Franzosen ihre Mütter und ich bin mir ziemlich sicher, dass sich auch die hiesigen Werbefritzen die eine oder andere Sache einfallen lassen, um einer Mutter das Gefühl zu vermitteln, sie sei ganz furchtbar ungeliebt und vernachlässigt, wenn sie den 31. Mai ganz ohne überteuerte, industriell gefertigte Liebesbeweise überstehen muss. 

  

Je (ne) regrette (rien)

Jetzt sollen wir Mütter also der Welt erzählen, warum wir es bereuen, Mütter geworden zu sein. Anfangs wollte ich mich der Debatte ja verweigern, weil es immer irgendwie schief rauskommt, wenn Blogger halb verdaute und vermutlich auch falsch verstandene Aussagen aus wissenschaftlichen Studien auf ihr eigenes Leben zu übertragen suchen. Doch dann erinnerte ich mich daran, wie ich vor gut sieben Jahren jeweils stundenlang mit leerem Blick am Fenster stand und mich fragte, wie ich auf dieses Karussell geraten war, das sich immer schneller drehte, pausenlos, ohne die Möglichkeit, einmal für ein paar Momente abzusteigen, um dem Schwindel Einhalt zu gebieten. Das Ticket war „non-refundable“, das wusste ich, aber könnte man mich vielleicht in eine etwas komfortablere Karussell-Kategorie wechseln lassen? Oder den Betreiber dazu bringen, das Ding etwas langsamer laufen lassen? Oder mal zwei, drei, vier, fünf Runden ohne mich zu drehen? Oder könnte man den Kerl dazu überreden, mich ans Schaltpult zu lassen, damit ich wenigstens selber bestimmen könnte, wann und wie schnell dieses Karussell drehte? Oder das Karussell auf eine andere Chilbi stellen, eine, auf der es etwas ruhiger und freundlicher zuginge? Oder könnte jemand anders für mich einen Teil der Fahrten übernehmen, damit ich mich anderswo austoben könnte? Und natürlich auch: Würde mir das Karussellfahren je wieder Spass machen?

Solche Fragen quälten mich damals und weil mich damals diese Fragen quälten, stand gestern Nachmittag, als ich mal wieder einen Artikel über die ganze Regrettinmotherhood-Debatte las, eine andere Frage vor mir: „Trifft doch genau auf dein Erleben zu, diese ganze Sache, nicht wahr?“ Dick und fett und aufdringlich stand sie da, diese Frage und sie weigerte sich, mir aus dem Weg zu gehen, so oft ich mich auch anderen Themen zuzuwenden versuchte.  Also versuchte ich, sie mit Scheinantworten zufrieden zu stellen. „Das kann ich nicht beurteilen, ohne die Studie gelesen zu haben“, war eine davon. „Da müsste ich mich erst mal eingehend mit der Sache befassen“, eine andere. „Es gibt schon Dinge, die ich bereue, aber doch nicht so“, eine dritte. Die Frage gab sich damit nicht zufrieden, im Gegenteil, sie wurde noch aufdringlicher: „Vielleicht muss ich deutlicher werden“, sagte sie mit herausforderndem Blick, „Bereust du es, Mutter geworden zu sein? Ja oder Nein?“ 

„Nein“, antwortete ich ohne nur einen Augenblick lang zu zögern. „Und ich habe es auch damals, als sich alles nur noch drehte und ich den Boden unter den Füssen zu verlieren drohte, nie bereut. Ich bereue in diesem Zusammenhang viel, aber nicht, dass ich Mutter geworden bin.“ Um meiner Leserschaft das ganze „antwortete ich“, „fragte sie mit herausforderndem Blick“, „insistierte ich“ Beigemüse zu ersparen, höre ich jetzt auf, dieses Selbstgespräch wiederzugeben und schreibe klipp und klar, was ich bereue:

  • Ich bereue, meine Kinder in einer Gesellschaft geboren zu haben, die keine Kinder mag, die sie als Privatsache ansieht, die man irgendwie selber managen soll, aber bitte schön so, dass man andere dabei nicht stört. (Man könnte auch sagen „Ich bereue, in der Schweiz geblieben zu sein“, aber darf man das sagen, wenn man in einem Land lebt, in dem alles so reibungslos funktioniert? Und weiss man denn, ob es einem anderswo besser ergangen wäre?)
  • Ich bereue, schwanger geworden zu sein, bevor ich beruflich genügend etabliert war, um zu wissen, was ich will und wie ich es will. (Also, eigentlich bereue ich nicht das mit der Schwangerschaft, sondern die ihr vorangehende Naivität, dass es sich irgendwie schon so ergeben würde, wie es uns zusagt.) 
  • Ich bereue, dass „Meiner“ und ich bis heute in einer Rollenteilung festgefahren sind, die unseren Fähigkeiten nicht entspricht und weil das Karussell noch immer unaufhaltsam dreht, ist es gar nicht so einfach, diese Rollenteilung zu durchbrechen, vor allem in finanzieller Hinsicht nicht. 
  • Ich bereue, die Weichen auf „Mutter = Hausfrau“ gestellt zu haben, obschon das nie mein Ding war. 
  • Ich bereue, mich selber nicht besser gekannt zu haben, bevor ich Mutter geworden bin, aber manchmal frage ich mich, ob ich mich selber überhaupt je so intensiv kennen gelernt hätte, wenn ich nicht Mutter geworden wäre.
  • Ich bereue, dass ich jahrelang unbewusst eine „Das macht man halt so“-Haltung an den Tag gelegt habe, anstatt so lange nach unserem Weg zu suchen, bis wir ihn gefunden haben.
  • Ich bereue, auf Menschen gehört zu haben, die in meinem Leben nichts zu melden haben.
  • Ich bereue, mich an Müttern orientiert zu haben, die nicht im geringsten so ticken wie ich.
  • Ich bereue, zu sehr auf das geschaut zu haben, was die Gesellschaft über Mütter denkt, anstatt mich damit zu befassen, wie ich mit dem, was mir in die Wiege gelegt worden ist, authentisch Mutter sein kann. (Okay, ich habe keine Ahnung, ob man das versteht, aber es war mir halt doch wichtig, das noch anzufügen.)

Und ich bereue übrigens auch, nach Kind Nummer fünf zu einem eindeutigen Schlussstrich in Sachen Kinderkriegen eingewilligt zu haben, obschon ich in der Schwangerschaft mit Kind Nummer fünf gewahr wurde, dass das Karussell für meinen Geschmack etwas zu heftig dreht. (Darum habe ich ja auch eingewilligt.) 

Kurz und knapp zusammengefasst: Ich bereue nicht, dass ich Mutter geworden bin, ich bereue, wie ich es geworden bin. Aber im Nachhinein ist man immer schlauer. Und wer kann denn schon mit Sicherheit sagen, dass es andersrum nicht nur anders, sondern auch besser gewesen wäre?

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