Ins Auge gegangen

Wieder mal haben wir einen Sonntagnachmittag auf der Notfallstation verbracht. Zum dritten Mal innert drei Monaten hatte Luises Auge gestern eine Begegnung mit einem spitzen Gegenstand und weil die Schmerzen schlimmer statt besser wurden, beschlossen wir irgendwann, nicht bis morgen zu warten, bevor wir das Auge kontrollieren lassen. Erste Station: Kinder-Notaufnahme, wo ein netter Doktor Luises Auge ansieht. „Das machst du wunderbar, Luise!“, lobt er das Kind alle paar Sekunden. „Hast du schlimme Schmerzen, Luise?“, fragt er jedes Mal, wenn sie leicht zusammenzuckt. „Ich glaube, du bist schon mal hier gewesen. Ich habe dich auch schon gesehen, Luise“, sagt er beim Abschied und fragt sie, wie viele Geschwister sie hat und ob sie die Älteste ist und dann wünscht er ihr alles Gute. Und schickt uns zu Doktor Nummer zwei, dem diensthabenden Augenarzt.

Dieser würdigt uns keines Blickes, als er uns ins Zimmer bittet. Luises Namen will er gar nicht erst wissen und um solche Kleinigkeiten wie Schmerzen kümmert er sich gar nicht erst. Das Kind soll auf den Stuhl sitzen und zwar sofort. Und dann soll es ihm so schnell als möglich die Buchstaben nennen, die es sieht. Und wenn es zögert, schnaubt er ungeduldig. Und es soll gefälligst nicht zusammenzucken, wenn man ihm mit einem Stäbchen das Auge berührt. Und eine Erklärung, weshalb man dies getan hat, ist man dem Kind auch nicht schuldig, auch wenn es laut und deutlich, wenn auch leicht eingeschüchtert, danach fragt. Und wenn das Kind vor Schmerzen aufheult, zuckt man mit keiner Wimper. Wozu auch? Ist doch bloss eine Routineuntersuchung. Irgendwann ist diese überstanden, das Kind klettert erschöpft vom Untersuchungsstuhl, die Mama bekommt Augentropfen in die Hand gedrückt, hört, dass alles mehr oder weniger in Ordnung sei, auch wenn das Kind es nicht geschafft hat, Buchstaben zu erkennen, die es sonst immer erkennt. Für den Doktor ist alles im grünen Bereich, also soll die lästige Kundschaft gefälligst abziehen.

Das tun wir dann auch, denn Luise ist völlig geschafft von der Untersuchung. Was bin ich froh, wenn wir übernächste Woche wieder zum Augenarzt unseres Vertrauens gehen können. Der sagt zwar auch nicht viel, aber er behandelt Luise mit soviel Liebe, dass sie jedes Mal traurig ist, wenn ihr Auge wieder für eine Weile gesund ist. Vielleicht übersieht sie die spitzen Gegenstände ja mit Absicht? Damit sie wieder zu diesem netten Doktor gehen darf? Der von heute war nämlich ein Idiot, hat Luise gesagt.

Sollte der Herr Doktor per Zufall diesen Post lesen, dann bitte ich ihn, diese Bemerkung nicht persönlich zu nehmen. Luise ist manchmal etwas direkt, vor allem, wenn sie Schmerzen hat. Aber wir nehmen es ja auch nicht persönlich, lieber Herr Doktor, dass Sie Luise wie ein Stück Holz behandelt haben, sondern entschuldigen Ihr Verhalten mit Ihren miesen Arbeitsbedingungen.

Was tust du da, Mama?

„Meiner“ hatte heute einen wichtigen Termin und da er etwas spät dran war, habe ich etwas für ihn getan, was ich sonst nie, aber auch wirklich gar nie tue: Ich habe sein Hemd gebügelt. Nachdem er mir gesagt hatte, wo das Bügeleisen bei uns seinen Platz hat. Und nachdem er mich ermahnt hatte, ich möchte das Ding doch nicht auf dem Glastisch bügeln, sondern zumindest eine Decke als Unterlage nehmen. So stand ich da und bügelte das Hemd meines Gatten, fast so, wie gute Hausfrauen dies tun. Und da dieser Anblick im Hause Venditti so ungewohnt ist – wer hat denn schon Zeit zum Bügeln, wo es doch so viel zu Bloggen gibt? – war ich schon bald von meinen Kindern umringt. Was ich hier tun würde, wollten die jüngeren Kinder wissen, denn für sie ist der Anblick eines Bügeleisens ähnlich fremd wie für ein Kind in Afrika der Anblick von Schnee. Die älteren Kinder, die sich noch schwach an Zeiten erinnern, in denen Mama geglaubt hatte, eine Hausfrau müsse auch bügeln können, wussten natürlich, was ich da tat, aber sie waren dennoch tief beeindruckt. Mama kann ja tatsächlich Hemdem bügeln, wenn sie nur will. Dem FeuerwehrRitterRömerPiraten dauerte die Vorstellung allerdings zu lange: „Mama, warum musst du immer Papas Hemden bügeln?“, wollte er wissen.

Recht hat er: Jede Sekunde, die man mit einem Bügeleisen verbringt, ist eine Sekunde zuviel. Es sei denn, „Meiner“ habe einen wichtigen Termin…

Schuld(un)bewusstsein

Es ist schon verrückt: Der FeuerwehrRitterRömerPirat kann kurz hintereinander Tapete von den Wänden reissen, Tinte auf Mamas Bürotisch ausgiessen, Löcher ins Leintuch schneiden, die Wände mit dem Namen seiner Liebsten verzieren, das Bad unter Wasser setzen und ich weiss nicht was noch alles. Und wenn man ihn zur Rede stellt, dann zuckt er mit der Schulter, lächelt einen schelmisch an und zieht weiter fröhlich seines Weges. Okay, neulich hat er mir versprochen, dass er nur noch Unfug machen wird, wenn er böse ist auf jemanden und im Moment scheint er mit der Welt im Reinen zu sein. Aber grundsätzlich gilt für ihn: Ich mache Unfug, wann immer es mir passt und wenn jemand etwas dagegen einzuwenden hat, ist das nicht mein Problem.

Wenn aber Luise vergessen hat, die Türe von Grossmamas Gefrierschrank zu schliessen und sie weiss ganz genau, dass sie den Gefrierschrank nicht hätte öffnen dürfen, dann kommt sie beinahe auf Knien angekrochen, fleht um Entschuldigung, heult, als hätte sie einen schlimmen Unfall verursacht und lässt sich kaum mehr trösten. Sie macht sich Vorwürfe und man kann ihr hundertmal sagen, dass so etwas passieren kann, sie schafft es dennoch kaum, sich den Fauxpas zu verzeihen.

Was lernt die stets lernwillige Mama aus dem so unterschiedlichen Verhalten ihrer Kinder? Dass sie nie, aber auch wirklich gar nie ihre fünf Kinder über den gleichen Kamm scheren darf. Dass es auf der ganzen Welt nicht einen einzigen Erziehungsratschlag gibt, der für alle seine Gültigkeit hat. Und dass sie wohl bis ans Ende ihrer Tage immer erst im Nachhinein wissen wird, wo sie die Schraube mehr hätte anziehen sollen und wo sie ein Auge hätte zudrücken müssen.

Und raus damit!

Es ist vielleicht sechzehn Jahre her, da sass eines Abends ein junger Mann an seinem Schreibtisch und lernte auf eine Prüfung. Vielleicht in Geschichte, vielleicht auch in Französisch, ja, es könnte gar sein, dass es eine Physikprüfung war. Ist ja auch nicht so wichtig. Viel wichtiger ist, dass er, als er so richtig in seine Bücher vertieft war, seine Mama aus der Küche rief, ob er eine Banane essen wolle. Er wollte nicht und wenn seine Mama eine gewöhnliche Mama gewesen wäre, hätte sie sein Nein akzeptiert. Seine Mama war aber eine Italienische Mama und deshalb fragte sie noch einmal, worauf der junge Mann wieder nein sagte. Weil die Mama aber eine Italienische Mama von altem Schrot und Korn war, fragte sie noch einmal und als der junge Mann ein drittes Mal nein sagte, stand die Mama bald darauf mit der geschälten Banane im Zimmer des jungen Mannes. Worauf der junge Mann so wütend wurde, dass er das Fenster öffnete und die Banane in Nachbars Garten schmiss.

Zu der Zeit, als dies geschah, war der junge Mann mit einer jungen Frau liiert, die diesen Vorfall äusserst witzig fand. Die Geschichte mit der Banane wurde zu einer der beliebtesten Anekdoten, welche die beiden erzählten, wenn jemand wissen wollte, wie denn das Verhältnis zur Mama des jungen Mannes sei. Eine weitere Bedeutung mass die junge Frau dieser Begebenheit nicht zu und es fiel ihr auch über Jahre nicht auf, dass der junge Mann immer mal wieder Dinge aus dem Fenster schmiss, wenn sie zu lange herumlagen oder ihm sonst auf irgend eine Weise auf die Nerven fielen.

Neulich aber sah die junge Frau, die inzwischen mit dem jungen Mann verheiratet ist und mit ihm zusammen fünf Kinder hat, dass in der Dachrinne eine Strumpfhose der Tochter lag. Und auf der Rutschbahn ein Paar Socken des zweitjüngsten Sohnes. Und im Erdbeerbeet ein T-Shirt des mittleren Sohnes. Die junge Frau,- die inzwischen übrigens schon einige graue Haare hat und deshalb eigentlich gar nicht mehr jung ist – fragte ihre Kinder, weshalb all die Kleider im Garten liegen würden. Worauf ihr Ältester gleichmütig erklärte: „Die haben die anderen in meinem Zimmer liegen lassen und weil sie sie nicht weggeräumt haben, habe ich sie eben zum Fenster raus geschmissen. Das macht der Papa ja auch immer, wenn wir nicht aufräumen.“

Eines ist jetzt schon klar: Die Mama dieser Kinder wird sie nie mit bereits geschälten Bananen belästigen, wenn sie am Lernen sind. Aber sie ist ja auch keine italienische Mama.

Wer erleichtert da wem das Leben?

Man hört ja zuweilen die Behauptung, die modernen Haushaltgeräte hätten das Haushalten derart erleichtert, dass Hausfrauen und -männer nur noch auf der faulen Haut liegen und Kaffee trinken könnten. Diese Meinung wird vor allem von älteren Herren vertreten, die der festen Überzeugung sind, dass ihre Mütter noch Unmenschliches geleistet hätten, ihre Frauen schon sehr viel weniger, ihre Töchter fast nichts und ihre Enkelinnen gar nichts mehr. Sie glauben, dass das Leben mit Mixer, Staubsauger, Kaffeemaschine und Mikrowellenofen zu einem reinen Zuckerschlecken geworden sei. Was diese älteren Herren nicht bedenken: Haushaltgeräte leiden an so vielen Gebrechen, dass die moderne Hausfrau alle paar Tage mit ihnen zur Reparatur rennen muss. (Der moderne Hausmann natürlich auch, aber da diese Spezies leider noch immer äusserst rar ist, bleibe ich für den Rest des Textes bei der weiblichen Form.) Immer haben die Dinger etwas zu Jammern, immer einen Grund, weshalb sie ausgerechnet heute ihren Dienst nicht leisten können. Ein Hypochonder rennt weniger häufig zum Arzt als ein Haushaltgerät zur Reperaturwerksatt.

Nehmen wir zum Beispiel unseren Milchschäumer. Nachdem ich mit diesem elenden kleinen Handschäumer Stunden in der Küche verbracht hatte – „Meiner“ und ich mögen Latte Macchiato, die Kinder Kakao Macchiato – entschloss ich mich kurz vor Weihnachten zum Kauf eines jener hübschen elektrischen Milchschäumer. Das Ding schäumte die Milch perfekt und  „Meiner“ und ich hatten Blähungen weil wir so viel Macchiato in uns hinein kippten. Doch sechs Tage später gab es einen Knall und vorbei war’s mit Milchschaum. Also zurück ins Einkaufszentrum, Milchschäumer eingetauscht und wieder Macchiato gekippt. Bis eine Woche später die Drehspirale kaputt war. Zurück ins Einkaufszentrum, neue Spirale bestellt, zwei Wochen auf die Lieferung gewartet, drei Wochen Macchiato gekippt und wieder zurück zum Einkaufszentrum, weil sich das Ding überhitzte und keinen Wank mehr tat. Doch jetzt hatte ich genug. Ich lehnte alle lebensverlängernden Massnahmen für den Milchschäumer ab, liess mir die siebzig Franken zurückerstatten und seither sehne mich nach einem anständigen Latte Macchiato. Anderen Kaffee trinke ich nämlich nicht und irgendwie muss man ja wach bleiben.

Oder nehmen wir unseren Staubsauger. Unser Letzter hatte ich ja zu Tode gesoffen. Das Nachfolgemodell hütete ich deshalb wie meinen Augapfel und achtete darauf, dass er dem Weinkeller nicht zu nahe kam. Die Putzfrau versuchte mich zwar immer gegen ihn aufzuhetzen, weil er angeblich zu schlecht sauge, aber ich liess mich nicht beeindrucken und setzte mich heldenhaft für seinen Verbleib in unserem Haushalt ein. Doch offenbar fühlte sich unser Staubsauger dennoch gemobbt. Um mir zu zeigen, wie unglücklich er ist, liess er sich vollkommen gehen und bald schon war eine wichtige Klappe kaputt und der ganze Dreck landete auf dem Fussboden. Nun also ging das Gerenne mit dem Staubsauger los. Gegen Vorauszahlung bestellte man mir im Einkaufszentrum ein Ersatzteil. Und weil das nicht so schnell geliefert werden kann, ist der Staubsauger für zwei Wochen krank geschrieben. So einfach geht das.

Ich glaube, ich bewerbe mich auf eine Stelle als Haushaltgerät. Wenn die schlapp machen, kümmert sich jeder rührend um ihr Wohlbefinden. Wenn hingegen die Hausfrau schlapp macht, dann beisst sie eben auf die Zähne, bis die Sache ausgestanden ist. Wer erleichtert da wem das Leben?

Nein! Nicht jetzt schon!

Nach der doch sehr anstrengenden Kleindkind-Phase und der nicht minder anstrengenden Zeit des Einstiegs in den Kindergarten folgen ein paar wunderbare Jahre mit den Kindern. Sie ziehen sich selbständig an, können ihr Zimmer selber aufräumen, so sie denn wollen, sie schlafen nachts durch. Sie können selber lesen, wenn man keine Zeit hat, Geschichten zu erzählen, sie brauchen nur noch ein paar Anleitungen um einen Kuchen zu backen oder Spaghetti zu kochen. Sie saugen Wissen in sich auf, sind noch klein und niedlich aber nicht mehr so klein, dass es für die Erwachsenen anstrengend wäre. Und das Beste an allem: Die Eltern sind die Grössten! Was Mama sagt, ist wahr, was Papa cool findet, findet man auch cool. Karlsson und Luise sind gerade in dieser Phase. Es ist einfach herrlich, wenn auch nicht immer konfliktfrei.

Auch Lehrpersonen sind hoch geachtet in diesem Alter. Sagt die Lehrerin, die Kinder sollten über Mittag ein wenig frische Luft schnappen, dann tut Karlsson dies gewissenhaft. Sagt sie, die einzige Hausaufgabe über die Ferien sei die, dass die Kinder sich so richtig erholen, dann liegt Karlsson während Stunden auf dem Bett und erholt sich. Soweit alles perfekt. Doch in letzter Zeit gibt es da eine Veränderung, die mir nicht gefallen will. Nehmen wir das Beispiel mit der Erholung: Da liegt er also auf dem Bett, der Karlsson, vertieft in ein Buch und erholt sich mit heiligem Ernst. Die Mama klopft sanft an die Zimmertür, Karlsson murmelt irgend etwas, was die Mama als Aufforderung versteht, hereinzukommen. „Karlsson, in einer halbe Stunde essen wir. Ich möchte, dass du vorher noch deine Schuhe wegräumst. Nicht gerade jetzt, aber einfach noch vor dem Essen“, sagt die Mama mit Engelsstimme. Worauf Karlsson losheult, das Buch in die Ecke knallt und brüllt: „Immer muss ich aufräumen! Du bist so unfair! Und die Lehrerin hat doch gesagt, wir müssten uns erholen.“

Ein weiteres Beispiel gefällig? Karlsson steht vor dem Spiegel und betrachtet sich kritisch, schiebt sich die etwas zu langen Haare aus den Augen und murmelt, dass er kaum mehr etwas sehen kann wegen seiner Haare.

Mama, zuckersüss: „Karlsson, was meinst du? Sollen wir mal wieder zum Coiffeur gehen mit dir? Deine Haare stören dich bestimmt.“

Karlsson, schreiend: „Ich will mir nicht die Haare schneiden! Meine Haare sind genau richtig. Du bist immer so gemein zu mir!“

Mama, geduldig, aber mit der nötigen Strenge: „Hör mal, ich war  ganz nett mit dir. Ich habe nur einen Vorschlag gemacht und du brüllst mich an. So kannst du mit mir nicht umgehen.“

Karlsson, lauter brüllend: „Immer schimpfst du mit mir! Ich will dir überhaupt nie mehr zuhören. Du schreist mich immer an!“

Mama, noch immer ruhig, aber noch eine Spur strenger: „Ich habe dich nicht angeschrien. Ich habe dir bloss klargemacht, dass du so nicht mit mir umgehen kannst. Klar geht man sich in einer Familie hin und wieder auf die Nerven. Aber so können wir miteinander nicht reden.“

Karlsson, stapft wütend davon, knallt die Türe, heult und schreit dazu: „Immer seid ihr alle so gemein zu mir!“

Mama steht verdattert da und fragt sich im Stillen, ob der Junge einfach schlecht gelaunt ist, oder ob dies – Gott bewahre! – bereits die Vorpubertät ist.


Kleiner Hinweis an die Mütter, die dies Lesen und die diese Phase bereits hinter sich haben: Ihr dürft von mir aus denken, dass dies die Vorpubertät ist. Aber schreiben dürft ihr mir dies nicht. Ich bin noch nicht bereit, mich der Tatsache zu stellen. Noch lange nicht.

Dabei

Lange habe ich mich dagegen gesträubt, weil ich es einfach doof finde. Aber nachdem ich heute Abend beim Abchecken meiner Mails feststellte, dass „Meiner“ sich bei Facebook registriert hatte, während ich die Gutenacht-Geschichte erzählte, musste ich natürlich schleunigst handeln. Denn wo „Meiner“ ist, da bin auch ich. „Meiner“ und ich sind jetzt übrigens nicht bloss ein Ehepaar, wir sind jetzt auch Freunde bei Facebook. Und ich habe ihn „angestupst“, obschon ich keine Ahnung habe, was das zu bedeuten hat. Aber ich habe gedacht, da ich mit „Meinem“ ja schon Intimeres angestellt habe, kann ich ihn auch problemlos anstupsen. Er hat aber noch nicht auf meinen Stupser reagiert. Leicht irritiert war ich, als Facebook mich darauf aufmerksam machte, dass „Meiner“ zuerst bestätigen muss, dass er mit mir verheiratet ist, bevor wir in unserem Profil offiziell als Ehepaar gelten. Was mache ich bloss, wenn „Meiner“ das nicht bestätigt? Vielleicht stupse ich ihn zur Sicherheit noch mal an.

Oder ich setzte mich nachher mit ihm aufs Sofa, knie mich vor ihm nieder und frage ihn, ob er auch bei Facebook mein Mann sein möchte. Und wenn er ja sagt, haben wir vielleicht endlich einen Grund, noch einmal zu heiraten…

Der Mythos vom eigenen Zimmer

Wer bei Google nach dem Thema „eigenes Zimmer für Kinder“ sucht, stösst schnell einmal auf Foren, in denen Eltern einander gegenseitig in der Meinung bestärken, dass ein Kind ohne eigenes Zimmer ein ganz unglückliches Kind ist. „So früh wie möglich“ solle man die Kinder in ein eigenes Zimmer stecken, liest man da. „Ein eigenes Zimmer zu haben ist nie zu früh“, schreiben andere. Auf einer anderen Seite stosse ich auf den Hinweis, dass in Deutschland Hartz IV-Empfängern der Umzug in eine grössere Wohnung, damit jedes Kind ein eigenes Zimmer habe, nicht verweigert werden dürfe (was ich übrigens vollkommen richtig finde).

Bevor ich nun weiter auf die Frage nach den eigenen Zimmer eingehe, hier ein kleiner Hinweis: Dies ist kein Beitrag zur Diskussion über Hartz IV-Empfänger. Eine Diskussion, die, wie ich beim Surfen festgestellt habe, äusserst gehässig ist. Erstens verstehe ich als Schweizerin von Hartz IV viel zu wenig und zweitens bereiten mir schon all die Schweizer schlaflose Nächte, die über „Sozialschmarotzer“, „Scheininvalide“ und anderes „Gesindel“ herziehen. Also bitte keine Kommentare, die in die Richtung gehen, ob ein Sozialhilfeempfänger auch ein Recht auf Leben habe oder nicht. Klar? Okay, dann kann ich ja jetzt wieder auf mein eigentliches Thema zurückkommen.

Zurück also ins Kinderzimmer. „Meiner“ und ich haben uns damals, als wir noch mehr Kinder als Kinderzimmer hatten, grosse Vorwürfe gemacht weil man ja eben weiss, dass jedes Kind so früh wie möglich ein eigenes Zimmer braucht. Gut, ich als Jüngste von sieben Kindern habe mir da nicht allzu viele Sorgen gemacht. Wusste ich doch genau, dass man erst abends, wenn es dunkel ist, erfährt, in wen die grosse Schwester verliebt ist und solche Geheimnisse musste man einfach wissen, wenn man bei Tageslicht eine Erpressungsmöglichkeit in den Händen halten wollte. Wollte man erfahren, dass auch der grosse Bruder nur ein normaler Mensch mit Ängsten ist, musste man warten, bis im Haus alles still war und er einem das Herz öffnete. Solche Dinge erfuhr man nur, wenn man miteinander das Zimmer teilte. Aber ob heutige Pädagogen und andere Experten diese Erfahurngen noch gutheissen würden, wusste ich natürlich nicht.

Seit einiger Zeit nun hat jedes unserer Kinder sein eigenes Zimmer. Oder besser gesagt hätte jedes unserer Kinder sein eigenes Zimmer. Wenn nicht der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat sich standhaft weigern würden, ein eigenes Zimmer zu beziehen. Und nicht nur das, sie weigern sich auch, in ihrem eigenen Bett zu schlafen. Und so stehe ich jeden Morgen im Halbdunkel neben ihrem Bett und suche zwischen Bergen von Stofftieren und Kuscheldecken nach dem Kind, das ich wecken muss, damit es nicht zu spät in den Kindergarten kommt. Und probiere gleichzeitig um alles in der Welt zu verhindern, dass das Kind, das noch zu Hause bleiben darf, dabei aufwacht. Eigentlich habe ich kein Problem damit, dass die zwei ihr Zimmer teilen wollen, nur morgens, wenn nicht beide gleichzeitg wach sein sollten (und abends, wenn sie sich gegenseitig vom Schlafen abhalten) verstehe ich, warum man für getrennte Kinderzimmer plädiert: Für die Eltern ist es eindeutig bequemer.

Ach ja und dann gibt es noch das Argument der Privatsphäre. Alle Kinder brauchten nachts ihre Privatsphäre, sagt man. Ob das wohl stimmt? Wo doch fast alle Kinder – mit Ausnahme von Karlsson, der es hasst, mit jemandem sein Bett zu teilen – jeweils nachts ins Elternbett geschlichen kommen. Man könnte also auch die Behauptung aufstellen, dass einzig die Eltern so bald als möglich ihre Privatsphäre haben wollen. Und um diese zu bekommen, sollten sie ihre Kinder so lange als möglich im gemeinsamen Zimmer schlafen lassen. Aber ich werde mich davor hüten, diese Behauptung in Stein zu meisseln. Weiss ich doch genau, dass bei der Kindererziehung die Worte alle und immer gefährliche Worte sind.

Einen Schritt weiter

Es ist jetzt ziemlich genau zehn Jahre her, seitdem sich eine winzige befruchtete Eizelle auf den Weg gemacht hat, um sich in meiner Gebärmutterwand einzunisten. Diese Eizelle wuchs in der Folge ganz kräftig, entwickelte sich in Riesenschritten, schlüpfte irgendwann aus meinem Bauch, um mehr Raum zum Wachsen zu haben. Heute misst die ehemalige Eizelle rund 140 cm und ist somit nur noch einen halben Kopf kürzer als die Mama, die ihn einst im Bauch getragen hatte. Meinen Lesern ist diese ehemalige Eizelle unter dem Namen Karlsson bekannt und dieser Karlsson hat heute, ziemlich genau ein Jahrzehnt nachdem er zu sein begann, einen weiteren Schritt in Richtung Selbständigkeit getan. Und das kam so:

Karlsson war heute Morgen ziemlich übel gelaunt, als er aus dem Bett gekrochen kam. Die ganze Welt war ungerecht: Luise durfte noch in Ruhe fertig frühstücken, während er bereits in seine Kleider hätte schlüpfen sollen. Dem Zoowärter wurden die Kleider aus dem Schrank geholt, während man ihn einfach so alleine liess bei der Auswahl seiner Kleider. Und dann erinnerte sich Karlsson auch noch daran, dass gestern Abend der Babysitter ganz unglaublich gemein gewesen war. Sie hatte nämlich den FeuerwehrRitterRömerPiraten eine Gutenacht-Geschichte auswählen lassen und so musste der arme Karlsson vor dem Einschlafen die Legende von König Artus hören, wo er doch viel lieber ein „Lustiges Taschenbuch“ erzählt bekomme hätte. Als ob man „Lustige Taschenbücher“ erzählen könnte!  Als dann auch noch das Gejammer losging, weil die Kleinen ihren Toast bebuttert bekamen, während Karlsson das Messer selber in die Hand nehmen musste, hatte „Meiner“ genug. „Dann bleib doch zu Hause und komm in zwei Stunden mit dem Bus in die Stadt!“, sagte er.

Karlssons Augen strahlten, in mir aber meldete sich sofort  die Glucke zu Wort: „Darf man denn das, einen fast Zehnjährigen am Sonntagmorgen alleine zu Hause lassen, während der Rest der Familie zur Kirche geht?“, fragte sie.  „Ich denke schon“, sagte ich. „Karlsson ist ja ein ganz vernünftiger Junge.“ „Ja, aber stell dir bloss vor, was passiert, wenn der ‚ganz vernünftige Junge‘ auf die Idee kommt, mit Zündhölzern zu spielen. Oder wenn er sich während eurer Abwesenheit am Computer zu schaffen macht? Weisst du überhaupt, was ihm alles zustossen kann so alleine zu Hause?“, fragte die Glucke mit vorwurfsvollem Unterton. „Karlsson weiss genau, dass er nicht mit Zündhölzern spielen darf. Und vom Computer wird er auch die Finger lassen. Er hat ja gesagt, dass er lesen will.“ „Ja, aber du kannst doch den armen Jungen nicht alleine Bus fahren lassen. Was, wenn er an der falsche Station aussteigt?“, keifte die Glucke. „Karlsson ist den Weg schon hundertmal gefahren“, beruhigte ich sie. „Na und? Was, wenn er ausgerechnet beim hundertersten Mal nicht mehr weiss, wo er aussteigen muss?“

Irgendwie gelang es mir, die Glucke zum Schweigen zu bringen. Sie versuchte zwar noch, mich dazu zu bringen, Karlsson zu fragen, ob er sich wirklich ganz sicher sei, dass er die zwei Stunden ohne uns zurechtkommen würde und ob er nicht lieber doch mit uns kommen wolle, aber ich konnte der Glucke gerade noch rechtzeitig den Mund zuhalten. Und so liessen wir unseren Ältesten zum ersten Mal unbeaufsichtigt zu Hause, versehen mit unserer Handynummer und vielen gut gemeinten Ermahnungen. Und nachdem ich die Glucke endlich zu Boden gerungen hatte, konnte ich mir eingestehen: Es ist gar kein schlechtes Gefühl, nach zehn Jahren der rund um die Uhr-Betreuung zu wissen, dass das älteste Kind für eine kurze Zeit ganz gut auf sich selbst aufpassen kann. Er ist ja jetzt schon eine ganze Weile her, seitdem er eine Einzelle war.

Ach, tatsächlich? Ist ja interessant.

Heute früh um vier hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, dem Prinzchen eine Milch zu servieren. Und währenddem ich darauf wartete, bis die Milch Prinzchentemperatur angenommen hatte – nicht zu warm und nicht zu kalt – hatte ich Zeit, mir die Milchtüte etwas genauer anzuschauen. Wie man weiss, trinkt unser Prinzchen seit ein paar Monaten lactosefrei. Und so durfte ich auf der Tüte lesen, dass diese Milch einen „Genuss ohne Beschwerden“ garantiere. Das mit den Beschwerden kann ich bestätigen: Das Prinzchen hat keinen wunden Po mehr und er brüllt nicht mehr die halbe Nacht hindurch. Aber das mit dem Genuss wage ich zu bezweifeln, wo doch unsere Grossen speien, wenn sie mal zufälligerweise einen Schluck Prinzchen-Milch erwischen.

Aber ist ja egal, lesen wir weiter: „Milch und Milchprodukte sind eine wichtiger Bestandteil unserer täglichen Ernährung. Bei gewissen Konsumenten verursacht der Genuss von Milch und Milchprodukten Verdauungsbeschwerden. Diese treten auf, wenn Milchzucker (=Lactose) nicht richtig verdaut werden kann. Dank einem schonenden und natürlichen Verfahren enthält dieses Milchprodukt keine Lactose mehr….“ Ein Milchprodukt für Allergiker also. Aber kann man denn wirklich sicher sein, dass der Konsument, der an einer Lactoseintoleranz leidet und desahlb keine gewöhnliche Milch gekauft hat, auch tatsächlich verstanden hat, dass es sich bei der weissen Flüssigkeit, die sich in einer Tüte mit der Aufschrift „Milk– lactosefrei, Milchgetränk mit 3,5% Milchfett“ tatsächlich um den Saft handelt, der aus dem Euter der Kuh stammt? Ich meine ja, eindeutig. Der Hersteller aber meint nein, eindeutig nicht und bringt auf der Tüte noch folgenden Hinweis an: