Alterserscheinungen

Zum ersten Mal zum Berufsberater, ohne dass es dabei um deine berufliche Zukunft gibt. Auf dem Desktop deines Computers das Curriculum Vitae deines Sohnes. (Warum fragen die eigentlich nicht einfach mich? Ich weiss doch noch genau, wie das war, als er geschlüpft ist.)

Krähenfüsse, die nicht kunstvoll um anderer Leute Augen gezeichnet sind.

Das Wort „Gross“, das bald schon vor dem Titel „Tante“ steht.

Damit verbunden die Erkenntnis, dass die Sache mit dem Kinderkriegen bald schon nicht mehr die Sache deiner Frauen-Generation sein wird. (Na ja, zumindest wenn man diese neumodische Sache mit dem Einfrieren von Eizellen ausser Acht lässt…)

Der Kaffeeverkäufer, der alle duzt, nur dich nicht.

Die Leichtfüssigkeit, mit der andere den steilen, mit Schnee bedeckten Weg, bewältigen.

Die Ungeduld, die über dich kommt, wenn eigentlich erwachsene Menschen in kindlicher Einfalt dir die Aufgaben zuschieben wollen, die das Leben ihnen stellt.

Das neue Selbstbewusstsein, nicht immer nur nett zu sein, sondern zuweilen auch deutlich zu sagen, was du nicht mit dir machen lässt. (Okay, ich geb’s zu, der Tonfall bleibt nett. Der wird wohl erst in der nächsten oder übernächsten Lebensphase so bissig, wie man es eigentlich meint.)

Die „Weisst du noch…“-Gespräche, die immer öfter in ganz unterschiedlichen Konstellationen stattfinden.

Der Gewissenskampf beim Schmücken des Tannenbaums: „Schämst du doch nicht mit all dem Zeug aus China? Hast du sie nicht gesehen, diese Bilder mit dem Farbstaub?“ „Schon, aber wie viele Jahre bleiben uns denn noch, um mit den Kindern unser ganz eigenes Weihnachtsfest zu feiern? Sie werden ja so schnell gross.“

Die Gedanken, was man noch alles mit dem Leben anstellen könnte, jetzt, wo die zeitlichen Freiräume immer grösser werden.

Wenn in dem Satz „Ich bin so glücklich, ich habe alle meine Rechnungen bezahlt und es bleibt noch etwas für die Steuern übrig“ nicht der kleinste Funken Ironie steckt. 

Sie ist eigentlich ganz okay, diese Lebensphase, du brauchst bloss etwas Zeit, dich daran zu gewöhnen.

Kaffeepause; Tamar Venditti

Voll peinlich

Das ist jetzt natürlich voll peinlich: Da posaune ich Ende November in alle Welt hinaus, die Sache mit dem Schnee und dem Winter sei nichts weiter als ein altes Märchen, das man nicht richtig ernst nehmen könne und heute, als ich aus dem Fenster schaue, sieht es draussen so aus:

Winterbild; Tamar Venditti

Ja, und jetzt stehe ich da wie der letzte Depp, der nicht hat glauben wollen, was die Wetterpropheten seit Tagen vorausgesagt haben. Ohne Winterschuhe, ohne Winterpneus am Auto und natürlich auch ohne anständige Winterausrüstung für die Kinder. Irgendwie so, wie ich mir das im Kindergottesdienst vorstellte, wenn sie sagten: „Wenn der Heiland kommt und du sitzt gerade im Kino, dann nimmt er dich nicht mit.“ und dann sangen sie dieses höhnische Lied, in dem es hiess „Du warst nicht vorbereitet…“

Okay, ganz vom Winterglauben abgefallen bin ich nicht, darum haben wir irgendwo, im hintersten Winkel eines Schrankes noch ein paar Sachen, die man eben braucht, wenn das weisse Zeugs vom Himmel fällt. Für die schlimmsten Härtefälle gibt’s ja noch den Ausverkauf. Und wir kommen auch ohne Auto aus für ein paar Tage. Gänzlich ausgeliefert sind wir also nicht.

Ich bin aber auch nicht bereit, wieder voll und ganz zum Winterglauben zurückzukehren, denn allzu lange wird die Klimaerwärmung sich ja wohl nicht zurückhalten können. Darum habe ich mir trotz Schneematsch nichts von dem warmen, gefütterten Zeugs für die Füsse gekauft, sondern die hier (Mit Karlssons Segen übrigens. Er meinte, es wäre peinlich, wenn eine wie ich plötzlich mit schwarzen Schuhen an den Füssen daherkommen würde.):

Gummistiefel; Tamar Venditti

Das finde ich jetzt irgendwie nicht witzig

Natürlich fand ich es sonderbar, dass sich der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter das gleiche Lego-Paket zu Weihnachten wünschen. „Ist doch total langweilig“, sagte ich, „wenn jeder etwas anderes hat, könnt ihr doch viel spannendere Dinge spielen.“ Als keiner der beiden einlenken wollte, erinnerte ich den Zoowärter an seinen Geburtstag im Januar. „Falls du es bis dann immer noch unbedingt haben willst, kannst du es dir ja dann wünschen.“ Beide Jungs blieben hart und weil ich nicht hart bleiben kann, wenn zwei Jungs mich mit samtweichen Augen ansehen, bestellte ich schliesslich zweimal die gleiche Lego-Packung. Ich bezahlte sie auch sogleich artig und bekam kurz darauf die Bestätigung, meine Bestellung sei angekommen, die Bezahlung ebenfalls, das Paket mit den zwei identischen Geschenken befinde sich auf dem Weg zu mir. Ein paar Tage später war es dann tatsächlich da, der Lieferschein bestätigte mir erneut, dass meine beiden Söhne unter dem Tannenbaum vollkommen identische Geschenke vorfinden würden.

Ach, wäre ich doch misstrauisch gewesen und hätte sogleich überprüft, ob sich das, was man mir mehrmals schriftlich bestätigt hatte, auch wirklich im Paket befand. Ich war nicht misstrauisch, sondern gutgläubig, denn ich gehe immer noch davon aus, dass jemand, der vollkommen korrekte Bestätigungsmails und Lieferscheine schreibt, auch in der Lage ist, den Inhalt einer Schachtel zu überprüfen, bevor er sie zuklebt und versendet. Als mich heute Abend „Meiner“, der die Geschenke einpacken wollte, mit grossem Erstaunen fragte: „Hast du unseren Kindern Harry Potter-BluRays zu Weihnachten bestellt?“, glaubte ich deshalb erst einmal, er erlaube sich mal wieder einen seiner grenzwertigen Scherze. „Ich bin nicht in Stimmung für blöde Witze“, gab ich deshalb zurück, aber es war kein blöder Witz, da waren tatsächlich zwei Harry Potter-BluRays, aber nur eine der heiss begehrten Lego-Schachteln. Diese Schachteln, die dieses Jahr nicht nur von meinen Söhnen heiss begehrt sind, sondern von ziemlich jedem Jungen zwischen sieben und elf Jahren, was bedeutet, dass ich am 24. Dezember nicht ganz gemütlich die abendliche Feier vorbereite, sondern in überheizten Geschäften  – vermutlich erfolglos – nach der Lego-Packung suche. 

Und ich habe heute doch tatsächlich zu „Meinem“ gesagt, wir seien noch nie so gut vorbereitet gewesen…

pugno colorato

pugno colorato; prettyvenditti.jetzt

Zahltag

Kaum öffnet sich der Schalter, steht auch schon die Krankenkassenprämie da, massig und vorlaut, meist in Begleitung von ein oder zwei Arztrechnungen, die auch nicht gerade durch Zartheit auffallen. Dicht hinter der Krankenkassenprämie baut sich die Steuerrechnung auf, breitbeinig und dominant. „Platz da! Mich hat man schon letzten Monat warten lassen, diesmal komme ich zuerst“, donnert sie, so dass es alle hören können, doch die Krankenkassenprämie denkt nicht im Traum daran, ihre Spitzenposition in der Warteschlange preiszugeben. „Und was ist mit mir?“, meldet sich entrüstet die Pellets-Rechnung zu Wort, auch sie nicht gerade zart gebaut, aber doch immerhin etwas weniger bullig als die zwei Streithähne, die nun angefangen haben, sich gegenseitig zu schubsen. Die Rechnung für die Dritte Säule fängt ebenfalls an zu stänkern. Auch ihre Grösse ist nicht gerade beeindruckend, aber weil sie schon letztes Mal im Trubel untergegangen ist, will sie jetzt sichergehen, dass sie nicht schon wieder vergessen geht. Die Mietzinsrechnung lehnt derweilen demonstrativ gelangweilt an der Wand und beobachtet das Treiben mit süffisantem Grinsen auf dem Gesicht: „So ein Dauerauftrags-Privileg hat halt schon seine Vorteile“, sagt sie zur Rechnung für die Instrumentenmiete, die zufrieden lächelnd daneben steht und an einem Latte Macchiato nippt. „Sieh mal, die Kleinen kommen. Das wird lustig“, sagt sie.

Tatsächlich fangen die kleinen, wendigen Kleinkramrechnungen an, sich vorzudrängen. Telefon, Strom, Wandkalender, Bio-Kiste, Zeitschriftenabo, Kinderkleider – sie alle und noch einige mehr stürmen an den Grossen vorbei auf den Schalter zu und werden eine nach der anderen mit einem netten Lächeln behandelt. Erst, als auch die mikroskopisch kleine Rechnung für die Dreikönigskronen an die Reihe gekommen ist, dämmert den Grossen, dass da einige Winzlinge schneller waren als sie. Die Steuerrechnung bekommt einen Tobsuchtsanfall und packt eine der Minirechnungen, die sich nicht schnell genug aus dem Staub machen konnte, am Kragen. „Was fällt dir eigentlich ein, du…du…du…elendes Würstchen du. Wart nur, dich mach‘ ich fertig!“, donnert sie und merkt nicht, dass die Krankenkassenrechnung und die anderen Drängler sich derweilen seelenruhig am Schalter abfertigen lassen. Schliesslich steht sie als Letze noch da, einmal mehr mit abgesägten Hosen, denn die Schalterbeamtin lächelt bedauernd und sagt: „Tut mir Leid, wären Sie etwas früher gekommen, dann hätte ich Sie noch komplett abfertigen können, doch leider ist inzwischen nicht mehr genug da für Sie. Sehen Sie, irgendwie müssen wir auch noch Essen auf den Tisch bringen. Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, wenn ich Sie halbiere und Ihre zweite Hälfte nächsten Monat drannehme.“

sress

stress; prettyvenditti.jetzt

Sitzungsvorfreude

Kein entrüstetes Augenrollen und „Du bist ja soooooo unfair“-Gebrüll, kaum öffnest du deinen Mund.

Niemand neben dir, der sich mit seinem Tischnachbarn um das letzte Stück Brot zankt und am Ende im Zorn einen Löffel durch die Gegend wirft. 

Keiner, der stur vor sich hinstarrt und die Lippen zusammenkneift, wenn du ihn etwas fragst. 

Keine, die auf den Tisch klettert, um vorzuführen, wie man – was eigentlich macht? Fällt mir gerade auf, dass ich noch immer nicht herausgefunden habe, warum sie dort oben war, umringt von ihren staunenden Brüdern.

Keine Diskussionen wie die hier: „Papier ist Holz.“ „Nein, ist es nicht. Papier ist Papier.“ „Aber es ist aus Holz gemacht, also ist es Holz.“ „Nein, ist es nicht. Sieh doch, es ist weiss. Das kann kein Holz sein.“ „Es ist aber Holz weil es aus Holz gemacht ist.“ „Ist es nicht.“ „Ist es doch.“ „Ist es nicht.“ „Ist es doch und wenn du mir nicht endlich glaubst, werfe ich dir diesen Schuh an den Kopf.“

Niemand, der mit den Fingern in der brennenden Kerze herumstochert und Mitleid einfordert, wenn es den Fingern zu heiss geworden ist. 

Keiner, der dich so sehr zur Weissglut treibt, dass du dich nicht mal mehr für dein Herumbrüllen schämst. Wie, um alles in der Welt, hättest du nach dem hunderttausendsten „Nein!!!!!“ noch ruhig bleiben sollen?

Niemand der herzzerreissend schluchzt, wenn du fragst: „Hast du deine Zähne geputzt?“

Kein Gerenne um den Esstisch. Kein Gezappel. Kein Gebrüll. Kein Petzen. Kein Gejammer über verpatzte Prüfungen. 

Einfach nur zivilisierte Konversation mit Menschen, die denken, ehe sie antworten und das einen ganzen Freitag lang. 

Noch selten habe ich mich so sehr auf eine ganztägige Sitzung gefreut, wie in dieser vollkommen irren Vorweihnachtszeit, in der ich mich immer öfter frage, ob ich mich denn ins Affenhaus im Zoo verirrt habe. 

Matcha-Sablés – mal so, mal anders

Ob ich hier nicht vielleicht mein Rezept für Matcha-Sablés veröffentlichen könnte, wurde ich gefragt. Natürlich kann ich, ich muss nur erst mal zwei Dinge vorausschicken: 1. Mein Rezept ist es nicht, denn obschon ich ganz gerne in der Küche stehe, versiert genug, um selber etwas zu erfinden, bin ich nicht. Ich kann euch also nur sagen, wie ich es mache, mehr nicht. 2. Im www wimmelt es geradezu von Rezepten für Matcha-Sablés und für meine Versionen habe ich mich mal hier, mal dort inspirieren lassen, nur weiss ich nicht mehr so genau wo, weshalb ich leider keine Linksammlung zu all den tollen Kochblogs bieten kann, bei denen ich ein wenig abgeschaut, ein wenig verändert, vielleicht in einem Fall sogar ein wenig verbessert habe. Hier also einfach zwei kurze Anleitungen, wie ich es gemacht habe:

Eigentlich sind Matcha-Sablés ja nichts weiter als gewöhnliche Sablés, verfeinert mit ziemlich teurem Pulver. Beim ersten Mal habe ich es so gemacht:

250 Gramm weiche Butter mit 100 Gramm Puderzucker verrührt, 1 Prise Salz und 1 Esslöffel von meinem sündhaft teuren Matcha-Pulver aus dem Länggass-Tee hinzugefügt, dann 400 Gramm Weissmehl eingeknetet. Den Teig habe ich zu zwei Rollen von ca. 4 cm Durchmesser geformt, die Rollen in Rohzucker gewälzt, in Klarsichtfolie eingepackt und für eine Stunde in den Kühlschrank gelegt. Den gekühlten Teig habe ich in 5 mm dicke Scheiben geschnitten, die ich eigentlich nochmal 15 Minuten hätte kühl stellen müssen, was ich aber leider vergessen habe, weshalb die Sablés sofort für 12 Minuten im 200 Grad heissen Ofen gelandet sind. Wären sie gekühlt gewesen, hätten sie etwas hübscher ausgesehen, aber sie waren auch so ganz nett. Einfach aufpassen, dass sie nicht zu braun werden, denn das sieht irgendwie nicht mehr so toll aus. Knalliges grün ist eindeutig appetitlicher. 

Gestern habe ich eine andere Variante ausprobiert:

225 Gramm weiche Butter mit 100 Gramm Puderzucker verrührt, dann 1/2 Teelöffel Salz und 1 Esslöffel von dem nicht ganz so sündhaft teuren Zeug  von der London Tea Company (Kabusepulver No 2 für Getränke und Küche) und zwei Eigelb hinzugefügt, dann 275 Gramm Weissmehl eingeknetet. Diesmal habe ich die Teigrollen vor dem Kühlen in ziemlich viel Hagelzucker gewälzt, den Rest habe ich gleich gemacht wie beim ersten Mal. Ja, das Kühlen nach dem Schneiden habe ich schon wieder vergessen…

Und jetzt, was war besser, die erste oder die zweite Version? Keine Ahnung. Die von gestern waren wohl etwas brüchiger, was ich – vielleicht zu Unrecht – dem Eigelb anlaste, dafür auch deutlich süsser, woran mit Sicherheit der Hagelzucker Schuld ist, denn von dem habe ich mehr genommen als vom Rohzucker, weil er so hübsch aussah. Mit Genuss weggeputzt wurden die Sablés sowohl gestern als auch beim ersten Mal. Sogar von Luise, die Matcha offiziell nicht ausstehen kann.

Und hier noch das leider schon altbekannte Bild des ersten Versuchs, die Überreste der gestrigen Ladung sind leider nicht mehr allzu fotogen. 

Matcha Sablés

Dauert das lang?

Prinzchen: „Mama, ist Weihnachten lang? Dauert das lange, bis es wieder weg ist?“

Na ja, mein Sohn, die Inkubationszeit dauert meistens ziemlich lange, so von Anfang September bis Mitte Dezember. Dann macht sich die Seuche ziemlich heftig bemerkbar, mit Schweissausbrüchen im Einkaufsrummel, überdrehten, streitlustigen Kindern, üppigen Dekorationen, Stressanfällen und dergleichen. Vom 24. bis zum 26. glaubt man, die Sache nehme nie ein Ende, doch am 27. ist alles wie weggeblasen. Bei manchen Menschen flackert die Krankheit am 6. Januar noch einmal kurz auf, aber dann ist endgültig Schluss. Es sei denn, jemand leide an der postnatalen Depression…

Weihnachtsschmuck

Absolut

Eigentlich ist das heutzutage ja sehr verpönt, aber für einmal tue ich es trotzdem: Ich behaupte, im Besitz der allein seligmachenden Wahrheit zu sein. Nur in Sachen Läuse, sonst nicht, aber in diesem Bereich dulde ich keinen Widerspruch mehr. Nach drei erfolglosen „Geben Sie mir das Beste, was Sie gegen Läuse haben“-Kuren gibt es für mich nur noch zwei Methoden, um die Biester loszuwerden.

1. Die FeuerwehrRitterRömerPiraten- und Zoowärtermethode, die da heisst: Haare millimeterkurz abrasieren, Bettwäsche noch einmal gründlich waschen und fertig. Okay, diese Methode funktioniert nur, wenn man eine Freundin hat, deren Kinder mit gutem Beispiel vorangehen und die den Jungs in den schlimmsten Farben ausmalen kann, was die Parasiten auf dem Kopf alles treiben (Ich glaube, beim FeuerwehrRitterRömerPiraten war es der Satz: „Stell dir vor, die Biester haben Sex auf deinem Kopf“, der ihn dazu bewogen hat, sich von seiner Haarpracht zu trennen.). Diese Methode hat auch den Nachteil, dass sentimentale Naturen wie der Zoowärter noch Tage nach der Kopfrasur den Haaren nachtrauern, aber da muss man durch, wenn man irgendwann wieder läusefrei sein will.

2. Die Prinzchen- und Luisemethode
Dieser Weg ist eindeutig beschwerlicher als der erste, aber es gibt nun mal Menschen, die sich dem Kahlschlag auf dem Kopf stur verweigern. Die müssen dann halt damit leben, dass man ihnen eine Tube voller Mayonnaise aufs Haupt drückt – was gewissen genervten Müttern ein fast schon krankhaftes Vergnügen bereitet. Das schmierige Zeug wird tüchtig einmassiert, dann kommt über Nacht eine Haube drauf. Am nächsten Tag geht’s weiter mit einer Essigspülung, stundenlangem Auskämmen und viel Geschrei, weil viele tote Läuse im Kamm zu finden sind. (Zumindest, wenn man Prinzchen heisst, bei Luise stellte sich der ganze Aufwand als unnötig heraus. Eine Prinzchen-Mähne, auf der sich die Läuse austoben können, bietet offenbar ausreichend Schutz für Luises gut gepflegte Haarpracht.) Dann Tag für Tag mit Essig auskämmen, noch einmal eine Portion Mayonnaise, noch einmal Essig, dann sind die Kinder läusefrei und könnten glatt in der Salatschüssel landen. 

Dies also wären sie, die einzigen wirksamen Anti-Laus-Methoden. Dass mir also keiner daherkommt und behauptet, es gebe noch einen dritten Weg. 

rosehip; Gianluca Venditti

Leftovers

Da ich noch komplett geschafft bin von meiner Lesung, heute einfach nur ein Text, den ich gestern meinem Publikum vorgelesen habe. Immerhin ist er taufrisch:

Acht Dinge, auf die man in der Weihnachtszeit verzichten könnte

Der Schwiegermama-Panettone

Ein anständiger Panettone ist eine richtig gute Sache, ein anständiger Panettone hat aber auch seinen Preis. Panettone wird aber gewöhnlich von italienischen Schwiegermamas für ihre Schwiegertöchter gekauft und für dieses Miststück, das einem den Sohn weggeschnappt hat, gibt man nicht mehr Geld aus als unbedingt nötig. Darum landet bei Menschen wie mir, die einer italienischen Mama den Sohn weggeschnappt haben, jedes Jahr ein Schwiegermama-Panettone unter dem Tannenbaum. So ein staubtrockenes Ding mit vielen Rosinen drin, das man irgendwann im Januar, wenn die Essensvorräte allmählich schwinden und noch kein Geld auf dem Konto ist, beim trüben Schein einer übriggebliebenen Weihnachtskerze verzehrt.

Die Weihnachtskarte vom Garagisten, bei dem du schon längst nicht mehr Kunde bist

Du nimmst dieses edle, gepolsterte Couvert mit von Hand geschriebener Anschrift aus dem Briefkasten und freust dich. Ob jemand heiratet? Vielleicht hat auch jemand ein Kind geboren. Oder ein lieber Mensch hat sich mit einem Tässchen Tee an einen Tisch gesetzt, um dir ein paar liebe Zeilen zu schreiben. Erwartungsvoll machst du das Couvert auf, ganz vorsichtig nur, um das edle Papier nicht kaputt zu machen, du greifst hinein – und hältst die kitschigste, billigte Festtagskarte aller Zeiten in den Händen. „Frohe Weihnachten und ach, wo wir schon dabei sind, wir haben diese tolle Aktion für Schneeketten…“

Die Weihnachtskarte von dem piekfeinen Ferienresort, das du zu finanziell besseren Zeiten mal besucht hast

Da besitzt doch tatsächlich einer die Frechheit, dich daran zu erinnern, dass du in grauer Vorzeit, als du noch gänzlich ohne Kinder warst, das Kleingeld hattest, dich auf ihrem Weingut in der Toscana auf einem Liegestuhl zu fläzen. Und das erst noch in der Weihnachtszeit, wenn dir täglich vor Augen geführt wird, dass alles, was von deinem sauer verdienten Geld nach Steuern und Krankenkasse noch übrig bleibt, draufgeht für „Lego Chima und Hot Wheels und Transformers und und und Mama, Kapla brauche ich auch noch mehr, ganz dringend und Inline Skates und dann noch Lego Movie…“

Der Weihnachtsundbrief von deinen amerikanischen Freunden

Ihr wisst schon: Der Fünfjährige hat gerade das Konzertdiplom am Klavier erlangt, die Zehnjährige macht nächstes Jahr den Doktor in Quantenphysik und der Zwölfjährige hat gute Chancen auf den Literaturnobelpreis. Papa wurde aufgrund seiner Verdienste zum persönlichen Berater des Präsidenten ernannt, Mama hat zur Belohnung, dass sie ein Medikament gegen Krebs entwickelt hat, ohne Sauerstoff den Mount Everest bestiegen, wo sie zusammen mit dem Familienhund eine ganze Expeditionstruppe vor dem sicheren Tod gerettet hat. Dazu ein Familienfoto, alle blitzsauber und piekfein angezogen, aufgenommen vor dem Taj Mahal. Nach der Lektüre solcher Briefe schaue ich jeweils mit trübem Blick auf meine eigene Truppe, die mal wieder nichts anderes zustande bringt, als mir kurz vor Weihnachten den Magen-Darm-Käfer ins Haus zu schleppen, und seufze tief.

Der Samichlaus,

der ein paar Momente, nachdem er bei uns war, gut sichtbar in Nachbars Wohnzimmer sitzt und das erst noch in einem anderen Gewand, als der bei uns anhatte. Wie, bitte sehr, erkläre ich das meinem Kind? Wenigstens die Vorhänge hätten die während seines Besuchs zuziehen können, wo sie schon dieses Riesenfenster haben einbauen lassen.

Diese Kindergeschenke…

Die Kinder können wirklich nichts dafür, es sind die Lehrer, die noch immer die Geschenkidee, die sie irgendwann zu Beginn ihrer Laufbahn mal hatten, bei jeder Klasse wieder hervorkramen. Wer mehrere Kinder hat, darf sich also Jahr für Jahr das gleich geformte Paket mit gleichem Inhalt überreichen lassen. Wehe dem, der den überraschten Blick nicht fleissig genug geübt hat. Ein zutiefst enttäuschtes Kind ist ihm auf sicher.

Die Nachrichten aus aller Welt,

die sich einen Dreck darum scheren, dass du jetzt eigentlich Weihnachten feiern und so tun möchtest, als wäre alles nur glitzerig und glänzend.

Last Christmas I gave you my heart but the very next day you gave it away…

Dazu brauche ich ja wohl nichts weiter zu sagen…

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Motivationssuche im Morgengrauen

Das linke Auge öffnet sich. „Dunkel“, brummt es. Das Rechte öffnet sich ebenfalls einen Spaltbreit. Eine Weile lang starren beide Augen ins Leere. „Viel zu dunkel“, brummen sie beide und schliessen sich wieder. „Aber der Wecker!“, schreit das Ohr hysterisch. „Lass ihn doch klingeln, den alten Tyrannen“, murmeln die Augen. „Aber dieser Lärm. Der ist nicht zum Aushalten“, jammert das Ohr. „Na, dann bring den Kerl doch einfach zum Schweigen“, schaltet sich die linke Hand ein und verpasst dem iPad, das heute die Rolle des Weckers spielt, einen Klaps. Ruhe. Himmlische Ruhe.

Acht Minuten lang, dann geht das Spiel wieder von vorne los, diesmal einfach mit dem Unterschied, dass sich auch noch die Zehen in die Diskussion einbringen. Das Ohr schon wieder vollkommen hysterisch, die Augen noch immer nicht bereit, sich offen zu halten – „Mich dünkt, ich hab‘ da noch ein bisschen was von dem Sandmännchenzeugs drin, ich mach lieber wieder zu.“ -, die linke Hand schon bereit, den Wecker wieder abzuwürgen. „Halt, lass ihn noch, ich teste mal die Temperatur da draussen“, ruft der linke grosse Zeh und streckt sich unter der Decke hervor. „Na ja, ist ganz angenehm. Von mir aus können wir es wagen…“ „Bist du verrückt geworden?“, meldet sich der rechte grosse Zeh, der sich von allen unbemerkt ebenfalls unter der Decke hervorgewagt hat, zu Wort. „Saukalt ist es ja nicht gerade, aber hier unter der Decke ist es allemal wärmer. Ihr anderen könnt von mir aus machen, was ihr wollt, aber ich bleibe hier und geniesse die Wärme.“ „Aber der Wecker!“, schreit das Ohr. „Halt die Klappe“, brummt die linke Hand, verpasst dem iPad einen weiteren Klaps und zieht dann mithilfe des linken Arms die Decke über den Kopf. „Zufrieden? Jetzt hörst du nichts mehr und kannst uns anderen in Frieden lassen.“

Diesmal herrscht länger Ruhe, denn das Ohr bekommt jetzt nicht mehr mit, dass der Wecker schon wieder meckert. Schliesslich fängt es aber doch wieder an zu stänkern: „Ich hör‘ da was…“, sagt es. „Du hörst immer irgendwas“, gibt der rechte grosse Zeh zurück. „Lass uns in Ruhe mit deinen Hörübungen“, motzen die Augen. „Immer diese übereifrigen Streber“, raunzt die linke Hand. „Nun seid doch mal still, ich höre wirklich etwas“, beharrt das Ohr. „Es klingt, als ob Luise und ‚Meiner‘ sich in den Haaren lägen. Irgend so eine Sache mit einer Hausaufgabe, die sie nicht erledigt hat. Ziemlich ernste Sache, dünkt mich. Ich rechne jederzeit mit einem lauten Türknall…“

„Ach, Sch…., dann müssen wir wohl“, meldet sich das Gehirn zum ersten Mal an diesem Tag zu Wort. „Tut mir leid, meine Lieben, es ist ja wirklich nett hier, aber wenn Luise und ‚Meiner‘ bereits vor dem ersten Türknall stehen, dann sind wir ganz eindeutig zu lange liegen geblieben. Also los, auf zur Friedensmission!“

Und jetzt endlich schafft es die demotivierte Bande, unter der Decke hervorzukriechen, den Wecker ein für alle mal zum Schweigen zu bringen und in die Küche zu schlurfen, um einer anderen demotivierten Bande Beine zu machen. 

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