So ist er halt, der Kantönligeist

In diesem wunderbaren Land, in dem wir leben, kann es dir passieren, dass dir an einem Elterngespräch, bei dem es um die Zukunft deines auf spezielle Förderung angewiesenen Kindes geht, gesagt wird: „Ja, die Lösung, die wir jetzt skizziert haben, wäre wirklich ideal und wir denken, Ihrem Kind würde das sehr viel helfen, aber da zwischen Ihrem Wohnort und der drei Kilometer entfernten Schule die Kantonsgrenze liegt, können wir nicht garantieren, dass dies bewilligt wird.“ Die Alternative? Weiterhin irgendwie durchbeissen. Oder einen Schulweg von 40 Kilometern in Kauf nehmen. Oder selber irgend eine Lösung finden.

Manchmal könnte ich ihn erwürgen, diesen Kantönligeist. 

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Musste das wirklich sein?

Ja, mich ärgert das auch mit diesen Vollidioten, die glauben, sie müssten als Clowns verkleidet Angst und Schrecken verbreiten.

Ja, ich frage mich auch, in was für einer Welt wir eigentlich leben, wenn Menschen auf solche hirnverbrannten Ideen kommen.

Ich frage mich allerdings auch, ob es sinnvoll ist, wenn die Medien der Sache so viel Aufmerksamkeit schenken, dass andere Vollidioten finden, sie müssten das jetzt auch machen.

Und ich frage mich, ob es klug ist, wenn Eltern ihren Kindern des Langen und Breiten von dieser Sache erzählen. Ich, für meinen Teil, habe mich entschieden, nur mit den Grossen, die selber in den Medien davon erfahren haben, darüber zu reden. Für die Kleineren hätte ich es vorgezogen, wenn sie Clowns weiterhin nur als Spassmacher im Zirkus kennen würden.

Aber ich hatte keine Wahl, denn offenbar gibt es in einigen Familien kein anderes Thema mehr, was dazu führt, dass es auf dem Pausenhof auch kein anderes Thema mehr gibt, was wiederum dazu führt, dass es auch an unserem Esstisch kein anderes Thema mehr gibt, was zur Folge hat, dass das Prinzchen sich abends nicht mehr in sein Bett traut.

Nein, es macht mir nichts aus, wenn er bei uns schläft. Aber auf die Angst, die ihn dazu treibt, in unserem Bett zu schlafen, hätte ich ganz gerne verzichtet.

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Darauf käme es also an…

Du kannst dir die Finger wund tippen, kannst stunden- und tagelang an einem Text feilen, bis er endlich so ist, wie du ihn haben möchtest, kannst Fakten recherchieren, bis du dir ganz sicher bist, dass du alles genau richtig verstanden hast, ehe du darüber schreibst, kannst Sätze so lange drehen und wenden, bis du sie im Schlaf auswendig hersagen kannst und am Ende musst du froh und dankbar sein, wenn alle drei Jahre mal einer sagt: „Hey, ich habe in der Zeitung etwas von dir gelesen. War gar nicht so schlecht, was du da geschrieben hast.“

Wird aber das Ganze, das du schon seit Jahren machst, mit einem Bild von dir garniert, denken die Leute plötzlich, du hättest einen unglaublichen Karrieresprung gemacht, du wirst von fremden Menschen auf deine tollen Texte angesprochen und manchmal schreibt dir sogar jemand, wie sehr er über deine Zeilen hat lachen müssen.

Welche Rolle das Optische beim Geschriebenen spielt, wird mir erst jetzt bewusst. Vielleicht hätte ich es in meinem Metier zu etwas bringen können, wenn ich mehr an meinem Aussehen als an meinem Schreibstil gefeilt hätte…

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Selbstzweifel? Aber nicht doch!

Wenn in einem Rezept steht, man müsse Apple Cider verwenden und man nimmt dann stattdessen Apple Cider Vinegar, was natürlich dazu führt, dass die Suppe nicht schmeckt – was tut man dann?

Geht man noch einmal die ganze Zutatenliste durch, um nachzusehen, ob man etwas falsch gemacht hat?

Sucht man nach einem Weg, wie das missratene Gericht noch zu retten wäre?

Schmeisst man entmutigt den Kochlöffel in die Ecke und fragt sich verzweifelt, ob man nicht mal im der Lage ist, eine anständige Suppe zu kochen?

Nun, früher, als man noch kein Internet hatte und nicht überall dazu aufgefordert wurde, der Welt mit Sternchen und Kommentaren mitzuteilen, wie toll oder wie grottenschlecht etwas ist, hätte man vielleicht etwas in der Richtung getan. Heute aber verleiht man dem Rezept einen von fünf Sternen, schreibt ein paar wütende Zeilen ins Kommentarfeld und behauptet frech, der Verfasser des Rezepts habe das völlig falsch gemacht mit diesem Vinegar. 

Eine Kleinigkeit nur, ich weiss, aber sie lässt mich dennoch einmal mehr zweifeln, ob es eine gute Idee war, die Menschen mit so viel Selbstbewusstsein vollzupumpen, bis sie die Fähigkeit verlieren, sich selber kritisch zu hinterfrag. Nichts gegen ein gesundes Selbstbild, aber manchmal denke ich, mit einer Prise Selbstzweifel gewürzt, würde alles ein wenig besser schmecken.

Vor allem, seitdem jeder Depp an jedem Ort die Möglichkeit geboten bekommt, sein Urteil abzugeben. 

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Die Fragen bleiben

Hat man Kinder, die allmählich daran denken, erwachsen zu werden, stellen sich plötzlich ganz neue Fragen. Zum Beispiel diese hier:

  • Haben wir ihnen genügend Liebe mit auf den Weg gegeben, damit unsere Fehler, die sie nun allmählich zu analysieren beginnen, dadurch aufgewogen sind?
  • Sind wir schon alt genug, um hemmungslos peinlich sein zu dürfen, oder müssen wir uns noch anstrengen, uns halbwegs normal zu benehmen, wenn die Freunde unserer Kinder zugegen sind?
  • Wann sind sie gross genug, um zu erfahren, wie die Dinge zwischen Schwiegermama und mir wirklich stehen?
  • Wie offen dürfen wir darüber reden, warum die Dinge zwischen Schwiegermama und mir so stehen, wie sie jetzt stehen?
  • Wie detailreich dürfen jetzt, wo sie mehr verstehen, die Erzählungen über die Fehler unserer Jugendjahre ausfallen?
  • Ist es schon okay, wenn ich in Gegenwart der Teenager gewisse in Stein gemeisselte Regeln aus Kindertagen breche, oder beschädige ich dadurch noch meine Glaubwürdigkeit? (Ich meine jetzt nichts Gravierendes. Nur mit den Händen aus der Schüssel essen, mehr Schokolade nehmen als offiziell vereinbart und solche Sachen.) 
  • Darf ich jetzt endlich beleidigt sein, wenn die grösseren Kinder mich fragen, ob es schon das Frauenstimmrecht gab, als ich achtzehn war, oder muss ich ihnen immer noch ein kleines Stück Unwissenheit zugestehen?

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So ginge das also mit dem Feierabend…

Kein Zweifel: Diese dritte Herbstferienwoche mit ihren unzähligen Fahrdiensten, den andauernd unterbrochenen Arbeitszeiten und dem verzweifelten Versuch, all den unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht zu werden, bringt wieder mal meine schlechtesten Seiten zum Vorschein. Wie sich das zeigt? Nun, wenn ich abends bloss ein einziges Mal sagen muss: „Kinder, ich brauche heute Abend einfach mal Zeit für mich. Bitte geht nach dem Essen gleich ins Bett“ und danach absolute Ruhe herrscht, kann dies nur eins bedeuten: Die haben mich und meine Launen dermassen satt, dass sie lieber schlafen gehen, als noch einen Moment länger in meiner Nähe zu sein.

Auch wenn es ganz nett ist, für einmal völlig kampflos Feierabend zu bekommen, finde ich, es sei allmählich an der Zeit, dass diese Herbstferien ein Ende nehmen. Ich mag es nicht, wenn sie lammfromm sind, bloss weil sie den Drachen in mir nicht aufwecken wollen. 

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Von guten und schlechten Müttern

Gute Mütter – das sollte ich inzwischen wissen – kommen nie zu spät, wenn sie ihren Nachwuchs zu irgend einem Anlass bringen. Gute Mütter kommen auch nicht auf die Minute pünktlich angerast, um ihre Knöpfe noch schnell aus dem Auto zu schubsen, bevor das Programm losgeht. Gute Mütter sind mindestens zehn Minuten zu früh da, damit man ihnen wichtige Infos weitergeben kann und damit sie Zeit haben, sich mit vielen Ermahnungen und Liebesbekundungen von ihrem Nachwuchs zu verabschieden. Es versteht sich von selbst, dass gute Mütter nie stammelnd von all den Baustellen, roten Ampeln und unvorsichtigen Fussgängern berichten müssen, um zu erklären, warum sie eine Minute zu spät angebraust gekommen sind, denn gute Mütter haben solche Widrigkeiten stets einkalkuliert, weshalb sie rechtzeitig losfahren, denn sie haben ja auch den ganzen Tag nichts anderes zu tun, als ihrem Nachwuchs zu Diensten zu sein. 

Schlechte Mütter wollen das einfach nicht begreifen und darum gehören sie bestraft und zwar so:

Besucherführerin*: „Gut, dann sehen wir uns um halb vier wieder.“

Mutter: „Um halb vier? Im Programmheft steht aber vier Uhr.“

Besucherführerin: „Das mag im Programmheft vielleicht so stehen, aber mit Kindern dauern die Führungen meistens nicht so lange.“

Mutter: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Veranstalter eine falsche Zeitangabe gemacht haben. Die machen das immer sehr korrekt…“

Besucherführerin: „Bei Kindergruppen brauchen wir nie zwei Stunden. Kinder haben viel weniger Fragen als Erwachsene. Seien Sie um halb vier unten auf dem Parkplatz.“ Und ihr Blick sagt: „Glauben Sie bloss nicht, ich würde Ihnen nicht ansehen, wie sehr Sie sich jetzt darüber aufregen, dass ich Ihre freie Zeit beschnitten habe. Rabenmütter wie Sie brauchen keine Kaffeepause.“

Tja, und so presst die schlechte Mutter all das, was sie sich für die zwei Stunden vorgenommen hat, in neunzig Minuten hinein, damit sie um halb vier auf dem Parkplatz ist. Ein Parkplatz, der selbstverständlich menschenleer ist, denn das Programm endet, wie von den Veranstaltern angekündigt, pünktlich um vier. 

Was die Besucherführerin nicht weiss: Schlechte Mütter sind immun gegen solche Strafen, denn schlechte Mütter haben stets ein gutes Buch in ihrer Handtasche, das es ihnen ermöglicht, sogar auf dem ödesten Parkplatz eine nette Pause zu verbringen. 

*Für dieses ganz und gar hässliche Wort übernehme ich keine Verantwortung. 

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Danke!

Endlich ist er da, der Aufschrei und auch wenn ich aus Rücksicht auf meine Kinder, die solche Geschichten nicht auf diesem Weg erfahren sollen, darauf verzichte, meine eigenen Erlebnisse in die Welt hinaus zu schreien, so möchte ich doch all denen danken, die es tun. Ich wünsche mir, der Schrei möge erst dann verhallen, wenn auch der letzte der Idioten, die jetzt sagen, wir hysterischen Weiber sollten nicht so ein Theater machen, es habe uns doch auch ein bisschen Spass gemacht, endlich die Klappe hält.

dahlien

Hausfrauenträume?

„Meiner“ war mit den Kindern neulich bei Schwiegermama und um mir eine Freude zu machen, brachte er mir einen dieser Kataloge nach Hause, die mit vielen blumigen Worten und grossartigen Versprechen Dinge anpreisen, die angeblich die Hausfrauenherzen höher schlagen lassen. Heute hatte ich endlich Zeit, mir diesen Katalog anzuschauen und jetzt weiss ich wieder, was mir zu meinem Glück alles fehlt. 

Ich habe zum Beispiel keinen Ei-Köpfer, der ein für alle Mal die Diskussion beendet, ob das Ei mit dem Messer oder mit dem Löffel korrekt geköpft wird. Gut, diese Diskussion ist eine der wenigen, die unserem Hause nicht geführt wird, aber es wäre dennoch schön, wenn man den Kompromiss einfach aus der Schublade ziehen könnte, falls sich doch einmal zwei ob dieser weltbewegenden Frage in die Haare geraten sollten. 

Leider ist auch noch keiner auf die Idee gekommen, wie elend mein Leben ohne Makronator ist. Da beglücken sie mich zum Geburtstag mit neuen Pflanzen für den Garten, schenken mir zu Weihnachten ein paar freie Tage und feiern mich am Muttertag mit Blumensträussen, aber dass mein Herz eigentlich nach einem Gerät verlangt, das mir dabei hilft, perfekt geformte Makronen aufs Blech zu zaubern, daran denkt natürlich mal wieder kein Schwein.

Ja, und wenn sie mich schon Pflanzen erfreuen wollen, warum bekomme ich dann keinen praktischen „Blatt-Glanz“ dazu geschenkt? Dieses zangenartige Ding, mit dem man jedes einzelne Blättchen auf Hochglanz polieren kann? Was wäre das doch für eine Freude, wenn ich täglich meine Putzrunde durch Garten, Gewächshaus und Wohnzimmer drehen könnte.

Wenn ich fertig poliert hätte, könnte ich mich den Fensterrahmen annehmen. Dank dem Rahmen-Clean würde sich dort nie wieder Schmutz ansammeln, was natürlich meine Lebensqualität enorm verbessern würde. Wie oft habe ich schon, wenn ich auf der Suche nach dem perfekten Satz gedankenverloren aus dem Fenster gestarrt habe, die Freude am Schreiben verloren, weil mein Blick auf meine dreckigen Fensterrahmen fiel? Noch irgendwelche Fragen, weshalb ich an einer hartnäckigen Schreibblockade leide?

Natürlich sind daran nicht alleine die Fensterrahmen schuld. Auch meine schmutzigen, verstaubten Steckdosen machen mir zu schaffen. Immer und immer wieder quält mich die Frage, wie ich die Dinger sauber bekommen soll. Ein Steckdosen-Reiniger würde diesen Qualen ein für alle Mal ein Ende setzen, aber natürlich fehlt auch der in meinem Haushalt. 

Je länger ich diesen Katalog studiere, umso mehr wird mir bewusst, wie armselig die Ausstattung unseres Haushalts ist. Ich habe keine Bettdecken-Klippse (sic!), die verhindern, dass der Bettbezug verrutscht, keinen Zauberschaum, der unser WC reinigt und keinen Spritzbeutelhalter, der meinen Spritzbeutel – den ich leider auch nicht besitze – festhält, während ich die zu spritzende Masse einfülle. Ich besitze weder ein Eier-Party-Tablett, in dem ich gefüllte Eihälften transportieren könnte, noch einen griesgrämig dreinblickenden Ei-Trenner, der das Eiweiss durch seine Nasenlöcher in die Schüssel fliessen lässt. Und ein praktisches Podest mit Schublade, das den Platz unter der Mikrowelle optimal nutzt, brauche ich mir gar nicht erst zu wünschen, da ich mein trübes Dasein ohne Mikrowelle fristen muss.

Solange ich alle diese wunderbaren Dinge nicht besitze, können meine lieben Mitmenschen doch wirklich nicht von mir erwarten, dass ich meine Hausfrauenrolle mit Begeisterung ausfülle.

Wobei, wenn ich es mir recht überlege, erwartet das hier ja gar keiner von mir. Vielleicht gebe ich doch keine Bestellung auf…

colmar

 

 

Kompliment

Das muss man sich mal vorstellen. Ich, 

… die Frau, die täglich maximal drei Minuten vor dem Spiegel steht,

… die morgens ihre knallbunten Kleider ziemlich wahllos aus dem Schrank zerrt,

… die vorzugsweise online shoppt, weil sie es in Kleiderläden keine fünf Minuten aushält, ohne nervös zu werden,

… die zwar nichts dagegen hat, sich hübsch anzuziehen, aber im Grossen und Ganzen auf Mode pfeift,

… die von ihrer Tochter immer und immer wieder zu hören bekommt, sie sei zwar ein netter Mensch, aber ihr Stil sei zum Davonlaufen, 

… ich also wurde heute von eben dieser Tochter gefragt: „Leihst du mir mal deine neue Jacke? Die ist sooooooooo schön.“

Dass ich den Tag noch erlebe, an dem ich fürchten muss, meine ausgesprochen modebewusste Tochter würde mir mein Lieblingsstück aus dem Schrank klauen, habe ich mir bisher in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können. Bisher hat sie sich nur an meinen Sachen vergriffen, wenn sie beim Verkleiden möglichst lächerlich aussehen wollte.

prachtkerze