Befreiend

Endlich ist es draussen. Schon lange war die Sache im Raum gestanden, aber keiner wollte der Erste sein, der es laut und deutlich ausspricht. Gut, ich hatte hin und wieder eine Bemerkung fallen lassen, aber „Meiner“ hatte stets abgewiegelt. „Nein, so schlimm ist es nicht“, hatte er gesagt. Oder: „Ach komm schon, bei mir wäre es doch auch nicht besser.“ Oder: „Wenn die Kinder dann grösser sind, wird das schon wieder.“ So redeten wir um den heissen Brei herum, aber so richtig wohl war uns beiden nicht. Mir nicht, weil mich das schlechte Gewissen plagte, ihm nicht, weil er zwar sah, dass der gute Wille da war, das Resultat aber dennoch äusserst bescheiden ausfiel.

Gestern endlich nannte er das Kind beim Namen und ich war froh, dass die Sache so offen zur Sprache kam. Ich weiss nicht genau, weshalb wir ausgerechnet gestern die nötige Offenheit aufbringen konnten, um darüber zu reden. Vielleicht lag es daran, dass „Meiner“ in den vergangenen Tagen mal wieder für Ordnung gesorgt hatte. Vielleicht ist es aber auch so, dass „Meiner“ jetzt, wo ich endlich wieder eine feste Anstellung habe und nicht mehr ausschliesslich Hausfrau bin, sich freier fühlt, Dinge anzusprechen, die mich vorher verletzt hätten. Was auch immer der Grund war, ich bin froh, dass er es gesagt hat. „Meine liebe Frau“, sagte er „du hast zwar sehr viele Talente, aber im Haushalten bist du eine Niete.“ Er sagte es nicht vorwurfsvoll, nicht herablassend und schon gar nicht im Zorn. Nein, er sprach einfach das aus, was wir beide schon lange wussten, es aber nicht offen ansprechen konnten, weil wir ohnehin keinen Weg sahen, die Dinge zu ändern.

Ich bin erstaunt, wie viel Druck von mir abgefallen ist durch diese einzige Feststellung. Denn eigentlich ist mir selber ja nicht neu, dass ich die Sache mit dem Haushalt nicht auf die Reihe kriege. Aber solange „Meiner“ noch den Schein aufrecht erhalten hatte, dass alles halb so schlimm sei, hatte ich mich unter Druck gefühlt, zumindest eine halbwegs passable Hausfrau zu sein. Denn wenn ich zwar wusste, dass ich nichts taugte, „Meiner“ aber doch in vielen Dingen auf mich zählte, musste ich mich eben abmühen, zumindest das zu schaffen, was man mir zutraute. Jetzt aber, mit dem befreienden Wissen, dass „Meiner“ in Sachen Haushalt nicht auf mein Können zählt, kann ich aufatmen. Wenn man nichts von mir erwartet, dann fällt es mir viel leichter, das Wenige, das ich auf die Reihe zu kriegen, auch richtig zu machen.

Nach diesem offenen Gespräch fühlte ich mich so erleichtert, dass ich es heute doch tatsächlich nach langer Zeit wieder mal fertig gebracht habe, die Wohnung zu putzen, ohne dabei alle anzuraunzen und wie ein wild gewordenes Wildschwein durch die Wohnung zu stürmen. Und weil ich danach noch so schön in Schwung war, zauberte ich gleich eine halbwegs gelungene Luzerner Chügelipastete, die ich unseren Gästen morgen servieren werde. (Ja, ich habe daran gedacht, dass man die Füllung erst kurz vor dem Servieren einfüllt, also keine Haushaltstipps, wenn ich bitten darf.) Vielleicht werde ich jetzt, wo ich nichts mehr beweisen muss, doch noch zu einer halbwegs passablen Hausfrau.

 

Weihnachts-Nachlese

Trotz Noro-Besuch lasse ich es mir nicht nehmen, auf die Dinge hinzuweisen, die Weihnachten 2010 zu einem wunderbaren Fest gemacht haben. Da wären zum Beispiel

– fünf rundum zufriedene kleine Vendittis, die alles bekommen haben, was sie sich gewünscht haben. Zitat Karlsson: „Ich hätte nicht geglaubt, dass ich je ein Trichtergrammophon bekommen würde und jetzt ist mein Traum wahr geworden.“

– der schönste Tea-for-One-Teekrug aller Zeiten, den ich seit vorgestern mein Eigen nennen darf.

– die Erkenntnis, dass meine Herkunftsfamilie wirklich cool ist. Nachdem ich, ein bekennendes Herdentier, mich in den vergangenen Jahren innerlich ganz bewusst von meiner Herkunftsgrossfamilie distanziert habe, um mich meiner eigenen Grossfamilie zuzuwenden, durfte ich gestern erkennen: Meine Schwestern, meine Brüder, meine Eltern und all die verschiedenen „Anhänge“ sind cool, auch wenn sie nicht perfekt sind. Dass meine Neffen und Nichten cool und obendrein nahezu perfekt sind, habe ich übrigens gar nie bezweifelt. Wie könnte ich auch, wo ich doch durch sie gelernt habe, wie großartig Kinder sind?

– ein paar noch nie gewagte kulinarische Experimente – darunter Trifle mit Birnen, weißer Schokolade und Gewürzen, ein Auflauf aus Mais und Kastanien sowie eine himmlische Fenchel-Kartoffelsuppe mit Anis – die mir heute noch trotz Übelkeit und Bauchschmerzen das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen.

– Karlssons Kompliment, dass ich aufgrund meines Weihnachtsmenüs endlich einen Preis bekommen sollte. Aber was will ich mit Preisen, wo doch die Tatsache, dass selbst der FeuerwehrRitterRömerPirat beherzt zugegriffen hat, die höchste aller Auszeichnungen ist?

– das Weihnachtsgeschenk, das „Meiner“ und ich uns gönnen: Drei Tage Prag ohne Kinder und es haben sich so viele Leute freiwillig zur Kinderbetreuung gemeldet, dass wir uns ganz dringend noch zwei oder drei Knöpfe zulegen sollten, um die Nachfrage nach zu betreuenden kleinen Vendittis zu befriedigen.

Das also wären die Highlights. Dass ich obendrauf noch völlig unbeabsichtigt zu einem Haussklaven – auch Roboter-Staubsauger genannt -gekommen bin, erzähle ich dann vielleicht bei anderer Gelegenheit ausführlicher. Denn zuerst muss sich erweisen, ob das Ding tatsächlich solch ein Segen ist, wie es momentan noch den Anschein macht.

Nicht lernfähig?

An gewissen Tagen zweifle ich, ob ich je lernen werde, was das Leben mir so gerne beibringen will. Zum Beispiel an Tagen wie heute, an denen man von morgens um sieben bis abends um halb neun pausenlos auf Achse ist. Tage, an denen man abends um halb neun mit leerem Blick auf das schmutzige Geschirr starrt, das auch noch weg sollte. Tage, an denen man gar nicht erst daran denken darf, dass da auch noch die Wäsche wartet. Tage voller Versagen – ich hatte doch geglaubt, ich hätte mir das Herumbrüllen abgewöhnt – Tage voller Ärger über Dinge, die es nicht Wert sind, Tage, die man sich selber schwer gemacht hat, weil man mal wieder zu allzu vielen Dingen ja gesagt hat.

Tage wie heute lassen mich ernsthaft daran zweifeln, ob ich es je ganz schaffen werde, über den Berg zu kommen. Sie bringen mich zum Grübeln darüber, ob es denn wirklich einen Unterschied macht, wenn man sich nicht mehr aus Angst, sondern aus Leidenschaft verausgabt. Stimmt es, dass das, was man mit Begeisterung tut, einem soviel zurückgibt, dass man nicht ausbrennt? Oder redet man sich dies alles bloss ein, weil man zu feige ist, endlich zu lernen, nicht stets an der Belastungsgrenze zu leben?

Heute Abend habe ich auf all diese Fragen noch viel weniger eine Antwort als sonst. Dafür aber weiss ich, das die Küche noch aufgeräumt, die Wäsche noch aufgehängt und die Weihnachtsgeschenke noch verpackt werden müssen. Ist doch gut, immerhin weiss ich noch, was ich zu tun habe. Wo ich schon nicht weiss, ob ich mich mal wieder verrannt habe.

Sollen wir? Oder doch lieber nicht?

Morgen verreist unser Au-Pair in die Weihnachtsferien und so langsam muss ich der Tatsache ins Auge sehen, dass sich ihre Zeit bei uns ihrem Ende zuneigt. Im Januar wird sie noch einmal für ein paar Wochen zurückkommen, bevor es für sie und für uns weitergeht. Bis heute habe ich die Tatsache verdrängt, weil ich einfach nicht will, dass sie geht. Und die Kinder und „Meiner“ auch nicht. Und noch mehr als vor dem Ende ihrer Zeit bei uns graut mir vor dem Anfang mit einem neuen Au-Pair. Zweimal im Leben wird man ja wohl kaum das Glück haben, jemanden zu finden, der wie ein Puzzlestück ins verrückte Bild unseres Familienlebens passt.

Aber wie dem auch sei, eine Lösung muss her. Ohne fremde Hilfe schaffen „Meiner“ und ich es einfach nicht, Kinder, Jobs, Haushalt, Freizeit und Freunde zu jonglieren. Also wäre es nur logisch, wenn ich heute Abend mal wieder ein Familienprofil zusammenstelle, um ein neues Au-Pair zu finden. Aber wer denkt denn schon logisch, wenn es darum geht, einen Menschen zu sich einzuladen, der alles mit uns teilt? Der mein zerknittertes Gesicht in den frühen Morgenstunden zu sehen kriegt, der mich erlebt, wenn ich mal wieder mit den Nerven am Ende bin, der hin und wieder auch miterlebt, wie meiner und ich uns anschnauzen können, bevor wir uns wieder versöhnen. Was, wenn wir niemanden finden, der es mit uns aushält? Was, wenn wir jemanden erwischen, mit dem wir es nicht aushalten können? Ich vermute, ich werde mir all die Fragen noch etwas länger durch den Kopf gehen lassen, bevor ich mich entscheiden kann, ob wir wieder sollen oder nicht. Und bis diese Frage geklärt ist, werde ich mich eben einfach daran freuen, dass es bei diesem Mal so perfekt gepasst hat.

 

Prinzchenalarm

Nachdem mir gestern Nacht um halb drei das Druckerpapier ausging und ich endlich gezwungen war, aufzuhören mit arbeiten, musste heute Morgen Nachschub her. Was ich natürlich ganz gut bei uns im Dorf hätte erledigen können. Aber weil ich a) mal endlich wieder meine Höhle verlassen musste, b) nach so viel Nachtarbeit nicht auch noch gemeinsam mit der Putzfrau unsere Höhle aufräumen wollte und ich c) nach so viel Stress in den vergangenen Tagen mal wieder ein wenig Retail Therapy brauchte – ja, ich weiss, das kann ich mir momentan eigentlich nicht leisten – schnappte ich mir das Prinzchen, den Zoowärter und das Au-Pair und fuhr mit dem Bus in die Stadt.

Kaum aus dem Bus ausgestiegen, machten wir uns auf ins Warenhaus, wo wir mit lautem Alarm begrüsst wurden. Nun gehöre ich schon gewöhnlich nicht zur Kategorie Ladendieb,  wenn ich aber eben erst den Laden betreten habe, ist mein Gewissen noch reiner als sonst. Also hatte ich kein Problem damit, dass die Verkäuferin sogleich angerannt kam. Einer nach dem anderen mussten wir die Schranke noch einmal passieren, eins ums andere Mal blieb alles still. Einzig, als das Au-Pair mit dem Prinzchen auf dem Arm den durchspazierte, heulte der Alarm wieder. Au-Pair ohne Prinzchen war okay, Au-Pair mit Prinzchen ging nicht. Also war klar, dass beim Prinzchen eine Untersuchung angesagt war. Aber wie lange wir auch tasteten, wir konnten nichts finden, was den Alarm ausgelöst hatte, schon gar kein Diebesgut natürlich. Am Ende stand das Kind ohne Jacke, Mütze und Schuhe da und endlich, nachdem jedes Kleidungsstück einzeln getestet worden war, stellte sich heraus, dass des Prinzchens Schuhwerk den Alarm ausgelöst hatte. Die Verkäuferin war so nett, dafür zu sorgen, dass die Schuhe in Zukunft kein Chaos mehr anrichten, denn, so meinte sie, „Es wäre ja peinlich, wenn Sie mit dem Kind in keinen Laden mehr gehen könnten.“ Um uns für unsere Umstände zu entschädigen, schenkte sie uns noch einen Gutschein, obschon die Schuhe aus einem anderen Geschäft stammten und dann zogen wir endlich los, um uns unseren Einkäufen zu widmen.

Ein paar Momente später, als wir uns wieder einer Schranke näherten, heulte der Alarm erneut. Weil ich inzwischen im Begriff war, meine Sachen zu bezahlen, wusste ich, dass ich mit voller Einkaufstasche nicht mehr ganz so unschuldig erscheinen würde, wenn der Alarm sich erneut melden würde und so wandte ich mich mit meinem Kummer an eine andere Verkäuferin. Noch einmal alles von Vorne, wobei inzwischen immerhin bekannt war, was den Alarm ausgelöst hatte. So stellte sich bald einmal heraus, dass die erste Verkäuferin wohl nur einen Schuh „entschärft“ hatte, der andere uns aber weiterhin fälschlicherweise des Ladendiebstahls bezichtigte. Schliesslich aber, nachdem auch der zweite Schuh seine Spezialbehandlung erhalten hatte, war alles wieder wie immer. Wir konnten wieder völlig unbehelligt gehen, wohin wir beliebten.

Nun, ganz alles war nicht wie vorher. Das Prinzchen starrte von da an jede Schranke vorwurfsvoll an, weil sie einfach nicht mehr blinken und lärmen wollte. „Blöde Schranke“, schien er zu denken, „weisst du den nicht, dass das Leben viel mehr Spass macht, wenn es hin und wieder mal ordentlich heult.“ Dann hoffen wir mal, dass das Kind nicht zum Kleptomanen wird, bloss weil er den ganzen Spass wieder und wieder erleben will.

Reden wir mal über Geld

Okay, ich weiss, das Thema ist hoch unanständig und ich würde mich nicht darüber wundern, wenn ich den einen oder anderen Leser verliere, weil ich über solche Schweinereien schreibe. Aber nachdem sich in der Weihnachtszeit die Schlagzeilen zum Thema „Armut in der reichen Schweiz“ und „Working Poor“ wieder häufen und sich zudem zum  Jahresende die Rechnungen bei uns türmen, komme ich nicht umhin, mich mal wieder mit den schmutzigen Geheimnissen unseres Lebens zu befassen.

Vergleicht man den Lebensstandard von uns Schweizern mit dem Lebensstandard eines Grossteils der Weltbevölkerung, dann muss man gestehen, dass hierzulande wohl kaum einer weiss, was es bedeutet, richtig arm zu sein. Also arm im Sinne von kein Dach über dem Kopf, keine warmen Kleider, keine Gewissheit, ob man morgen wieder etwas zum Essen haben wird. Diese Art von Armut kennen die Wenigsten von uns und wenn unsere Kinder jeweils wissen wollen, ob wir arm oder reich seien, erkläre ich ihnen genau dies: Dass wir, verglichen mit den meisten Menschen auf diesem Planeten, steinreich sind. Und es stimmt ja auch, wir haben mehr als genug. Ein Haus, Schränke voller Kleider, mehr als genug zu Essen und dann noch sehr viele Dinge, von denen die meisten Menschen nicht mal träumen können. Zum Beispiel, um nur etwas zu nennen, diesen Computer, in dessen Tasten ich jeweils meine Texte haue. Nein, arm sind wir wirklich nicht.

Und doch gibt es da dieses Gefühl von Ohnmacht, wenn an einem Tag wie heute die Krankenkasse mitteilt, dass sie uns hunderte von Franken an Leistungen zuviel ausbezahlt hätten, die wir nun gefälligst zurückzahlen sollten. Zur gleichen Zeit lassen sie uns wissen, wie hoch der Betrag sein wird, den wir ab nächstem Jahr zu bezahlen hätten und „Meiner“ und ich schauen uns nur noch schweigend an, weil wir uns fragen, wie wir das alles bezahlen sollen. Wo wir doch genau wissen, dass die Prämienverbilligung, die uns dabei hilft, die Krankenkassenprämien zu bezahlen, erst im Laufe des nächsten Jahres ausbezahlt wird. Wir wissen auch, dass neben den Krankenkassenrechnungen noch ganz viele weitere Rechnungen darauf warten, beglichen zu werden. Rechnungen, die einfach so ins Haus flattern, ohne dass wir einen Einfluss darauf hätten. Weil das Leben in der Schweiz eben etwas kostet. Und zwar ziemlich viel.

So viel, dass wir reichen Leute nicht umhin kommen, uns bei der Fülle an Auslagen, die wir kaum oder gar nicht beeinflussen können, zuweilen sehr arm fühlen. Diese Überforderung, sich abzurackern und doch nie genug zu haben, diese Angst vor unvorhergesehenen Auslagen, welche das Ganze Budget aus dem Lot zu bringen drohen, dieses Gefühl von Ohnmacht, weil der Reichtum, in dem der Durchschnittsschweizer lebt, einen sehr hohen Preis hat, das alles kann einem ganz schön zusetzen. Nein, ich will nicht jammern, zumal man mir sofort den Vorwurf machen würde, wir hätten eben nicht so viele Kinder haben sollen. Ich will dankbar sein für alles, was wir haben, aber zuweilen wünsche ich mir eine Verschnaufpause in dem endlosen, unglaublich kräfteraubenden Spiel von Geld einnehmen und Löcher stopfen. Hin und wieder träume ich von einem Leben, in dem die Angst vor dem finanziellen Abgrund nicht existiert.

Und dann träume ich auch von einem Leben, in dem es nicht als unanständig gilt, über solche Dinge zu reden. Wie viele von uns reichen Schweizern fühlen sich als absolute Versager, weil sie glauben, sie seien die Einzigen, die es einfach nicht schaffen, etwas für Notzeiten auf die Seite zu legen? Wie viele von uns machen sich selber schwere Vorwürfe, wenn ihnen die Monatsabrechnung mal wieder die Tränen in die Augen treibt? Wie viele von uns fürchten sich hin und wieder vor dem Tag, an dem sie den Kindern Winterschuhe kaufen müssen, weil sie nicht wissen, ob bis dahin wieder genug Geld auf dem Konto ist? Wenn ich mich in meinem Bekanntenkreis umsehe, habe ich jeweils das Gefühl, wir seien die Einzigen, denen es so geht. Wenn ich aber die Statistiken anschaue, wird mir bewusst, dass es noch ganz vielen anderen ähnlich gehen wird, dass aber jeder sich schämt, darüber zu reden, weil er glaubt, wenn er sich nur etwas mehr anstrengen würde, sähe es anders aus mit seinen Finanzen

Nein, ich will nicht klagen, denn bei uns ist es am Ende immer irgendwie aufgegangen. Manchmal besser, manchmal schlechter, aber irgendwie kommen wir immer über die Runden. Aber ich wünschte schon, dass ich nicht jeden Luxus, den wir uns hin und wieder leisten, später wieder bereuen müsste, wenn ich merke, dass das Geld dafür nicht gereicht hätte, wenn ich gewusst hätte, welche Rechnung demnächst wieder bei uns eintreffen würde. Und manchmal wünschte ich auch, dass andere Leute offener über die schmutzigen Geheimnisse in ihrem Leben reden würden. Damit wir uns nicht immer wie die einzigen Deppen in unserem reichen Land fühlen müssen.

Arbeit frisst Leben

Vor einiger Zeit habe ich ja damit geprahlt, dass der Adventsstress in diesem Jahr nichts wissen will von mir. Das ist auch weiterhin so geblieben, aber erst heute ist mir endlich klar geworden, weshalb das so ist. Vor lauter Arbeit habe ich nämlich noch gar nicht realisiert, dass am Sonntag der dritte Advent ist und dass es so langsam aber sicher an der Zeit wäre, in Weihnachtsstimmung zu kommen. Aber wie soll man denn in Weihnachtsstimmung kommen, wenn die Arbeit, die man bis anhin noch ziemlich gut vom Familienleben hatte trennen können, sich mehr und mehr in den Alltag frisst?

Heute Morgen war mal wieder ein klassisches Beispiel dafür. Nach einer anstrengenden Sitzung und einer halbdurchwachten Nacht war ich heute Morgen reif für ein wenig Faulenzen mit Duftkerzen, Schwarztee, ein paar Weihnachtsguetzli und ausgiebiger Zeitungslektüre. Und für einmal schien das Familienleben meinem Ansinnen wohlgesinnt zu sein: Karlsson und Luise machten sich pünktlich auf den Weg und sogar der FeuerwehrRitterRömerPirat verliess heute das Haus bevor der Kindergarten angefangen hatte. Der Zoowärter verschlief den ganzen Morgen, das Tageskind kam ausnahmsweise später und einzig ein sehr gut gelauntes Prinzchen sorgte für gerade genug Leben in der Bude, damit mir nicht langweilig würde. Alles war perfekt für ein fröhliches Tête-à-Tête bei Tee und Kakao mit meinem Jüngsten. Ach ja, und wo wir schon dabei waren, könnten wir uns doch gleich noch einen gemütlichen Schwatz mit dem Au-Pair gönnen. Vielleicht könnten wir ja endlich besprechen, wer war zu Weihnachten bekommen soll.

Und dann kam der erste Anruf, kurz darauf der Zweite und als ich den Dritten entgegennahm, klingelte gleichzeitig auch noch das Arbeitshandy.  Dazwischen zwei oder drei E-Mails, die ganz dringend beantwortet werden mussten. Das Au-Pair tat inzwischen, was ich eigentlich so gerne getan hätte: Sie quatschte mit dem Prinzchen, freute sich an seinen Fortschritten und sorgte dafür, dass er die Mama, die schon wieder an der Strippe hing, nicht zu sehr störte. Dabei hätte ich doch noch so gerne von ihm gestört werden wollen, lechzte ich doch nach einer ziemlich anstrengenden (Arbeits)woche richtiggehend nach Zeit mit meinem Jüngsten. Aber am Ende kam doch wieder die Arbeit zuerst, auch wenn das Au-Pair mich davon zu überzeugen versuchte, ich solle doch beim nächsten Mal das Telefon einfach läuten lassen. Irgendwann war ich so frustriert über meinen verpatzten vorweihnachtlichen Mama-Sohn-Morgen, dass dieser eine Anruf mehr nicht weiter ins Gewicht fiel. Ausserdem war es jetzt ohnehin Zeit, mit Luise zur Kinderärztin zu fahren, um die Fäden aus ihrer Bauchnaht zu entfernen.

Auf dem Weg zur Ärztin, als wir an unglaublich vielen Samichläusen, Lichterketten und dekorierten Tannenbäumen vorbeifuhren, wurde mir endlich klar, dass ich mich jetzt ganz dringend mal dem Advent und allem, was er so an Schönem mit sich bringen kann, widmen muss. Denn tue ich das nicht, steht am Ende doch noch der Adventsstress vor der Tür, weil ich vor lauter Arbeit das Backen, das Dekorieren, das Singen, das Geschenkemachen, das Geniessen und die Stille auf den letzen Moment aufgeschoben habe.

Stopp!

Darf man das? An einem grauen Donnerstagmorgen, wenn auf dem Tisch noch die Krümel vom Frühstück, auf dem Fussboden die Dreckspuren der Kinderschuhe liegen und sich sowohl auf dem Bürotisch als auch im Kopf die Arbeit türmt, alles stehen und liegen lassen, wie es ist und in die Badewanne  verschwinden? Einfach so, ohne iPad, ohne Telefon, ohne Unterlagen, die man beim Baden studieren könnte. Tür zu, warmes Wasser an, ein paar Momente lang abtauchen und so tun, als hätte man mit all dem Chaos vor der Badezimmertür rein gar nichts zu tun. Darf man das?

Nein, man darf nicht, man muss. Denn wenn man wieder an dem Punkt angelangt ist, an dem man sich fragt, ob ein heisses Bad zwischendurch drinliegt, dann herrscht Alarmstufe rot. Jetzt aber ganz schnell wieder lernen, die Prioritäten richtig zu setzen, Aufgaben, die man nicht selber erledigen muss, abzugeben, dem Perfektionismus, der sich wieder heimlich still und leise ins Leben geschlichen hat, einen Riegel zu schieben, bevor er die Kontrolle ganz an sich reisst, Erholungsphasen wieder ebenso ernst zu nehmen wie all die Aufgaben, die tagtäglich auf einen einprasseln. Spätestens dann, wenn der Schlaf nachts trotz Übermüdung nicht mehr kommen will und die leiseste Kritik einen in Selbstzweifel stürzt, ist es an der Zeit, wieder Spielgruppenkind zu werden: Sich mit beiden Beinen auf den Boden stellen, dem Zeitfresser, der dein Leben an sich reissen will, die flache Hand entgegenstrecken und dann laut und deutlich „Stopp!“ rufen.

Ach Zoowärter, könntest du deiner unbelehrbaren Mutter bitte Nachhilfestunden geben? Ich glaube, sie hat das mit dem „Stopp!“ schon wieder verlernt.

Bitte nicht stören

Nennt mich ruhig altmodisch, aber es gibt da so Zeiten, zu denen ich nicht gestört werden will. Meine Eltern haben mir noch beigebracht, dass man sonntags niemanden anruft, dass man die Leute zu Essenszeiten in Ruhe lässt und dass man sie weder frühmorgens noch feiertags mit Telefongeklingel weckt. Mir scheint, die Zeiten haben sich gewaltig geändert. Kaum ein Mittagessen geht vorbei, ohne dass jemand anruft und heute, wo die Kinder unaufgefordert jeden Anruf entgegennehmen, können wir das Klingeln noch so sehr ignorieren, am Ende rufen die Kinder uns dennoch ans Telefon. Das müssen wir mal im Familienrat thematisieren, sofern wir es endlich auf die Reihe kriegen, einen abzuhalten.

Dass die Leute so unhöflich sind, über Mittag anzurufen, ist an sich schon ärgerlich, wenn ich aber bedenke, weshalb sie zu unseren Essenszeiten zum Telefon greifen, dann werde ich rasend. Da hat doch zum Beispiel tatsächlich einmal eine verzweifelte Mutter „Meinen“ angerufen, weil ihre Tochter nicht essen wollte, was auf den Tisch gekommen war. „Was soll ich bloss tun, Herr Venditti?“, klagte sie. „Meine Tochter will das Fleisch nicht essen.“ Ein anderer Favorit von mir: „Ich weiss, dass ich Sie beim Essen störe und das tut mir ja wirklich Leid, aber…“ und dann kommt irgend eine blöde Geschichte von vergessenen Hausaufgabenheften.

Eine andere telefonische Unzeit ist für mich der Sonntag. Klar, wenn wir mit Freunden verabredet sind und die uns anrufen, weil sie eine Stunde früher kommen, dann stört mich das nicht. Ich habe auch nichts dagegen, wenn man sich spontan zu uns zum Kaffee einlädt. Aber ist es denn so verwerflich, dass weder „Meiner“ noch ich sonntags für Berufliches erreichbar sein will? Und doch kommt es immer mal wieder vor, dass Anrufer nicht bis Montag warten mögen und uns so daran hindern, wenigstens einen Tag lang so zu tun, als hätten wir frei. Reicht es denn nicht, dass wir durch die Verköstigung unserer entzückenden Horde auch sonntags nie ganz von unseren Pflichten entbunden sind?

Anrufe zu Essenszeiten sowie an Sonn- und Feiertagen sind ein Ärgernis, Anrufe am frühen Morgen , sagen wir um sechs Uhr, treiben mich zuerst einmal in Panik und danach, wenn ich weiss, dass es um irgend eine Bagatelle ging, zur Weissglut. Wissen die guten Leute denn nicht, dass ein Anruf, der einen aus dem Schlaf reisst, einen sofort das Schlimmste erahnen lässt? So war das zum Beispiel heute früh um zehn vor sechs, als das Telefon klingelte, ich aber im Halbschlaf nicht schnell genug war, den Hörer zu finden. Wenn der Tag damit anfängt, dass mir das Herz rast vor lauter Angst, dass einem lieben Menschen etwas zugestossen sein könnte, dann bin ich zu nichts zu gebrauchen. Wenn ich dann aber im Laufe der nächsten zwei Stunden feststellen muss, dass die Person keinen weiteren Versuch unternimmt, uns erneut zu erreichen, dann muss ich annehmen, dass es da keinen Notfall gab, sondern nur einen ausgesprochen asozialen Zeitgenossen, der sich nicht bewusst ist, dass auch Vendittis hin und wieder schlafen.

Nein, ich habe nichts gegen Telefone, im Gegenteil. Wenn ich mal in Fahrt bin, dann kann ich stundenlang quasseln. Aber kann man sich denn, bevor man zum Hörer greift, nicht noch ganz kurz daran denken, dass der Mensch am anderen Ende der Leitung auch hin und wieder essen, schlafen oder ausspannen muss? Und ist es denn so schwierig, später noch einmal anzurufen, wenn Mama Venditti beteuert, „Ihrer“ sei jetzt am Essen und möchte nicht gestört werden? Kann man es sich denn nicht verkneifen, darauf zu bestehen, dass er jetzt ans Telefon kommt, weil man ja „nur zwei Minuten etwas mit ihm besprechen will“? Ist das denn zuviel verlangt?

Nun gut, eine Bitte hätte ich noch zum Schluss: Bitte ruft uns samstags nicht vor neun Uhr morgens an. Ich weiss, man geht im Allgemeinen davon aus, dass Eltern samstags spätestens um halb sieben mit tiefen Augenringen am Küchentisch sitzen und sich am Geplärre ihrer Kinder ergötzen. Leider muss ich an dieser Stelle diesem Mythos ein Ende setzen. Es gibt durchaus Kinder, die ihre Eltern samstags etwas länger als gewöhnlich schlafen lassen. Unsere gehören dazu.

Wie es wirklich war…

Also, ihr wolltet ja wissen, wie es war. Gut, fangen wir bei den Haaren an: Die Haarfarbe ist ganz schrecklich. Viel zu dunkel und total billig. „Meiner“ und alle anderen sehen dies zwar nicht so wie ich, aber da es mein Kopf ist, auf dem das Gestrüpp wächst, bin ich auch die Einzige, die beurteilen kann, wie es wirklich ist. Also, noch einmal: Es sieht ganz abscheulich aus. Das nächste Mal muss wieder der Coiffeur ran.

Dann zur Lesung. Es war ganz wunderbar, die Menschen zu sehen, die eigens wegen meinem Buch da waren. Zum Teil Leute, die ich seit sehr langer Zeit nicht mehr gesehen habe. Dazu eine meiner Blog-Leserinnen, die ich zum ersten Mal getroffen habe. Das war einfach toll. Man sagt auch, ich hätte das ganz gut hingekriegt mit dem Vorlesen. Was ich natürlich ganz anders sehe, da mein innerer Kritiker schon angefangen hat zu stänkern, bevor ich das Buch zur Seite gelegt hatte. „Du hast vergessen, dich vorzustellen“, motzte er. „Und dann hast du auch viel zu schnell gelesen und ein wenig öfter lächeln hätte auch nicht geschadet.“ Ihr seht, ich kann euch nicht so richtig sagen, wie es wirklich war. Mir scheint, ich bin da nicht ganz objektiv.

Schliesslich noch zu heute Morgen. Auch hier fällt es mir schwer, zu sagen, ob es gut oder schlecht gelaufen ist. Eines ist klar: Ich war viel weniger nervös als gestern, auch wenn ich heute etwa zehn mal mehr Leute vor mir sitzen hatte. Aber da es heute nicht um mich und mein Buch ging, hatte ich damit eigentlich keine Probleme. Auch heute hat man mir gesagt, ich hätte das ganz gut gemacht, aber mein innerer Kritiker ging heute noch härter mit mir ins Gericht als gestern: „Wie kannst du bloss so blöd sein und vergessen, auf die Kollekte hinzuweisen? Und dein Patzer mit dem Programmablauf war ja äusserst peinlich.“ Ich versuchte ja einzuwenden, dass einem so was beim ersten Mal durchaus passieren könne, aber der innere Kritiker sieht das ein wenig anders. „Wozu bereitet man sich denn auf so einen Auftritt vor?“, fragte er. „So etwas dürfte dir einfach nicht passieren. Und überhaupt war das Ganze ein äusserst peinlicher Auftritt. Wie du da völlig unsicher neben dem Rednerpult gestanden bist, weil du nicht gross genug bist, um dich dahinter zu stellen. Und dann dieser Fleck auf deinem Kleid….“ „Aber den hat doch keiner gesehen, der war ja weiss auf weiss“, versuchte ich mich zu wehren, aber natürlich liess der Miesepeter auch diesen Einwand nicht gelten.

Er hackte dann noch ein wenig weiter auf mir herum, aber irgendwann habe ich aufgehört, auf ihn zu hören und habe mir gesagt, dass meine ersten Auftritte wohl waren, wie erste Auftritte meistens sind: Nicht perfekt, aber auch nicht so schlecht, dass ich mich vor lauter Scham in ein Erdloch verkriechen müsste. Sicher ist, dass ich noch Einiges zu lernen habe. Sicher ist aber auch, dass mir die neuen Erfahrungen Spass gemacht haben. Trotz aller Nervosität und trotz der schrecklichen Farbe auf meinem Kopf.