Dann eben nicht

Noch keine zehn Minuten aus dem Haus, und schon merke ich, dass ich etwas vergessen habe. Das erste Mal in meinem Leben bin ich kinderlos unterwegs zu einem Ort mit Wellness-Oase und was muss ich zu Hause vergessen? Das Badekleid natürlich. Ich hätte ja auch die Haarbürste vergessen können. Oder die Zahnpaste. Oder im schlimmsten Fall auch das Kuschelkissen. Aber doch nicht das Badekleid!

Was tun? Noch einmal nach Hause gehen, kommt nicht in Frage, denn bald kommt Luise von der Schule nach Hause. Es ist ja keineswegs so, dass ich Luise nicht liebend gerne sehe. Aber ich will ihr eine zweite Abschiedsszene ersparen, wo ihr  (und mir) doch die erste schon so sehr zu Herzen gegangen war. Also nehme ich wie geplant den Zug nach Zürich und mache mich dort auf die Suche nach einem Badekleid. Und das mitten im Winter. Nun ja, irgendwie muss man sich das Leben spannend gestalten.

Als Erstes probierte ich es im Sportgeschäft am Hauptbahnhof. Da gibt es, zwischen Skijacken und Schneeschuhen tatsächlich Badekleider. Und zwar Oma-Badekleider, das Stück für nur 179 Franken. Okay, so viel ist mir die Wellness-Oase dann auch wieder nicht Wert. Also auf in die Sadt zu C & A. Dort aber herrscht noch tiefster Winter. So irre ich schon bald durch die Sportabteilung von Manor. Fragen traue ich mich nicht. Ich will ja nicht, dass die mich in die psyhiatrische Klinik einliefern. In einem abgelegenen Winkel werde ich schliesslich fündig. Zwischen überteuerten Adidas-Schwimmanzügen und Speedo-Bikinis finde ich den hässlichsten Bikini, den man je gesehen hat, – braun mit gepolstertem BH und Plastikperlen am Träger, – für nur 14 Franken. Einen Bikini habe ich zum letzten Mal im zarten Alter von vier Jahren getragen. Es gibt sogar noch ein Bild davon. Als Beweis, dass ich schon damals fürchterlich aussah im Bikini.

Doch die Wellness-Oase lockt und deshalb erstehe ich das hässliche Ding. Für drei Tage werde ich wohl einen Bikini tragen können. Es kennt mich ja Keiner hier im Ländli. Und unter den vielen älteren Damen, die in dieser Jahreszeit das Hauptpublikum ausmachen, werde ich trotz meinen Speckröllchen noch jung und knackig aussehen. Besser als ein überteuerter Oma-Anzug oder gar nicht baden ist das hässliche Teil allemal.

So dachte ich, bis ich, kaum in meinem Zimmer angekommen, in das Ding schlüpfte und feststellte, dass das gar kein Bikini ist, sondern einer jener potthässlichen Anzüge, die zwischen Höschen und BH einen jener abscheulichen Streifen haben, die jede Frau, die nicht Topmodelmasse hat, wie einen gestrandeten Wal, der probiert, auf sexy zu machen, aussehen lässt.

Okay, dann bade ich eben doch nicht. Aber es gibt ja hier auch noch eine Sauna.

Der perfekte Hausmann schlägt zu

Noch bin ich nicht weg, da beginnt „Meiner“ schon, mir zu zeigen, wie man es schafft, nicht im Chaos zu landen. Hüpft morgens um Viertel nach sechs fröhlich aus dem Bett und steht Minuten später frisch geduscht und angezogen da und beginnt, Wäsche wegzuräumen – „Nachher habe ich ja keine Zeit mehr dazu“ – und die Waschmaschine zu entstopfen.

Alles, was ich dazu sagen kann: Streber!

Letzte Vorbereitungen

So langsam mache ich mich bereit, abzureisen. Die Tasche ist zwar noch nicht gepackt, aber immerhin habe ich mich inzwischen damit abgefunden, dass ich keine Ausrede habe, zu Hause zu bleiben. Nun, eigentlich will ich ja gar nicht zu Hause bleiben, ich freue mich ja auf die vier freien Tage. Irgendwie. Und irgendwie freue ich mich eben auch nicht. Aber bis jetzt haben einzig meine Mutter und eine Freundin, die selber Mutter von sechs Kindern ist, verstanden, weshalb meine Gefühle derart gespalten sind.

Nun, wie dem auch sei: Morgen reise ich ab. Vielleicht schon um Viertel nach zehn, vielleicht auch erst eine Stunde später. Oder vielleicht bleibe ich auch bis nach dem Mittagessen. Denn es zerreist mir fast das Herz, wenn ich Luise weinen höre, weil sie mich bereits im Voraus vermisst. Und dann kann ich „Meinen“ doch unmöglich im Montagmorgen-Chaos alleine lassen. Oder kann ich?

Vorbereitet habe ich ja alles. Am Küchenschrank hängt eine Liste mit allen wichtigen Dingen, die es in den nächsten Tagen zu beachten gibt. Wer zu welcher Zeit womit ausgerüstet an welchem Ort sein muss, welches Tageskind wann zum Mittagessen kommt und was diese auf keinen Fall essen, wann die leere Biokiste raus und die volle rein muss und dergleichen. Alles bis ins kleinste Detail aufgeschrieben. Und das alles hat Platz auf einer mickrigen A4-Seite.  Leiste ich wirklich so wenig, dass mein Alltag auf einer A4-Seite Platz hat? Die paar wenigen Fixpunkte am Tag kann sich jeder, der einigermassen zuverlässig ist, merken. Also muss es an dem, was zwischen den Fixpunkten sattfindet liegen, dass ich abends jeweils auf dem Zahnfleisch gehe. Das Unvorhersehbare, das Überraschende, das sich Überschneidende wird es also sein, was mich immer wieder dazu bringt, den Überblick zu verlieren und lauthals zu brüllen vor lauter Frust.

Oder bilde ich mir am Ende das alles bloss ein? Ist mein Alltag tatsächlich nicht komplizierter als er auf dem Papier aussieht? Bin vielleicht ich das Problem? Ich weiss es nicht. Noch nicht. In vier Tagen wird mir „Meiner“ sagen können, ob es für ihn auch so war, wie es für mich ist. Und somit habe ich eine neue Angst, die ich hegen und pflegen kann: Was, wenn „Meiner“ am Donnerstag findet, die vier Tage seien ein Spaziergang gewesen und er könne nicht verstehen, weshalb ich jeweils so laut jammere über mein Dasein als Hausfrau?

Ja, was dann? Na, ist doch klar: Dann kann er für die nächsten zehn Jahre den Laden schmeissen. Bloss wie ich ihn dazu bringe, in dieser Zeit auch noch fünfmal schwanger zu sein, weiss ich noch nicht. Denn ohne die Schwangerschaften erlebt er das wahre Hausfraundmutter-Feeling nie. Aber ich habe ja vier Tage Zeit zum darüber nachdenken…

Ätsch!

Eigentlich hatte ich gedacht, dass Schwiegermama sich jetzt endlich damit abgefunden hat, dass ihr einziger Sohn die falsche Frau geheiratet hat. Anfangs war sie nämlich gar nicht begeistert von seiner Wahl, weil ich a) viel zu klein, b) zu schweizerisch und c) zu wenig katholisch und zu sehr protestantisch war. Ich wiederum war entrüstet, dass sie die Tulpen, die meine Mutter mir mitgegeben hatte, achtlos liegen liess. An unserer Hochzeit schaute sie drein, als befinde sie sich auf einer Beerdigung und als sie das erste Mal  bei uns ass, rief sie nachher „Meinen“ an um ihm mitzuteilen, dass mein Risotto ungeniessbar gewesen sei. Als schliesslich Karlsson geboren wurde, wurde die Sache noch schwieriger. Sie wollte ihr erstes Enkelkind so oft wie möglich sehen, was ich mit allen Mitteln zu verhindern suchte, weil ich mich bei jedem Besuch fühlte wie Rapunzels Mutter, die ihr Kind nicht der bösen Hexe überlassen wollte. Nicht, dass meine Schwiegermama eine Hexe wäre, aber man weiss ja, wie Schwiegermamas und Schwiegertöchter zuweilen voneinander denken.

In letzter Zeit hat sich unsere Beziehung aber normalisiert und meistens habe  ich das Gefühl dass sie für mich eine Frau geworden ist wie jede andere. Bis heute Morgen „Meiner“ zwei Nachthemden anschleppte, die Schwiegermama noch nie getragen hat und die sie, weil sie ihr zu klein  sind, an mich weitergereicht hat. Was in Schwiegertochters Augen einer Kampfansage gleichkommt. Wie, ihr versteht nicht, warum das eine Kampfansage sein soll? Ja, wisst ihr denn nicht, was Schwiegermamas mit solchen Schachzügen bezwecken wollen? Es ist doch sonnenklar: Die Frau will, dass „Meiner“ aus dem Ehebett auszieht. Denn welcher Mann würde schon mit einer Frau im gleichen Bett schlafen wollen, wenn sie aussieht wie seine Mutter? Nun, ich lasse mich nicht auf das Spielchen ein. „Meiner“ bleibt im Ehebett und die Nachthemden wandern in die Verkleidungskiste. Ätsch!

Und plötzlich steckst du mittendrin

Ein gesellschaftlicher Missstand, der dich seit Jahren beschäftigt, ein paar tiefschürfende Gespräche mit Menschen, die sich ähnliche Gedanken machen wie du, ein paar gute Ideen und ein paar Einblicke ins Leben von Menschen, die es nicht so gut haben wie du. Das ist alles, was es braucht, um das Karussell deiner Gedanken in Gang zu setzen. Dann noch eine Sitzung, an der klar wird, dass aus den Träumen und Ideen ein handfestes Projekt werden könnte und schon steckst du mittendrin. Zerbrichst dir den Kopf, wie man die Sache angehen könnte, suchst nach geeigneten Leuten, die dir dabei helfen könnten, die Idee voranzutreiben, entwirfst erste Grobkonzepte.

Bald schon beginnt das Telefon permanent zu klingeln. Die Leute haben Fragen, weitere Ideen, Wünsche. Zwei, dreimal täglich hängst du am Draht wegen der Sache und dabei hast du offiziell noch gar nicht angefangen mit der Arbeit. In den Gesprächen wird dir klar, dass du da noch einige Wissenslücken hast, dass du dir Grundlagen erarbeiten musst, wenn du das Projekt voranbringen willst. Dass du ein paar Kniffe kennen musst, wenn das Ding nicht zum Vornherein zum Scheitern verurteilt sein soll. Und schon hast du dich für einen zwölfmonatigen Fernkurs eingeschrieben und überlegst dir gar, ob du die freien Tage im Ländli zum Lernen einsetzen sollst.

Die Sache macht dir unglaublich viel Spass. Endlich mal etwas anderes als Abfallsäcke die Treppe runter schleppen und volle Einkaufstaschen wieder hoch schleppen. Endlich mal etwas, was zumindest einen Hauch von Professionalität in dein sonst so chaotisches Leben bringt. Das alles gibt dir so viel Auftrieb, dass dir nicht bewusst wird, dass die gute Sache einen kleinen, aber bedeutenden Haken hat, dass du dabei bist, etwas zu tun, was du nie mehr hattest tun wollen. Erst als dir „Deiner“ in den Hintern tritt, Freundinnen und Freunde dir ins Gewissen reden, dein Kontostand dich zum Grübeln bringt, wird dir bewusst, was da falsch ist: Du arbeitest mal wieder gratis. Für deinen Job als Familienfrau wirst du ja auch nicht entschädigt und was hast du denn schon vorzuweisen, was sich mit Geld aufwiegen liesse? Als ob die Kinder vom Idealismus der Mama satt würden. Als ob sich die Bankzinsen mit der Befriedigung, die du aus der Arbeit ziehst, abzahlen liessen. Als ob du die Frühlingsschuhe für die Familie mit deiner Begeisterung bezahlen könntest.

Ach, du dumme Mama!

Nicht mein Tag

Eine Stunde zu früh erwachen, Pfütze im Bad aufwischen, die der FeuerwehrRitterRömerPirat beim Duschen hinterlassen hat und mich dabei fragen, weshalb ich so blöd gewesen war, auf „Meinen“ zu hören, als er neulich in der Ikea behauptet hatte, wir bräuchten keinen zweiten Duschvorhang, wo ich doch ganz genau wusste, dass wir einen brauchen, weil meistens ich die Sauerei aufwische (bin ja auch mehr zu Hause), FeuwerwehrRitterRömerPirat aus dem Haus jagen, weil er sich weigert, ohne Zoff mit Mama das Haus zu verlassen, Prinzchen verteilt hundert  Strohhalme auf dem schmutzigen Fussboden, ein verschollener Winterstiefel ausgerechnet an dem einen Tag im Jahr, wo man beide gebraucht hätte, zu spät aus dem Haus in Mutters zu grossen Winterstiefeln, im Auto zwei übermüdete Jungs und ein überteuerter Blumenstrauss für Schwiegermama, die im Spital liegt, zehn Minuten warten vor der Zimmertür, weil die Ärzte nicht in Anwesenheit der Schwiegertochter mit Schwiegermama reden wollen, zwei inzwischen nicht bloss übermüdete, sondern auch überhitzte und überdrehte Jungs, die in Schwiegermamas Zimmer unbedingt jetzt sofort ein warmes und darum flüssiges Bananenjoghurt essen wollen, viel zu spät nach Hause, wo Mutter zum Glück schon Trüffelravioli (Trüffel? An einem Donnerstag?) gekocht hat, schnell noch Spaghetti kochen, weil das Tageskind keine Trüffel mag, Streit schlichten, weil der Zoowärter vier Mini-Cornets verdrückt hat, während alle anderen nur drei hatten, Streit schlichten, weil Tageskind 1 und Tageskind 2 aneinander geraten sind, Strohhalme endlich zusammenlesen, Küche wieder halbwegs sauber machen, damit die Kinder wieder genügend saubere Fläche haben, die sie mit Joghurt verschmieren können, erster Versuch, eine Pause einzulegen und zwar mangels ansprechender Lektüre mit irgend einem Schinken von Susan Wiggs, den ich von einer Fremden geschenkt bekommen habe, Versuch scheitert, weil Zoowärter und FeuerwehrRitterRämerPirat einen Kampf mit teuren Pfannendeckeln austragen, zehn Minuten bloggen und dabei hundertmal unterbrochen werden, erneuter Versuch, eine Pause einzulegen, wieder mit dieser unsäglichen Susan Wiggs, zweiter Versuch scheitert, weil Luise die Haare fürs Ballett zusammengebunden haben will, Luise einschärfen, dass sie nie, aber auch gar nie Vollzeithausfrau werden soll, Mutter, ja, aber nicht Vollzeithausfrau, verstanden?, ein letzter Versuch, eine Pause einzuschalten, wieder gescheitert, weil die Krankenkassen schon wieder auf Kundenfang sind, obschon wir noch keinen Monat bei der neuen Kasse versichert sind und weil unser Telefon mit Rufnummererkennung kaputt ist, war ich so blöd, den Anruf entgegenzunehmen (hätte ja etwas Wichtiges sein können, zum Beispiel eine Anfrage, ob ich die nächste Bundespräsidentin werden möchte oder so), Weissleim von Esstisch, Fussboden und Sitzbank entfernen und dazu Luise und den FeuerwehrRitterRömerPiraten daran erinnern, dass wir immer eine Zeitung unterlegen beim Basteln (oder am liebsten gar nicht basteln), Schwarzwurzeln rüsten und zwar so, dass alle noch halbwegs sauberen Wände mit schwarzen Spritzern verziert sind, vier Söhne bei Mutter deponieren um eine Tochter inklusive Freundin vom Ballett abzuholen und zwar in offenen Stöckelschuhen durch den doch ziemlich tiefen Schnee, weil sich inzwischen auch noch der zweite Winterstiefel aus dem Staub gemacht hat, nach Hause die Schwarzwurzeln fertig rüsten und den Krautstiel dazu und dazwischen immer wieder Streit schlichten, aus voller Kehle „Ruhe!“ brüllen, bis der Hals kratzt, dazwischen ein paar Sätze Susan Wiggs, weil die Realität inzwischen noch anstrengender ist als das ewige Gesülze im Roman, „Meinen“ begrüssen und eine Diskussion vom Stapel reissen, einfach so, weil irgend einer ja den ganzen Frust des Tages abbekommen muss, essen und gleichzeitig verhindern, dass das Prinzchen die Küche in ein Schwarzwurzelfeld verwandelt – Dreck hätte es ja genug auf dem Boden, aber in gekochtem Zustand werden die Schwarzwurzeln ja wohl kaum Wurzeln schlagen, – den Zoowärter und den FeuerwehrRitterRömerPiraten ermahnen, weil sie alle Playmobil-Gebäude, die gestern so liebevoll aufgestellt worden waren, wieder eingerissen h aben, die frisch aufgeschäumte Milch verschütten und den Kaffee dazu und danach natürlich alles wieder aufwischen, Prinzchen im Bett versorgen, Zoowärter und FeuerwehrRitterRömerPirat im Bett versorgen, die Küche mit dem Hockdruckreiniger reinigen (zumindest in Gedanken, in der Realität blieb es bei Besen und Mikrofaser-Lappen), Luise und Karlsson ins Bett schicken, fertig aufräumen, kollabieren.

Und das alles ohne eine einzige Pause.

Mitten im Hundertmorgenwald…

… scheinen wir seit Neuestem zu leben. Dies zumindest schliesse ich aus der Tatsache, dass Winnie the Pooh bei uns ein- und ausgeht als wäre es die selbstverständliche Sache der Welt. Mal sitzt er auf dem Sofa und schaut sich Bilderbücher an, mal sitzt er am Tisch und schmiert sich Honig auf die Pfoten, mal kommt er mit mir einkaufen oder auf Spitalbesuch zur Schwiegermama. Und nachts schläft er beim FeuerwehrRitterRömerPiraten im Bett. Ein ganz netter Kerl, dieser Winnie the Pooh. Fröhlich und freundlich, ganz wie man sich ihn vorstellt. Einzig dass er manchmal das Prinzchen plagt, befremdet mich ein wenig. So etwas hätte ich von ihm nicht erwartet. Von mir aus kann er dennoch gerne bleiben, er bereichert unsere Familie ungemein.

Nur einen Haken hat die Sache: Seit Winnie da ist, ist der Zoowärter spurlos verschwunden. Wo der Kleine bloss stecken mag?

Luise, Mama und die Zahlen

Mama mag keine Zahlen. Hat sie noch nie gemocht. Zwar hat sie schon seit frühester Kindheit alles, was es zu zählen gab, beinahe zwanghaft gezählt. Aber sobald es darum ging, kleine Zahlen von grossen Zahlen abzuziehen oder grosse Zahlen durch kleine Zahlen zu teilen oder herauszufinden, was a plus b minus c gibt, sass Mama, die damals natürlich noch nicht Mama hiess, verzweifelt da und kämpfte mit den Aufgaben – und mit den Tränen. Gab es eine Prüfung zu schreiben, schrieb sie oben ihren Namen und das Datum hin und gab das Blatt leer ab. So leer wie das Blatt war auch ihr Kopf, zumindest, wenn es um Zahlen ging. Wenn es um historische Zusammenhänge, grammatikalische Strukturen, komplizierte Sätze und fremdsprachige Vokabeln ging, dann war ihr Kopf voll, aber bei den Zahlen war nichts als lauter Leere. Es gab Lehrer, die attestierten ihr Dummheit, andere empfahlen ihr einen Besuch beim Psychiater und Jahre später, als die Schule längst Vergangenheit war, erfuhr sie, dass man die „Dummheit“ auch Dyskalkulie hätte nennen können, aber dafür war es jetzt zu spät. Die Matur hatte sie ja trotzdem geschafft, weil sie nicht nur unterdurchschnittliche Begabungen hatte, sondern auch überdurchschnittliche. Und beides zusammen ergab ein mehr oder weniger durchschnittliches Resultat.

Luise mag ebenfalls keine Zahlen. Vielleicht mag sie die Zahlen noch weniger als Mama sie gemocht hatte. Luise will nicht zählen, schon gar nicht will sie eins und eins zusammenzählen. Sie will auch keine Zahlenhäuser bauen und  keine Zahlemauern. Doch weil Luise all dies trotzdem tun muss, kommt es regelmässig zum lautstarken Krach, wenn die Lehrerin will, dass Luise zu Hause rechnet. Zwar bemüht sich Mama nach Kräften, die schlechten Erfahrungen mit den Zahlen nicht an die Tochter weiterzugeben, aber kaum sieht sie das aufgeschlagene Zahlenbuch vor sich, schrumpft Mama auf die Grösse von Luise und auf einmal sitzen da zwei quengelnde kleine Mädchen am Tisch, die nicht rechnen wollen. Die kleine Luise tobt, weil ihr Kopf nicht erfassen kann, was er erfassen müsste; die kleine Mama tobt, weil sie in ihrem Kopf keine Erklärungen findet, mit denen sie der Tochter das Unverständliche verständlicher machen könnte. Und so werden die beiden immer nervöser, immer ungeduldiger, immer lauter. Bis der Papa die Szene betritt, das Heft in die Hand nimmt und die Sache so erklärt, dass nicht nur Luise den Knopf auftut, sondern auch Mama. Vielleicht lernt auf diese Weise nicht nur Luise die Zahlen lieben.

Wobei: Der Papa, der damals noch nicht Papa hiess, hat in Mama, die damals noch nicht Mama hiess, die Liebe zu den Zahlen schon im Gymnasium zu wecken versucht. Während die Liebe zu den Zahlen ausblieb, wurde die Liebe zum zukünftigen Papa umso grösser. Und so lernte Mama wenigstens, dass eins und eins unter gewissen Bedingungen fünf Kinder gibt.

Erkenntnisse

Auch mir geht manchmal ein Licht auf. Hier ein paar wirklich wichtige Erkenntnisse, die mein Leben verändert haben:

1. Wenn ein Kugelschreiber kaputt geht, kann man sich einen neuen kaufen. Man sollte es kaum für möglich halten aber es ist wahr: Man kann Kugelschreiber einfach so im freien Handel beziehen. Man muss nicht auf das nächste Werbegeschenk warten.

2. Auch Bleistifte und Radiergummis sind gar nicht so schwierig zu beschaffen. Es gibt sie für wenig Geld in jeder Migros. Es ist also völlig unnötig, jedesmal, wenn wieder ein Bleistift verloren gegangen ist, die Wohnung auf den Kopf zu stellen und den Kindern eine Predigt darüber zu halten, wie unordentlich sie doch seien.

3. Wenn im Kühlschrank etwas ausgeleert ist, kann man das ganz leicht zwischendurch mal beseitigen. Man muss nicht warten, bis man Zeit hat, alles auszuräumen und gründlich zu putzen. Es reicht, wenn man zwischendurch mal den Lappen in die Finger nimmt und den gröbsten Dreck beseitigt.

4. Man kann Rechnungen auch in der Monatsmitte bezahlen, wenn der Lieferant dies so wünscht. Es hat lange gedauert, aber irgendwann habe ich festgestellt, dass Online-Banking auch am Dritten, am Fünfzehnten oder gar am Neunzehnten funktioniert und nicht bloss am Monatsende.

5. Man kann den Windeleimer auch am Dienstag leeren, oder am Samstag oder an irgend einem anderen Tag, wenn es zu sehr stinkt im Bad. Man muss nicht unbedingt auf die Müllabfuhr am Donnerstag warten. Windeln nehmen es einem nämlich nicht übel, wenn man sie im Abfallsack ein paar Tage draussen im Container stehen lässt. Der Windel entwachsene Kinder hingegen nehmen es einem fürchterlich übel, wenn es im Bad nach vollen Windeln stinkt.

6. Strumpfhosen kann man auch kaufen, wenn sie nicht gerade im Sonderangebot erhältlich sind. Klar, sie sind dann ein wenig teurer, aber es ist wirklich nicht nötig, mitten im Winter barfuss in die Schuhe zu schlüpfen, bloss weil die Migros gerade keine „Super-Jumbo-Mega-Giga“-Packung für fünf Franken im Angebot hat.

7. Man kann Milch an jedem beliebigen Tag kaufen. Es ist nicht nötig, bis Donnerstag zu warten, wenn die Milch schon am Montag ausgegangen ist. Der Milch ist es nämlich egal, ob  man beim Kauf doppelte Cumulus-Punkte bekommen hat oder nicht. Aber den Kindern ist es nicht egal, wenn sie bis Donnerstag auf ihren heissen Kakao warten müssen

8. Es schadet nichts, wenn man die Schokolade eine gewisse Zeit lang einfach ignoriert. Die Schokolade steckt das locker weg und rennt nicht heulend zum Psychiater, bloss weil man sie mal für ein paar Tage links liegen lässt.

9. Es gibt Handschuhe für Kinder. Klar, wenn man welche hat, gehen sie immer mal wieder verloren. Aber es ist tatsächlich erlaubt, ja, sogar erwünscht, dass die Kinder im Winter Handschuhe tragen und zwar nicht bloss beim Schlitteln,

10. Schreibblockaden überwindet man am besten, indem man schreibt, man habe eine Schreibblockade.

Aber doch nicht so

Es war einmal eine junge Frau, vielleicht achtzehn oder neunzehn Jahre alt. Diese junge Frau hütete gerne mal die Kinder ihres grossen Bruders. Jedesmal, wenn sie die Kinder hütete, schaute sie sich in der Wohnung des Bruders um und fragte sich: „Wie kann man bloss in diesem Chaos leben?“ In der Küche türmte sich das Geschirr, überall lag saubere Wäsche herum, die den Weg in den Schrank nicht von selber fand, Kinderzeichnungen waren mit Kakao überschüttet, Schuhe lagen auf der Treppe. „Wenn ich einmal eine Familie habe“, schwor sich die junge Frau, „wird es bei mir nicht so aussehen.“

Ein paar Jahre später war die junge Frau Mutter eines Babys geworden. In der Wohnung unter ihr wohnte ihre grosse Schwester. Manchmal war die grosse Schwester so übermüdet, dass sie es am Morgen nicht rechtzeitig aus dem Bett schaffte. Dann kam ihr Sohn zu spät zur Schule. Manchmal vergass die grosse Schwester, dass der Fotograf in den Kindergarten kommen würde und deshalb schickte sie ihre Tochter in Alltagskleidern aus dem Haus. Die junge Frau schüttelte insgeheim den Kopf. Wie konnte man bloss die Dinge derart schleifen lassen? „Wenn meine Kinder mal grösser sind, werde ich es nicht so machen“, sagte sie zu sich selber.

Noch ein paar Jahre später war die inzwischen nicht mehr so junge Frau Mutter von fünf Kindern. In ihrer Küche türmte sich das Geschirr, überall lag saubere Wäsche herum, die den Weg in den Schrank nicht von selber fand, Kinderzeichnungen waren mit Kakao überschüttet, Schuhe lagen auf der Treppe, der Kübel mit den Speiseresten und den Rüstabfällen war am Überquellen, die Fussböden waren klebrig, die Kühlschränke schmutzig. Manchmal war die nicht mehr so junge Frau so übermüdet, dass sie es am Morgen nicht rechtzeitig aus dem Bett schaffte. Dann kamen ihr Sohn und ihre Tochter zu spät zur Schule. Manchmal vergass die nicht mehr so junge Frau, dass der Fotograf in den Kindergarten kommen würde und deshalb schickte sie ihren Sohn in Alltagskleidern aus dem Haus. Manchmal dachte sie nicht mehr daran, die Kindergartentasche des Sohnes vor den Ferien leerzuräumen und deshalb fand sie am ersten Tag nach den Ferien ein verschimmeltes Sandwich und eine Kolonie von Fruchtfliegen in der Kindergartentasche.

Die nicht mehr ganz junge Frau lässt die Dinge also tatsächlich nicht so schleifen wie ihre Geschwister, sonder noch viel mehr.

Vielleicht hat die nicht mehr ganz junge Frau Leserinnen, die beim Lesen hin und wieder den Kopf schütteln und denken „Wenn ich einmal eine Familie habe, wird es bei mir nicht so aussehen.“ oder „Wenn meine Kinder mal grösser sind, werde ich es nicht so machen.“ Die nicht mehr ganz junge Frau hofft, dass es ihren Leserinnen nicht gleich gehen wird wie ihr selbst.