Nur ein bisschen Langeweile, bitte

Wäre es nicht wunderbar, wenn man sich mal wieder langweilen dürfte? Nicht allzu lange natürlich, nur einen Tag oder zwei, vielleicht auch drei. Nein, nicht diese Tage, an denen man im faul im Liegestuhl liegt und sich von der Sonne bescheinen lässt, sondern Tage, an denen alles nur langweilige Routine ist. Tage, an denen man abends getrost sagen kann, dass man erledigt hat, was man sich vorgenommen hat. Alles schön nach Plan, vielleicht sogar auf die Viertelstunde genau. 

Kein Backofen, der mitten im Einmachen von Tomaten seinen Geist aufgibt. Keine unangemeldeten Besucher, die den Schreibfluss unterbrechen. Keine Computerpannen, keine „Mist, ich muss doch heute noch unbedingt…“-Momente, keine Milchpfützen auf dem Fussboden, kein spontanes Einspringen für jemanden, der in der Tinte sitzt, keine hektische Suche nach verschwundenen linken Kindersandalen und Schulheften mit Eselsohren. Einfach nur öder, geregelter Alltag, über den man jammern würde, wenn man ihn täglich auf die gleiche graue Weise durchstehen müsste. 

Es käme mir nicht im Traum in den Sinn, mir ein solches Leben zu wünschen. Zu farblos, zu vorhersehbar, zu langweilig eben. Aber hin und wieder ein solcher Tag, der einem erlaubt, durchzuatmen und zu erledigen, was man andauernd vor sich her schiebt, weil immer irgend etwas die Pläne über den Haufen wirft, das wäre schon nett. 

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Himmel hilf, ich werde peinlich!

Schuld daran ist einzig und alleine dieser grottenschlecht geschriebene Zwillings-Ratgeber, den ich mir derzeit als Vorbereitung auf meine nächste Artikelserie bei swissmom zu Gemüte führe. Auf jeder fünften oder sechsten Seite schauen mich herzige Babies aus sanften Kulleraugen an, dazwischen steht geschrieben, wie wunderbar es doch ist, wenn die Kleinen die grosse Welt erobern. Schaue ich vom Buch auf, geistert in meinem Kopf Prinzchens Zwilling herum, dessen  winziges Herzchen leider bereits nach den ersten anstrengenden Schwangerschaftswochen zu schlagen aufgehört hat und obschon die Sache schon längst weit hinter mir liegt, frage ich mich mit nicht allzu leiser Wehmut: „Was wäre gewesen, wenn…?“ 

Derart emotional aufgeladen zwingt mich der leere Kühlschrank zu einem Kurzbesuch in der Migros, wo vor mir an der Kasse eine Mama mit zwei kleinen Jungs ist. Keine Zwillinge, aber dennoch unglaublich…na ja, also, wie soll ich sagen…so…hmmm….also ja…Mist, dann sag‘ ich eben, wie es ist: Sie sind zuckersüss und hinreissend und was einem sonst noch so an Adjektiven in den Sinn kommt, wenn man so kleine Menschen sieht. Und ehe ich mich versehe, ist es rausgerutscht: „Ihre zwei Jungs sind einfach umwerfend herzig“, sage ich zu der Mama, die vollkommen gestresst ist, weil sie versucht, ihre Einkäufe so schnell als möglich zu verstauen und gleichzeitig ihren Zweijährigen nicht aus den Augen zu verlieren. Kaum ist es gesagt, könnte ich mich selber ohrfeigen. Jetzt bin ich also auch eine von denen, die sentimentales Gebrabbel von sich gibt, wenn sie kleine Menschen sieht. Zugegeben, ich hab‘ damit gerechnet, dass es früher oder später so kommen wird, aber so früh schon?

Ich weiss genau, wie das enden wird, in fünfundzwanzig oder dreissig Jahren, wenn ich müde und verschrumpelt an der Bushaltestelle sitzen werde. „Ach, wie süss doch ihre Kinder sind“, werde ich zu der Mutter sagen, die mit ihren Kleinen auf den gleichen Bus wartet. Sie wird mich müde anlächeln und ich werde fortfahren: „Eine schöne Zeit ist das, wenn sie noch so klein sind. Geniessen Sie es, es geht so schnell vorbei.“ Die junge Mutter wird höflich nicken und nichts sagen, also werde ich fortfahren: „Ich hatte selber auch fünf. Wunderschöne Babies waren das, das können Sie mir glauben. Und so lieb. Haben fast vom ersten Tag an durchgeschlafen, waren immer so brav und hilfsbereit…Die schönste Zeit meines Lebens.“

Nur mit Mühe wird sich die junge Mutter, die gerade versuchen wird, ihren sperrigen Kinderwagen durch die noch immer nicht kinderwagenfreundlich gestaltete Bustür zu zwängen, ihre bissige Bemerkung verkneifen können, aber denken wird sie ganz bestimmt: „Sentimentale alte Kuh, warum hilfst du mir denn nicht, wenn du doch genau weisst, wie es ist?“

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Jetzt wollen sie uns also wieder

Seitdem klar ist, dass der Import von billigen Arbeitskräften über kurz oder lang schwieriger wird, wollen sie uns plötzlich wieder haben. Uns, die Mütter, die sie nicht mehr wollten, als wir Kinder bekamen und darum nicht mehr bereit waren, uns mit Leib und Seele für die Firma aufzuopfern. Gut, einige von uns haben sie damals gnädigerweise behalten, was sich für uns aber nicht wirklich bezahlt gemacht hat. Der Löwenanteil unseres Lohnes ging für den Krippenplatz drauf, was noch übrig blieb, wurde von der Steuerrechnung aufgefressen. Arbeitszeiten und Krippenöffnungszeiten wollten partout nicht zusammen passen, war ein Kind krank oder machte die Schule Ferien, brach das ganze System vollends zusammen und wir durften uns in schlaflosen Nächten einen Notfallplan zurechtlegen. Von der Hausarbeit fangen wir lieber gar nicht erst an zu reden…

Nicht alle von uns haben sich auf dieses Spiel eingelassen, einige haben sich vollends aus dem Berufsleben verabschiedet, sei es, weil ihnen das alles zu kompliziert war, sei es, weil für sie Mutterschaft und Berufstätigkeit nicht miteinander vereinbar sind. Andere haben sich selber etwas aufgebaut und sind sich nun selber der flexible Arbeitgeber, den sie sich stets gewünscht hätten. Ein paar Glücklichen ist es gelungen, eine Arbeit zu ergattern, die sich zu einem grossen Teil von zu Hause aus erledigen lässt, so dass sich die Arbeitszeiten den Bedürfnissen der Familie anpassen lassen.

Es war nicht immer leicht, aber den meisten von uns ist es gelungen, irgend einen Weg zu finden, um den Spagat zwischen Familie und Beruf zu schaffen. Und jetzt wollen sie uns also zurückhaben. Wir sollen wieder zurück auf unsere angestammten Arbeitsplätze, weil die nicht mehr einfach mit Leuten aus dem Ausland besetzt werden können. Plötzlich besinnt man sich darauf, dass wir ganz gut ausgebildet und eigentlich auch ziemlich motiviert sind, gute Arbeit zu leisten. Nun, es mag schmeichelhaft erscheinen, nach Jahren der Ablehnung wieder erwünscht zu sein. Dennoch schlage ich vor, dass wir sie erst mal ein wenig zappeln lassen. So ganz ohne Zugeständnisse sollten wir uns nicht wieder vor ihren Karren spannen lassen. 

Wenn sie sich dann eines Tages endlich dazu durchringen, einen Mutterschaftsurlaub einzuführen, der diesen Namen auch wirklich verdient, den Vätern die Möglichkeit einzuräumen, sich in der Familie zu engagieren, bezahlbare Krippenplätze für alle anzubieten, Bedingungen zu schaffen, dass sich die Arbeit auch wirklich lohnt und ausserdem endlich dafür zu sorgen, dass Frauen den gleichen Lohn für gleiche Arbeit bekommen, dann können wir miteinander ins Geschäft kommen. 

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Wie lehren wir unsere Kinder…?

Wie können wir sie lehren, den einzelnen Menschen und seine Geschichte zu sehen und nicht „die Schweizer“, „die Ausländer“, „die Christen“, „die Juden“, „die Muslime“, „die Reichen“, „die Sozialschmarotzer“…?

Wie bringen wir ihnen bei, zu fragen und zuzuhören, ehe sie sich eine Meinung bilden und (ver)urteilen?

Wie zeigen wir ihnen, dass gesunde Grenzen zu ziehen nicht ausschliessen bedeutet?

Wie lernen sie, nicht mit den Wölfen zu heulen, sondern kritisch zu denken und anders zu handeln?

Wie können sie begreifen, dass teilen nicht arm macht?

Wie lehren wir sie, zu lieben anstatt zu hassen?

Vor allem durch Vorleben, ich weiss. Und doch frage ich mich zuweilen, ob das reicht, wo man heute wieder ganz ungeniert hasst und ausgrenzt. 

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Verfolgungsjagd

Ich: „Schnell, Zoowärter, renn! Sonst sieht sie uns.“

Zoowärter: „Mist! Sie hat uns schon gesehen.“

Ich: „Komm über die Strasse. Vielleicht können wir sie so abschütteln.“

Zoowärter: „Mama, sie kommt rüber…“

Ich: „Oh nein…“

Zoowärter: „Soll ich ihr hinterher?“

Ich: „Ja, mach das. Vertreib sie einfach.“

Zoowärter (leicht verzweifelt): „Mama, sie kommt mir trotzdem hinterher…Was soll ich machen?“

Ich: „Komm, wir laufen! Schnell! So sollten wir es schaffen, sie abzuhängen…“

Wir werfen einen Blick zurück.

Zoowärter: „Sie kommt…“

Ich: „Lauf schneller!“

Wieder ein Blick zurück.

Ich: „Ich glaube, jetzt haben wir sie abgehängt.“

Zoowärter: „Oh Mann, das war knapp!“

Ein klägliches Miauen aus Nachbars Garten bestätigt uns, dass wir es geschafft haben, das schwarz-weisse Kätzchen zurückzulassen, das jedes Mal nachfolgt, wenn ein Venditti das Haus verlässt.

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Gewürzfragen

Einmachgewürz – spezieller Einmachessig und Einmachgurken übrigens auch – sind hierzulande gar nicht so einfach aufzutreiben. Keine Ahnung, warum das so ist, aber solange meine Mitbürger aus Deutschland nicht lautstark nach dem Zeug verlangen, wird sich daran wohl nicht so schnell etwas ändern. Dennoch überkommt mich jedes Jahr im Spätsommer der unwiderstehliche Drang, Gurken einzumachen, was meistens zu einer ziemlich komplizierten Angelegenheit wird, weil ich mich weigere, zig Kilometer nach Deutschland zu fahren, um dort einzukaufen, was ich für mein Unterfangen brauche. 

Die Gurken waren diesmal erstaunlich leicht zu finden. Gut, drei Händler auf dem Wochenmarkt standen nach meinem Besuch ohne Einmachgurken da, aber das war mir egal. Habe ja auch einen stolzen Preis bezahlt. Fehlte also nur noch das Gewürz, speziellen Einmachessig brauche ich nämlich nicht unbedingt. „Kein Problem“, sagte ich zu mir selber, „die haben doch vor einiger Zeit eine Gewürzhandlung eröffnet. Wenn sie keine Mischung haben, werden sie mir bestimmt sagen können, was ich alles brauche, um sie selber herzustellen. Die sind ja Experten.“ 

Was es denn sein dürfe, fragte mich die Verkäuferin in der Gewürzhandlung, kaum hatte ich den ersten Fuss über die Schwelle gesetzt. „Einmachgewürz“, antwortete ich. Die Frau sah mich fragend an. „Na ja, Gewürze, die man verwenden kann, um Essiggurken einzumachen“, erklärte ich. Die Frau überlegte. „Hmmmm, also wir haben Dill. Das passt glaub‘ ich ganz gut zu Gurken…“, sie schaute sich im Laden um. „Wacholder vielleicht?“, sagte sie nach einer Weile. „Nein, Wacholder eher nicht. Das passt besser zu Sauerkraut“, sagte ich. „Ja, da haben Sie vielleicht recht“, meinte die Verkäuferin und überlegte weiter. „Senfkörner könnte man noch nehmen, aber die haben wir gerade nicht…“ Wieder schaute sie sich um und murmelte dann: „Gewürzmischung zum Beizen hätten wir noch. Na ja, das ist eigentlich für Fleisch…“

Zwei Kunden betraten den Laden und ich spürte, dass die Verkäuferin sich jetzt lieber ihnen zuwenden wollte. War mir auch recht, dann konnte ich endlich richtig schauen, ob ich vielleicht doch noch finden würde, was ich suchte. Ich fand. Kleine Chilis zum Beispiel, 13 Franken das Päckchen. Oder Koriander, 8 Franken das Döschen. Oder Pfefferkörner in allen Farben,  etwa dreimal so teuer wie an anderen Orten. Mit etwas Mühe hätte ich wohl die Zutaten für mein Einmachgewürz zusammenbekommen, aber ich schätze, dass ich dafür etwa 50 Franken liegen gelassen hätte. Das war mir dann doch etwas zu teuer, also verliess ich die Gewürzhandlung mit leeren Händen.

In Zusammenarbeit mit Reformhaus, Migros, Coop und meinem Gewürzschrank bekam ich meine Würzmischung schliesslich doch noch zusammen. Inzwischen sind die Gurken im Glas, die Küche ist wieder sauber und in meinem Kopf geistert die Frage herum, weshalb man eine Gewürzhandlung führt, wenn man sich nicht mal ganz sicher ist, womit man Gurken würzt.

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Schon wieder fremdbestimmt

Als unsere Kinder klein waren, war mein Leben fast rund um die Uhr fremdbestimmt. Ich nahm mir am Morgen fest vor, ein entspannendes Bad zu nehmen, wenn die Kleinen Mittagsschlaf hielten und stattdessen kroch ich nach dem Mittagessen auf dem Fussboden herum und wischte Erbrochenes auf. Ich ging früh zu Bett, um endlich mal wieder zu schlafen, doch just als mir die Augen zufielen, drang aus dem eben noch stillen Kinderzimmer vielstimmiges Geschrei, das bis morgens um drei anhielt. Anstatt den dringend nötigen Wohnungsputz vorzunehmen, sass ich gelangweilt am Planschbecken und passte auf, dass keiner ertrinkt, zum Mittagessen gab es Milchreis anstelle von scharf gewürztem Curry und in den Ferien fuhren wir mit der Familienkutsche ins Kinderhotel, anstatt mit dem Nachtzug nach irgendwo.

Zugegeben, es war nicht immer einfach und auch wenn ich heute oft mit verklärtem Blick auf jene Tage zurückschaue, so erinnere ich mich doch noch an viele Momente der Überforderung und des Frusts. Dennoch war es okay so, wie es war. Ich stellte meine eigenen Interessen ja nicht für irgendwen in den Hintergrund, sondern für die Kinder, die ich über alles liebe. Die Kinder, für die wir uns ganz bewusst entschieden haben und die das Beste sind, was das Leben und hat schenken können. Ja, ich war fremdbestimmt – und „Meiner“ auch – aber das gehört sich so in der Phase, in der die Kinder zu klein sind, um für sich selber zu schauen. 

Heute ist das anders. Unsere Kinder werfen zwar immer noch hie und da meine Pläne über den Haufen und überschreiten meine Grenzen, aber im Grossen und Ganzen haben sie begriffen, dass ich eine eigenständige Person bin, die auch ab und zu ihre Freiheit braucht. Darum wage ich allmählich wieder, an einen – bis zu einem gewissen Grad – geregelten und planbaren Tagesablauf zu glauben. Ich stehe morgens nicht mehr mit dem Bewusstsein auf, dass alles, was ich mir für den Tag vorgenommen habe, ohnehin liegen bleiben wird. Wenn ich genug geschlafen habe, bin ich voller Tatendrang, weil es so viele Dinge gibt, die ich machen darf oder will. Zwar sorgen die Menschen und Tiere in unserem Haus noch immer für viel Unvorhergesehenes, aber im Vergleich zu früher ist das ein Klacks und das verleiht mir neue Energie.

Neue Energie, aber auch eine gewisse Überempfindlichkeit gegenüber jenen, die mir andauernd mit kleinen Störungen die Freiheit rauben, die ich nach Jahren der berechtigten Fremdbestimmung nun wieder geniessen möchte. Solange es liebe Freunde oder Verwandte sind, macht mir das nichts aus, denn für sie hatte ich in den vergangenen Jahren ja auch nicht gerade viel Zeit. Auf alle anderen aber reagiere ich derzeit ziemlich allergisch. Auf die fremden Kinder, die ohne zu klingeln und ohne um Erlaubnis zu fragen plötzlich bei mir in der Küche stehen und sich nicht abwimmeln lassen. Auf die Anrufer, die mir mit unsinnigem Werbegeschwätz Zeit stehlen. Auf Leute, die mir irgend eine ehrenwerte Aufgabe aufschwatzen wollen, weil ich jetzt ja wieder mehr Zeit habe. Auf Telefontechniker, die anstatt ihrer Arbeit nachzugehen, mit mir über unsere Katzen quatschen wollen. Auf inhaltlosen Smalltalk beim Einkauf, weil gewisse Leute sich nicht mit einer kurzen Begrüssung und einem Nachfragen nach der Befindlichkeit zufrieden geben können. Auf Anrufer, die eigentlich „Meinen“ sprechen möchten, aber nicht daran denken, dass Lehrer am Vormittag gewöhnlich nicht zu Hause zu erreichen sind. 

Klar, das alles sind Kleinigkeiten, aber wenn mehrere von diesen Kleinigkeiten an einem Tag zusammenkommen, bin ich am Ende ebenso fremdbestimmt wie früher, als die Kinder noch keinen Augenblick ohne meine Anwesenheit zurechtkamen. Der einzige Unterschied ist, dass ich jene, die heute meine Zeit stehlen, nicht über alles liebe und deshalb alles für sie tun würde. Und darum werde ich einen Weg finden müssen, sie in die Schranken zu weisen. 

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Ehefrauentest

Man kennt sie ja, die „Persönlichkeitstests“, die auf Facebook ihre Runden machen. „Welche Blume bist du?“, „Welche Farbe passt zu dir?“, „Welche Märchenfigur ist dir ähnlich?“ und solchen Kram. Manchmal, wenn ich die Sekunden zwischen „Mama, hilfst du mir mal bei diesen Rechnungen?“ und „Guten Tag, Frau Venditti. Ist „Ihrer“ vielleicht zu Hause?“ überbrücken muss, klicke ich mich durch einen dieser dämlichen Tests, weil ich dämliche Tests und noch dämlichere Resultate schon immer gemocht habe. Heute landete ich bei „Bist du eine gute Ehefrau?“ Im Folgenden die sieben Fragen und die Antworten, die man hätte geben müssen, um zur Ehefrau des Jahrhunderts gekürt zu werden:

1 Frage: „Wie gern gehst du Hausarbeit nach?“

Hausarbeit ist das Grösste in meinem Leben. „Meiner“ hat nämlich gar keine Frau gesucht, sondern eine Haushälterin. Ich habe als Erste auf das Inserat geantwortet und weil ich seine Unterwäsche stets so schön gebügelt habe, hat er sich meiner erbarmt und mich geheiratet.

2. Frage: „Wie sieht es denn mit Kindern aus?“

Natürlich hat er auch noch meine Fruchtbarkeit testen lassen, ehe er mir einen Heiratsantrag gemacht hat. Hätte ich ihm keine Söhne geboren, hätte er mich verstossen. 

3. Frage: „Was ist für dich die Erfüllung deines Lebens?“ (Als Antwort stehen zur Auswahl: Kind, Job oder perfekte Work-Life-Balance.)

Seitdem er mich geheiratet hat, bin ich wunschlos glücklich. 

4. Frage: „Nach einem anstrengendem (sic!) Arbeitstag kommst du nach Hause, keiner hat bislang gekocht. Jeder hat Hunger. Was tust du?“

In meiner Familie kommt diese Situation nie vor, denn mein Lebenssinn besteht darin, die Meinen stets mit reichlich gesunder Kost zu versorgen. 

5. Frage: „Du bist im Edeka einkaufen. Wie gehst du dabei vor?“

Als ich „Meinem“ mal erzählte, wie ich einkaufe, hatte er danach tagelang Zweifel, ob er mich wirklich heiraten will. Nachdem ich ihm versprochen habe, mein Einkaufsverhalten zu ändern, hat er mir dann doch eine Chance gegeben. 

6. Frage: „Wähle:

  • Grosses, freistehendes Einfamilienhaus in ruhiger Wohnsiedlung
  • Schickes Loft mitten in der Stadt
  • Schnuckeliges Reihenhaus am Stadtrand“

Wo auch immer er zu leben wünscht, werde ich ihm ein wohliges Heim bereiten, in dem er sich von dem harten Männerleben da draussen erholen kann. 

7. Frage: „Dein Mann bittet dich, ihn bei einem wichtigen Geschäftsdinner zu begleiten. Eigentlich hast du aber keine Lust und müsstest viel dringendere Dinge erledigen. Was tust du?“

Sein Wunsch ist mir Befehl, aber ich muss ihn erst um Geld bitten, damit ich mir etwas Passendes zum Anziehen kaufen kann. Schliesslich will ich ihm keine Schande machen. Am Abend selber werde ich nicht von seiner Seite weichen und pausenlos bewundernd zu ihm aufblicken. 

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Vielseitigkeit

An Tagen wie heute merke ich, dass ich eben doch vielseitiger bin, als mir bewusst ist. Ich kann nämlich:

  • Gute Miene zum bösen Spiel machen, wenn mir der Techniker mitteilt, er könne unsere Telefonleitung nicht reparieren, da müsse der Hauselektriker her. Sogar die bissige Bemerkung, auf eine solche Nachricht hätte ich nicht vier Tage warten müssen, kann ich mir verkneifen. 
  • Meinen ganzen Frust über einen vergeudeten Arbeitsmorgen – der nette Herr Techniker hat mich fast zwei Stunden vom Internet abgehängt – an hausgemachtem Kartoffelbrei auslassen.
  • Meinen Ekel überwinden und Kalbsschnitzel panieren. Ohne Handschuhe.
  • Den Hauselektriker anrufen und die Dame am Empfang ganz nett bitten, doch bald jemanden zu schicken, weil ich schon furchtbar lange ohne Telefon sei. Was daran so besonders ist? Nun, zuweilen gerate ich in Versuchung, meinen Frust an Unschuldigen auszulassen.
  • „Meinem“ technische Probleme aus dem Weg räumen, damit er heute Abend einen einwandfreien Vortrag halten kann. Okay, ob der Vortrag wirklich einwandfrei war, werde ich erst wissen, wenn er wieder zu Hause ist. 
  • Den Zoowärter ganz furchtbar ungerecht behandeln und ihn nie zu Wort kommen lassen. Dies zumindest seine Sicht der Dinge.
  • Mich dezidiert dafür einsetzen, dass der Zoowärter nicht immer unterbricht, wenn Karlsson mir von einer Begebenheit in der Schule erzählen will. Dies meine Sicht der Dinge.
  • Ungerührt dabei zusehen, wie der Elektriker den ganzen Wandschrank ausräumt, weil er nach langem Suchen herausgefunden hat, dass die kaputte Telefonleitung sich dort befindet.
  • Nicht in Tränen ausbrechen, wenn mir der Elektriker mitteilt, er habe soeben eine Telefonleitung entsorgt, die schätzungsweise aus den Dreissigerjahren des letzten Jahrhunderts stammt.
  • Meinen Kaffee lauwarm geniessen, weil ich gefühlte hundertmal davon abgehalten worden bin, als er noch heiss war.
  • Mir durchaus bewusst sein, wie dumm es ist, sich über das andauernde Klingeln des Telefons aufzuregen, wo ich doch unbedingt wollte, dass die Leitung so schnell als möglich wieder repariert wird. (War irgendwie ruhiger, als das Ding eine Woche lang stumm blieb.)
  • Karlsson beinahe ungerührt sagen, ich wüsste beim besten Willen nicht, wie ich ihn heute ins Nachbardorf chauffieren solle, wo ich doch das Haus voller Kinder hätte.
  • Den ganzen Tag mit einer Scherbe im Fuss rumlaufen und so rund, als würde es mir überhaupt nichts ausmachen, dass ich keine Zeit habe, mich darum zu kümmern.
  • Beinahe platzen vor Freude, weil sich sechs Schulkameraden dafür stark machen, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat mitspielen darf und damit bewirken, dass derjenige, der unseren Sohn ausschliessen wollte, sich freiwillig entschuldigt.
  • Der Katze ein übrig gebliebenes Kalbsschnitzel servieren, weil das Futter ausgegangen ist und sie so fürchterlich klagt.
  • Einem hinreissenden kleinen Mädchen sagen, sie dürfe heute leider nicht in unserem Garten spielen, weil ich vor lauter Kindern nicht mehr wüsste, wo mir der Kopf steht.
  • Einen kleinen Taugenichts, der im Vorbeigehen dem Prinzchen „Arschloch!“ zugerufen hat, so zusammenstauchen, dass alle seine Freunde finden, ich hätte voll und ganz recht und er solle sich beim nächsten Mal gefälligst anständig aufführen. 
  • Eine Dreijährige einen ganzen Nachmittag lang mehr oder weniger geduldig davon abhalten, sich aus meinem Blickfeld zu begeben und irgendwelche Dummheiten anzustellen.
  • Mit einem riesigen, geliehenen Auto durch die Gegend kutschieren und sogar dann ruhig bleiben, als einer meinen Vortritt missachtet und beinahe das riesige, geliehene Auto zu Schrott macht.
  • Einhändig bloggen, weil gerade eine kleine Katze auf meinem Arm schnurrt.
  • Trotz vieler weiterer Kleinigkeiten, die meinen Tag zu einem Dauerlauf im Hamsterrad gemacht haben, abends noch immer wissen, wie ich heisse, wo ich wohne und wie alt ich bin. (Hundertdreissig, wenn ich mich nicht irre.)

Ist doch gut, wenn einem das Leben ab und zu die eigene Vielseitigkeit vor Augen führt. Aber muss das alles unbedingt an einem einzigen Tag sein?

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Reichlich naiv

Ich geb’s ja zu, es war reichlich naiv von mir zu glauben, so eine neue Mischbatterie sei ganz einfach anzubringen. Vor allem, wenn die Alte partout nicht von der Wand weg will. Aber ich kann doch nicht eine halbe Ewigkeit warten, bis „Meiner“ mal gar nichts um die Ohren hat und sich darum um die Verschönerung unseres uralten Badezimmers kümmern kann.

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Na ja, immerhin ist „Meiner“ jetzt dazu gezwungen, sich umgehend des Wasserhahns anzunehmen, wenn er nach Hause kommt. Es sei denn, er wolle nie wieder duschen. Was ich aus verschiedenen Gründen nicht hoffe.