Schulsystemschmerz

Immer und immer wieder trabst du zum Elterngespräch an, lässt dir aufzählen, was dein Kind alles nicht so hinkriegt, wie es hingekriegt werden müsste. Tag für Tag bemühst du dich mit aller Kraft darum, dein Kind auf die Schiene zu schieben, auf die es irgendwann kommen muss, wenn es im Berufsleben bestehen will. Weil alles nichts bringt, ringst du dich irgendwann zu einem Besuch bei der Schulpsychologin durch. Zahlreiche Termine, die das Familienleben auf den Kopf stellen. Fragen, die dir das Gefühl geben, als wolle man zuerst mal herausfinden, ob du als Mutter überhaupt etwas taugst. Tests, die das Kind nicht so richtig versteht. Nach Monaten dann das Schlussresultat: Nichts Auffälliges. 

Das tägliche Schuldrama geht dennoch weiter, wird sogar immer schlimmer. Wieder zahlreiche Gespräche mit der Lehrerin, bei denen man sich gegenseitig versichert, wie wichtig man es findet, dass dem Kind geholfen wird. Irgendwann bist du mürbe genug, um beim Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst anzuklopfen. Zuerst ein endloser Fragebogen, bei dem du dich als Mutter fast bis auf die Knochen entblössen musst, gerade so, als läge es einzig und alleine an dir, dass bei deinem Kind nicht alles so läuft, wie das System es nun mal vorgibt. Auch über das Kind beantwortest du intimste Fragen und hoffst, dass du das Kreuz nicht am falschen Ort setzt und damit ein nicht widerrufbares Urteil über dein Kind fällst. Derweilen spielt die Psychologin mit deinem Kind, fragt, analysiert, stellt Testaufgaben. Dann kommen die vertieften Tests, natürlich immer schön über viele Monate hingezogen, so dass du sehr oft den Familienalltag um irgend einen quer im Kalender liegenden Termin herum büscheln darfst.

Es dauert lange, bis ein Zwischenresultat da ist, noch länger, bis am Ende klar ist: Ja, da gibt es ein paar Steine im Weg, die dem Kind verunmöglichen, genau so in der Spur zu laufen, wie das System es sich wünscht. Es sind keine Felsbrocken, die ihm den Weg ganz versperren, aber auch keine Kieselsteine, die sich mit dem richtigen Schuhwerk in den Griff bekommen lassen. Die Psychologin macht Hoffnung, mit spezieller Förderung liesse sich einiges machen. Auch das Verhalten deines Kindes lässt dich hoffen. So viele Dinge, mit denen du dich seit Jahren herumgeschlagen hast, sind wie weggeblasen, immer öfter hast du Anlass, es aus tiefstem Herzen für eine gelungene Sache zu loben.

Dann die Ernüchterung: In der Schule läuft es offenbar gleich wie bisher, die Lehrerin ist mit der Geduld am Ende. Du glaubst, das Resultat der Tests und Analysen würden dein Kind entlasten, doch das tun sie nicht. Wäre dein Kind schwächer, wäre das System bereit, ihm zu helfen. Aber so, wie es ist? Nicht schwach genug. Zu stark, um eine Berechtigung zu haben, sich beim Wegräumen der Steine helfen zu lassen, zu stark, um auf etwas Gnade hoffen zu dürfen. „Aber eben trotzdem zu schwach“, wendest du ein, doch das bewirkt nichts. Bereits im Frühjahr wurde festgelegt, wer Anspruch auf Hilfe hat, wer erst jetzt fertig analysiert ist, kommt zu spät. Und überhaupt: Der Grenzwert für jene, die Anrecht auf Hilfe haben, ist klar festgelegt und dein Kind liegt knapp darüber. 

Wie es weitergeht? Du weisst es nicht. Aber du ahnst, dass die Last, dem Kind durch dieses System hindurch zu helfen, einzig und alleine auf den Schultern der Eltern zu liegen kommt.

img_8125-small

 

Wie viel Abenteuer liegt drin?

Lange haben wir nicht mal den Kindern viel davon erzählt, doch jetzt, wo das Projekt bewilligt ist und die Schuldispens der Kinder schriftlich vorliegt, dreht sich fast alles nur noch um diese zwei Monate, die wir im kommenden Frühling im Ausland verbringen werden. Die Reaktionen der Kinder reichen von „Ich weigere mich, zu packen und dann müsst ihr eben ohne mich gehen“ (Luise) über „Müssen dann alle anderen in den Kindergarten, nur ich nicht?“ (Prinzchen) bis zu „Wenn doch bloss schon April wäre…“ (Karlsson).

Die Reaktion von Freunden und Verwandten:

F & V: „Coooooool! Wohin geht ihr?“

Wir: „Südfrankreich.“

F & V: „Äääääh….“

Wir: „Die Kinder wollen auf gar keinen Fall in den Norden. Aber Südfrankreich ist ja auch toll. Und für unser Projekt ganz ideal…“

F & V: „Ääääääh….“

Ich kann die Reaktion durchaus verstehen. Mir ging’s anfangs ganz ähnlich. Da hat man einmal im Leben die Chance, mit der Familie zu verreisen und dann schafft man es nicht weiter als bis ins Nachbarland. Schon mal was von Südamerika gehört? Von Hawaii? Von Indien? Von Madagaskar? Oder von der Arktis?

Klar doch, ja, davon gehört haben wir auch schon und von der einen oder anderen Sache auch schon geträumt. Aber das alles ist uns…na ja, wie soll ich sagen?…ein wenig zu…also nur ein ganz kleines bisschen…zu…ääähm…abenteuerlich. Die Begegnungen mit fremden Kulturen fänden wir zwar durchaus reizvoll und auch vor einer langen, komplizierten Reise fürchten wir uns nicht –  Immerhin sind wir schon unversehrt der Deutschen Bahn entstiegen –  und nicht mal der Aufwand mit Visa, Impfungen und dergleichen würde uns abschrecken.

Die Sache, vor der wir uns fürchten, ist das eigene Familienchaos, das uns ganz bestimmt auch ins Ausland begleiten wird. Nur schon bei der Frage, ob Prinzchens Bä! eine Einreisebewilligung in die USA bekäme, wird’s kritisch. Oder nehmen wir mal an, eine ähnliche Geschichte wie diejenige mit Karlssons geplatztem Blinddarm würde sich in einem Land abspielen, dessen Sprache wir nicht mächtig sind… Allein schon beim Gedanken daran laufen mir kalte Schauer über den Rücken. Dann wären da noch der FeuerwehrRitterRömerPirat, der schon in Prag mit Reisedurchfall zu kämpfen hatte und  Zoowärters ausgeprägte Arachnophobie, die bereits im heimischen Garten zu einem echten Problem werden kann. Gewisse Reiseziele sind also zum Vornherein ausgeschlossen. Und was, wenn Luises Heimweh so schlimm wird, dass sie ganz dringend Besuch aus der Heimat braucht? Die Grossmama lässt sich bestimmt nicht nach Hong Kong einfliegen, aber über Südfrankreich liesse sie vielleicht mit sich reden, obschon sie Auslandreisen vor langer Zeit abgeschworen hat. Und dann wäre noch die Sache mit dem Homeschooling, die wir der Schule versprochen haben, damit sie unsere Kinder ziehen lassen. Das erste Protestgeschrei – „Nein, wir schreiben ganz bestimmt keinen Reiseblog! Wie doof ist denn das?!“ – lässt mich ahnen, dass in diesem Bereich mit Widerstand zu rechnen ist.

So schön es auch sein mag, Länder zu bereisen, die wir noch nie bereist haben, das Abenteuer, mit unserer Familie unterwegs zu sein, bietet mehr als genug Potential für Überraschungen. Da bleiben wir doch lieber in der Nähe, wo uns die Dinge mehr oder weniger vertraut sind.

Ach, herrje, wie klingt dieser letzte Satz doch kleinkariert!

img_1526

Gewohnt ungewöhnlich

Er ist gekommen, der Tag, an dem ich zur nicht ganz schmerzfreien Erkenntnis komme, dass es gewöhnliche Tage in meinem Leben ganz einfach nicht gibt. Ich meine diese Tage, an denen du abends zufrieden sagen kannst, dass du mehr oder weniger das erreicht hast, was du dir am Morgen vorgenommen hast. Tage, die so vollkommen frei waren von Drama, dass du abends nicht so recht weisst, was du bloggen sollst. Okay, manchmal schreibe ich abends wirklich nicht mehr, dann aber meistens, weil ich vollkommen durch den Wind bin, weil der Tag mal wieder gemacht hat, was er will.

Dabei gibt es in meinem Leben inzwischen durchaus Tage, die das Potential dazu hätten, ganz vorhersehbar und langweilig zu werden. Heute zum Beispiel standen die Chancen so gut wie noch selten: Vier Kinder von acht bis halb drei auf Sternwanderung, „Meiner“ mit seiner Schulklasse ebenfalls irgendwo im Wald und Karlsson auf einer Betriebsbesichtigung im Medienhaus, weil er sich – unter gewissen Umständen, vielleicht, wenn nichts anderes interessanter ist – vorstellen könnte, irgendwann mal in Mamas journalistische Fussstapfen zu treten. Eine seltene Gelegenheit also, mal in aller Seelenruhe meine Zeitungskolumne zu schreiben, ein paar Interviewpartnerinnen anzurufen, einen Text fertig zu stellen und später vielleicht bei einem Waldspaziergang die Herbstsonne zu geniessen. Mit etwas Glück würde ich sogar noch ein wenig an meinem Nicht-Pflichtstoff weiter schreiben. Ein halbes Kapitel, vielleicht sogar ein ganzes…

Natürlich kam es mal wieder anders: Ein Anruf der Kindergärtnerin aus dem Wald. Das Prinzchen habe sich am Kopf verletzt, ich müsse ihn holen kommen. Kein Problem, Frau Kindergärtnerin, ich lasse selbstverständlich alles stehen und liegen, teile der Redaktion mit, dass die Kolumne sich verspätet und dann sehe ich mal, wo ich ein Auto auftreiben kann, weil unseres gerade nicht zu Hause ist. Meine Schwester kann einspringen, allerdings nicht allzu lange, denn nachher muss ihr Mann zur Arbeit. Eine halbe Stunde lang kurven wir durch den Wald, finden zahlreiche Schulklassen, doch leider nicht die Kindergartenklasse des Prinzchens und weil die Leute aus dem Dorf leider auch nicht wissen, wo der gesuchte Weg ist, fahren wir zurück nach Hause, wo ich noch einmal die Kindergärtnerin anrufe (Nein, ich habe leider derzeit kein Handy und nein, ich will nicht erzählen, wie es dazu gekommen ist. Diese Geschichte ist schlicht zu langweilig.) Ich bekomme eine etwas exaktere Wegbeschreibung, der Nachbar ist so freundlich, mich diesmal in den Wald zu chauffieren. Wieder finden wir den gesuchten Weg nicht, wieder nach Hause, um die Kindergärtnerin um eine noch etwas genauere Wegbeschreibung zu bitten. Und ihr zu sagen, sie solle doch bitte, bitte, bitte, wenn es sich irgendwie machen liesse, an die Strasse runter kommen mit dem Prinzchen, damit wir ihn diesmal auch ganz sicher finden würden.

Das klappt, fast zwei Stunden nach dem Anruf und damit auch deutlich nach dem Abgabetermin meiner Kolumne nehme ich ein ziemlich trauriges aber Gott sei Dank nur leicht verletztes Prinzchen in Empfang. Nach der Erstversorgung ist klar, dass es für einmal ohne Notarzt geht und so kann ich mich –  ohne mir vorwerfen zu müssen, eine Rabenmutter zu sein –  meinem Text zuwenden, bis die Mittagspause der Apotheke vorbei ist und ich Pflasterstreifen holen kann.

Ist es unzerbrüchlicher Optimismus oder grenzenlose Naivität, dass ich mir am Ende des Schreibens und vor der Apotheke ein kurzes Bad gönnen will, um wenigstens noch einen Hauch von Freiheit zu geniessen? Egal, was von beidem es ist, nach dem dritten Anruf innerhalb von zehn Minuten ist klar, dass so etwas einfach nicht geht. Mama Venditti soll sich unterstehen, mitten in der Woche so zu tun, als hätte sie Anrecht auf eine kleine Verschnaufpause. 

Tja, und dann, als Prinzchens Wunde endlich geklebt ist, sind auch schon wieder alle zu Hause und der Teil des Tages, der für einmal ganz langweilig und vorhersehbar mir hätte gehören sollen, ist in gewohnter Ungewöhnlichkeit an mir vorbeigegangen. 

image2

 

Die Glucke und der Zoowärter

Ich: „So allmählich wäre es an der Zeit, dass der Zoowärter wieder zur Schule geht. Mir scheint, ihm gehe es wieder prächtig.“

Glucke: „Hast du den Verstand verloren? Der Junge hat eine Hirnhautentzündung hinter sich…“

Ich: „…die sich als viel weniger schlimm herausgestellt hat als erwartet…“

Glucke (vollkommen unbeirrt): „…und braucht jetzt ganz viel Ruhe…“

Ich: „Ach ja, der Junge braucht Ruhe? Warum gönnt er sie sich dann nicht und spielt den ganzen Tag?“

Glucke: „Spielen nennst du das? Der arme Kleine sitzt den ganzen Tag still auf dem Sofa und liest Comics. Er ist nur noch ein Schatten seiner selbst, kein Funken Energie, nicht mal richtig Appetit hat er…“ (Ein lautes Schluchzen hindert die Glucke daran, weiterzureden)

Ich: „Oh ja, ein Schatten seiner selbst, so sehe ich das auch. Darum ist er neulich, als wir bei Freunden waren, den ganzen Abend im Garten herumgetobt.“

Glucke (immer noch schluchzend): „Und danach war er völlig fertig, der Arme…“

Ich: „Natürlich war er völlig fertig. Hat sich ja auch total verausgabt und dies ein paar Tage nachdem er aus dem Spital entlassen worden war…“

Glucke: „Und so willst du ihn in die Schule gehen lassen, du herzloses Miststück?“

Ich: „Nun aber mal langsam, meine Liebe. Ich will ihn ja nicht den ganzen Tag schicken, nur ein paar Stunden, zum Angewöh…“

Das Klingeln des Telefons unterbricht mich. Es ist die Lehrerin. Sie möchte, dass der Zoowärter am nächsten Tag in die Schule kommt, weil ein Besuch beim Schulzahnarzt bevorsteht, der nicht nachgeholt werden kann. Ich willige ein, füge aber, als ich den bösen Blick der Glucke bemerke, noch hinzu: „Aber nach dem Zahnarztbesuch soll er gleich wieder nach Hause kommen. Turnen hat der Arzt nämlich noch nicht erlaubt.“

Glucke (schäumend vor Wut): „Du lässt ihn also gehen…“

Ich: „Ja, ich lasse ihn gehen. Dann wissen wir auch gleich, ob er schon fit genug ist.“

Schweren Herzens liess die Glucke ihren „armen, schwachen Zoowärter“ heute früh ziehen. Ein Wunder, dass sie nicht geheult hat. „Komm sofort wieder nach Hause, wenn du beim Zahnarzt warst. Und lass dich von deinen Freunden nicht überreden, den ganzen Morgen zu bleiben…“ Der Zoowärter ging, ohne die Glucke nur eines einzigen Blickes zu würdigen. Drei Stunden später war er noch immer nicht zurück…

Ich: „Wo wohl der Zoowärter bleibt? Der Zahnarztbesuch sollte längst vorbei sein…“

Glucke: „Es ist ihm bestimmt etwas zugestossen…“

Ich: „Ach was, der wollte doch bloss mal wieder seine Freunde sehen.“

Glucke: „Und wenn ihm doch etwas zugestossen ist?“

Ich: „Nun mach kein Drama.“

Glucke: „Ich mach‘ kein Drama. Mir liegt bloss sein Wohlergehen am Herzen. Nicht wie dir. Du willst ihn doch nur loswerden, damit du morgens wieder ungestört arbeiten kannst.“

Ich: „Na hör mal, mir ist der Zoowärter ebenso wichtig wie dir…“

Glucke: „Ist er nicht!“

Ich: „Ist er doch!“

Glucke: „Ist er…“

Der Zoowärter kommt zur Tür herein. Die Schule ist aus. Er hat den ganzen langen Vormittag überstanden.

Glucke und ich: „Bist du müde? Hast du Kopfschmerzen?“

Zoowärter: „Nein, Kopfschmerzen nicht. Aber müde bin ich schon. Sehr müde.“

Glucke: „Siehst du, er muss unbedingt noch länger zu Hause bleiben.“

Ich: „Siehst du, wir können ihn Schritt für Schritt daran gewöhnen, wieder zur Schule zu gehen.“

image

Kleinkariert

Nun soll es also in der Innerschweiz dem Frühfranzösisch am den Kragen gehen. Zu anspruchsvoll für die Kinder, zu gering der Erfolg und überhaupt ist Englisch heutzutage viel wichtiger. Zugegeben, ich kann die Zweifel an der Methode, wie unseren Kindern Französisch beigebracht wird, durchaus nachvollziehen. Auch ich frage mich ernsthaft, wozu der FeuerwehrRitterRömerPirat drei zusätzliche Stunden in der Schule sitzt, wo er doch nach etwas mehr als einem Jahr nicht viel mehr als „Bonjour, je m’appelle FeuerwehrRitterRömerPirat et je parle un peu de Français“ fehlerfrei sagen kann. Dennoch stehe ich voll und ganz hinter der Idee, die Kinder früh mit Fremdsprachen – insbesondere mit Französisch – in Berührung zu bringen. 

Ja, ich weiss, das Französisch ziert sich gerne, wenn man versucht, es sich anzueignen; es zeigt sich längst nicht so zugänglich wie das Englisch, das vorgibt, fast gleich wie das Deutsch zu sein. Obendrein zwingt es einen, bei gewissen Lauten so zu tun, als hätte man sich eine schlimme Halskrankheit zugezogen. Erst wenn man die Sprache ein wenig beherrscht, zeigt sich ihre wahre Schönheit und bis es soweit ist, müssen sogar die Sprachbegabten unter uns ein wenig leiden.  Aber wir leben nun mal in einem Land, in dem man nur wenige Kilometer fahren muss, um mit Menschen in Kontakt zu kommen, die lieber beurre als Butter auf ihr Brot schmieren und da ist es meiner Meinung nach absolut peinlich, wenn man sich mit seinen Landsleuten auf Englisch unterhalten muss, weil das die einzige gemeinsame Sprache ist, die man spricht. 

„Aber die Romands geben sich ja auch keine Mühe, Deutsch zu lernen“, begehren jene auf, die den Französischunterricht bei jeder Gelegenheit geschwänzt haben. Sie beklagen sich über das – angebliche? – Desinteresse der Welschen, ohne zu merken, dass sie das, was sie den anderen ankreiden, ebenso sich selber vorwerfen könnten. Und ein paar Sätze später beginnen sie dann zu schwärmen, wie herrlich romantisch doch dieses Rumantsch sei und wie viel besser es doch wäre, man würde das in der Schule lernen. Eine äusserst kleinkarierte Haltung von Menschen, die in einem Land leben, das sich seiner Vielsprachigkeit rühmt, finde ich. Leider aber auch eine weit verbreitete und darum fürchte ich, es wird noch eine ganze Weile dauern, bis jeder Schulabgänger ganz selbstverständlich mindestens zwei unsrer vier Landessprachen halbwegs anständig beherrscht. 

(Und ja, Englisch ist auch wichtig. Aber es spricht ja nichts dagegen, sich mehr als eine Fremdsprache anzueignen.)

img_4218

Reifeprozesse

Es fing mit den Mandarinen an. „Neulich kam er schon wieder zu spät“, sagte die junge Kindergärtnerin ganz besorgt am Telefon, „und wissen Sie, was er gemacht hat? Er hat mit Mandarinen jongliert. Und hat einfach nicht gemerkt, dass er reinkommen muss.“ In der Stimme der Kindergärtnerin schwang jetzt Empörung mit und ich wusste, dass ich ein Problem hatte, auch wenn es in meinen Augen nicht sonderlich schlimm ist, wenn ein Fünfjähriger sich auf dem Kindergartenweg im Spiel vergisst. Wir zwei, der FeuerwehrRitterRömerPirat und ich, mussten also zu unserem ersten Gespräch antraben. 

Im zweiten Gespräch ging es um die Finken, die der Junge herumgeschmissen hatte. Ein schweres Vergehen in den Augen der Kindergärtnerin, ein physikalischer Versuch in den Augen unseres Sohnes, der nur wissen wollte, ob die Hausschuhe in der Luft bleiben, wenn man sie fliegen lässt. 

Im dritten Gespräch – das war dann schon in der Schule – ging es darum, dass unser Sohn die Zusammenarbeit verweigert, wenn ihm etwas nicht passt. „Er starrt dann stur geradeaus und bringt kein Wort mehr über die Lippen“, sagte die Lehrerin, mit ihrem Latein offensichtlich bereits am Ende, weil sie „so etwas noch nie erlebt“ hatte. Nun, für „Meinen“ und mich war das nichts Neues, so hatte sich der FeuerwehrRitterRömerPirat schon immer verhalten, wenn ihm etwas nicht passte. Auch wir waren zuweilen mit unserem Latein am Ende, aber wir wussten, dass er schon mitmacht, wenn er bereit ist dazu. Und wenn er mal bereit ist, dann macht er sogar richtig gut mit. „Das wird schon mit der Zeit“, sagten „Meiner“ und ich nach jedem Gespräch. 

Aber es wollte einfach nicht werden. Die ersten zwei Jahre verwunderte uns das nicht sonderlich, denn die Lehrerinnen und er hatten das Heu eindeutig nicht auf der gleichen Bühne. Im dritten Jahr aber verstanden auch wir die Welt nicht mehr, denn er mag seine Lehrerin wirklich und sie zeigte sich auch immer und immer wieder bereit, ihn zu verstehen. Noch mehr Elterngespräche, Überprüfen des Hausaufgabenheftes, Tests bei der Schulpsychologin, Analysen und Fragebogen – alles ziemlich wirkungslos. Zum Ende des Schuljahres bekamen wir eine lange Liste präsentiert auf der all die Tage aufgeführt waren, an denen der FeuerwehrRitterRömerPirat zu spät gekommen war oder an denen er die Hausaufgaben nicht gemacht oder zu Hause vergessen hatte. Es war eine sehr lange Liste und offen gestanden sank mir an dem Tag das Herz in die Hose, obschon die Lehrerin uns mehrmals vorgewarnt hatte. Würde das denn nie bessern? Natürlich wusste ich noch immer, dass das Kind etwas drauf hat und das er kann, wenn er will. Aber würde er jemals wollen?

Seit Beginn des neuen Schuljahrs ist auf einmal alles anders. Keine Ermahnungen mehr am Morgen, jeden Tag rechtzeitig aus dem Haus, freiwillig sagt er uns, welche Hausaufgaben er hat, ja, er lässt gar mit sich verhandeln, wann diese gemacht werden müssen. Nein, er ist nicht wie ausgewechselt, er ist noch immer in der Lage, seinem kleinen Bruder wegen nichts eins überzubraten, aber er zeigt jetzt im Schulalltag plötzlich den FeuerwehrRitterRömerPiraten, den wir von anderen Situationen kennen, Situationen, in denen er äusserst motiviert war.

Noch wage ich nicht, ein Jubelgeschrei anzustimmen. Zu oft haben wir in den vergangenen Jahren in der Schule antraben müssen, weil sich doch nichts geändert hatte. Dennoch glaube ich, dass es diesmal anders ist, denn diesmal sind nicht wir, die stupsen und ermahnen, sondern der FeuerwehrRitterRömerPirat der zeigen will, dass er es kann. Wenn das so weitergeht, kann ich wieder glauben, was ich schon immer für richtig gehalten hatte: Wenn er reif dazu ist, wird er es auch machen.

Zu dumm, dass unser Schulsystem keinen Raum lässt für solche Reifeprozesse. 

img_3352

Aber doch nicht schon am vierten Schultag…

Jeden Morgen die gleiche Leier:

„Komm jetzt endlich aus dem Bett, ich kann nicht ewig hier stehen und warten, bis du unter der Decke hervorgekrochen kommst und ich sicher bin, dass du auch wirklich wach bist.“

„An den Tisch! Jetzt! Sofort! Dein Kakao wird kalt.“

„Nicht noch eine Scheibe Toast. Du hast keine Zeit mehr. In zwanzig Minuten beginnt die Schule.“

„Anziehen, habe ich gesagt! Und dann Gesicht waschen, Zähne putzen und aus dem Haus!“

„ANZIEHEN! JETZT! SOFORT!“

„Nein, du hast jetzt keine Zeit, um mit den Katzen zu spielen. Wo ist dein T-Shirt?“

„Ja, ich weiss, dass du keine Lust hast auf Schule, aber es geht nun mal nicht anders. Zieh dich jetzt endlich fertig an.“

„Zähne putzen!“

„Schön, deine Zähne sind geputzt, aber was ist mit dem Gesicht? Du hast da überall noch Confiture.“

„Wie, du findest deine Sandalen nicht? Wo hast du sie denn gestern ausgezogen? Himmel, du kannst doch jetzt nicht das ganze Haus absuchen. In zehn  Minuten beginnt die Schule!“

„Wo ist dein Schulsack? Schnell, Znüni rein und los!“

„Okay, dann lege ich dir halt den Znüni in den Schulsack und du ziehst die Jacke an. Nein, nicht verkehrt herum. Wo sind deine Hausaufgaben? Ich hab dir gestern doch zehnmal gesagt, du sollst sie in den Schulsack legen. Dann such‘ sie, aber rasch, du kommst zu spät.“

„Nun sei nicht so eingeschnappt. Ich sitze dir jetzt schon eine volle Stunde im Nacken, weil du nicht vorwärts machst. Ein Wunder, dass ich nur nicht noch sagen muss, wann du ein- und ausatmen sollst. Los jetzt! Vorsicht auf der Strasse, wenn du so spät dran bist.“

Und dann, kurz bevor die Haustür endlich ins Schloss fällt: „Ich hab‘ dich liiiiiiieeeeeeb! Aber morgen nicht so ein Theater, bitte!“

Nein, diese Leier gilt jetzt nicht mehr dem FeuerwehrRitterRömerPiraten. Ich glaube, der hat sich nach zwei Jahren Kindergarten und drei Jahren Schule endlich damit abgefunden, dass man morgens raus muss und mir scheint gar, er wolle uns jetzt endlich beweisen, dass er es kann, wenn er nur will. Ich fürchte aber, er hat die Seuche an den Zoowärter weitergegeben. Ob es eine Impfung dagegen gibt, damit das Prinzchen den Käfer nicht auch noch aufliest?

(Na ja, ich wüsste schon, wie man dem abhelfen kann, aber damit wären wir bei der Schulpolitik und dazu schweige ich heute lieber.)

img_3456

Stundenplankapriolen

Je grösser die Kinder werden, umso mehr fühlt sich der Start eines neuen Schuljahres wie ein Gedächtnisspiel an. Nehmen wir zum Beispiel den Dienstagnachmittag:

Prinzchen: Frei
Zoowärter: Auch frei, aber meist bei einem seiner Freunde zu Besuch. Oder einer seiner Freunde ist bei uns. 
FeuerwehrRitterRömerPirat: Woche A nachmittags Unterricht, Woche B nachmittags frei, in jedem Fall aber Trompetenstunde um 16:05 im Nachbardorf. Und abends natürlich Fechten, aber soweit mag man mittags noch gar nicht denken, denn das Herausfinden, ob jetzt Woche A oder Woche B ist, nimmt das Gehirn voll und ganz in Beschlag.
Luise: Schule, aber erst um 14 Uhr, also viel Gelegenheit, um nach dem Mittagessen zu überlegen, ob sie noch etwas zu erledigen hat.
Karlsson: Ebenfalls Schule, ebenfalls erst um 14 Uhr, dafür fast bis 18 Uhr und die letzten zwei Lektionen im Nachbardorf. Nein, natürlich nicht im gleichen Nachbardorf wie der FeuerwehrRitterRömerPirat, das wäre zu einfach. 
„Meiner“: Unterricht und danach genau so lange Sitzung, dass es mir reicht, nervös zu werden, weil der FeuerwehrRitterRömerPirat doch endlich ins Fechttraining gefahren werden sollte, aber das Auto noch nicht da ist. 

Wie das bei den Spielen so ist, erreicht man nach einiger Zeit einen höheren Level. Bei mir sieht Level zwei so aus, zumindest für die kommenden drei Wochen:

Prinzchens bester Freund: Unterricht bis 15 Uhr, danach sollte er zu uns kommen, weil seine Eltern arbeiten und die übliche Kinderbetreuung noch ein paar Monate im Süden weilt. Meistens müssen wir aber erst nach ihm suchen gehen, denn irgendwie macht es auf dem Naturspielplatz einfach mehr Spass.
Zoowärters Freund: Woche A schulfrei, Woche B Unterricht, wenn ich mich recht erinnere, aber offen gestanden habe ich seinen Stundenplan nicht auswendig gelernt, weil wir nur bis Ende August auf ihn aufpassen.
Kleine Schwester von Zoowärters Freund, ebenfalls bis Ende August: Noch nicht schulpflichtig und darum äusserst interessiert daran, dass immer ein kleiner bis mittelgrosser Venditti oder zumindest eine Katze in Reichweite ist. Darf auf gar keinen Fall alleine im Garten sein, weil wir inzwischen einen ganz und gar kleinkinderuntauglichen Gartenteich haben. 

Ein wirklich herausforderndes Spiel, das mein Gedächtnis jung hält. Der Rest von mir sieht nach einem solchen Nachmittag aber ganz schön alt aus.

img_3498

 

Stundenplanwunder

Prinzchens Montag: 8:15 bis 11:40 und 13:30 bis 15:05

Zoowärters Montag: 8:15 bis 11:40 und 13:30 bis 15:40

Montag des FeuerwehrRitterRömerPiraten: 7:45 bis 11:40 und 13:30 bis 16:10

Luises Montag: 7:45 bis 11:40 und 13:30 bis 15:05

Karlssons Montag: 7:20 bis 11:40 und 13:30 bis 16:05

„Meiner“s Montag: 8:00 bis 11:45 und 13:30 bis 15:05

Mein Montag: Was auch immer auf MEINEM Programm steht und wehe, einer wagt es, montags krank zu sein oder sich von seinem Lehrer eine Stundenplanänderung unterjubeln zu lassen!

img_34811

 

 

 

 

Lieblingslehrerin

Ein einziges Jahr hat der Zoowärter bei ihr den Unterricht besucht und das auch nur jede zweite Woche eine Doppellektion. Also eigentlich fast nie. Dennoch hat er die Frau ins Herz geschlossen und darum war er auch ganz fürchterlich traurig, dass er im nächsten Schuljahr nicht mehr zu ihr darf. „Sie hat so viel gesungen mit uns. Und so viel gelacht“, sagte er. Die meisten anderen Lehrerinnen seien eben viel strenger, da gebe es nicht viel zum Lachen, fügte er noch an. Wenn er im Januar Geburtstag habe, wolle er einen Schulbesuch bei dieser lieben Lehrerin machen, sagte er noch.

Da ich meinen Mund nie halte, wenn mir etwas nicht passt, beschloss ich, für einmal meinen Mund auch dann nicht zu halten, wenn ich zufrieden bin. Also schrieb ich der Lehrerin, wie glücklich der Zoowärter bei ihr gewesen sei und bedankte mich dafür, dass sie den Kindern Freude in den Schulalltag bringt. 

Die Antwort der Lehrerin berührte mich tief, denn aus ihren Zeilen las ich, dass sie den Zoowärter so mag, wie er ist. In den wenigen Stunden, in denen sie mit ihm gearbeitet hat, ist sie seinem Wesen näher gekommen als manch einer, der deutlich mehr Zeit mit ihm verbringt. Man spürte, dass die Frau nicht nur von ihrem Job begeistert ist, sondern auch von den Kindern, mit denen sie arbeitet. 

Wäre ich der Zoowärter, dann wäre ich auch traurig über den Abschied. (Ich brauche aber noch nicht traurig zu sein, denn im nächsten Schuljahr hat das Prinzchen bei ihr Unterricht.)

img_2850