Mode für die Frau ab ääähm 12

Luise ist im Klassenlager, weil aber im Klassenlager wandern angesagt ist und Luise noch immer mit Gips unterwegs ist, habe ich heute Hütedienst in der Westschweiz. Luise zu hüten bedeutet, durch die Kleiderläden zu ziehen und Geld loszuwerden. Kleiderläden, die für heutige Teenager attraktiv sind, sehen in dieser Saison aus, wie Kleiderläden für die Generation 50+ aussahen, als ich ein Teenager war. Also so:

Gesteppte Daunengilets in Bordeaux, Marineblau und Schlammbraun

Hosen in den dazu passenden Farben, wenn’s ganz bunt sein soll, vielleicht noch in Senfgelb

Pullover mit Rosenaufdruck

Kleider mit Mustern, die irgendwie an Erbrochenes erinnern

Karohemden fürs Country-Konzert

Blazer im Hahnentrittmuster

Blümchenblüschen

Kunstpelzbesetzte Parkas in Schlammgrün, wie ich sie zuletzt vor Jahren in einer BBC-Doku über die Fuchsjagd gesehen habe (Diese Doku habe ich mir nur aus Höflichkeit angesehen, weil Schwiegermama irgendwann mal erkannt hat, dass ich kein italienisches Fernsehen mag, weshalb sie auf BBC umschaltete, denn ohne Fernsehen kann man ihrer Meinung nach unmöglich glücklich sein.)

Fehlen nur noch die Mephisto-Schuhe, der Faltenrock und der Pullunder und die Ü-50-Kluft meiner Jugendzeit wäre komplett. Luise, die natürlich nicht wissen kann, was ich weiß, fragt mich allen Ernstes, was sie sich von dem Zeug kaufen soll und mir fällt nichts anderes ein als: „Kind, spar dir dein Geld, bis der Neokonservatismus nicht mehr in Mode ist. Kannst doch nicht rumlaufen wie eine Oma.“

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Rabenmutter geht ohne Kinder zur Kundgebung

Ein paar Gewissensbisse hatte ich ja schon, als ich heute kurz nach sechs meine vier Söhne alleine zu Hause liess, um zur Kundgebung gegen Fremdenhass zu gehen. Okay, „Meiner“ würde wenig später bei ihnen sein, aber irgendwie sah es halt doch danach aus, als würde sich Mama lieber protestierend auf der Strasse rumtreiben, als dafür zu sorgen, dass ihr Nachwuchs ein warmes Abendessen in den Bauch bekommt. „Man kann nur hoffen, dass diese Begebenheit nie bei einem Therapeuten zur Sprache kommt“, sagte ich zu mir selbst, als die Haustüre hinter mir ins Schloss fiel. 

Wie tief zumindest das Prinzchen von meinem Weggehen getroffen war, erfuhr ich ein paar Stunden später, als ich ganz beschwingt von der Erfahrung, nicht alleine dazustehen mit meiner Überzeugung, wieder nach Hause kam. „Noch kein einziges Mal in meinem Leben war ich auf einer Demo!“, heulte er, als wäre dies das Schlimmste, was einem fast Siebenjährigen passieren kann. „Du hast mich einfach nicht mitgenommen, dabei will ich doch unbedingt auch mal bei einer Demo mitmachen!“ 

Na ja, mein kleiner Prinz, ich fürchte fast, diese Welt wird dir noch die eine oder andere Gelegenheit bieten, das am heutigen Abend Verpasste nachzuholen. 

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Sysiphus muss mal wieder jammern

Sie bekommen Guetzli geschenkt und ich darf zwei Tage später unters Sofa kriechen, um die leere Schachtel zu entsorgen. 

Sie essen Hafer, ich sauge die Flocken auf, die den Weg vom Beutel in die Schale nicht überstanden haben.

Schleppe ich am Vormittag zwei Kilo Trauben an, sind sie spätestens um vier weggefuttert, um fünf nach vier motzt der Erste, weil kein frisches Obst da ist.

Kippt einer die Klobürste um, bleibt sie umgekippt, bis ich mich ihrer erbarme und sie wieder aufrichte.

Ich sammle die herumliegenden Farbstifte ein, sie verteilen sie wieder in der Wohnung, ich sammle sie wieder ein, sie verteilen sie wieder, ich sammle sie wieder ein, sie verteilen sie wieder…

Sie spielen mit Marmeladefingern Klavier, ich spiele weder Klavier noch schmiere ich mir die Finger mit Marmelade voll und trotzdem putze ich die Tasten.

Ich abonniere Zeitschriften, damit sie diese lesen können und ich sie vom Fussboden aufheben darf. 

Ich rede mir den Mund fusselig, weil das alles so nicht weitergehen kann. Sie starren mich verständnislos an und fragen, ob sie noch ein zweites Sandwich bekommen.

So geht das auch heute noch, obschon sie doch schon so gross sind und ich frage mich, in welcher geistigen Umnachtung ich den Vertrag unterschrieben habe, in diesem Haus ganz ohne Bezahlung den Job des Sisyphus zu machen. 

  

Blöder Optimismus

Jedes Jahr der gleiche Anlass. Ein bunt leuchtendes Meer von Laternen, eine Unmenge von singenden Kindern, ein Hauch von Gänsehaut, weil der Umzug das Ende des Sommers markiert und zum ersten Mal im Jahr so etwas wie Herbststimmung aufkommt. 

Jedes Jahr am Ende die gleiche Frage: Wollen wir die Essensgutscheine, die „Meiner“ nach der Entlassung seiner Schüler noch übrig hat, einlösen gehen, oder herrscht wieder das gleiche Chaos wie immer? „Die haben bestimmt aus ihren Fehlern gelernt“, sagen wir, weil die Mägen der Kinder so laut knurren, dass sie schon fast das Feuerwerk übertönen. Also stellt man sich in die Schlange, die sich nicht vorwärts bewegt. Man wundert sich über die Dreistigkeit von Menschen, die sich von links, rechts, vorne und hinten vordrängen. Irgendwann bewegt sich nichts mehr, kein Essen mehr da, der Nachschub wird kommen, irgendwann, vielleicht. Schliesslich besiegt der Hunger die gute Laune, dann ringt er die Geduld nieder und so ziehen die kleinen Vendittis trübselig mit ihren Eltern nach Hause. Der schöne Abend ist im Eimer und kochen muss man auch noch.

Wenn bloss dieser blöde Optimismus nicht wäre. Dann würde man, kaum ist das letzte Licht verglommen, nach Hause eilen, einen Topf Pasta aufsetzen und der Abend bliebe als einer der schönsten des Jahres in Erinnerung. 

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Eine Frage zum Schuhwerk

Günstiges Schuhgeschäft in der Schweiz, Einkauf zu Beginn der Saison: Dreckbilliges Schuhwerk, made in irgend einer schlimmen Schuhfabrik in Asien, viel Gefunkel, das die Kinder magisch anzieht. Du nimmst weit Anlauf, springst über deinen Schatten und kaufst. Zwei Wochen später sind die Schuhe im Eimer. War nicht anders zu erwarten. 

Weniger günstiges Schuhgeschäft in der Schweiz, Einkauf zu Beginn der Saison: Preis des Schuhwerks – made in irgendwo, wo es nicht ganz so anrüchig ist –  liegt hart an der Schmerzgrenze, nicht so viel Gefunkel, dafür ein Anschein von Qualität, der Mama überzeugt und immerhin genug Coolness, dass sich die Kinder vom Kauf überzeugen lassen. Einen Monat später sind die Schuhe im Eimer. Man hätte es anders erwartet, lag aber ganz offensichtlich falsch.

Teures Schuhgeschäft in der Schweiz, Einkauf zu Beginn der Saison: Über den Preis reden wir lieber nicht, vielleicht made in Italy, vielleicht auch in Asien, tolles Design, Qualität überzeugt, Kinder lassen sich nur mit Mühe überreden. Einen Monat später sind die Schuhe im Eimer. Man ist sauer. Zu diesem horrenden Preis hätte man wirklich mehr erwarten dürfen. 

Günstiges Schuhgeschäft in Frankreich, Einkauf vor Beginn der Saison, da in Frankreich das Wetter wärmer ist und man entsprechend früher Sommerschuhe braucht: Sehr moderate Preise, Schuhwerk made in Portugal oder Spain, kindergerechte Passform, originelles Design ohne unnötigen Klimbim, innert Minuten einigen sich Mama und Kinder auf den perfekten Sommerschuh. Zwei Wochen später sind die Schuhe noch wie neu. Einen Monat später auch. Zwei Monate später ebenfalls. Drei Monate später zeigen sich erste Gebrauchsspuren. Vier Monate später sind die Gebrauchsspuren etwas deutlicher. Zum Ende der Saison löst sich die Sohle. Macht nichts, nächstes Jahr wären die Schuhe ohnehin zu klein gewesen.

Himmel, warum kriegt man das bei uns nicht hin?

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Umwelterziehung?

„Nicht zu viel Badezusatz ins Wasser“, predige ich. „Ein paar Tropfen reichen, um richtig schönen Schaum zu machen.“ Beim nächsten Vollbad landen dann doch wieder zwei – ja, richtig gelesen Z-W-E-I – volle Flaschen Duschgel im Wasser. Und nein, es war nicht etwa das jüngste, unerfahrenste Kind, das dieses Verbrechen begangen hat.

„Licht löschen, wenn man den Raum verlässt. Man kann nicht gegen AKWs sein und andauernd sinnlos Strom verbrauchen“, wiederhole ich so oft, dass ich die Sache bald selber nicht mehr hören mag. Und warum wiederhole ich das so oft? Na, warum wohl?

„Nein, Getränke in Dosen kaufe ich euch nicht“, sage ich, wenn sie unterwegs allzu durstig werden. Es kümmert sie nicht weiter. Sie haben ja Taschengeld und mit dem wird man ja wohl noch machen dürfen, was man will. 

„Bütschgi in den Grünabfall!!! Wie oft muss ich das noch sagen?“, brülle ich, wenn der Abfallkübel mal wieder von auffällig vielen Fruchtfliegen umsummt wird. Das Bütschgi landet natürlich trotzdem nicht im Grünabfall, sondern hier

„Lieber weniger Auswahl im Kleiderschrank, dafür fair produziert“, doziere ich und glaube, sie hätten verstanden, weil die Sache mit der Kinderarbeit ihnen immer zu Herzen geht. Aber dann lockt eben doch der Ausverkauf. 

Und noch ein paar weitere Dinge, die mit ähnlicher Begeisterung aufgenommen werden. Manchmal frage ich mich, ob sie je begreifen werden. Doch dann erinnere ich mich, dass auch ich erst dann grüner wurde, als ich nicht mehr ganz so grün war hinter den Ohren. 

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Hobbygärtner 

Es ist noch nicht allzu lange her, als ich in den Weiten des Internets nach Rat in Sachen Kinderkriegen und Kinderhaben suchte. Gab ich zum Beispiel „Hausmittel Milchstau“ ein, landete ich mitten in einer hitzigen Diskussion, die so anfing: „Hilfe!!!! Ich habe Milchststau!!!! Tut weh wie Sau!!!! GG sagt, ich soll aufhören, Stumpelchen mit MuMi zu füttern, aber das finde ich herzlos. Brauche dringend ein Hausmittel!!!!“ Dann folgten zehn Seiten Zank, der sich hauptsächlich um die Frage drehte, ob die arme Mama lieber den herzlosen GG in die Wüste schicken, oder Stumpelchen durch verfrühten Abbruch der MuMi-Zufuhr dem Verderben ausliefern wolle. Brauchbare Rezepte für Hausmittel gingen in der Flut der nicht immer korrekt geschriebenen Wörter leider unter.

Heute befrage ich das Internet nicht mehr zum Thema Milchstau, heute will ich wissen, ob ihm etwas zu den Begriffen „Sanddorn Rhizomsperre“ einfällt. Natürlich fällt ihm etwas ein und was ich lese ist nicht minder unterhaltsam als das, was ich zu „Hausmittel Milchstau“ zu lesen bekam. Das sieht dann etwa so aus:

Petunia: „Hallo Leute, kann mir jemand helfen? Ich möcht so gerne Topinambur in meinm Garten pflanzen weil ich die so mag, aber jetzt sagt mein Freund, die wuchern so schlimm, da bekomme ich Krach mit den Nachbarn.“

Naturbursche: „Willst du mit deinem Nachbarn in Frieden leben, lass die Finger von Topi. Kommt nicht gut. Ich rede da aus Erfahrung…“

Lavendelkönigin: „Sorry, Petunia, aber im Naturgarten haben Topis nichts verloren!“

Petunia: „Warum nicht? Ich verzichte auf Kunstdünger und verwende auch keine Schneckenkörner.“

Lavendelköniging: „Schon mal nachgelesen, woher die Topis kommen? Also, wenn du die für eine einheimische Pflanze hältst, hängst du dein Gartenwerkzeug besser an den Nagel.“

Naturbursche: „Ich lach mich schlapp! Du willst Topis düngen?! Willst du denn für den Rest deines Lebens nichts anderes mehr fressen?! Nette Grüße an deine Verdauung….“

Grüner Daumen: „Hast du nicht mehr alle, Naturbursche? Dürfen Anfänger denn nicht mal mehr ihre Fragen stellen, ohne dass du sie in deinen Spott ersaufen lässt?“

Petunia: „Ich bin keine Anfängerin!!! Ich ziehe seit Jahren erfolgreich Basilikum im Balkonkistchen!!!!“

Lavendelkönigin: „Ich ziehe meinen Hut vor dir, du Gartenexpertin….“

Petunia: „Das wird mir echt zu doof hier!“

Grüner Daumen: „Krieg dich wieder ein, Petunchen. Wenn du Topis pflanzen willst, baust du am besten eine Rhizomsperre ein, dann wuchern sie vielleicht nicht ganz so schlimm.“

Petunia: „Eine was?“

Naturbursche: „Tja, sowas braucht man halt nicht beim Basilikum….“

Grüner Daumen: „Halt mal die Fresse, Naturbursche. Eine Rhizomsperre ist so ein Ding, das man in den Boden eingräbt, damit die Wurzeln sich nicht im ganzen Garten verbreiten. Kriegst du im Baumarkt oder im Gartencenter.“

Lavendelkönigin: „Kannst auch Teichfolie nehmen. Kommt billiger.“

Grüner Daumen: „Vergiss den mit der Teichfolie! Hab ich bei meinem Bambus gemacht und jahrelang bitter bereut….“

Lavendelkönigin: „Also bei meinem Sanddorn hat sich die Teichfolie bestens bewährt.“

Naturbursche: „Teichfolie für Bambus?!?!?! Ich hab gemeint, das hier sei ein Forum für echte Gärtner und nicht für hirnverbrannte Vorgartenzwerge, die ein bisschen im Dreck wühlen.“

So geht es endlos weiter, weil aber keine brauchbaren Angaben zum Thema „Rhizomsperre Sanddorn“ zu erwarten sind, breche ich hier ab. Immerhin weiß ich jetzt, dass Hobbygärtner ebenso rechthaberisch sind wie Mamas. 

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GLAUB IA NICHT…

Sie ist wieder zu Hause, ein bisschen lädiert zwar noch und mit Gips, aber immerhin wieder dort, wo sie hingehört. Sie hat sie wieder, ihre Freundinnen, ihre Katzen und ihre Brüder. Die Brüder, die ihre Schwester vermisst haben, kaum war ihnen klar, dass das jetzt wirklich nicht lustig ist. So sind sie, unsere Kinder: Geraten sich wegen jedem kleinen Mist in die Haare, missgönnen einander jedes Stücklein Schokolade und dann, wenn’s mal einem dreckig geht, zerfliessen sie vor lauter Mitgefühl und basteln Willkommensschilder. Drei Stück hat der FeuerwehrRitterRömerPirat gemalt, der Zoowärter brachte ein hübsches Bild aus der Schule nach Hause und das Prinzchen hängte eine Zeichnung an die Haustüre.

Ein überaus herzlicher Empfang also, wenn auch einer mit Seitenhieb: „GLAUB IA NICHT DAS DU JETZ EIN NOIES HANDY BEKOMST“, schrieb das Prinzchen in wackligen Buchstaben neben seine hübsche Zeichnung. Könnte ja sein, dass die grosse Schwester ihre missliche Lage schamlos ausnützt und eine Entschädigung für erlittene Schmerzen fordert. 

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Stammkunden

Okay, jetzt haben wir endgültig den Stammgast-Status erreicht. „Waren Sie nicht auch schon hier?“ „Sie kommen mir so bekannt vor?“ „Ich glaube, Sie habe ich schon mal gesehen, aber war nicht ein anderes Kind dabei?“, fragen sie. Aber klar war letztes Mal ein anderes Kind dabei. Nur die Mutter, die stundenlang daneben sitzt, Sirupbecher reicht, Kissen aufschüttelt und auf die Klingel drückt, wenn die Schmerzen zunehmen, ist seit Jahren schon die gleiche. Wüsste ich im Voraus, wann es jeweils wieder soweit ist, könnte ich ja schon mal das Zimmer reservieren, aber eben, das mit der Planbarkeit müssen wir noch ein wenig üben. Bis jetzt kommen die Aufenthalte im Kinderspital immer genau dann, wenn wir sie am wenigsten brauchen können.

Diesmal ist Luise dran. Schuld ist eine Ampel, die zulässt, dass Autofahrer und Fussgänger gleichzeitig grün haben. Schlimm ist es Gott sei Dank nicht, nur eine Gehirnerschütterung und ein verstauchter Fuss, aber im Spital finden sie halt doch, Luise müsse noch ein wenig beobachtet werden. Seit gestern Abend beobachten sie also fleissig, Luises Schädel brummt weiter und ich vertrödle meine Zeit mit Kleinkram, der zu Hause immer liegen bleibt, weil sich die grossen, wichtigen Dinge stets vordrängen. Wie immer halt, wenn der medizinische Notfall meine Routine durcheinander bringt. So normal kommt mir das inzwischen alles vor, dass ich mich frage, wann die hier endlich ein Treuprogramm mit netten Prämien für Stammkunden wie uns einführen.

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Ist das vielleicht fair?

Mein ganzes Leben schon schlage ich mit dem A rum, das am Ende meines Vornamens nicht vorhanden ist, nach Auffassung meiner Landsleute da aber unbedingt hingehörte, weil sie sonst nicht recht wissen, ob sie mich bei den Weiblein oder den Männlein einordnen müssen. Dieses A, das der Grund war, weshalb ich keine Sekunde zögerte, den Nachnamen von „Meinem“ anzunehmen. In Kombination mit meinem ehemaligen Nachnamen – Martin – entfaltete das fehlende A nämlich eine ziemlich unangenehme Wirkung. 

So fand ich es ganz und gar nicht lustig, dass man mich in meinem ersten Ferienlager mit den folgenden Worten begrüsste: „Ach so, du bist ein Mädchen. Das ist jetzt aber blöd, wir haben dich nämlich bei den Jungs ins Zimmer eingeteilt.“ Glaubt mir, es war ganz und gar nicht witzig, als Zehnjährige die ersten zwei Wochen weit weg von meiner Familie als fünftes Rad am Wagen einer Mädchengruppe zu verbringen, die mich nur schon deshalb nicht mochte, weil sie wegen meines nachträglich ins Zimmer gezwängten Bettes noch enger zusammenrücken mussten. Auch der Zahnarztbesuch, bei dem man mit Erstaunen feststellte, dass kein gesetzter Herr Martin Tanner, sondern ein eingeschüchterter Teenager mit einem eigenartigen Namen im Wartezimmer sass, ist mir nicht in bester Erinnerung geblieben. Ach ja, und dann war da noch der Brüller, als eine stockkonservative Organisation einen Brief an das Ehepaar „Martin und ‚Meiner‘ Venditti“ schickte. 

Noch heute, in Zeiten, in denen doch jedes zweite Kind, das das Licht der Welt erblickt, irgendwie exotisch und doch vertraut heisst, hören die Episoden nicht auf und die Post, die Herr Tamar Venditti fast täglich bekommt, würde sich wohl längst bis zur Zimmerdecke stapeln, wäre ich nicht jeweils so frech, sie zu öffnen, obschon sie eigentlich nicht an mich adressiert ist.

Schlimm ist das nicht, ich weiss, aber nerven tut’s trotzdem. Und seit heute Nachmittag bin ich sogar ein ganz klein wenig eingeschnappt. Da landete gestern eine Mail in meinem Postfach, adressiert an Frau Karlsson Venditti. Die Mail war von einem Geschäft, in dem Karlsson in grauer Vorzeit mal etwas bestellt hat, als er noch keine eigene Mailadresse hatte und sich mit dem Gedanken trug, einer jener verschrobenen Modelleisenbahn-Fanatiker zu werden. Dieser Gedanke ist zum Glück längst verflogen, geblieben ist einzig die Adresse von „Frau Karlsson Venditti“ in irgend einer Datei des Modelleisenbahn-Ladens. Aus mangelndem Interesse löschte ich die Mail, ohne sie durchzulesen und mir wäre nichts daran aufgefallen, wäre nicht heute eine weitere Mail in meinem Postfach gelandet: Bitte vielmals um Entschuldigung! Falsche Anrede! Natürlich war Herr Karlsson Venditti gemeint. Bitten untertänigst um Verzeihung. Bla bla bla. Das ganze Theater wegen eines einzigen kleinen Verschreibers, von dem Karlsson nicht mal erfahren wird, weil er sich ja jetzt nicht mehr für das Modelleisenbahn-Zeugs interessiert, weshalb ich die Mail nicht weiterleite.

Nicht mal vierundzwanzig Stunden hat es gedauert, bis man Karlsson auf Knien um Verzeihung anfleht, weil man einen kurzen Augenblick an seiner Männlichkeit gezweifelt hat. Und wann bekomme ich endlich dieses Entschuldigungsschreiben? Ich warte schon seit Jahren darauf. (Na ja, und wenn das nicht kommt, könnten mir meine Eltern vielleicht endlich mal erklären, was sie sich dabei gedacht haben, mir diesen Namen zu verpassen.)

cercare i fili per terra; prettyvenditti.jetzt

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