Mein Geständnis

Wer mich kennt oder wer regelmässig hier vorbeiliest, der weiss, wie sehr ich Hausarbeit liebe. So sehr, dass ich sie an eine Putzfrau delegiert habe. So sehr, dass ich, wenn die Putzfrau in den Ferien weilt, oder wenn jemand unter der Woche etwas verschüttet, ganz dringend aufs WC muss, bevor man mir den Putzlappen in die Hand drücken kann. So sehr auch, dass ich mich inzwischen damit abgefunden habe, dass fast jeder, der unsere Wohnung betritt, vom dringenden Bedürfnis gepackt wird, ein wenig beim Aufräumen behilflich zu sein, auch wenn mir dies furchtbar peinlich ist. Man sieht also, meine Begeisterung für Hausarbeit kennt keine Grenzen.

Und doch habe ich heute, als ich mit dem Staubsauger durch die Wohnung düste – die Putzfrau weilt gerade sehr sehr lange in den Ferien, so lange, dass ich den Dreck nicht liegen lassen kann, bis sie wieder zurück kommt -, bemerkt, dass Hausarbeit erträglich sein kann. Also, natürlich nur, wenn die Bedingungen stimmen. Und die Bedingungen wären

a) Alle Kinder sind aus dem Haus, weil man sonst gleich wieder von Vorne anfängt, kaum ist man fertig geworden.
b) Das Chaos ist so schlimm, dass selbst ich mich nicht mehr wohl fühle darin.
c) Das Chaos ist so schlimm, dass der Vorher-Nachher-Effekt so grossartig ist, dass selbst eine wenig ambitionierte Hausfrau, wie ich eine bin, sich am Ende anerkennend auf die Schulter klopft.
d) Das Chaos ist so schlimm, dass selbst der Zoowärter, wenn er nach dem Spielen wieder reinkommt merkt, dass da etwas anders geworden ist, nämlich dass es plötzlich wieder so sauber ist, dass man jeden seiner Fingerabdrücke auf dem Salontisch erkennen kann, wo sie doch vorhin im Gewirr der vielen Fingerabdrücke einfach verschwunden waren.
e) Ich will gerade ein paar Kilos loswerden und mache rein zufällig bei einem Abnehm-Programm mit, bei dem sich Putzen als Fitness abbuchen lässt. Denn es gibt nur eine Sache, die ich
noch mehr liebe als Hausarbeit und diese Sache nennt sich S-P-O-R-T.
f) In meinem Kopf schwirren gerade so viele Gedanken herum, dass ich sie zuerst wieder ordnen muss, bevor ich mich wieder an den Schreibtisch setzen kann.

Sind alle diese Bedingungen erfüllt, dann steht einer fröhlichen Putzaktion eigentlich nichts mehr im Wege und es macht mir nichts aus, für einmal den Job der Putzfrau zu machen. Wer jetzt denkt, er könne „Meinem“ melden, es gebe da durchaus noch Sparpotential in unserem Haushaltsbudget – „Meiner“ führt sich derzeit geradezu bürgerlich auf in seiner Sparwut -, der irrt gewaltig. Denn die Tage, an denen alle oben genannten Bedingungen erfüllt sind, sind äusserst rar. Und wenn nicht alle erfüllt sind, dann rühre ich keinen Putzlappen an.

Das sehen wir doch gleich, oder?

Wer heutzutage in den Zoo geht, geht nicht in erster Linie, um Tiere zu beobachten. Die sind nämlich inzwischen derart artgerecht gehalten, dass man sie nur noch mit ganz viel Glück zu Gesicht bekommt. Wenn sie denn überhaupt im Zoo logieren und nicht vorübergehend ausquartiert sind, weil sie gerade ein noch artgerechteres Gehege gebaut bekommen. Da ich ein tierliebender Mensch bin, begrüsse ich diese Entwicklung und ich kann endlich ungehindert das tun, was ich im Zoo schon immer am liebsten getan habe: Die Menschen beobachten. Was in Zeiten eines kleineren Babybooms bedeutet, hochschwangeren Frauen dabei zuzusehen, wie sie sich mühselig durch den Zoo schleppen, an der einen Hand einen Dreikäsehoch, an der anderen Hand ein Kindergartenkind, das in Richtung Giraffengehege drängt, während Mama mit letzter Kraft versucht, einen Sitzplatz auf der letzten freien Parkbank am Schatten zu ergattern.

Sehe ich solche Szenen, wird mir ganz warm ums Herz. Vor sechs Jahren, als „Meiner“ und ich eben geraden den Schritt von der Kleinfamilie zur Grossfamilie wagten – in der Schweiz ging man damals mit drei Kindern bereits als Grossfamilie durch -, tuschelte man hinter unserem Rücken: „Schau mal, das Zweite kann noch kaum laufen und schon ist das Dritte unterwegs!“. Heute entspricht das Bild, das damals noch exotisch war, der Norm. Und so schaue ich mit leiser Wehmut dabei zu, wie Mama den Kampf gegen das Kindergartenkind verliert und sich zum Giraffengehege schleppt, wo sie es trotz ihrer Erschöpfung fertigbringt, die Begeisterungsstürme ihrer Kinder zu teilen. Und wie ich so meine eigene Kinderschar mustere, – Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat schon so gross, dass der Zoobesuch sie schon fast langweilt, der Zoowärter und das Prinzchen auch schon so selbständig und Karlsson gar nicht erst dabei, weil er schon eigene Wege zu gehen beginnt – da kommt sie in mir hoch, die leise Sehnsucht nach einem weiteren Kind. „Ach, wäre das schön! Nur noch einmal so ein klitzekleines Baby zu haben….“, seufzt die Urmutter in mir und schon will ich mich mit schmachtendem Blick „Meinem“ zuwenden und ihn daran erinnern, wie schön es doch war, als wir noch schwanger sein konnten. Vielleicht können wir ja zusammen ein wenig in alten Erinnerungen schwelgen.

Doch bevor ich etwas sagen kann, wendet sich „Meiner“ mir zu und meint: „Weisst du, was ich so unglaublich toll finde? Dass ich weiss, dass du nie mehr schwanger sein wirst. Dass du dich nie mehr so durch den Zoo schleppen musst, an der einen Hand ein Dreikäsehoch, an der anderen ein Kindergartenkind, das dich mit sich zerrt.“

Okay, dann sehen wir die Vergangenheit eben nicht ganz gleich  verklärt, „Meiner“ und ich.

Zum Glück können „Meiner“ und ich uns wenig später den Mund zerreissen über eine Hochschwangere, die sich am Eingang zum Aquarium eine Zigarette anzündet. Man sieht, in gewissen Dingen bleiben wir uns einig, selbst wenn es um Schwangerschaft geht….

Alle Jahre wieder…..

…. das gleiche Lied: Am ersten verregneten Sommerferientag versammeln sich die kleinen Vendittis in seltener Eintracht auf dem Sofa, um sich auf Weihnachten einzustimmen. Aus vollen Kehlen singen sie mit, wenn Andrew Bond seine Lieder von verschneiten Bergen, Geschenken unter dem Tannenbaum, Grittibänzen-Bäckerei und dem Samichlaus singt.

Da wäre sie also wieder, die alljährliche pränatale Euphorie im Hause Venditti. Eine Euphorie, die einfach so kommt, wie ein Virus, das sich breit macht, ohne dass man es eingeladen hätte. Allerdings frage ich mich langsam, ob die Sache vielleicht genetisch ist. Einen derart voraussehbaren Terminplan bringt kein Virus zustande.

Jetzt reicht’s!

Und zwar endgültig. Jetzt müssen sie weg, die Kilos, die ich seit der Prinzchen-Geburt noch nicht losgeworden bin. Und die grauen Haare ebenfalls. Und die schwarzen Augenringe erst recht. Und das alles so schnell wie nur immer möglich.

„Weshalb diese Eile plötzlich?“, mag man sich fragen. „Bis jetzt hat dich das alles ja auch nicht gestört.“ Die Antwort liegt irgendwo auf der Zugstrecke zwischen Basel und Aarau, ich vermute es war irgendwo bei Sissach. Da kam sie, diese nette Kondukteuse und wollte unsere Billette sehen. Artig zeigte ich, was sie sehen wollte: Das Billett für „Meinen“ und mich, mein Halbtax-Abo, die Junior-Karten für Luise und den FeuerwehrRitterRömerPiraten. Die Kondukteuse musterte unsere Familie, schaute etwas verwirrt auf die Ansammlung von Fahrkarten und wollte dann wissen: „Und dieser junge Herr dort? Wo haben Sie sein Billett?“ Zuerst wollte ich nicht so recht verstehen, wen sie mit „dieser junge Herr dort“ meinte. Ob sie wohl wissen wollte, wo der Besitzer der dritten Junior-Karte sei? Wohl kaum, oder? Oder meinte sie gar, der Zoowärter oder das Prinzchen müssten auch schon eine Fahrkarte lösen? Endlich dämmerte mir, wen sie mit der schmeichelhaften Umschreibung meinte: „Meinen“!

Ist das nicht eine himmelschreiende Ungerechtigkeit: Da zeugen „Meiner“ und ich fünf Kinder zusammen, schlagen uns gemeinsam zehn Jahre lang die Nächte mit Füttern, Trösten und Wickeln um die Ohren, kämpfen uns gemeinsam durchs Haushaltschaos, zerbrechen uns gemeinsam den Kopf, wie wir wohl im nächsten Monat finanziell durchkommen und toben gemeinsam mit unseren Knöpfen durchs Leben. Aber während „Meiner“ nach zehn Jahren wie ein „junger Herr“ aussieht, sehe ich aus wie seine Mutter. Am liebsten hätte ich gebrüllt: „Der ‚junge Herr da‘ ist mein ‚Meiner‘ und er ist ganz genau gleich abgekämpft wie ich, auch wenn ihm das kein Mensch ansieht! Er tut bloss so, als sei er jung, relaxed und cool, aber Sie müssten ihn mal sehen, wenn er abends um halb zehn auf dem Sofa einpennt vor lauter Erschöpfung. Dann sieht er nicht mehr ganz so frisch aus.“ Aber was hätte das denn noch gebracht? Die Kondukteuse war schon längst verschwunden und vermutlich schüttelte sie im Herausgehen den Kopf über die modernen Mütter, die sich zuerst einen Haufen Kinder zulegen, um danach mit einem jungen Lover im Schlepptau durchs Land zu ziehen. Oder dachte sie vielleicht, „Meiner“ sei mein Ältester, den ich irgendwann, kurz nach dem Eintritt in die erste Klasse bekommen hätte?

Es ist doch einfach zum Heulen. Demnächst wird man hinter unserem Rücken tuscheln: „Er sieht ja noch richtig gut aus, aber sie…. Wie hat die es bloss geschafft, sich einen solchen Mann zu angeln?“ Da gibt’s nur eins: So schnell als möglich wieder so jung aussehen, wie ich in Wirklichkeit bin.

Oder aber ich sorge dafür, dass „Meiner“ genauso alt aussieht wie ich. Was gar nicht so einfach sein dürfte, denn schwanger werden kann er ja nicht und meine Verschleisspuren sind wohl vor allem auf die Schwangerschaften zurückzuführen. Na dann, ich denke mal, in Zukunft wird er die Nachtschicht ganz alleine übernehmen müssen….

So macht man das also….

Also, es ist so: Der (sic!) Angst ist eine Frau mit so Krallen und der kommt auf einen zu und wenn man will, dass der Angst weggeht, muss man kämpfen und zwar mit einem Legostein und wenn der Angst immer noch nicht weggeht, dann muss man beten und wenn der Angst immer noch nicht weggeht, muss man mit einem Römerschwert gegen ihn kämpfen so zack! und wusch! und wenn der Angst immer noch da ist, dann muss man sagen: „Angst, geh weg, du blöde Frau!“ und dann hat man endlich Ruhe.

Warum bloss erfahre ich solche Sachen erst jetzt, im reifen Alter von fünfunddreissig Jahren? Vor dreissig Jahren, als mein Bett noch Nacht für Nacht von Krokodilen umzingelt war, als am Fussende des Bettes riesige schwarze Schlangen lagen und vor dem Fenster böse Riesen mit Säbeln lauerten, da hätte ich diese Strategie besser gebrauchen können. Aber damals hatte ich eben noch keinen Zoowärter, der mich über die wichtigen Dinge im Leben aufklärt….

Schöne Ferien, Karlsson!

Karlsson ist heute verreist. Alleine, ohne Mama, Papa und Geschwister, ohne David, den Stoffeisbären, oder zumindest fast ohne David, aber das ist eine andere Geschichte, eine ganz private, die unter Vendittis bleibt. Zum ersten Mal in den fast zehn Jahren seines Lebens ist Karlsson ohne uns, sind wir ohne Karlsson. Zum ersten Mal muss die Glucke in mir darauf verzichten, stets zu wissen, wo ihr Küken ist, was es gerade tut und ob es ihm gut geht. Zum ersten Mal darf die Freiheitsliebende in mir ein wenig aufatmen, sich ausmalen, wie die Sommer werden, wenn alle Kinder gross genug sind, ins Ferienlager zu fahren. Ich kann euch versichern: Diese zwei können sich ganz schön in die Haare geraten, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet, wie eben zum Beispiel heute. Das sieht dann etwa folgendermassen aus:

Glucke: „Karlsson, hast du auch ganz bestimmt alles eingepackt? Und bist du sicher, dass du alleine zurechtkommen wirst? Du wirst sehen, sechs Tage sind schnell vorbei und dann darfst du auch schon wieder nach Hause kommen….“

Die Freiheitsliebende unterbricht die Glucke: „Jetzt hab‘ dich doch nicht so! Der Junge kommt schon ein paar Tage ohne dich zurecht. Stell dir vor wie schön das wird: Einer weniger, der streitet, einer weniger, der den ganzen Tag für Radau sorgt. Und es dauert gar nicht mehr so lange, bis alle Kinder im Sommer ins Lager gehen können….“

Die Glucke, ziemlich schrill:Alle Kinder? Bist du wahnsinnig geworden. Es ist schlimm genug, dass Karlsson jetzt schon ohne uns verreist! Du weisst ja, was in einem solchen Ferienlager alles passieren kann.“

Die Freiheitsliebende, träumerisch: „Oh ja, ich erinnere mich…. Ganze Nächte durchquatschen, den Leitern Streiche spielen, vielleicht zum ersten Mal verliebt sein, … nun ja, dafür ist Karlsson vielleicht noch etwas zu jung, aber vielleicht eine Brieffreundschaft mit einem netten Mädchen, das gerne mit stillen, nachdenklichen Jungs befreundet ist,…. ach, war das schön, als man noch so jung und unbeschwert war!“

Die Glucke, zurechtweisend: „Wenn ich an Ferienlager denke, kommen mir eher andere Dinge in den Sinn. Bienenstiche zum Beispiel, oder verstauchte Fussgelenke, Heimweh, Tränen, weil man ausgeschlossen wird, schlechtes Essen, oder, schlimmer noch, zu wenig essen…. Ach ja, ich muss unbedingt gleich heute Abend noch ein Fresspaket für Karlsson zurechtmachen, damit ich es morgen früh auf die Post bringen kann…“

Die Freiheitsliebende: „Du mit deiner Schwarzmalerei! Du hast doch den Menuplan gesehen. Karlsson wird das Essen dort lieben. Und das Haus ist auch perfekt, so sauber, er wird nicht mal Asthma kriegen dort, weil es eines der einzigen Lagerhäuser ist, die nicht völlig verstaubt sind. Und dann liegt das Haus ja auch so schön abseits….“

Die Glucke: „Ha, von wegen abgelegenes Haus! Hast du denn vergessen, dass Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat genau dort, vor diesem Lagerhaus einmal beinahe von einem Lastwagen überfahren worden wären? Was, wenn mit Karlsson das Gleiche passiert?“

Die Freiheitsliebende: „Natürlich habe ich das nicht vergessen. Aber du weisst auch, dass die Beiden damals noch winzig waren und keine Ahnung davon hatten, wie gefährlich so ein Lastwagen ist. Karlsson ist gross und vernünftig…“

Die Glucke: „Karlsson meint, er sei gross und vernünftig. Aber er ist doch noch so klein. So alleine und verloren in einem Lager. Der arme Junge….“
Die Glucke ist den Tränen nahe.

Die Freiheitsliebende: „Nun, so alleine ist er nun auch wieder nicht. Immerhin hat er seinen besten Freund dabei. Und die Schwester des besten Freundes ist auch dort. Und dann sonst noch ein paar Kinder, die er kennt. Und sein Gruppenleiter macht einen ganz guten Eindruck.“

Die Glucke: „Ja, aber der Gruppenleiter ist erst siebzehn. Wie soll der für meinen armen kleinen Jungen sorgen können? Der ist ja selber noch fast ein Kind. Was soll bloss aus meinem Kind werden? Ich glaube, ich hole ihn gleich wieder nach Hause. Der arme, arme Junge….“
Die Glucke bricht in Tränen aus.

Die Freiheitsliebende: „Du scheinst vergessen zu haben, dass der ‚arme arme Junge‘ sich freiwillig ins Lager angemeldet hat, dass er sich monatelang auf diese Woche gefreut hat, dass er die Zeit ohne dich geniessen wird….“

Die Glucke, heftig schluchzend: „Das…. i-i-i-h-h-h-st ja…. das Schli-h-i-h-i-mmste an der Sa-ha-ha-che, dass Karlsson …. ga-ha-ha-nz gu-hu-hu-hu-t ohne mi-hi-hi-ch zurechtkommen…. wird….“

Während die Glucke heulend auf dem Sofa liegenbleibt, geht die Freiheitsliebende frohgemut in die Küche, holt sich etwas zu Trinken und murmelt vor sich hin: „Das ist ja das Schöne, dass Karlsson ganz gut ohne mich zurechtkommen wird.“

Im Luxemburgerli-Himmel

Samstagmorgen vor zwei Wochen. Mama Venditti sitzt mit Karlsson, Luise und dem FeuerwehrRitterRömerPiraten im Zug nach Zürich. Man ist unterwegs in die Ferien, die Stimmung ist bestens und Mama Venditti, naiv wie sie auch nach Jahren der Mutterschaft noch immer ist, stellt sich auf eine friedliche Zugfahrt ein und ist dankbar, dass „Ihrer“ mit den zwei Kleinen und dem Gepäck im Auto sitzt und nicht sie. Dann, völlig unerwartet, schlägt die Stimmung um: Der Zug fährt bei der Firma „Sprüngli“ vorbei, wo die Lastwagen mit riesigen, unwiderstehlichen Luxemburgerli verziert sind. Was Karlsson daran erinnert, dass am Vorabend, als er zu Bett ging, noch nicht alle Luxemburgerli, welche die Gäste mitgebracht hatten, aufgegessen waren. „Was habt ihr mit den restlichen Luxemburgerli gemacht?“, fragt er streng und als er erfährt, dass Mama und Papa diese einfach aufgegessen haben, weil sie der Meinung waren, das delikate Dessert werde mit der Zeit auch nicht besser – immerhin steht auf der Packung „Bitte sofort geniessen“ -,  ist es vorbei mit dem Frieden. Karlsson tobt, findet, seine Eltern seien ganz furchtbar gemein und er wolle jetzt gleich neue Luxemburgerli haben.

Mama Venditti, die weiss, dass in solchen Momenten Erklärungen sinnlos sind, geht gar nicht gross auf das Drama ein. Was einer  Zugpassagierin nicht passt. Ob das Kind denn nicht endlich Ruhe geben könne, mault sie. Mama Venditti erklärt ihr, dass sie mit ihrem Gemaule die ohnehin nicht ganz einfach Situation unnötig erschwere, weshalb sie ich froh wäre, wenn sie sich aus der Sache raushalten würde. Was sie zur Bemerkung veranlasst, Kinder seien ohnehin das Letzte, sie hätte sich als Kind nie so aufgeführt und Mama Venditti  hätte nie und nimmer so viele Kinder haben sollen. Wenn die wüsste, wie viele kleine Vendittis es in Wirklichkeit sind….  Irgendwann platzt Mama Venditti der Kragen, weil sie jetzt mit zwei Unzufriedenen im Kampf steht, und so wird sie ziemlich unhöflich mit der Dame. So unhöflich, dass Karlsson darob seine Luxemburgerli vergisst und Mama erschreckt anstarrt. So unhöflich auch, dass die Dame sich plötzlich auf die Seite der eben noch so verabscheuten Kinder schlägt und findet, die armen Kinder könnten einem ja Leid tun mit einer solchen Mutter.

Nun, diese Mutter ist tatsächlich nicht immer das beste Vorbild, aber zumindest schafft sie es jetzt endlich, ihren Ältesten zu beruhigen: „Karlsson, ich verspreche dir, dass es wieder einmal Luxemburgerli geben wird. Ganz bestimmt.“ Und innerlich fügt sie hinzu: „Spätestens dann, wenn das Konto diesen Ferienaufenthalt verdaut hat, die Rechnung der Musikschule, die Steuerrechnung, die nächsten Monsterwocheneinkäufe, die Kinderschuhe für den Herbst, das E-Bike, das „Meiner“ für den Arbeitsweg braucht…“ Also irgendwann, in zehn Jahren vielleicht, gibt’s wieder Luxemburgerli bei uns.“An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass Luxemburgerli ein halbes Vermögen kosten – und Luxemburgerli für eine Grossfamilie ein Ganzes.

Zwei Wochen später, wieder ein Samstagmorgen, diesmal aber zu Hause. Alle sind schon wach, nur Mama Venditti schläft noch tief und fest auf dem Sofa, wohin sie sich nachts zurückgezogen hat, weil sie keinen Platz mehr fand im Bett, da Karlsson noch einmal im Elternbett übernachten wollte, bevor er endgültig zu gross ist. Zu irgend einer unchristlichen Zeit  – Mama Venditti würde sagen, es sei etwa um vier Uhr morgens gewesen, aber in Wirklichkeit war es wohl so gegen halb acht – klingelt es an der Haustüre. Schlaftrunken macht sie sich auf zur Haustüre, denn obschon alle anderen schon längst wach sind, ist offenbar keiner wach genug, um sich aus dem Bett zu quälen. Vor der Haustüre steht der Postbote mit einer Eilsendung. Was kann das bloss sein? Ausnahmsweise hat Mama Venditti nun wirklich keine offenen Bestellungen, auf deren Lieferung sie wartet. Bald schon ist klar, was da morgens in aller Frühe seinen Weg zu Vendittis gefunden hat: Die einzige Sache, die einem nicht die Laune verdirbt, sondern schlagartig verbessert, wenn man ihretwegen am Samstag aus den Federn geholt wird, nämlich eine Riesenpackung Luxemburgerli.

Wäre ich katholisch, ich würde sagen, dass Linders sich mit dieser guten Tat soeben die Eintrittskarte für den Himmel erstanden haben….

Ökobilanz

Mit meinem heutigen Einkauf, so lässt mich der Online-Supermarkt meines Vertrauens wissen, hätte ich 1,3 kg CO2 gespart, 1.6 kWh Strom weniger verbraucht, was etwas mehr als einem Waschgang entspreche und ausserdem hätte ich mir ganze zwei Minuten Autofahrt erspart. Leider hätte ich keinem Baum das Leben gerettet, aber das liegt nur daran, dass ich gewöhnlich mit dem Kleinwagen im Dorf einkaufe und nicht mit dem Offroader im grossen Einkaufszentrum auf der grünen Wiese. Mit diesen Angaben will man mir gratulieren zu meinem ach so umweltbewussten Einkaufsverhalten. Bin ich nicht ein netter Zeitgenosse? So besorgt um das Wohlergehen unseres Planeten…

Offen gestanden möchte ich nicht wissen, was unser guter alter Planet zu dem Abfallberg  sagen würde, den mein heutiger Online-Einkauf hinterlassen hat:

Und das sind erst die Transportverpackungen, den eigentlichen Müllberg bekommt man gar nie an einem Haufen zu sehen.

Ich möchte ja nicht behaupten, wenn ich meinen Einkauf im Dorf erledige, würde ich damit keinen Abfall verursachen. Aber so hoch wird der Berg nie, dafür lege ich die Hand ins Feuer. Irgendwie habe ich das ungute Gefühl, dass meine Ökobilanz trotz meines angeblich vorbildlichen Verhaltens heute mal wieder ganz kräftig ins Minus gerutscht ist. Mal schauen, was ich unserem alten Planeten zuliebe tun muss, um diesen Fehler wieder gut zu machen….

Allein seligmachend

Noch so eine Sache, die mich auf die Palme treibt: Wenn man eine gute Sache zur allein seligmachenden, einzig richtigen Methode erhebt. Zum Beispiel in jenem Artikel, den ich neulich gelesen habe, in dem es darum ging, dass Kinder im Stehen zu wickeln seien, sobald sie in der Lage seien, sich selber aufzurichten. Klar, dem im Artikel genannten Grundsatz „Säuglingspflege ist Erziehung“ stimme auch ich voll und ganz zu und zwar ohne, dass ich eigens eine Weiterbildung dazu hätte absolvieren müssen. Klar, auch meine Kinder wurden und werden im Stehen gewickelt, wenn ihnen gerade darum ist. Warum sollte ich auch ein Kleinkind mit aller Macht dazu zwingen, sich hinzulegen, wenn ich es ebenso gut im Stehen reinigen kann? Klar, auch ich rede mit meinen Kindern, wenn ich sie wickle, sie anziehe, sie kämme. Auch ich erkläre ihnen, was gerade vor sich geht. Aber dazu brauche ich keine spezielle Methode zu befolgen. Das liegt mir und wohl den meisten Menschen, die mit kleinen Kindern zu tun haben, einfach so im Blut. Und sollte ich einmal zu müde sein zum Reden, dann zwingt mich das Kind mit seinen Fragen und Beobachtungen einfach dazu, mit ihm ins Gespräch zu kommen.

Was mir an der Sache sauer aufstösst, ist der Anspruch, dies sei die einzige richtige Methode: Alle Kinder werden immer im Stehen gewickelt und zwar immer zur gleichen Zeit. Und was, wenn das Kind gerade Fieber hat und so matt ist, dass es lieber liegen möchte? Muss es dann auch stehen, weil allein im Stehen seine Menschenwürde geachtet wird, wie es in dem Text so schön heisst? Was, wenn das Kind so verkackt ist, dass ich es ausnahmsweise in der Dusche saubermachen muss? Oder sind am Ende nur meine Kinder so missraten, dass sie zuweilen nur noch mit einem warmen Wasserstrahl sauber zu kriegen sind? Was, wenn das Kind mitten in der Nacht gewickelt werden muss und sich müde von mir abwendet, wenn ich ihm beruhigend zureden will? Muss ich dann trotzdem mit ihm reden?

Natürlich muss ich all dies nicht. Wie gesagt, ich habe den Eindruck, dass die meisten Eltern, denen das Wohl ihrer Kinder am Herzen liegt, sehr genau spüren, was ihr Kind gerade braucht. Und das ist es ja am Ende auch, was mich so wütend macht: Dieses „Immer“, dieses „Alle“, dieses „einzig Richtige“. Führt nicht gerade diese Haltung am Ende dazu, dass man dem Kind etwas aufzwingt, was im Moment vielleicht gerade das Falsche ist? Steht man am Ende nicht mit einer Art Gebrauchsanweisung da, die einem sagt, wie das Kind –  und zwar jedes Kind in jedem Fall – zu behandeln sei? Verliert man da vor lauter Rücksicht auf die „richtige“ Methode nicht am Ende das Kind und seine Bedürfnisse aus den Augen?

Und wo, so frage ich mich, bleibt dann noch die Menschenwürde?

Alles nur Egoisten?

Die Geburtenrate ist nach Jahren des Rückgangs wieder am Steigen; wohin man schaut, sieht man schwangere Frauen, Babys, die gerade gestillt werden, Kleinkinder, die ihre ersten Schritte wagen. Kinder gehören wieder dazu und seit einiger Zeit scheint man gar zu erkennen, dass diese Kinder Raum benötigen, dass sie ernst genommen werden wollen, dass sie einfach dazugehören. Mich freut diese Entwicklung, trotz ihren zum Teil etwas abstrusen Auswüchsen wie zum Beispiel der Tatsache, dass es jetzt auch den „Spiegel“ für Kinder gibt oder dass man inzwischen das Baby auch ins Kino oder in die Disco mitschleppen soll.

Nicht allen aber scheint es zu behagen, dass viele junge Menschen aufs Kind gekommen sind. Meistens geben sie sich nicht in der Öffentlichkeit zu erkennen – mit Ausnahme jener ziemlich durchgeknallten Dame, die mir neulich im Zug vorwarf, ich hätte besser aufs Kinderhaben verzichtet -, dafür aber füllen sie die Leserbriefspalten in den Zeitungen. Von verantwortungslosen Eltern ist da zu lesen, die nicht daran denken, dass sie mit jedem Kind, dem sie das Leben schenken, die Umwelt ein bisschen mehr zugrunde richten. Von Kindern, die einfach nur nervig, laut und ungezogen sind. Von Egoisten, die nur Kinder zeugen, weil sie so selbstverliebt sind, dass sie unbedingt eine kleine Kopie ihrer selbst haben müssen. Und dann, in neun von zehn Fällen, folgt der weise Ratschlag: Wer meine, unbedingt Kinder haben zu müssen, der solle doch bitte seinen Nachwuchs adoptieren und nicht in Eigenproduktion herstellen. Die einzigen selbstlosen Eltern sind solche, die Kinder adoptieren, alle anderen haben bloss ihre Selbstverwirklichung im Sinn. Solches und Ähnliches lese ich immer öfter.

Auf die Tatsache, dass Elternsein nie Selbstverwirklichung sein kann, egal ob mit eigenen oder angenommenen Kindern, muss ich hier nicht weiter eingehen. Jeder, der mit Kindern lebt, weiss, dass sie alles von einem fordern. Aber was glauben denn die lieben Leserbriefschreiber, wie einfach so eine Adoption ist? Denken die wirklich, man könne sich da einfach mal kurz melden und ein paar Tage später halte man ein Kind in den Armen? Wissen die denn nicht, dass Adoptivkinder nicht einfach von den Bäumen fallen und dass schon so mancher erfolglos auf eine Adoption gewartet hat?

Auch ich wünschte mir nichts sehnlicher, als dass die unzähligen leidenden Kinder ein kinderwürdiges Leben leben dürften, dass sie Eltern bekommen, die ihnen geben, was sie brauchen. Auch ich sehne mich danach, mehr dazu beitragen zu können, dass die Bilder von Not und Elend weniger werden. Aber ist das ein Grund, alle, die selber Kinder haben können, als Egoisten zu bezeichnen, bloss weil sie sich dafür entscheiden, dieses Wunder in ihrem Leben zuzulassen? Muss man wirklich aufs Kinderhaben verzichten, weil es zu viele leidende Kinder auf dieser Welt gibt? Dann könnte man ja ebenso gut aufs Essen verzichten, weil viele der Menschen hungern. Oder aufs Trinken, weil so viele keinen Zugang zu sauberem Wasser haben. Aber so radikal werden die Leserbriefschreiber wohl kaum sein wollen, nicht wahr?