Noch 100 Minuten…..

… und dann werden „Meiner“ und ich das ganze Chaos für 36 Stunden hinter uns lassen. Keine Kinder – nicht mal das Prinzchen darf mit – nur wir zwei. Wir zwei beim Teetrinken im Länggass-Tee, wir zwei beim Schlendern durch die Gassen Berns (den Regen denken wir uns einfach weg), wir zwei beim Übernachten in der Jurte (Wird doch wohl nicht so kalt werden, wie der Wetterfrosch vorausgesagt hat, oder?), wir zwei beim Diskutieren, ob wir jetzt in Bern oder in Luzern in die Sauna gehen sollen, wir zwei beim kompletten Entspannen, egal ob in Bern, Luzern oder anderswo, wir zwei bei der knallharten Landung in der Realität des turbulenten Alltags.

Und wer schaut derweilen zu den Kindern, fragt ihr euch? Na, wer wohl: Drei der zahlreichen weltbesten Nichten werden während unserer Abwesenheit den Laden schmeissen und ich weiss, sie werden die herkulische Aufgabe wie immer sehr gut meistern. Warum also will ich dennoch den Zeitpunkt des Wegfahrens hinauszögern? Wenn man bedenkt, welches Chaos ich hier zurücklasse und welche Ruhe ich dort hoffentlich finden werde, müsste ich doch jetzt schon ungeduldig im Auto warten, bis „Meiner“ endlich bereit ist zum Losfahren. Aber ist nicht gestern Abend das Prinzchen beinahe an einem Stück Karotte erstickt? Was, wenn er heute wieder eine Karotte erwischt? Okay, wir haben gar keine Karotten mehr im Kühlschrank, aber es könnte ja sein, dass jemand unseren Kindern während unserer Abwesenheit  Karotten schenkt… Und hat nicht Karlsson gestern so sehr an meiner Liebe zu ihm gezweifelt, dass ich ihn heute unmöglich verlassen kann. Und die Kinderzimmer sind auch nicht aufgeräumt und am Ende weiss man nie, ob nicht ausgerechnet in den nächsten 36 Stunden ein Tornado über Schönenwerd hinweg rasen wird. Ist zwar seit Menschengedenken noch nie passiert, aber man kann ja nie wissen, oder?

Nein, kann man tatsächlich nicht und deshalb werde ich jetzt wohl oder übel meine Tasche packen und mich ins Vergnügen stürzen müssen. „Meiner“ wartet nämlich schon ganz ungeduldig im Auto…

Neueste Erkenntnisse

Wie immer, wenn man reist, kehrt man mit vielen neuen Erkenntnissen nach Hause. Die wichtigsten davon möchte ich meinen überaus geschätzten Leserinnen und Lesern nicht vorenthalten. Hier also sind sie, die Wichtigste zuerst:

Auszeiten sind die grossartigste Erfindung der Menschheit. Und alle Mütter, die behaupten, man solle lieber keine Auszeit nehmen, weil danach die Realität umso schlimmer sei, liegen falsch. Komplett falsch. Und ob man’s glaubt oder nicht: Ein Grossteil der Mütter kämpft sich noch immer nach dem Motto „Augen zu und durch“ durchs Leben, woran sie allerdings längst nicht immer selber Schuld sind.

Computer-Solitaire ist ein doofes Spiel. Aber leider ein doofes Spiel, das süchtig macht, wenn man gerade eine Schreibblockade zu überwinden versucht.

Saunabaden hilft gegen fast jedes kleine Leiden. Einzig gegen Halsschmerzen kommt man damit nicht an. Man verschlimmert sie bloss damit.

Wenn man drei Nächte hintereinander durchgeschlafen hat, ist man ein anderer Mensch. Und zwar ein so anderer, dass man sich selber nicht mehr wieder erkennt, weil man beinahe platzt vor lauter Fröhlichkeit.

Es ist tatsächlich wahr, dass man während einer Zugfahrt im Internet surfen kann. Man sollte es nicht für möglich halten. Und falls das bereits jeder, mit Ausnahme von mir, ausprobiert hat, dann bedenkt bitte, dass ich weit weit hinter dem Mond lebe, wo man von solch neumodischen Dingen nur vom Hörensagen weiss.

Wenn man einen ganzen Tag lang einen Laptop in einer Plastiktüte mit sich herumschleppt, schmerzen am Abend die Handgelenke. Wenn man dazu auch noch zwei Kilos Bitterorangen schleppt, schmerzen die Handgelenke noch mehr.

Tamilen sind Menschen, die ganz eindeutig nicht aus der Schweiz stammen, aber sie können ausgezeichnet kochen. Diese erstaunliche Erkenntnis stammt allerdings nicht von mir, sondern von zwei älteren Damen, die heute mit mir im selben Zug unterwegs waren und die ihr neu erworbenes Wissen unbedingt mit der Welt teilen wollten.

Männer sind durchaus fähig, einen Haushalt zu schmeissen und für fünf Kinder zu sorgen, auch wenn zahlreiche Ländli-Gäste dies zu bezweifeln wagten. Und zwar so gut, dass man nicht gleich wieder rückwärts das Haus verlässt, wenn man über die Schwelle tritt. Man darf sich nur nicht so sehr darüber aufregen, dass der ganze Kühlschrank gefüllt ist mit Migros-Budget-Produkten.

Papa ist der perfekte Hausmann, aber er kann keine Omeletten backen. Auch diese Erkenntnis stammt nicht von mir, sondern von Luise.

Töchter können noch so laut heulen, dass man wegfährt, wenn man wieder nach Hause kommt,  freuen sie sich dennoch mehr über ihren ersten losen Zahn als über die Rückkehr von Mama.

Und zum Schluss noch ein Bild von meinem hinreissenden Badeanzug, der aufgrund seiner Mängel nie, aber auch gar nie, erleben wird, wie es sich anfühlt, wenn man nass wird. Es sei denn, es erbarme sich eine Leserin des hässlichen Stücks…

Abreisefertig

„Meiner“ ist schon unglaublich! Man schaue sich bloss das Bild an, das er gestern meinem Post hinzugefügt hat – ich habe ja weder Kamera noch Kabel mitgenommen – und man sieht, wie er mit dem Zaunpfahl winkt: Zeit, nach Hause zu kommen, Frau Venditti. Zurück zu Playmobil, Staubsauger, Steuererklärungen und dergleichen.

Aber „Meiner“ hätte nicht mit dem Zaunpfahl zu winken brauchen. Mir ist auch so mehr als bewusst, dass es heute Nachmittag vorbei ist mit dem süssen Nichtstun. Noch einmal Sauna, noch einmal einfach an den gedeckten Tisch sitzen und mich bedienen lassen, noch sechs Stunden in meiner eigenen kleinen Welt und dann geht’s wieder los.

Freue ich mich? Ich weiss es nicht. Es ist wohl beides: Ich kann es kaum erwarten, das Prinzchen an mich zu drücken, die witzigen Sprüche des Zoowärters zu hören, mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten über Cäsar zu fachsimpeln, mit Luise zu quatschen, mir von Karlsson seine neuesten Fortschritte am Computer zeigen zu lassen und mit „Meinem“ über die nächsten Schritte in unserem Leben auszutauschen. Ich freue mich, zu wissen, dass ich wieder soweit gesund bin, dass ich drei Tage alleine sein kann, ohne in ein tiefes Loch zu fallen und ich bin dankbar, dass ich mich einfach mal entspannen konnte, etwas, was ich zuerst mal habe lernen müssen. Aber jetzt kann ich es und zwar gut.

So gut, dass ich gerne noch länger bleiben würde. So gut, dass ich mich ein wenig fürchte vor dem, was mich zu Hause erwartet, dieses laute, unkontrollierbare Etwas, genannt Alltag. Aber bevor ich mich dem wieder stelle, verschwinde ich jetzt erst mal in der Sauna.

Geniessen

Es ist schon verrückt: Da sorge ich mich wochenlang, ob das auch wirklich möglich sei, dass ich für ein paar Tage verreise. Ich kämpfe mit den Tränen, wenn ich daran denke, meine Kinder zurückzulassen. Ich fürchte mich vor dem Alleinsein. Und kaum bin ich weg – ja, dann bin ich eben weg. Versunken in einer anderen Welt, alleine mit mir und meinen Gedanken, meinen Träumen, meinen Fragen, meinen Gebeten, meinen Geschichten.

Und ich bin glücklich.

Kein sehnsüchtiges Fragen, was meine Kinder wohl gerade jetzt in diesem Moment tun. Kein Sorgen, ob „Meiner“ daran denkt, dass er heute zum Mittagessen auf keinen Fall Pizza servieren darf, weil das Tageskind keine Pizza mag. Kein Brüten über dem, was in unserem Leben noch nicht so läuft, wie wir uns dies wünschen. Keine Tränen vor dem Einschalfen. Ich geniesse einfach, lebe in den Tag hinein. Schreibe, wenn mir nach Schreiben ist, entspanne mich in der Sauna, wenn ich Lust auf Wärme habe, stapfe durch den knietiefen Schnee, um endlich den Meditaionsweg zu finden, den ich letztes Jahr nicht suchen konnte, weil ich das Prinzchen, das damals dabei war, nicht dem Schneestrum aussetzen wollte.

Klar, mein Alltagsleben ist immer präsent, irgendwo im Hinterkopf. Und natürlich nütze ich jede Gelegenheit, um von meinen grossartigen Kindern zu erzählen. Das Verrückte dabei ist: Wenn ich von ihnen erzähle, wird mir mal wieder so richtig bewusst, dass sie wirklich grossartig sind. Das ist so viel einfacher zu sehen, wenn man dabei nicht den Geruch voller Windeln in der Nase und den Anblick der zerkritzelten Wände vor Augen hat. Und wenn dann noch ein zweiundachtzigjähriger Tischnachbar findet, der FeuerwehrRitterRömerPirat müsse ein wahres Genie sein, dann geht das natürlich runter wie Butter. Und wenn man sich nicht mit dem Unfug herumschlagen muss, den das „wahre Genie“ sich den lieben langen Tag ausdenkt, dann könnte man in Versuchung kommen, dem alten Herrn gar Recht zu geben.

Aus der Ferne besehen ist meine Familie einfach perfekt. Und ich schätze es ungemein, dass ich sie für einmal aus der Ferne besehen darf und nicht mitten im Chaos stecken muss. Es wird mir hoffentlich dabei helfen, auch mitten im Trubel wieder vermehrt das Schöne zu sehen.

Gastfreundschaft

Hach, wier ich das Ländli liebe! Da wird dir von A bis Z jeder Wunsch von den Augen abgelesen. Kleines Beispiel gefällig? Gestern Abend, als ich mich zum Abendessen an den mir zugewiesenen Tisch setzte, packte mich das Grauen. Mir gegenüber sass eine nette alte Dame, die zwar freundlich dreinschaute, jedoch kein Wort sagte und die beim Essen, nun sagen wir mal etwas Mühe hatte mit dem Kauen. Wofür ich durchaus Verständnis habe. Aber da ich zu Hause ja häufig genug sehr junge Menschen um mich herum habe, die Mühe haben mit dem Kauen, ist mein Bedürfnis klein, in meinen Ferien sehr alten Menschen dabei zuzusehen, wie sie mit dem gleichen  Problem kämpfen wie meine Kinder.

Zu meiner Rechten sass ein älteres Ehepaar. Er ein ziemlich ungeduldiger Herr, der verzweifelt nach einem Grund suchte, sich zu beklagen. Sie eine dominante Dame, die „Ihren“ unablässig auf kleine Fehlerchen aufmerksam machte und gleichzeitig die andere Tischnachbarin dazu zu zwingen versuchte, sich nach ihrer Heimkehr die Mahlzeiten vom Mahlzeitendienst nach Hause liefern zu lassen, obschon die Frau versichterte ihre Nachbarin werde für sie kochen.

Mich behandelte man wie Luft, was für mich eigentlich kein Problem gewesen wäre, hätte ich nicht irgendwann erfahren, dass meine netten Tischgenossen bis Donnerstag bleiben würden. Okay, dachte ich, den Rest deines Aufenthalts wirst du geniessen, aber die Mahlzeiten werden eine Qual bleiben. Als  ich „Meinem“ am Telefon mein Leid klagte, meinte er, ich solle sofort reklamieren.

Aber im Ländli musst du nicht reklamieren. Es genügt, wenn du am Morgen der Chefin des Restaurants einen belsutigten Blick zuwirfst, als der Tischnachbar sich darüber aufregt, dass seine Kaffeetasse nicht nullkommaplötzlich aufgefülllt wird. Und schon raunt dir die Restaurantchefin verschwörerisch zu: „Wollen Sie den Tisch wechseln? Wäre ja schade, wenn Sie die ganze Zeit hier sitzen müssten.“ Und das an einem durch und durch frommen Ort!

Kein Vorwurf im Sinne von „Hey, du bist Christ, also ertrage gefälligst deine Nächsten, wenn du diese schon partout nicht lieben willst.“ Sondern: „Du bist mein Gast. Ich will, dass du dich wohlfülst und dass du mal frei sein kannst von all den mühsamen Seiten des Lebens. Also vergiss die nervenden Tischnachbarn. Ich sorge dafür, dass du heute Mittag angenehmere Gesellschaft hast.“

Genau darum liebe ich das Ländli.

Dann eben nicht

Noch keine zehn Minuten aus dem Haus, und schon merke ich, dass ich etwas vergessen habe. Das erste Mal in meinem Leben bin ich kinderlos unterwegs zu einem Ort mit Wellness-Oase und was muss ich zu Hause vergessen? Das Badekleid natürlich. Ich hätte ja auch die Haarbürste vergessen können. Oder die Zahnpaste. Oder im schlimmsten Fall auch das Kuschelkissen. Aber doch nicht das Badekleid!

Was tun? Noch einmal nach Hause gehen, kommt nicht in Frage, denn bald kommt Luise von der Schule nach Hause. Es ist ja keineswegs so, dass ich Luise nicht liebend gerne sehe. Aber ich will ihr eine zweite Abschiedsszene ersparen, wo ihr  (und mir) doch die erste schon so sehr zu Herzen gegangen war. Also nehme ich wie geplant den Zug nach Zürich und mache mich dort auf die Suche nach einem Badekleid. Und das mitten im Winter. Nun ja, irgendwie muss man sich das Leben spannend gestalten.

Als Erstes probierte ich es im Sportgeschäft am Hauptbahnhof. Da gibt es, zwischen Skijacken und Schneeschuhen tatsächlich Badekleider. Und zwar Oma-Badekleider, das Stück für nur 179 Franken. Okay, so viel ist mir die Wellness-Oase dann auch wieder nicht Wert. Also auf in die Sadt zu C & A. Dort aber herrscht noch tiefster Winter. So irre ich schon bald durch die Sportabteilung von Manor. Fragen traue ich mich nicht. Ich will ja nicht, dass die mich in die psyhiatrische Klinik einliefern. In einem abgelegenen Winkel werde ich schliesslich fündig. Zwischen überteuerten Adidas-Schwimmanzügen und Speedo-Bikinis finde ich den hässlichsten Bikini, den man je gesehen hat, – braun mit gepolstertem BH und Plastikperlen am Träger, – für nur 14 Franken. Einen Bikini habe ich zum letzten Mal im zarten Alter von vier Jahren getragen. Es gibt sogar noch ein Bild davon. Als Beweis, dass ich schon damals fürchterlich aussah im Bikini.

Doch die Wellness-Oase lockt und deshalb erstehe ich das hässliche Ding. Für drei Tage werde ich wohl einen Bikini tragen können. Es kennt mich ja Keiner hier im Ländli. Und unter den vielen älteren Damen, die in dieser Jahreszeit das Hauptpublikum ausmachen, werde ich trotz meinen Speckröllchen noch jung und knackig aussehen. Besser als ein überteuerter Oma-Anzug oder gar nicht baden ist das hässliche Teil allemal.

So dachte ich, bis ich, kaum in meinem Zimmer angekommen, in das Ding schlüpfte und feststellte, dass das gar kein Bikini ist, sondern einer jener potthässlichen Anzüge, die zwischen Höschen und BH einen jener abscheulichen Streifen haben, die jede Frau, die nicht Topmodelmasse hat, wie einen gestrandeten Wal, der probiert, auf sexy zu machen, aussehen lässt.

Okay, dann bade ich eben doch nicht. Aber es gibt ja hier auch noch eine Sauna.

Vorfreudensorgen

So langsam beginne ich, nervös zu werden. Denn jetzt, wo des Zoowärters Geburtstag vorbei ist und er heult, weil er  noch einmal feiern möchte, ist der nächste wichtige Termin der 1. Februar, der Tag, an dem ich für vier Tage alleine verreise. Und zwar zum ersten Mal, seitdem ich vor fünfzehn Jahren vier Tage in Israel war. Aber da war ich ja eigentlich auch nicht alleine, da war ich unterwegs mit einer Horde kettenrauchender Reisebüroangestellten, die sich vier Tage lang über Astrologie unterhielten, während ich im Stillen zur Überzeugung gelangte, dass ich da nicht hinpasste und mich, kaum war ich wieder zu Hause, an der Uni einschrieb. Und seither war ich nie mehr alleine weg. Entweder interrailte ich mit „Meinem“ durch Osteuropa, sah mir mit „Meinem“ und Karlsson Englands Gärten an oder verbrachte mit meiner ganzen Horde All-Inclusive-Ferien im Kinderhotel in Österreich, etwas, was ich mir in grauer Vorkinderzeiten geschworen hatte, nie im Leben zu tun.

Und jetzt, wo ich die Gelegenheit habe, für ein paar Tage ganz alleine für mich zu sein, packt mich die Panik. Was soll ich bloss so lange mit mir ganz alleine anfangen? Und wie sollen die zu Hause bloss ohne den Hausdrachen auskommen, der ihnen sagt, was sie tun und lassen sollen? Und haben die im Ländli einen Internetanschluss, damit ich auch dort bloggen kann? Denn wenn ich Ruhe habe, beginnt mein Kopf wie verrückt zu schreiben und wenn ich das Zeug nicht loswerden kann, drehe ich fast durch. Was, wenn ich abends im Bett Angst bekomme? Oder wenn ich vor lauter Heimweh krank werde? Letztes Jahr, als mich „Meiner“ ins Ländli geschickt hatte, hatte ich wenigstens noch das Prinzchen dabei, das damals noch verhungert wäre ohne die Mama. Ihn konnte ich an mich drücken, wenn ich Karlsson, Luise, den FeuerwehrRitterRömerPiraten, den Zoowärter und „Meinen“ zu sehr vermisste. Aber diesmal werde ich mutterseelenallein sein und ich habe keine Ahnung, wie ich das überstehen werde. Zumal ich diesmal nicht mehr so tief in meinem schwarzen Loch sitze wie noch vor einem Jahr, was zwar schön ist, aber auch bedeutet, dass ich meine Umwelt nicht mehr so verschwommen wahrnehme und mich deshalb auch viel öfter frage, was wohl die Leute von mir denken.

Ja, jetzt, wo der erste Februar näher rückt, weiss ich gar nicht mehr, ob ich denn tatsächlich alleine sein will. Klar, ich freue mich auf die Ruhe. Ich bin gespannt darauf, was diese Ruhe in mir auslösen wird. Ich frage mich, ob mir in der Stille neue Ideen für weitere Projekte im Sinne der trockenen Tinte kommen werden. Ich freue mich auch auf die ungestörten Nächte – so ich denn überhaupt schlafen kann ohne das ruhige Atmen des Prinzchens und das Schnarchen von „Meinem“ zu hören. Ich kann es auch kaum erwarten, mal wieder in einer Sauna zu sitzen und ein paar Längen zu schwimmen. Wenn ich an all dies denke, dann platze ich fast vor Vorfreude. Und werde fast wahnsinnig vor lauter Angst…

Ausgeschlossen

Ich liebe Ferien, aber wenn die Koffer mal für die Heimreise gepackt sind, will ich nur noch Eines: Nach Hause und zwar so schnell wie möglich. Die Bahnfahrt,  – diesmal alleine mit dem schlafenden Prinzchen, weil sich die anderen noch Schloss Chillon ansehen wollten, – war zwar äusserst gemütlich, der Zug beinahe leer. Das Beste, was einer vielbeschäftigten Mama passieren kann, bevor sie sich wieder in den Alltag stürzen muss.

Wenn Mama etwas genossen hat, landet sie meistens besonders hart auf dem Boden der Realität. In diesem Fall war es eine verschlossene Haustür. Mein Schlüssel war in der Wohnung eingeschlossen, der Ersatzschlüssel zusammen mit „Meinem“ noch weit weit weg von zu Hause. So sassen wir also vor der verschlossenen Haustüre, das Prinzchen und ich, und warteten. Ich innerlich kochend vor Wut, das Prinzchen glücklich wie kleine Prinzen eben sind. Warum ich nicht bei den Nachbarn Unterschlupf gesucht habe? Nun, erstens sind die Nachbarn, die mich auch ertragen können, wenn ich koche vor Wut, in die Ferien verreist. Und zweitens war des Prinzchens Windel während der Busfahrt verrutscht, was zur Folge hatte, dass wir beide aussahen und rochen wie eine Bahnhoftoilette. Und überhaupt: Wenn ich mies drauf bin, dann bin ich mies drauf und dann will ich gar nicht, dass mich einer aus meiner Schmollecke rettet.

Die nächsten siebzig Minuten verbrachten das Prinzchen und ich auf sehr unterschiedliche Art und Weise. Ich, indem ich vor mich hin grummelte, gegen den Randstein trat und das Handy auf den Boden schmiss, er indem er Steinchen in den Mund nahm, sich Himbeeren ins Gesicht schmierte und strahlte, als gebe es nichts Schöneres auf der Welt, als an einem feucht-kalten Oktobernachmittag mit voller Blase vor der verschlossenen Haustüre zu sitzen.

Wobei des Prinzchens Blase natürlich längst nicht mehr voll war. Er hatte ja eine Windel an, wenn auch eine Verrutschte. Und hätte ich gewusst, dass drinnen als verspätetes Geburtstagsgeschenk eine Schachtel voller Luxemburgerli auf mich wartet, ich hätte wohl die Türe eingetreten…

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Sind das wirklich meine Kinder?

Es könnte zum Heulen sein: Das gesamte Ausflugsprogramm, das wir für diese Woche geplant hatten, ist ins Wasser gefallen. Die Bergbahnen sind geschlossen oder noch nicht fertig gebaut, die Museen, von denen man gelesen hatte, sind unauffindbar, die Touristenattraktionen ruhen sich aus, bevor die Wintersaison beginnt. Das alles stört unsere Kinder nicht im Geringsten. Es gibt hier ja massenhaft winzige Molche und Frösche. Sie bauen ihnen Teichlein aus Suppenschüsseln, lassen sich die Tierchen  über die Arme krabbeln und küssen sie, so wie es sich für jedes Kind gehört, das die Geschichten aus Bullerbü kennt. Nicht, dass ich etwas gegen das Küssen von Fröschen hätte. Besser, die Kinder tun es jetzt und nicht dann, wenn sie erwachsen sind und meinen, sie müssten jeden dahergelaufenen Frosch, jede dahergelaufene Kröte küssen, in der Hoffnung, es werde ein Prinz oder eine Prinzessin daraus. Hat man in der Kindheit genug Frösche geküsst, braucht man es vielleicht später nicht mehr zu tun. Ich bin mir nur nicht ganz sicher, ob die Fröschchen auch wirklich geküsst werden möchten. Und ich glaube auch, dass das Fröschchen mit dem verletzten Bein ganz gut ohne das „Grasbein“ auskommen kann, welches Karlsson ihm verpassen wollte, „weil die Piraten ja auch Holzbeine haben, wenn ihnen ein Bein fehlt.“

Auch „Meiner“ ist vollkommen fasziniert von den kleinen Hüpfern, wenn auch eher von den Toten. Er bwahrt sie im Eiswürfelfach auf, fotografiert sie, studiert ihren Körperbau und erschreckt mich ein ums andere Mal fast zu Tode indem er mir das Getier unter die Nase hält oder es auf einem Teller liegen lässt. Und wiedermal bin ich die Memme in der Familie. Denn während alle anderen über die „goldenen Augen“, die „süssen Beinchen“ und die „unglaublich zarte Haut“ staunen, kreische ich wie ein hysterischer Teenager, wenn sie mir zu nahe kommen mit den Fröschen und Molchen. Okay, von ferne besehen sind sie ja ganz hübsch und ich weiss auch, dass sie nicht gefährlich, nicht glitschig und nicht giftig sein sollen. Aber für eine Memme wie mich sind Frösche auf dem Küchentisch einfach zu viel des Guten. Wer weiss denn schon, wohin überall die hüpfen, wenn sie mal losgelassen sind?

Also ziehe ich mich vorübergehend von meiner Familie zurück und wende mich dem „Spiegel“ zu. Bei Buchstaben muss ich wenigstens keine Angst haben, dass sie mir ins Gesicht hüpfen, wenn ich ihnen zu nahe komme.

Ach und übrigens: Die Frösche auf dem Bild waren schon tot, als „Meiner“ sie gefunden hat. Nicht dass man ihn der Tierquälerei bezichtigt…

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So nicht mit uns!

Die müssen ja wirklich verzweifelt sein, die Leute von Hapimag. Dies zumindest schliesse ich aus der Tatsache, dass sie uns nun schon zum vierten Mal angerufen haben, um uns Aktien zu verkaufen. Gestern beim Frühstück, dann  wieder abends um halb zehn und heute Morgen wieder beim Frühstück. Wenn die wüssten, dass sie „Meinen“ und mich so nur in den Widerstand treiben, würden sie wohl nicht so schnell wieder zum Telefonhörer greifen, um uns weitere Gratis-Ferienwochen zu versprechen, damit wir uns endlich erbarmen und eine Aktie zeichnen.

Dabei fällt es uns nicht im Traum ein, hier wieder einmal Ferien zu machen. Nicht dass es nicht schön wäre hier. Es ist ein Traum. Aber ein Ort, wo Menschen ein- und ausgehen, die das Prinzchen mit versteinerter Miene anstarren, wenn er ihnen sein Engelslächeln schenkt, ist kein Ort für uns. Wo man des Prinzchens Charme einfach so widerstehen kann, können wir uns doch nicht zu Hause fühlen. Traumhafte Lage hin oder her.

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