Leseförderung

Manche Mamas standen einst mitten in der Nacht auf, um den neuesten Harry Potter zu erstehen, weil es das einzige Buch war, das ihr lesefaules Kind in den Bann zog.

Manche Mamas lesen ihrem lesefaulen Kind bis ins hohe Teenageralter Bücher vor, damit sie irgendwie doch noch ein wenig Lesestoff in den Kopf bekommen.

Manche Mamas ertragen mit Engelsgeduld über Monate das gleiche Hörbuch, weil ihr lesefaules Kind wenigstens dieses eine mag.

Manche Mamas setzen sich mit ihrem lesefaulen Kind hin, um mit ihm im Wechsel vorzulesen und zuzuhören, damit ihr lesefaules Kind die Klassenlektüre irgendwie schafft. 

Manche Mamas geben die Hoffnung auf, dass ihr lesefaules Kind je zum Buch greifen wird und lassen es deshalb die Klassiker der Kinderliteratur am Fernseher reinziehen. 

Manche Mamas schleppen Woche für Woche stapelweise Kinderliteratur aus der Bibliothek an und bringen das Zeug eine Woche später ungelesen wieder zurück, weil das lesefaule Kind kein Interesse daran zeigte.

Manche Mamas kommen gar nicht auf die Idee, ihr lesefaules Kind zum Lesen zu motivieren, weil sie lesen selber doof finden.

Manche Mamas versuchen ihr lesefaules Kind mit Belohnungen zum Lesen zu motivieren.

Manche Mamas versuchen ihr lesefaules Kind mit Drohen und Bestrafungen zum Lesen zu zwingen. 

Manche Mamas tun selber so, als würden sie gerne lesen, um ihrem lesefaulen Kind ein gutes Vorbild zu sein, denken aber nicht daran, dass eine Modezeitschrift nicht wirklich als Lesestoff zählt. 

Manche Mamas versprechen ihrem lesefaulen Kind, dass es die Verfilmung des Buches sehen darf, sobald es das Buch fertig gelesen hat. 

Diese Mama hier kauft ihrer lesefaulen zehnjährigen Tochter einen Liebesroman für Zwölfjährige, damit diese endlich auch mit einem Buch vor dem Gesicht durchs Leben geht, wie es sich für ein anständiges Venditti-Familienmitglied gehört. Gut, immerhin ist die Heldin der Geschichte Assistenzärztin und nicht Model oder Kosmetikerin…

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Doofe Mama

Es ist fast jeden Tag das gleich Lied: Luise kommt von der Schule nach Hause, findet mich am Computer sitzend und fasst dies als Aufforderung auf, sich ebenfalls einem mit angebissenem Apfel verzierten Gerät zuzuwenden. Drei Minuten später erinnert sie sich daran, dass ihre beste Freundin etwas von einer App erzählt hat, die sie unbedingt auch haben muss. „Mama, darf ich?“, fragt meine Tochter mit bettelndem Blick und hält mir ihr Gerät vor den Bildschirm, obschon ich ihr schon hundertmal gesagt habe, dass ich das nicht ausstehen kann, wenn ich in meine Arbeit vertieft bin. „Sieh doch, die App kostet nichts“, säuselt sie, weil ich nicht gleich reagiere. Sie weiss genau, dass damit 90 % meiner Argumente, die gegen die App sprechen, vom Tisch sind.

Luise denkt, sie hätte mich im Sack und fängt schon mal mit der Installation an. „Mama, Passwort!“, ruft sie siegessicher. Jetzt endlich hat sie meine volle Aufmerksamkeit. „Passwort? Sicher nicht jetzt schon. Zuerst will ich die Altersbeschränkung sehen.“ „Ach was, die brauchst du doch nicht zu sehen. Meine Freundin darf die App auch haben und die Cousine auch. Du willst doch nicht etwa behaupten, die anderen Mütter würden nicht genau genug hinschauen?“, gibt sich Luise empört. „Natürlich will ich das nicht behaupten. Aber die Altersbeschränkung will ich trotzdem sehen. Du erinnerst dich doch noch an dieses doofe Spiel, auf das wir reingefallen sind“, beharre ich. Luise erinnert sich, darum streckt sie mir widerwillig das Gerät entgegen und diesmal macht es mir nichts aus, dass sie es vor meinen Bildschirm hält. Die Arbeit muss jetzt eben warten, ich bin mit Erziehen beschäftigt.

Während Luise aufgeregt von einem Bein aufs andere hüpft, scrolle ich durch den ganzen Werbekram, bis ich endlich bei der Altersbeschränkung angelangt bin. „Hier steht 17+. Die App kannst du vergessen“, sage ich und fühle mich ziemlich mies, weil meine Tochter schon wieder nicht dazugehören darf, auch nicht bei denen, die wirklich nett und brav sind. „Aber Mama, meine beste Freundin…und meine Cousine…“, protestiert Luise. „Ja, Luise, ich weiss, aber hier steht 17+ und du bist gerade mal 10+“, insistiere ich und finde mich gerade ziemlich unsympathisch. Luise auch. „Immer diese sturen Eltern…“ brummt sie und stapft davon.

Fünf Minuten später streckt sie mir schon wieder das Gerät entgegen. „Schau mal, Mama, diese App ist bestimmt auch ganz cool. Und gratis ist sie auch.“ Wieder Werbekram überfliegen, wieder scrollen, dann die erlösende Botschaft: „Ja, Luise, diese App kannst du runterladen, die ist ab 6 freigegeben.“ Luise zieht sich zurück, fängt an zu spielen. Drei Minuten später ruft sie aus dem Wohnzimmer: „Mama, die App können wir gleich wieder löschen. Die ist ja so was von langweilig…“ Ich seufze tief, denn ich weiss, dass ich in den Augen meiner Tochter so lange die doofe Mama sein werde, bis wir eine coole App gefunden haben, die ab 10 Jahren freigegeben ist und die alle anderen Mädchen auch cool finden. Oder bis Luise den Kampf zwischen „Alle anderen dürfen aber…“ und „Wir sind aber nicht die anderen…“ für sich entschieden hat. 

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Ich bin die langweilige Mama

Die Mama, die am Sonntagnachmittag lieber schlafen will, als ins Hallenbad zu gehen. Die Mama, die sich einfach nicht dazu bewegen lässt, mit Luise Bäume auszureissen. Die Mama, die findet, nachmittags um halb fünf sei es zu spät, um noch einen Ausflug zu machen, mit dem Velo, zum Beispiel, oder nach Bern. Die Mama, die erklärt, sie brauche nun mal etwas mehr Ruhe, wo doch Papa an drei Wochenenden hintereinander weg gewesen sei und nun auch noch zwei Tage mit einem Käfer auf dem Sofa gelegen habe. Die Mama, die findet, es sei halt einfach etwas viel, wenn man Samstag und Sonntag den Laden auch noch alleine schmeissen müsse, immer nur Futter zubereiten, Küche aufräumen, wieder Futter zubereiten, wieder Küche aufräumen,… Die Mama, die behauptet, sie möchte ja schon etwas unternehmen, aber sie sei heute einfach zu müde, um sich aufzuraffen. Unsere Söhne kommen ganz gut klar mit der langweiligen Mama, aber Luise tut sich ziemlich schwer mit ihr.

So eine Mama hatte ich auch mal, nur hätte ich es nie und nimmer gewagt, sie dafür zu kritisieren. Klar fand ich das langweilig, aber so war es nun mal. Den Sonntagnachmittag verbrachte sie auch meist schlafend und dann griff ich eben zu Backbuch, Eiern, Mehl und Zucker. So lernte ich backen und meine Mama war danach wieder fit genug, um die Sauerei, die ich hinterlassen hatte, wegzuräumen.

Heute ist meine Mama längst keine langweilige Mama mehr. Im Gegenteil, sie ist die unterhaltsame Grossmama, bei der Luise und ihre Brüder Zuflucht finden, wenn Mama mal wieder langweilig ist. Sie spielt Spiele mit mit den Kindern, erzählt von früher, knetet mit ihnen und lässt sie im Spielzimmer herumtollen. Meist merke ich erst nach dem Mittagsschlaf, dass die Kinder wieder nach unten abgehauen sind. Dann plagt mich das schlechte Gewissen, weil unsere Kinder meine Mama am Mittagsschlaf gehindert haben.

Aber vielleicht ist das ja einfach der Lauf der Dinge. Vielleicht muss ich jetzt sonntags einfach ausgiebig mittagsschlafen, damit ich die unterhaltsame Grossmama sein kann, wenn Luise mal die langweilige Mama ist.

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Ja zum Kaninchen

Nein, auf Kaninchen hatte ich mich nie wieder einlassen wollen. Die Geschichte mit Elisa und Giuliano hatte mir gereicht. Die schwarze Elisa und der beigefarbene Giuliano, die „Meiner“ und ich einander unabhängig voneinander zum Geburtstag geschenkt hatten. Die Zwei wurden nicht glücklich miteinander, darum suchte Elisa eines Tages das Weite, liess sich nicht wieder einfangen und wurde vom Hund des Nachbarn aufgefressen. Da wir Giuliano keine neue Gefährtin zumuten wollten, liessen wir ihn kastrieren und schenkten ihn einem einsamen verwöhnten Jungen. Noch einmal würden wir es nicht mit Kaninchen versuchen. Sind ja ohnehin nicht besonders interessant, diese Tiere, lassen sich nicht mal richtig streicheln. Zwar versuchte Luise mehrmals, mich umzustimmen, weil sie ja so gerne ein „Häschen“ haben möchte, doch ich liess nicht mit mir reden.

Dann bekam ich heute Morgen dieses winzige, handzahme Tierchen mit schneeweissem Fell und blauen Augen in die Hand gedrückt. Glaubt mir, ich wollte wirklich unbeeindruckt bleiben, denn eigentlich war ich ja wegen der Nymphensittiche gekommen, die nach dem Verschwinden der undankbaren Doris in unsere Volière einziehen sollten. Doch dann schmiegte sich dieses flauschige Tierchen an mich, legte die Ohren flach, als ich es streichelte und eroberte mein Herz. Von wegen Kaninchen lassen sich nicht richtig streicheln! Als die Besitzerin mir sagte, Kaninchen liessen sich problemlos mit Wachteln und Sittichen halten, wurde mir bewusst, dass es keinen einzigen Grund gibt, hart zu bleiben, wo ich doch ohnehin täglich meine Runde bei den Gefiederten machen muss. Damit sich das Schneeweisse nicht einsam fühlen muss, nahm ich ein Rabenschwarzes dazu, beides Weibchen, wie mir die Züchterin versicherte.

Jetzt sind sie also bei uns, die Zwei, sind offenbar ganz glücklich in ihrem neuen Zuhause und alleine schon Luises überglücklicher Blick überzeugte mich sofort, dass mein Ja richtig gewesen war.

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Einem geschenkten Gaul, oder Kamel, oder Papagei, oder was auch immer…

Was hätte ich denn tun sollen? Das Geschenk ausschlagen? Ich meine, das sind immerhin 180 Franken, die man uns da einfach so geschenkt hat, weil der Zoowärter bei einem Wettbewerb mitgemacht hat. Klar wollen die, dass wir im Gegenzug zu ihrer Krankenkasse wechseln, aber die werden uns ohnehin nicht nehmen, mit all unseren Asthmatikern. Also doch ein Geschenk, auch wenn es eigentlich eine Bestechung hätte sein sollen.

Und die Kinder hatten uns ja schon seit Jahren in den Ohren gelegen. „Wir wollen auch mal in diesen Zirkus. Alle anderen waren schon dort…“ Sie meinten den Grössten, den Teuersten, den mit den Tieren und den Akrobaten aus China. „Irgendwann werden wir dann schon gehen. Wenn das Geld reicht…“, antworteten „Meiner“ und ich und hofften, dass sie bald dem Zirkusalter entwachsen würden. Ich meine, das sind immerhin 180 Franken, die man liegen lässt, um mit fünf Kindern die Vorstellung zu besuchen, Popcorn und Zuckerwatte nicht inbegriffen. Als wir dann diese Gutscheine zugeschickt bekamen, war klar, dass wir gehen müssen. Ja, wir hätten sie verfallen lassen können, aber ihr glaubt doch nicht etwa, dass unsere Kinder uns das je verziehen hätten. Noch wenn wir im Altersheim unser Püriertes löffeln, würden sie uns vorwerfen, dass wir nicht ein einziges Mal mit ihnen in diesem Zirkus waren, im Grössten, Teuersten mit den vielen Tieren und den Akrobaten aus China. „Und dabei hättet ihr die Tickets gratis haben können“, würden sie sagen. „Was wart ihr doch für miese Eltern. Geizig und vollkommen versessen auf eure engstirnigen Prinzipien…“

Nein, so etwas wollten wir auf gar keinen Fall riskieren, also holten wir endlich die Tickets für die Vorstellung in Thun. Natürlich hatte der Zirkus auch bei uns in der Gegend gastiert, aber da waren wir gerade nicht in der Gegend und darum mussten wir eben warten, bis er wieder halbwegs in der Nähe ist. Na ja, so nah ist Thun auch  nicht, darum lärmten unsere Kinder ja gestern Abend um Viertel vor zehn noch im Familienwaggon, aber immerhin nah genug, damit man ohne grosse Umstände hinfahren kann. 

Den Kindern hat es natürlich gefallen, keine Frage. Okay, Luise empfand ziemlich viel Mitleid mit den Pferden und den Elefanten, der Zoowärter brauchte eine Weile, um zu begreifen, dass der Komiker der Clown war und das Prinzchen wäre auch mit der ersten Halbzeit zufrieden gewesen, aber alles in allem war es das, was Zirkus für Kinder sein sollte: Staunen, Nervenkitzel, Gelächter, Träumerei. Der Stoff, aus dem die schönsten Kindheitserinnerungen gemacht sind. 

Und ich? Ich war glücklich, dass wir den Kindern diese Erinnerung schenken konnten, ohne Geld auszugeben. Natürlich staunte ich auch, lachte, bangte und applaudierte. Die Fragen, ob Zirkuselefanten glücklich sein können, ob den Papageien die überlaute Musik nicht zusetzt, ob das, was ich in diesem schlimmen Dokumentarfilm über Artisten aus China gesehen habe, auch wirklich stimmt, ob das Kamel die Verachtung, die in seinem Blick liegt, auch tatsächlich empfindet, diese Fragen konnte ich nicht ganz aus meinem Kopf verbannen, obschon ich es versuchte. Ich bin nun mal kein Kind mehr, das vorbehaltlos geniessen kann, was es präsentiert bekommt. Immerhin aber bin ich anständig genug, einem geschenkten Gaul – oder Kamel oder was auch immer – nicht vor allen anderen ins Maul zu schauen und darum habe ich meine kritischen Gedanken für mich behalten. Zumindest solange mich die Kinder nicht fragten, ob mir die Tiere nicht auch ein wenig Leid getan hätten…

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Käfer-Tauschbörse

Wir Eltern sind doch einfach grenzenlos naiv. Da bringen uns die Kinder kurz vor oder nach den Sommerferien einen Anmeldezettel für irgend ein Herbstferienprojekt mit nach Hause. Eine Bastelwoche, zum Beispiel, ein Theaterprojekt oder Abenteuertage in der freien Natur. In unserem Fall war es eine Zirkuswoche, aber es spielt eigentlich überhaupt keine Rolle, was da angeboten wird, wir Eltern reagieren stets mit der gleichen Naivität: Wir melden unsere Kinder an.

„Ist doch toll“, sagen wir, „dann haben unsere Kinder während der endlosen Herbstferien etwas zu tun und ich kann in Ruhe einkochen (oder was auch immer uns Eltern einfallen mag, wenn man uns unbeaufsichtigt lässt). Das wird bestimmt ganz grossartig. Die Kinder im Dorf lernen einander besser kennen, vielleicht finden sie gar neue Freunde. Möglicherweise entdecken sie dabei ein neues Hobby (oder ein neues, herausragendes Talent, das wir bisher noch nicht erkannt haben, doch das sagen wir natürlich nicht laut) oder werden auf ganz neue Art mit ihren Stärken und Schwächen konfrontiert. Und das Ganze ist ja auch so günstig. Das ist die Gelegenheit, so etwas gibt’s nur einmal pro Kindheit.“ Tja, und schon ist der Anmeldezettel ausgefüllt und die Vorfreude kann beginnen. 

Wenn es dann endlich losgeht mit dem Spass, erkennen wir Eltern spätestens am dritten Tag, was diese Ferienangebote in Wahrheit sind: Käfer-Tauschbörsen. Ich weiss ja nicht so genau, wie die Kinder das jeweils anstellen. Vielleicht so: „Ich gebe dir zweimal Magen-Darm und dafür bekomme ich von dir einmal Schnupfen. Wenn du willst, kannst du noch meinen Husten haben. Den hatten wir schon, das wird allmählich langweilig…“ Etwa so wird das laufen, das sollte zumindest ich, die ich meine Kinder ja nicht zum ersten Mal zu solchen Herbstferienangeboten angemeldet habe, inzwischen wissen. Und darum hätte ich auch nicht erstaunt sein sollen, als der Hauptleiter heute früh am Telefon meinte: „Luise ist krank? Das erstaunt mich nicht, sie ist nicht die Einzige.“

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Wie Mama Venditti inzwischen einkauft

Crèmeschnitten:

„Okay, da wären mal sieben Vendittis, mit Prinzchens bestem Freund und Luises bester Freundin sind wir neun. Hmmm, ich glaube, ich nehme besser zehn Stück, man weiss ja nie, wer noch aufkreuzt.“ (Die zehnte Crèmeschnitte bekommt dann auch tatsächlich der beste Freund des FeuerwehrRitterRömerPiraten, der während meiner Abwesenheit spontan aufgekreuzt und geblieben ist.) 

Obst:

„Wir brauchen mindestens acht Kilo. Das Kilo Mirabellen, die zwei Kilo Trauben, zwei Kilo Zwetschgen und die zwei Kilo Äpfel von vorgestern sind bereits aufgegessen. Ach ja, und ich muss noch Bananen kaufen. Prinzchens bester Freund liebt die Dinger und ich kann ihn nicht schon wieder enttäuschen, weil ich keine im Haus habe…“

Getreideriegel:

„Wenn ich die Schachtel à sechs Stück kaufe, reicht das zwar für unsere fünf Kinder und für Prinzchens besten Freund. Aber was mache ich, wenn einer von Zoowärters besten Freunden heute auch noch vorbeischaut? Doch halt, wenn der kommt, muss ich ohnehin eine andere Sorte kaufen. Ich glaube, er mag die mit den Marroni gar nicht. Ob er überhaupt Getreideriegel mag? Vielleicht kaufe ich doch besser etwas Salziges für ihn.“

Brot:

„Luise und das Prinzchen möchten sicher, dass ich einzelne Brötchen bringe. Aber wenn dann noch Luises Schulkameradinnen zum Lernen vorbeikommen, habe ich nicht genug für alle und das wäre unfair. Ich glaube, ich kaufe doch besser zwei ganze Brote. Oder vielleicht auch vier, dann reicht es vielleicht noch fürs Abendessen.“

Saft:

„Eigentlich wäre ein Karton Süssmost praktisch, aber Zoowärters Freunde versauen mir immer den Fussboden, wenn sie sich den Saft selber zapfen. Da nehme ich lieber Orangenjus.“

Abendessen:

„Ich glaube, heute Abend koche ich indisch. Ein Gemüsecurry, etwas mit Poulet und Gewürzreis. Ob Prinzchens bester Freund indische Küche mag? Vielleicht lasse ich die Gewürze im Reis besser weg. Ich möchte nicht, dass er hungrig nach Hause geht…“

Tiefkühlgipfeli im Sonderangebot:

„Ob ich die kaufen soll? Man weiss ja nie, wen unsere Kinder am Wochenende zum Übernachten einladen und dann wäre es nett, wenn wir den kleinen Gästen Gipfeli auftischen könnten.“

In meinen Augen ist das stetige Kommen und Gehen von vielen lieben Menschen etwas vom Schönsten am Leben in einer grossen Familie.

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Diebstahl

Der FeuerwehrRitterRömerPirat sitzt manchmal zwei Stunden am Stück an seinen Hausaufgaben. 

Luise und ihre Schulkameradinnen treffen sich an zwei schulfreien Nachmittagen und am Samstag, um an einem gemeinsamen Vortrag zu arbeiten. Wie man überhaupt einen Vortrag macht, weiss niemand aus der Gruppe so genau. Die Matheblätter, die Luise auch noch zu lösen hat, müssen dann halt bis Sonntagabend warten. Zwischendurch musste sie noch für einen guten Zweck Schoggitaler verkaufen, wodurch zugleich die Klassenkasse aufgebessert wurde. Ach ja, sie hätte noch einen Aufsatz, den sie fertig schreiben müsste. Das wird sie wohl morgen erledigen, wenn wegen einer Lehrerkonferenz der ganze Tag schulfrei ist. 

Am Elternabend erfährt „Meiner“, dass Luise und ihre Mitschüler noch viel mehr Eigeninitiative an den Tag legen müssten.

Karlsson sucht oft vergeblich nach einem Freund, der nicht den ganzen schulfreien Nachmittag hinter den Büchern verbringen muss. Dann setzt er sich eben auch noch einmal hinter die Bücher, weil einem die Arbeit ja nie ausgeht.

Für vier Fehler im Diktat bekommt Luise eine knapp genügende Note. 

Offenbar haben die Schüler im ganzen Kanton bei einer Vergleichsprüfung katastrophal abgeschnitten. Darum muss man jetzt dringend die Schüler drillen. Und nicht etwa die Prüfung verändern. 

Ich habe das ungute Gefühl, dass von Jahr zu Jahr noch mehr Leistung aus den Kindern herausgepresst werden soll.

Es wäre wünschenswert gewesen, dass sich Luise zum freiwilligen Kurs in Tastaturschreiben anmeldet. Damit sie es bereits kann, wenn das Fach in zwei Jahren an der Oberstufe unterrichtet wird. 

Karlsson weiss inzwischen sehr genau, welche Noten er sich noch erlauben darf, wenn er sein Berufsziel erreichen will. 

Der FeuerwehrRitterRömerPirat muss demnächst wieder bei der Therapeutin antraben, weil er unter Bildung etwas anderes versteht als die Bildungsdirektoren. Immerhin hat er jetzt eine Lehrerin, die ihn versteht…

Luise lechzt geradezu nach Sprachunterricht und Naturkunde, verbringt aber den grössten Teil ihrer Schul- und Freizeit damit, Matheblätter zu lösen. 

Manchmal habe ich den Eindruck, dass unsere Kinder trotz sehr viel Aufwand und grossem Fleiss sehr wenig lernen. 

In armen Ländern klaut man den Kindern die Kindheit, indem man sie daran hindert, zur Schule zu gehen und zu spielen. Stattdessen beutet man sie als billige Arbeitskräfte aus. So etwas käme uns nie in den Sinn. Wir versuchen, unseren Kindern jedes nur erdenkliche Rüstzeug mitzugeben, damit sie eines Tages einen guten Job bekommen. Um dies zu erreichen, wird das Schulsystem laufend angepasst und angeblich verbessert. Warum werde ich den Eindruck nicht mehr los, dass wir unseren Kindern mit jeder neuen Anforderung ein weiteres Stück Kindheit klauen?

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Nächtliche Ungerechtigkeit

Okay, ich weiss, dass ich mich allmählich an die Launenhaftigkeit (vor)pubertierender Kinder gewöhnen muss, aber das war nun doch etwas viel: Da schlafe ich tief und fest den gerechten Schlaf der übermüdeten Mutter, die sich unbedingt noch einen Film reinziehen musste, nachdem alle Kinder im Bett waren. Irgendwann, mitten in der Nacht,  kommt das Prinzchen mitsamt Bär und Decke in unser Bett gekrochen, was ich knapp zur Kenntnis nehme, ehe ich wieder in tiefen Schlaf versinke. Wenig später erscheint eine sehr aufgebrachte Luise an unserem Bett. Die Worte, die sie mir an den Kopf schleudert, ergeben nicht viel Sinn, aber mir ist sofort klar, dass ich mal wieder eine abscheuliche Ungerechtigkeit zugelassen habe. Wenn ich meine Tochter richtig verstehe, habe ich irgendwann, in grauer Vorzeit, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten erlaubt, was ich ihr jetzt, mitten in der Nacht, vollkommen grundlos verwehre. Ich kann mir zwar beim besten Willen nicht zusammenreimen, auf welche Begebenheit sie sich bezieht, ich weiss auch nicht so recht, was sie von mir erwartet, doch dem Frieden zuliebe – und um nicht richtig wach werden zu müssen – biete ich meiner zornigen Tochter meinen Platz im Bett an und ziehe mich aufs Sofa zurück. Offenbar ist damit die Ungerechtigkeit aus der Welt geschafft, denn Luises Gezeter hört schlagartig auf und bald schlafen wieder alle friedlich.

Alle? Nein, nicht ganz. Das Prinzchen hat sofort bemerkt, dass das falsche weibliche Familienmitglied an seiner Seite liegt und so dauert es nicht lange, bis er ins Wohnzimmer tappst. Na ja, immerhin verzichtet er dabei auf lautstarkes Gemotze…

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Montagsgemotze

Der FeuerwehrRitterRömerPirat ist wütend auf mich, weil ich darauf bestehe, dass er seine Hausaufgaben macht.

Der Zoowärter ist wütend auf mich, weil ich dem Prinzchen erlaube, die grosse Kartonschachtel für seine Michel aus Lönneberga-Sammlung zu behalten, obschon der Zoowärter daraus ein Bett für seine Karlsson auf  dem Dach-Puppe hätte machen wollen.

Das Prinzchen ist wütend auf mich, weil er einfach auf irgend einen wütend sein muss, da das Leben als frischgebackener Kindergärtner ganz schön anstrengend ist.

Luise ist wütend auf mich, weil Karlsson mich abends begleiten darf, um den kleinen Gottegris und den grossen Leone vom Kindergarten abzuholen, wo sie den ganzen Tag im Gebüsch auf mich gewartet haben.

Karlsson ist wütend auf mich, weil ich Luise erlaube, ebenfalls mitzukommen, als wir noch einmal zum Kindergarten gehen müssen, weil wir zuerst den zappelnden Gottegris nach Hause bringen mussten, ehe wir uns um Leone kümmern konnten. 

„Meiner“ ärgert sich über mich, weil ich mich mit den beiden auf eine Diskussion einlasse.

Katzenmama Henrietta wirft mir misstrauische Blicke zu, weil ich in ihren Augen zu wenig dagegen unternehme, dass der kleine Gottegris im Dorf herumstreunt.

Die Nacktschnecken-Gemeinschaft hat zum Sturm auf mein Gewächshaus geblasen, weil ich noch immer nicht bereit bin für Friedensverhandlungen.

Unsere zwei Wachtelhähne attackieren mich, wenn ich nach dem Füttern die Eier hole. Warum attackieren die mich und nicht ihre Hennen, die zu faul zum Brüten sind und mich dadurch geradezu zwingen, die Eier zu nehmen?

Die Wespen auf dem Balkon nehmen es mir übel, dass ich den Kompostkübel wespendicht verschliesse und reiten deshalb jedes Mal eine Attacke auf mich, wenn ich die Balkontüre öffne.

Das alles hat mir heute ziemlich zugesetzt, aber ich hätte den Tag locker als misslungenen Montag abgetan, hätte nicht auch noch einer der mir treu ergebenen Kater einen stinkenden Haufen auf neben meiner Seite des Bettes liegen lassen. Wenn die zwei jetzt auch noch anfangen zu motzen, verabschiede ich mich in die Ferien…

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