Anonym

Als ich vor einigen Jahren meine ersten Gehversuche mit Bloggen machte, dachte ich nicht im Traum daran, dass ich dies länger als zwei oder drei Wochen tun würde. Noch viel weniger dachte ich, dass je mehr als zwei oder drei Menschen sich auf diese Seite verirren würden. Und so dachte ich keinen Moment daran, die ganze Bloggerei anonym zu betreiben. Wozu auch? Es lesen ja ohnehin nur Freunde mit und vor denen habe ich ja nichts zu verbergen.

Inzwischen lesen auch noch ein paar andere mit und weil ich nie auf die Idee gekommen bin, mir ein Pseudonym zuzulegen, weiss jeder, wer die Autorin dieser Zeilen ist. Was an sich auch kein Problem ist, finde ich doch, man sollte nur schreiben, wozu man auch stehen kann. Dass es da noch einen anderen Aspekt zu berücksichtigen gäbe, daran habe ich nicht gedacht.

Wie man weiss, amüsiere ich mich gerne über die Absurditäten des Lebens. Gibt es etwas Lustvolleres, als hin und wieder eine skurrile Szene so richtig auszuschlachten? Für mich kaum. Nun ist es aber leider so, dass man Skurriles nicht nur mit Menschen erlebt, die einem völlig unbekannt sind. Hin und wieder, oder sogar ziemlich oft, stolpert man mitten im ganz normalen Familien- und Arbeitsalltag über die wunderbarsten Absurditäten. Und ehe man sich versieht, beginnt der Kopf zu texten, es entstehen die wunderbarsten Sätze über irgend eine aberkomische Situation, die man seinen Lesern keinesfalls vorenthalten möchte. Fast schon macht man sich auf, den Text in die Tasten zu hauen, da kommt einem in den Sinn, dass das ja nicht geht, weil derjenige, den man so gerne mal in die Pfanne hauen würde, vielleicht Wind von der Sache kriegen würde, weil man ja eben nicht anonym schreibt.

Was also tun? Mir einen Zweitblog zulegen, wie „Meiner“ vorschlägt? Wohl kaum, wo ich doch für den einen kaum mehr Zeit finde. Zudem würde ich mich nicht allzu lange verstellen können, gelte ich doch als miserable Schauspielerin. Hemmungslos über alles Absurde berichten? Vermutlich auch nicht die Lösung, bin ich doch ein geselliger Mensch, der keine Lust hat, in die soziale Isolation zu geraten, bloss weil ich meine Finger nicht unter Kontrolle habe. Es wird mir wohl nichts anderes bleiben, als die Geschichten für mich zu behalten  und sie eines Tages, wenn ich wieder mehr Zeit zum Schreiben habe, in einen Text einfliessen zu lassen, der so weit entfernt ist von der Realität, dass derjenige, der für meine Belustigung gesorgt hat, sich in den Zeilen nicht mehr wieder erkennen wird.

Abhanden gekommen

Es gab eine Zeit, da war diese Arbeit mein täglich Brot: Unverständliche Texte verständlich machen, stets gleiches Geschehen so präsentieren, dass doch noch eine neue Facette zum Vorschein kommt, die den Leser vielleicht interessieren könnte, mit möglichst wenigen, klaren Sätzen möglichst viel Inhalt weitergeben. Die völlig unspektakuläre Arbeit des Lokaljournalisten, wenn er mal wieder keine packende Geschichte hat aufspüren können. Alltagstrott also.

Es ist lange her, seitdem ich auf einer Redaktion gearbeitet habe, aber was man mal gelernt hat, das wird man immer können. Glaube ich zumindest. Und so zögere ich keinen Moment, wenn man mich fragt, ob ich einen kurzen Zeitungsbericht über dies und jenes verfassen könne. Ist doch ein Klacks, denke ich mir dann jeweils. Wer täglich bloggt – auch dann, wenn Luise mit Blinddarmentzündung im Spital liegt oder fünf kleine Vendittis mich mal wieder an den Rand des Nervenzusammenbruchs treiben – und sich hin und wieder Zeit freischaufelt, um an umfangreicheren Texten zu arbeiten, der wird doch wohl auch ein paar Sätze über ein Weihnachtskonzert oder über einen Anlass in der Kirchengemeinde aus dem Ärmel schütteln können.

Aber genau das will mir einfach nicht mehr gelingen. Gebt mir den Auftrag, euch zwei Seiten mit meinen Gedanken zur Waffeninitiative, über die wir Mitte Februar abstimmen dürfen, zu schreiben und ich liefere euch drei. Bittet mich darum, euch ein paar absurde Müsterchen aus dem Alltag einer durchgeknallten Mama zu schildern und ich werde gar nicht mehr aufhören können mit erzählen. Fragt mich, ob ich einen Einspalter über die Einweihung eines neuen Parkplatzes schreiben kann. Ich werde ja sagen, weil ich ja noch immer dem Irrglauben anhänge, ich könnte das. Aber dann, wenn ich ja gesagt und eure Einweihung besucht habe, werde ich stundenlang mit leerem Blick vor dem Bildschirm sitzen, hin und wieder ein Sätzchen herauswürgen, das ich unzählige Male drehe und wende, ehe ich es wieder lösche und irgendwann werde ich völlig entnervt irgend einen Mist zu Papier bringen, den ich, am liebsten unter Angabe eines falschen Namens, verschämt der Redaktion zukommen lasse, die das Zeug dann gnädigerweise publiziert.

Ich hätte es nie für möglich gehalten, aber je mehr ich schreibe, umso mehr kommt mir abhanden, was jeder Journalist im Schlaf können muss, nämlich Bericht erstatten.  Ich vermute, meine Zeiten auf der Redaktion werden nie wieder kommen. Offen gestanden bin ich gar nicht so unglücklich darüber. Denn wenn ich daran denke, wie ich wieder mit leerem Blick auf den Bildschirm starren werde, wenn dieser Text zu Ende ist und ich denjenigen herauswürgen werde, den ich zu schreiben versprochen habe, dann wird mir klar, dass ich keine Journalistin mehr, sondern einfach eine  Schrei(b)ende bin.

Umbruch

Wie so oft im Leben, kommen bei uns mal wieder alle Veränderung auf einmal. Und darum sieht unsere To Do-Liste momentan etwa so aus:

Zimmereinrichtung für Zoowärter und FeuerwehrRitterRömerPiraten auftreiben und dabei auch noch eine Kleinigkeit für Luise und Karlsson erstehen, weil die sonst wieder motzen, die Kleinen würden viel mehr bekommen als sie.

All den alten Krempel in den Kinderzimmern ausmisten, damit der Zoowärter sein eigenes Zimmer bekommen kann.

All den alten Krempel aus dem Büro ausmisten, damit ich mein Büro im Familienzentrum einrichten und gleichzeitig das Büro zu Hause wieder begehbar machen kann.

All den alten Krempel aus dem Keller räumen, damit der alte Krempel aus der Waschküche in den Keller geräumt werden kann, damit in der Waschküche Platz für die Sauna entsteht.

Den alten Krempel, der gar kein Krempel, sondern noch brauchbar ist, ins Familienzentrum bringen. Den restlichen alten Krempel entsorgen.

Die Waschmaschine im Obergeschoss reparieren lassen, damit die Waschmaschine in der Waschküche nicht mehr so viel gebraucht wird, damit wir die Wäsche nicht mehr unten, sondern oben aufhängen können, damit die Sauna mehr Platz hat.

Die Waschküche rosarot streichen, damit ich mich in dem muffeligen Raum ganz wie zu Hause fühle.

Die Suche nach einem neuen Au Pair intensivieren, da noch immer niemand in Sicht ist, der sich die Bändigung von fünf kleinen und zwei grossen Vendittis zutraut.

Die Unterlagen von einem Jahr Projektarbeit sichten, das Brauchbare ins Familienzentrum übernehmen, den Rest unter „Fehler, die ich nie mehr machen werde“ archivieren.

Ricardo durchforsten nach a) einem neuen Bett für „Meinen“ und mich, weil das Alte nur noch auf drei Beinen steht, b) nach Möbeln für das Familienzentrum und c) nach Möbeln für die Kinderzimmer (siehe oben).

Falls bei Ricardo nicht fündig geworden Ikea-Katalog durchforsten nach a) siehe oben, b) siehe oben, c) siehe oben und d) nach all den schönen Dingen, die kein Mensch braucht und die man sich dennoch hin und wieder gerne anschaut.

Alles, was bei Ricardo ersteigert wurde, abholen und dabei aufpassen dass ich a) nichts vergesse und dadurch Verkäufer verärgere b) nicht zu viel Zeit mit in der Gegend herumirren verliere und c) nicht plötzlich die Dinge, die ich privat ersteigert habe, ins Familienzentrum bringe und umgekehrt.

Das sind die kleinen Brocken. Der grosse wäre:

Dem Familienzentrum vom Papier in die Realität verhelfen, damit es am 1. März eröffnet werden kann. Zum Glück muss ich die Sache nicht alleine schaffen, sondern kann auf sehr viel Hilfe zählen.

Und dann gibt es da noch ein paar besonders schöne und wertvolle Dinge, die auf gar keinen Fall vergessen gehen dürfen:

Am Donnerstag den vierten Geburtstag des Zoowärters feiern.

Mit „Meinem“ neue Wege ausfindig machen, weil sich ihm jetzt, wo ich berufstätiger als auch schon bin, ganz neue Perspektiven eröffnen.

Unsere neue Nichte kennen lernen und mit Luise rosarote Babykleidchen shoppen gehen, weil wir jetzt endlich mal wieder ein Opfer haben, das wir mit Kitsch überhäufen können.

Die letzten Wochen mit dem Au Pair geniessen und verdrängen, dass sie schon sehr bald nicht mehr Teil unserer Familie sein wird.

Überlegen, ob wir wirklich im Sommer mit der ganzen Horde nach Prag fahren und dann noch eine Woche Veloferien anhängen sollen.

Und dann noch die schwierigste Herausforderung von allen:

Herausfinden, wo man bei all den Dingen noch die Zeit zum Nachdenken und zum Schreiben finden soll.


Lernen

Neues Jahr, neuer Job, neue Lektion zu lernen: Abschalten, wenn die Arbeit getan, das Pensum erfüllt ist. Den Job hinter mir lassen und voll und ganz Mama sein. Mit „Meinem“ über das ganze Leben reden, nicht nur über die Arbeit. Zeiten der Stille finden und diese nicht mit Gedankenarbeit füllen. Dem Schreiben Raum geben und es mir nicht nehmen lassen durch alles, was so dringend erledigt werden will. Das Leben geniessen, wenn sich ein Moment dazu bietet. Kurz: Ich sein, mit allem, was mich ausmacht, nicht nur mit meiner Arbeit.

Gar nicht so einfach, wie ich das in Erinnerung hatte.

Und jetzt bitte noch auf Englisch…

Dass fehlerfreies Englisch zuweilen eine Glückssache ist, ist mir nicht neu. All die „Schtiiks“ (Steaks) und „Chichenn Nöggets“ (Chicken Nuggets) die hierzulande gegessen werden, liegen mir schwer auf dem Magen auch wenn ich selber als Vegetarierin nie zugreife, wenn diese serviert werden. Wenn die sportliche Fünfzigerin ins „Body Pömp“ geht und der Referent ein „Klöster“-Diagramm präsentiert, dann frage ich mich, weshalb man die Dinge nicht doch lieber auf Deutsch sagt, wo es auf Englisch doch einfach nur peinlich klingt. Und wenn meine Schwiegermutter uns vor „Fasabuck“ (Facebook) warnt, kann ich nur mit Mühe das Lachen verkneifen, auch wenn ihre Angst, dass wir im grossen weiten Internet zu viel von uns preis geben, sehr gross ist. (Dass meine Schwiegermutter allen Ernstes glaubt, „Meiner“ und ich würden Fotos von durchzechten Nächten publizieren, steht auf einem anderen Blatt. Wo wir doch uns doch die Nächte bloss mit zu viel Prinzchengeschwätz um die Ohren hauen und das gibt garantiert keine kompromittierenden Bilder.)

Solange das Horror-Englisch nur gesprochen wird, kann ich dennoch halbwegs damit leben. Man hört’s, nimmt’s zur Kenntnis und vergisst es gleich wieder. Also eine Qual, die sich in Grenzen hält. Viel schlimmer finde ich es, wenn das Zeug geschrieben und dann auch noch gedruckt wird. Und zwar nicht von Schülern, die ein Grundrecht auf Fehler haben, sei es im Gesprochenen, Geschriebenen oder Gedruckten. Wenn ich aber in einem Buch den unsäglichen Titel „Do Italians it better?“ lesen muss, dann ärgere ich mich derart darüber, dass der Lektor seinen Dienst nicht getan hat, dass ich kaum mehr weiterlesen kann. Gut, so ein Tippfehlerchen ist schnell mal übersehen, wie ich bei meinem eigenen Buch leider auch habe feststellen müssen, aber eine derart kolossale Fehlkonstruktion wie oben zitiert sollte doch irgend einem ins Auge springen, bevor das Buch in Druck geht. Oder bin ich wirklich eine unverbesserliche Idealistin?

Nun, immerhin kann man bei diesem Titel noch halbwegs erahnen, was die Autorin hätte fragen wollen. Was aber fange ich mit dem Wortgewusel an – Satz mag ich das nicht nennen, weil ich gar nicht weiss, ob es einer sein soll – das ich gestern Abend beim Verpacken der Adventsgeschenke für unsere Kinder entdeckt habe? Da lese ich auf einer Schachtel mit Traktoren, die das Prinzchen in den kommenden Tagen erhalten soll, die folgenden Worte: „To insure a loke new appearance in definitely“. Und das nicht etwa winzig gedruckt, irgendwo in der untersten Ecke einer Gebrauchsanweisung, sondern gross, fett und rot. Das Ganze insgesamt viermal, auf jeder Seite der Schachtel einmal.

Seither verfolgen mich diese Worte, denn ich weiss nicht, an wem ich zweifeln soll. An meinem CPE, weil es mir noch immer nicht ermöglicht, jeden erdenklichen Mist, der in englischer Sprache daherkommt, zu verstehen? Am Werbefuzzi, der glaubt, das Produkt verkaufe sich besser, wenn es in einer pseudoenglischen Verkleidung daherkommt? Am Thesaurus, der mir sagt, er kenne das Wort „loke“ nicht? Oder vielleicht an meinem Verstand, der nicht fähig ist, hinter diesen Worten einen Sinn zu erkennen? Was, wenn sich hier die ultimative Weisheit verbirgt, ohne die mein Leben nie das wird, was es sein könnte, wenn ich die geheimnisvolle Botschaft entschlüsseln könnte?

Wäre nett, wenn mir jemand weiterhelfen könnte, bevor ich an meinem Lebensziel vorbeischiesse, bloss, weil meine Englischkenntnisse nicht ausreichen.

So lässt sich’s leben

So wenig braucht es zuweilen, um wieder ein paar Gänge tiefer zu schalten: Einen Sohn, der sich eine Schallplattensammlung zum Geburtstag wünscht, eine Mama, die die gewünschten Schallplatten bei Ricardo ersteigert, gute Freunde, die Karlssons Schallplattensammlung gerne bereichern möchten und dann noch ein paar Buchbestellungen, die dich dazu zwingen, Nachschub zu holen. Und schon hast du, was du dir seit Tagen sehnlichst gewünscht hast, nämlich ein paar Stunden, die du ganz alleine mit dir und deinen Gedanken verbringen kannst, währenddem du durchs Mittelland kurvst, um Schallplatten, Bücher, Plattenspieler und noch einmal Schallplatten einzusammeln. Als ob dies nicht schon des Glücks genug wäre, verfährst du dich einmal mehr so heillos, dass du dir wünschst, du hättest dir eben doch ein GPS angeschafft, anstatt dich auf dein iPad zu verlassen.

Wie, ihr versteht nicht, was ich so toll finde daran, dass ich mich an einem sonnigen Samstagmorgen im November verfahre? Aber das ist doch klar. Erstens war ich so lange von zu Hause weg, dass das ganze Chaos schon beseitigt war, als ich endlich wieder zu Hause ankam und zweitens gibt es wohl kaum eine bessere Art, sich eine neue Geschichte auszudenken, als wenn man gelangweilt hinter dem Steuer sitzt und sich fragt, wo das alles enden wird und wie das alles aussehen würde, wenn du ein GPS hättest, das dich in die Irre führen würde. Alles in allem kann ich also auf einen sehr erfolgreichen Samstag zurückblicken: Sieben Bücher verkauft, zwei Stapel Schallplatten und einen Plattenspieler erstanden, eine aufgeräumte Wohnung, ohne dass ich dafür einen Finger krumm machen musste und viele neue Sätze im Kopf, die mir dabei helfen werden, meine 50’000 Wörter zu vollenden. Wenn das kein gelungener Tag war, was dann?

Danke, November

Neun Monate lang habe ich mich mit ihr abgequält, habe versucht, sie zu dem Punkt zu führen, wo ich sie haben wollte, habe mit ihrer Sturheit gerungen und hatte doch immer wieder den Eindruck, bei ihr sei Hopfen und Malz verloren. Mehrmals war ich nahe daran, sie aufzugeben, sie ihrem Scheuklappen-Dasein zu überlassen und mich nicht mehr darum zu kümmern, ob sie gegen die Wand fährt oder nicht. Aber irgend etwas hinderte mich daran, sie links liegen zu lassen, ihrer armseligen Existenz ein Ende zu setzen. Ich weiss nicht, was ich in ihr sah, aber heute kann ich mit Freude verkünden, dass ich sie endlich dort habe, wo ich sie schon immer haben wollte.

Und wem habe ich das zu verdanken? Ausgerechnet dem November, der Monat, der neben dem Februar wohl den schlechtesten Ruf überhaupt geniesst. Wäre es nicht November geworden und hätte ich diesen Monat und vor allem das in diesem Monat angesetzte Schreiben nicht dazu benützt, mich noch einmal diesem scheinbar hoffnungslosen Fall zu widmen, ich glaube ihr letztes Stündlein hätte bald schon einmal geschlagen. Aber weil ich mich nun allen Widerständen zum Trotz Morgen für Morgen zu früh aus dem Bett quäle, um ein paar Sätze zu schreiben, weil ich den Haushalt noch öfter als gewöhnlich links liegen lasse, um mich meinen 50’000 Wörtern widmen zu können, weil ich hin und wieder gar das Gezanke der Kinder ignoriere, weil ich gerade ein paar gute Formulierungen im Kopf habe, habe ich es nun endlich fertig gebracht, diese widerspenstige Person, die mir als ihrer Schöpferin doch auf ewig zu blindem Gehorsam verpflichtet wäre, auf den rechten Weg zu bringen. Womit es mir endlich gelungen ist, den ersten Entwurf abzuschliessen.

Gut, es ist wirklich erst der erste Entwurf, es kann also im Zuge der Überarbeitung noch einiges schief gehen. Ob dieser Entwurf dann jemals gut genug sein wird, um den Computer zu verlassen, daran zweifle ich momentan noch ernsthaft. Und ob der überarbeitete Entwurf je auf das Interesse eines Verlegers stossen wird, wage ich gar nicht erst zu träumen. Aber das alles ist mir momentan noch egal. Hauptsache, ich habe die Tante endlich dort, wo ich sie haben wollte. Ich habe da nämlich noch eine andere Geschichte im Kopf, welcher ich mich gerne für den Rest dieses Novembers verschreiben möchte.

Ach ja, ich finde den November übrigens auch ohne das Schreiben einen wunderbaren Monat. Immerhin ist es der Monat, in dem ich vor zehn Jahren zum ersten Mal Mutter geworden bin. Eine der zahlreichen Hebammen, die dem damals schon etwas eigensinnigen Karlsson in einer langen Geburt dabei halfen, doch noch Mamas Bauch zu verlassen, meinte damals: „Das ist dann ja wohl ein Fasnachtskind“. Die gute Frau konnte sich einfach nicht vorstellen, dass zwei Menschen in nüchternem Zustand  mitten im Februar ein Menschlein zeugen, welches dann für den Rest seines Lebens mit einem Geburtstag m November gestraft sein würde. Aber als liebende Mama sorge ich natürlich dafür, dass unser Sohn trotz Novembergeburtstag ein wunderbares Fest feiern darf. Und darum werde ich in den kommenden sieben Tagen meine Novemberschreiberei wohl etwas in den Hintergrund stellen und stattdessen Leberpastete & Co. zubereiten müssen.

Bettgeschichten

Ich schreibe und wähle nicht nur links, ich schlafe auch links. Genauer gesagt, schlafe ich auf dem linken Ohr und zwar auf der Seite des Bettes, die man als die Linke empfindet, wenn man auf dem Rücken im Bett liegt. Also die Seite, die rechts liegt, wenn man vor dem Bett steht. Weil ich aber lieber im Bett drin liege, als davor zu stehen, ist das für mich die linkere Seite des Bettes, auch wenn sie objektiv betrachtet eher die rechte Seite ist. Alles klar? Wenn nicht, ist das auch egal, ihr müsst ja nicht mit mir das Bett teilen.

Der Mann aber, der mit mir seit mehr als zwölf Jahren das Bett teilt, hat entschieden, dass er es satt hat, mir immer die linke Seite zu überlassen. Angeblich, weil „wir doch noch nicht so alt sind, dass wir immer alles gleich beibehalten müssen“ und dann auch noch, weil er mich so „viel besser umarmen kann“. Ha, von wegen! Ich habe ihn durchschaut. Er will bloss, dass ich wieder auf die Bettseite rücke, die näher beim Prinzchen ist. Ja, ich weiss, es ist vollkommen lächerlich, dass das Prinzchen auch im reifen Alter von zwei Jahren noch in unserem Zimmer schläft. Aber hey, er ist unser Jüngster, was erwartet ihr von uns? Dass wir ihn vor seinem achtzehnten Geburtstag aus unserem Zimmer ausziehen lassen? Wo doch sogar „Meiner“ –  der sonst täglich findet, es wäre doch grossartig, wenn das Prinzchen etwas grösser und vernünftiger wäre – völlig entsetzt war, als ich vorschlug, wir sollten das Prinzchen vielleicht zu seinen Geschwistern umziehen lassen. „Aber dann kann ich ihn ja gar nicht mehr bewundern, wenn er schläft“, meinte er. „Er ist doch so süss, wenn er da mit seinem Bären und seinem Krümel im Bettchen liegt.“

Gut, dann bleibt er eben, das Prinzchen. Ist mir ganz recht. Aber dann soll „Meiner“ die Konsequenzen dafür tragen. Was er aber nicht tun will und das, so vermute ich zumindest, ist der wahre Grund für meine Vertreibung aus dem linksseitigen Paradies. Während nämlich 99,9 Prozent aller Mütter klagen, ihre Männer würden nachts nie wach, wenn die Kleinen weinen, ist es bei uns genau umgekehrt: Ich schlafe friedlich weiter, während „Meiner“ Fläschchen wärmt, Windeln wechselt und im Dunkeln Nuggis sucht. Das war nicht immer so, früher haben wir uns diese Pflichten redlich geteilt. Aber irgendwann hat sich herausgestellt, dass „Meiner“ nach der Erledigung dieser Pflichten wieder friedlich weiterschläft, ich aber die halbe Nacht wach liege, wenn ich mal meine linke Betthälfte habe verlassen müssen. Und weil „Meiner“ ein netter Kerl ist, hat er von da ab die Nachtdienste alleine übernommen.

Wie ich jetzt feststellen muss, hat selbst die Nettigkeit von „Meinem“ ihre Grenzen. Denn seitdem er mich kurzerhand auf die reche Bettseite verbannt hat – die Bettseite, die links liegt, wenn man vor dem Bett steht, die man aber als rechts empfindet, wenn man im Bett liegt -, tut er nachts keinen Wank mehr. Seither habe ich jede Nacht Prinzchen-Dienst und weil ich danach nicht mehr einschlafen kann, entstehen dann in meinem Kopf Blogeinträge über linke und rechte Bettseiten und andere Banalitäten. Ich hoffe doch sehr, meine geschätzte Leserschaft wird sich bei „Meinem“ dafür stark machen, dass ich meine linke Bettseite zurück bekomme. Ihr wollt ja wohl nicht, dass ich euch weiterhin mit solchen Bettgeschichten langweile, nicht wahr?

Wie es wirklich war…

Also, ihr wolltet ja wissen, wie es war. Gut, fangen wir bei den Haaren an: Die Haarfarbe ist ganz schrecklich. Viel zu dunkel und total billig. „Meiner“ und alle anderen sehen dies zwar nicht so wie ich, aber da es mein Kopf ist, auf dem das Gestrüpp wächst, bin ich auch die Einzige, die beurteilen kann, wie es wirklich ist. Also, noch einmal: Es sieht ganz abscheulich aus. Das nächste Mal muss wieder der Coiffeur ran.

Dann zur Lesung. Es war ganz wunderbar, die Menschen zu sehen, die eigens wegen meinem Buch da waren. Zum Teil Leute, die ich seit sehr langer Zeit nicht mehr gesehen habe. Dazu eine meiner Blog-Leserinnen, die ich zum ersten Mal getroffen habe. Das war einfach toll. Man sagt auch, ich hätte das ganz gut hingekriegt mit dem Vorlesen. Was ich natürlich ganz anders sehe, da mein innerer Kritiker schon angefangen hat zu stänkern, bevor ich das Buch zur Seite gelegt hatte. „Du hast vergessen, dich vorzustellen“, motzte er. „Und dann hast du auch viel zu schnell gelesen und ein wenig öfter lächeln hätte auch nicht geschadet.“ Ihr seht, ich kann euch nicht so richtig sagen, wie es wirklich war. Mir scheint, ich bin da nicht ganz objektiv.

Schliesslich noch zu heute Morgen. Auch hier fällt es mir schwer, zu sagen, ob es gut oder schlecht gelaufen ist. Eines ist klar: Ich war viel weniger nervös als gestern, auch wenn ich heute etwa zehn mal mehr Leute vor mir sitzen hatte. Aber da es heute nicht um mich und mein Buch ging, hatte ich damit eigentlich keine Probleme. Auch heute hat man mir gesagt, ich hätte das ganz gut gemacht, aber mein innerer Kritiker ging heute noch härter mit mir ins Gericht als gestern: „Wie kannst du bloss so blöd sein und vergessen, auf die Kollekte hinzuweisen? Und dein Patzer mit dem Programmablauf war ja äusserst peinlich.“ Ich versuchte ja einzuwenden, dass einem so was beim ersten Mal durchaus passieren könne, aber der innere Kritiker sieht das ein wenig anders. „Wozu bereitet man sich denn auf so einen Auftritt vor?“, fragte er. „So etwas dürfte dir einfach nicht passieren. Und überhaupt war das Ganze ein äusserst peinlicher Auftritt. Wie du da völlig unsicher neben dem Rednerpult gestanden bist, weil du nicht gross genug bist, um dich dahinter zu stellen. Und dann dieser Fleck auf deinem Kleid….“ „Aber den hat doch keiner gesehen, der war ja weiss auf weiss“, versuchte ich mich zu wehren, aber natürlich liess der Miesepeter auch diesen Einwand nicht gelten.

Er hackte dann noch ein wenig weiter auf mir herum, aber irgendwann habe ich aufgehört, auf ihn zu hören und habe mir gesagt, dass meine ersten Auftritte wohl waren, wie erste Auftritte meistens sind: Nicht perfekt, aber auch nicht so schlecht, dass ich mich vor lauter Scham in ein Erdloch verkriechen müsste. Sicher ist, dass ich noch Einiges zu lernen habe. Sicher ist aber auch, dass mir die neuen Erfahrungen Spass gemacht haben. Trotz aller Nervosität und trotz der schrecklichen Farbe auf meinem Kopf.

Wortverstopfung

Ja, dieses Novemberschreiben ist schon eine grossartige Sache. Einen Monat lang jede freie Minute schreibend verbringen, wie ich das liebe. Oder genauer gesagt, lieben würde, wenn ich denn nicht einmal mehr mit dieser blöden Schreibblockade zu kämpfen hätte. Nun, eigentlich ist es gar keine Schreibblockade, es ist vielmehr so eine Art Wortverstopfung. Die Handlung geistert in meinem Kopf herum, aber sie will sich nicht in Worte pressen lassen und schon gar nicht will sie einen Weg finden, hinaus aus meinem Kopf und ab in den Computer. Jeder Satz eine Zangengeburt, jedes zweite Wort völlig quer im Text, so dass ich alles wieder lösche.

Irgendwie erinnert mich das Ganze an das Prinzchen, das neulich morgens um halb sechs laut schreiend im Bett stand und versuchte, seine Windel mit etwas zu füllen, was nicht aus ihm heraus wollte. Nun gut, ich stehe nicht morgens um halb sechs schreiend im Bett, dafür aber sitze ich eine halbe Stunde später mit gequältem Gesichtsausdruck am Computer und versuche, die Geschichte aus meinem Kopf herauszupressen. Beim Prinzchen war die Sache relativ einfach: Ein paar Mandarinen und die Verstopfung war Vergangenheit.

Ich fürchte, bei meiner Verstopfung braucht es mehr als ein paar Mandarinen. Auch wenn Mandarinen zur Erfrischung gar nicht schlecht wären.  Aber die Kinder haben die fünf Kilo, die das Au-Pair und ich gestern nach Hause geschleppt haben, bereits aufgegessen. Nein, ich glaube, bei mir bräuchte es eine radikalere Kur: Mehr Schlaf, weniger trockener Papierkram, der auch noch im November fertig werden muss, mehr Musse, um einfach mal zu sein und die Gedanken wandern zu lassen. Ein Luxus, der momentan leider nicht drinliegt, so sehr ich mich auch darum bemühe.

Aber vielleicht ist es gerade dieses Bemühen, das die Worte daran hindert, herauszukommen. Vielleicht kommen sie ja lieber, wenn ich nicht so viel Druck mache. Und deshalb werde ich für heute Abend den November November sein lassen und mich aufs Ohr hauen. Zu einer so unvernünftig frühen Stunde, dass die Gefahr besteht, dass ich für einmal noch vor den Kindern schlafen werde.

Übrigens beruhigt es mich ungemein, dass auch andere Novembrige mit ähnlichen Blockaden zu kämpfen haben. Und wenn ich bei gleicher Gelegenheit daran erinnert werde, dass ich  – Novemberschreiben sei Dank – diejenige war, die der Schreibschaukel den ersten Schubser gegeben hat, dann bin ich schon fast ein wenig gerührt. Ist eben trotz allem eine grossartige Sache, dieses Novemberschreiben.