Ätsch!

Eigentlich hatte ich gedacht, dass Schwiegermama sich jetzt endlich damit abgefunden hat, dass ihr einziger Sohn die falsche Frau geheiratet hat. Anfangs war sie nämlich gar nicht begeistert von seiner Wahl, weil ich a) viel zu klein, b) zu schweizerisch und c) zu wenig katholisch und zu sehr protestantisch war. Ich wiederum war entrüstet, dass sie die Tulpen, die meine Mutter mir mitgegeben hatte, achtlos liegen liess. An unserer Hochzeit schaute sie drein, als befinde sie sich auf einer Beerdigung und als sie das erste Mal  bei uns ass, rief sie nachher „Meinen“ an um ihm mitzuteilen, dass mein Risotto ungeniessbar gewesen sei. Als schliesslich Karlsson geboren wurde, wurde die Sache noch schwieriger. Sie wollte ihr erstes Enkelkind so oft wie möglich sehen, was ich mit allen Mitteln zu verhindern suchte, weil ich mich bei jedem Besuch fühlte wie Rapunzels Mutter, die ihr Kind nicht der bösen Hexe überlassen wollte. Nicht, dass meine Schwiegermama eine Hexe wäre, aber man weiss ja, wie Schwiegermamas und Schwiegertöchter zuweilen voneinander denken.

In letzter Zeit hat sich unsere Beziehung aber normalisiert und meistens habe  ich das Gefühl dass sie für mich eine Frau geworden ist wie jede andere. Bis heute Morgen „Meiner“ zwei Nachthemden anschleppte, die Schwiegermama noch nie getragen hat und die sie, weil sie ihr zu klein  sind, an mich weitergereicht hat. Was in Schwiegertochters Augen einer Kampfansage gleichkommt. Wie, ihr versteht nicht, warum das eine Kampfansage sein soll? Ja, wisst ihr denn nicht, was Schwiegermamas mit solchen Schachzügen bezwecken wollen? Es ist doch sonnenklar: Die Frau will, dass „Meiner“ aus dem Ehebett auszieht. Denn welcher Mann würde schon mit einer Frau im gleichen Bett schlafen wollen, wenn sie aussieht wie seine Mutter? Nun, ich lasse mich nicht auf das Spielchen ein. „Meiner“ bleibt im Ehebett und die Nachthemden wandern in die Verkleidungskiste. Ätsch!

Wir elenden Lügner, wir!

Jawohl, unehrlich sind wir, wir angeblich so glücklichen Eltern. Posaunen in die Welt hinaus, wie glücklich wir darüber sind, Kinder zu haben, ja, mehr Kinder zu haben als es dem westeuropäischen Durchschnitt entspricht. Behaupten, wir könnten uns ein Leben ohne Kinder nicht vorstellen. Wagen dann auch noch anzufügen, dass unser Leben durch unsere Kinder bereichert sei, dass wir all die Mühen, die sie mit sich bringen, gerne auf uns nehmen, weil wir so viel zurückbekommen. Und dann gibt es noch solch widerliche Zeitgenossen wie „Meinen“ und mich, die allen Ernstes behaupten, sie würden einander noch immer lieben, trotz der vielen Kinder.

Ja, solche Lügen verbreiten wir und locken damit andere in die gleiche Falle, in der wir selber feststecken. Habe ich heute in einem Leserbrief in der „NZZ am Sonntag“ gelesen. „Es gäbe mehr kinderlose Paare, wenn Eltern ehrlich wären“, schreibt da ein gewisser Martin Novotny aus Sevelen. Man müsste die Paare davor warnen, Kinder zu bekommen, anstatt „falsches Glück und Zufriedenheit hinauszuposaunen“. Aber zum Glück gibt es einen Herrn Novotny, der endlich einmal sagt, was Sache ist: Jahre der Schlaflosigkeit, behinderte oder kranke Kinder, Verlust der eigenen Identität und Degeneration der romantischen Partnerschaft zur Zweckgemeinschaft. So schwarz sieht er, der Herr Novotny.

Eigentlich möchte ich ihm widersprechen, dem Herrn Novotny. Möchte ihm sagen, dass die Jahre der Schlaflosigkeit aufgewogen werden durch fünf einzigartige Geschöpfe, die ich beim Grosswerden begleiten darf. Geschöpfe, die ich nicht kennen würde, hätte ich ihnen nicht das Leben geschenkt. Ich möchte ihm auch sagen, dass Eltern behinderter und kranker Kinder diese ebenso lieben, wie ich meine gesunden Kinder liebe, ja, vielleicht sogar noch mehr. Dass ein behindertes oder krankes Kind nicht weniger Wert ist als ein gesundes. Ich möchte ihm sagen, dass ich mich selber erst richtig gefunden habe, nachdem ich nicht mehr alle Zeit der Welt hatte, mich selber zu suchen. Dass ich herausfinden musste, welches meine echten Wünsche und Bedürfnisse sind, weil ich keine Zeit mehr hatte, meine kostbare freie Zeit mit Dingen zu vertrödeln, die mir nicht voll und ganz entsprechen. Ich möchte ihm auch sagen, dass „Meiner“ und ich die Romantik erst dann richtig schätzen gelernt haben, als sie nicht mehr jederzeit verfügbar war. Dass wir Facetten im anderen kennen gelernt haben, die wir nicht kennen würden, wären wir bloss Mann und Frau, und nicht auch noch Vater und Mutter.

Mit alldem möchte ich dem Herrn Novotny widersprechen. Aber er lässt mich nicht. Denn, so schreibt er,  „wer widerspricht, ist entweder kinderlos oder unehrlich“. Und ich habe mich immer für einen ehrlichen Menschen gehalten…

Armer Mann?

„Meiner“ hat sich ein Ei gelegt. Hat meine vier Tage im Ländli gebucht, bevor er kontroliert hat, ob er und die Kinder zur gleichen Zeit Ferien haben. Haben sie nicht, aber mein Aufenthalt ist bereits gebucht und ich gebe ihn nicht mehr her. Was bedeutet, dass „Meiner“ Anfang Februar nicht mit den Kindern ausschlafen  und sie den ganzen Tag im Pyjama herumlümmeln lassen kann. Nein, er wird den ganzen Trubel des Schulalltags voll auskosten dürfen. Und zwar ohne dass er von mir abends entlastet wird. Weil ich ja nicht da sein werde. Offen gestanden: Er tut mir leid. Ich weiss ja, was auf ihn wartet: Endlose Tage von sieben Uhr früh bis irgendwann, wenn endlich Ruhe herrscht, zig Termine, die man nicht durcheinander bringen darf, das elende Gefühl, den ganzen Tag zu schuften wie ein Knecht ohne je einen Erfolg zu sehen. Und abends nicht einmal eine Schulter, an der er sich ausheulen darf. Klar, ich werde ihn anrufen, damit er mir sein Herz ausschütten kann. Aber es ist eben nicht dasselbe, als wenn man tröstend in den Arm genommen wird.

Ja, „Meiner“ tut mir leid und dennoch weiss ich, dass er es schaffen wird. Einiges wird ihm leichter fallen als mir, anderes wird er nicht hinkriegen. Er wird schimpfen, lachen, verzweifeln, sich wieder aufrappeln, den Überblick verlierern und Sekunden später wieder voll professionell die richtigen Entscheide fällen. Er wird sich vergeblich danach sehnen, zwischendurch mal die Füsse hochlegen zu können, doch als Entschädigung wird er gemütliche Kuschelstunden mit dem Zoowärter auf dem Sofa verbringen. Er wird sich die Haare raufen und sich kringeln vor lauter Lachen. Kurz: Er wird das tun, was ich schon seit Jahren mit zweifelhaftem Erfolg tue. Und am Ende dieser vier Tage wird er noch besser vertstehen, warum ich manchmal einfach genug habe von allem und ins Ländli fahren muss. Wenn er bloss nicht auf die Idee kommt, danach auch eine Auszeit zu fordern…

Was mich an dem Ganzen aber masslos ärgert: „Meiner“ muss nur erwähnen, dass er im Feburar vier Tage allein sein wird mit den Kindern, und schon bekommt er Hilfe angeboten. Nicht, weil er dies möchte, sondern weil man dem armen Mann doch nicht zumuten kann, dass er diesen Knochenjob für vier Tage alleine meistern muss, bloss weil seine Frau sich einfach so zum Vergnügen mal erholen will. Während Unsereiner zuerst einmal zusammenbrechen musste – okay, ich habe auch erst dann zugeben können, dass ich es alleine nicht schaffe -, bekommt „Meiner“ nicht einmal die Chance, zu erahnen, was es heissen kann, den ganz normalen Alltag zu meistern ohne den Verstand zu verlieren. Es sei denn, er lehne die Hilfsangebote ab. Doch wer  – ausser mir  –  wäre denn schon so blöd, dies zu tun?

„Meiner“ & ich

Ich muss da mal etwas klarstellen. „Meiner“ findet, ich würde ihn zu positiv darstellen in meinem Blog und vielleicht hat auch schon der eine oder die andere gedacht, ich würde mich aufführen wie ein verliebter Teenager. Und darum muss ich jetzt mal sagen, wie es ist: „Meiner“ ist grossartig. Und hat dennoch seine Fehler. Er lässt zum Beispiel überall seine schwarzen Socken herumliegen und jammert dann, er habe nie saubere Socken. Er ist auch, trotz seiner Fähigkeiten als Hausmann, komplett unfähig, die Wäsche anständig zu falten. Und wenn er kocht, dann versinkt die Küche im Chaos.

Natürlich hat „Meiner“ auch ein paar andere Fehler, solche, die ich nicht in aller Öffentlichkeit diskutieren will, denn sie gehen nur mich und vielleicht die Kinder etwas an. Das Schöne an „Meinem“ ist aber, dass er zu diesen Fehlern steht. Noch bevor wir uns damals, vor 18 Jahren, ineinander verliebt hatten, wusste ich schon Bescheid über seine Leichen im Keller. Und er über meine. Die haben wir einander nämlich einmal, als wir an einem schönen Sommernachmittag im Park sassen, gebeichtet. Wie bitte? Siebzehnjährige haben keine Leichen im Keller und haben sich demnach auch nichts zu beichten? Nun, zumindest „Meiner“ und ich hatten welche. Und wenn wir sie einander nicht gebeichtet hätten, dann hätten sie wohl früher oder später ganz grässlich zu stinken begonnen. So aber haben wir uns mit offenen Augen aufeinander eingelassen, haben zuerst einmal genau hingeschaut und uns erst dann Hals über Kopf verliebt.

Klingt unromantisch? War es auch. Aber dennoch nicht die schlechteste Art, eine Beziehung zu starten, wenn ich auch nie behaupten würde, es sei die einzig Richtige. Wenn nämlich heute, im Trubel des Grossfamilienlebens plötzlich eine schlechte Eigenschaft von „Meinem“ an die Oberfläche kommt, brauche ich mir nicht erstaunt die Augen zu reiben. Auch wenn ich mich furchtbar über solche Dinge aufregen kann, es bricht dennoch nicht eine ganze Welt für mich zusammen, weil mein rosarotes Bild Kratzer bekommen hätte. Ich brauche „Meinen“ nicht zu idealisieren, weil ich seine schlechten Seiten kenne. Und deshalb fällt es mir wohl auch ein wenig leichter, seine guten Seiten zu sehen und hemmungslos von ihm zu schwärmen, wenn er es verdient hat. (Und ebenso hemmungslos mit ihm zu streiten, wenn er mir mal wieder auf die Nerven fällt…)

Kein Mann von der Stange

Eigentlich bin ich ja selber Schuld, dass ich keinen jener Männer von der Stange genommen habe. Einen Mann, wie es ihn hoffentlich nicht mehr allzu häufig gibt. Einen, der am Sonntag nie, aber auch gar nie, einen Ausflug machen will, weil am Fernsehen gerade so etwas Tolles läuft. Einen, der findet, Windelnwechseln sei Frauensache. Einen, dessen Beitrag zu jeder Diskussion sich auf ein missmutiges Grunzen beschränkt. Einen Mann eben, der jedem männlichen Klischee entspricht.

Nein, ich bin wirklich froh, mit einem Mann verheiratet zu sein, der schon Pink getragen hat, bevor es Mode war. Mit einem, der noch lieber Schnulzen schaut als ich. Mit einem, der nachts klaglos hundertmal aufsteht und nicht sagt, er müsse ja am nächsten Morgen wieder zur Arbeit gehen, während ich mir zu Hause einen gemütlichen Tag machen könne. Mit einem, der, wenn er Zeit hat, die Wohnung liebevoll dekoriert mit Roststücken, die er unterwegs gefunden hat, mit einem knallblau bemalten Plastikhirsch, mit Koteletts aus Plastik und Ähnlichem. Mit einem, der mitten im Gespräch einen glasigen Blick bekommt, weil er gerade wieder eine Idee hat.

Ja, so ist „Meiner“ und ich liebe ihn dafür. Aber manchmal fällt er mir dennoch auf die Nerven mit seiner überbordenden Kreativität. Zum Beispiel, wenn am Samstagmorgen die ganze Wohnung stinkt, weil er mal wieder Plastiktüten, Eierschachteln und Luftballons im Ofen schmelzen muss, um zu testen, was dann passiert. Wenn er deswegen gerade absolut keine Zeit hat, mir unter die Arme zu greifen, wenn seine vier badenden Söhne die Wohnung unter Wasser setzen. Klar ist es rührend, wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat voller Bewunderung sagt: „Mama, der Papa hat immer so gute Ideen.“ Klar ist es grossartig, wenn ihm dann die Kinder an den Fersen kleben, weil sie unbedingt wissen wollen, was als Nächstes passiert und ich dabei in Ruhe bloggen kann. Klar freut es mich, dass sie alle paar Sekunden in „Ahhhhh“ und „Ohhhh“-Rufe ausbrechen, weil das Resultat so beeindruckend ist.

Aber muss er denn unbedingt ungerührt dabei zusehen, wie das Prinzchen sich selber und den ganzen Tisch mit Joghurt vollschmiert? Wobei, wenn ich mich recht entsinne, war ich es, die zugeschaut und danach die ganze Chose fotografiert hat. Denn inzwischen hat er mich angesteckt mit seiner ewigen Suche nach guten Bildern. Die übrigens nicht nur hier für mehr Farbe sorgen, sondern von denen er noch viel mehr in seinem Blog zur Schau stellt.

Bin ich denn eine gute Fee?

Nicht, dass ich angeben möchte, aber ich glaube, dieses Jahr habe ich mich selber übertroffen mit den Weihnachtsgeschenken. Ich habe es fertig gebracht, für Luise eine Sascha Morgenthaler Puppe aufzutreiben und dafür weniger auszugeben als das Jahresgehalt des Gesamtbundesrates. Ich habe für den FeuerwehrRitterRömerPiraten mitten im kalten Winter Tauchringe aufgestöbert, für Karlsson orangefarbene und hellblaue Kapla-Steine und für den Zoowärter ein riesiges rosarotes Piglet und dies, obschon der Rest von Winnie Poohs Familie schon längst ausverkauft war. Und meine absolute Glanzleistung: Ich habe es geschafft, dem Prinzchen ein Spielzeug zu besorgen, das es in unserem Haushalt noch nicht gibt. Ist das nicht eine grandiose Leistung? Okay, ich geb’s zu. Wir hatten schon mal eine Kugelbahn, aber die hat inzwischen das Zeitliche gesegnet. Also vielleicht doch keine grandiose Leistung, aber immerhin eine beachtliche. Und das alles ohne Parkplatzsuche und Schlangenstehen, ohne Hetzen in überheizten Geschäften, ja, sogar ohne einen Fuss vor die Haustüre zu setzen.

Vielleicht glaubt „Meiner“ deshalb, dass ich eine Art gute Fee bin, die ihm zu Weihnachten seinen grössten Wunsch erfüllen wird: Mehr Haare auf dem Kopf. Ich weiss nicht, weshalb ausgerechnet ich die Lösung für eines der schwerwiegendsten Probleme der männlichen Hälfte der Menschheit herbeizaubern soll. Und das in bloss acht Tagen, wo sich doch die Forschung seit Jahren die Zähne ausbeisst an der Sache. Auch ich mag ja zwei oder drei Fähigkeiten haben, aber Forschen gehört nicht dazu.

Und so weiss ich schon, wie es an Weihnachten bei uns aussehen wird: Fünf Paar strahlende Kinderaugen und ein betrübter „Meiner“, der sich über die spärlicher werdenden Haare auf dem Kopf streicht. Vielleicht schaffe ich es ja noch, irgendwo eine verstaubte Puderperücke aufzustöbern. Und wer weiss: Vielleicht macht „Meiner“ damit einen alten Modetrend wieder populär und die Probleme der Männer sind gelöst. Zumindest bis der Trend wieder abflaut. Vielleicht bin ich ja doch eine gute Fee?

Ganz normal

Wie meine regelmässigen Leserinnen und Leser wissen, vergöttere ich „Meinen“. Und deshalb ist es auch durchaus legitim, dass ich mal wieder auf einige seiner Macken zu sprechen komme. Sonst meint er noch, er sei perfekt und das ist nicht einmal er. Heute zum Beispiel waren wir mal wieder im Auto unterwegs. Plötzlich auf der Ausserortsstrecke hören wir ein klapperndes Geräusch, eigenartig blechig und so laut, dass wir die „Musig Sunne“, die wir heute etwa viereinhalbmal gehört haben, kaum mehr hören konnten. Weil das Klappern nicht aufhören will, beginne ich mich zu sorgen. Was, wenn wir mit den beiden Jüngsten in Dunkelheit und Regen stehenbleiben? Wir haben ja nicht mal ein Handy dabei. Besorgt schaue ich in den Seitenspiegel und sehe sofort, woher das Klappern kommt: Der Autoschlüssel steckt im Türschloss und schlägt im Fahrtwind gegen die Autotür. Das kann nur „Meiner“ gewesen sein. Denn er ist wohl der letzte Erdenbürger der, wenn er einen altmodischen Schlüssel und eine moderne Fernbedienung zur Verfügung hat, den altmodischen Schlüssel vorzieht. Und sich dann darüber aufregt, dass ich nicht mitten auf der Strasse anhalte, um den Schlüssel aus dem Schloss zu ziehen…

Ein weiteres Beispiel seiner Macken gefällig? Nun, „Meiner“ liebt es, Kleider im Brockenhaus zu kaufen. Je billiger ein Hemd, umso stolzer präsentiert er es allen, die ihn darauf ansprechen. Je hässlicher das Muster, umso schriller kombiniert er das Teil. Neulich kam er mit einem blütenweissen „Hemd“ nach Hause, noch kaum je getragen und originell geschnitten. Stolz berichtet er mir, er habe nur einen Franken dafür bezahlt, und dabei passe es ihm wie angegossen. Nun ja, in meinen Augen hat es ein wenig zu viel Stoff dran und auch die Seitenschlitze habe ich noch bei keinem Hemd gesehen. Aber ich bin ja kein Experte.  Stutzig wird „Meiner“ erst, als er sich das Label anschaut: Seit wann gibt es von „Bébéworld“ auch Männerhemden? Die gibt es natürlich nicht. „Meiner“ hat sich eine Umstandsbluse erstanden. Er hat sich wohl gedacht, dass er jetzt, wo ich der Umstandskleidung endgültig entwachsen bin, auch endlich all die wundervollen Kreationen der Umstandmodeschöpfer tragen darf. Da hoffe ich doch bloss, dass er sich keinen Bauch wachsen lässt.

Ach ja, und dann isst er beim Mittagessen drei, vier Knoblauchzehen und wundert sich, dass alle finden, er rieche heute ein wenig streng. Und neulich hat er sich doch tatsächlich alle Folgen einer Talentshow am italienischen Fernsehen angeschaut. Und gerade jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, ignoriert er geflissentlich, dass der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat sich im oberen Stock ein heisses Rennen liefern, obschon sie doch längst im Bett sein sollten. Aber ich ignoriere sie ja auch, ist also gar keine Macke.

Und auch die weiteren Macken von „Meinem“ sind nicht weiter schlimm. Eigentlich ist er nämlich ganz normal. Wirklich.

Generation Ikea wird erwachsen

Bei  Menschen meiner Generation, die seit vielen Jahren in fester Partnerschaft leben, machen sich so langsam die ersten Abnützungserscheinungen bemerkbar. Nein, ich rede nicht von der grossen Scheidungswelle zwischen dreissig und vierzig. Die haben die Einen schon hinter sich, die anderen hoffentlich nicht vor sich. Ich rede auch nicht von den ersten Gebrechen, die man nicht mehr ganz so leicht los wird. Ist es nicht schrecklich, dass wir so langsam zu verstehen beginnen, weshalb unsere Eltern sonntags lieber einen Mittagsschlaf hielten, als mit uns in den Zoo zu gehen?

Ich rede auch nicht vom zerbrochenen Porzellan. Die Teller, die man damals so sorgfältig ausgesucht hatte, sind bei den meisten Paaren schon längst nicht mehr. Und die, die man danach etwas weniger sorgfältig ausgesucht hatte, sind auch schon in die Brüche gegangen. Und die, die man danach im Sonderangebot erstanden hat, weil man sonst aus Papptellern hätte essen müssen, werden auch immer weniger. Je nach Temperament des Paares, Anzahl Kinder, Ungeschicktheit dieser Kinder und noch grösserer Ungeschicktheit der Eltern sind die meisten Paare unserer Generation inzwischen wohl bei Service Nummer 3 angelangt. „Meiner“ und ich sind bereits bei Nummer 4, aber da wir inzwischen etwas ruhiger geworden sind, fliegen auch die Teller nicht mehr so heftig, so dass echte Chancen bestehen, dass dieses Service ein paar Jahre halten dürfte.

Aber eigentlich wollte ich von etwas anderem reden: Von den Möbeln. Wie oft ist man sich damals, als man die erste gemeinsame Wohnung bezog, in den Haaren gelegen, weil man nicht einfach das Erstbeste kaufen wollte. Das Ding sollte ja für die Ewigkeit halten. Und jetzt, schlappe zehn Jahre später, geben die Möbel den Geist auf. Bei den einen sind es die Regale in der Küche, die nach Jahren des Dienstes einfach so zusammenbrechen. Bei anderen will plötzlich das Sofa nicht mehr. Und bei „Meinem“ und mir macht so langsam das Ehebett nicht mehr mit. Nun, lieber das Bett als die Ehe, aber eigentlich hatten wir gedacht, wir würden uns dann zur Pensionierung ein Neues leisten. Doch Generation Ikea muss sich wohl damit abfinden, dass nichts mehr für die Ewigkeit gedacht ist. Haben sich darum unsere Eltern damals diese hässlichen braunen Wohnwände angeschafft? Nun, meine Gott sei Dank nicht. Aber dafür mussten sie auch alle Jahre wieder in die Ikea fahren, um zu ersetzen, was den ganzen Trubel der Grossfamilie nicht länger ertragen konnte. Das war eben der Preis, den man fürs Modernsein bezahlte, damals, vor zwanzig, dreissig Jahren.

Und nun sind wir dran mit Zahlen. Wie sollen wir die nächsten Anschaffungen bloss wieder an unserem Budget vobeischmuggeln?

Da fällt mir ein: Ich habe da noch so einen Gutschein vom letzen Geburtstag…. Ikea, wir kommen!

Déjà-lu?

Es hat durchaus Vorteile, wenn man Bücher in rasendem Tempo verschlingt. Spätestens fünf Tage später hat man die Handlung wieder vergessen und zwei Monate später kann man das Buch erneut lesen, ohne sich dabei zu langweilen. Offenbar bin ich dabei etwas zu weit gegangen. Inzwischen erinnere ich mich nicht einmal mehr daran, ob ich ein bestimmtes Buch bereits gekauft habe. Und so stand ich gestern ratlos in der Buchhandlung und wusste nicht so recht, was ich mir kaufen sollte. Schliesslich entschied ich mich für drei Bücher, darunter auch  „The Namesake“ von Jhumpa Lahiri.

Ein gossartiges Buch. Ich konnte kaum warten, bis ich endlich Zeit fand zum Lesen. Und dann, auf den ersten Seiten, begann es mir zu dämmern, dass ich das Buch schon mal in den Händen gehalten haben muss. Eine Art Déjà-lu-Erlebnis, wenn man das so nennen darf. Seither kann ich mich kaum mehr auf den Inhalt konzentrieren, denn ich zerbreche mir den Kopf, wann und wo ich das Buch bereits gelesen habe. Ja, ich erinnere mich, dass ich mal eine Rezension gelesen habe. Darum ist es mir gestern in der Buchhandlung ja auch ins Auge gesprungen. Aber in einer Rezension kann ich nicht diese Szene gelesen haben, in der Baby-Gogol seine Milch in Mamas Mund sabbert, so dass die Mama danach den ganzen Tag keinen Bissen mehr runterbringt. Auch nicht die Ereignisse auf der Zugfahrt, als Gogols Vater beinahe ums Leben kommt.  Oder die Erlebnisse des kleinen Gogol am ersten Schultag.

Wenn ich doch bloss wüsste, woher ich das Buch kenne. Und vor allem auch, wohin ich es verlegt habe. Denn dass ich es gekauft haben muss, ist klar. Ich lese nämlich keine Leihbücher, davon bekomme ich Asthmaanfälle. Wenn ich jetzt in meiner Vergesslichkeit anfange, die Bücher nicht nur doppelt oder dreifach zu lesen, sondern auch doppelt oder dreifach zu kaufen, könnte dies zu ernsthaften Eheproblemen führen. „Meiner“ motzt nämlich jetzt schon, ich würde zu viele Bücher kaufen. Dabei könnte er doch stolz sein, dass „Seine“ das Geld, das andere Frauen in Mani- und Pedicure stecken, beim Buchhändler liegen lässt. Immerhin ist Bildung ein bleibender Wert. Zumindest, wenn man nicht sofort wieder vergisst, was man gelesen hat…

Soooooo unfair!

Nein, „Meinen“ trifft wahrlich keine Schuld. Und er tut mir auch schrecklich leid, wie er so daliegt, vor sich hindämmernd, mit heisser Stirn und fieberglänzenden Augen. Natürlich tut er mir leid, natürlich möchte ich ihm helfen, natürlich kann ich es fast nicht mit ansehen, wie schlecht es ihm geht. Was wäre das denn für eine Liebe, wenn es mir egal wäre, dass es  „Meinen“ jetzt auch noch schweinemässig erwischt hat? „Meiner“ kann wahrlich nichts dafür, dass es ihm nie passieren wird, dass er, wenn er krank ist, mit fünf kranken Kindern alleine zu Hause sein muss.

Und dennoch platze ich fast vor Wut. Es ist doch einfach eine himmleschreiende Ungerechtigkeit, dass er seine Krankheit in aller Ruhe auskurieren kann, währenddem ich mein Therapieschreiben und  meine Stunden im warmen Bett auf die frühen Morgen- und die späten Abendstunden verschieben musste. Papas dürfen krank sein. Mamas nicht. Papas werden gepflegt, wenn sie krank sind. Mamas nicht. Natürlich hätte „Meiner“ mich liebevoll umsorgt, wenn er denn gekonnt hätte. Wenn ich diesmal nicht mitten in der Woche krank geworden wäre. Klar hat „Meiner“ getan, was er konnte, meine Mutter übrigens auch. Aber damit ich in aller Ruhe hätte gesund werden können, hätte es eben mehr gebraucht.

Und deshalb bin ich heute so wütend. Wütend auf unser System, das noch immer darauf ausgerichtet ist, dass nur derjenige, der einer bezahlten Arbeit nachgeht, krank sein darf. Wütend, dass Papas auf dem Papier zwar das Recht haben, der Arbeit fern zu bleiben, wenn die Familie krank ist. Dass sie aber kaum den Mut aufbringen werden, diese freien Tage auch zu beziehen, weil das ja keiner sonst tut. Wütend, dass man immer noch seine Grippe auf das Wochenende verlegen muss, wenn man als Mama nicht alleine den ganzen Mist meistern will. Und dann, wenn das Schlimmste überstanden ist, die Wäscheberge bezwingen muss, die sich in der Zwischenzeit angehäuft haben, die Unordnung beseitigen muss, welche die ganze Wohnung überzieht. Und und und.

Ja, und dann bin ich auch stinksauer auf mich selber und auch auf „Meinen“, wenn auch nicht darum, weil er krank ist: Wie nur konnten wir je so dumm sein, diese hirnrissige Arbeitsteilung zu leben? Wie nur konnten wir es zulassen, dass ich so leicht auf dem  beruflichen Abstellgleis gelandet bin? Hätten wir die Arbeit besser aufgeteilt, dann könnte jeder mal in Ruhe krank sein, währenddem der andere den Laden schmeisst.

Wie habe ich es doch satt, eine Vollzeithausfrau zu sein!

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