Also mal ganz ehrlich…

Wenn kinderlose Menschen gefragt werden, was sie an Kindern besonders mögen, dann kommt in 99,9 Prozent aller Fälle eine Antwort, die der folgenden gleicht: „Ich bin t-o-t-a-l fasziniert von dieser Unverfälschtheit, von dieser Ehrlichkeit, die Kinder haben. Kinder machen dir nie etwas vor und das finde ich einfach s-e-n-s-a-t-i-o-n-e-l-l! Diese Direktheit ist genial!“ Wenn ich solche Schwärmereien höre oder lese, muss ich stets auf den Stockzähnen grinsen. „Wenn die mal eine Geburtstagsparty mit zwölf Siebenjährigen erlebt hätten, fänden sie die Direktheit der Kinder nicht mehr ganz so s-e-n-s-a-t-i-o-n-e-l-l“, sage ich dann jeweils zu „Meinem“ und er nickt nur wissend.

Eine Geburtstagsparty mit zwölf Siebenjährigen beginnt meist damit, dass die Kinderhorde zuckersüss lächelnd und erwartungsfroh auf dem Sofa sitzt und sich auf den Spass freut, der da ganz bestimmt kommen wird. Und natürlich sind „Meiner“ und ich bestens vorbereitet: Er unterhält die Meute, ich assistiere im Hintergrund, lege alles bereit, was benötigt wird, mache den Tellerwäscher und den Besenwagen, kaum ist die Horde weitergezogen. So funktioniert die Sache tadellos. Bis nach zwanzig Minuten das erste Kind laut verkündet, dass unser Programm sterbenslangweilig sei und dass es jetzt lieber nach draussen gehen möchte. „Meiner“ und ich schauen uns kurz an und denken: „Es sind eben Kinder. Die sagen stets gerade heraus, was sie fühlen“ und „Meiner“ macht weiter den Pausenclown, während ich weiter die Trinkbecher nachfülle. Fünf Minuten später klagt das nächste Kind, es wolle bei diesem Spiel nicht mehr mitmachen, weil es ein absolut blödes Spiel sei. Dann bemerkt ein anderes Kind, dass das Prinzchen nerve, weil er immer im Weg sei. „Meiner“ und ich sagen nichts. Das Fest ist ja wirklich schön, die Kinder sind brav und wenn sie hin und wieder etwas direkt sind, dann muss man eben kommen damit. Nur nichts persönlich nehmen.

Das geht so lange gut, bis der Kuchen serviert wird. Kind 1 findet den Kuchen total hässlich. Und plötzlich habe ich Mühe, die Sache nicht persönlich zu nehmen, denn immerhin habe ich für diesen Kuchen eigens eine Backform gemietet und heute Morgen habe ich eine geschlagene Stunde damit verbracht, ihn liebevoll zu verzieren. „Hat es hier Lebensmittelfarbe drin?“, fragt Kind 2. „Ich hasse Lebensmittelfarbe!“ So langsam fühle ich mich leicht angegriffen, aber natürlich behalte ich mein freundliches Lächeln auf. „Igitt, in diesem Kuchen hat’s Zucker! Ich mag keinen Zucker“, schimpft Kind 3  und greift sich ein Caramelbonbon. „Nicht persönlich nehmen, nicht persönlich nehmen, nicht persönlich nehmen“, brumme ich innerlich vor mich hin. Doch leicht enttäuscht bin ich schon, dass mein Meisterwerk so harsch kritisiert wird.

Ich mag diese Kinder alle sehr gern, ich freue mich, dass sie mit meiner Tochter Geburtstag gefeiert haben, ich finde es toll, dass sie so fröhlich und aufgedreht sind, dass jedes mit seinem einzigartigen Wesen das Leben unserer Tochter bereichert und ich finde es rührend, wie sich jedes einzelne darum bemüht hat, Luise ein spezielles Geschenk auszusuchen. Ich finde diese Kinder grossartig, ganz ehrlich. Von mir aus hätten sie noch lange bleiben dürfen. Einzig die von Kinderlosen hochgelobte Direktheit hat mir mit der Zeit etwas zugesetzt.

Deshalb sehne ich mich heute Abend nach zwei Dingen: Nach einem heissen Bad und nach einer extragrossen Portion währschafter erwachsener Heuchelei.

Komm, putt putt putt

Wenn das bloss keine herbe Enttäuschung wird für den Zoowärter! Heute hat er von der Spielgruppe ein Osterei mit nach Hause gebracht. Schön blau – seine Lieblingsfarbe – und mit einem Häschensticker beklebt. Ein richtiges Kleinkinder- Osterei eben, das er mir voller Stolz gezeigt hat. „Mama, wenn man das Ei aufmacht, dann kommt ein Küken raus“, erklärte er mir und strahlte wie ein Maikäfer. Anfangs sagte ich nicht viel, doch als er mir wieder und wieder versicherte, dass da ganz bestimmt ein Küken rauskommen würde und sich vor lauter Vorfreude kaum mehr halten konnte,  wurde mir klar, dass ich ihm reinen Wein einschenken musste. Wenn meine zartbesaitete Seele eines nicht ertragen kann, dann der enttäuschte Blick eines kleines Kindes. Das geht mir jeweils so sehr zu Herzen, dass ich selber beinahe heulen muss. Und deshalb machte ich den Zoowärter vorsichtig darauf aufmerksam, dass da kein Küken rauskommen werde. Was er mir natürlich nicht glaubte. Worauf ich die Sache noch einmal mit anderen Worten erklärte und wieder auf Unglauben stiess. Schliesslich versuchte Karlsson sein Glück und erzählte seinem kleinen Bruder, dass da nur Eiweiss und Eigelb drin sei. Worauf der Zoowärter entgegnete: „Nein, kein Eigelb, sondern Eigrün. Und ein Küken.“

Tja, was soll man da machen? Der Kleine ist und bleibt unbelehrbar in Sachen Osterei und ich fürchte, ich muss damit leben, dass er eine herbe Enttäuschung erlebt. Es sei denn, es gelänge mir, ein paar Küken aufzutreiben. Und ein Hühnerhaus. Und ein Auslaufgitter. Wie? Das kostet eine ganze Stange Geld? Aber das macht doch nichts. Hauptsache, der Zoowärter wird nicht enttäuscht…

Mamas Sohn

Heute hat das Prinzchen ein für alle Mal klargestellt, welcher Mutter Sohn er ist: Nachdem er sich, wie jeden Tag, entnervt die Socken von den Füsschen gerissen hatte, nahm er die lästigen Dinger, marschierte zum Abfallkübel und entsorgte sie. Recht hat er! Wer braucht denn schon Socken?

Ausgrabungen

Als ich vor etwas mehr als zwei Jahren zu bloggen anfing, – Gab es überhaupt ein Leben vor dem Blog? –  schrieb ich in meinem ersten Post den folgenden Satz: „So läuft die besagte Mutter durch die Welt und schreibt, jedoch immer nur im Kopf. Und wenn dann abends endlich Ruhe ist, sind die Sätze weg. Verschwunden unter Wäschebergen, ersoffen im Putzkessel, zu Boden getrampelt von vier Paar hinreissend schönen, aber gegenüber mütterlichen Gedanken äusserst unsensiblen Kinderfüssen.“ Damals hatte ich geglaubt, einzig mein Schreiben habe unter meinem Dasein als Hausfrau gelitten. Das Schreiben habe ich inzwischen wieder zurückerobert, aber als ich neulich mal wieder in den Wäschebergen zu graben anfing und im Putzkessel fischte, kamen da noch ein paar andere Dinge hervor, die ich schon längst verloren geglaubt hatte. Zum Beispiel meine Leidenschaft für das Backen. Vor lauter unangenehmen Haushaltspflichten hatte ich ganz vergessen, wie überaus befriedigend es ist, irgend ein kompliziertes Rezept hervorzukramen und zu testen, wie das Zeug schmeckt. Und plötzlich folgt auf einen schlecht gelaunten Plunderteig ein äusserst gut gelaunter Plunderteig. Und weil man gerade so schön in Schwung ist, kann man ja die Brötchen für die „Sloppy Joes“ auch gleich selber backen.

Etwas anderes habe ich auch wieder gefunden: Diese unglaubliche Zufriedenheit, die man verspürt, wenn man sich so richtig viel Zeit für die Kinder nehmen kann. Wenn es nichts ausmacht, dass das Prinzchen auch nach zehn Mal „Joggeli, chasch au riite“ (Für diejenigen, die den Joggeli nicht kennen: so ähnlich wie „Hoppe Hoppe Reiter“) nach mehr verlangt. Wenn man dem Zoowärter das Bilderbuch auch noch ein zweites Mal erzählen kann. Wenn man sich freut, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat noch ein wenig mehr über die Römer erfahren will. Wenn es durchaus drinliegt, mit Luise auch noch beim neugeborenen Fohlen vorbeizuschauen. Wenn Karlsson ausführlich vom neusten Geolino-Bericht erzählen darf, ohne dass man ihn unterbrechen muss. Wenn man die schönen Seiten des Familienlebens wieder geniessen kann.

Dann habe ich noch ein paar Dinge gefunden, von denen ich kaum mehr wusste, wie man sie nannte. Lachen, zum Beispiel. Oder Unverkrampftheit. Oder Experimentierfreude. So viel Lebensfreude lag unter den Wäschebergen verschüttet, so viel Lebensqualität war im Putzkessel ertsoffen und das alles, weil ich zu lange geglaubt hatte, dass ich als Mutter zugleich auch Hausfrau sein müsse. Weil ich mich zu lange dagegen gesperrt hatte, eine Putzfrau einzustellen, ein wenig Geld in ein Au-Pair zu investieren. Weil ich nicht den Mut hatte, dazu zu stehen, dass ich mit Ausnahme von kochen, backen, einkaufen und Wäsche aufhängen sämtliche Hausarbeit nicht nur so ein kleines bisschen doof finde, sondern aus tiefstem Herzen hasse. Wie viele Ausraster hätte ich mir ersparen können, wenn ich mich von Wäschebergen und schmutzigen Toiletten nicht so sehr hätte stressen lassen? Wie viele  Bilderbücher habe ich nicht erzählt, wie viele Lider nicht vorgesungen, wie viele Sorgen nicht wahrgenommen? Wie oft habe ich nicht gelacht über ein aberwitzige Situation, weil ich schon wieder ans Aufräumen danach dachte? Wenn ich zurückschaue und sehe, wie sehr meine Abscheu für die Hausarbeit unser Familienleben belastet hat, dann könnte ich mich selber ohrfeigen dafür, dass ich nicht früher eine Veränderung in die Wege geleitet habe.

Launisch

Heute bin ich schlecht gelaunt. Sehr schlecht gelaunt. Warum? Ich weiss es nicht, aber es könnte etwas damit zu tun haben, dass das Prinzchen mich entgegen seiner Gewohnheit um sechs Uhr früh geweckt hat. Und das nachdem ich mich eine volle Woche auf einen gemütlichen Samstagmorgen gefreut hatte. Vielleicht liegt es auch an den Unmengen von Koffein, die ich in mich hineingeschüttet habe, weil ich mich wach halten musste. Oder vielleicht bin ich einfach nur genervt, weil ich mich auf einen friedlichen Nachmittag mit dem Prinzchen gefreut hatte, der aber ins Wasser fiel, weil Karlsson sich weigerte, in die Jungschar zu gehen und der FeuerwehrRitterRömerPirat auf gar keinen Fall den Rest der Familie zum türkischen Kochkurs begleiten wollte.

Ist ja auch nicht so wichtig, warum ich schlecht gelaunt bin, Tatsache ist, dass ich so stinkig bin, dass mir nur noch eines bleibt: Backen. Das mache ich immer, wenn ich sauer bin. Nun ja, manchmal mache ich es auch, wenn ich nicht sauer bin, aber  bei schlechter Laune überkommt mich ein unwiderstehlicher Drang etwas zu backen und zwar sofort. Je mieser die Laune, umso aufwendiger muss die Sache sein. Heute muss meine miese Laune einen neuen Höhepunkt erreicht haben, denn ich wagte mich tatsächlich nach Jahren des Zögerns an meinen ersten hausgemachten Plunderteig. Tour für Tour bearbeitete ich meinen Ärger mit dem Wallholz, Tour für Tour schimpfte ich auf den armen unschuldigen Teig, bis die ganze Butter aufgebraucht war und meine miese Laune sich noch immer nicht gebessert hatte.

Jetzt liegt meine schlechte Laune, ähm, Pardon, der Plunderteig, im Kühlschrank und wartet darauf, zu Croissants verarbeitet zu werden. Eine Wiedergutmachung für meine Familie, die heute eine nörgelnde, stänkernde, herumbrüllende Mama ertragen musste.

Grenzenlos naiv…

…. sind „Meiner“ und ich auch noch beim fünften Kind. Das heisst, so richtig naiv bin wohl ich und „Meiner“ hat einfach nichts dagegen unternommen, weil er sich als Einzelkind ganz auf mein Urteil verlässt, wenn es darum geht, auch beim jüngsten Kind darauf zu achten, dass es nicht zu kurz kommt. Als jüngstes von sieben Kindern weiss ich ja sehr genau, welche Fehler man nicht machen sollte. Und mache deshalb genau das Gegenteil, was ebenso falsch ist. Und deshalb hat das Prinzchen wie alle seine Geschwister zu seinem ersten Geburtstag einen grossen Bären bekommen, den grössten, den die Migros im Angebot hatte. Genauer gesagt im Sonderangebot hatte und das hätte mich eigentlich stutzig machen sollen. Hatten wir nicht ziemlich genau acht Jahre zuvor ebenfalls im Sonderangebot einen gewissen Eisbären erstanden, der grösser war als das Kind, das ihn geschenkt bekam und der von da an mit besagtem Kind verwachsen war wie ein siamesischer Zwilling? Hatten wir uns nicht geschworen, wir würden nie mehr den grössten Bären nehmen, sondern vielleicht den zweit- oder drittgrössten? Natürlich hatten wir uns das geschworen, aber weil Luise, der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter an ihren zweit- oder drittgrössten Bären kaum je Interesse zeigten, glaubten wir, eine derart enge Beziehung wie Karlsson zu seinem David pflegt, komme nur einmal pro Familie vor. Und so griff ich gedankenlos zu, als der Riesenbär im Sonderangebot zu haben war und „Meiner“ hielt mich nicht zurück.

Und jetzt haben wir den Schlamassel: Den ganzen Tag schleppt das Prinzchen seinen Riesenbären mit sich herum – Wer sagt denn, dass nur Ameisen fähig sind, Gegenstände mit sich herumzuschleppen, die ein Mehrfaches ihrer eigenen Körpergrösse haben? -, kuschelt sich an ihn, wenn er müde ist und will sogar mit ihm zusammen gewickelt werden. Was gar nicht so einfach ist, weil man unter dem Bären das Prinzchen kaum mehr finden kann. Und ausserdem muss man aufpassen, dass der Bär dabei nicht schmutzig wird, denn für die Waschmaschine ist er zu gross. Eigentlich hätten wir schon vor ein paar Monaten ahnen müssen, dass das Prinzchen und sein Bär zu einem untrennbaren Gespann würden und zwar an dem Tag, als das Prinzchen seinen Bären zum ersten Mal „Bä!“ nannte. Hatte nicht Karlsson seinen David anfangs auch so genannt und man sieht ja, was daraus geworden ist. Aber naiv wie wir sind, haben „Meiner“ und ich damals nicht die Konsequenzen gezogen und den Bären verschwinden lassen, bevor er das Prinzchenherz vollständig erobert hatte. Nein, wir haben dabei zugesehen und „ach, wie süss!“ gesäuselt. Von erfahrenen Eltern sollte man eigentlich erwarten, dass sie sich nicht mehr von diesem zuckersüssen Gehabe einwickeln lassen, aber nein, wir sind und bleiben so butterweich wie eh und je, wenn es um den „Jööööh-Faktor“ geht.

Und so sind „Meiner“ und ich ganz selber Schuld, wenn unsere Zukunft mit dem Prinzchen genau gleich aussehen wird, wie unser bisheriges Leben mit Karlsson: Der Bär kommt überall mit, sogar ins Flugzeug – zum Glück haben wir inzwischen das Fliegen aufgegeben -, der Bär erfährt jedes Geheimnis, der Bär stinkt zum Himmel, weil man ihn nicht waschen kann und noch immer drückt das Kind seine Nase daran platt, der Bär zerfällt in alle Einzelteile und muss unzählige Male operiert werden, weil er trotz seiner Hässlichkeit noch immer innig geliebt wird etc. Und „Meiner“ und ich werden kein Sterbenswörtchen dagegen zu sagen haben, denn diesmal sind wir mit offenen Augen ins Desaster gerannt. Aber wie sagt doch Nigella Lawson – ja, auch ich habe inzwischen der verführerischen Mischung von üppiger Schlemmerei und witziger Formulierung nicht mehr widerstehen können – so schön: „… the sad truth about parenting is that it’s virtually impossible to learn from your mistakes. The whole business is a Dantesque punishment: you’re trapped in the cycle, knowing what you’re doing, but seemingly unable to stop.“ Wie man sieht, brauche ich keine Erziehungsratgeber, ich kann mir meine Erziehungstipps auch beim Backen von Pfannkuchen holen.

Wie sehr liebst du mich, Mama?

Seit Tagen schon hörte ich von nichts anderem mehr als vom Besuchsmorgen an Schule und Kindergarten. „Mama, kommst du am Freitag?“, wollte der FeuerwehrRitterRömerPirat wissen. „Mama, zu wem gehst du zuerst? Zu mir? Versprichst du mir, dass du zuerst zu mir kommst? Bitte bitte bitte! Sonst werde ich wütend!“, liess mich Karlsson immer und immer wieder wissen. „Mama, bleibst du bei mir am längsten?“, säuselte Luise. Zwar sprach es keines der Kinder so aus, aber was sie wirklich von mir wissen wollten war dies: „Mama, liebst du mich mehr als die anderen? Oder zumindest ebenso sehr?“ Da mochte ich noch hundertmal erklären, dass es keine Rolle spiele, zu wem ich zuerst ginge, weil ich ohnehin alle drei unendlich liebe. Da mochte ich immer und immer wieder betonen, dass ich nicht zur gleichen Zeit am gleichen Ort sein könne, da ich mich ja unmöglich dreiteilen könne, es sei denn, sie wollten die Mama loswerden.

Die kleinen Kinderköpfe wollten einfach nicht begreifen, dass es schon Liebesbeweis genug ist, wenn Mama an einem Freitagmorgen ihre angefangene Geschichte liegen lässt, sich so früh als möglich aus dem Haus begibt und von Schulzimmer zu Schulzimmer zieht, um mit eigenen Augen zu sehen, dass die Schule trotz aller hitzigen bildungspolitischen Debatten noch immer die Gleiche ist wie vor dreissig Jahren. Sie konnten einfach nicht verstehen, dass es nichts mit Bevorzugung zu tun hat, wenn ich zuerst bei Karlsson reinschaute, weil die Tür zum Werkraum gerade offen stand und dass ich den FeuerwehrRitterRömerPiraten nicht weniger liebe, bloss weil ich mir den Kindergartenbesuch bis zuletzt aufgespart habe, weil ich keine Lust hatte, am frühen Morgen beim Turnunterricht zuzuschauen. Es reicht doch eigentlich, dass ich bei jedem Kind exakt dreissig Minuten geblieben bin, dass ich den Lehrerinnen bewiesen habe, dass ich trotz meiner fünf Kinder Zeit finde für jedes Einzelne. Und ist es nicht der grösste Beweis für die Mutterliebe, dass Mama bei allen aufgehängten Kinderzeichnungen immer nach der Schönsten sucht, weil Mama felsenfest davon überzeugt ist, dass die eigenen Kinder am schönsten zeichnen?

Für dieses Jahr ist der Besuchsmorgen überstanden. Wie aber schaffe ich das in zwei Jahren, wenn auch der Zoowärter im Kindergarten ist? Und wie in vier Jahren, wenn ich an einem einzigen Morgen fünf Kinder besuchen soll? Vielleicht bilde ich mich bis dahin in Zeitmanagement weiter…

Hinschauen?

Täglich spazieren hunderte von Kindern an unserem Haus vorbei. Sie lachen, erzählen einander Witze, spielen Fangen und manchmal geraten sie sich auch in die Haare. Völlig normale Kinder, ziemlich glücklich, ziemlich wohlbehütet. Denkt man. Doch sobald man genauer hinschaut, merkt man, dass der Schein trügt. Man hört Geschichten von Kindern, die zu Hause brutal geschlagen werden. Kinder, die tagtäglich an unserem Haus vorbeigehen, nicht Kinder, die irgendwo im fernen Indien leben. Man weiss, dass einige Kinder zu brutalen Schlägern mutieren, sobald man sie reizt. Kinder, die tagtäglich an unserem Haus vorbeigehen, nicht Kinder, die irgendwo in einem der verrufeneren Viertel Zürichs leben. Man sieht einige dieser Kinder, wie sie Mittag für Mittag alleine auf der Strasse sind und viel zu früh auf dem Schulhof herumlungern. Kinder, die tagtäglich an unserem Haus vorbeigehen, nicht Kinder, die irgendwo in einer anonymen Hochhaussiedlung leben.

Muss man da hinschauen? Darf man wegschauen? Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass ich nicht wegschauen kann, auch wenn ich es manchmal tun möchte, denn was ich sehe, beunruhigt mich zutiefst. Je mehr Kinder ich habe, umso mehr geht es mir zu Herzen, wenn Kinder nicht Kinder sein dürfen. Je länger ich Mutter bin, umso mehr nagt es an mir, dass so viele kleine Menschen in derart ungesundem Boden verwurzelt sind, dass schon heute klar ist, dass daraus keine gesunden grossen Menschen werden können. Es sei denn, es nehme sich jemand ihrer an. Doch wer? Ich? Habe ich nicht schon genug eigene Kinder für die ich zu sorgen habe? Kann man überhaupt helfen, oder ist es dazu bereits zu spät? Ist es nicht purer Idealismus, zu glauben, dass man etwas bewirken kann, wo so Vieles schief läuft?

Ich habe keine Antworten auf diese Fragen. Ansätze ja, aber keine endgültige Klarheit. Eines aber weiss ich: Die Banalität des Alltags raubt so viel Energie, dass es zuweilen schwierig ist, überhaupt noch Kraft zu finden, weiter zu blicken als über den eigenen Tellerrand hinaus. Heute zum Beispiel habe ich erfahren, dass nach einem Monat Wartezeit zwar das Ersatzteil für meinen Staubsauger geliefert worden ist, dass da aber noch zwei weitere Ersatzteile fehlen, die ich dann in ein paar Wochen abholen darf. Und schon wieder gehen zwei Vormittage, die man für das Wohlergehen von Menschen – auch von Menschen in der eigenen Familie, übrigens –  einsetzen könnte, für das Wohlergehen der Haushaltgeräte drauf. Da stimmt doch etwas nicht, oder?

Die „perfekte“ Erziehung

Es gibt Freundinnen, mit denen kann ich mich stundenlang darüber unterhalten, ab welchem Punkt man als Mutter versagt hat und welche Fehler im Zusammenleben mit den Kindern durchaus noch verkraftbar sind. Wir reden darüber, wie elend wir uns fühlen, wenn wir mal laut werden und später feststellen, dass das Kind einen guten Grund hatte für sein vermeintliches Fehlverhalten. Wir tauschen uns darüber aus, ob die gelegentliche Milchschnitte noch drinliegt, oder ob wir schon auf bestem Wege sind, unsere Kinder einseitig zu ernähren.Wir suchen nach der perfekten Mischung von Freizeit und Förderung von Talenten.  Wir suchen nach den richtigen Methoden, um unsere Söhne zu lehren, mutig und selbstbewusst zu sein, ohne dabei zu Prügelknaben zu werden. Wir suchen nach Möglichkeiten, wie unsere Töchter ihre Weiblichkeit voll und ganz ausleben dürfen, ohne dabei die Rolle der kopflosen Tussi zu übernehmen. Wir quetschen einander aus, erzählen einander, wie wir die Probleme jeweils angehen, manchmal heulen wir uns über unser Versagen aus und alles in allem versuchen wir, einander Mut zu machen, dass wir trotz unserer Fehler unseren Job eigentlich ganz ordentlich machen.

Meistens aber hält das gute Gefühl nur solange, bis uns wieder eine Zeitschrift mit Erziehungstipps in die Finger kommt. Oder bis uns jemand erzählt, wie grossartig der eigene Nachwuchs geraten ist. Oder bis wir von der Schule eine Informationsbroschüre über den richtigen Umgang mit Mobbing, die perfekte Ernährung, die beste Verkehrserziehung, den einzig richtigen Weg, die Kinder zur Selbständigkeit zu erziehen ins Haus geliefert bekommen. Dann sind wir jeweils wieder verunsichert und wir brauchen ein sehr langes Telefongespräch, bis wir wieder überzeugt davon sind, unseren Job halbwegs richtig zu machen. Und manchmal wünschten wir uns, die „perfekte“ Erziehung könnte uns einfach egal sein.

Zuweilen treffe ich auf Mütter, denen die „perfekte“ Erziehung  egal ist. Sie schieben einen Einkaufswagen voller Milchschnitten, Chips, Dosenravioli und Weissbrot durch den Laden ohne dabei zu erröten. Die Broschüren über die ausgewogene Ernährung landet bei ihnen ungelesen im Altpapier und sie stehen auch dazu. Ist am Elternabend die Rede von Mobbing, dann nicken sie ernsthaft bei jeder Ermahnung, doch wenn ihr eigenes Kind andere ausgrenzt, finden sie, man solle doch nicht so empfindlich sein. Solche Streitereien habe es schon immer gegeben und es sei doch nicht so schlimm, wenn ein Aussenseiter sich für ein paar Tage kaum mehr in die Schule zu gehen traue. Sie genieren sich nicht, dass sie Schläge für ein angebrachtes Erziehungsmittel halten und für sie ist es ganz selbstverständlich, dass die Kinder auch abends um zehn noch vor der Glotze sitzen dürfen, wenn es ihnen Spass macht. Sie sind voll und ganz unbekümmert, und würden sie die Telefongespräche belauschen, die ich mit meinen Freundinnen führe, sie würden nur den Kopf schütteln und sich wundern, weshalb man sich über solchen Unsinn überhaupt Gedanken macht.

Zuweilen frage ich mich, ob es denn überhaupt sinnvoll ist, Erziehungsratgeber, Erziehungsbroschüren und Infoabende über die richtigen Erziehungsmethoden anzubieten. Denn diejenigen, die solche Dinge lesen und die zu solchen Veranstaltungen gehen, sind meistens die Mütter, die endlich lernen sollten, etwas unbekümmerter zu sein. Und diejenigen, die dringend mal wieder nachdenken sollten, ob es anders nicht besser wäre, machen lieber alles so, wie sie es schon immer getan haben.

Soll ich dir einen Witz erzählen?

Zoowärter: „Mama, soll ich dir einen Witz erzählen? Es war einmal eine Mama, ein Papa, ein Karlsson, eine Luise, ein FeuerwehrRitterRömerPirat, ein Zoowärter und ein Prinzchen. Der Papa hatte zwei Papagei (sic!). Die Papagei waren weg. Dann sagte die Mama zum Papa ‚Warum hast du nur einen Papagei?‘ Ha ha ha ha! Mama, du musst jetzt lachen!“

Fünf Minuten später

Zoowärter: „Mama, soll ich dir einen Witz erzählen? Es war einmal ein Papa Zenturius (Sic!) und ein Baby Zenturius. Der Papa Zenturius hatte zwei Papagei (sic!). Die Papagei waren weg. Dann sagte der Baby Zenturius zum Papa Zenturius ‚Warum hast du nur einen Papagei?‘ Ha ha ha ha! Mama, du musst jetzt lachen!“

Wieder fünf Minuten später

Zoowärter: „Mama, soll ich dir einen Witz erzählen? Es war einmal ein Papa Pooh und ein Baby Pooh. Der Papa Pooh hatte zwei Papagei (sic!). Die Papagei waren weg. Dann sagte der Baby Pooh zum Papa Pooh ‚Warum hast du nur einen Papagei?‘ Ha ha ha ha! Mama, du musst jetzt lachen!“

Ich liebe Zoowärter-Witze!