Ganz nach meinem Geschmack?

Gestern war ein Tag ganz nach meinem Geschmack und das meine ich für einmal nicht ironisch, auch wenn ich zwischendurch aus meiner Haut hätte fahren können. Der Tag fing damit an, dass ich Schokoladenmuffins mit Schlagrahm, Schokostreuseln und kandierten Kirschen dekorierte, gleichzeitig das Frühstück servierte, die Kinder in die Kleider steckte und mir selber einen Latte Macchiato genehmigte. Wie? Es soll nicht möglich sein, so viel auf einmal zu tun? Aber klar ist das möglich, man muss nur laut genug herumbrüllen, wenn die Schlagsahne auf dem Prinzchen landet anstatt auf dem Muffin. So abwechslungsreich wie die erste Stunde des Tages ging es dann weiter: Besprechung, Geschichten erzählen, ein Anruf beim Lebensmittelinspektorat, wo ich äusserst zuvorkommend behandelt wurde, ein Anruf bei der Motorfahrzeugkontrolle, wo ich äusserst herablassend behandelt wurde, Prinzchen und Zoowärter knuddeln, Essen kochen, Luise bei den Hausaufgaben helfen, E-Mails beantworten, Slackline in den Garten schleppen und so tun, als ob ich sie aufbauen würde, ausrasten, weil die Slackline nicht einrasten will und zwischendurch drei wichtige Anrufe entgegennehmen, mit Karlsson quasseln, Dokumente bearbeiten, Windeln wechseln, wieder Essen kochen, noch einen wichtigen Anruf entgegennehmen, eine Besprechung mit „Meinem“, mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten das Lied von den Grenadieren singen, dann noch kurz ein wenig arbeiten und dann Feierabend.

So sieht für mich der perfekte Alltag aus, so liebe ich das Leben: Mal ausgelassenes, leidenschaftliches Leben teilen mit der Familie, dann wieder hochkonzentriertes Arbeiten an wichtigen Projekten, dazwischen ein ganz kleines bisschen Hausarbeit – so wenig wie möglich – und dann wieder Momente des Nachdenkens und Planens. So war mein Leben vor dem grossen Zusammenbruch und so konnte es über lange Zeit nicht mehr sein, weil ich nicht die Kraft dazu hatte. Doch so langsam fühle ich mich wieder fähig, solch turbulente Tage zu leben, ohne dabei auf dem Zahnfleisch zu gehen. Am Abend eines solchen Tages schwirren die Gedanken durch meinen Kopf, ich versuche, die einzelnen Bereiche zu ordnen, noch einmal durchzudenken und abzuschliessen.

Doch genau das mit dem Abschliessen wollte mir gestern Abend nicht gelingen. Immer wieder griff ich ein Thema auf, immer wieder wollte ich zur Ruhe kommen und juckte doch gleich wieder auf, um mir noch eine Notiz auf eines der zahlreichen Post-its die wieder in der Wohnung herumliegen, zu machen. Das Karussell meiner Gedanken drehte sich immer schneller und allmählich wurde mir schwindlig, zumindest in Gedanken. Da war es wieder, das Schwindelgefühl, das mich überfällt, wenn ich mir zu viel auflade, wenn ich so viele Fäden in der Hand halte, dass sie sich ineinander zu verwirren beginnen. Und mir wurde bewusst, dass diese Art von Alltag, so schön er auch ist, nicht wieder zum All-tag werden darf. Es sei denn, ich möchte irgendwann erneut zusammenbrechen.

Das tut weh

In der Schweiz hat mal wieder eine halbwegs prominente Frau ihren gut bezahlten Job geschmissen, weil ihr die Doppelbelastung von Familie und Beruf zu viel wurde und schon sind die Zeitungen voll von Berichten und Kommentaren zum Thema „Mutter & Burnout“. Ist doch gut, dass darüber geredet wird, sollte man denken. Aber was man dann liest, lässt einem die Galle hochkommen: „Jeder will Erfolg. Das aufpolierte Ego ist gefrässig und verlangt nach mehr. … Ändern Sie Ihr Leben. Vielleicht liegt der schnittige BMW nicht mehr drin oder die jährlichen Malediven-Ferien. …. Alle wollen alles haben…. Wer Burnout hat, ist ausgebrannt. Er bezahlt den Preis für das eigene Gehetz….“ Diese verbalen Ohrfeigen teilt nicht etwa ein konservativer Mann aus, nein, eine Journalistin fühlt sich dazu berufen, ihre Geschlechtsgenossinnen zu einem veränderten Leben aufzurufen.

Ich weiss, ich müsste über diesem Geschreibsel stehen, doch wenn ich solches lese, dann kommt der ganze Schmerz wieder hoch. Dann sehe ich mich wieder vor mir, wie ich stundenlang heulend aus dem Fenster starrte und in mir keinen Funken Kraft zum Weitergehen mehr fand. Nicht etwa, weil ich mir meinen BMW nicht mehr leisten konnte – welche Mama will denn schon einen BMW? – nein, weil ich mich vor lauter Schlafmangel und Schmerzen kaum mehr auf den Füssen halten konnte und von der Ärztin bloss zu hören bekam, ich sollte mich doch hin und wieder ein wenig hinlegen. Ich erinnere mich an die einsamen Waldspaziergänge, bei denen ich meine Not zum Himmel schrie. Nicht die Not, dass ich nicht auf die Malediven jetten konnte, sondern die Not, dass ich am Ende meiner Kräfte war und keine Hilfe bekommen konnte, weil ich „nicht berufstätig“ war und unser Budget eine bezahlte Hilfe nicht zuliess. Beim Lesen sehe ich auch die verzweifelten Gesichter ausgebrannter Freundinnen vor mir. Frauen, die wie ich, oft nicht wissen, wie sie wenigstens fünf Minuten am Tag entspannen können. Frauen, die sich nicht einfach eine Woche Wellness-Urlaub leisten können, wenn sie übermüdet sind. Frauen, die alles geben und ausser dem Lächeln ihrer Kinder und – wenn sie ganz viel Glück haben –  der Liebe ihres Ehemannes keinen Lohn bekommen. Und so überlebenswichtig die zwei Dinge auch sind, sie reichen nicht, um einen vor dem Ausbrennen zu schützen.

Die Gründe für das Ausbrennen sind bei jeder Frau anders: Finanzielle Engpässe (und zwar nicht, weil man auf die Malediven gereist ist und mit dem BMW herumkurvt), kranke Kinder, Verlust der Stelle, komplizierte Schwangerschaften, Krankheiten, Eheprobleme und was man sich sonst noch nie im Leben wünschen würde. Eines aber haben alle Frauen gemeinsam: Sie wollen nicht zu viel, sie geben zu viel.

Kleinkinderglaube

Irgendwann, gewöhnlich wenn ein Kind zwischen zwei und drei Jahre alt ist, beginnt es sich Gedanken über das Woher, Wozu und Wohin zu machen. Dem Zoowärter wird gerade so langsam bewusst, dass er „früher“ mal „ganz klein“ war, dass er aus Mamas Bauch gekommen ist und dass „eine dunkle Frau ihn da raus geholt hat“. Heute, als wir uns wieder mal an all die Details des wunderbaren Frühlingstags erinnert haben, an dem Luise in unser Leben getreten ist,  hat der Zoowärter erfahren, dass er nach seiner Geburt für etwa zwei Stunden von Mama weg musste, weil die Mama so schrecklich geblutet hat und das hat ihn so sehr beschäftigt, dass ich ihm die Geschichte immer und immer wieder erzählen musste.

Gleichzeitig mit der Frage nach dem Woher, Wozu und Wohin kommt auch die Frage nach dem, was im Himmel wohl so vor sich geht. Wie das in atheistischen Familien ist, weiss ich nicht, aber bei uns läuft das so, dass plötzlich der liebe Gott immer und überall dabei ist. Da klebt zum Beispiel der Zoowärter kitschige Bilder von Küken und Osterhäschen an die Fensterscheibe und murmelt vor sich hin: „Die hat auch der Gott gemacht.“ und man denkt: Die hat ganz bestimmt nicht „der Gott“ gemacht, denn so einen schlechten Geschmack hat er nie und nimmer. Oder er schnappt auf, dass Mama mit einer Frau namens Maria redet und schon macht sich der Zoowärter auf die Suche nach Jesus und Josef, denn sonst ist die Familie nicht komplett. Seit ein paar Tagen nun wünscht der Zoowärter, dass ich mit ihm bete. Das hat er von den grossen Geschwistern aufgeschnappt, die jeweils beten wollen, wenn sie Angst haben, oder wenn sie ihre Kuscheltiere nicht mehr finden, oder wenn sie sich über etwas ganz besonders freuen, oder wenn Luise sich mal wieder eine Schwester wünscht. Die Gebetsanliegen des Zoowärters aber sind ganz speziell: „Mama, betest du, dass die Äffchen normal sind? Und betest du, dass die Eisbären normal sind? Und betest du auch noch, dass die Pinguine normal sind?“

Weil ich mein Kind liebe, bete ich folgsam, was es von mir wünscht und hoffe dabei, dass „der Gott“ versteht, was ich da im Namen meines Sohnes bete. Ich selber habe nämlich nicht die leiseste Ahnung, was er damit meint.

Der Wunderkuchen

So schnell behaupte ich nicht wieder, dass man aus Chick-Lit keinen Nutzen ziehen könne. Der „Earl Grey Tea Cake„, den ich nach dem Rezept aus einem jener seichten Oeuvres gebacken habe, ist der Hammer. Und mit dem Kuchen habe ich etwas fertig gebracht, was mir in meiner ganzen bisherigen Karriere als Schwiegertochter noch nie gelungen ist: Schwiegermama hat ein zweites Stück Geburtstagskuchen verlangt! Schwiegermama, die keine „Dolci“ mag. Schwiegermama, die meinen Kochkünsten mehr als skeptisch gegenüber steht. Nun ja, einer Vegetarierin kann man ja nicht trauen, wenn man selber eine italienische Mama ist. Schwiegermama, die nicht mal Tee trinkt, wenn sie krank ist. Schwiegermama, die sich eher die Zunge abbeissen würde, als mich in meiner Gegenwart zu loben. Gewöhnlich redet sie nur hinter meinem Rücken gut über mich, aber immerhin dies.

Wie oft habe ich nach dem perfekten Schwiegermama-Kuchenrezept gesucht? Wie oft war ich enttäuscht, wenn sie wieder nur mit säuerlicher Miene die sorgfältig nach ihrem Geschmack zubereitete Torte beiseite geschoben hatte? Und jetzt, wo ich die Hoffnung aufgegeben hatte, ihren Geschmack je treffen zu können, backe ich einen „Earl Gray Tea Cake“ aus einem billigen Roman und Schwiegermama greift zu wie noch nie zuvor, ohne dass sie „Meiner“ dazu hätte überreden müssen. Wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich schon früher damit angefangen, hin und wieder einen seichten Roman zu lesen. Ich hätte mir damit manchen Frust ersparen können.

Wie? Ihr wollt das Rezept dieses Wunderkuchens? Ha! Vergesst es. Ich habe mir das Rezept mit mühseliger Lektüre hart erkämpfen müssen und euch soll es nicht besser gehen. Entweder, ihr lest das Oeuvre mit dem Titel „Sugar and Spice“ von der ersten bis zur letzen Seite und verdient euch damit jeden einzelnen Bissen des Wunderkuchens. Oder ihr sucht bei Google, aber ob ihr dann auch wirklich genau dieses Rezept findet, kann ich euch nicht garantieren. Und dann seid ihr ganz selber Schuld, wenn eure Schwiegermama kein zweites Stück Kuchen verlangt.

Jetzt hab dich doch nicht so!

Meine lieben Leser, heute Abend muss ich mal wieder ein wenig jammern und die meisten werden sich beim Lesen wohl an die Stirne greifen, weil sich mein Gejammer mal wieder auf ein Luxusproblem bezieht. Nun, eigentlich ist es nicht mal ein Problem, sondern einfach ein Herzenswunsch, der wohl für immer unerfüllt bleiben wird. Und es gibt gewisse Tage, an denen mir bewusst wird, dass dieser Herzenswunsch noch immer da ist, auch wenn ich ihn schon längst vergessen sollte.

Heute ist mal wieder so ein Tag. Luise wird nämlich morgen sieben Jahre alt. „Was ist denn so schlimm daran?“, werden sich jetzt manche fragen und ich antworte: Nichts ist schlimm daran, gar nichts, ausser der Tatsache, dass mein einziges Mädchen schon so gross ist. So gross, dass sie mir neulich gesagt hat: „Mama, du darfst meinen Geburtstagskuchen dekorieren, wie du willst, nur eines will ich nicht haben: Prinzessinnen! Klar?“ Klar doch, Luise, keine Prinzessinnen, das ist zu kindisch. Und heimlich verdrücke ich ein paar Tränen. Nicht, weil ich so gerne Prinzessinnen hätte, sondern weil es meine einzige Tochter so furchtbar eilig hat mit dem Grosswerden. Dann räume ich mit einem tiefen Seufzer Luises zu klein gewordenen Kleinkinderkleider weg und weiss, dass ich sie nie wieder hervorholen werde.

„Jetzt hab dich doch nicht so!“, werden meine Leser sagen. „Du hast fünf gesunde Kinder. Denk mal an all die Menschen, die keine Kinder bekommen können. Und du machst ein Geschrei, weil du findest, du hättest eine weitere Tochter gebraucht.“ Und ich muss ja zugeben, wer so denkt, hat vollkommen recht. Ich habe fünf wunderbare, gesunde Kinder, die mein Leben unglaublich reich machen. Wenn ich also jammere, dann verhalte mich ähnlich wie ein Lottomillionär, der für seinen Reichtum keinen Finger krümmen musste und der trotzdem noch mehr haben will. Wenn ich mich frage, warum der Himmel, wo er uns doch mit Kindern so reich beschenkt hat, nicht auch noch ein zweites Mädchen  in die Familie gegeben hat, dann verhalte ich mich wie eine verzogene Göre, die immer nur mehr und mehr will. Dessen bin ich mir voll und ganz bewusst und ich schäme mich dafür.

Eines aber will ich trotz meines Gejammers festhalten: Ich liebe jeden meiner vier Söhne genau so sehr wie ich meine Tochter liebe und würde morgen jemand an der Haustüre klingeln und mir ein Mädchen im Tausch gegen einen meiner Söhne anbieten, ich würde sagen: „Nie und nimmer gebe ich einen meiner Söhne her. Jeder von ihnen ist ein unersetzliches Original, das ich liebe wie mein eigenes Leben.“ Doch dann, bevor ich der Person die Tür vor der Nase zuschlagen würde, würde ich sagen: „Aber das Mädchen, das dürfen Sie gerne hier lassen. Denn das hat mir gerade noch gefehlt.“

PowerPoint-Blockade

Da bin ich doch eben erst frisch gestärkt aus dem Ländli nach Hause gekommen mit dem Gefühl, jetzt werde alles besser. Nun ja, ich wusste natürlich schon, dass nicht alles besser werden würde, aber immerhin war meine Schulterverspannung weg, die schwarzen Augenringe waren etwas verblasst, mein Optimismus war wieder aus der Versenkung aufgetaucht und, das Allerwichtigste, ich hatte den Anfang einer neuen Geschichte im Gepäck. Einfach so, aus dem Nichts, hatte mich im Ländli die Muse geküsst und ich war mir sicher, dass aus der Sache etwas werden könne.

Heute, nicht ganz sieben Wochen später, sind nicht bloss meine Schultern wieder verspannt und meine Augenringe wieder da, nein, auch die gute alte Schreibblockade hat sich wieder bei mir eingefunden. Hat sich einfach so, ganz frech, an meinen Bürotisch gesetzt, mich süss angelächelt und gesäuselt: „Da bin ich wieder! Hast du mich vermisst?“ „Habe ich nicht“, knurrte ich. „Verschwinde aus meinem Büro, aber sofort!“ „Aber aber, warum so unfreundlich?“, fragte mich die Schreibblockade mit unschuldigem Augenaufschlag. „Ich bin doch bloss gekommen, um dir zu helfen.“ „Du mir helfen? Ausgerechnet! Du hinderst mich bloss am Arbeiten, das ist alles.“ „Ich hindere dich überhaupt nicht am Arbeiten“, entgegnete die Schreibblockade, setzte sich mit geschäftiger Miene aufrecht hin, startete den Computer und öffnete das Dokument mit meiner angefangenen Geschichte. „Ich möchte mit dir über diesen Wörtersalat sprechen“, sagte sie abschätzig. „Das ist kein Wörtersalat“, setzte ich mich zur Wehr. „Das ist der Anfang meiner neuen Geschichte. Das wird eine ganz tolle Sache. Kannst mir glauben.“ „Ein Wörtersalat ist das und wenn du daraus eine Geschichte machen willst, dann fängst du am besten noch einmal von vorne an. Mit einer anderen Hauptperson, mit einem neuen Thema, einer anderen Geschichte. So wie das jetzt ist, kann und will das kein Mensch lesen.“ Mit hämischem Grinsen fing sie an, mir meinen Text vorzulesen. Zwischendurch lachte sie höhnisch, machte sich über meine Formulierungen lustig, mäkelte an Satzstellungen herum, die mir beim Schreiben ganz gut gefallen hatten und schliesslich, als sie fertig gelesen hatte, meinte sie: „Alles Quatsch ist das. Schmeiss das Zeug weg und hör auf mit dem Schreiben. Du kannst es einfach nicht und damit basta.“

Verdattert sass ich da und las meine Geschichte noch einmal durch. „Die ist ja tatsächlich unbrauchbar. Was soll ich bloss tun? Ich habe schon so viel Arbeit da reingesteckt und ich glaube auch, dass wirklich etwas werden könnte daraus.“ Verzweifelt schaute ich die Schreibblockade an. „Jetzt mach doch nicht so ein Gesicht“, munterte sie mich auf. Ich hab dir ja gesagt, dass ich dir helfen werde. Wenn du unbedingt darauf bestehst, dass du dich lächerlich machen willst, dann helfe ich dir selbstverständlich, das Zeug zu Ende zu bringen.“ „Aber wie willst du mir denn helfen? Die Sache ist hoffnungslos“, jammerte ich. „Jetzt setzt du dich mal schön artig an deinen Schreibtisch und machst ein paar PowerPoint Folien“, befahl die Schreibblockade. „PowerPoint Folien? Du spinnst ja wohl“, wandte ich entgeistert ein. „Ich will schreiben. Eine Geschichte erzählen. Ich will kein Projekt auf die Beine stellen und Investoren überzeugen.“ „Nun mach schon! Ein paar Folien, auf denen du darstellst, wer deine Hauptfigur beeinflusst, wo sie steht, wohin sie sich entwickelt, was aus ihr werden soll. Du wirst sehen, danach kannst du wieder schreiben wie im Ländli. Und ich verspreche dir: Wenn du die Folien machst, dann verschwinde ich wieder.“

Ich war zwar noch immer nicht überzeugt von den Methoden der Schreibblockade, doch da sie mir keine Ruhe liess, gab ich eben nach. Stellte Grafiken zusammen, die für niemanden einen Sinn ergeben, zog Pfeile, wo keine Pfeile hingehören, färbte Flächen in den scheusslichsten Farben ein und am Ende war da die erste PowerPoint-Präsentation meines Lebens. Immerhin etwas habe ich heute also gelernt. Die Schreibblockade aber sass noch immer hämisch grinsend an meinem Schreibtisch.

Mehrwert

Mit Brummschädel kann man ja eigentlich nichts anderes lesen als Chick-Lit. Sonst ist das Zeug ja unerträglich seicht: Gut aussehende, chaotische, grenzenlos naive und liebenswerte Karrierefrau bringt alles durcheinander, verliebt sich hundertmal in den falschen Typen, verliebt sich auf Seite 356 endlich in den gebildeten, sanften, millionenschweren und gut aussehenden Bauarbeiter (wahlweise auch in den gut aussehenden, millionenschweren, gefühlvollen Banker, was aber seit der Finanzkrise immer weniger der Fall ist), von dem schon auf Seite 3 klar war, dass er der Auserwählte sein wird, schwebt zehn Seiten lang auf Wolke sieben, dann kommt es zum grossen Missverständnis und drei Zeilen vor Schluss fallen sich der gebildete, sanfte, millionenschwere und gut aussehende Bauarbeiter (oder der gut aussehende, millionenschwere, gefühlvolle Banker) und die gut aussehende, chaotische, grenzenlos naive und liebenswerte Karrierefrau in die Arme und alles wird gut. Einfach unerträglich, aber eben, mit Brummschädel erträgt man nichts anderes und so bleiben der angefangene Adrian Plass, die noch nicht angefangene Toni Morrison und der bereits Staub ansammelnde Charles Dickens vorerst ungelesen.

Einen Vorteil haben die seichten Romane aber: In letzter Zeit ist es in Mode gekommen, das Zeug mit Kochrezepten, die der seichten Story etwas mehr … ääähm etwas mehr öööhm, ja was eigentlich verleihen sollen? Egal, es hat jetzt manchmal Kochrezepte drin, die zur Story passen sollen und manchmal sind die Rezepte gar nicht so schlecht und deshalb gehe ich jetzt gleich den „Earl Grey Cake“ von Seite 247 backen.

Einen Nachteil haben die Kochrezepte alleridngs auch: Man kann die Bücher jetzt nicht mehr ins Altpapier schmeissen, wenn man sie fertig gelesen hat. Lose herumliegende Kochrezepte leben nämlich ein kurzes Leben in meinem Haushalt und deshalb muss ich das ganze Buch behalten, wenn ich das Rezept in drei Jahren wieder hervorkramen will. Was vielleicht wiederum gar nicht so schlecht ist, denn dann habe ich bei der nächsten Grippe, die bestimmt kommen wird, schon die geeignete Lektüre zur Hand. Da das Zeug immer gleich gestrickt ist, werde ich mit Brummschädel ohnehin nicht merken, dass ich es bereits gelesen habe.

Schluss jetzt damit!

Da sich meine Halsschmerzen partout nicht entscheiden können, ob sie schlimmer oder besser werden wollen, habe ich auch keinen Grund, zum Arzt zu gehen – ich will ja nicht wieder meine Hypochonder-Nummer abziehen – und deshalb habe ich heute früh folgenden Entschluss gefasst: Ich bin wieder gesund! Basta! Klar, mein Schädel brummt noch immer, mir tut noch immer jeder Knochen weh, mein Appetit ist noch immer gleich null und mein Hals…, ach, ich wiederhole mich. Aber weil Luise am Sonntag Geburtstag hat und ich unbedingt mit Kuchenbacken beginnen sollte und weil es draussen Frühling ist, habe ich jetzt genug vom Kranksein und deshalb tue ich jetzt einfach so, als wäre ich wieder gesund. Ich kann ja dann wieder zusammenbrechen, wenn Luises Geburtstag vorbei ist…

So war das also

„Meiner“ hat soeben folgendes Gespräch zwischen dem FeuerwehrRitterRömerPiraten und seinem Freund mitgehört:

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Der Zwilling des Prinzchens ist gestorben, als er noch in Mamas Bauch war.“

Freund: „Warum?“

FRRP: „Es ist einfach gestorben.“

F: „Hat es zu wenig Platz gehabt im Bauch?“

FRRP: „Nein, das war so: Das Prinzchen hatte Streit mit seinem Zwilling, dann haben sie mit dem Schwert gekämpft und dann hat das Prinzchen seinen Zwilling umgebracht.“

Ach, so war das also. Schon verrückt, welch brutale Szenen sich in meinem Bauch abgespielt hat, ohne dass ich etwas davon gemerkt habe.

Must-have

Wenn es um all die Gadgets geht, die der moderne Mensch haben „muss“, dann sind „Meiner“ und ich relativ bescheiden, zumindest in westlichen Augen. Unsere „Soundanlage“ besteht aus einem billigen CD-Player, den der FeuerwehrRitterRömerPirat zum letzten Geburtstag geschenkt bekommen hat und einem äääh, Dings… ääääh, wie heisst es nochmal, das kleine Ding mit den weissen Kopfhörern? Ach ja klar, iPod. Hat „Meiner“ mal geschenkt bekommen und seitdem er vor einiger Zeit endlich herausgefunden hat, wie man ihn in Betrieb nimmt, benützt er ihn manchmal, wenn er mein Gequatsche nicht mehr hören mag. Mobiltelefonisch bin ich zurzeit nicht erreichbar, da alles, was von meinem Handy übrig geblieben ist, der Chip ist, der darauf wartet, in ein neues Handy transplantiert zu werden. Das Handy von „Meinem“ ist ein vorsintflutliches Ding und ich meine jetzt wirklich vorsintflutlich. Man kann nicht mal fotografieren damit und demnächst wird das Museum für Kommunikation anfragen, ob sie dieses antike Stück in ihre Sammlung aufnehmen dürfen und dann werden wir reich. Unser Fernseher weiss noch nicht mal, dass es Flachbildschirme gibt, weil es die noch nicht gab, als er im Laden stand  und wenn wir „10 vor 10“ schauen, schimmert das Bild in der Ecke oben rechts so eigenartig grün. Sieht zuweilen richtig künstlerisch aus. Man sieht also: „Meiner“ und scheren uns einen Dreck darum, ob wir „in“ sind oder nicht.

Zumindest, was die Technik betrifft. Wenn es um die angesagten Krankheiten geht, dann gehören wir immer zu den Ersten, die dabei sein wollen. Ob Schweinegrippe, – war da mal was? – Magen-Darm-Grippe, Windpocken oder schlimme Erkältungen, wir kämpfen immer mit Ellbogen und Fusstritten darum, auch etwas davon abzukriegen. Und wir geben nicht auf, bevor wir eine Portion Krankheitserreger für uns haben ergattern können. Diesmal aber haben wir schon befürchtet, wir würden leer ausgehen. Seit Wochen schon stehen wir auf der Warteliste für die Scharlach-Epidemie, die gerade in der Region grassiert, aber nie wollte es klappen mit einer Ansteckung. So langsam begann ich mich zu sorgen: Was sollte bloss aus unserem Ruf als Trendsetter werden, wenn wir nicht mal einen Anflug von Scharlach unser Eigen nennen könnten? Werden wir dann schräg angeschaut im Kreise der Familien? Oder wird man uns bei der nächsten Krankheits-Runde überspringen, weil alle glauben, wir seien nicht mehr dabei?

Heute aber kann ich aufatmen: Meine Grippe scheint zwar langsam abzuklingen, doch mein Hals beginnt zu schmerzen. Halsschmerzen sind zwar nicht Scharlach, aber was nicht ist, kann ja noch werden und dann sind wir wieder dabei. Bevor die Seuche schon wieder out und eine andere in ist.