Eine Auftragsarbeit fertig geschrieben, in einem wahren Schreibrausch acht Kurzkapitel verfasst, zwischendurch an der Haustüre ein wenig gequatscht, in Gedanken schon mal die Kolumne, die morgen entstehen soll, entworfen, mir zwei- oder dreimal den Mund fusselig geredet, eingehend die Zeitungsberichte zu den gestrigen Wahlen studiert, dem Zoowärter zugehört, wie er mir in einem Endlos-Redeschwall von den Abenteuern seiner Lego-Figuren berichtete, ein Formular ausgefüllt, einer nervigen Werbeanruferin viel zu lange zugehört, weil sie mir einfach keine Gelegenheit bot, ihr das Wort abzuschneiden und „Meinem“ des Langen und Breiten erklärt, weshalb Bundespräsident Maurer auf gar keinen Fall Recht haben kann, auch wenn er im Radiointerview noch so volksnah daher quasselt. Kurz, ein Tag voller Worte, geschrieben, gesprochen, gelesen und gehört. So viele Worte, dass heute fürs Bloggen nicht mehr allzu viele übrig geblieben sind.
Schlagwort-Archive: Schreiben
Und noch einmal Psychoanalyse
„Augen lügen nicht“, sagte er, als ich ihm erklärte, ich sei ein durchaus zufriedener Mensch, wenn auch derzeit sehr müde. „Sie hocken da hinter Ihrem Computer, anstatt sich mit Menschen zu treffen. Kommunikation, das brauchen Sie, das weiss unsere Generation noch“, fuhr er fort und lud mich ein, mich zu ihm und seinem Saufkumpanen zu setzen. Ich hätte mich eigentlich in die Anonymität der Öffentlichkeit geflüchtet, damit ich endlich in Ruhe an meinem Buch arbeiten könne, versuchte ich ihm zu erklären, aber er wollte nicht verstehen, dass schreiben zu Hause fast unmöglich ist, wenn die Kinder Schulferien haben. „Ich spendiere Ihnen etwas“, offerierte er, „Sie müssen lachen, nur dann werden Sie so alt wie ich und mein Kollege.“ Als er keine Ruhe geben wollte, gab ich schliesslich nach, liess mir einen Kaffee spendieren und mein Verhalten analysieren. „Warum redet ihr Jungen nicht mehr mit den Leuten? Ihr sitzt hinter euren Geräten, anstatt zu reden“, warf er mir vor und liess meinen Einwand, ich würde mich ja jetzt auch mit ihm und seinem Kumpanen unterhalten, nicht gelten. „Was machen Sie, wenn Ihr Gerät mal den Geist aufgibt?“, fragte er und ich erklärte ihm, meine Generation sei durchaus in der Lage, von Hand zu schreiben, wenn es denn sein müsse. Er glaubte mir nicht, glaubte mir auch nicht, als ich ihn wissen liess, mein Leben sei durchaus erfüllt, glaubte mir erst recht nicht, als ich sagte, ich müsse jetzt nach Hause gehen, weil ich noch ein wenig Zeit mit meiner Familie verbringen wolle. „Nehmen Sie Ihre Vergangenheit an“, sagte er zu mir, „leben Sie in der Gegenwart und stehen Sie hinter Ihrer Zukunft.“
Irgendwann gelang es mir, mich loszureissen, mit der Aufforderung, das Leben zu geniessen, zu kommunizieren und mein Geld nicht auf die hohe Kante zu legen wurde ich entlassen. Zu Hause wartete Luise auf mich. „Mama, was schreibst du über mich in deinem Blog?“ „Nur die Wahrheit“, sagte ich und schickte meine Psychologin ins Bett.
Wortgefecht
Früher oder später kommt beim Schreiben der Moment, in dem man sein eigenes Geschriebenes nicht mehr ausstehen kann. Stunden und Tage hat man um Worte gerungen, hat Sätze geformt, umgeformt und verworfen, man hat darum gekämpft, genau das zu Papier zu bringen, was in Gedanken gewachsen ist. Man denkt, man habe sein Bestes gegeben, doch wenn man liest, was entstanden ist, erscheint alles nur noch banal, farblos, austauschbar und dann folgt der Katzenjammer: „Ich kann nicht schreiben, bin vollkommen unbegabt. Am liebsten würde ich den ganzen Text vernichten.“
Für Aussenstehende erscheint dieses Gejammer oft als ein Fischen nach Komplimenten, aber das ist es nicht; es ist die echte Verzweiflung über das eigene Unvermögen, die Worte zu finden, die nicht nur die Leser, sondern auch den Schreibenden überzeugen. Es ist die tiefe Abscheu vor den Worten, mit denen man inzwischen so viel gearbeitet hat, dass sie abgedroschen wirken, die ohnmächtige Gewissheit, dass es den perfekten Satz nie geben wird, weil man ihn stets anders – besser – formulieren könnte.
Es hilft nicht, wenn wohlmeinende Freunde versichern, das Geschriebene komme recht ansprechend daher, in diesen Momenten des Zweifels sieht der Schreibende nur, was alles sein sollte und nicht ist. Da hilft nur eines: Den Text zur Seite legen, Distanz gewinnen zu dem, was allzu vertraut geworden ist. Mit etwas Glück wird man einige Zeit später wieder lieben können, was man in Worte gefasst hat. Und wenn die Liebe zum Geschriebenen nicht zurückkehrt? Dann ist wohl Kahlschlag angesagt, aber wir wollen mal nicht so pessimistisch sein.
Hürdenlauf
Heute also trotz Starschwierigkeiten – Computer, der nicht laufen wollte, Überreste eines Migräneanfalls, Luise, die jetzt gleich, sofort einen neuen Bikini haben wollte und mir vorwarf, ich würde mich nie, aber auch gar nie um sie kümmern – alle Kapitel im Entwurf abgeschlossen, das Vorwort ebenfalls und dann noch zwei Extratexte, falls dieser elende innere Perfektionist mir alles, was ich der Muse unter harten Kämpfen abgerungen habe, wieder durchstreicht. Danach schnell alle Texte verdrängt, weil momentan nicht einer meinem überkritischen Blick standhalten könnte. Jetzt das hin und her Schwanken zwischen dem Hochgefühl, eine erste Hürde geschafft zu haben und der Überzeugung, dass daraus nie und nimmer das werden kann, was ich mir eigentlich vorstelle.
Ich weiss, man sieht es mir nicht an, wenn ich nachdenkend auf dem Bett liege und um jedes einzelne Wort ringe, aber diese Schreiberei verlangt mir so ziemlich alles ab, was ich momentan zu bieten habe.
Kampf mit dem inneren Perfektionisten
Nach einem Tag voller geschriebener Wörter heute nur dies: Der Grossteil von Manuskript Nummer 1 ist im Wartezimmer beim Arzt, im Zug, in Cafés und beim Warten am Bahnhof im Entwurf fast fertig geworden. Noch vier Kurzkapitel, das Vorwort und dann wird überarbeitet, gestrichen, umformuliert und ergänzt. Jetzt muss ich nur noch irgendwie meinen inneren Perfektionisten um die Ecke bringen, denn wenn ich den Kerl nicht bald zum Schweigen bringe, landet alles, was ich bis jetzt geschrieben habe, im Papierkorb.
Mama Venditti träumt von einem geordneten Leben
Hach, wie wäre es doch nett, endlich ein wohlgeordnetes Leben zu führen. Nein, nein, nicht piekfein und blitzblank, aber so, dass man wüsste, welches Ding wo seinen Platz hat. Hier das Schreiben und alles, was dazu gehört, dort die Koch-, Garten-, Back- und Kinderbücher, ein grosses Regal für das, was man aus lauter Freude am Lesen liest, ein Schrankfach für die Stricksachen, den ganzen Bastelkram, den ich am liebsten aus dem Fenster schmeissen möchte, an einem einzigen Ort, Bilder, Farben und Fotoprojekte, an denen „Meiner“ arbeitet sauber verstaut und dann natürlich Ordner für all die Papiere, die übers Jahr ins Haus flattern und die alle wieder zur Hand sein sollten, wenn die Steuererklärung ansteht. Wenn das mal erledigt wäre, könnte man mal die Kleiderschränke ausmisten, den Estrich, den Keller, die Küchen- und Wandschränke. Und dann hätte jedes Ding seinen eigenen Platz, man müsste nie wieder suchen und natürlich würde nie wieder etwas herumliegen, weil es so einfach wäre, alles am richtigen Ort zu verstauen. Dann könnte man sich daran machen, den Alltag zu strukturieren: Schreibtage, Gartenzeit, Einmachsaison, Bürostunden, Siesta, Familienzeit, Zeit für mich, Zeit für dich und Zeit für Freunde, Virensaison, Katzenzeit, Lernstunden, Arbeitszeit – alles schön geordnet und sauber in den Kalender eingetragen. Und wenn dann wirklich alles aufgegleist wäre, könnte man vielleicht sogar einmal die Fenster putzen.
Davon träumt Mama Venditti manchmal, aber dann fällt ihr ein, dass sie eine Sache ganz schrecklich vermissen würde, wäre ihr Leben so überschaubar und aufgeräumt, nämlich die Spontaneität, die es ihr erlaubt, alles stehen und liegen zu lassen, wenn das Leben mit einer neuen Herausforderung lockt. Wobei es durchaus auch herausfordernd sein könnte, mit dem Bagger aufzufahren und den ganzen Mist, der im Haus herumliegt, in die Mulde zu befördern…
Nie, ausser montags
Im Grunde genommen habe ich mir die Sache mit dem Selbstmitleid abgewöhnt. Verschiedene Umstände in den vergangenen Monaten haben mich erkennen lassen, dass ich schlicht keine Berechtigung dazu habe. Da gibt es einerseits zu viel Gutes in meinem Leben, zu viele offene Türen, zu viel Überfluss, andererseits zu viele Menschen, die von alldem, was mein Leben bereichert, nur träumen können. Klar, auch ich beisse mir an gewissen Dingen fast die Zähne aus, die finsteren Täler des Lebens sind mir nicht vollkommen fremd, doch im Grossen und Ganzen kann ich nur dankbar sein und darum steht es mir einfach nicht zu, mich selbst zu bemitleiden.
Nie, ausser montags. Denn seitdem ich vor vier Monaten den Montag zu meinem heiligen Schreibtag erklärt habe, alles in die Wege geleitet habe, um die Kinder gut betreut zu wissen und dafür auch Geld bezahle, hat es nicht ein einziges Mal geklappt mit dem ungestörten Schwimmen im Schreibfluss. Anfangs war ich vielleicht noch selber Schuld, denn zu leicht liess ich mich ablenken durch Anrufe, angeblich dringende Mails und andere Kleinigkeiten. Seitdem sich aber die Tür fürs Schreiben und Veröffentlichen weit geöffnet hat, ist der Montag zu dem Tag geworden, dem ich die restlichen sechs Tage der Woche entgegenfiebere. Okay, ich schreibe natürlich nicht nur montags, aber dieser eine Tag, der mir Raum lässt, voll und ganz in die Welt der Worte einzutauchen, ist einzigartig.
Oder wäre einzigartig, wenn denn nicht dauernd irgend etwas dazwischen käme. Ich gehe hier nicht in die Details, denn darüber geklagt habe ich bereits ausgiebig in diversen Posts. Reden wir also nur von heute Morgen. Da hatte ich geglaubt, endlich die todsichere Methode gefunden zu haben, um meinen ungestörten Schreibmontag zu bekommen. Die Idee stammt zwar nicht von mir, ist aber dennoch grandios: In den Zug sitzen, eine möglichst weite Strecke ohne Umsteigen fahren, schreiben, die Landschaft betrachten, nachdenken, wieder schreiben, am Zielort ein kurzer, inspirierender Aufenthalt und wieder schreibend nach Hause fahren. „Das ist es“, jubelte ich, als man mich auf diesen Gedanken brachte und so plante ich für heute eine lange Zugfahrt ohne Umsteigen ins Tessin. Sieben Stunden ungestörte Schreibzeit und das ohne Fluchtmöglichkeit. Einfach genial.
Tja, und dann entschied sich das Prinzchen heute Morgen um sieben dazu, der SVP beizutreten. „Ich will nicht in die Krippe!“, brüllte er, „Ich will bei dir bleiben, ich will nicht, dass du weggehst!“ Alles Reden, Hätscheln, Drohen, Trösten und Bestechen half nichts, das Prinzchen tat weiterhin so, als sei die – gewöhnlich über alles geliebte – Krippe der schlimmste Ort auf diesem Planeten. Nach zwei Stunden heulen und zetern sah er aus wie eines der Staatskinder aus dem SVP-Extrablatt und ich wohl so gar nicht wie die kaltherzige Karrierefrau, die ihr Kind ins Kindergefängnis steckt, von der die SVP immer schwadroniert, sondern viel eher wie eine verzweifelte, überforderte Hippie-Tante, die ganz dringend einen Termin beim Guru braucht. Irgendwie schaffte ich es, meinen renitenten Sohn in der Krippe abzugeben, musste mich aber damit abfinden, dass heute nichts aus schreiben im Zug wird. Ich muss nämlich in Reichweite bleiben, falls das Prinzchen auch den Betreuerinnen die Ohren voll heult und früher abgeholt werden muss.
Da bleibt mir doch einfach nichts anderes übrig, als ein kurzes Bad im Selbstmitleid, ehe ich mich daran mache, in den Räumen, denen ich heute hatte entfliehen wollen, die Inspiration zusammenzukratzen, die sich irgendwo, zwischen schmutzigem Frühstücksgeschirr, vergessenen Schulaufgaben der Kinder und halbfertigen Strickarbeiten verborgen hat.
Tut mir Leid, ich kann da nicht weiterhelfen
Seit längerer Zeit habe ich mich nicht mehr damit befasst, was Leser bei mir zu finden hoffen. Weil mir jedoch in den vergangenen Tagen eine Suchanfrage immer wieder ins Auge gestochen ist, habe ich das Gefühl, klarstellen zu müssen, wo ich nicht weiterhelfen kann.
Die Suchanfrage, die mich nachdenklich gestimmt hat, lautete folgendermassen: „Wie mache ich meinen Chef von mir abhängig?“ Zwei Dinge finde ich daran äusserst beunruhigend, nämlich 1. Was für eine Art Mensch bist du, wenn du deinen Chef von dir abhängig machen willst? Ich meine, ist das wirklich erstrebenswert, einen Menschen zu haben, der dauernd hinter dir her hechelt, weil er sich ohne deine Hilfe nicht mehr zurechtfindet? Was, wenn der Schuss nach hinten losgeht, und der Chef nicht mehr ohne dich entscheiden kann, welche Krawatte er anziehen soll, was am Abend auf den Tisch kommt und was er seine Schwiegermama zum Muttertag schenken könnte? 2. finde ich es äusserst bedenklich, dass der Hilfesuchende ausgerechnet bei mir gelandet ist. Wenn man bei mir eines lernen kann, dann dies, wie man einen Chef davon überzeugen kann, dass es auch ohne dich geht. Ich könnte dir sagen, zu welchem Zeitpunkt du ein Kind bekommen solltest, damit deine Stelle schmerzlos wegrationiert werden kann, ich kann dir beibringen, wie du erfolgreich an deinem Chef vorbeiredest und eine Mauer aus Missverständnissen aufbaust. Aber damit wirst du kaum erreichen, dass der Kerl von dir abhängig wird, also frag mich bitte nicht mehr danach, okay?
Auch auf die Frage „Wie kann man so verantwortungslos sein mit Tieren?“ weiss ich leider keine Antwort, obschon ich schon mein halbes Leben danach suche. Ich kann dir höchstens sagen, wie ich selber mit der Problematik umzugehen versuche: Kein Fleisch essen, für die Familie nur Fleisch aus anständiger Herkunft zubereiten, Haustiere möglichst artgerecht halten, nach Möglichkeiten suchen, wie der Garten zum Lebensraum für Kleinlebewesen werden kann und den Kindern beibringen, dass Tiere wertvolle Geschöpfe sind, die es verdient haben, mit Sorgfalt und Liebe behandelt zu werden. Mehr kann ich leider nicht tun, aber glaub mir, sobald ich herausgefunden habe, wie man die Verantwortungslosigkeit gegenüber Tieren stoppt, werde ich meine Erkenntnisse mit dir teilen. Versprochen.
Leider muss ich auch euch enttäuschen, die ihr bei mir Hilfe zum Ämtliplan sucht. Ich weiss, euer Bedürfnis, mehr Ordnung in die Erledigung von Haushaltpflichten zu bringen, ist gross, aber da seid ihr bei mir eindeutig an der falschen Adresse. Klar, ich habe auch schon Ämtlipläne erstellt, von daher könnte ich euch zumindest in gestalterischer Hinsicht ein paar Tipps geben, aber meist liegt das Problem ja in der Umsetzung, nicht in der Gestaltung. Und bei der Umsetzung hapert’s bei mir wohl noch mehr als bei euch.
Auch in anderen von euch gesuchten Bereichen – von der Nuggi-Entwöhnung über das Moderieren von Gottesdiensten bis hin zu „Magen Darm 2013“ – bin ich schlicht zu wenig qualifiziert, um euch weiterzuhelfen. Vielleicht könnte ich euch den einen oder anderen Hinweis zum erfolgreichen Scheitern mit auf den Weg geben, mehr aber leider nicht. In einem einzigen von euch gesuchten Bereich bin ich ein wahrer Experte: Bei „Majestix ich fühle mich so müde“ bin ich kaum zu übertreffen. Nicht nur, weil ich die alten – und nur diese, auf die Neuen pfeife ich – Asterix-Bände in- und auswendig kenne, sondern vor allem, weil ich im Fach Müdesein Majestix, den Chef, locker übertreffe.
Blockadepolitik
Hier sitzen wir nun also in meinem Büro, die Schreibblockade und ich, unter scharfer Beobachtung von drei nervösen Wachteln und zwei aufgedrehten Nymphensittichen namens Boris und Doris. Im Terminkalender hatte ich mir für heute ein Treffen mit der Muse eingetragen, aber stattdessen wartete einmal mehr die griesgrämige alte Schreibblockade auf mich, als ich endlich den Mut aufbrachte, die Bürotür zu öffnen. Ich muss geahnt haben, dass sie hier sein würde, darum habe ich vorhin wohl so lange gezögert, als „Meiner“ mich drängte, das dreckige Frühstücksgeschirr endlich hinter mir zu lassen und mich der Schreiberei zu widmen. Tja, und so sitzen wir uns einmal mehr gegenüber, starren einander feindselig an und werfen einander gehässige Vorwürfe an den Kopf:
Ich: „Du schon wieder! Ich hab‘ für heute doch die Muse bestellt.“
Schreibblockade: „Die ist leider verhindert und hat stattdessen mich geschickt. Du machst dir ja keine Vorstellung, was die Muse an so einem kalten Samstag alles zu tun hat. Die Kälte treibt die Leute in die Schreibstuben und es gibt nun mal begabtere Menschen als dich, die auf der Warteliste der Muse weiter oben stehen.“
Ich: „Klar gibt es begabtere, aber immerhin bietet man auch mir wieder die Gelegenheit, etwas zu veröffentlichen und die Ideen dazu habe ich auch schon glasklar in meinem Kopf. Eine kurze Unterredung mit der Muse würde ausreichen, um die Schleusen zu öffnen, damit an einem Schreibtag mehr als nur Kurzkapitel zustande kommen.“
Schreibblockade: „Du glaubst doch nicht im Ernst, es würde mehr drin liegen als ein paar lausige Blogeinträge. Ach ja, dann hast du noch diese Korrektur fertigzustellen. Aber danach kannst du dein Büro ganz getrost wieder den Gefiederten überlassen. Wann erkennst du endlich, dass du nicht mehr drauf hast?“
Ich: „Man hat mich immerhin angefragt…“
Schreibblockade: „Hat man, ja, aber ganz bestimmt nur aus Mitleid, weil die arme Irre in den vergangenen Monaten etwas gar viele Tiefschläge hat einstecken müssen.“
Ich: „Vielleicht hast du Recht… Meinst du, ich sollte die Sache aufgeben?“
Schreibblockade: „Das solltest du.“
Ich: „Aber ich habe zugesagt. Und ich platze beinahe vor Freude und Ideen. Diese Geschichte könnte wirklich ganz witzig werden. Sie wird demnächst aus mir herausbrechen, das spüre ich. Wenn du nur endlich den Weg freigeben würdest…“
Schreibblockade: „Darauf kannst du lange warten.“
Ich: „Ach komm doch, hab dich nicht so. Was hast du eigentlich gegen mich?“
Schreibblockade: „Nichts. Solange du am Herd stehst, deinen Kindern Bücher erzählst und den Boden fegst finde ich dich ganz okay. Du kannst von mir aus auch bloggen, Kolumnen schreiben und kleinere Schreibaufträge entgegennehmen. Ich stelle mich nicht in deinen Weg…“
Ich: „Von wegen! Seit Tagen schon hinderst du mich daran, in diesen Schreibfluss zu kommen…“
Schreibblockade: „Ist ja auch viel zu kalt zum Schwimmen.“
Ich: „Haha, sehr witzig. Du weisst genau, wovon ich rede.“
Schreibblockade: „Nein, keine Ahnung. Der Schreibfluss gehört ganz der Muse und die ist nun mal nicht da, also reden wir über die Dinge, von denen ich etwas verstehe. Wie lautet noch mal dein erster Satz?“
Ich: „Du glaubst doch nicht, dass ich den hier veröffentliche? Der kann sich noch tausendmal ändern.“
Schreibblockade: „Das sollte er sich auch. So, wie er jetzt dasteht, werden die Leser das Buch in die nächste Ecke schmeissen und nie wieder zur Hand nehmen.“
Ich: „Herzlichen Dank für deine ermutigenden Worte.“
Schreibblockade: „Kommt wirklich von Herzen, jederzeit gerne wieder.“
Ich: „Danke, ich bin bedient. Du darfst jetzt gehen…“
Schreibblockade: „Aber nicht doch, ich habe mir den ganzen Tag für dich freigehalten. Einer muss sich ja um dich kümmern, wo die Muse doch schon keine Zeit für dich hat. Reichst du mir mal den Beststeller, der dort in deinem Regal steht. Ich fang mal an zu lesen, damit ich dir sagen kann, was du alles falsch gemacht hast, wenn du dann endlich ein paar Sätze produziert hast.“
So liegen die Dinge
Auf dem Salontisch liegt „Melnitz“. Seit Wochen schon aufgeschlagen auf der gleichen Seite wartet der Schinken darauf, bis ich endlich Zeit finde, ihm die Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen, die er verdient hat.
Auf dem Küchentisch liegt das angefangene Vorderteil einer Strickarbeit, die irgendwann zu Luises Strickkleid werden soll. Das Rückenteil ist zwar bereits geschafft, aber das hilft auch nichts, wenn das Vorderteil langsamer wächst als Luise.
Vor der Wohnungstüre liegt ein Berg von Winterjacken, der Besuchern den Eindruck vermittelt, Vendittis liessen sich nun voll und ganz gehen. In Wirklichkeit hat sich nur der neue Kleiderständer gehen lassen, aber das glaubt natürlich keiner, der je gesehen hat, zu welchem Chaos wir fähig sind.
In der Küche liegt ein Kistchen voller Bitterorangen, die darauf warten, endlich zu Marmelade verarbeitet zu werden. Währenddem sie immer kleiner und unscheinbarer werden, wächst mein Frust ins Unermessliche, weil ich mich beim Kauf so sehr darauf gefreut hatte, wieder hausgemachte Bitterorangen-Marmelade auf den Toast zu schmieren.
Auf dem Bürotisch liegt die Steuererklärung, die ich dieses Jahr unbedingt vor dem Abgabetermin einreichen will. Einfach, um mir selbst zu beweisen, dass ich das kann, wenn ich nur richtig will.
Auf meinem Gewissen lastet der Gedanke, dass noch immer nicht alle Kinder ihre versprochene Bestechung – also, ich meine natürlich Belohnung – für für ihr Wohlverhalten bekommen haben.
Auf der Festplatte meines Laptops liegen zwei Manuskripte, die ganz dringend weiterbearbeitet werden wollen.
Ums Haus herum liegt Schnee, den ich unbedingt wegschaufeln sollte, damit sich nicht doch noch irgendwann einer ein Bein bricht.
Tag für Tag bleibt liegen, was ich müsste oder zumindest möchte, denn Morgen für Morgen klopft das Leben an meine Tür und stellt mich vor Herausforderungen, mit denen ich nicht im Traum gerechnet hatte. Wie naiv war ich doch gewesen, zu glauben, mein Leben werde etwas geordneter und überschaubarer, wenn ich nicht mehr ausser Hause arbeite. Wie dumm von mir, zu erwarten, ich könnte irgendwann wieder damit zurückfahren, mich rund um die Uhr nach den Bedürfnissen meiner Mitmenschen zu richten, nachdem ich genau dies habe lernen müssen, als ich Mutter wurde.









