Die macht ja doch, was sie will

Da habe ich mir heute Nachmittag endlich wieder mal ein wenig Zeit genommen, mich der Hauptperson meiner neuen Geschichte zu widmen. Und was macht die Tante? Genau das Gegenteil von dem, was ich von ihr erwartet hätte. Da verbiete ich ihr ausdrücklich, sich zu verlieben und zwei Seiten später angelt sie sich den einzigen Mann, der in der Geschichte vorkommt. Eine halbe Seite später ist die verheiratet und noch zwei Zeilen weiter unten ist sie schwanger. Dabei hatte ich ihr doch gesagt, sie solle sich endlich mal mit ihrem verdrehten Weltbild auseinandersetzen, bevor sie nur daran denkt, sich fortzupflanzen. Ich will doch nicht, dass ihre Kinder genauso verdreht herauskommen wie sie. Aber was habe ich denn schon zu melden? Die Dame tut ohnehin, was ihr gefällt.

Die Sache macht mich ja schon ein wenig nachdenklich. Wenn ich es nicht einmal schaffe, eine fiktive Figur positiv zu beeinflussen, wie wird das dann erst mit meinen sehr realen Kindern werden? Was, wenn sie nach rechts abdriften, bloss weil ihre Mama links wählt? Was, wenn meine Tochter mit sechzehn Mama wird, bloss weil ich ihr sage, sie solle zuerst einen anständigen Beruf erlernen, bevor sie ans Kinderhaben denkt? Luise hat mir nämlich neulich eröffnet, dass sie von Beruf Mama werden will, nachdem ich ihr gesagt hatte, dass Kinderhaben das grösste Glück auf Erden sei. Was, wenn meine Söhne zu Machos werden, bloss weil „Meiner“ und ich ihnen beizubringen versuchen, dass die Sache zwischen Mann und Frau am besten funktioniert, wenn die beiden auf Augenhöhe zueinander stehen.

Ich glaube, ich muss mich ganz dringend noch einmal hinter meine Geschichte machen. Um meine Überzeugungskraft ein wenig zu trainieren. Vielleicht schaffe ich es ja noch, dass die Hauptfigur mir gestattet, die letzten zwei Seiten zu löschen und so ungeschehen zu machen, was sie vermasselt hat. Ich fürchte aber, dass ich keinen Erfolg haben werde. Die Dame ist nämlich ganz schön verliebt und man weiss ja, was verliebte zu tun pflegen, wenn man sich ihrer grossen Liebe in den Weg stellt.

Uns gibt’s nur so

Über Jahre habe ich mich der Illusion hingegeben, „Meiner“ und ich seien so aufgeschlossen, dass wir nie und nimmer ein Problem haben würden damit, unsere Kontakte zu Kinderlosen zu behalten. Klar sind die Kinder für uns das Wichtigste im Leben, aber es gibt noch so viele andere Dinge, die uns interessieren, weshalb wir ganz gerne auch mal über anderes reden. Ein wenig Horizonterweiterung schadet auch uns Eltern nicht. Solange Karlsson noch ein Baby war, konnten wir die Illusion noch aufrechterhalten, aber kaum war der Knopf auf eigenen Füssen unterwegs, bekam die Illusion erste Kratzer. Und zwar, als ein Gast unseren Erstgeborenen, der fröhlich summend seine Runden um den Kaffeetisch drehte, wissen liess: „Karlsson, wir wissen, dass du da bist. Du kannst jetzt also wieder aufhören, laut zu sein.“ Muss ich erwähnen, dass dieser Gast zum letzen Mal bei uns zu Besuch war? Wer nicht akzeptiert, dass zu Vendittis auch Kinder gehören und dass derjenige, der bei uns zu Gast ist, auch bei unseren Kindern zu Gast ist, der hat ein Problem mit uns.

Je grösser unsere Kinder werden, umso öfter muss ich feststellen, dass längst nicht alle, die bei uns ein- und ausgehen damit leben können, dass sie „Meinen“ und mich nicht ohne unsere Kinder haben können. Dass Lärm bei uns eben dazugehört, dass tadellose Ordnung ein Ding der Unmöglichkeit ist, dass Vieles nicht planbar ist. Und auch wenn ich es absolut nicht in Ordnung finde, wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat einer ihm fremden Person gegen das Bein tritt und ich ihm dies auch ganz klar verbiete, so muss ich doch auch ein ganz kleines bisschen Verständnis haben für meinen Sohn. Wenn er nämlich von dieser Person wie Luft behandelt wird, wenn diese Person sich in seinem Revier so aufführt, als hätte er hier nichts verloren, dann erstaunt es mich nicht, dass er nicht allzu gut zu sprechen ist auf sie. Klar, der Junge muss lernen, so etwas nicht zu tun, weil er mit seinem Verhalten völlig daneben liegt. Aber liegt die andere Person nicht ebenso daneben, wenn sie es nicht einmal für nötig erachtet, unser Kind, das bei uns immerhin zu Hause und Teil der Familie ist, nicht einmal zu grüssen? Vielleicht bin ich ja in meiner Mutterliebe blind, aber für mich ist Respekt gegenüber Kindern ebenso wichtig wie Respekt gegenüber Erwachsenen.

Ich bin froh, dass ich auch andere Menschen kenne. Menschen, die selber zwar keine Kinder haben, die es aber geniessen, hin und wieder Zeit mit unseren Kindern zu verbringen. Menschen, die nicht nur daran interessiert sind, was „Meiner“ und ich so machen, sondern die auch wissen wollen, wie es Karlssons abgeliebtem Eisbären David geht, was Luise im Ballett gelernt hat, ob der FeuerwehrRitterRömerPirat noch immer so glühend an Römern interessiert ist, ob Winnie the Pooh dem Zoowärter auch schön gehorcht und ob das Prinzchen wieder neue Wörtchen gelernt hat. Menschen, die plötzlich im Kinderzimmer verschwinden, weil sie auch mit unseren Knöpfen Zeit verbringen wollen, nicht nur mit uns. Ich liebe solche Menschen, denn sie lassen mich daran glauben, dass Kinderlose und Reichbekinderte nicht auf zwei völlig verschiedenen Planeten leben.

Wundermittel

Man gebe mir an einem Montagnachmittag die Gelegenheit, einfach mal ein, zwei Stunden zu schlafen und schon sieht die Welt wieder besser aus. Wenn dann auch noch einen Moment der Ruhe für einen Latte Macchiato und einen Blick in die Zeitung bleibt, dann sehe ich die Dinge schon bald wieder durch die rosarote Brille. Hätte ich jetzt noch Zeit, mir heute Abend mit „Meinem“ einen schnulzigen Film reinzuziehen, dann wäre die Welt perfekt.

Gut, dass ich heute Abend einen Termin habe, sonst würde ich  noch die Bodenhaftung verlieren….

Ich glaube…

„Soll ich gehen?“, frage ich mich jeweils, wenn es wieder einmal Zeit ist für den Christustag. „Passe ich dorthin? Immer noch? Oder hat sich zu viel in mir verändert?“ In den sechs Jahren seit dem letzten Christustag ist so viel passiert. Mir sind die Augen aufgegangen über einige Dinge, die schief laufen, nicht nur bei den anderen, sondern auch bei „uns“, den Freikirchlern. Früher war das ja noch ganz einfach für mich: Die Katholiken, das sind die ganz Bösen, die Reformierten sind Waschlappen und „wir“ in den Freikirchen haben die Wahrheit ganz alleine für uns gepachtet. Fehler machen die anderen, „wir“ nicht. Die Bibel biegen sich die anderen nach den eigenen Vorstellungen zurecht, „wir“ nicht. Machtmissbrauch kommt bei den anderen vor, bei „uns“ nicht.

Ich bin dankbar, dass mir im Laufe der Jahre die Augen aufgegangen sind. Dass ich erkennen durfte, dass auch „wir“ nicht davor gefeit sind, unseren Glauben – ich müsste wohl eher Religion nennen – dazu zu verwenden, um uns Vorteile zu verschaffen, um anderen das Leben schwer zu machen, um uns über andere hinwegzusetzen. Ich bin froh, dass ich gelernt habe, über Absurditäten zu lachen, anstatt zu glauben, ich müsste mich selbst verbiegen, um irgendwie in das Bild zu passen. Ich bin froh, dass „wir“ aus dem selben Dreck sind wie alle anderen.

Es gab eine Zeit, da verwirrte mich das Ganze: Glaube ich noch, wenn ich es wage, Dinge, mit denen ich aufgewachsen bin, in Frage zu stellen? Entferne ich mich von dem, was mir eigentlich so kostbar ist? Es dauerte eine ganze Weile, bis ich realisierte, dass ich bis anhin nicht geglaubt hatte, sondern dass ich einfach die Regeln einer Religion befolgt hatte. Noch etwas länger dauerte es, bis ich mir eingestehen konnte, dass ich zwar glaube und glauben will, dass ich aber auf keinen Fall religiös sein will, denn Religiosität, so wurde mir klar, steckte mich in ein Korsett, dass mich daran hinderte, zu erfahren, was es heisst, Glauben zu leben. Mit dieser veränderten Einstellung kam auch die Distanzierung von all den Etiketts, die „wir“ uns so gerne anheften: „Wiedergeboren“, zum Beispiel, ein Etikett, dass so oft missbraucht wird, dass es einem mulmig wird, wenn man es hört. „Gläubig“, ein Begriff, der in meinen Ohren inzwischen zu sehr nach „rechtgläubig“ klingt. „Evangelikal“, ein Wort, dass einen nur noch an George W.Bush und Konsorten erinnert.

Wie aber will ich mich nennen, wo der Glaube für mich doch eine zentrale Rolle in meinem Leben spielt? Ich habe es noch nicht herausgefunden, ja, zuweilen bin ich mir nicht sicher, ob ich mich überhaupt irgendwie benennen muss. Im Moment steht bei mir der Begriff „glaubend“ an oberster Stelle, denn das ist es, was ich zu sein versuche: Eine Glaubende, die sich darin vorwärts tastet, die manchmal hinfällt, wieder aufsteht, zuweilen grosse Schritte tut, dann wieder nur ganz vorsichtig abtastet, was da noch kommen könnte. Manchmal ist der Glaube ein letzter Strohhalm, an den ich mich mit aller verbleibenden Kraft klammere, ein andermal ist er fester Boden unter meinen Füssen, auf dem ich Schritte wage, die ich mir nie zugetraut hätte, dann wieder ist er die Hintergrundmusik, die ich nicht speziell wahrnehme, die mir aber das Gefühl gibt, geborgen zu sein. Eines aber ist klar: Seitdem ich angefangen habe, die Religiosität hinter mir zu lassen, ist mein Glaube lebendiger geworden, echter, erlebbarer. Und auch der, um den sich die ganze Sache dreht, ist für mich ein anderer geworden: Nahbarer, persönlicher, freundlicher und damit unverzichtbar für mich.

Und deshalb bin ich heute trotz Erschöpfung mit Karlsson und Luise nach Bern zum Christustag gefahren. Weil ich dazu stehen wollte, dass ich an Christus glaube, auch wenn es Zeiten gab, in denen ich an uns Christen fast verzweifelt wäre. Auch wenn ich mich für so Vieles schäme, was „in seinem Namen“ getan wurde und noch immer getan wird. Auch wenn ich weiss, dass einige „unserer“ Absurditäten tatsächlich sehr absurd sind. Ich bin froh, dass wir heute in Bern waren. Denn einmal mehr habe ich gesehen, dass es so viele Menschen gibt, die aufrichtig versuchen, das zu leben, was sie glauben; dass es neben all der „christlichen“ Verlogenheit auch sehr viel Echtheit gibt. Einmal mehr habe ich gesehen, was möglich wird, wenn Menschen nicht Gebote befolgen und Vorschriften machen, sondern ganz einfach glauben und handeln und sich nicht davor fürchten, sich die Hände schmutzig zu machen. Einmal mehr wurde mir bewusst, dass ich gerne dazugehöre, wenn Menschen sich darauf einlassen, dem Zimmermann aus Nazareth nachzuleben. Auch wenn wir dabei immer mal wieder auf die Nase fallen.

Zuviel

Spätestens am Donnerstag hätte es eigentlich klar sein sollen, was abgeht. Die Brustentzündung aus heiterem Himmel war ein deutliches Zeichen: Genug gestresst, Zeit, eine Pause einzulegen. Aber wie denn? Wo doch das Au-Pair krank  – oder zumindest so ähnlich – war? Wie denn, wenn „Meiner“ am Samstag seine Arbeitskollegen zum Essen eingeladen hat, weil er sich nach zwölf Jahren aus dem Kollegium verabschiedet? Wie denn, wenn du ein Elterngespräch im Kindergarten hast? Wie denn, wenn der ganz banale Alltag schon genug Action bietet? Du kannst das Leben nicht anhalten, so sehr du dir dies zuweilen wünschen würdest. Und deshalb tust du so, als hättest du die Warnsignale, die dein Körper dir sendet, nicht bemerkt. Du machst weiter, weil du weisst, dass eine Pause nicht drinliegt. Jetzt noch nicht, du musst noch ein paar Wochen warten.

Und deshalb spulst du das Programm ab wie geplant. Du gibst dein Bestes für die Familie, du planst die Einladung in allen Details, du machst alles bereit, damit die Gäste sich wohlfühlen. Du spürst zwar, dass du es kaum mehr schaffst, die Schüsseln für das Buffet die Treppe hochzutragen. Du merkst, dass du immer reizbarer wirst. Du ahnst, dass die Kraft nachlässt. Aber du machst weiter, weil die Familie sich freut, weil die Gäste es verdient haben, dass man sie verwöhnt. Und dann, mitten in der Party, bricht der Damm. Du kannst nicht mehr, du bringst kein Lächeln mehr zustande, du schaffst es kaum mehr, einen zusammenhängenden Satz zu formulieren. Du ziehst dich zurück, denn du weisst, wenn du jetzt mit jemandem redest, dann wirst du verletzend sein, denn du siehst nur noch schwarz. Oder du wirst verletzt, denn deine Haut ist wiedermal so dünn, dass du in jedem Wort einen Vorwurf siehst. Du gehst den Gästen aus dem Weg, nicht, weil du sie nicht magst, sondern weil du weisst, dass du im Moment so ungeniessbar bist, dass du ihnen die Party verderben würdest. Also räumst du auf, damit du niemandem zur Last fällst. Und irgendwann, währenddem du Teller schleppst, leere Flaschen entsorgst, Speisereste in den Kühlschrank stellst, irgendwann, mittendrin, beginnen die Tränen zu fliessen. Du weisst nicht warum, es hat dir keiner etwas Böses getan und du schimpfst dich selbst eine dumme Kuh, die alles verdirbt. Aber die Tränen fliessen dennoch weiter.

Erst später, als die letzten Gäste gegangen sind, wird dir endlich bewusst, was los ist: Du hast einmal mehr die Grenze überschritten. Du hast vergessen, dass du noch nicht gesund bist, auch wenn es dir schon so viel besser geht als noch vor einem Jahr. Du hast übersehen, dass dein Energietank schon fast leer war, du hast die Signale deines Körpers nicht ernst genommen und du bist mal wieder zu verschwenderisch umgegangen mit deinen Kräften. Und deswegen  bist du einmal mehr im schwarzen Loch gelandet. Weil du keine Möglichkeit gesehen hast, dem Trubel eine Grenze zu setzen. Und wie so oft, wenn du im schwarzen Loch sitzt – was Gott sei Dank nur noch selten vorkommt -, schaffst du es nicht, einzuschlafen. Und deshalb bloggst du und hoffst, dass das, was du zu später Stunde in die Tasten haust, irgend einer überforderten Mutter auf diesem Planeten zeigt, dass sie nicht alleine im schwarzen Loch sitzt, sondern dass da mindestens noch eine andere ist, die es auch nicht immer schafft, das Leben mit Schwung und voller Freude zu meistern.

Wann sind wir endlich da?

Es gibt Zeiten, da befindet sich meine mütterliche Autorität im Keller. Tief im Keller, fast schon ganz unter der Erde. So eine Zeit erlebe ich gerade jetzt. Und dann kommt es zu folgenden Szenen:

Mama Venditti, freundlich aber bestimmt: „Nein, es gibt jetzt kein Eis. Zuerst räumt ihr euer schmutziges Geschirr vom Tisch.“
Kinder rennen zum Gefrierschrank, drängeln einander zur Seite und kämpfen um den vordersten Platz an der Eisschublade.
Mama Venditti, streng, aber noch nicht übermässig laut: „Habe ich nicht gesagt, ihr sollt zuerst den Tisch abräumen? Ihr schliesst jetzt sofort den Eisschrank und kommt hierher!“
Kinder scheren sich einen Dreck um Mama, kämpfen jetzt mit Ellbogeneinsatz darum, wer der Erste ist.
Mama Venditti, zornig und laut, aber offenbar nicht laut genug:
„Hallo! Ihr kommt jetzt hierher und räumt den Tisch auf. Sonst gibt es heute gar kein Eis!“
Kinder balgen weiter, vielleicht versucht Luise oder Karlsson, sich aus dem Knäuel zu befreien, um doch noch zu tun, was Mama gesagt hat, aber ohne Erfolg, also wird weiter um den ersten Platz am Eisschrank gestritten.
Mama Venditti, sehr zornig, sehr laut und sehr böse:  „
Jetzt reicht’s! Ihr kommt augenblicklich hierher, räumt euer Geschirr weg und dann verschwindet ihr für eine halbe Stunde in eure Zimmer!“
Kinder
stimmen unisono in ein lautes Geheul ein: „Mama, du bist soooooo unfair! Nie dürfen wir ein Eis haben. Immer schreist du uns an!“

Dann räumen sie sehr widerwillig ihr Geschirr weg und verziehen sich schluchzend in ihre Zimmer, wo sie wohl über ihre ganz ganz böse Mama herziehen, die ihnen nie eine Freude gönnt und die immer rumschreit.

Diese Szene wiederholt sich im Laufe des Tages mit unterschiedlichen Streitpunkten und zuweilen auch in etwas reduzierter Besetzung unzählige Male am Tag. Ob es nun darum geht, rechtzeitig für die Schule bereit zu sein, den Tisch abzuräumen, die Schuhe am richtigen Ort zu versorgen, die Zähne zu putzen, nach der spontanen Gartenparty, welche die Kinder mit elterlichem Segen ganz alleine bezahlt, organisiert und gefeiert haben, den Garten wieder aufzuräumen, ins Bett zu gehen oder wie die vielen überrissenen elterlichen Forderungen noch heissen mögen. Immer das gleiche Muster: Mama verlangt etwas Kleines, das eigentlich schon längst selbstverständlich sein sollte, Kinder tun so, als hätten sie nichts gehört und fordern stattdessen etwas Cooles, Mama ermahnt, Kinder überhören geflissentlich, Mama droht Konsequenzen an, Kinder tun noch immer so, als hätten sie Petersilie in den Ohren und hörten nichts, Mama schlägt mit der Faust auf den Tisch, gibt lautstark den Tarif durch und streicht sämtliche Privilegien, Kinder parieren gesenkten Hauptes und heulen dazu, als hätte man sie geschlagen. Manchmal, wenn Mama ganz viel Glück hat, kommt später eines der grösseren Kinder und entschuldigt sich. Manchmal aber auch nicht.

Bevor ihr jetzt denkt, das sei bei uns zu Hause immer so und ich sei eine pädagogische Niete, muss ich zu unser aller Verteidigung sagen, dass das nicht immer so läuft bei uns. Im Gegenteil: Wir alle können auch ganz anders. Aber zuweilen, wenn die Kinder schulmüde sind, wenn die Mama ein riesiges, für einmal nicht selbstverschuldetes, Schlafmanko mit sich herumschleppt, wenn das Wetter schön ist, die Sommerferien aber noch nicht da sind, wenn der Zoowärter eine ganz schlimme Rebellionsphase durchmacht und damit die Grossen ansteckt, wenn der Terminkalender aller Familienmitglieder zu voll ist, wenn zu wenig Zeit für Nähe und zu viel Zeit für Verpflichtungen da war, kurz: Wenn Mama und Kinder keine Zeit finden, immer wieder Momente des gemeinsamen Auftankens zu finden, dann laufen die Dinge aus dem Ruder.

Ich weiss, es wird wieder besser, ich weiss wir werden einander wieder finden, dann, wenn der ganze Frühsommerstress vorbei ist und wir endlich wieder Zeit finden, Familie zu sein. Alles, was wir brauchen, sind wiedermal ein paar Tage, an denen wir einfach Zeit haben zum Leben, zum Nachdenken, ein paar Tage, an denen nicht irgend einer oder vielleicht auch alle schon längst irgendwo sein müssten, ein paar Tage, die einfach Vendittis gehören und die wir mit niemandem teilen müssen.

Wann fangen endlich diese Sommerferien an…..




Eindeutig noch zu früh…

Seit Jahren schon liegen uns unsere Kinder mit dem Wunsch in den Ohren: „Wann dürfen wir endlich ein Haustier haben? Eine junge Katze vielleicht, oder zwei Häschen, oder Meerschweinchen.“ „Meiner“ und ich reagieren auf diese Bitte so, wie schon unsere Eltern reagiert hatten: „Natürlich sind Haustiere süss. Aber wer wird dafür sorgen, dass das Gehege sauber bleibt?“ Worauf uns unsere Kinder, wie alle Kinder auf diesem Planeten, uns mit treuherzigen Kulleraugen anschauen und sagen: „Wir werden immer dafür sorgen, dass das Gehege sauber bleibt. Und wir werden die Tiere immer füttern. Und immer streicheln. Und immer alles für sie machen. Alle anderen haben ja auch ein Haustier. Warum dürfen wir nicht?“ Bis vor Kurzem hatten „Meiner“ und ich ein Totschlägerargument im Sack, welches das Flehen unserer Kinder zum Verstummen brachte: „Wir haben zwar keine Haustiere, dafür haben wir ein Baby und das haben alle anderen nicht und das ist viiiieeeel spezieller.“ Doch seitdem das Prinzchen fleissig mitstreitet, wenn sich unser Knöpfe in die Haare geraten, seitdem er einen Tobsuchtanfall bekommt, wenn er kein Eis haben darf, seitdem er laut und deutlich sagen kann, was er will, seither zieht das Argument mit dem Baby nicht mehr, denn unsere Kinder haben schneller als wir Eltern begriffen, dass das Prinzchen kein Baby mehr sein will.

Und deshalb haben „Meiner“ und ich uns erweichen lassen und wir haben uns Haustiere angeschafft. Nun ja, zumindest eine Haustierzucht, oder vielleicht eher eine Gartentierzucht. Wir haben nämlich ein Marienkäfer-Aufzuchtset gekauft. Schaffen es unsere Kinder, gut für die Eier, die Larven und später die Marienkäfer zu sorgen, dann können wir im nächsten Sommer vielleicht zu den Pantoffeltierchen übergehen. Und wenn das auch gut läuft, dann können die Kinder allenfalls mit uns darüber reden, ob wir vielleicht, aber nur vielleicht, dazu bereit sind, eine jener schrecklichen Zuchtstationen für Urzeitkrebse zu kaufen und wenn auch das gut läuft, dann…. bin ich sicher, dass Karlsson spätestens zu seinem fünfundzwanzigsten Geburtstag einen Zwerghasen bekommt und Luise zum Zweiundzwanzigsten  vielleicht eine junge Katze.

Doch leider muss ich sagen, dass das mit den Marienkäfern nicht ganz so läuft wie erhofft. Schon am ersten Tag liess der FeuerwehrRitterRömerPirat das Zuchtset auf den Boden fallen, worauf sich Marienkäfereier und Mehlmotteneiner, die eigentlich als Nahrung für die Larven vorgesehen sind, auf dem Fussboden verteilten. Worauf Karlsson, der in der Schule bereits Erfahrungen mit dem Züchten von Marienkäfern gesammelt hat, in Tränen ausbrach, weil er fürchtete, jetzt seien alle Eier kaputt. Ich wäre ebenfalls fast in Tränen ausgebrochen, denn ich sah vor meinem inneren Auge bereits die Maden, die aus den Mehlmotteneiern schlüpfen würden, was mich dazu trieb, den Fussboden mit kochendem Wasser zu reinigen, damit garantiert kein Mehlmottenei auf unserem Fussboden überleben würde.

Gott sei Dank haben trotz dieses Unfalls ziemlich viele Marienkäfereier überlebt, was sich gestern eindeutig bestätigte: Die ersten Larven sind geschlüpft. Aber die armen Larven haben bei uns kein glückliches Larvenleben. Immer wieder müssen sie an einen neuen Ort umziehen, weil Karlsson fürchtet, sie seien zu sehr dem Sonnenlicht ausgesetzt. Sobald Karlsson einen besseren Ort gefunden hat, macht das Prinzchen diesen ausfindig und bald schon werden die armen Larven hin und her geschüttelt und sie müssen ganz schön aufpassen, dass sie nicht versehentlich auf dem Fussboden landen, wo sie der sichere Tod durch Zertreten erwartet. Wenn das so weitergeht, dann wird vielleicht ein einziger Marienkäfer unser Haus lebend verlassen und im Garten den Kampf gegen die Blattläuse aufnehmen können.

Man sieht also: Vendittis Kinder sind noch nicht reif für Haustiere. Wir werden dann wohl noch eine Weile bei den Stofftieren bleiben.

Das darf doch nicht wahr sein!

Als Karlsson noch ganz winzig war und ich, kaum hatten wir das Spital verlassen, wieder für eine Woche einrücken mussten, weil das kleine Kerlchen es nicht schaffte, alle Milch zu trinken, die ich in meiner mütterlichen Überschwenglichkeit im Angebot hatte, da hatte ich noch kein Problem damit. Klar, die Brustentzündung war äusserst schmerzhaft, aber für meinen lieben kleinen Karlsson war ich noch so gerne bereit, trotz wiederholter Entzündungen acht Monate lang zu stillen, bis er eines Morgens im Urlaub die Brust von sich schob und jeden weiteren Tropfen Muttermilch verweigerte. Und mir damit prompt eine weitere Entzündung bescherte.

Auch als Luise unter Tränen stillen musste, weil sich da heimlich still und leise ein riesiger Abszess gebildet hatte, der entfernt werden musste, nahm ich das noch so gerne auf mich. Hauptsache, ich konnte meine Tochter so lange wie möglich stillen. Was dann leider nur drei Monate dauerte, aber immerhin. Ich hatte auch kein Problem damit, für den FeuerwehrRitterRömerPiraten zuerst voll abzustillen, um dann die Milch in der für ihn richtigen Menge wieder kommen zu lassen. Hauptsache, ich konnte meinem dritten Kind, für das so wenig Zeit blieb im aufreibenden Alltag, diese Stillzeiten mit mir ganz alleine schenken. Auch für den Zoowärter und das Prinzchen nahm ich es noch so gerne in Kauf, dass ich hin und wieder mit schmerzhaften Milchstaus und Brustentzündungen flach lag und das eine oder andere Familienfest sausen lassen musste. Ich möchte nie und nimmer behaupten, dass jede Mutter das so sehen muss, aber für mich war das Stillen enorm wichtig und ich scheute keinen Schmerz, wenn ich dafür diese ganz spezielle Zeit mit jedem meiner Kinder geniessen konnte.

Soweit so gut, aber das ist jetzt wirklich zu viel: Da quäle ich mich heute früh aus dem Bett und spüre dieses vertraute Gefühl. Lange Zeit dämmert mir nicht, was mit mir los ist. Warum sollte es auch, habe ich doch vor einem guten Jahr abgestillt. Als ich mich aber immer schlapper fühle, die Schmerzen in der Brust immer schlimmer werden, als ich schliesslich laut aufheule, als das Prinzchen auf mir rumklettert, da geht mir endlich ein Licht auf: Ich habe eine Brustentzündung. Ohne Stillen, ohne Baby, einfach so. Während ich all die anderen Brustentzündungen mehr oder weniger klaglos auf mich genommen habe, weigere ich mich diesmal, das einfach so hinzunehmen. Leiden für meine Kinder ist okay, aber leiden, einfach weil mein Körper findet, er könne mal wieder meine Schwachstelle angreifen, das geht zu weit. Entweder bekomme ich jetzt gleich das Baby, das zur Brustentzündung einfach dazugehört, oder ich mache nicht mehr mit.

Verstanden, mein guter alter Körper?

Und dann noch eine Bemerkung am Rande: Wer darf sich ins Bett legen? Das Au-Pair, das  einen Angina-Rückfall hat, weil sie die Antibiotika nicht nach ärztlicher Vorschrift eingenommen hat oder die Mama, die sich ohne Stillen eine Brustentzündung zugezogen hat? Ist doch klar: Das Au-Pair, denn sie hat ja auch noch nicht erleben dürfen, dass Frau immer auf die Zähne beisst, egal, wie elend ihr ist. Und wer rennt am Nachmittag wieder im Garten herum? Das Au-Pair oder die Mama? Beide natürlich. Die Mama, weil sie verhindern muss, dass sich das Prinzchen unter ein Auto wirft,  das Au-Pair, weil sie den Rest des unerwarteten freien Tages geniessen darf.

Mist!

Dass ich als Mutter schon viel falsch gemacht habe, ist mir klar und ich habe auch kein grundsätzliches Problem damit. Fehler gehören für mich einfach dazu und ich habe mir auch schon damals, als Karlsson noch in der Wiege lag, daran gewöhnt, mich bei ihm zu entschuldigen, wenn ich ihm Unrecht getan hatte. Damit ich lerne, meinem Kind gegenüber zu meinem Versagen zu stehen, bevor ich zu stolz bin dazu und verbissen auf meinem Standpunkt beharren muss. Bis heute habe ich mich in der Illusion gewiegt, dass ich mit diesem Grundsatz für meine Kinder mein Bestes gegeben habe.

Aber mit dieser Illusion ist jetzt Schluss. Ich habe nämlich einen Katalog zugeschickt bekommen mit vielerlei Krimskrams, der viel kostet, der aber das Leben um so viel lebenswerter machen wird, dass kein Geld der Welt den wahren Wert dieser Dinge aufwiegen könnte. In diesem Katalog also, auf Seite 45 unten, werde ich mit meinem Versagen konfrontiert: „Manchen Kindern wird die Musikalität in die Wiege gelegt. Aber eben nur manchen. Das ist uns nicht zuverlässig genug, und so lange wollen wir auch nicht warten“, steht da geschrieben. „Mist!“, denke ich. „Ich habe vielleicht doch nicht mein Bestes gegeben“ und lese weiter: „Unseren Nachwuchs versorgen wir schon Monate vor der Geburt mit lieblichen Klängen und lehren ihn auf unterschiedlichste äussere Reize zu reagieren sowie schön zu entspannen. Dass unser Music Belt nicht nur äusserst kleidsam, sondern auch bequem und individuell einstellbar ist, versteht sich von selbst.“ Wer jetzt denkt, es könne mir doch vollkommen schnurz sein, ob manche Mütter glauben, sie müssten ihre Ungeborenen bereits im Mutterleib mit Hintergrundmusik berieseln und dazu eigens einen hellblauen Gurt mit weissen Punkten tragen, der irrt. Es ist durchaus von Beduetung, ob man das getan hat oder nicht, denn der nächste Satz macht klipp und klar, dass dieses Gadget für eine gute Mutter unverzichtbar ist: „Schliesslich geht es hier um die besten Mütter der Welt!“ Jawohl! Die besten Mütter der Welt, die wissen eben, worauf es ankommt und die geben von Herzen gerne 99.90 Franken aus, um dafür zu sorgen, dass ihre Kleinen optimale Startbedingungen haben.

Ach, was bin ich doch für eine dumme Mutter! Da glaube ich doch allen Ernstes, ich würde meinen Kindern das Beste bieten, indem ich ehrlich bin mit ihnen und ihnen offen meine Liebe zeige. Und bei all meinen Bemühungen, eine leidenschaftliche Mama zu sein, habe ich das nicht getan, was die besten Mamas der Welt tun: Ich habe im letzten Schwangerschaftsdrittel jeweils keinen hellblauen Gurt mit weissen Punkten getragen, der meinen Nachwuchs mit Musik versorgt. Sollte aus meinen Kindern nichts werden, dann wisst ihr jetzt, warum.