Piano, wenn ich bitten darf!

Die erste Frage des Tages: „Meinst du, es ist noch zu früh, um Klavier zu spielen?“ – „Ja, meine ich. Es ist gerade mal Viertel vor sieben.“ Ein enttäuschtes „Okay“, dann bricht „Je ne regrette rien“ nach nur zwei oder drei Takten ab. 

Mittags ist meist das Prinzchen zuerst. Wohnungstür auf, Jacke und Leuchtsteifen in die Ecke und ab ans Klavier. Improvisationen, verziert mit Bruchstücken von „My heart will go on“, „Du käre lilla snickerbo“ und „Freude schöner Götterfunken.“ Mit Verve haut unser Jüngster in die Tasten, bis plötzlich ein empörter Karlsson in der Tür erscheint. „Lass mich, ich durfte heute Morgen schon nicht!“ Kurzes Gerangel, lautes Geheul, dann endlich das am Morgen unvollendet gebliebene „Je ne regrette rien“, gefolgt von „Milord“, wenn ich nicht vorher zum Essen rufe. 

Mit etwas Glück schaffe ich es, meinen Teller leer zu essen, ehe Karlsson schon wieder mit der Piaf loslegt. Was ja nicht so schlimm wäre, stünde das Klavier nicht gerade mal zwei Meter neben dem Esstisch. Besonders lustig wird es, wenn „Meiner“ etwas später zum Mittagessen kommt. Dann sitzen wir einander gegenüber und brüllen uns gegenseitig an, um wahlweise unseren Ältesten oder unseren Jüngsten zu übertönen. Und wehe, wir bitten um Ruhe. Dann sind wir Kunstbanausen, Spielverderber oder einfach nur doof. 

Eigentlich ist „Meiner“ aber ohnehin nicht berechtigt, dem Spiel ein Ende zu setzen. Ist unser altes, verstimmtes Klavier nämlich ausnahmsweise mal frei, traktiert er das arme Ding mit alten Weisen aus dem Bündnerland und zwar nicht minder laut als seine Söhne. So begehrt ist das Instrument inzwischen, dass meine Gehörgänge zu rebellieren anfangen. Sie beklagen sich, ich hätte damals, als wir die Wohnung umstellten, darauf bestehen sollen, das Klavier in einem entlegenen Winkel der Wohnung zu platzieren.

Man muss sie auch verstehen, meine Gehörgänge. Sie haben zwar ganz und gar nichts gegen den musikalischen Eifer unserer Familienmitglieder, aber sie würden es schon bevorzugen, wenn die Lieben „the piano“ spielen würden und nicht „il pianoforte“.

Irgendwo muss sich die italienische Herkunft halt auch Ausdruck verschaffen. 

le maquillage; prettyvenditti.jetzt

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Sommersätze, die mir jetzt schon aus dem Hals hängen

„Endlich Sommer!“ – Na ja, ein Satz ist das ja eigentlich nicht, aber es nervt trotzdem. Was habt ihr, die ihr das bei jeder Gelegenehit sagt, eigentlich gegen den Fühling, den Herbst und den Winter? Die haben doch auch eine Daseinsberechtigung.

„Hurra, es ist wieder Grillzeit!“ – Na und? Wer gerne grillt, greift im Laden auch ohne diese dauernde Erinnerung zu Wurst und Steak. Und wer nicht gerne grillt – so wie ich – kaut für den Rest des Sommers bei jeder Einladung auf einer verkohlten Aubergine rum, weil die Leute inzwischen glauben, im Sommer sei es bei Strafe verboten, nicht gegrilltes Essen zu servieren.

„Wenn es bloss nicht immer regnen würde.“ – Erstens regnet es nicht immer. Zweitens wäre ohne Regen bald einmal alles braun und staubig. Und drittens hört man diesen Satz inzwischen sogar an Tagen, an denen kein einziger Tropfen fällt, aber halt leider Gottes zwei oder drei Wölklein vor der Sonne stehen.

„Wenn er denn überhaupt kommt, der Sommer.“ – Himmel, begreift ihr denn nicht? Der Sommer ist da, nur führt er sich vielleicht anders auf, als es euch passt. Könnt ihr den armen Sommer denn nicht einfach nehmen, wie er ist?

„Mir ist es abends halt einfach zu hell.“ – Ja, ja, und im Winter ist es dir zu dunkel, im Herbst zu nass, an Weihnachten zu wenig weihnächtlich und im Frühling zu windig. Hauptsache, man kann sich über etwas beklagen.

boring; prettyvenditti.jetzt

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Wunschliste

Eine treue Leserin hat mich gebeten, eine Wunschliste mit erwünschtem, alltagstauglichem Lehrerverhalten zu erstellen. Eine Bitte, der ich gerne nachkomme, obschon ich mich dabei auf dünnes Eis begebe, lebe ich doch selber mit einem Lehrer unter einem Dach. Ich muss also aufpassen, was ich sage… Bevor ich loslege, möchte ich noch die folgende Bemerkung vorausschicken:

Grundsätzlich bin ich der Lehrerschaft sehr wohlgesinnt und ich habe grossen Respekt vor einer Arbeit, die ich selber nie, aber auch wirklich gar nie, länger als drei Tage am Stück ausüben könnte, ohne in der Klapsmühle zu landen. Solange jemand die Kinder wirklich mag und in seinem Beruf mehr sieht als nur lästige Pflichterfüllung, fresse ich ihm oder ihr aus der Hand. Wisst ihr, was ich zu meinen Kindern sage, wenn sie sich bei mir über eine solche Lehrperson beklagen wollen? Ich sage: „Okay, das war vielleicht etwas ungeschickt von ihr/ihm. Aber die Frau/der Mann leistet unglaublich gute Arbeit, hat ein Herz aus Gold und schlägt sich den ganzen Tag mit dir rum, ohne sich zu beklagen. Also beklag dich nicht über sie/ihn.“ (Wenn die Liebe zu Kindern und Job nicht da ist, ist das natürlich eine ganz andere Geschichte, aber wir tun heute mal so, als gäbe es diesen Fall nicht.)

Um den Lehrpersonen mit Herz die Arbeit zu erleichtern, präsentiere ich im Folgenden also meine Wunschliste. (Die anderen dürfen natürlich auch mitlesen, aber wie ich in den vergangenen Jahren erfahren habe, sind denen meine Wünsche so ziemlich egal.) 

  • Schluss mit diesem Zettelkrieg! Himmel, wir leben im 21. Jahrhundert, alle haben Internet und kaum einer verbringt so viel Zeit am Smartphone wie wir Eltern. Also bitte, bitte, bitte liebe Lehrer tragt eure Infos täglich auf der Homepage eurer Schule ein, wo wir sie zu jeder Tages- und Nachtzeit abrufen können. Die Hausaufgaben könnt ihr auch gleich dort bekannt geben, unsere Kinder notieren sich ohnehin immer nur die Hälfte. Für die ganz wenigen Familien, die noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen sind, könnt ihr die Infos ja noch ausdrucken („Print Screen“), aber wir anderen wären ganz schrecklich dankbar, wenn nicht immer so furchtbar viel Papier ins Haus flatterte.
  • Wo wir schon bei den Infos sind: Bitte denkt daran, dass wir Eltern nicht den ganzen Tag untätig zu Hause sitzen und darauf warten, bis ihr uns eine Anweisung gebt. Wollt ihr also auf Schulreise gehen, könnt ihr uns dies nicht erst am Vortag, vorzugsweise am späten Nachmittag, mitteilen. Wenn unsere Kinder verreisen, müssen wir Essen einkaufen. Wir müssen Instrumentallehrer und Sporttrainer ins Bild setzen. Wir müssen unseren Chefs sagen, dass es etwas später wird, weil unser Kind später als üblich aus dem Haus geht. Wir müssen die Betreuungseinrichtung informieren, dass das Kind nicht kommt. Und dann gibt es noch so unverbesserliche Vendittis, die das ganze Haus nach Wanderschuhen in der richtigen Grösse absuchen müssen. All das braucht Zeit, die wir nicht mehr haben, wenn wir erst in letzter Sekunde erfahren, wohin es geht und was es dazu braucht. Das gleiche gilt übrigens für alle anderen ausserordentlichen Veranstaltungen wie Schulfeste, Sporttage, Theateraufführungen, etc.
  • Ich flehe euch auf Knien an: Arbeitet mit uns Eltern an einer Lösung für das „Der Schulweg ist nicht Sache der Schule“-Problem. Mobbing beginnt oft auf dem Schulweg und findet nur schleichend den Weg ins Klassenzimmer. Experten raten uns Eltern ja, wir sollten uns nicht einmischen, weil das Kind sonst noch mehr leidet. Wie aber sollen wir uns raushalten, wenn die Schule schulterzuckend sagt: „Ach so, das ist auf dem Schulweg vorgefallen? Na, dann ist das aber nicht unser Problem.“ Es ist sehr wohl euer Problem, genau so, wie es unser Problem ist, denn unser beider Arbeit wird erheblich erschwert, wenn ein Kind leidet. 
  • Kommen wir zu den Hausaufgaben: Müssen die so sein, wie sie jetzt sind? Ich meine, inzwischen weiss man ja, dass sie nur selten wirklich sinnvoll sind und nur wenig zum Lernprozess beitragen. Wie wär’s, wenn ihr den Kindern nur noch dann Hausaufgaben aufgebt, wenn ihr auch wirklich ein klares pädagogisches Ziel damit verfolgt? Stunde um Stunde füllen unsere Kinder Blätter aus, ohne je den Sinn dahinter zu begreifen. Stunde um Stunde korrigiert ihr diese Blätter, ohne je einen wirklichen Lernfortschritt zu erkennen. Ich will ja nicht gleich das ganze System revolutioniert sehen, aber wie wär’s wenn ihr euch auf der Lehrerfortbildung mal mit den Gedanken der Querdenker auseinandersetzet? Die liefern meist wertvollere Impulse als die weltfremden Schreibtischtäter in den Bildungsdepartementen.  
  • „C‘ est le ton qui fait…“: Glaubt mir, liebe Lehrer, ich weiss, wie sehr einen Kinder an den Nerven zerren können und auch bei mir kommt es ziemlich schief raus, wenn ich überreizt bin. Ich erwarte also keineswegs, dass ihr andauernd nur mit Säuselstimme Liebesbezeugungen von euch gebt, wenn euch die Blagen auf den Nerven herumtanzen. Wenn die Kinder aber mit schlotternden Knien zum Lehrerpult kommen und die Eltern beim Besuchstag strammstehen, dann stimmt etwas nicht mehr. Nur sparsam angewendet entfaltet der Kasernenhofton seine volle Wirkung. (Wie, ihr meint, ich könnte doch gar nicht wissen, wie ihr im Unterricht mit den Schülern redet, ich sei ja gar nicht da? Glaubt mir, die Stimmung unserer Kinder ist ein exaktes Messinstrument, auf dem ich bei der Heimkehr sehr genau ablesen kann, wie das Klima im Klassenzimmer war.)
  • Schulleitbilder: Ich weiss, ihr habt manche quälende Sitzung über euch ergehen lassen, bis das Papier endlich stand, vielleicht habt ihr euch wegen des einen oder anderen Punkts sogar ernsthaft mit eurer störrischen Kollegin überworfen und jetzt wollt ihr nie wieder etwas von diesem elenden Leitbild hören. Ich muss euch dennoch bitten, die Sache noch einmal zu überarbeiten. Warum nicht fünf, sechs Punkte, an denen man mit den Schülern auch wirklich arbeiten kann, anstelle dieses endlosen Katalogs, den doch keiner umsetzen mag, weil man sich schon längst nicht mehr dran erinnern kann, was alles drinsteht?  
  • Diese Einträge… Ich habe mir ja lange überlegt, ob ich es überhaupt noch einmal erwähnen soll, wo ich mich doch schon mehrmals ausführlich darüber ausgelassen habe, zum Beispiel hier. Eines muss ich aber zu dem Thema doch noch loswerden: Ich werde über jeden Fetzen Papier, den mein Kind zu Hause vergessen hat, ins Bild gesetzt und muss unterschreiben, dass ich die Sache zur Kenntnis genommen habe. Geht es meinem Kind aber wirklich dreckig, weil es in der grossen Pause angespuckt worden ist, oder weil es andauernd von den gleichen drei Kindern aufs Übelste gehänselt wird, herrscht grosses Stillschweigen. Nicht fair. Mehr kann ich dazu nicht sagen, es schmerzt zu sehr. 
  • Nach diesem Punkt ist Schluss, versprochen, aber der muss noch sein: Gruppen wählen im Sportunterricht. Muss ich euch wirklich dran erinnern, wie es sich angefühlt hat, immer der Letzte zu sein, der gewählt wurde? Ach so, ihr könnt euch ja gar nicht erinnern, wie das war, denn ihr habt wohl zu denen gehört, um die man sich beim Bilden der Teams geprügelt hat. Sonst hättet ihr schon längst begriffen, dass diese Art der Gruppenbildung verboten gehört. 

Jetzt, wo ich mir das von der Seele geschrieben habe, bleibt mir nur noch eins, nämlich den Lehrerinnen und Lehrern zu danken, die es gar nicht nötig haben, solche Wunschlisten durchzulesen, weil sie es einfach im Blut haben, die Kinder anständig zu behandeln. Solche Lehrer gibt’s,  und einige meiner Kinder haben sogar das grosse Glück, bei ihnen zur Schule zu gehen. 

power; prettyvenditti.jetzt

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Vor den Sommerferien…

  • Schulreiseproviant rechtzeitig einkaufen, aber nicht so früh, dass sich irgend ein Ausgehungerter sich darüber hermacht, wenn keiner hinschaut.
  • Instrumentallehrer frühzeitig vorwarnen, dass das Kind vielleicht auf Schulreise sein wird und dann im letzten Moment wieder dran denken, Bescheid zu geben, dass die Reise ins Wasser fällt und darum für die Instrumentallehrer bedeutungslos ist. 
  • Lehrer über den Arzttermin informieren, der leider während der Schulzeit stattfindet, was dir aber insgeheim gar nicht leid tut, weil es ja nicht deine Idee war, den Schülern in regelmässigen Abständen diese gelbe Ärztekarte abzugeben, die kurz vor Schuljahresende wieder zurück beim Lehrer sein muss und weil Kinderärzte dünn gesät sind, musst du eben die Termine nehmen, die man dir anbietet. (Und auf gar keinen Fall vergessen, die Ärztekarte zur Ärztin mitzubringen, ausfüllen zu lassen und wieder in die Schule mitzugeben, denn nur darum gehst du ja zur Ärztin, wenn die Kinder gar nicht krank sind.)
  • Blätter sammeln. Ein Mäppchen für Stundenpläne und Lehreradressen, die erst nach den Sommerferien relevant sein werden. Ein Stapelchen für Schulreisezettel, die dann doch wieder unauffindbar sind, wenn du wissen willst, wann du dein Kind abholen musst, weshalb es irgendwann mit vorwurfsvollem Blick in der Küche steht und wissen will, warum du die einzige Mama warst, die nicht am Bahnhof gewartet hat. Ein Stapelchen mit den Anweisungen für das Schulhausfest. Den Läusezettel aber, den lässt du gleich im Altpapier verschwinden. Erstens, weil du ganz und gar nicht gewillt bist, dich noch einmal auf Läuse einzulassen und zweitens, weil du inzwischen sämtliche Tricks, die sie dir noch verraten wollen, getestet und als untauglich verworfen hast. 
  • Mindestens einen halben Tag lang den kommenden Samstag (Schulhausfest) auf die Sekunde genau planen, weil Kind Nr. 5 sein Essen pünktlich um halb zwölf unter Aufsicht der Lehrperson einnehmen muss und genau dann wieder in deine Obhut entlassen werden soll, wenn Kind Nr. 3 in einem anderen Winkel des Geländes erwartet wird und Kind Nummer 4 zum Essen unter Obhut der Lehrperson erscheinen soll.  (Das ist nur ein winzig kleiner Ausschnitt aus dem Tagesprogramm.) Okay, ich weiss, drei von fünf sollten das allmählich alleine können, aber das Programm muss trotzdem in deinem Kopf abgespeichert sein, falls einer einen wichtigen Einsatz (z. B. Essen fassen) verpasst und deswegen heulend und hungrig dasteht. 
  • Irgendwie dafür sorgen, dass jedes Kind, das wegen eines Lehrerwechsels heimlich noch irgend einen Beitrag zum Klassengeschenk fertigstellen muss, diesen Beitrag auch wirklich rechtzeitig fertigstellt. (Und peinlich berührt erfahren, dass eines deiner Kinder, von dem du geglaubt hast, es hätte dies bereits getan, den Beitrag im Schulsack vergessen hat. Nein, du willst nicht wissen, in welchem Zustand dieser Zettel nach vier Tagen Schulsackaufenthalt ist.)
  • Endlich entscheiden, ob du allen Lehrpersonen, von denen sich deine Kinder Ende Schuljahr verabschieden, eine kleine Aufmerksam schenken sollst, oder nur jenen, die es auch verdient haben, die sich auch darüber freuen werden. 
  • Daran denken, wer wann Abschiedsfest oder sonst ein Spezialprogramm hat und deshalb nicht zum Mittagessen nach Hause kommt, damit du a) nicht andauernd zu viel kochst und b) nicht jeden Tag um Viertel nach zwölf wie ein kopfloses Huhn durchs Quartier rennst und nach deinen verloren geglaubten Kindern suchst. 

Und bitte auf gar keinen Fall alle diese Dinge durcheinanderbringen. 

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Generationenfragen

Meine Tageszeitung meldet, mehrtägige Schulreisen und Klassenlager würden immer öfter im Hotel mit Voll- oder Halbpension gebucht. Vorbei seien die Zeiten, als man in einer einfachen Behausung nächtigte, selber kochte und  in unfair zusammengestellten Gruppen den schmutzigen Geschirrbergen zu Leibe rückte. Ein bedauernswerter Umstand, finde ich, der einen über ganz verschiedene Dinge nachdenken liesse.

Man könnte zum Beispiel feststellen, dass jene, die sich früher für eine ganze Woche aus ihrem Alltag verabschiedeten, um in einer schlecht ausgerüsteten Lagerhausküche warme Malzeiten zuzubereiten, heute meistens irgendwo in Lohn und Brot stehen und darum kaum eine ganze Ferienwoche opfern, um sieben Tage lang dreissig hungrige Mäuler mit Riz Casimir, Spaghetti Bolognese und Toast Hawaii zu stopfen. Na ja, vielleicht stehen sie auch gar nicht selber in Lohn und Brot, sondern hüten einfach an drei Tagen die Woche die Kinder ihrer Kinder, damit diese in Lohn und Brot stehen können. Man stelle sich einmal vor, was mit dem ohnehin schon fragilen innerfamiliären Betreuungssystem geschähe, wenn sich Oma und Opa für ein paar Tage ins Klassenlager verabschiedeten. Und überhaupt, hätten irgendwelche Mütter oder Väter noch die Zeit zum Helfen, würden sie als Gegenleistung für ihren Einsatz am Ende noch bessere Noten für den Nachwuchs fordern. Auf eine solche Hilfe verzichten die Lehrer dann doch ganz gerne, vielen Dank auch. Aber wie steht’s eigentlich mit den Studenten? Die haben doch früher während der Semesterferien ganz gerne… Semesterferien? War da mal was?

Es liesse sich auch darüber sinnieren, ob es überhaupt noch einen Unterschied macht, ob man in der Jugendherberge oder im Hotel absteigt. Den Abwasch erledigt inzwischen an beiden Orten das Personal, beim Übernachtungspreis muss man den Unterschied schon längst mit der Lupe suchen. Ganz Verwegene wagen vielleicht sogar, sich daran zu erinnern, dass doch die Wohngemeinde früher mal diese Gruppenunterkunft in diesem abgelegenen Tal im Bünderland hatte, die dann aber bei der vorletzten Sparrunde dem Rotstift zum Opfer gefallen ist. Ach, und wo wir schon beim Sparen sind: Wie hoch ist nochmal der Gemeindebeitrag ans Klassenlager? Reicht der noch, um der Köchin zum Dank ein kleines Taschengeld zu spendieren, oder käme es dann doch günstiger in diesem Hotel mit Halbpension? 

Wahrlich viele Fragen, denen man in diesem Zusammenhang nachgehen könnte. Was der Journalist ansatzweise auch tut. Aber erst, nachdem er die Frage stellt, welche die Mehrheit der wenigen verbliebenen Zeitungsleser wohl noch immer am allerliebsten liest: „Sind unsere Kinder zu verwöhnt?“ 

Ist ja klar. Wenn es anstatt ins Lagerhaus ins Hotel geht, dann liegt das an den Kindern. Und nicht etwa an der Generation, die diese Kinder gezeugt und gross gezogen hat. 

happiness; prettyvenditti.jetzt

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Nicht systemkonform

Okay, diese Gesichtserkennungsdinger sind ja ganz praktisch, wenn man mal ein wenig Ordnung in die endlose Sammlung an Digitalbildern bringen will. Manchmal verwechselt der Computer zwar den FeuerwehrRitterRömerPiraten mit dem Zoowärter, aber das passiert Menschen, die die beiden nicht so gut kennen, auch hin und wieder. Zuweilen hält er auch Karlsson für mich und mich für Karlsson, aber auch das ist nicht weiter verwunderlich, musste sich der arme Karlsson doch schon öfters anhören, er sei mir wie aus dem Gesicht geschnitten. Einmal hat der Computer sogar den kolossalen Fehler begangen, Zoowärters beste Freundin für eins von unseren Kindern – ich glaube, es war das Prinzchen – zu halten, aber alles in allem läuft das wirklich ganz gut mit dem Einordnen der verschiedenen Vendittis. Einzig mit „Meinem“ scheint das System seine liebe Mühe zu haben. Es hat doch tatsächlich geglaubt, ihn in diesem Bild hier wieder zu erkennen: 

"Meiner", wie ihn der Computer sieht

„Meiner“, wie ihn der Computer sieht

Na ja, „Meiner“ ist halt nicht immer ganz systemkonform. 

Schlafverschwendung

Früh aufstehen ist eine Qual, darin sind wir uns hoffentlich einig. (Nein, bitte lasst es mich NICHT wissen, wenn ihr das anders seht. Es würde meinem positiven Bild, das ich von euch da draussen habe, einen schlimmen Kratzer verpassen und ich weiss nicht, ob ich eure Kommentare danach noch freundlich beantworten könnte.) Also, früh aufstehen ist eine Qual und jede Sekunde, die man länger im Bett bleiben darf, ist ein kostbares Geschenk, das es mit Schnarchen und Kuscheln gebührend zu würdigen gilt. Lässt man seine Knöpfe also jeden Morgen so lange schlafen, wie es nur irgend möglich ist, ohne dass sie zu spät zur Schule kommen, erweist man ihnen einen wunderbaren Dienst, für den sie einem gefälligst auf den Knien danken sollen. 

So sehe ich das und darum war meine Erklärung für das allmorgendliche „Ich will nicht zur Schule“-Theater, das uns der FeuerwehrRitterRömerPirat seit Jahr und Tag aufführt, naheliegend: Das Kind hasst die frühen Morgenstunden ebenso sehr wie ich. Lassen wir ihn also so lange schlafen, wie es nur geht, dann kommt das schon gut. Es kam…na ja, wie soll ich sagen? Nicht so gut. Immer nur antreiben, mit Belohnungen ködern, drohen, neben ihm sitzen, damit er sich endlich anzieht… Das volle Programm, das im Erziehungsratgeber allerhöchstens unter der Rubrik „Auf gar keinen Fall so!“ auftaucht. Ein elender Teufelskreis, aus dem wir alle erst ausbrechen konnten, als „Meiner“ beschloss, nicht mehr mitzuspielen.

„Dann sieh doch selber, wie du in die Schule kommst“, sagte er eines Tages und weckte den Jungen fortan frühmorgens um sechs, also ganze neunzig Minuten bevor er aus dem Haus muss. (Wenn ihr mich fragt, grenzt so etwas an Kindesmisshandlung, aber mich fragt ja mal wieder keiner…) Und was tat unser bis anhin so störrische Dritte? Trödelte am Frühstückstisch. Trödelte beim Anziehen. Trödelte auf dem Sofa rum. Trödelte beim Zähneputzen. Trödelte neunzig Minuten lang fröhlich vor sich hin (und zog sich dabei mein „GEO Epoche“ über die RAF rein, weshalb er mich jetzt andauernd nach Menschen fragt, die er sich auf gar keinen Fall zum Vorbild machen soll). Trotzdem war er früher aus dem Haus als je zuvor, aufgedreht und fröhlich wie sonst noch nicht mal am ersten Schultag.

Bedenklich, finde ich, aber ich muss wohl lernen, damit zu leben, dass es Menschen gibt, die fröhlich auf fünfundvierzig Minuten kostbaren Schlafes verzichten, nur um eine geschlagene Viertelstunde damit vergeuden zu können, sich zwei Socken über die Füsse zu ziehen. 

l' heure bleue; prettyvenditti.jetzt

l‘ heure bleue; prettyvenditti.jetzt

Kleinigkeiten

Denkwürdiges hat sich ereignet an diesem letzten Erstklässler-Schnuppermorgen, den ich als Mutter im Hintergrund miterlebe. Nach aussen hin sah alles aus wie immer schon. Kurz nach acht verliess ein kleines Prinzchen mit stolzgeschwellter Brust und dem viel zu grossen Schulsack am Rücken das Haus, kurz vor zwölf kam er noch etwas stolzer, mir vor Aufregung glühenden Wangen und einer übergrossen Leuchtweste wieder zurück. Aus dem Schulsack zauberte er, was seine Geschwister an diesem wichtigen Tag jeweils ebenfalls gezaubert hatten: Die erste Hausaufgabe, einen Elternbrief und den Stundenplan. Soweit also nichts Besonderes. 

Ich stellte ein paar interessierte Fragen, sah mir die Blätter genauer an und dann stockte mir der Atem. Was sah ich da? Ein kleines, buntes Clipart auf dem Stundenplan. Gar zwei kleine, bunte Cliparts auf dem Hausaufgabenblatt, dazu noch die Worte „Ich freue mich auf Dich!“ Noch nie – ich schwöre es – noch gar nie in meiner Karriere als Mutter habe ich nach einem Schnuppermorgen in der ersten Klasse solche Dinge gesehen. In der Dritten schon, in der Fünften auch, ab und zu sogar in der Oberstufe, nicht aber in der Ersten. Dort gab es bis jetzt nur nüchterne Tabellen in Schwarzweiss, der Begleitbrief für Kinder und Eltern sogar noch nüchterner. Die Kleinen hätten sonst ja noch auf die Idee kommen können, in der Schule gehe es so bunt und fröhlich weiter wie im Kindergarten.

„Alles nur Äusserlichkeiten“, brummt jetzt vielleicht der eine oder andere Zyniker und ich wünschte, es wäre so. Doch die Nüchternheit herrschte nicht nur auf dem Papier, sondern auch im Unterricht. Auch in Situationen, wo eine Prise Empathie oder ein Hauch von Humor nicht geschadet hätten. So war das nicht nur bei Karlsson, Luise, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten und dem Zoowärter, sondern auch bei vielen anderen Kindern, die schnell einmal die Begeisterung des Schnuppermorgens ablegten und sich mit mehr oder weniger Verbissenheit durch die ersten zwei Schuljahre kämpften. 

„Du gibst dich aber mit wenig zufrieden. So ein Clipart sagt doch noch überhaupt nichts aus“, mögen mir andere entgegenhalten und das stimmt natürlich. Dennoch lassen mich diese Kleinigkeiten hoffen, dass das Prinzchen etwas fröhlicher in die Schule einsteigt als seine grossen Geschwister. 

prettyvenditti.jetzt

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Ich pfeife auf „gedeckt und Pastell“

Beim Überfliegen der Sonntagspresse an diesem verregneten Montagmorgen blieb mein Auge an dem nicht gerade einfallsreich formulierten Titel „Frau, aber richtig“ hängen. Erst wollte ich mich ja über den Umstand empören, dass sich da eine Frau dazu hinreissen lässt, in einer Zeitung, die im Allgemeinen einen ganz anständigen Ruf geniesst, den Frauen vorzuschreiben, wie sie in welchem Alter zu sein haben, doch mein Zorn wurde besänftigt, als ich las, vor zwei Wochen hätte man den Männern den gleichen Mist zugemutet. Aber natürlich lieferte die Zusammenstellung auch so noch ausreichend Stoff für Ärger.

Keine Angst, hier folgt keine ausführliche Abhandlung über einen Artikel, der es verdient hat, gleich wieder vergessen zu werden. Ich lasse mich nur über diesen einen kleinen Textschnipsel aus, der mir in der Spalte „Wie Sie im Spannungsfeld von Schlampe und Dame den Stil finden, der anzieht“ besonders sauer aufgestossen ist. Okay, ich weiss, alleine dieses Schlampen- und Damenzeugs hätte eine kritische Auseinandersetzung – die in einem totalen Verriss gipfelt – verdient, aber das überlasse ich anderen und wende mich ganz egoistisch nur diesem einen Ratschlag zu, der mich zutiefst beleidigt. 

In dieser unsäglichen „Schlampen- und Damenrubrik“ steht nämlich in der Spalte für die Vierzigjährigen das folgende Ärgernis: „Ja zu monochromatischen Kleidern, gedeckten Farben und Pastell.“ Himmel, spinnt ihr denn? Monochromatisch allein ginge noch, denn man kann ja auch monochromatisch ziemlich bunt sein, aber warum in aller Welt soll Frau einen auf „gedeckt“ und „Pastell“ machen, bloss weil sie die Vierzig überschritten hat? Gerade so, als sollten wir so allmählich unsichtbar werden in der eintönigen Alltagskulisse, wir Frauen mittleren Alters. Und das ausgerechnet in der Lebensphase, in der die meisten von uns damit anfangen, darauf zu pfeifen, was andere von uns denken. Soll man uns das etwa nicht ansehen dürfen? 

Mit acht, da lässt man sich von der Mama noch sagen, Pink und Orange an einem Tag und an einem Körper, das gehe nun mal nicht. Man mag das bedauern und leise murmeln „Aber ich finde das schön“, doch Mama lässt einen trotzdem nicht so aus dem Haus gehen. Mit vierzehn verspricht man dem Teenieschwarm hoch und heilig, nie, aber auch gar nie mehr die geringelte Hose anzuziehen. (Okay, man verspricht das natürlich nicht wörtlich, aber aus Angst, den Verehrten nie zu bekommen, landet die geringelte Hose dennoch auf Nimmerwiedersehen im hintersten Winkel des Schranks.) Irgendwann, so zwischen Ende der Pubertät und Beginn des Erwachsenenlebens mögen es einige auch in Sachen Kleidung ein wenig bunt treiben, doch spätestens mit fünfundzwanzig glaubt man allen Ernstes, sich aus Rücksicht auf die in der Arbeitswelt geltenden Regeln der knallbunten Klamotten entledigen zu müssen. Früher oder später kommen dann bei den meisten die Schwangerschafts- und Kinderjahre, in denen man froh sein muss, überhaupt je aus dem Pyjama zu kommen, danach ein paar Jährchen der Umgewöhnung an die neuen Körpermasse, in denen sogar ein Mensch wie ich ganz dankbar ist für die dezenteren Farbtöne. Dann aber, zwischen vierzig und fünfzig, sollte man durch all die Höhen und Tiefen des Lebens endlich so weit zu sich selber gefunden haben, dass man sich nur noch mit „gedeckt“ und „Pastell“ zufrieden gibt, wenn man das Zeug auch wirklich mag. Alle anderen sollen jetzt gefälligst so bunt herumlaufen, wie es ihnen beliebt, denn das Leben ist schon grau genug. 

Darum habe ich mir, als ich diesen elenden Artikel (in dem auch noch sehr viel über Orangenhaut, schnarchende Partner und anderen Unsinn stand) zu Ende gelesen hatte, hoch und heilig geschworen, mich erst dann wieder aus den knallbunten Klamotten zu schälen, wenn ich mir selber nicht mehr gefalle darin. Und ganz bestimmt nie, weil mir irgend eine dahergelaufene Schreibende einreden will, ich sei jetzt zu alt für solchen Kram. 

tutti caduti; prettyvenditti.jetzt

tutti caduti; prettyvenditti.jetzt

Zu Hause ist es….

Patriotismus ist nicht so mein Ding und auch bei längerer Abwesenheit will sich das einst „Schweizer Krankheit“ genannte Heimweh nicht so richtig einstellen.* Im Gegenteil, meist spüre ich so etwas wie Enge, wenn ich – egal aus welcher Himmelsrichtung kommend – wieder heimatlichen Boden unter den Füssen habe. Dennoch fallen mir jetzt, wo wir seit einer Woche wieder zu Hause sind, zwei oder drei Dinge auf, die ich ganz nett finde: 

  • „Grüezi“ – Nein, ich meine nicht das Wort an sich, das ja eigentlich eher dämlich klingt, sondern unsere Angewohnheit, wildfremde Menschen freundlich zu grüssen, wenn sie unseren Weg kreuzen. Ein echt sympathischer Zug an einem Volk, das sonst ja nicht unbedingt für seine Herzlichkeit berühmt ist.
  • Die Möglichkeit, andauernd irgendwo für irgend ein Volksbegehren die Unterschrift auf einen Sammelbogen zu setzen. Echt jetzt, ich mag die Illusion, man hätte hier etwas mitzureden, auch wenn ich morgen mit allergrösster Wahrscheinlichkeit wieder auf der Seite der Abstimmungsverlierer stehen und vom Auswandern träumen werde.
  • Die Migros. (Mehr brauche ich dazu wohl nicht sagen.)
  • Die Fünfliber. Habe ganz vergessen, wie gut sich so eine grosse Münze im Portemonnaie macht. 
  • Das Zeug hier ist so sündhaft teuer, dass man gar nicht erst auf die Idee kommen kann, zu viel einzukaufen. 
  • Kinderfreundlich sind sie ja auch nicht gerade hier, aber immerhin hat in der Schweiz noch keiner gewagt, unsere Kinder anzubrüllen, bis sie heulen. 

Na ja, für Patriotismus reicht das natürlich bei Weitem nicht, aber das ist auch nicht mein Ziel. Ein bisschen Zufriedenheit ist alles, was ich brauche, um mich wieder zu Hause zu fühlen. 

* Zugegeben, die Erfahrung ist mir nicht gänzlich fremd. In Nebraska litt ich ganz intensiv, aber das zählt nicht, denn erstens war ich damals ein verliebter Teenager, der für ein ganzes Jahr weit weg von zu Hause war und zweitens muss man sich an diesem verlassenen Ort ja mit irgend etwas die Zeit vertreiben und bei der topfebenen Landschaft bietet sich Heimweh nach einem Alpenland geradezu an. 

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