Führungskräfte von morgen

Im Rahmen meiner Weiterbildung kämpfe ich mich im Moment durch ein Oevre mit dem spannenden Titel „Anforderungen an Führungskräfte von morgen“. Darin erfahre ich, dass von einer guten Führungskraft Selbstmanagement erwartet wird, damit sie sich nicht vollkommen auskotzt und danach auf dem Zahnfleisch geht. Sie muss ein Leben lang lernfähig bleiben und systematisch denken können, damit sie im ganzen Chaos nichts Wichtiges übersieht. Die Führungskraft braucht „kommunikative Kompetenz“, damit es nicht zu unnötigen Konflikten kommt und wenn es dennoch kracht, muss sie gut sein im Konfliktmanagement. Und für all dies braucht sie eine überdurchschnittliche Kreativität. Sie muss teamfähig sein und ihre Mitarbeiter motivieren können, auch Dinge zu tun, die ihnen keinen Spass machen und dabei soll sie ihnen so oft wie möglich die Chance bieten, ihre eigenen Erfahrungen und ihr Wissen einzubringen, oder etwas weniger geschwollen gesagt: Sie sollen zeigen dürfen, was sie können. Und die Führungskraft muss dafür sorgen, dass die Mitarbeiter sich entfalten und entwickeln können. Bei all dem hat sie dafür zu sorgen, dass die Mitarbeiter das Vertrauen in sie nicht verlieren.

Das Elaborat umfasst 55 Seiten Text, zahlreiche Wiederholungsaufgaben sowie einen umfangreichen Anhang. Ich finde, man hätte das Ganze in einem Satz schreiben können: „Die Führungskraft von morgen muss eine erfahrene Mutter und Hausfrau sein.“ Punkt. Ende.

Rabenmama?

Im Grossen und Ganzen halte ich mich für eine ziemlich besonnene Mutter. Eine, die sich nicht gleich in die Hose macht vor lauter Angst, bloss weil das Kind Nasenbluten hat. Eine, die nicht jedem Trend hinterherläuft, bloss weil „Wir Eltern“ darüber berichtet, dass ein Ungeborenes schon im Mutterleib von seiner Umgebung beeinflusst wird. Eine, die nicht alles kauft, was für die Kinder angeblich gut sein soll – allein schon, weil das Budget all den überteuerten Mist gar nicht mitmachen würde. Eine, die nicht alle drei Tage beim Kinderarzt sitzt, weil sie im Internet wieder von einer neuen Gefahr für Babys Gesundheit gelesen hat. All die Dinge lassen mich ziemlich kalt und ich bin ganz glücklich dabei.

Aber manchmal beschleichen mich dennoch Zweifel: Bin ich eine Rabenmutter, wenn ich nicht zum Notarzt fahre, wenn das Prinzchen auf die Nase gefallen ist? Ich meine, das Kind war nach dem ersten Heulen wieder vollkommen zufrieden und zeigte keinerlei Auffälligkeiten. Aber ich weiss, dass andere Mütter dennoch zum Arzt gehen. Oder wie ist das mit der Förderung? Müsste Karlsson vielleicht so langsam oder sicher etwas weniger verspielt werden und seine freie Zeit mit pädagogisch wertvollen Lernspielen verbringen? Verpasst er die grossen Chancen des Lebens, wenn er auf Bäume klettert anstatt Chinesisch zu lernen? Okay, eigentlich weiss ich, dass auf Bäume klettern viel wertvoller ist, aber wenn ich dann wieder von Eltern lese, die ihre Kinder in jeden erdenklichen Förderkurs stecken, beschleichen mich doch die Zweifel, ob ich nicht etwas mehr tun müsste, um meinen Ältesten zu pushen. Und wie ist das mit diesen kleinen mathematischen Defiziten, die sich bei Luise bemerkbar machen? Reicht es, wenn „Meiner“, der als Primarlehrer doch immerhin als Fachmann durchgehen kann, mit ihr lernt? Oder müsste ein Spezialist her? Bin ich eine gleichgültige Tante, wenn ich lauthals lache, weil mir jemand vorschlägt, den FeuerwehrRitterRömerPiraten ins Heim zu stecken, bloss weil er hin und wieder über die Stränge schlägt? Müsste ich mich sorgen über seine unüberlegten Missetaten oder darf ich wirklich mit einem Schulterzucken auf Michel aus Lönneberga verweisen, aus dem schliesslich doch noch ein Gemeinderatspräsident geworden ist? Nimmt der Zoowärter Schaden, weil ich ihn zuweilen alleine ein Buch anschauen lasse, anstatt ihm rund um die Uhr vorzulesen, wie er es sich wünschen würde?

Ja, ich weiss, meine Zweifel sind absurd, aber welche Mütterzweifel sind das nicht? Ich weiss ja auch, dass sich jede Mama hin und wieder mit solchen Zweifeln in den Wahnsinn treibt. Aber ich weiss auch, dass man bei Mamas von vielen Kindern sehr viel schneller von Vernachlässigung redet als bei Mamas von weniger Kindern. Was bei einer Mama von weniger Kindern noch als Erziehung zur Selbständigkeit hoch angerechnet wird, wirft man uns Grossfamilienmüttern schnell mal Gleichgültigkeit vor. Und darum nutze ich die Zeit, die andere Mamas zum Grübeln über ihr vermeintliches Versagen brauchen dazu, darüber zu grübeln, ob ich noch als relaxed oder schon als gleichgültig angesehen werde.

Selber schuld

Was jammere ich da, ich würde nichts verdienen bei meiner Arbeit? Wäre ich nicht so misstrauisch, ich könnte schon längst reich sein. Aber wenn ich mich partout nicht dazu bequemen will, meinen Gewinn von 5000 Franken bei einer „Ausflugsfahrt“ abzuholen, bin ich selber Schuld an meiner Misere. Die anderen „glücklichen Bargeldgewinner“, Huber Graf aus Bern und Erna Gruber aus Rohr, hätten ihren Gewinn bereits abgeholt, schreibt mir eine gewisse Gerda Lange. Nur „Meiner“ und ich haben „unverständlicher Weise auf unser erstes Schreiben nicht reagiert. Wir verstehen nicht warum Sie sich nicht gemeldet haben, oder haben Sie Fam. Venditti Geld zu verschenken? Aber wir!!“ Nun, ich verstehe, warum wir uns nicht gemeldet haben: Wer so viele Fehler in ein paar wenigen Sätzen macht, ist unseres Vertrauens nicht würdig.

Da bringt man mich auch mit einem kostenloses Mittagessen, einem Navigationssystem oder wahlweise einem Blutdruck-Messgerät, einem „8 Pfund schweren Präsentkorb“ und einem Camcorder nicht dazu, meine letzte Gewinnchance wahrzunehmen. Obschon, das Blutdruck-Messgerät könnte noch ganz nützlich sein. Es soll mich nämlich „vor körperlicher Überlastung im Alltag“ schützen. Dafür bezahle ich ja im Moment meine hausinterne Kinderbetreuung, da käme mir das Gerät doch gelegen… Aber ich denke, ich muss dennoch auf den Gewinn verzichten. Ich müsste nämlich noch drei „Personen meines Vertrauens“ mitbringen und ich bezweifle, dass jemand aus meinem Freundeskreis Lust hat, am 10. 3. dabei zuzusehen, wie ich über den Tisch gezogen werde.

Gewissensbisse

Welche Mutter kennt sie nicht, die Gewissensbisse, wenn sie zur Arbeit geht. Da mag sie noch so sehr wissen, dass ihr die Arbeit ausser Hauses guttut, sie mag noch so froh sein um den Verdienst, welcher der Familie über die Runden hilft, sie mag sich noch so sicher sein, dass ihr Nachwuchs während ihrer Abwesenheit in guten Händen ist. Irgendwo, tief in ihr steckt sie dennoch, die Übermutter, die ihr einredet, dass sie eine Rabenmutter ist, weil sie ihre Brut zu Hause sitzen lässt. Das Bild der perfekten Mama, die den lieben langen Tag nichts anderes tut, als ihren Nachwuchs auf Händen zu tragen, hat sich fest in die Köpfe eingebrannt, obschon es wohl noch nie in der Geschichte der Menschheit der Wirklichkeit entsprochen hat. Man könnte fast sagen, dass eine Mama erst dann eine richtige Mama ist, wenn sie Gewissensbisse mit sich herumschleppt.

Bei mir ist es lange her, seitdem ich diese Gewissensbisse zuletzt empfunden habe. Nachdem ich vor zwei Jahren meinen letzten Job gekündigt hatte, um mir einen Besseren zu suchen, durchkreuzte das Prinzchen meine Pläne und dann war’s vorerst vorbei mit auswärts arbeiten. Doch weil ich es nicht lange ausgehalten habe ohne die Gewissensbisse und Selbstvorwürfe, habe ich schnell dafür gesorgt, dass ich mich wieder schuldig fühlen kann. Ich habe mir flugs neue Arbeit besorgt, die ich von zu Hause aus erledigen kann. Damit ich wieder eine richtige Mama sein konnte, eine, die sich viele Vorwürfe machen kann. Und weil ein schlechtes Gewissen nur dann so richtig Spass macht, wenn es von Tag zu Tag schlimmer wird, habe ich mich dafür eingesetzt, dass meine Arbeit vorerst einmal unbezahlt ist. So kann ich mir gleich zwei Vorwürfe machen: Ich nehme meinen Kindern kostbare Zeit und Aufmerksamkeit weg und bringe damit nicht mal ein Einkommen zustande, welches ich dazu einsetzen könnte, meinen Kindern schöne Sachen zu kaufen, die sie über meine geschlossene Bürotür hinwegtrösten. Zwei Gewissensbisse zum Preis von einem, sowas lieben wir Mütter.

Seit einiger Zeit nun nun erlebe ich gar dreifachen Genuss: Ich lasse meine Kinder teilweise zu Hause fremdbetreuen, verdiene dabei keinen roten Rappen und gebe erst noch Geld für die hausinterne Kinderbetreuung aus. Mit so wenig Aufwand so viele Gewissensbisse. Das muss mir erst mal jemand nachmachen!

Manchmal muss man eben kreativ sein, wenn man eine richtige Mama sein will.

Ab in den Tischlerschuppen!

Als Kind konnte ich nie so recht begreifen, was meine Mutter gegen Michel aus Lönneberga hatte. Und gegen Pipi Langstrumpf. Und gegen Karlsson vom Dach. Sind doch wunderbare Geschichten, sagte ich mir, lachte mich bei der Lektüre fast krank und stopfte jedesmal, wenn die Kinder im Buch etwas assen, ein Butterbrot in mich hinein. Was man mir natürlich schon bald einmal ansehen konnte. Denn im Gegensatz zu den Kindern im Buch rannte ich ja zwischen den Mahlzeiten nicht über Wiesen, kletterte nicht auf Bäume und ging schon gar nicht zum See um Krebse zu fangen. Und natürlich wäre es mir nicht im Traum eingefallen, die Kinder nachzuahmen. Dazu war ich viel zu brav. Und viel zu faul.

Noch heute kann ich nicht begreifen, was man gegen Michel, Pipi & Co. haben könnte, doch zuweilen beschleichen mich Zweifel, ob es denn wirklich klug sei, den Kindern täglich mindestens einen von Michels Streichen in voller Länge zu erzählen. Und mit den Kindern mitzulachen. Heute Morgen zum Beispiel waren meine Zweifel mal wieder sehr gross, als der FeuerwehrRitterRömerPirat, kaum war das Treppenhaus fertig geputzt, einen Kessel voller Wasser über das Treppengeländer kippte und zwar mit voller Absicht und breitem Grinsen im Gesicht. Es dauerte nicht lange, bis ich herausbekam, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat zwar der Haupttäter, nicht aber der Alleinschuldige war. Karlsson und Luise hatten ihn bei der Planung tatkräftig unterstützt und nach weiterem Bohren beichteten sie mir, dass sie eigentlich etwas „viel Lustigeres“ im Schilde geführt hatten und dass der FeuerwehrRitterRömerPirat „den ganzen Spass vermasselt“ habe. Der „viel lustigere Streich“ wäre gewesen, dass die drei das Wasser über meinem Kopf ausschütten würden und dann vermutlich voller Genuss auf das berühmte „Blupp“ gewartet hätten. Ob das Wasser im Kessel warm oder kalt war, habe ich gar nicht erst gefragt.

Eigentlich ist es ja nicht verwunderlich, dass die drei auf solche Ideen kommen. Wissen sie doch ganz genau, dass wir keinen Tischlerschuppen haben, in den ich sie sperren könnte, damit sie über ihren Unfug nachdenken und Holzmännchen schnitzen könnten. Auf welche Ideen sie erst kommen würden, wenn sie zu dritt im Tischlerschuppen wären, male ich mir lieber gar nicht erst aus…

Und falls ihr wissen möchtet, wie die „(B)engel zurzeit aussehen, könnt ihr hier meine aktualisierte Bildergalerie anschauen.

Wieder mal die Hausarbeit

Ob ich die Situation nicht jeweils ein wenig überzeichnen würde, wenn ich über meinen Hausfrauenfrust berichte, wurde ich heute gefragt. Die Fragende meinte das nicht etwa kritisierend oder anklagend, es nahm sie einfach wunder, ob ich tatsächlich so empfinde, wie ich schreibe. Ich nehme ihr also die Frage nicht im Geringsten übel. Und darum hat mich das Thema wohl auch den ganzen Tag beschäftigt, schlich sich immer wieder in meine Gedanken ein. Zwischen „Tiernamen auf meiner Stirn erraten“ (ich war abwechslungsweise eine Schleiereule, ein Wanderfalke, ein Baumfalke und eine Legehenne), Fondue-Resten aufwärmen, der NZZ-Lektüre über die Wander-Ehen der Mosuo-Frauen und dem Wäschesortieren, immer wieder tauchte die Frage auf: Übertreibe ich, wenn ich darüber schreibe, wie sehr mir die Hausarbeit an die Nieren geht? Ist es wirklich so schlimm, oder bilde ich mir meine Abscheu bloss ein? Eigentlich gibt es keinen besseren Tag als heute, um über diese Fragen nachzusinnen. Denn morgen sind die Winterferien von „Meinem“ Geschichte und dann geht’s wieder zurück an den Herd. Vollzeit. Da muss ich mir nur die Gefühle genauer anschauen, die mich beim Gedanken an morgen beschleichen und ich weiss die Antwort: Ich übertreibe nicht, ich untertreibe.

Denke ich an morgen, dann fühle ich mich ähnlich wie früher, wenn mir eine Mathematikprüfung bevorstand. Ich weiss, dass ich die Sache irgendwie hinter mich bringen muss, ich weiss, dass ich mein Bestes geben werde, dass aber am Ende wieder nicht mehr dabei herausschauen wird als eine ungenügende Leistung. Nun kann man natürlich die Messlatte für genügende Leistungen im Haushalt unterschiedlich anlegen und deswegen wurde ich heute auch gefragt, ob ich denn zu hohe Erwartungen hätte an mich selber. Aber genauso, wie ich von mir in der Mathematik keine Bestnote erwartete, sondern einfach hoffte, dass ich mal ein „Genügend“ erreiche, so versuche ich im Haushalt lediglich das Ganze einigermassen ordentlich und sauber zu halten und dafür zu sorgen, dass wir uns ausgewogen ernähren. Mehr will ich nicht. Höchstleistungen erwarte ich von mir in anderen Bereichen, zum Beispiel in der Kindererziehung oder beim Schreiben einer Kolumne.

Doch während es für mich keine Kunst ist, unseren vier grösseren Kindern eine geschlagene Stunde lang „Immer dieser Michel“ zu erzählen, ohne dass sich auch nur einer von ihnen zu langweilen beginnt, packt mich das nackte Grauen schon beim Gedanken daran, dass der Küchenboden klebrig ist und noch heute geputzt werden muss. Das Ganze wird vielleicht fünf Minuten meiner kostbaren Zeit in Anspruch nehmen und doch lähmt mich der Gedanke daran. Während ich bis tief in die Nacht an einem Text feilen kann, bis ich endlich zufrieden bin mit jedem Wort, kostet es mich unglaublich viel Überwindung, die Vorratskammer aufzuräumen. Es ist nicht etwa so, dass ich einfach nur tun will, was mir Spass macht. Ich mache mich auch ohne mit der Wimper zu zucken daran, schnell mal nebenbei die Steuererklärung auszufüllen, Rechnungen zu bezahlen, Ikea-Möbel zusammenzubauen oder Sitzungsprotokolle zu schreiben. Aber wenn es darum geht, die Wäsche im Schrank zu verstauen, dann schiebe ich die Sache so lange vor mir her wie andere den Besuch beim Zahnarzt. So lange, bis „Meiner“ sich der armen Wäsche annimmt.

Wenn ich ehrlich bin, dann muss ich gestehen, dass ich Hausarbeit noch schlimmer finde als Mathematik. Bei der Mathematik ahne ich zumindest, dass sie im Grunde eine wunderbare Sache ist, die sich mir  leider trotz all meiner Bemühungen nicht erschliessen wollte. Bei der Hausarbeit aber weiss ich inzwischen, dass sie zu den Dingen in meinem Leben gehört, auf die ich voll und ganz verzichten könnte und zwar ohne, dass ich dabei das Gefühl hätte, etwas, was im Grunde schön sein könnte, zu verpassen.

In den See, mit einem Gewicht an den Füssen

„Machen wir uns doch wieder mal einen gemütlichen Fondue-Abend“, sagte ich heute zu meiner Familie. Man weiss ja nie, wie lange der Winter noch dauert und plötzlich ist es zu warm für geschmolzenen Käse. Ausserdem hatte ich heute keine Lust auf eine komplizierte Kocherei. Also schnell Schwarztee gekocht, „Meinen“ zum Brotschneiden abkommandiert, den Käse bereitgestellt – und festgestellt, dass sowohl der Weisswein als auch die Maisstärke fast leer waren. Macht ja nichts, dachte ich mir und machte mich ans Käseschmelzen. Man kann ja so ein Fondue auch mit Apfelsaft zubereiten. Habe ich als Kind beim „Blauen Kreuz“ gelernt.

Bald schon sass die hungrige Horde am Tisch, doch das Fondue wollte nicht binden. Also schnell Karlsson nach unten zur Grossmama geschickt, um Maisstärke-Nachschub zu holen. Der perfekte Moment für den Zoowärter, um seinen Schwarztee über den ganzen Tisch zu giessen. Zugleich auch der perfekte Moment für das Prinzchen, um aus dem Trip Trap zu stürzen. Und natürlich auch der perfekte Moment für Karlsson, um den Maisstärke-Nachschub auf dem Fussboden zu verschütten. Schon mal Maisstärke aufgeputzt? Ist ein wahres Erlebnis. Muss man unbedingt mal ausprobiert haben. Besonders dann, wenn zwei Elternteile verzweifelt versuchen, ein Prinzchen zu trösten, Schwarztee aufzuwischen, eine heulende Luise, einen heulenden FeuerwehrRitterRömerPiraten und einen heulenden Karlsson zu beruhigen und dazu noch zu verhindern, dass das Fondue anbrennt. Wahrlich gemütlich, dieser Fondue-Abend! So gemütlich, dass mir eine ganz böse Beleidigung über die Lippen rutschte, für die ich mich danach etwa zehnmal entschuldigte. Bis Karlsson mich fragte: „Mama, findest du es schlimm, wenn ich dir sage, dass es gar nicht so schlimm war, was du gesagt hast?“ Hä?

Nun, irgendwie schaffte ich es in all dem Chaos das Fondue mit dem Rest Maisstärke zu binden. Und zwar so sehr, dass es bei uns am Tisch schon bald aussah wie bei „Asterix bei den Schweizern“. Endlose Käsefäden überall. Und natürlich verlangte Luise alsbald nach Stockhieben, weil sie ihr Brot in der zähen Käsesuppe steckengeblieben war. Und bald schon wollte sie die Peitsche. Und dann in den See, mit einem Gewicht an den Füssen. Was wir ihr natürlich alles verweigerten. Wir sind doch keine Barbaren, … ähm, pardon, wollte sagen: Wir sind doch keine Römer. Auch wenn man es zuweilen meinen könnte.

Schlechte Aussichten

Wer glaubt, seine Ehe habe gute Aussichten, nicht vor dem Scheidungsrichter zu enden, hängt einem Wunschdenken nach. Diesen Eindruck bekommt man zumindest, wenn man die Schlussfolgerungen einer Studie der Genfer Fachhochschule für Wirtschaft betrachtet. Wenn ich die Ehe von „Meinem“ und mir im Lichte dieser Studie, oder zumindest im Lichte dessen, was die Zeitung über diese Studie geschrieben hat, anschaue, so sieht es ziemlich düster aus für uns.

Nehmen wir nur schon mal das erste Kriterium: „Beide sind Schweizer“. Da kann schon mal der grösste Teil der Weltbevölkerung den Scheidungsantrag ausfüllen. Und auch ein nicht unerheblicher Anteil der in der Schweiz wohnhaften Personen, zumindest, wenn man den Begriff „Schweizer“ so eng definiert wie dies gewisse rechtsgerichtete Kreise tun. In deren Augen zum Beispiel ist und bleibt „Meiner“ ein Ausländer, auch wenn er hier geboren und aufgewachsen ist, hier das Lehrerdiplom erworben hat, hier fünf Schweizer Bürger gezeugt hat und seit ein paar Jahren den Schweizer Pass besitzt. Und deshalb weiss ich nicht, ob unsere Ehe in den Augen der  Verfasser der Studie gute oder schlechte Chancen hat. Denn ob „Meiner“ ein Schweizer ist oder nicht, liegt hierzulande im Auge des Betrachters.

Aber schauen wir uns das nächste Kriterium für eine glückliche Ehe an: Die Eheleute „haben keine früheren Scheidungen hinter sich“. Nun, zumindest hier sind wir auf der sicheren Seite, da wir noch immer in erster Ehe leben und auch weiterhin vorhaben, dies zu tun. Ob wir das jedoch schaffen werden, ist fragwürdig, da ja die Frage, ob „Meiner“ nun Schweizer ist oder nicht, nicht abschliessend geklärt werden kann. Und auch bei Punkt drei sieht es für uns nicht gerade rosig aus.

„Er ist mindestens fünf Jahre älter als sie“. Okay, ich denke mal, ich muss doch die Scheidungspapiere bestellen. Allein der Altersunterschied von „Meinem“ und mir von 36 Stunden scheint ein schlimmes Handicap zu sein. Dass aber ich diejenige mit den 36 Stunden Vorsprung bin, vergrössert das Risiko einer Scheidung bestimmt ungemein. Ich meine, man stelle sich bloss all die Spannungen vor, die „Meiner“ und ich wegen meiner viel grösseren Lebenserfahrung durchzustehen haben…

Einen kleinen Hoffnungsschimmer bietet das letzte Kriterium: „Sie ist gebildeter als er“. Ich finde zwar, „Meiner“ und ich stünden hier etwa auf gleichem Niveau, aber vielleicht hilft es ja unserer Ehe doch, dass ich die Uni von innen gesehen habe, während „Meiner“ auf den akademischen Werdegang ganz verzichtet hat.

Wie man sieht, räumt die Studie unserem Eheglück keine grossen Chancen ein. Einfach erstaunlich, dass ich in den fast zwölf Jahren, die wir nun verheiratet sind, noch nichts von all den Problemen gemerkt habe. Vielleicht ist „Meiner“ eben doch ein „richtiger“ Schweizer…

Der Prediger

Es kommt nicht so sehr darauf an, wie alt die Mädchen sind, die bei uns zu Besuch kommen. Ob sie nun sieben sind und Jungs so ziemlich das Letzte finden auf diesem Planeten, zwölf und den Kopf voller „Stars“ haben, oder siebzehn und schon drei gescheiterte „Beziehungen“ hinter sich haben, sie bekommen alle die gleiche Predigt zu hören von „Meinem“: „Heirate auf keinen Fall einen Macho. Verstanden? Keiner, der sich von dir bedienen lässt. Keiner, der dich die ganze Hausarbeit alleine machen lässt und nur vor der Glotze hockt. Du musst dir unbedingt einen guten Mann aussuchen, klar?“ Was „Meiner“ damit eigentlich sagen will: „Wenn du heiratest, achte darauf, dass du einen Mann findest wie ich einer bin.“

Ob ich dem guten Mann etwas gar zu oft sage, wie glücklich ich mich schätze, dass ich mir ausgerechnet ihn geangelt habe?

Spielplatz

Seit etwas mehr als achtzehn Jahren tummeln wir uns jetzt auf diesem Spielplatz, „Meiner“ und ich. Eine traumhafte Anlage, schön gelegen, mit unzähligen Spielmöglichkeiten, gemütlichen Sitzbänken und Picknick-Gelegenheiten, lauschigen Plätzen. Einfach alles, was das Herz begehren könnte. Anfangs konnten wir nicht genug davon bekommen, all die verschiedenen Spielgeräte zu erkunden: Wir kletterten wagemutig auf dem Kletterturm, drehten auf dem Karussell bis uns schwindlig war, wühlten uns genüsslich durch den Sandkasten und schauten, wer die schönere Sandburg bauen kann. Nach einer Weile hatten wir genug gespielt und wir genossen das süsse Nichtstun. Wo ist es gemütlicher? Im Weidenhaus oder beim Fussbad im klaren Bach? Wo lässt es sich besser quatschen? Auf der Parkbank oder am Picknicktisch mit einem randvoll mit Leckerbissen gefüllten Korb? Die Möglichkeiten waren grenzenlos. Wir liebten diesen Spielplatz.

Wir lieben ihn noch immer. Aber der Spielplatz gehört nicht mehr uns alleine. Das Karussell wird von anderen in Beschlag genommen, der Kletterturm auch. Und „Meiner“ und ich haben immer mehr die Aufgabe übernommen, dafür zu sorgen, dass die anderen glücklich sind auf unserem Spielplatz. Wir passen auf, dass sich niemand weh tut, wir sorgen dafür, dass der Picknickkorb nie leer wird, wir stehen am unteren Ende der Rutschbahn und fangen die Rutschenden auf, wenn sie zu schnell unterwegs sind. Wir achten darauf, dass der Spielplatz sauber bleibt, dass er so einladend ist, wie wir ihn angetroffen haben. Wir sind fast rund um die Uhr damit beschäftigt, dafür zu sorgen, dass dieser Spielplatz ein Ort bleibt, an dem man sich gerne aufhält, dass er ein Ort bleibt, an dem Viele glücklich sein können und nicht bloss wir zwei. Wir lieben diese Aufgabe.

Doch manchmal möchten wir auch ein wenig spielen. Aber das einzige Spielgerät, dass uns bleibt, ist die „Gigampfi“, in Deutschland besser bekannt unter dem Namen Wippe. Fast täglich stehlen wir uns mal kurz zwischendurch für ein paar Minuten weg, um zu wippen und das seit Jahren schon. Am Anfang machte das durchaus Spass: Auf und ab, auf und ab, auf und ab. Irgendwann aber wurde es schwierig. Ich blieb unten, „Meiner“ versuchte mit aller Kraft, mich nach oben zu bringen und schaffte es nicht mehr. Zumindest nicht mehr alleine. Die Leute eilten ihm zu Hilfe, damit ich wieder hochkommen konnte. Und es gelang, es geht wieder weiter wie zuvor: Auf und ab, auf und ab, auf und ab.

So langsam aber haben „Meiner“ und ich genug gewippt. Wir möchten ganz gern mal wieder rutschen, oder klettern, oder am allerliebsten schaukeln. So richtig hoch hinaus, mit viel Schwung und diesem unglaublichen Gefühl im Bauch, dass es keine Grenzen gibt. Mal schauen, ob bald mal eine Schaukel für uns zwei frei wird…