Gewohnt ungewöhnlich

Er ist gekommen, der Tag, an dem ich zur nicht ganz schmerzfreien Erkenntnis komme, dass es gewöhnliche Tage in meinem Leben ganz einfach nicht gibt. Ich meine diese Tage, an denen du abends zufrieden sagen kannst, dass du mehr oder weniger das erreicht hast, was du dir am Morgen vorgenommen hast. Tage, die so vollkommen frei waren von Drama, dass du abends nicht so recht weisst, was du bloggen sollst. Okay, manchmal schreibe ich abends wirklich nicht mehr, dann aber meistens, weil ich vollkommen durch den Wind bin, weil der Tag mal wieder gemacht hat, was er will.

Dabei gibt es in meinem Leben inzwischen durchaus Tage, die das Potential dazu hätten, ganz vorhersehbar und langweilig zu werden. Heute zum Beispiel standen die Chancen so gut wie noch selten: Vier Kinder von acht bis halb drei auf Sternwanderung, „Meiner“ mit seiner Schulklasse ebenfalls irgendwo im Wald und Karlsson auf einer Betriebsbesichtigung im Medienhaus, weil er sich – unter gewissen Umständen, vielleicht, wenn nichts anderes interessanter ist – vorstellen könnte, irgendwann mal in Mamas journalistische Fussstapfen zu treten. Eine seltene Gelegenheit also, mal in aller Seelenruhe meine Zeitungskolumne zu schreiben, ein paar Interviewpartnerinnen anzurufen, einen Text fertig zu stellen und später vielleicht bei einem Waldspaziergang die Herbstsonne zu geniessen. Mit etwas Glück würde ich sogar noch ein wenig an meinem Nicht-Pflichtstoff weiter schreiben. Ein halbes Kapitel, vielleicht sogar ein ganzes…

Natürlich kam es mal wieder anders: Ein Anruf der Kindergärtnerin aus dem Wald. Das Prinzchen habe sich am Kopf verletzt, ich müsse ihn holen kommen. Kein Problem, Frau Kindergärtnerin, ich lasse selbstverständlich alles stehen und liegen, teile der Redaktion mit, dass die Kolumne sich verspätet und dann sehe ich mal, wo ich ein Auto auftreiben kann, weil unseres gerade nicht zu Hause ist. Meine Schwester kann einspringen, allerdings nicht allzu lange, denn nachher muss ihr Mann zur Arbeit. Eine halbe Stunde lang kurven wir durch den Wald, finden zahlreiche Schulklassen, doch leider nicht die Kindergartenklasse des Prinzchens und weil die Leute aus dem Dorf leider auch nicht wissen, wo der gesuchte Weg ist, fahren wir zurück nach Hause, wo ich noch einmal die Kindergärtnerin anrufe (Nein, ich habe leider derzeit kein Handy und nein, ich will nicht erzählen, wie es dazu gekommen ist. Diese Geschichte ist schlicht zu langweilig.) Ich bekomme eine etwas exaktere Wegbeschreibung, der Nachbar ist so freundlich, mich diesmal in den Wald zu chauffieren. Wieder finden wir den gesuchten Weg nicht, wieder nach Hause, um die Kindergärtnerin um eine noch etwas genauere Wegbeschreibung zu bitten. Und ihr zu sagen, sie solle doch bitte, bitte, bitte, wenn es sich irgendwie machen liesse, an die Strasse runter kommen mit dem Prinzchen, damit wir ihn diesmal auch ganz sicher finden würden.

Das klappt, fast zwei Stunden nach dem Anruf und damit auch deutlich nach dem Abgabetermin meiner Kolumne nehme ich ein ziemlich trauriges aber Gott sei Dank nur leicht verletztes Prinzchen in Empfang. Nach der Erstversorgung ist klar, dass es für einmal ohne Notarzt geht und so kann ich mich –  ohne mir vorwerfen zu müssen, eine Rabenmutter zu sein –  meinem Text zuwenden, bis die Mittagspause der Apotheke vorbei ist und ich Pflasterstreifen holen kann.

Ist es unzerbrüchlicher Optimismus oder grenzenlose Naivität, dass ich mir am Ende des Schreibens und vor der Apotheke ein kurzes Bad gönnen will, um wenigstens noch einen Hauch von Freiheit zu geniessen? Egal, was von beidem es ist, nach dem dritten Anruf innerhalb von zehn Minuten ist klar, dass so etwas einfach nicht geht. Mama Venditti soll sich unterstehen, mitten in der Woche so zu tun, als hätte sie Anrecht auf eine kleine Verschnaufpause. 

Tja, und dann, als Prinzchens Wunde endlich geklebt ist, sind auch schon wieder alle zu Hause und der Teil des Tages, der für einmal ganz langweilig und vorhersehbar mir hätte gehören sollen, ist in gewohnter Ungewöhnlichkeit an mir vorbeigegangen. 

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Ist ja ganz nett, aber…

Das Home Office wird allmählich populär. Endlich. Man scheint zu begreifen, dass man gewisse Arbeiten auch zu Hause am Computer erledigen kann, anstatt erst lange im Stau zu stehen und sich danach im Grossraumbüro durch das Geschwätz der Mitarbeitenden ablenken zu lassen. Einige Chefs haben sogar endlich verstanden, dass Mitarbeitende Kinder haben und gerne Wege finden, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bringen. 

Weil Home Office populär ist, gibt’s jetzt auch Werbung zum Thema. Da sieht man dann den Papa mit Augenklappe und Piratenkopftuch, wie er glücklich und zufrieden an seinem Laptop bei der Arbeit sitzt. Eben noch hat er mit seinen Jungs herumgealbert und jetzt wendet er sich für eine Weile seiner anderen Arbeit zu. Ein hübsches Bild, ich geb’s zu, aber leider eines, das nicht ganz der Realität entspricht.

Das Werbebild des fröhlich arbeitenden Piraten-Papa vermittelt den Eindruck, Home Office müsse man nicht so ganz ernst nehmen, das sei mehr Spass als Arbeit. Es sieht nach purem Vergnügen aus, nicht nach Arbeit, die ebenso seriös erledigt sein will, wie wenn wir mit unseren Kollegen im Büro sässen. Es sieht aus, als könnten wir ganz locker unseren Kindern volle Aufmerksamkeit schenken und zugleich beste Arbeit liefern. Dabei müssen auch wir, die wir zu Hause arbeiten, eine klare Trennung zwischen Familie und Arbeit hinkriegen, denn sonst kümmern wir uns am Ende dann um die Kinder, wenn wir eigentlich arbeiten müssten und dann um die Arbeit, wenn eigentlich die Kinder dran wären. 

„Ist ja bloss eine Werbung. Muss man nicht so ernst nehmen“, mag der eine oder andere einwenden, aber ganz so einfach ist es leider nicht. Wird Home Office nicht ebenso ernst genommen wie Arbeit ausser Hause, dann geschieht das, was ich immer und immer wieder erlebe: Die Lehrerin schickt das Kind wegen einer Bagatelle nach Hause, da „die Mama ja ohnehin da ist“. Bekannte platzen jederzeit zum Kaffee rein, weil man im Home Office ja auch später noch arbeiten kann.   Sogar die eigene Familie erwartet zuweilen stillschweigend, dass man den eigenen Arbeitsplan den Plänen der verschiedenen Familienmitglieder unterordnet, weil man ja flexibel ist. 

Klar, einer der grossen Vorteile von Home Office ist tatsächlich, dass wir umdisponieren können, wenn es mal wirklich brennt. An den anderen Tagen aber möchten auch wir ganz gerne möglichst geregelt unserer Arbeit nachgehen. Damit wir dann, wenn wir fertig sind, die Augenklappe montieren können, um das Schiff zu entern.

Na ja, ich würde mir wohl eher ein Lieder- oder Bilderbuch schnappen oder mit den Kindern in den Garten gehen. Wenn ich denn nicht andauernd in den Bildschirm starren müsste, weil die Arbeit wegen andauernder Unterbrechungen liegen geblieben ist.

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Mummy?

Diese Anfrage hat mich zutiefst verunsichert: Ob ich vielleicht an einem Mummy-Blogger-Event zur Lancierung eines neues Putzmittels teilnehmen wolle, fragte eine Kommunikationsagentur an. Auf dem Programm steht Cupcake-Backen mit einer bekannten Mummy-Bloggerin, danach wird gemeinsam die Küche geputzt, natürlich mit dem Produkt, das an die Frau gebracht werden soll. „Und keine Angst“, so schreibt die Frau von der Agentur vermutlich augenzwinkernd, „die Cupcakes, nicht das Putzen, werden die Hauptaktion sein.“ Hihihi! Ihr, meine lieben Leser, hättet auch noch etwas davon. Ich dürfte nämlich nicht nur viele lobende Zeilen über das sensationelle Produkt veröffentlichen, ich dürfte auch ein paar Putzmittel verlosen.

Seitdem ich diese Nachricht gelesen habe, geht mir eine Frage nicht mehr aus dem Kopf: In welchem meiner rund 1800 Texte, die ich in den vergangenen Jahren hier geschrieben habe, habe ich den Eindruck erweckt, in meinem Leben drehe sich alles um perfekte Sauberkeit und noch perfekteres Backwerk? Okay, ich backe gern – anständige Cupcakes bringe ich trotzdem nicht zustande -, Putzen muss ich gezwungenermassen auch, was hier hin und wieder durchschimmert, und natürlich erfährt man so mehr oder weniger zwischen den Zeilen auch, dass ich Kinder habe. Aber macht mich all dies wirklich zur „Mummy-Bloggerin“ (Wenn ich nur schon dieses Wort lese….grrrrrrrrrr!)?

Bitte, bitte, bitte sagt mir, dass ihr hier nur mitlest, weil ihr mein virtuelles Geschwätz soooooooooo unglaublich tiefsinnig und humorvoll findet und nicht, weil ihr hier die perfekte „Mummy“ zu finden hofft, die euch zeigt, wie ihr euren Liebsten trautes Heim, Glück allein und dergleichen bieten könnt. Letzteres würde mich nämlich dazu zwingen, die Bloggerei umgehend einzustellen und was würde ich dann mit meiner Zeit anfangen? Am Ende käme ich noch auf die Idee, zu putzen…

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Die Instagram-Krise

Keine Frage, unsere Teenager befinden sich derzeit auf Konfrontationskurs. Kaum hat sich die Zahnfee-Krise gelegt, ist heute die Instagram-Krise ausgebrochen. Schuld daran ist einzig und alleine Luises Fleiss, der sich in letzter Zeit ganz gewaltig entwickelt hat. Das Kind hat sich ein Ziel gesetzt und um dieses Ziel zu erreichen, muss sie sich hinter die Bücher machen. Das haben nicht wir ihr gesagt, das hat sie selbst begriffen und darum lernt sie mit einem Eifer, den sie gewöhnlich nur für neue Schuhe, neugeborene Tiere, die Jungschar oder Familienfeste aufbringt. (Himmel, wie schafft sie das nur, sich im zarten Alter von elf Jahren nicht nur Ziele zu setzen, sondern diese auch zu verfolgen? Ich musste erst mal fünfzehn werden, einen anständigen Mathelehrer bekommen und mich von einigen schlechten Einflüssen distanzieren, ehe ich in der Lage war, mir zum Ziel zu setzen, wenigstens in Deutsch, Geschichte, Englisch und Französisch ganz vorne mitzumischen.)

Nun also, wo sie so fleissig war und sich die ersten Früchte ihrer Arbeit zeigten, war für Luise die Zeit gekommen, sich eine Belohnung zu gönnen und diese Belohnung sollte auf den klingenden Namen Instagram hören. Die hat sie sich dann auch sogleich ohne Rücksprache mit uns heruntergeladen und in Betrieb genommen. Nun gut, Luise behauptet natürlich, ich hätte die Erlaubnis erteilt. Offenbar verstand sie mein „Lass uns mal in Ruhe darüber sprechen“, das ich zwischen Tür und Angel aussprach, als „Aber natürlich darfst du dir Instagram herunterladen. Und wo du schon dabei bist, könntest du dir doch auch noch ein Facebook-Profil einrichten.“ Mit glänzenden Augen teilte sie mir heute mit, sie hätte bereits drei Freunde auf Instagram und werde jetzt dann gleich noch den Papa anfragen. Ob ich wisse, wie der auf Instagram heisst. 

Ich war nicht gerade erfreut ob dieser Nachricht, war aber nach einigem Nachdenken gewillt, Luise diese Belohnung zu gönnen. Immerhin wird sie in ein paar Monaten zwölf und da sie sich der Gefahren von Social Media nicht nur bewusst ist, sondern diese auch sehr ernst nimmt und mir freiwillig alles Unangenehme, das ihr bei WhatsApp begegnet, haarklein schildert, glaubte ich, ihr Instagram zutrauen zu können. „Meiner“ sah das ähnlich und Luise durfte ihre weiteren Schritte auf Instagram mit elterlicher Genehmigung machen. Zu dumm, dass Luise schon bald einmal ihrem grossen Bruder in die virtuellen Arme lief  – war vielleicht nicht besonders schlau von ihr, sein Bild zu liken – und dieser war alles andere als erfreut über die Begegnung mit seiner Schwester. 

Das Gewitter der Entrüstung entlud sich natürlich über mir. Nie habe ich ihm etwas erlaubt, immer musste er warten, bis ich endlich mein Einverständnis gab. Luise muss nicht mal fragen, er aber musste mich auf den Knien anflehen. Dann macht er ab jetzt eben auch einfach, was er will und nein, er wird mir nie verzeihen, egal, wie sehr ich mich darum bemühe, die Sache wieder ins Lot zu bringen, etc. Wer mit einem Teenager unter einem Dach lebt oder nicht vergessen hat, wie er selber mal war, kennt die Leier. Und diese Leier hat durchaus ihre Berechtigung. Stelle ich mich auf Karlssons Position, kann ich nämlich die Ungerechtigkeit, die ihn zur Weissglut treibt, durchaus erkennen.

Was also tun? Eigentlich haben „Meiner“ und ich mal klipp und klar gesagt, Social Media gäbe es erst ab dem Alter, ab dem der jeweilige Dienst freigegeben ist und Luise hat diesen Entscheid untergraben. Andererseits gab es für Karlsson, als er in Luises Alter war, ein eigens für ihn ausgedachtes Mathe-Lern-Belohnungssystem, das Luise weder will noch braucht, weil sie sich selber motiviert. Ein Entgegenkommen in Sachen Instagram wäre also durchaus vertretbar…

Uns stehen wohl noch ein paar harte Krisengespräche bevor, ehe wir zu einem für beide Seiten fairen Entscheid gelangt sind. Immerhin aber haben die ersten Gespräche am runden Tisch bewirkt, dass die Zwei sich nicht mehr gegenseitig anknurren, wenn sie einander im Flur begegnen.

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Das Schreckgespenst gibt sich zahm

Die Hirnhautentzündung ist ein Schreckgespenst, vor dem nicht nur ich grossen Respekt habe. Die meisten von uns bekommen ein mulmiges Gefühl, wenn wir davon hören und vor allem wir Eltern rennen lieber einmal zu viel zum Arzt, aus Angst vor dem, was es anrichten könnte. Inzwischen kann ich dieses Schreckgespenst bereits zum zweiten Mal aus nächster Nähe bei seiner furchterregenden Arbeit beobachten und allmählich dämmert mir, dass es ganz unterschiedlich kann.

Bei „Meinem“ erzwang es mit furchterregend hohem Fieber, heftigen Gleichgewichts- und Sprachstörungen und extremer Schwäche einen längeren Berufsausfall und noch heute, fast zwei Jahre später, erinnert es uns mit Lärmempfindlichkeit und kleinen Gedächtnislücken daran, dass es ihn mal besucht hat. Und das Ganze war noch harmlos im Vergleich zu dem, was andere erleben.

Beim Zoowärter hingegen gibt es sich ganz zahm. Okay, da sind die heftigen Kopfschmerzen, die ohne regelmässige Gabe von Schmerzmitteln nicht zu ertragen wären. Ansonsten aber tut das Gespenst so, als wäre es gar nicht da. Kein Fieber und auch sonst keine Beeintächtigungen, mal abgesehen von einer Appetitlosigkeit, die dem gut genährten Kind aber nicht schadet. Und weil es derzeit ganz danach aussieht, als sei das Gespenst auf ganz anderem Weg zum Zoowärter gekommen als zu „Meinem“, redet man bereits davon, dass der Junge das Spital morgen wieder verlassen kann, denn die Medikamente kann man ihm auch zu Hause verabreichen.

Meinen Respekt vor dem Schreckgespenst habe ich durch diese zwei Begegnungen nicht verloren, aber immerhin habe ich das Gefühl, es jetzt ein wenig zu kennen. Und weil man mit Bekannten offener reden kann als mit Fremden, werde ich es höflich bitten, uns in Zukunft nicht mehr zu besuchen. Denn auch wenn es sich beim Zoowärter äusserst gesittet aufführt, so finde ich doch, wir hätten jetzt genug miteinander zu tun gehabt.

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Wunsch erfüllt oder so ähnlich

Nach Langeweile habe ich mich gesehnt und so etwas in der Richtung habe ich auch bekommen. Tagwache irgendwann zwischen Morgengrauen und sieben Uhr, Frühstück um halb acht, um halb neun muss das Bett auf dem Balkon stehen, Mittagessen um halb zwölf, Abendessen um Viertel nach fünf, dazwischen Sirup reichen, am Kiosk kleine Überraschungen kaufen, trösten, Fragen beantworten, Fragen stellen, Trinkprotokoll führen und warten. Alles schön vorhersehbar und geregelt.

Alles? Na ja, nicht ganz, denn wie heftig Zoowärters Hirnhautentzündung ist, was diese verursacht hat und wie es weitergeht, das lässt sich nicht vorhersehen, sondern nur Schritt für Schritt nehmen. Dankbar sein, dass die Ursache für seine unerträglichen Kopfschmerzen gefunden ist, noch dankbarer, dass es ihm den Umständen entsprechend gut geht und hoffen, dass die Genesung rasch und ohne Komplikationen voranschreitet. Mehr gibt es im Moment nicht zu tun. Zumindest hier im Spitalzimmer nicht.

Zu Hause hingegen, na ja, da gäbe es schon zwei oder drei Dinge zu erledigen, aber das muss – und darf – jetzt halt warten.

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Nur ein bisschen Langeweile, bitte

Wäre es nicht wunderbar, wenn man sich mal wieder langweilen dürfte? Nicht allzu lange natürlich, nur einen Tag oder zwei, vielleicht auch drei. Nein, nicht diese Tage, an denen man im faul im Liegestuhl liegt und sich von der Sonne bescheinen lässt, sondern Tage, an denen alles nur langweilige Routine ist. Tage, an denen man abends getrost sagen kann, dass man erledigt hat, was man sich vorgenommen hat. Alles schön nach Plan, vielleicht sogar auf die Viertelstunde genau. 

Kein Backofen, der mitten im Einmachen von Tomaten seinen Geist aufgibt. Keine unangemeldeten Besucher, die den Schreibfluss unterbrechen. Keine Computerpannen, keine „Mist, ich muss doch heute noch unbedingt…“-Momente, keine Milchpfützen auf dem Fussboden, kein spontanes Einspringen für jemanden, der in der Tinte sitzt, keine hektische Suche nach verschwundenen linken Kindersandalen und Schulheften mit Eselsohren. Einfach nur öder, geregelter Alltag, über den man jammern würde, wenn man ihn täglich auf die gleiche graue Weise durchstehen müsste. 

Es käme mir nicht im Traum in den Sinn, mir ein solches Leben zu wünschen. Zu farblos, zu vorhersehbar, zu langweilig eben. Aber hin und wieder ein solcher Tag, der einem erlaubt, durchzuatmen und zu erledigen, was man andauernd vor sich her schiebt, weil immer irgend etwas die Pläne über den Haufen wirft, das wäre schon nett. 

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Jetzt wollen sie uns also wieder

Seitdem klar ist, dass der Import von billigen Arbeitskräften über kurz oder lang schwieriger wird, wollen sie uns plötzlich wieder haben. Uns, die Mütter, die sie nicht mehr wollten, als wir Kinder bekamen und darum nicht mehr bereit waren, uns mit Leib und Seele für die Firma aufzuopfern. Gut, einige von uns haben sie damals gnädigerweise behalten, was sich für uns aber nicht wirklich bezahlt gemacht hat. Der Löwenanteil unseres Lohnes ging für den Krippenplatz drauf, was noch übrig blieb, wurde von der Steuerrechnung aufgefressen. Arbeitszeiten und Krippenöffnungszeiten wollten partout nicht zusammen passen, war ein Kind krank oder machte die Schule Ferien, brach das ganze System vollends zusammen und wir durften uns in schlaflosen Nächten einen Notfallplan zurechtlegen. Von der Hausarbeit fangen wir lieber gar nicht erst an zu reden…

Nicht alle von uns haben sich auf dieses Spiel eingelassen, einige haben sich vollends aus dem Berufsleben verabschiedet, sei es, weil ihnen das alles zu kompliziert war, sei es, weil für sie Mutterschaft und Berufstätigkeit nicht miteinander vereinbar sind. Andere haben sich selber etwas aufgebaut und sind sich nun selber der flexible Arbeitgeber, den sie sich stets gewünscht hätten. Ein paar Glücklichen ist es gelungen, eine Arbeit zu ergattern, die sich zu einem grossen Teil von zu Hause aus erledigen lässt, so dass sich die Arbeitszeiten den Bedürfnissen der Familie anpassen lassen.

Es war nicht immer leicht, aber den meisten von uns ist es gelungen, irgend einen Weg zu finden, um den Spagat zwischen Familie und Beruf zu schaffen. Und jetzt wollen sie uns also zurückhaben. Wir sollen wieder zurück auf unsere angestammten Arbeitsplätze, weil die nicht mehr einfach mit Leuten aus dem Ausland besetzt werden können. Plötzlich besinnt man sich darauf, dass wir ganz gut ausgebildet und eigentlich auch ziemlich motiviert sind, gute Arbeit zu leisten. Nun, es mag schmeichelhaft erscheinen, nach Jahren der Ablehnung wieder erwünscht zu sein. Dennoch schlage ich vor, dass wir sie erst mal ein wenig zappeln lassen. So ganz ohne Zugeständnisse sollten wir uns nicht wieder vor ihren Karren spannen lassen. 

Wenn sie sich dann eines Tages endlich dazu durchringen, einen Mutterschaftsurlaub einzuführen, der diesen Namen auch wirklich verdient, den Vätern die Möglichkeit einzuräumen, sich in der Familie zu engagieren, bezahlbare Krippenplätze für alle anzubieten, Bedingungen zu schaffen, dass sich die Arbeit auch wirklich lohnt und ausserdem endlich dafür zu sorgen, dass Frauen den gleichen Lohn für gleiche Arbeit bekommen, dann können wir miteinander ins Geschäft kommen. 

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Schon wieder fremdbestimmt

Als unsere Kinder klein waren, war mein Leben fast rund um die Uhr fremdbestimmt. Ich nahm mir am Morgen fest vor, ein entspannendes Bad zu nehmen, wenn die Kleinen Mittagsschlaf hielten und stattdessen kroch ich nach dem Mittagessen auf dem Fussboden herum und wischte Erbrochenes auf. Ich ging früh zu Bett, um endlich mal wieder zu schlafen, doch just als mir die Augen zufielen, drang aus dem eben noch stillen Kinderzimmer vielstimmiges Geschrei, das bis morgens um drei anhielt. Anstatt den dringend nötigen Wohnungsputz vorzunehmen, sass ich gelangweilt am Planschbecken und passte auf, dass keiner ertrinkt, zum Mittagessen gab es Milchreis anstelle von scharf gewürztem Curry und in den Ferien fuhren wir mit der Familienkutsche ins Kinderhotel, anstatt mit dem Nachtzug nach irgendwo.

Zugegeben, es war nicht immer einfach und auch wenn ich heute oft mit verklärtem Blick auf jene Tage zurückschaue, so erinnere ich mich doch noch an viele Momente der Überforderung und des Frusts. Dennoch war es okay so, wie es war. Ich stellte meine eigenen Interessen ja nicht für irgendwen in den Hintergrund, sondern für die Kinder, die ich über alles liebe. Die Kinder, für die wir uns ganz bewusst entschieden haben und die das Beste sind, was das Leben und hat schenken können. Ja, ich war fremdbestimmt – und „Meiner“ auch – aber das gehört sich so in der Phase, in der die Kinder zu klein sind, um für sich selber zu schauen. 

Heute ist das anders. Unsere Kinder werfen zwar immer noch hie und da meine Pläne über den Haufen und überschreiten meine Grenzen, aber im Grossen und Ganzen haben sie begriffen, dass ich eine eigenständige Person bin, die auch ab und zu ihre Freiheit braucht. Darum wage ich allmählich wieder, an einen – bis zu einem gewissen Grad – geregelten und planbaren Tagesablauf zu glauben. Ich stehe morgens nicht mehr mit dem Bewusstsein auf, dass alles, was ich mir für den Tag vorgenommen habe, ohnehin liegen bleiben wird. Wenn ich genug geschlafen habe, bin ich voller Tatendrang, weil es so viele Dinge gibt, die ich machen darf oder will. Zwar sorgen die Menschen und Tiere in unserem Haus noch immer für viel Unvorhergesehenes, aber im Vergleich zu früher ist das ein Klacks und das verleiht mir neue Energie.

Neue Energie, aber auch eine gewisse Überempfindlichkeit gegenüber jenen, die mir andauernd mit kleinen Störungen die Freiheit rauben, die ich nach Jahren der berechtigten Fremdbestimmung nun wieder geniessen möchte. Solange es liebe Freunde oder Verwandte sind, macht mir das nichts aus, denn für sie hatte ich in den vergangenen Jahren ja auch nicht gerade viel Zeit. Auf alle anderen aber reagiere ich derzeit ziemlich allergisch. Auf die fremden Kinder, die ohne zu klingeln und ohne um Erlaubnis zu fragen plötzlich bei mir in der Küche stehen und sich nicht abwimmeln lassen. Auf die Anrufer, die mir mit unsinnigem Werbegeschwätz Zeit stehlen. Auf Leute, die mir irgend eine ehrenwerte Aufgabe aufschwatzen wollen, weil ich jetzt ja wieder mehr Zeit habe. Auf Telefontechniker, die anstatt ihrer Arbeit nachzugehen, mit mir über unsere Katzen quatschen wollen. Auf inhaltlosen Smalltalk beim Einkauf, weil gewisse Leute sich nicht mit einer kurzen Begrüssung und einem Nachfragen nach der Befindlichkeit zufrieden geben können. Auf Anrufer, die eigentlich „Meinen“ sprechen möchten, aber nicht daran denken, dass Lehrer am Vormittag gewöhnlich nicht zu Hause zu erreichen sind. 

Klar, das alles sind Kleinigkeiten, aber wenn mehrere von diesen Kleinigkeiten an einem Tag zusammenkommen, bin ich am Ende ebenso fremdbestimmt wie früher, als die Kinder noch keinen Augenblick ohne meine Anwesenheit zurechtkamen. Der einzige Unterschied ist, dass ich jene, die heute meine Zeit stehlen, nicht über alles liebe und deshalb alles für sie tun würde. Und darum werde ich einen Weg finden müssen, sie in die Schranken zu weisen. 

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Vielseitigkeit

An Tagen wie heute merke ich, dass ich eben doch vielseitiger bin, als mir bewusst ist. Ich kann nämlich:

  • Gute Miene zum bösen Spiel machen, wenn mir der Techniker mitteilt, er könne unsere Telefonleitung nicht reparieren, da müsse der Hauselektriker her. Sogar die bissige Bemerkung, auf eine solche Nachricht hätte ich nicht vier Tage warten müssen, kann ich mir verkneifen. 
  • Meinen ganzen Frust über einen vergeudeten Arbeitsmorgen – der nette Herr Techniker hat mich fast zwei Stunden vom Internet abgehängt – an hausgemachtem Kartoffelbrei auslassen.
  • Meinen Ekel überwinden und Kalbsschnitzel panieren. Ohne Handschuhe.
  • Den Hauselektriker anrufen und die Dame am Empfang ganz nett bitten, doch bald jemanden zu schicken, weil ich schon furchtbar lange ohne Telefon sei. Was daran so besonders ist? Nun, zuweilen gerate ich in Versuchung, meinen Frust an Unschuldigen auszulassen.
  • „Meinem“ technische Probleme aus dem Weg räumen, damit er heute Abend einen einwandfreien Vortrag halten kann. Okay, ob der Vortrag wirklich einwandfrei war, werde ich erst wissen, wenn er wieder zu Hause ist. 
  • Den Zoowärter ganz furchtbar ungerecht behandeln und ihn nie zu Wort kommen lassen. Dies zumindest seine Sicht der Dinge.
  • Mich dezidiert dafür einsetzen, dass der Zoowärter nicht immer unterbricht, wenn Karlsson mir von einer Begebenheit in der Schule erzählen will. Dies meine Sicht der Dinge.
  • Ungerührt dabei zusehen, wie der Elektriker den ganzen Wandschrank ausräumt, weil er nach langem Suchen herausgefunden hat, dass die kaputte Telefonleitung sich dort befindet.
  • Nicht in Tränen ausbrechen, wenn mir der Elektriker mitteilt, er habe soeben eine Telefonleitung entsorgt, die schätzungsweise aus den Dreissigerjahren des letzten Jahrhunderts stammt.
  • Meinen Kaffee lauwarm geniessen, weil ich gefühlte hundertmal davon abgehalten worden bin, als er noch heiss war.
  • Mir durchaus bewusst sein, wie dumm es ist, sich über das andauernde Klingeln des Telefons aufzuregen, wo ich doch unbedingt wollte, dass die Leitung so schnell als möglich wieder repariert wird. (War irgendwie ruhiger, als das Ding eine Woche lang stumm blieb.)
  • Karlsson beinahe ungerührt sagen, ich wüsste beim besten Willen nicht, wie ich ihn heute ins Nachbardorf chauffieren solle, wo ich doch das Haus voller Kinder hätte.
  • Den ganzen Tag mit einer Scherbe im Fuss rumlaufen und so rund, als würde es mir überhaupt nichts ausmachen, dass ich keine Zeit habe, mich darum zu kümmern.
  • Beinahe platzen vor Freude, weil sich sechs Schulkameraden dafür stark machen, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat mitspielen darf und damit bewirken, dass derjenige, der unseren Sohn ausschliessen wollte, sich freiwillig entschuldigt.
  • Der Katze ein übrig gebliebenes Kalbsschnitzel servieren, weil das Futter ausgegangen ist und sie so fürchterlich klagt.
  • Einem hinreissenden kleinen Mädchen sagen, sie dürfe heute leider nicht in unserem Garten spielen, weil ich vor lauter Kindern nicht mehr wüsste, wo mir der Kopf steht.
  • Einen kleinen Taugenichts, der im Vorbeigehen dem Prinzchen „Arschloch!“ zugerufen hat, so zusammenstauchen, dass alle seine Freunde finden, ich hätte voll und ganz recht und er solle sich beim nächsten Mal gefälligst anständig aufführen. 
  • Eine Dreijährige einen ganzen Nachmittag lang mehr oder weniger geduldig davon abhalten, sich aus meinem Blickfeld zu begeben und irgendwelche Dummheiten anzustellen.
  • Mit einem riesigen, geliehenen Auto durch die Gegend kutschieren und sogar dann ruhig bleiben, als einer meinen Vortritt missachtet und beinahe das riesige, geliehene Auto zu Schrott macht.
  • Einhändig bloggen, weil gerade eine kleine Katze auf meinem Arm schnurrt.
  • Trotz vieler weiterer Kleinigkeiten, die meinen Tag zu einem Dauerlauf im Hamsterrad gemacht haben, abends noch immer wissen, wie ich heisse, wo ich wohne und wie alt ich bin. (Hundertdreissig, wenn ich mich nicht irre.)

Ist doch gut, wenn einem das Leben ab und zu die eigene Vielseitigkeit vor Augen führt. Aber muss das alles unbedingt an einem einzigen Tag sein?

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