Worauf es im Leben eines Mädchens – Pardon, eines Girls – wirklich ankommt

Einige Fragen aus dem Freundschaftsbuch, das Luise heute zum Ausfüllen bekommen hat:

1. Was ist das Peinlichste, was dir je passiert ist?
Wer so naiv ist, hier eine ehrliche Antwort hinzuschreiben, kann sich sicher sein, beim nächsten Krach wegen genau dieser ehrlichen Antwort vor allen blossgestellt zu werden.

2. Wer ist dein heimlicher Schwarm?
Ein Freundschaftsbuch ist genau der Ort, wo man ein solches Geheimnis preisgeben sollte. So steigt die Chance auf eine öffentliche Abfuhr erheblich. Und davon träumt ja jedes Mädchen…

3. Hast du Angst im Dunkeln?
Wer hier mit Ja antwortet, wird sich bei jeder Übernachtungsparty zum Gespött der anderen machen.

4. Hast du schon mal jemanden aus der Klasse über dir angelächelt?
Wenn ja, dann sollte man ganz dringend einschreiten, denn man weiss ja, wie das geht: Heute ein Lächeln, morgen schwanger.

5. Schminkst du dich?
Natürlich, zehn- bis elfjährige Mädchen haben ja nichts anderes zu tun.

6. Hast du schon mal einen Jungen geküsst?
Nur einen? Wo denkst du hin? Ich bin doch schon zehn Jahre alt, da hat man gewisse Erfahrungen bereits hinter sich.

7. Wärst du gerne ein Superstar?
Was denn sonst? Doch nicht etwa Ärztin, Sozialarbeiterin, Chemieprofessorin oder sonst etwas Doofes.

8. Hast du schon mal gelogen?
Heute zum ersten Mal. Beim Beantworten dieser Fragen.

Damit auch jedes Mädchen weiss, was im Leben wirklich zählt, gibt es hinten die Möglichkeit, anzugeben…

…wie oft man schon beim Coiffeur war.

…wie viele Schmuckstücke man besitzt.

…wie viele verschiedene Farben Nagellack man besitzt.

…wie viele Lieder man auswendig mitsingen kann.

…wie viele Kleider im Schrank hängen. Pardon, das Verb hängen ist etwas zu schwierig, da steht „sind“.

…wie oft man schon geflogen ist.

…wie viele TV-Serien man gesehen hat.

…wie oft man seinen Lieblingsfilm gesehen hat.

…wie viel Geld man gespart hat.

…und ganz besonders wichtig: Wie oft man die Hausaufgaben vergessen und sich verschlafen hat.

Genau so kommt man weiter im Leben, da bin ich mir ganz sicher. Wie weit jedes Mädchen, das sich ins Buch eingetragen hat, kommen wird, lässt sich mithilfe einer Abstimmung ermitteln. Der einführende Text hat mich zutiefst beeindruckt:

„Jedes Girl in eurer Clique ist einzigartig – und ganz besonders. Ist doch klar, dass ihr alle mal berühmt werdet. Wer erobert als Topmodel die Laufstege dieser Welt – und wer rockt die Bühne als Popstar? Hier könnt ihr abstimmen und Sternchen verteilen. Votet die nächsten Stars.“

Etwas traurig darüber, dass Luise gar nicht zur besagten Clique gehört, sondern das Buch eher aus Zufall in die Hand gedrückt bekommen hat, lese ich, was Luise denn werden könnte, wäre sie auch so ein einzigartiges – und ganz besonderes – Girl:

Wer von euch wird ein Topmodel werden?
Wer von euch wird die grösste Modedesignerin?
Wer wird die Charts als Popstar stürmen?
Wer wird die nächste grosse TV-Moderatorin?
Wer von euch wird Filmstar?

Ich bin so dankbar, dass Luise dieses Freundschaftsbuch ausfüllen durfte, denn jetzt hört sie vielleicht endlich damit auf, ihre Hausaufgaben zu machen, sich um kleine Kinder und Tiere zu kümmern und Krankenschwester, Kindergärtnerin oder Hebamme werden zu wollen. Hat ja doch alles keine Zukunft…

img_8029-small

Was sich am Ende eines Tages in meiner Handtasche findet

Gewöhnlich habe ich ja keine Ahnung, wer zu welchem Zeitpunkt was in meine Handtasche stopft, ich weiss nur, dass sich im Laufe der Zeit jeweils das halbe Familienleben darin ansammelt. Irgendwann, wenn mir die Tasche zu schwer wird – oder wenn ich beim Wühlen auf verfaultes Obst stosse – kippe ich den ganzen Inhalt aus und staune nicht schlecht, was  ich alles mit mir schleppe. Da heute mal wieder eine neue Handtasche fällig war, konnte ich für einmal sehr genau mitverfolgen, was an einem einzigen Tag zusammenkommt. 

Als ich mein neues Prachtstück voller Stolz aus dem Laden trug, befand sich darin einzig mein Portemonnaie und die Kaufquittung. Draussen auf dem Trottoir stopfte ich noch mein Handy und den Schlüsselbund in die dafür vorgesehenen Fächer. „Dabei bleibt es“, sagte ich zu mir selbst, schnappte mir meinen Einkaufskorb und machte mich auf die Suche nach meiner Familie. Doch der Einkaufskorb war schwer, weil ich am Wochenmarkt in einen Gurken-, Käse-, Pilz- und Honigwein-Kaufrausch geraten war. Also musste der Honigwein in meine Handtasche wandern, zusammen mit einer Flasche Schokoladen-Rosen-Topping, der ich auch nicht hatte widerstehen können. „Dabei bleibt es jetzt aber wirklich“, sagte ich zu mir selbst, doch wenig später traf ich endlich „Meinen“ und die Kinder an. Und so kam es, dass ich heute Abend die folgenden Dinge in meiner Handtasche fand:

  • Die leere Ice-Tea-Flasche von Prinzchens bestem Freund
  • Prinzchens halbleere Ice-Tea-Flasche
  • Eine Feder, die ich vom Prinzchen geschenkt bekommen habe
  • Ein Papiertaschentuch, das die Mutter von Prinzchens bestem Freund verloren hatte und das Luise mir zur sicheren Verwahrung übergab
  • Luises linker Flip-Flop
  • Den grünen Stützverband, den Luise an ihrem rechten Fuss nicht mehr tragen mochte
  • Karlssons Schuheinlagen, die er bei mir deponierte, weil der Orthopäde ja gesagt hatte, zum Eingewöhnen sollten die Dinger nicht länger als eine Stunde getragen werden und was kann Karlsson denn dafür, dass wir noch nicht zu Hause waren, als die Stunde um war?
  • Ein gebrauchtes Taschentuch unbekannter Herkunft
  • Ein leerer Glacé-Becher, der, wenn ich mich nicht irre, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten gehörte

„Das geht ja noch“, werden jetzt einige sagen, aber seht euch doch mal an, was auch noch in der Tasche gelandet wäre, hätte ich nicht lauthals protestiert:

  • Das obere Ende einer Gurke, welches der Zoowärter nicht essen mochte
  • Das untere Ende derselben Gurke
  • Eine von Luise angebissene Gurke
  • Das Papier von Zoowärters Vanille-Cornet
  • Die Abstimmungsbroschüre, die mir ein Arzt gerne in die Hand gedrückt hätte, was ich aber nicht zuliess, weil nur die Aargauer über die Sache abstimmen, nicht aber wir Solothurner
  • Der Möbelkatalog mit einem 10%-Gutschein auf alle Möbel, den mir eine junge Frau überreichen wollte 
  • Karlssons Einkäufe aus dem Zweifranken-Shop: Ein Leimstift, eine Tube Schuhcreme, eine Dose Schuhcreme, zwei Vorhangleisten und eine Hundeleine
  • Die Verpackung der Hundeleine
  • Luises „Hanni & Nanni“-Buch
  • Diverse Quittungen
  • Die Feder, die das Prinzchen „Meinem“ schenkte

Doch ich will mich nicht beklagen, ich kann froh und dankbar sein, dass ich die Tasche heute Abend überhaupt finden konnte, um alles auszumisten. Luise hat mir nämlich mindestens zwanzig mal gesagt, wie schön sie das Stück findet und dass sie keineswegs abgeneigt wäre, es dereinst von mir zu erben. Inzwischen kenne ich Luise gut genug, um zu wissen, was das im Klartext bedeutet: Wenn sie das nächste Mal die Psychologin spielt, wird sie sich die Tasche schnappen, zusammen mit meinen Lieblingsschuhen und meinem einzigen noch brauchbaren Lippenstift, sie wird im ganzen Haus ihre Therapiesitzungen abhalten und dann, wenn sie alle therapiert hat, wird die Tasche in irgend einer Ecke landen, wo ich sie Tage später nach verzweifelter Suche wieder finden werde.

Nein, ich will mir nicht ausmalen, was ich dann alles darin finden werde…

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

 

 

 

Zähflüssig

An gewissen Tagen ist es, als hätte jemand über Nacht deine Wohnung mit Honig übergossen und zwar mit dieser billigen, zähflüssigen Sorte, die so unglaublich gut haftet, zuerst am Glas, dann am Löffel und schliesslich überall, wo sie ihre Spuren hinterlassen hat. An solchen Tagen kommt es dir so vor, als würde die ganze Familie knöcheltief in diesem Honig waten und du hast die mühsame Pflicht, jedem Familienmitglied dabei zu helfen, in dieser klebrigen Masse einen Fuss vor den anderen zu bekommen.

„Trink jetzt deinen Kakao, FeuerwehrRitterRömerPirat. Ja, die Tasse steht zwei Zentimeter neben deiner rechten Hand, eine kleine Bewegung nur und du kannst den Griff fassen. Ja, gut so und jetzt führst du die Tasse zu deinen Lippen. Und jetzt schlucken. Nein, jetzt die Tasse nicht wieder hinstellen, noch ein Schluck und noch einen. So ist gut. Und jetzt erhebst du deinen Hintern vom Hocker, gehst ins Badezimmer und wäschst dir dein Gesicht. Jawohl, dazu nimmt man einen feuchten Waschlappen und mit dem fummelt man dann im Gesicht herum. Und wo du schon mal im Bad bist, empfiehlt es sich, gleich zur Zahnbürste zu greifen. Die Zahnbürste ist dieses Ding mit dem langen Stiel und den Borsten, mit dem man an den Zähnen herum schrubbt. Gut…“

„Weisst du, ‚Meiner‘, ich habe mir überlegt, wir könnten Karlsson stets Znünigeld für eine Woche geben, das er sich dann selber einteilen muss, wenn er sein Znüni unbedingt kaufen will. Ja, ein fixer Betrag und wenn er das Geld zu schnell aufgebraucht hat, muss er eben seine eigenen Brote schmieren. Damit er lernt, das Geld einzuteilen, ja und damit er lernt, dass es billiger ist, den Znüni von zu Hause mitzunehmen. Für den Znünikisok in der Schule, genau den meine ich.  Nein, nicht viel Geld, einfach ein paar Franken, die er selber verwaltet. Genau, und wenn er kein Geld mehr hat, dann muss er eben selber schauen. Ja, so meine ich das. Selbstverständlich können wir heute Abend in Ruhe darüber reden…“

„Klar kannst du eine Tasse Tee haben, Zoowärter, aber zieh dich doch in der Zwischenzeit schon mal an. Ja, die Hose, die du gestern bekommen hast. Jawohl, auch eine Unterhose und ein T-Shirt. Das findest du im Schrank, genau….Dein Tee ist fertig, Zoowärter. Aber warum bist du noch nicht angezogen? Hier ist deine Unterhose. Vielleicht musst du zuerst die von gestern ausziehen. Gut, und jetzt die Hose. Nein, die Unterhose von gestern bitte in den Wäschekorb, nicht auf den Fussboden…So, jetzt musst du aber wirklich gehen. Wie, dein Tee? Die Tasse steht seit zwanzig Minuten auf dem Tisch und du sitzt seit zwanzig Minuten am Tisch, aber trinken müsstest du schon noch selber. Nein, der Tee ist jetzt nicht mehr heiss… Und jetzt die Schuhe. Ja, die Sandalen, die Sonne scheint…“

„Ja, Luise, dein neues T-Shirt gefällt mir sehr gut und ja, die Katzen sind wirklich unheimlich lieb und herzig, ja, du hast dich wirklich gut auf die Prüfung vorbereitet, ja, deine neue Hose ist auch toll, ja, ich kann dich kämmen, aber du solltest dir heute unbedingt die Haare waschen, ja, du darfst dir meine Schuhe ausleihen, ja, irgendwann darfst du dir einen zweiten Ohrring stechen lassen, nein, ich weiss noch nicht wann, nein, heute ganz bestimmt nicht, du brauchst jetzt nicht zu motzen, ich hab gesagt, wir machen das, aber ich weiss noch nicht wann, nein, ich habe dein Matheblatt nicht gesehen, nein, ich kann nichts dafür, dass du so viele Hausaufgaben machen musstest, nein ich habe auch dein Englischblatt nicht gesehen…Du willst doch nicht etwa sagen, dass du jetzt noch zwanzig Aufgaben lösen musst, die du gestern Abend hättest lösen müssen?“

„Du kannst den Computer selber einschalten Karlsson. Ja, der Drucker sollte genügend Tinte haben. Selbstverständlich hast du dein Titelblatt schön gestaltet. Kannst du bitte das Papier selber suchen, ich muss jetzt…Doch, gestern ging der Drucker noch. Nein, ich weiss nicht, welcher Trottel wieder diese Abdeckung weggenommen hat. Geht noch immer nicht? Dann mailst du das Titelblatt halt an die Lehrerin. Das möchte sie nicht? Aber wenn unser Drucker streikt…Okay, ich komme gleich, muss nur noch…Ja, Karlsson, ich habe gesagt, ich komme gleich, einen Augenblick bitte. Kannst du das hier mal halten, ich versuche den Drucker zu kippen. Gut, jetzt sollte es klappen. Ist wirklich schön geworden, dein Titelblatt, aber jetzt musst du dich beeilen. Nein, ich weiss auch nicht, wo dein zweiter Hallenschuh ist…“

Ein Wunder, dass du keinem sagen musst, wie das mit dem Atmen funktioniert: „Einfach immer schön ein und aus, nicht zu schnell und nicht zu langsam, ja, der Brustkorb hebt und senkt sich, schön….“

Wenn dann endlich alle bereit sind und du denkst, das Schwierigste sei überstanden, dann setzt sich dein Erstklässler auf die Treppe und heult, weil er nicht zur Schule gehen will, weil es dort so laaaaaaaangweilig ist. Und du weisst, dass die Morgenroutine zumindest beim Zoowärter mit dem Beginn dieser Krise nur noch zähflüssiger sein wird…

img_8059-small

Turnhallen-Ängste

Mit Karlsson ging ich ins Muki-Turnen. Damit er mit anderen Kindern in Kontakt kommt. Damit er die Turnhalle kennen lernt und im Kindergarten keine Angst hat. Und weil es ihm Spass machte.

Mit Luise ging ich ins Muki-Turnen. Weil sie schon als Baby stets auf die Sprossenwand klettern wollte. Und aus den gleichen Gründen wie bei Karlsson.

Als Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat klein waren, leitete ich den Anlass sogar drei Jahre lang. Zu meiner Verteidigung: Das war noch, bevor ich wusste, was es bedeutet, ausgebrannt zu sein und darum sagte ich zu Dingen ja, die sonst keiner machen wollte, die aber unbedingt getan werden mussten, weil sie pädagogisch wertvoll sind.

Mit dem Zoowärter ging ich ins Muki-Turnen. Genau dreimal, dann erklärte er mir, er würde lieber schlafen als turnen, was mir natürlich äusserst sympathisch war. Also gingen wir nicht mehr.

Wie seine grossen Geschwister hatte auch der Zoowärter kein Problem mit der riesigen Turnhalle, als er in den Kindergarten kam. Obschon er kaum im Muki-Turnen gewesen war.

Mit dem Prinzchen ging ich nicht ins Muki-Turnen. Zuerst nicht, weil ich mittwochs im Büro war und er in der Krippe. Auch als ich nicht mehr im Büro arbeitete, ging ich nicht, weil das Prinzchen stets in Bewegung ist und sich auch ohne Sprossenwand die Zähne ausschlägt. In der Turnhalle würde er – der Furchtlose – sich auch ohne Muki-Turnen zurechtfinden, da war ich mir ganz sicher. Und wenn das schlechte Gewissen mir vorwarf, den Jüngsten zu vernachlässigen, verteidigte ich mich: „Man kann auch ohne Muki-Turnen eine gute Mutter sein. Er darf dafür im Garten graben und hacken.“

Heute hatte das Prinzchen zum ersten Mal Turnunterricht im Kindergarten. Als schon die halbe Klasse zum Abmarsch zur Turnhalle bereit stand, klammerte er sich plötzlich an mich. „Ich komme nicht draus! Ich kann das nicht!“, presste er unter heftigem Schluchzen hervor. Die Kindergärtnerin, Prinzchens bester Freund und ich versichertem ihm, dass er das ganz bestimmt könne, er sei doch so flink, so mutig, so beweglich. Heulend ging er an der Hand seines besten Freundes zur Turnhalle und als ich ihm mittags abholte, erklärte er mir, er hätte halt befürchtet, sie müssten „richtig turnen“. „Aber wir haben nur gespielt und das hat Spass gemacht“, erzählte er. „Krise überstanden“, dachte ich erleichtert und schenkte der Sache keine weitere Beachtung mehr.

Von wegen! Die Krise hat erst angefangen. „Das Prinzchen hat noch sehr lange geweint im Bett“, erzählte mir „Meiner“, als ich abends von Zoowärters Elternabend nach Hause kam. „Er fürchtet sich vor der Turnhalle. Er hat gesagt, er werde nie im Leben wieder dorthin gehen und er konnte erst einschlafen, als ich ihm versprach, dies der Kindergärtnerin mitzuteilen.“ 

Ach, wäre ich doch mit dem Prinzchen turnen gegangen. Dann wäre er heute voller Selbstbewusstsein in die Turnhalle marschiert. Er hätte seinem besten Freund gezeigt, was er schon alles kann. Er hätte laut gelacht anstatt geweint und er wäre wild herumgerannt. Vermutlich hätte er in allerbester Prinzchen-Manier ein waghalsiges Klettermanöver ausprobiert…

…und sich den Arm gebrochen, oder ein Bein, oder einen weiteren Zahn ausgeschlagen. Vielleicht doch nicht so schlecht, dass ich mit dem Prinzchen nie im Muki-Turnen war…

img_9578

Sie lieben sich halt doch…

Manchmal, wenn sie einander so hemmungslos anschreien, beschleichen mich leise Zweifel, ob unsere Kinder einander überhaupt lieben, doch dann erleben wir wieder diese Sternstunden, die mir beweisen, dass sie ohne einander nicht sein möchten. Einige Beispiele gefällig?

Ein spiegelglatter Badesee in Südschweden, die grossen drei Venditti-Kinder sind im Wasser, die zwei kleineren spielen im Sand, „Meiner“ und ich geniessen die Stille. Luise, die am Ende eines langen Steges im Wasser planscht, verliert den Boden unter den Füssen, winkt und ruft um Hilfe. So schnell ich es in meinem entspannten Zustand fertigbringe, renne ich ihr auf dem Steg entgegen. Plötzlich werde ich von hinten unsanft zur Seite geschubst: „Aus dem Weg, Mama“, befiehlt das Prinzchen. „Ich muss Luise helfen, sie ertrinkt sonst.“ Keine Ahnung, wie der kleine Nichtschwimmer seiner Schwester das Leben gerettet hätte, wäre es nötig gewesen, aber ich weiss, dass er alles getan hätte für sie, die ihm im Alltag immer mal gehörig auf die Nerven fällt.

Das Prinzchen liegt mit hohem Fieber im Bett, schreit vor lauter Kopfschmerzen, kann kaum mehr den Kopf nach vorne neigen und allmählich werde ich ziemlich unruhig. Sind da etwa die zwei Zecken im Spiel, die vor zwei oder drei Wochen zugebissen haben? Karlsson kommt händeringend ins Kinderzimmer. „Mama, du musst unbedingt die Kinderärztin anrufen. Das musst du mir versprechen.“ Wenig später tue ich eben dies, als ich das Telefon aufgehängt habe, will Karlsson wissen, wann ich denn endlich gehen könne. „Erst um halb fünf?“, fragt er entsetzt, als ich ihm die Zeit nenne. Als wir gegen sechs Uhr mit einem fieberfreien Prinzchen und einer Entwarnung der Kinderärztin zu Hause wieder eintreffen, wartet Karlsson bereits am Fenster. „Was hat er? Ist es ganz bestimmt nichts Schlimmes? Gehst du morgen noch einmal zur Kontrolle mit ihm?“ Die Sorge unseres Ältesten treibt mir beinahe die Tränen der Rührung in die Augen, auch wenn ich nur zu gut weiss, dass das Prinzchen schon bald wieder „dieser doofe kleine Bruder, der immer alles kaputt machen muss“ sein wird.

Luise liegt laut schluchzend auf dem Bett. Der Abschied von drei Kätzchen in nur zwei Tagen hat sie ganz furchtbar mitgenommen und sie weiss nicht, ob sie je wieder fröhlich sein wird. Der FeuerwehrRitterRömerPirat – Luises ärgster Widersacher in fast allen Lebenslagen – steht ganz verloren im Nebenzimmer. „Luise darf nicht so sehr weinen“, sagt er beinahe schüchtern zu mir. Und ich weiss, dass er für einmal nicht über seine Schwester, die ihn mit ihrer emotionalen Art zur Weissglut treiben kann, beklagen will. Er meint auch nicht, sie solle zu heulen aufhören, weil er sonst auch damit anfangen wird. Nein, sie tut ihm einfach nur Leid, denn er weiss ebenso gut wie wir anderen, dass keine so sehr an den Tieren hängt wie Luise und dass darum ihr Trennungsschmerz um ein Vielfaches grösser sein muss als sein eigener. Und auch der ist nicht klein, auch wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat sich so etwas kaum anmerken lässt…

Und der Zoowärter? Den mögen eigentlich alle immer, denn der ist eine durch und durch friedliche Natur. Nur wenn die anderen nicht wollen, dass er Karlsson vom Dach ist, dann mögen sie ihn nicht, denn dann brüllt er so laut, dass man sein eigenes Gezanke nicht mehr verstehen kann.

DSC01419-small

Katzenjammer

Zoowärter und Luise schluchzen auf dem Hintersitz, Karlsson und das Prinzchen weinen zwar nicht, schauen aber ziemlich trübe aus der Wäsche. Der kleine Francesco, der nun doch nicht Francesco heissen darf, obschon von der neuen Besitzerin ausdrücklich ein italienischer Name gewünscht war, miaut kläglich im Transportkorb, so ausdauernd, bis Luise ihn auf den Arm nimmt. Auch mir bricht beinahe das Herz, obschon ich weiss, dass der Kleine in seinem neuen Zuhause mit Liebe und Zuwendung überschüttet wird. Obschon ich weiss, dass sieben Katzen – fünf davon Kater – einfach zu viel sind für uns. Aber er war der Erste, der damals im April unter Prinzchens Spieltisch zur Welt kam und der Einzige, der stets erfolglos versucht hat, an meinem Bein hochzuklettern. Auch ich werde ihn vermissen.

Heute war er der Erste, der uns verlässt, aber morgen ist seine Schwester dran, am Mittwoch gehen zwei seiner Brüder. Also noch viermal Kindertränen, noch viermal die Reise zu einem neuen Zuhause, noch viermal die bange Frage, wie Mama Henrietta wohl mit dem Verlust klarkommen wird. Oh ja, ich weiss, ich bin ein sentimentaler Narr und unsere Kinder stehen mir in nichts nach.
Gut, dass zumindest einer der fünf Kleinen bei uns bleiben wird. Der Arme wird nun eben unser närrisches Getue alleine ertragen müssen. Hoffentlich hält er uns aus, denn ihn gebe ich auf gar keinem Fall her…

20130817-230736.jpg

Wirkung verfehlt

Seitdem Luise nur noch eine oder zwei Schuhgrössen hinter mir her hinkt, gehören meine Schuhe nicht mehr mir. Gut, sie hat sie sich schon vorher immer zum Verkleiden geschnappt, aber jetzt macht sie Ernst damit. „Mama, kann ich heute deine Schuhe anziehen, ich kann meine nicht finden“, fragt sie, ehe sie zur Schule geht und mit unschuldigem Lächeln fügt sie hinzu: „Ich versorge sie auch ganz bestimmt wieder am richtigen Ort, versprochen.“ 

Ja, und dann sind meine Schuhe eben unauffindbar, wenn ich sie brauche, denn natürlich hat meine geliebte Tochter sie nicht mehr dort hingestellt, wo sie sie genommen hat und ich müsste das Prinzchen in High Heels zum Kindergarten begleiten, denn das sind die einzigen Schuhe, die Luise mir gelassen hat. Doch ich will die High Heels nicht, denn meine Füsse schmerzen noch von vergangenem Samstag, als ich den ganzen Tag in den Dingern herumstand. 

Erst wollte ich mich ja auf eine verzweifelte Schuhsuche begeben, doch dann dämmerte mir, dass es durchaus einen erzieherischen Wert haben könnte, barfuss zum Kindergarten zu gehen. Treffe ich nämlich auf meinem Weg ohne Schuhe an den Füssen auf Luises Schulkameradinnen, dann folgen wenig später mit Sicherheit die bissigen Kommentare: „Deine Mama hat sie ja nicht alle. Läuft ohne Schuhe durchs halbe Dorf…“ und dann schämt sich Luise in Grund und Boden und klaut mir meine Schuhe nicht mehr – oder stellt sie zumindest wieder an ihren Platz zurück. 

Luises Schulkameradinnen habe ich unterwegs tatsächlich angetroffen und sie haben auch voller Entsetzen auf meine nackten Füsse gestarrt – nackte Füsse sind für gewisse Kinder schlimmer als nackte Brüste -, ob sie bereits bei Luise über mich gelästert haben, entzieht sich jedoch meiner Kenntnis. Natürlich musste ich mich auch der einen oder anderen Mutter erklären, doch keine wagte es, den Sinn meines erzieherischen Experimentes offen in Frage zu stellen.  Einzig Luise blieb ganz cool, als sie mich so sah: „Aber Mama, warum denn? Ich habe deine Flip Flops ja wieder dorthin gelegt, wo ich sie genommen habe.“ Was ganz und gar nicht stimmte…

IMG_9390

Zweite Etappe

Gewöhnlich würden unsere Familienferien ja spätestens nach zwei Wochen enden, doch diesmal folgte auf den Auszug aus dem roten Smålandhaus nicht die Rückreise in die Schweiz. Wir sind lediglich etwas weiter in den Süden gereist, in ein altes Schulhaus, wie es wohl die Bullerbü-Kinder besuchten. Eine gemütliche Wohnung mit traumhafter Aussicht, umgeben von hohen Bäumen und ganz nahe beim See gelegen. Noch einmal ein wahr gewordener Traum, diesmal in einer Gegend, in der alle paar Meter ein Hinweis auf eine Glasbläserei oder eine kulturelle Veranstaltung hinweist. Und das alles bei schönstem Sommerwetter.

Ehe ihr jetzt vor Neid erblasst, denkt bitte daran, dass wir nicht nur sehr viel Gepäck, sondern auch alle unsere Macken mit nach Schweden genommen haben. Deshalb brülle ich mehrmals am Tag: „Wollt ihr wohl endlich aufhören zu streiten! Könnt ihr denn nicht einen einzigen Augenblick lang die ganze Schönheit hier geniessen?“ Meistens sollten sich Luise und „Meiner“ angesprochen fühlen…

20130720-214150.jpg

Wenn…dann

Wenn…

…Karlsson sehnsüchtig darauf wartet, bis ich abends meine Runde im Garten drehe, wo er mir in aller Ruhe alles erzählen kann, was ihn tagsüber beschäftigt hat,…

…Luise nach einem heftigen Streit zu spät von der Schule nach Hause kommt, weil sie in die Bäckerei gegangen ist, um mir als Wiedergutmachung ein Erdbeertörtchen zu kaufen,…

…der FeuerwehrRitterRömerPirat mir einfach aus dem Nichts um den Hals fällt und danach nicht mehr von meiner Seite weicht, weil er mit mir über die alten Griechen und die moderne Weltraumforschung reden will,…

…der Zoowärter morgens nicht aus dem Haus geht, ehe er mit mir sein ganz eigenes Abschiedsritual durchgespielt hat, das stets mit den Worten „Bye Bye Chrigi“ endet,…

…das Prinzchen nach seinem erneuten Zahnunfall schluchzend auf meinem Schoss sitzt und wieder ganz klein und anschmiegsam wird,…

…dann

bin ich einfach nur dankbar, Mutter von fünf einzigartigen Menschen zu sein.

img_8285-small

Margerite

Es gibt ein einziges motorisiertes Gefährt, das mich zum Träumen verleitet, nämlich der „Döschwo„. Wann immer ich einen sehe, rufe ich: „Habt ihr gesehen, Kinder? Das war ein Döschwo. Sollte ich je Geld haben, das ich zum Fenster hinaus werfen kann, dann kaufe ich mir einen…“ Dann erzähle ich von dem Prachtstück in Bordeaux und Schwarz, in welches meine Eltern jeweils ihre drei jüngsten Kinder und den riesigen, kinderfeindlichen Köter quetschten und über Land tuckerten. Und wenn die Kinder dann wissen wollen, weshalb meine Eltern das Auto nicht behalten haben, erzähle ich von dem Dieb, der einmal, als mein Vater in Paris war, das Dach der armen, kleinen Ente aufschlitzte und die Kamera, die auf dem Sitz lag, entwendete. 

Neulich, als Luise und ich miteinander unterwegs waren, sahen wir ein ähnliches Prachtexemplar. Rabenschwarz, blank poliert und über und über mit Margeriten verziert. Wir zwei, die wir sonst keinem Auto Beachtung schenken, es sei denn, der Fahrer falle uns auf die Nerven, blieben stehen und sahen dabei zu, wie die Fahrerin versuchte, ihren Döschwo zwischen zwei Offroader zu zwängen. Die Frau war mir auf Anhieb sympathisch, nicht nur, weil sie das Gefährt meiner Träume fuhr, sondern auch, weil sie und ihre Ente sich durch die bedrohlichen Monster nicht im Geringsten beeindrucken liessen.

Ich stellte mir gerade vor, wie es wäre, wenn ich die Frau am Steuer wäre, als Luise mich fragte: „Mama, warum hat die Frau ihr Auto eigentlich mit dem ‚Implenia‘-Logo verziert?“ Schlagartig erwachte ich aus meinen Träumen. Was hänge ich auch alten Zeiten nach? Die Strasse gehört längst nicht mehr den Döschwos, sondern den Offroadern und die Margerite ist auch für kleine Mädchen zum Erkennungszeichen eines Baukonzerns geworden.

Und weil ich für diesen Baukonzern nicht werben will, gibt’s heute eben eine Mohnblume.

DSC08960-small