Blockade

Bevor ich mein Problem schildere, muss ich Folgendes klarstellen: Ich fische nicht nach Komplimenten. Ich will auch nicht, dass mir meine Leser Honig um den Mund schmieren. Und schon gar nicht will ich jammern. Nein, ich will einfach nur kurz darüber berichten, wie es kommt, dass ich plötzlich daran zweifle, ob ich überhaupt schreiben kann.

Für jemanden, der leidenschaftlich gerne schreibt, gibt es wohl keine grössere Bestätigung als ein unterschriebener Buchvertrag. Okay, vielleicht gibt einem ein Bestseller noch mehr das Gefühl auf dem richtigen Weg zu sein, aber davon wage ich nun wirklich nicht zu träumen. Dafür bin ich, trotz aller Naivität, zu realistisch. Aber eben, kaum war der Vertrag unterschrieben, hatte ich dieses unbeschreibliche Hochgefühl. Immerhin hatte ich die Bestätigung in der Tasche, dass man meine Arbeit für gut genug befunden hatte. Und so war für mich klar: Jetzt lege ich los. Gebt mir ein wenig freie Zeit und ich schreibe, was das Zeug hält. Ich war so richtig euphorisch. Und rannte gegen eine Wand.

Eine Wand mit Namen Schreibblockade. Es ist nicht bloss so, dass mir die Worte fehlen. Nein, schon meine Ideen finde ich allesamt banal und doof. Ideen, die ich eben noch unbedingt hatte zu Papier bringen wollen. Alles, was ich schreibe, erscheint mir nur noch sinnlos. Liest sich nicht flüssig genug. Bringt die Sache nicht so auf den Punkt, wie ich mir dies wünsche. Zuweilen muss ich mich gar zum Bloggen zwingen, weil ich auf einmal all mein Geschreibsel unerträglich finde und mit überkritischem Blick betrachte. Lese ich meine Texte, sehe ich nur noch lauter Mängel.

Vielleicht ist schreiben ähnlich wie Kinderkriegen: Nach einer Geburt muss man sich erst mal sehr lange erholen, bevor man sich überhaupt vorstellen kann, je wieder schwanger zu werden. Ich hoffe bloss, dass die Abstände zwischen zwei Projekten nicht so gross werden wie zwischen zwei Geburten. Wobei, wenn man fünf Kinder in acht Jahren geboren hat, kann man wohl kaum von zu grossen Abstände reden…

Achtung! Trotzphase im Anmarsch!

So sieht die Theorie aus, zitiert aus Wikipedia:

„In der Sprachentwicklung des Kindes, etwa ab dem Alter von etwa 1,5 Jahren an, beginnt das erste Fragealter, welches inzwischen auch als 1. Trotzphase bezeichnet wird. Das Kind drückt mit seinem noch relativ geringen Wortschatz von etwa 50 Wörtern alle seine Wünsche und Bedürfnisse aus und versucht diese in Einklang mit seinem Umfeld zu bringen. Dabei werden Fragen an den Erwachsenen gestellt, die, wenn sie mit ja beantwortet werden vom Kind als positiv gewertet werden. Wird etwas verneint, so kann das Kind eventuell mit Trotz reagieren. Diese Trotzreaktionen erklären sich aus dem damit zusammenhängenden Kontext: Da das Kind noch nicht mit Worten ausdrücken kann, was sein eigentliches Ziel ist, versucht es, durch die auf ein geäußertes Bedürfnis folgende Trotzreaktion, die nötige Aufmerksamkeit seines Umfeldes zu bekommen. Diese Trotzreaktionen treten jedoch nicht bei allen Kindern in diesem Alter auf.“

Und so sieht die Realität aus:

Es ist tiefe Nacht. Draussen schneit es. Alles ist still, kein Geräsuch dringt durchs Babyphon, im Elternschlafzimmer schnarchen „Meiner“ und das Prinzchen und auch ich schlafe tief – ohne zu schnarchen, wohlverstanden. Gegen drei Uhr morgens ist es vorbei mit der Ruhe. Das Prinzchen brüllt. Lieb, wie wir Eltern nun mal sind, wechseln wir dem Kind die Windeln, geben ihm eine warme Milch, ziehen ihm die Spieldose auf, geben ihm hundertmal den Schnuller und das Schmusetuch. Und das Prinzchen brüllt weiter. Also machen wir Licht. Vielleicht hat er ja etwas, was man im Dunkeln nicht erkennen kann. Kaum ist es hell, greift das Prinzchen nach einem Spielzeug und gurrt vergnügt vor sich hin. Schön, das Kind hat etwas gefunden, also schnell das Licht ausmachen und weiterschlafen.

Doch kaum ist es wieder dunkel, geht das Gebrüll wieder los. Licht an – Prinzchen gurrt. Licht aus – Prinzchen brüllt. Licht wieder an – Prinzchen strahlt, streckt mir die Ärmchen entgegen und ruft „use!“ Die bösen Eltern sagen nein, machen das Licht aus – Prinzchen bekommt einen frühkindlichen Tobsuchtanfall. Wie lange das so hin und her geht, weiss ich nicht mehr, aber es erscheint mir endlos. Und wie ich so dem wütenden Gebrüll unseres Jüngsten lausche und mir vor dem Morgen graut – zumal es ein Montagmorgen ist -, dämmert mir langsam, dass da die erste Trotzphase im Anzug ist. Und zwar genau so, wie sie im Buche steht. Bloss, dass das Prinzchen, würde er sich an die Vorschriften halten, noch damit noch zuwarten würde, bis er 1,5 Jahre alt ist.

Eingewickelt

Wenn eine zufriedene, nicht gestresste Mama Venditti an einem Samstagmittag alleine mit einem gut gelaunten Karlsson unterwegs ist, kann es vorkommen, dass Mama Venditti Dinge kauft, die sie sonst nie kauft. Und das geht so: Man achte darauf, dass Mama Venditti genügend Zeit hat und einen Kontostand, der höher ist als erwartet. Dann schicke man die beiden in eine grosse Migrosfiliale und sorge dafür, dass Mama und Sohn am Degustations-Stand für Corn Flakes vorbeikommen. Und dann geschieht Folgendes:

Corn Flakes-Dame zu Karlsson: „Möchtest du etwas probieren?“

Karlsson murmelt etwas und nickt.

CF- D: „Von welchen möchtest du probieren?“

Karlsson zeigt auf die Vollkornflocken mit den Feigenstückchen.

CF-D warnt: „Die haben aber keine Schokolade drin. Das sind Vollkornflocken.“

K: „Ich möchte aber die.“

Mama Venditti, mit stolzem Unterton: „Er ist sich gewöhnt, Vollkornflocken zu essen. „

CF-D: „Das ist aber erstaunlich. Die meisten Kinder meinen, das seien Schoko-Corn Flakes, weil sie so dunkel sind. Und dann sind sie enttäuscht, weil sie nicht süss sind.“

Karlsson mampft mit Genuss seine Corn Flakes und strahlt übers ganze Gesicht: „Die sind sooooo gut.“

Schön, dass Karlsson seinen Gratis-Snack genossen hat, aber Mama Venditti möchte jetzt weitergehen.

CF-D zu Mama Venditti: „Die haben viele Ballaststoffe, kaum Fett, wenig Zucker und sie regen die Verdauung an.“

M V denkt: Bla bla bla. Das weiss ich alles schon. Aber deswegen kaufe ich das überteuerte Zeug dennoch nicht. So leicht lasse ich mir nichts aufschwatzen.
und sagt, um zu unterstreichen, dass Karlsson kein Kind von der Stange ist: „Magst du die Corn Flakes, Karlsson? Sind sie besser als die Vollkornflocken, die wir sonst immer zu Hause haben?“

Karlsson nickt. Mama Venditti will jetzt wirklich weitergehen. Die Corn Flakes kann sie je bei Gelegenheit mal kaufen, aber jetzt steht gerade eine neue grosse Schachtel zu Hause in der Vorratskammer.

CF-D: „Das ist ja ganz erstaunlich. Ein Kind das so gerne Vollkornflocken mag! Ich finde auch, dass man gesünder essen sollte. Aber dass die Kinder da mitmachen, kommt ja ganz selten vor. Das sieht man wirklich nicht alle Tage.“

Und schon legt Mama Venditti ein Schachtel Vollkornflocken mit wenig Fett, wenig Zucker und noch weniger Feigenstückchen in den Einkaufswagen und bezahlt viele Franken dafür. So eine nette Dame, die sofort erkennt, welch besonderes Kind der Karlsson ist, verkauft bestimmt besonders gute Corn Flakes. Nicht wahr?

Es wird heller

Luise, der Zoowärter und das Prinzchen sitzen in der Badewanne. Das Prinzchen patscht mit den Händchen im Wasser, die beiden Grossen tun es ihm gleich. Fröhliches Quietschen, ein paar Spritzer, die daneben gehen. Im Hintergrund erzählt Trudi Gerster in voller Lautstärke und mit viel Grunzen und Prusten die Geschichte von der Schneekönigin. Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat das Sofa in die Mitte des Raumes geschoben, damit er sich dahinter ein gemütliches Nest schaffen konnte. Irgendwo hört man Karlsson aus voller Kehle singen. Ich sitze inmitten des Chaos und freue mich meines chaotischen Lebens. Und dies, obschon „Meiner“ den Samstagvormittag in der Schule verbringt, um mit den Eltern Gespräche zu führen und zwar am Ende einer Woche, die vollgepackt war mit Gesprächsterminen, was bedeutet, dass ich für einmal fast alleinerziehend war.

Wie ich so dasitze, völlig entspannt,  wird mir plötzlich bewusst, dass etwas anders geworden ist. Es ist noch kein Jahr her, da wäre eine solche Szene unmöglich gewesen. Das alles hätte mich komplett überfordert: Spritzer auf dem Badezimmerboden, herumgeschobene Möbel, Lärm. Die Kinder in der Badewanne, wenn „Meiner“ weg ist? Kommt nicht in Frage, das schaffe ich nicht. Zu viel Chaos. Zu viele Möglichkeiten, dass etwas schief gehen könnte und ich am Ende des Vormittags ein heulendes Wrack wäre. Ein Samstagmorgen ohne „Meinen“ und ich jammere nicht lauthals darüber, dass ich wieder den Laden alleine schmeissen muss? Vor Kurzem noch unmöglich. Zu dicht balancierte ich am Abgrund, als dass ich die Kraft aufgebracht hätte, mich noch ein paar Stunden länger zusammenzureissen. Märchen-CD in voller Lautstärke? Nicht bei uns. Okay, Trudi Gerster liebte ich, im Gegensatz zu Pingu und Papa Moll, schon immer. Aber es gab da eine Zeit, da mochte ich nicht mal ihrem Schnauben, Grunzen und Quietschen zuhören. Zu gross der Lärm der düsteren Gedanken in meinem Kopf, als dass ich noch mehr hätte ertragen können.

So ganz langsam scheine ich wieder festen Boden unter den Füssen zu bekommen. Schritt für Schritt nähere ich mich der Person an, die ich ursprünglich mal gewesen bin: Unbeschwert, optimistisch, bereit, den Stier bei den Hörnern zu packen anstatt verschüchtert in der Ecke zu kauern. Und inzwischen wage ich gar zu hoffen, dass eines Tages, in nicht allzu ferner Zukunft, die Kinder nicht mehr so oft leise und brav sein müssen, weil ihre Mama sonst mit ihrer Lebendigkeit überfordert ist.

0

Superbaby in Training

Das Prinzchen hat Grosses vor. Das wissen wir seit heute Nacht. Irgendwann, gegen vier Uhr war es, beschloss er, dass er jetzt nicht mehr schlafen wollte. Der Grund war keine volle Windel. Auch nicht das Zahnen. Und schon gar nicht der Hunger. „Meiner“ und ich nahmen das Kerlchen aus dem Bett, um ihn besser abchecken zu können. Aber wir fanden nichts. Also beschlossen wir, ihn wieder in seinen Schlafsack zu stecken. Kaum war er drin, schwellte er seine Brust, neigte sich nach hinten und zwar so lange, bis der Druckknopf aufsprang und er sich heldenhaft aus dem Ding befreien konnte. Er sah aus wie Clark Kent, wenn er sich zum Superman wandelt. Im Halbschlaf dachten wir zuerst, das sei Zufall gewesen. Doch nach dem zweiten, dritten, ja, vierten Versuch war uns klar: Das Prinzchen trainiert für seine Karriere als Superbaby. Die Superman-Pose zum eindrücklichen Entledigen der bürgerlichen Kleidung beherrscht er mitunter perfekt. Der nächste Schritt wird dann wohl das Fliegen sein.

Würde mich nicht verwundern, wenn ich heute Nacht wach werde, weil unser Jüngster um die Lampe kreist.

Vorfreudensorgen

So langsam beginne ich, nervös zu werden. Denn jetzt, wo des Zoowärters Geburtstag vorbei ist und er heult, weil er  noch einmal feiern möchte, ist der nächste wichtige Termin der 1. Februar, der Tag, an dem ich für vier Tage alleine verreise. Und zwar zum ersten Mal, seitdem ich vor fünfzehn Jahren vier Tage in Israel war. Aber da war ich ja eigentlich auch nicht alleine, da war ich unterwegs mit einer Horde kettenrauchender Reisebüroangestellten, die sich vier Tage lang über Astrologie unterhielten, während ich im Stillen zur Überzeugung gelangte, dass ich da nicht hinpasste und mich, kaum war ich wieder zu Hause, an der Uni einschrieb. Und seither war ich nie mehr alleine weg. Entweder interrailte ich mit „Meinem“ durch Osteuropa, sah mir mit „Meinem“ und Karlsson Englands Gärten an oder verbrachte mit meiner ganzen Horde All-Inclusive-Ferien im Kinderhotel in Österreich, etwas, was ich mir in grauer Vorkinderzeiten geschworen hatte, nie im Leben zu tun.

Und jetzt, wo ich die Gelegenheit habe, für ein paar Tage ganz alleine für mich zu sein, packt mich die Panik. Was soll ich bloss so lange mit mir ganz alleine anfangen? Und wie sollen die zu Hause bloss ohne den Hausdrachen auskommen, der ihnen sagt, was sie tun und lassen sollen? Und haben die im Ländli einen Internetanschluss, damit ich auch dort bloggen kann? Denn wenn ich Ruhe habe, beginnt mein Kopf wie verrückt zu schreiben und wenn ich das Zeug nicht loswerden kann, drehe ich fast durch. Was, wenn ich abends im Bett Angst bekomme? Oder wenn ich vor lauter Heimweh krank werde? Letztes Jahr, als mich „Meiner“ ins Ländli geschickt hatte, hatte ich wenigstens noch das Prinzchen dabei, das damals noch verhungert wäre ohne die Mama. Ihn konnte ich an mich drücken, wenn ich Karlsson, Luise, den FeuerwehrRitterRömerPiraten, den Zoowärter und „Meinen“ zu sehr vermisste. Aber diesmal werde ich mutterseelenallein sein und ich habe keine Ahnung, wie ich das überstehen werde. Zumal ich diesmal nicht mehr so tief in meinem schwarzen Loch sitze wie noch vor einem Jahr, was zwar schön ist, aber auch bedeutet, dass ich meine Umwelt nicht mehr so verschwommen wahrnehme und mich deshalb auch viel öfter frage, was wohl die Leute von mir denken.

Ja, jetzt, wo der erste Februar näher rückt, weiss ich gar nicht mehr, ob ich denn tatsächlich alleine sein will. Klar, ich freue mich auf die Ruhe. Ich bin gespannt darauf, was diese Ruhe in mir auslösen wird. Ich frage mich, ob mir in der Stille neue Ideen für weitere Projekte im Sinne der trockenen Tinte kommen werden. Ich freue mich auch auf die ungestörten Nächte – so ich denn überhaupt schlafen kann ohne das ruhige Atmen des Prinzchens und das Schnarchen von „Meinem“ zu hören. Ich kann es auch kaum erwarten, mal wieder in einer Sauna zu sitzen und ein paar Längen zu schwimmen. Wenn ich an all dies denke, dann platze ich fast vor Vorfreude. Und werde fast wahnsinnig vor lauter Angst…

Danke, Pooh Bär

Nein, so richtig gut ist er nicht in seinen dritten Geburtstag gestartet, der Zoowärter. Dabei eröffnet einem der dritte Geburtstag doch Welten, die bis anhin verschlossen waren. Von einem Tag auf den andern darf man den Hinweis, der einem bis anhin das Leben erschwert hat, ignorieren: „Für Kinder unter 3 Jahren nicht geeignet, da Kleinteile verschluckt werden können – Erstickungsgefahr!“ Okay, der Zoowärter hat den Hinweis auch schon vorher ignoriert. Wie soll man nicht, wenn die grossen Geschwister so tolle Spielsachen haben? Das ist so ähnlich wie bei den Teenagern, die Alkohol trinken, obschon sie noch nicht sechzehn sind. Die besorgen sich die verbotene Ware ja auch meist via ältere Freunde.

Ab heute also darf der Zoowärter völlig legal mit allem spielen, was nur für Kinder über drei Jahren geeignet ist und da sollte man doch erwarten, dass das Kind fröhlich aus dem Bett springt. Tut er aber nicht. Kaum ist er fünf Minuten wach, heult er los. Er will einen roten Farmerstengel, die Mama hat aber nur braune gekauft. (Für Nicht-Schweizer und Nicht-Migroskunden: Farmerstengel sind die Getreideriegel der Migros und ja, ich weiss, dass man Stengel heutzutage mit ä schreibt, aber dieses kleine Stück Rückständigkeit gönne ich mir.) Der Zoowärter ist am Boden zerstört. Das also ist der Geburtstag, von dem alle seit Wochen geredet haben: Ein blöder grauer Tag, der damit anfängt, dass Mama die falschen Farmerstengel gekauft hat. Und dann isst die blöde Mama die letzte Griesscreme aus den Kühlschrank weg. Und dann wird man von den grossen Geschwistern auch noch mit all dem Ramsch überhäuft, den sie nicht mehr gebrauchen können, weil sie schon lange nicht mehr drei sind. Und diese Leute behaupten, sie würden einen lieben?

Zum Glück gibt es den gelben Helden mit dem roten T-Shirt. Zuerst eilt er dem Zoowärter in Form eines Kuchens zu Hilfe, dann an den Trinkhalmen, auf den Plastikbechern und Kartontellern. Schliesslich auch noch als Schlüsselanhänger, als Gurt, auf der Tasse und als Spiel. Pooh der Bär zaubert das Strahlen zurück ins Gesicht des Zoowärters, sorgt dafür, dass der Kleine für den Rest des Tages „Pooh Bär, wir mögen dich sehr, Rumpedi bumpedi, kommt er daher…“ vor sich hin trällert und sich von seiner Familie wieder so geliebt fühlt, wie er auch geliebt wird.

Puh! Der Geburtstag ist gerettet. Danke, Pooh!

Na ja

Die vielen Komplimente gestern haben mich wohl etwas übermütig gemacht. So sehr, dass ich glaubte, beweisen zu müssen, dass noch mehr perfekte Hausfrau – oder Albtraum aller Mütter, wie andere dies nennen ;-),- in mir steckt. Und so sieht das Resultat aus:

Na ja. Es könnte schlimmer sein. Immerhin hat der Zoowärter seine Geburtstagskuchen als Winnie the Pooh erkannt. Die Farben haben es wohl verraten. Aber meine Träume, dass ich irgendwann auf der Hausfrauen-Karriereleiter steigen werde, begrabe ich wohl besser wieder. Ist wohl doch nichts für mich.

Wenn man bedenkt, ….

… dass ich gestern vor lauter Bloggen beinahe vergessen hätte, dem Zoowärter eine Geburtstagstorte für die Spielgruppe zu backen,

dass ich um elf Uhr abends alle Zutaten, die das Pech hatten, mir über den Weg zu laufen, zusammengemixt habe,

dass ich den Kuchen dann nachts um halb eins aus dem Ofen gezogen habe,

dass ich heute früh gemerkt habe, dass Glasur rosarot wird, wenn man den Puderzucker mit Blutorangensaft mischt,

dass ich, weil der Kuchen jetzt schweinchenrosa war, spontan entschieden habe, eine Piglet-Torte daraus zu machen,

dass ich zwischen Frühstück servieren, Geschirrspüler ausräumen und Windeln wechseln im Internet schnell nach einem Piglet-Bild gesucht habe und das Tier dann aus Marzipan, den ich zufällig noch vorrätig hatte, ausgeschnitten habe,

dass ich dann sogar noch drei Kerzen aufgetrieben habe, obschon ich vergessen hatte, welche zu kaufen,

dass Karlsson findet, er möchte an seinem nächsten Geburtstag auch so eine Torte haben, einfach nicht mit einem Piglet drauf, und ihr wisst ja, Karlsson ist anspruchsvoll,

dass ich pünktlich um neun Uhr mit einem glücklichen Zoowärter und einer fast perfekten Piglet-Torte in Schweinchenrosa in der Spielgruppe aufkreuzte,

dass den  Kindern die Torte ganz offensichtlich geschmeckt hat,

dann müsste man zum Schluss kommen, dass ich doch nicht eine vollkommen missratene Hausfrau bin. Und dann klopfe ich mir für einmal voller Stolz auf die Schulter, auch wenn ich bezüglich perfekte Hausfrau nicht allzu grosse Ambitionen hege. Wenn man aber bedenkt, dass ich ausgerechnet an dem Tag, an dem ich einmal beweisen könnte, dass trotz allem tief in meinem Inneren eine perfekte Hausfrau schlummert, wenn ich genau an diesem Tag die Kamera nicht finden kann, um ein Bild meines Prachtsexemplars zu schiessen, dann ist das doch einfach eine Gemeinheit. Wenn es Misserfolge zu dokumentieren gibt, dann ist sie immer zur Stelle, die Kamera, aber kaum gibt es mal einen Erfolg zu vermelden, macht sie sich aus dem Staub, das fiese Ding. Und darum habe ich, nachdem die Torte gegessen und die Kamera wieder gefunden war,  ganz schnell ein neues Piglet gebastelt, um der Welt zu zeigen, dass auch ein blindes Huhn manchmal ein Körnchen findet.

Stark?

Nein, als unehrlich würde ich uns Mamas wirklich nicht bezeichnen. Da kann und will ich dem Herrn Novotny nicht Recht geben. Aber manchmal frage ich mich schon, weshalb wir Mamas untereinander nicht offener darüber reden, wie es uns wirklich geht. Dass wir zwar unser Kinder über alles lieben und sie nie wieder hergeben würden, dass wir uns aber das Leben als Mutter in einer Gesellschaft, in der angeblich alles möglich ist, etwas anders vorgestellt hatten. Warum muss ich erst ziemlich viel von meinem inneren Elend preisgeben, bis ich endlich erfahre, dass zig Frauen in meinem Umfeld ebenfalls darunter leiden, dass sie intellektuell verkümmern? Warum erzählt man mir erst dann von Zusammenbrüchen, wenn ich offen dazu stehe, dass mir vor drei Jahren alles zu viel wurde und ich nicht mehr wusste, wer ich war und ob ich je wieder glücklich sein könnte? Warum erfahre ich erst im Wartezimmer bei der Psychiaterin, dass Frauen aus meinem Bekanntenkreis mit genau den selben Problemen zu kämpfen haben wie ich? Warum haben wir Mütter so unglaublich viel Angst davor, zu gestehen, dass trautes Heim nicht Glück allein ist? Warum können wir lauthals über Kopfschmerzen jammern, verschweigen aber zugleich, dass es uns woanders viel mehr weh tut?

Wo doch die Depression schon fast so selbstverständlich zur Mutterschaft gehört wie die Schwangerschaftsstreifen und die dunklen Augenringe. Wo doch fast alle Mütter im Laufe ihrer Karriere mindestens einmal an die Grenze ihrer Kräfte kommen. Doch anstatt einander ungeniert das Herz auszuschütten geben wir uns stark, zeigen nicht, wie sehr es uns belastet, dass wir nicht die Bilderbuchmama sind, die wir hätten sein wollen. Reden nicht darüber, wie unfähig wir uns fühlen, zugleich Hausfrau, Berufstätige und Mutter zu sein. Klar, wir klönen gerne über unsere Wäscheberge und durchwachten Nächte. Aber seien wir doch ehrlich: Das ist es nicht, was uns fertig macht; es ist nicht das, was viele von uns in die Depression treibt. Es ist dieses unerreichbare Ideal der stets glücklichen, stets liebevollen, stets organisierten, stets besonnenen Mama, das uns unglücklich macht. Es ist die Illusion, dass alle anderen Mamas ihre Sache im Griff haben, dass ich die Einzige bin, die nichts auf die Reihe kriegt. Es ist das sture Festhalten an dem Irrglauben, dass all die anderen es schaffen, moderne Powerfrauen zu sein, während ich selber vor lauter Überforderung nur noch heulen könnte. Es ist das Bild der perfekten Frau, die es zwar nie gegeben hat, die aber so lange auf dem Sockel stand, dass sie noch immer, tief in uns drinnen, das Mass aller Dinge ist, auch wenn wir dies nicht wahr haben wollen.

Vielleicht ist es eine gewagte Behauptung, aber ich mache sie dennoch: Würden wir Mamas ebenso offen über  unsere tiefen Nöte reden, wie wir über volle Windeln und eitrige Mittelohrentzündungen reden, es würde uns nicht so schwer fallen, das Leben mit den wunderbarsten Geschöpfen auf diesem Planeten zu geniessen. Und es würden wohl auch nicht so viele von uns beim Psychiater landen. Würden wir auch mal hemmungslos losheulen, wenn uns danach ist, anstatt gequält zu lächeln, wir hätten wohl auf lange Sicht mehr zu lachen. Würden wir früher um Hilfe rufen, wir wären die weitaus stärkeren Frauen als wir es sind, wenn wir stets auf die Zähne beissen und bis an den Rand der Erschöpfung und darüber hinaus die starke Frau markieren.