Alterserscheinungen

Zum ersten Mal zum Berufsberater, ohne dass es dabei um deine berufliche Zukunft gibt. Auf dem Desktop deines Computers das Curriculum Vitae deines Sohnes. (Warum fragen die eigentlich nicht einfach mich? Ich weiss doch noch genau, wie das war, als er geschlüpft ist.)

Krähenfüsse, die nicht kunstvoll um anderer Leute Augen gezeichnet sind.

Das Wort „Gross“, das bald schon vor dem Titel „Tante“ steht.

Damit verbunden die Erkenntnis, dass die Sache mit dem Kinderkriegen bald schon nicht mehr die Sache deiner Frauen-Generation sein wird. (Na ja, zumindest wenn man diese neumodische Sache mit dem Einfrieren von Eizellen ausser Acht lässt…)

Der Kaffeeverkäufer, der alle duzt, nur dich nicht.

Die Leichtfüssigkeit, mit der andere den steilen, mit Schnee bedeckten Weg, bewältigen.

Die Ungeduld, die über dich kommt, wenn eigentlich erwachsene Menschen in kindlicher Einfalt dir die Aufgaben zuschieben wollen, die das Leben ihnen stellt.

Das neue Selbstbewusstsein, nicht immer nur nett zu sein, sondern zuweilen auch deutlich zu sagen, was du nicht mit dir machen lässt. (Okay, ich geb’s zu, der Tonfall bleibt nett. Der wird wohl erst in der nächsten oder übernächsten Lebensphase so bissig, wie man es eigentlich meint.)

Die „Weisst du noch…“-Gespräche, die immer öfter in ganz unterschiedlichen Konstellationen stattfinden.

Der Gewissenskampf beim Schmücken des Tannenbaums: „Schämst du doch nicht mit all dem Zeug aus China? Hast du sie nicht gesehen, diese Bilder mit dem Farbstaub?“ „Schon, aber wie viele Jahre bleiben uns denn noch, um mit den Kindern unser ganz eigenes Weihnachtsfest zu feiern? Sie werden ja so schnell gross.“

Die Gedanken, was man noch alles mit dem Leben anstellen könnte, jetzt, wo die zeitlichen Freiräume immer grösser werden.

Wenn in dem Satz „Ich bin so glücklich, ich habe alle meine Rechnungen bezahlt und es bleibt noch etwas für die Steuern übrig“ nicht der kleinste Funken Ironie steckt. 

Sie ist eigentlich ganz okay, diese Lebensphase, du brauchst bloss etwas Zeit, dich daran zu gewöhnen.

Kaffeepause; Tamar Venditti

Voll peinlich

Das ist jetzt natürlich voll peinlich: Da posaune ich Ende November in alle Welt hinaus, die Sache mit dem Schnee und dem Winter sei nichts weiter als ein altes Märchen, das man nicht richtig ernst nehmen könne und heute, als ich aus dem Fenster schaue, sieht es draussen so aus:

Winterbild; Tamar Venditti

Ja, und jetzt stehe ich da wie der letzte Depp, der nicht hat glauben wollen, was die Wetterpropheten seit Tagen vorausgesagt haben. Ohne Winterschuhe, ohne Winterpneus am Auto und natürlich auch ohne anständige Winterausrüstung für die Kinder. Irgendwie so, wie ich mir das im Kindergottesdienst vorstellte, wenn sie sagten: „Wenn der Heiland kommt und du sitzt gerade im Kino, dann nimmt er dich nicht mit.“ und dann sangen sie dieses höhnische Lied, in dem es hiess „Du warst nicht vorbereitet…“

Okay, ganz vom Winterglauben abgefallen bin ich nicht, darum haben wir irgendwo, im hintersten Winkel eines Schrankes noch ein paar Sachen, die man eben braucht, wenn das weisse Zeugs vom Himmel fällt. Für die schlimmsten Härtefälle gibt’s ja noch den Ausverkauf. Und wir kommen auch ohne Auto aus für ein paar Tage. Gänzlich ausgeliefert sind wir also nicht.

Ich bin aber auch nicht bereit, wieder voll und ganz zum Winterglauben zurückzukehren, denn allzu lange wird die Klimaerwärmung sich ja wohl nicht zurückhalten können. Darum habe ich mir trotz Schneematsch nichts von dem warmen, gefütterten Zeugs für die Füsse gekauft, sondern die hier (Mit Karlssons Segen übrigens. Er meinte, es wäre peinlich, wenn eine wie ich plötzlich mit schwarzen Schuhen an den Füssen daherkommen würde.):

Gummistiefel; Tamar Venditti

Weihnachtsruhe

Drei kleine bis mittelgrosse Söhne, deren Weihnachtswünsche trotz der Sache mit dem falsch gelieferten Paket noch in Erfüllung gegangen sind. Drei ziemlich herausfordernde Lego-Modelle, die diese drei kleinen bis mittelgrossen Söhne voll und ganz beschäftigt halten und ausserdem am Streiten hindern. Zwei Teenager, die einander gegenseitig unterhalten. Zwei ziemlich faule Eltern, die nicht viel mehr vom Leben wollen als ein wenig Zeitungsnachlese, Downton Abbey und Grüntee-Cupcakes.

Wäre da nicht die Verwandtschaft aus dem Süden, die einen auf Trab hält, könnten wir glatt auf die Idee kommen, uns zu entspannen.

sale e fungo

sale e fungo; prettyvenditti.jetzt

Beweismaterial

Vielleicht sollten auch Nostalgiker wie ich sich hin und wieder von altem Ramsch trennen. Zumindest diesen Mathe-Ordner aus der Oberstufe hätte ich wohl besser entsorgt, anstatt ihn in einem Anfall von „Eines Tages kann man den vielleicht wieder brauchen“ zuhinterst im Estrich zu versorgen. Heute nämlich hat ihn der Zoowärter ausgegraben und jetzt glaubt mir natürlich keiner mehr, dass der Matheunterricht eine reine Qual war. „Aber Mama, in dem Ordner hat’s ja überall Disney-Bildchen drin“, sagen sie jetzt und wollen mir nicht glauben, dass das alles nur Zuckerguss war, um eine bittere Pille schmackhafter zu machen? So wie die Eisentabletten, die ich in der Schwangerschaft jeweils schlucken musste: Aussen pink und zuckersüss, innen rabenschwarz und bitter.

Und das ist noch nicht mal das Schlimmste an der Sache. Jetzt können die nämlich alle sehen, dass mein Lehrer, der im persönlichen Umgang eine absolute Niete war, wirklich ganz verständliche Erklärungen schreiben konnte. Hätte ich mir je die Mühe genommen, seine Ausführungen zu lesen, wäre mir vielleicht sogar das eine oder andere Licht aufgegangen. Aber ich las natürlich nicht, denn der Lehrer hatte mir schon bald einmal zu verstehen gegeben, das mit mir und der Mathematik werde nie etwas, es sei denn, ich würde einen Therapeuten aufsuchen. Eine Aussage, die zu jenen Zeiten noch ein absoluter Affront war, denn Therapie war etwas für die hoffnungslosen Fälle. Und überhaupt: In meiner Familie konnte keiner rechnen, warum also sollte ausgerechnet ich das Zeug verstehen?

Aber ich schweife ab. Eigentlich wollte ich sagen, dass meine Familie mir jetzt natürlich nicht mehr glaubt, wenn ich erzählen will, wie sehr ich gelitten habe in der Schule. „Aber du hättest doch nur diesen tollen Ordner studieren müssen, dann hättest du es bestimmt verstanden“, werden sie sagen. „Würde man mir das Zeug auf diese Weise näher bringen, ich würde bestimmt mehr lernen“, werden sie behaupten. „Du hast gesagt, dein Lehrer sei eine Katastrophe gewesen, aber du hast ganz offensichtlich übertrieben“, werden sie mir vorwerfen. Und das nur, weil der Ordner so viel besser als der Unterricht war.

Einen Vorteil hat es allerdings, dass ich diesen Ordner nicht weggeschmissen habe: Meine Kinder haben jetzt ganz viele Algebra-Arbeitsblätter, vollkommen unberührt und ungelöst. Denn wie ich beim Durchsehen des Materials festgestellt habe, habe ich damals nicht nur die Prüfungsblätter jeweils blütenweiss zurückgegeben, auch die Hausaufgaben blieben frei von meinen Buchstaben.  

Einzig Donald Ducks Schnabel habe ich hin und wieder ausgemalt. 

Kleiner Nachtrag

Inzwischen ist ein weiterer Vorteil aufgetaucht. Für meine Teenager habe ich jetzt nämlich so etwas wie eine wilde Vergangenheit: „Echt, Mama? Du hast deine Matheaufgaben nie gemacht und hast keinen einzigen Eintrag bekommen? Voll krass!“

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Sechs Dinge, die mir zeigen, dass ich zum alten Eisen gehöre

  • Zweimal bis ein Uhr nachts Sachen für den Adventsmarkt fertigstellen, ein Tag am Marktstand, eine Gottesdienstmoderation und mein Körper spielt die beleidigte Leberwurst. Führt sich auf wie ein übellauniger Teenager, der den ganzen Tag nur noch schlafen, herumlümmeln und sich mit Koffein volllaufen lassen will. 
  • Ich muss mir von meinen Kindern erklären lassen, wie Android funktioniert. Apple ist ja sowas von altmodisch. Elternkram halt.
  • Die Hits, zu denen wir als Teenager getanzt haben, bekomme ich heute auf der Trompete vorgeblasen. 
  • Meine Ansichten kommen aus der Mode. Nein, sie haben sich nicht grundlegend geändert, sie sind einfach nicht mehr so gefragt. Wer in sein will, bekommt keine Gänsehaut, wenn er an den Fall des Eisernen Vorhangs denkt, sondern ärgert sich über die Herausforderungen, die das Ganze mit sich gebracht hat. Wer in sein will, sieht im Fremden auch keine Chance zur Horizonterweiterung, sondern einzig und allein eine Bedrohung. (Na ja, immerhin sind wir noch nicht so weit, dass Ecopop an der Abstimmungsurne eine Chance hatte…) 
  • Wenn mir junge Frauen erzählen, wie das heutzutage so läuft zwischen Männlein und Weiblein, überkommt mich ein unbändiger Drang, mich bei Alice Schwarzer auszuheulen. (Dabei bin ich nicht mal besonders feministisch, sondern vertrete noch immer die Ansicht, der Welt ginge es am besten, würden Frauen und Männer endlich zusammenspannen.)
  • Ich verstehe gewisse junge Mütter nicht mehr. (Laufgitter? Kinderleine? Anschnallen im Hochstuhl? Das kann doch nicht euer Ernst sein.)

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Unausstehlich

Heute war mal wieder so ein richtiger „mies gelaunte Mama“-Tag. So einer mit „Nun hört mal endlich auf, mir auf den Nerven rumzutanzen! Seht ihr denn nicht, dass mir heute alles krumm läuft?“, herumbrüllen und kurz angebundenen Antworten. Erst ein kurzer Schwatz mit einem lieben Menschen vermochte mich ein wenig aufzuheitern. „Mama, du hast ja plötzlich wieder gelacht“, bemerkte Luise erstaunt, als wir wieder alleine waren. „Ich weiss, ich bin heute unausstehlich“, sagte ich seufzend und schämte mich für meine miserable Mama-Performance an diesem miesen Tag. „Ach, mach dir nichts draus“, schaltete sich Karlsson ins Gespräch ein. „Ich bin manchmal auch mies drauf und ziehe mich in mein Zimmer zurück. Du kannst dich ja nie zurückziehen, wir nehmen dich immer in Beschlag.“

An einem gewöhnlichen Tag würde ich mich über meinen sozialkompetenten Sohn freuen, an einem „mies gelaunte Mama“-Tag aber denke ich nur: „Oh je, der Arme. Hat sich so lange mit einer aufbrausenden Mama herumschlagen müssen, dass er schon ganz genau weiss, was er sagen muss, um sie wieder auf den Boden zu holen.“

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Ich sollte empört sein, aber…

Ich weiss, ich sollte empört sein, sollte ihm sagen, dass das so nicht geht. Ich sollte mit der Schule an einem Strick ziehen und ihm klar machen, dass mich sein Verhalten enttäuscht. Ich sollte ihm ins Gewissen reden, weil es nicht okay ist, der Musiklehrerin so lange gekonnt auf den Nerven herumzutanzen, bis sie ihn versetzt und schliesslich keinen anderen Ausweg mehr sieht, als ihn zum Arrest zu verdonnern, weil er mit seinen Kapriolen einfach weitermacht. Ich sollte ihm wirklich deutlich machen, dass ich so etwas nicht tolerieren kann. Vielleicht sollte auch ich noch eine Sanktion verhängen, damit er die Sache wirklich ernst nimmt. Wehret den Anfängen und so…

Natürlich wünschte sich die Schule, ich würde Karlsson so richtig die Leviten lesen, denn die Schule ist angewiesen auf Eltern, die sie ernst nehmen. Es ist ja nicht so, dass ich die Schule grundsätzlich nicht ernst nehmen würde, aber in diesem Fall werde ich es trotzdem nicht hinkriegen, die empörte Mama zu geben, die ihren Sprössling in die Schranken weist. 

Warum nicht? Weil Schwatzen und Kapriolen im Schulunterricht auf meiner Skala der Jugendsünden noch nicht zu den Vergehen gehören, die auch noch von elterlicher Seite sanktioniert werden müssen. Ja, Karlsson hat sich daneben benommen und die Lehrerin darf ihm durchaus in die Schranken weisen – obschon die Sache mit dem Arrest in meinen Augen etwas übertrieben ist. Was macht sie, wenn einer mal wirklich Mist baut? 

Meiner Meinung nach hätte ich aber nicht mal unbedingt ins Bild gesetzt werden müssen über diese Angelegenheit, denn ich sehe darin noch kein alarmierendes Verhalten, mit dem die Schule nicht alleine fertig werden könnte. Ich meine mich sogar zu erinnern, dass solche Episoden in einem gewissen Alter vollkommen normal sind und vermutlich ist nicht mal Karlssons Musiklehrerin ganz ohne sie durch ihre Schulzeit gekommen. 

Auf die Standpauke, als ich von Karlssons Arrest erfahren habe, habe ich deshalb verzichtet. Erstens, weil mein Sohn sehr wohl weiss, dass er sich daneben benommen hat und zweitens, weil er sofort durchschaut hätte, dass meine Empörung nur gespielt ist. Stattdessen habe ich ihm dargelegt, welche Vergehen auf meiner Skala der Jugendsünden mich zu sofortigen harten Sanktionen bewegen könnten.

Nur damit er nicht vergisst, dass ich nicht jeden Mist mit einem „Na ja, deine Strafe hast du ja bereits bekommen“ durchwinke. 

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Sie sind alle so irr und ich bin ihr Chef

Schuld an allem ist dieser Asthmaanfall. Keiner von diesen gewöhnlichen, die mit ein paar Hüben aus dem Inhalator abgewendet sind, sondern ein richtig heftiger. Einer, der dich tagelang ins Bett zwingt, der dich dazu veranlasst, mit schwacher Stimme bei der medizinischen Hotline ein Rezept für Notfallmedikamente zu erbetteln und der deine medizinisch ausgebildete Schwester zur Drohung verleitet, sie würde dich auf die Notfallstation bringen, wenn du nicht brav dein Kortison schlucken würdest. Ein Asthmaanfall, der dafür sorgt, dass du in deinem eigenen Familienleben nicht mehr der (meistens nicht wirklich) ruhende Pol bist, sondern lediglich ein Statist, der zwar hin und wieder mit heiserer Stimme einen kurzatmigen Befehl bellen darf, ansonsten aber nur dabei zuschauen kann, was diese Irren, die du deine Liebsten nennst, den ganzen Tag so treiben.

In diesem Haus kann es dir zum Beispiel passieren, dass du morgens um zwanzig nach fünf von Edith Piaf, die im Wohnzimmer ein äusserst melancholisches Konzert gibt, geweckt wirst. Gut, so etwas passiert dir nur, wenn du am Vorabend entschieden hast, auf dem Sofa zu schlafen, weil du „Deinem“ mit deinem andauernden Gebell nicht den Schlaf rauben willst. Netflix reinziehen kannst du dir ja auch nicht, wenn er neben dir schlafen sollte und Netflix brauchst du, weil das Kortison der Meinung ist, Schlaf sei eine vollkommen überbewertete Sache, die nur für Kinder und Memmen erschaffen worden ist. (Was zu Netflix noch zu sagen wäre: Dass ich nach den letzen Überbleibseln von „House of Cards“, zwei äusserst deprimierenden Independent-Filmen und einer mittelmässigen Literaturverfilmung inzwischen bei „Gossip Girl“ gelandet bin, sagt rein gar nichts über meinen Filmgeschmack aus, dafür aber sehr viel über die Auswirkungen von mangelhafter Sauerstoffzufuhr.)

Nun aber zurück zu Edith Piaf, die dich zu vollkommen unchristlicher Stunde aus dem doch noch gefundenen Schlaf reisst. Eingeladen hat sie dein fleissiger Ältester, der zu eben dieser unchristlichen Stunde die Zeit gekommen sieht, am Wohnzimmertisch an seinem Vortrag zu arbeiten und sich von Edith Mut zusingen zu lassen. Und Mut braucht er, denn er schreibt seinen Vortragstext gerade von Hand auf sehr viele Seiten Papier. Nicht etwa, weil er dich im Morgengrauen vor der Bitte um das Passwort für deinen Laptop hat verschonen wollen, sondern weil „man sich die Dinge viel besser merken kann, wenn man sie von Hand geschrieben hat“. Ich sag’s doch, dieses „Kind“ ist eindeutig im falschen Jahrhundert zur Welt gekommen…

Noch so eine Episode aus diesem Irrenhaus: Das Prinzchen bringt Guetzli aus dem Kindergarten nach Hause. Selber gebacken und nahezu rabenschwarz. Nein, nicht Oreo-Schwarz, sondern „Wir waren etwas zu lange im Ofen, vielleicht sieben oder acht Minuten“-Schwarz. Augenblicke später vernimmst du heftige Kampfgeräusche aus dem Prinzchenzimmer, bald darauf sind drei am heulen. Was ist geschehen? Das Prinzchen hat nicht auf Anhieb erkannt, dass die Tatsache, dass ihm der FeuerwehrRitterRömerPirat neulich einen Franken und ein Disney-Figürchen geschenkt hat, ihn automatisch dazu verpflichtet, ungefragt ein paar angebrannte Guetzli abzutreten. Es fliegen Fäuste und Gegenstände, der Zoowärter als eigentlich unbeteiligter Dritter wird irgendwie auch noch in die Sache hereingezogen, lautes Geheul und keiner ist Schuld. Höchste Zeit für die Statistin, mal wieder ein wenig zu bellen. Momente später ist alles wieder friedlich, der FeuerwehrRitterRömerPirat kommt mit einem rabenschwarzen Guetzli aus dem Prinzchenzimmer. „Es ist angebrannt“, sagt er. „Mir egal, nach dem Theater, das du veranstaltet hast, um eines zu bekommen, wird das Ding gegessen“, antwortet die Statistin vollkommen ungerührt. 

Dann noch diese Szene hier, die schon fast rührend ist: Du liegst im Bett und versuchst zu stricken, damit du zumindest ein wenig produktiv bist. Die Katze, die partout nicht begreifen will, dass du es nicht magst, wenn sie sich auf deinen Beinen niederlässt, stellt sich so ungeschickt an, dass du die Zopfstricknadel fallen lässt. Unter Jammern und Stöhnen begibst du dich unters Bett, um die Nadel zu suchen. In dem Moment betritt einer deiner Söhne das Zimmer, er sieht dich am Boden, fragt was los sei und meint dann: „Leg dich wieder hin, Mama. Ich such dir die Nadel. Du bist jetzt viel zu schwach für solche Sachen.“ 

Ach ja, dann war da noch die Sache mit der Katze, die Karlssons Sportschuhe mit dem Katzenklo verwechselt hat, oder Luise, die beweisen wollte, dass sie in der Cello-Hülle schlafen könnte, wenn sie wollte, oder der Moment, als der Zoowärter vollkommen frei von Ironie erzählte, die Lehrerin hätte vergessen, dass sie nicht angeschriebene aber richtig gelöste Blätter der Schüler nicht mehr zerreissen dürfe und habe es deshalb trotzdem getan, aber sie habe sich danach entschuldigt, darum sei es nicht weiter schlimm.

Nachdem du ein paar Tage lang dieses Geschehens von der Seitenlinie aus betrachtet hast, bleibt dir nichts anderes übrig, als in Anlehnung an Römer Strategus aus „Asterix und die Goten“ zu seufzen: „Sie sind alle so irr und ich bin ihr Chef.“ 

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So unterschiedlich kann vierzehn sein

Nächste Woche ist es soweit, Karlsson wird vierzehn. Ich weiss nicht warum, aber dieser Meilenstein geht mir noch näher als andere Meilensteine im Leben unserer Kinder. Vielleicht, weil es mir so vorkommt, als wäre ich selber eben erst vierzehn geworden und ich deshalb tagtäglich daran erinnert werde, wie anders es doch bei mir war. Ein paar Beispiele gefällig?

Karlsson mit vierzehn: Er weiss, was er kann und er weiss auch, was er nicht kann. Weil er weiss, was er kann, gelingt es ihm, sich viel gezielter mit den Dingen zu befassen, die er nicht kann und dadurch bringt er immer wieder Achtungserfolge in den Bereichen zustande, in denen er nicht besonders stark ist.
Ich mit vierzehn: Ich wusste sehr genau, was ich nicht kann – meine Unfähigkeiten waren ausgeprägt und nicht zu kaschieren – und dadurch liess ich mir den Blick verstellen auf die Dinge, die ich gut kann. Bis zu dem Tag, an dem ich mein nicht mal so schlechtes Maturazeugnis in der Hand hielt, war ich felsenfest von meiner eigenen Dummheit überzeugt. Dass nicht jeder in druckreifen Sätzen denkt, dämmerte mir sogar erst sehr viel später, als ich den ersten Buchvertrag im Sack hatte und mich wunderte, warum ausgerechnet ich eine solche Chance bekommen hatte.

Karlsson mit vierzehn: Er steht zu sich selbst, auch wenn das, was ihm gefällt, nicht dem Geschmack der breiten Masse entspricht. Ihm doch egal, dass kaum einer seine Vorliebe für schwermütige französische Chansons teilt. Ihm doch egal, wenn alle sich zur gleichen Massenveranstaltung anmelden. Wenn es ihm nicht entspricht, hat er auch nicht das Gefühl, dabei sein zu müssen. Und doch steht er nicht am Rand. Er steht auch nicht im Zentrum, er gehört einfach dazu, man mag ihn so, wie er ist. 
Ich mit vierzehn: Ein andauernder K(r)ampf, so zu sein, wie „man“ eben sein musste, um akzeptiert zu werden. Und doch immer wieder die schmerzhafte Erkenntnis, dass es nie gelingen würde. 

Karlsson mit vierzehn: Er hat Pläne. Er möchte nach Frankreich, um richtig gut Französisch zu lernen und in die Kultur einzutauchen. Vielleicht will er irgendwann auch nach England oder in die USA, denn Englisch sollte man ja auch beherrschen, auch wenn man die Sprache nicht so toll findet.
Ich mit vierzehn: Ich hatte keinen Plan und wollte nur noch weg, irgendwohin ins Ausland, damit ich Distanz gewinnen konnte zu Erlebnissen, die mich zutiefst verletzt hatten. Mit nicht ganz sechzehn ging ich dann auch tatsächlich und sah mich in der Einsamkeit Nebraskas mit mir selbst konfrontiert.

Karlsson mit vierzehn: Ein ziemlich offenes Buch. Er zeigt uns nicht alle Kapitel, aber doch mehr, als ich je erwartet hätte. Auch Seiten übrigens, die ich meinen Eltern um nichts in der Welt gezeigt hätte. 
Ich mit vierzehn: Ein scheinbar offenes Buch für meine Eltern. Dass es da noch einen zweiten, unveröffentlichten Band gab, habe ich zwar schon beiläufig erwähnt, darin lesen lassen habe ich sie aber nie.  

Vierzehn, so stelle ich heute fest, kann sehr unterschiedlich sein und so, wie es bei Karlsson ist, gefällt es mir eindeutig besser. 

Ach ja, Karlsson hat diesen Text übrigens gelesen, ehe ich ihn veröffentlicht habe. Immerhin überragt mich das „Kind“ inzwischen um mehr als einen Kopf, da würde ich es nicht im Traum wagen, über ihn zu schreiben, ohne ihn um Erlaubnis zu bitten. 

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Gedankenschnipsel nach einer anstrengenden Woche

Es war viel los diese Woche. Zu viel, um die Gedanken, die in meinem Kopf herumschwirrten, zu ganzen Texten zu verarbeiten. Darum hier nur ein paar Schnipsel zum Ende der Woche:

  • Zugfahren hat eindeutig an Unterhaltungswert eingebüsst, seitdem 90% der Passagiere mit Stöpsel im Ohr unterwegs sind. Die einzigen, die noch miteinander reden sind rüstige Rentner, die sich über den Unterhalt ihrer Liegenschaften austauschen. Spätestens nach der fünften Erwähnung von Mietern, die ihre Badezimmer falsch lüften, wünschst du dir, du hättest selber ein Paar Stöpsel dabei, die du dir in die Ohren stopfen könntest. 
  • Ziehst du als Mutter quatschend und lachend mit deinem halbwüchsigen Sohn durch die Migros, um den Wocheneinkauf zu erledigen, wirst du von den anderen Kunden angeglotzt, als wärest du ein Wesen von einem anderen Stern. Teenager und ihre Mütter sollen sich gefälligst gegenseitig anschweigen. Oder streiten.
  • Wenn du aufhörst, an verschlossenen Türen zu rütteln, kann es sein, dass plötzlich Türen aufgehen, die du gar nicht zu öffnen versucht hast. Fragt sich nur, ob du dir zutraust, durch sie hindurch zu gehen, wo du doch gar nicht damit gerechnet hast, dass sie sich für dich öffnen würden. 
  • Schreib in deinem Blog nie über Läuse. Jeder, der dir danach begegnet, hat einen Tipp für dich. Oder er tut, als kenne er dich nicht, weil er fürchtet, die Viecher könnten alleine durch Grüssen übertragen werden.
  • Nur, weil ein Film in Schweden gedreht worden ist, heisst das noch lange nicht, dass er es Wert ist, gesehen zu werden. 
  • Auch wenn du einen ganz anständigen Jugendschutz eingerichtet hast, kann es dir passieren, dass sich auf deinem iPad plötzlich nackte Frauen tummeln, wenn du deinem Jüngsten eigentlich die Legos, di er sich wünscht, hast zeigen wollen. 

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