Rebellion

Erst dachte ich, es handle sich um einen einmaligen Fehltritt. Soll ja mal vorkommen, erst recht bei einem Teenager. Mit der Zeit aber zeichnete sich ab, dass es nicht bei diesem einen Fehltritt bleiben würde. Immer öfter widersetzte er sich dem, was wir von ihm erwarten, begann gar offen am Esstisch über unerhörte Dinge zu reden. Irgendwann musste ich der Tatsache ins Auge sehen: Karlsson rebelliert gegen das, was er von mir in die Wiege gelegt bekommen hat. Und er geniert sich nicht einmal, mir das ganz offen zu zeigen. Frech legt er mir eine mehr als genügende Mathearbeit nach der anderen zur Unterschrift vor und lässt mich allmählich daran zweifeln, ob wir wirklich miteinander verwandt sind.

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Ob sich das lohnt?

Die meisten Kinder haben wohl hin und wieder Bedenken, ob sich das mit dem Erwachsenwerden wirklich lohnt. Den einen graut davor, irgendwann so kleinkariert und langweilig zu werden wie ihre Eltern, andere möchten lieber nie so eine behaarte Brust wie Papa, manche finden die Vorstellung, nie mehr vollends im Spiel zu versinken ganz grauenvoll und es soll sogar welche geben, die schon im ganz zarten Alter ahnen, dass die Sache mit den Steuern nicht besonders toll ist. 

Auch Prinzchen macht sich vermehrt Gedanken über das Grosswerden. Manches – zum Beispiel die Vorstellung, Archäologe zu werden – beflügelt ihn. Anderes – der Gedanke, selber einmal Papa zu sein – ist für ihn gänzlich unvorstellbar. Und dann gibt es noch diese eine Sache, die ihn regelrecht anwidert: „Papa, muss ich auch solche Sachen machen, wenn ich mal gross bin?“, fragte er voller Entsetzen, als er „Meinem“ dabei zusah, wie er in der Küche einen neuen Verputz anbrachte. 

Nein, Prinzchen, das musst du natürlich nicht. Es sei denn, du wolltest eines Tages dieses Haus, das du gemeinsam mit deinen Geschwistern in Schutt und Asche zu legen versuchst, übernehmen.

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Alte Zöpfe?

Heute stellt sich ja die Frage, ob man sich überhaupt noch an die heiligen Tage halten soll. Oder muss man sagen: „Hört mal, Pankratius, Servatius, Bonifatius und Sophie, über lange Zeit habe ich euch geehrt und geachtet. Ich habe mich eurem harten Regime gebeugt und versucht, nach eurer Pfeife zu tanzen. Heute aber, in diesen klimaerwärmten Zeiten, erscheint es mir einfach nicht mehr zeitgemäss, mich auf euren Hokuspokus zu verlassen.“

Erlaubt es der Klimawandel, diesen alten Zopf abzuschneiden und die bedingt frostharten Pflänzchen schon ins Freiland lassen, oder fordert man mit diesem frevelhaften Tun die Eisheiligen geradezu auf, den Frost, der fast den ganzen Winter ausgeblieben ist, doch noch über den Garten hereinbrechen zu lassen? Soll man den gestrengen Heiligen nicht einfach eine lange Nase drehen und die Artischocken in den Boden buddeln? Man wäre ja blöd, würde man Wärme und Sonnenschein nicht jetzt schon nutzen…

Was aber, wenn es nun doch noch einmal kalt wird?

Na ja, dann hole ich eben die Deckäste wieder hervor, die noch vom Winter, der aus temperaturgründen abgesagt worden ist, herumliegen.

Und weil die Eisheiligen den Artischocken im wettergeschützten Halbrundbeet ohnehin nicht viel anhaben können, habe ich heute Nachmittag mutig gesagt: „Ihr könnt mich mal, Pankratius, Servatius, Bonifatius und Sophie!“ Mal sehen, wie die das hinnehmen…

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Kritisieren um des Kritisierens Willen

Man darf von mir aus gerne kritisch hinschauen bei der Schule. Tue ich ja auch. Einfach nur kritisch hinschauen, damit man etwas zum Schimpfen hat – so wie heute ein Vater am Besuchstag -, finde ich aber ziemlich daneben:

Die Stunde fängt an, die Hälfte der Klasse führt sich anständig auf, die andere sieht keinen Grund, sich in irgend einer Form auf Unterricht einzulassen. Warum auch? Ist ja kein Promotionsfach. Der Vater knurrt irgend etwas, das verdächtig wie „absolut unfähig, diese Lehrerin“ klingt. Irgendwann ist es dann doch halbwegs still im Zimmer, die Lehrerin erklärt, was zu tun ist und kommt dann nach hinten zu den Eltern.

„Was ist das Lernziel dieser Arbeit?“, fragt der Vater mürrisch. Die Lehrerin erläutert, unter welchem Oberthema das Ganze steht, in welche Arbeitsschritte die Aufgabe gegliedert ist, welche Fertigkeiten bei jedem einzelnen Arbeitsschritt im Zentrum stehen und welches Resultat am Ende erwartet wird. Ich bin beeindruckt. Ziemlich durchdacht, wenn man bedenkt, dass es sich um eines der „unwichtigen“ Schulfächer handelt.

Der Vater neben mir sieht das anders: „Und wie wollen Sie überprüfen, ob ein Schüler sein Ziel erreicht hat?“ Da die Arbeit in vier klar definierte Schritte gegliedert sei, könne sie ziemlich genau beurteilen, ob vom ersten bis zum letzten Schritt eine Entwicklung stattgefunden habe, erklärt die Lehrerin. Das Talent des Schülers falle bei dieser Arbeit weniger ins Gewicht als ein klar erkennbarer Versuch, das Gelernte umzusetzen. „Nach dieser Antwort wird er ja wohl zufrieden sein“, denke ich, aber natürlich irre ich.

„Was ist, wenn ein Kind gefehlt hat und deshalb weniger Zeit hatte für die Arbeit?“, will er wissen. Das werde bei der Beurteilung berücksichtigt, versichert die Lehrerin. Sie halte wenig davon, solche Arbeiten zum Fertigstellen mit nach Hause zu geben, denn dann trügen sie nachher meist die Handschrift der Eltern und das sei ja nicht das Ziel.

Ob der Vater nun endlich zufrieden ist? Vermutlich nicht, aber die Lehrerin hat jetzt keine Zeit mehr für weitere Fragen. Einige Schüler fühlen sich nämlich durch die Anwesenheit der Besucher erst recht dazu angestachelt, sich von ihrer herausforderndsten Seite zu zeigen und darum ist Einschreiten gefragt. Kaum ist die Lehrerin ausser Hörweite, fängt der Vater schon wieder an zu knurren: „Wie kann man der Fantasie bloss durch derart eng formulierte Lernziele solche Grenzen setzen?“

Wer war das nochmal, der vor fünf Minuten nach klar formulierten Lernzielen gefragt hat?

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Dinge, die ich in den letzten Tagen gelernt habe

  • Der Satz „Die Eltern kennen ihr Kind am besten“ gilt bei gewissen Ärzten nur, solange Mama und Papa mit ihrer Einschätzung auf ihrer Linie liegen. Allzu starke Abweichungen von der ärztlichen Meinung darf sich das elterliche Bauchgefühl nicht erlauben, sonst wird es schnell einmal schwierig.
  • Es gibt auf diesem Planeten mindestens einen Spitalclown, der so umwerfend komisch ist, dass er selbst meine miese Laune zu vertreiben vermag. Der Kerl hätte vermutlich sogar unserem Bundespräsidenten den Anflug eines Lächelns aufs Gesicht gezaubert. 
  • Manche Menschen fühlen sich offenbar durch ihren Titel dazu berechtigt, ein neunjähriges Kind in Abwesenheit seiner Mutter zu fragen, ob es manchmal so verzweifelt sei, dass es nicht mehr leben wolle. Bin mir immer noch unschlüssig, ob ich es dabei belassen soll, das verwirrte Kind wieder gerade zu rücken, oder ob ich doch eine bissige Rückmeldung geben soll. (Nein, drängt mich bitte nicht dazu. Das Erstgespräch war schon eher…na ja… schwierig und ich weiss nicht ob ich mich noch einmal auf so etwas einlassen mag.)
  • Trotz allem gibt es noch ein paar ganz anständige Ärzte da draussen, mit denen sich ein Konsens finden lässt. Vielleicht hat es geholfen, dass ich irgendwann gesagt habe: „Ich lechze nicht nach Ihrer Aufmerksamkeit, ich brauche auch nicht unbedingt eine Diagnose, ich will nur, dass es meinem Kind endlich wieder besser geht.“
  • Ich brauche wirklich keine Diagnose, um glücklich zu sein. Wenn man mich endlich halbwegs ernst nimmt und zumindest versucht, den festgefahrenen Pfad zu verlassen und einen neuen zu suchen, bin ich schon ganz zufrieden. Erst recht, wenn wir diesen Pfad mehrheitlich zu Hause weitergehen können und nicht mehr in diesem engen Zimmerchen eingesperrt bleiben müssen.
  • Wobei anzumerken wäre: In diesem engen Zimmerchen ist es sehr viel erträglicher, wenn es von zwei Grossfamilienkindern geteilt wird, die sich trotz drei Jahren Altersunterschied blendend verstehen. Dieser Zoowärter findet doch einfach überall, wo er hingeht, einen Freund, mit dem er sich schieflachen kann. 
  • Bauchschmerzen sind auch so ein Thema, zu dem jeder eine Meinung hat. Eine Meinung, die übrigens meist deckungsgleich ist mit der Meinung, die diese Person über Kopfschmerzen hat. 
  • Ich brauche jetzt ganz dringend ein paar Gartentage. Also, sobald ich die verpasste Arbeitszeit nachgeholt und den Haushalt wieder im Griff habe…

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Spitalmüde

Wieder diese endlosen Stunden im engen Spitalzimmer. Wieder die gleichen Untersuchungen – Blut, Urin, Stuhl, Abtasten, Ausfragen – wie schon zig mal in den vergangenen Wochen. Wieder zum Ultraschall beim gleichen Arzt, der spitz bemerkt, man müsse vielleicht mal eine andere Untersuchungsart wählen, wenn die Schmerzen bleiben, die Ursache sich aber mit dem Schallkopf nicht finden lässt, gerade so, als wären wir Eltern diejenigen, die ihn dazu verdonnert haben, noch einmal das Gleiche zu machen. Wieder dieses teilnahmslose „Okay, wir nehmen das zur Kenntnis“, wenn wir sagen, dass der Zoowärter die Schmerzen manchmal kaum mehr aushält, aber halt doch lieber auf die Zähne beisst, wenn ein Fremder sich seinen Bauch ansieht. Wieder diese suggestiven Fragen, ob es ihm denn gefalle in der Schule und ob er sich wirklich sicher sei, dass er gute Freunde habe. Wieder dieses Gefühl, in einer Schublade eingeordnet zu sein, aus der man uns nicht mehr rauslässt, ganz egal, was wir sagen und erklären. 

Gerade so, als hätten wir nichts Besseres zu tun, als ein paar Ärzte auf Trab zu halten, weil uns ja sonst so langweilig wäre. 

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Karlsson-freies Osterwochenende

Das ist einfach nicht fair. Den anderen wird das Geld in den Hintern geschoben und mir knöpfen sie noch den letzten Rest ab. Während bei ihnen jeder investierte Rappen ein Mehrfaches an Gewinn bringt, schreibe ich einen Verlust nach dem anderen. Als ob das nicht schlimm genug wäre, regnet das Glück in Strömen auf sie hinab, meine Pechsträhne aber will kein Ende nehmen. Der kleinste Hoffnungsschimmer auf bessere Zeiten erlischt sogleich, wenn wieder irgend so ein Abzocker daherkommt und mit fiesem Grinsen eine unverschämte Forderung stellt, der ich natürlich umgehend nachkommen muss, ganz egal, wie klamm ich bin. Sollte mir das Glück doch einmal einen Augenblick lang hold sein, schlägt das Schicksal einen miesen Haken und ich stehe schlechter da als zuvor. Am Ende weiss ich nicht mehr, ob ich heulen oder ausrasten soll. 

Ich hasse es, wenn „Meiner“ und ich mit Luise Monopoly spielen müssen, damit sie die Karlsson-freien Ostertage irgendwie übersteht. 

  

So schlimm sind sie gar nicht, die kleinen Monster

Hört man sich ein wenig um, wie die Kinder von heute so sind, könnte man glauben, sie seien allesamt gefühllose, verwöhnte Monster, die beim Spielen sinnentleerter Games allmählich verblöden und nichts als Konsum und Mobbing im Kopf haben. Natürlich gibt manche, die sich in diese Richtung bewegen, ein paar Beispiele aus dem Leben unserer Kinder lassen aber auch vermuten, dass es ganz so schlimm nicht sein kann mit der heutigen Jugend:

  • Prinzchen und seine Schulfreunde liegen sich derzeit in den Haaren, weil jeder behauptet, er sei als einziger in der Lage, an einem Tag ein ganzes Buch zu verschlingen, was die anderen natürlich nicht glauben wollen. Wenn sie fertig gestritten haben, versuchen sie, einander gegenseitig mit ihrem grossen Allgemeinwissen zu übertrumpfen. Natürlich ist das nicht besonders nett, aber allzu verblödet kommen mir diese Erstklässler nicht vor.
  • Seitdem der Zoowärter mit seinen Bauchschmerzen zu Hause ist, klingelt es öfter mal um die Mittagszeit an unserer Tür. Kinder, von denen ich teilweise nicht mal den Namen kenne, weil sie noch nie zum Spielen bei uns waren, fragen mich, wie es ihm denn geht, ob sie ihn mal besuchen dürfen und wann er endlich wieder zur Schule komme, es sei so langweilig ohne ihn. Schafft er es mal, für ein paar Stunden den Unterricht zu besuchen, jubeln seine Freunde, das sei der schönste Tag der Woche. Zwei oder drei Mädchen – in diesem Alter ja nicht gerade interessiert an doofen Jungs – liessen sich sogar dazu hinreissen, den Brief, den sie ihm alle zusammen geschrieben haben, mit Herzchen zu unterschreiben. Alles andere als gefühllos also, diese Knöpfe.
  • Der FeuerwehrRitterRömerPirat, an dem Luise seit einiger Zeit kaum ein gutes Haar lässt, bastelt im Werkunterricht für seine Schwester in liebevoller Kleinarbeit ein schillerndes Osterei, das er ihr als verspätetes Geburtstagsgeschenk überreicht. So schön ist es geworden, dass sie gar nicht anders kann als zu erkennen, wie sehr der nervige jüngere Bruder sie insgeheim mag. Sie haben eben doch ein Herz, diese kleinen Monster.
  • Luise ist im Moment eigentlich alles andere als gut zu sprechen auf die zwei Menschen, die sie gezeugt haben. Dennoch sind wir ihr ganz und gar nicht egal. „Ich sehe doch, dass du traurig bist, also sag nicht, es sei nichts, wenn ich dich frage, was los ist“, raunzte sie neulich und brachte mich dazu, ihr, die ja laut der gängigen Meinung über die Jugend von heute nur an ihrem Smartphone und der neuesten Jeans interessiert sein dürfte, mein Leid zu klagen. (Okay, ich geb’s zu, ich musste mich ganz schön kurz fassen zwischen all den Nachrichten, die in der Zeit auf ihrem Handy eingegangen sind, aber sie hat mir tatsächlich zugehört.)
  • Die Jugendlichen, die gelegentlich bei uns ins Haus kommen, um mit Karlsson an Schulprojekten zu arbeiten, sind so anständig, nett und fleissig, dass ich mich in ihrer Gegenwart wie ein vergammelter Hippie fühle, der ganz dringend sein Leben in den Griff kriegen und seine Höhle aufräumen müsste. (Bis jetzt ist es mir zum Glück noch gelungen, sie mit Selbstgebackenem daran zu hindern, mir das Sozialamt auf den Hals zu hetzen.)

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Nicht mehr die gleiche Zielgruppe

Da „Meiner“ und ich fast auf den Tag genau gleich alt und schon mehr als das halbe Leben miteinander unterwegs sind, haben wir nicht nur viele entscheidende Schritte – Matura, Berufswahl, erwachsen werden, …- gemeinsam unternommen, wir gehörten offenbar auch über viele Jahre der gleichen Zielgruppe an. Die Banken bewarben sich um die Anlage unseres nicht vorhandenen Vermögens, die Versicherungen bemühten sich darum, Dinge, abzusichern, die sich in Wirklichkeit nicht absichern lassen, alle anderen führten uns in den schillerndsten Farben vor Augen, was wir für unser Glück und das Glück unserer Kinder so alles brauchen. Nur ganz selten einmal kam es vor, dass sie uns mit unterschiedlichen Strategien zu bezirzen versuchten und einmal bestand der Kerl, der uns ein „Weltwoche“-Abo aufschwatzen wollte, doch tatsächlich darauf, das „Nein“ aus dem Munde meines Herrn Gemahl zu vernehmen, ehe er von uns abliess, doch das erstaunt bei diesem Blatt ja nicht wirklich. Im Grossen und Ganzen aber hatten sie in ihren Bemühungen, uns das Geld aus dem Sack zu ziehen, uns gemeinsam im Visier.

Seitdem wir – natürlich wieder fast gleichzeitig – die Vierzig überschritten haben, fahren die Werber nun aber plötzlich getrennte Strategien. „Meiner“ ist jetzt offenbar in dem Alter angekommen, in dem man von Männern erwartet, sich um ihre Gesundheit zu sorgen. Fast täglich landen an ihn adressierte Gesundheitsbroschüren und Bettelbriefe, in denen er gebeten wird, doch bitte einen Beitrag zur Erforschung einer seltenen Krankheit zu leisten, im Briefkasten. Damit er auch ganz sicher etwas springen lässt, versucht man, ihn mit Lupen, Tischkalendern, Kugelschreibern und anderem Kram zu ködern. Mir hingegen wird gar nichts geschenkt, ich bekomme nur plötzlich haufenweise Kataloge, die von vorne bis hinten voll sind mit sündhaft teuren geblümten und gerüschten Dingen, mit denen ich mein trautes Heim auf meine alten Tage hin hübsch herrichten soll. Also nichts mehr mit gleicher Zielgruppe. Während er sich gefälligst um seine Gesundheit kümmern soll, wird es für mich Zeit, mir einen romantischen Mikrokosmos aufzubauen, in dem ich irgendwann mit dem pastellfarbenen Hintergrund verschmelzen würde, so ich denn  endlich einsichtig wäre und mich meinem hohen Alter entsprechend dezent pastellfarben kleiden würde. 

Ach ja, da ist noch so eine Sache, in der wir nicht mehr ganz gleich sind, „Meiner“ und ich. Während er zuweilen doch tatsächlich noch als „jung und gut aussehend“ bezeichnet wird, hat man mir heute – unter wortreichen Beteuerungen, ich sei natürlich noch längst nicht alt – eine Brille mit einer Vorstufe von Gleitsichtgläsern verkauft. 

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Verstaubt

Als sie neun war, war sie über alle Massen beeindruckt von Facebook. So viel Privates über so viele Menschen, die sie ja auch irgendwie kannte, war für sie, die ein ausgesprochen sozialer Mensch ist, unglaublich spannend.

Als sie zehn war, liess sie keine Gelegenheit aus, mein Facebook-Profil zu durchforsten,  sich durch die Fotos meiner Freunde zu klicken und manchmal in meinem Namen ein „gefällt mir“ zu hinterlassen, wo ich keines hätte hinterlassen wollen.

Als sie elf war, war sie der festen Überzeugung, es werde nun allmählich Zeit, dass sie auch dabei sein darf. Hätten wir es nicht ausdrücklich verboten, sie hätte sich wohl ganz ohne unsere Hilfe ein Profil angelegt. 

Kurz vor ihrem zwölften Geburtstag kam es zu einem erbitterten Streit mit Karlsson, weil sie sich selber die Erlaubnis erteilte, bei Instagram mitzumachen und natürlich kam in diesem Zusammenhang wieder die Frage auf, warum wir kleinkarierten Eltern nicht dazu bereit waren, ein Auge zuzudrücken, um ihr einen verfrühten Einstieg bei Facebook zu gestatten.

Inzwischen ist sie dreizehn und jetzt, wo sie endlich dürfte, käme es ihr nicht im Traum in den Sinn, bei Facebook mitzumachen. Ist doch alles längst Schnee von gestern. Abgesehen von den verstaubten Alten, die sich über Kochrezepte, Erinnerungen an längst vergangene Tage und Politik austauschen, treibt sich doch kein Mensch mehr dort rum.

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