Inkonsequent

„Sie tun mir aber leid“, sagte ich zu der Kassiererin, die mir kurz vor Weihnachten erzählte, samstags sei das Geschäft jetzt jeweils bis 20 Uhr offen. „Irgendwann müssen Sie doch auch Feierabend haben und an den Bahnhöfen gibt es ja genügend Läden, die bis spät geöffnet sind.“

„So ein Schwachsinn“, sagte ich etwas später zu „Meinem“. „Wollen die denn eine 24-Stunden-Gesellschaft wie in den USA? Man kann seine Einkäufe doch planen, dann braucht man nicht am Samstagabend noch in die Läden zu rennen.“

„Du willst mir doch nicht weismachen, dass du zu keiner anderen Tageszeit einkaufen gehen kannst?“, sagte ich ein paar Tage später zu einer Freundin, als sie mir erklärte, sie sei ganz froh um die verlängerten Öffnungszeiten am Samstag. 

„Wir brauchen ganz dringend noch Katzenfutter, WC-Papier, Katzenstreu und Haushaltpapier. Ich glaube, ich fahre am besten noch schnell ins Einkaufszentrum. Die haben doch jetzt am Samstag bis 20 Uhr offen und wenn ich mich recht erinnere, haben sie alles im Sonderangebot, was wir brauchen“, sagte ich heute Abend, als ich mit Schrecken feststellte, dass gleich vier ziemlich unentbehrliche Dinge fürs Wochenende fehlten. 

Na ja, immerhin war ich konsequent genug, nicht an der Kasse anzustehen, an der die Kassiererin sass, die ich kurz vor Weihnachten dafür bemitleidet hatte, dass sie jetzt samstags bis 20 Uhr arbeiten muss. 

(Und eigentlich ist das alles gar nicht meine Schuld. Hätte Karlsson den Katzen nicht bei jedem kläglichen Miauen den Fressnapf gefüllt, wären die Futtervorräte nicht heute kurz nach 18 Uhr aufgebraucht gewesen. Katzenstreu hätten wir dann auch keine gebraucht. Und folglich auch kein Haushaltpapier, aber da gehe ich jetzt lieber nicht ins Detail.)

pasta al zafferano

pasta al zafferano; prettyvenditti.jetzt

Schuhkauf

Das Prinzchen braucht Grösse 30, findet aber einzig die Modelle cool, die es nur noch in den Grössen 26 und 27 gibt. Was ich schön finde, lehnt er grundsätzlich ab. Okay, das bunt gemusterte Paar, das mir ins Auge sticht, würde ihm auch noch gefallen, aber mein Portemonnaie weigert sich rundheraus, die 129 Franken dafür locker zu machen. Das Prinzchen schmollt, ich rede mir den Mund fusselig, dass sowas nun wirklich nicht geht und bemerke deshalb kaum, dass mich der Zoowärter sanft aber erfolgreich dazu drängt, ihm das „stark reduzierte“ Paar für 60 Franken zu kaufen. Jetzt schmollt nicht nur das Prinzchen, sondern auch auch mein Portemonnaie, also erkläre ich ihm geduldig, Zoowärters neue Schuhe seien wirklich von hervorragender Qualität, die hätten sogar zwei Jahre Garantie, also könne das Prinzchen sie nächstes oder übernächstes Jahr auch noch tragen. Mein Portemonnaie lacht höhnisch, das Prinzchen schmollt weiter und der FeuerwehrRitterRömerPirat zieht eine Schnute, weil ich seinen Wunsch nach Sportschuhen konsequent überhöre. Irgendwann geht das mit dem Überhören nicht mehr, also sage ich unserem Dritten, vielleicht würde es ja irgendwann doch schneien und dann stehe er mit kalten Füssen da in seinen Sportschuhen. „Das mit dem Schnee glaubst du wohl selber nicht“, schelte ich mich innerlich, aber was soll man denn sagen, wenn ein Kind, dessen Füsse bereits in knallbunten Sportschuhen stecken, noch ein weiteres Paar knallbunte Sportschuhe haben will? Ohne Ausflüchte ins Reich der Fabeln und Märchen kommt man da nicht weit. 

In Schuhgeschäft Nummer acht oder neun – der Zoowärter hat sich mit seinen Stiefeln längst ins Auto zurückgezogen – wird das Prinzchen endlich fündig und ist darob so überglücklich, dass er mir unablässig für seine neuen Schuhe dankt, was mich natürlich sofort auf Wolke sieben katapultiert. Auch mein Portemonnaie ist glücklich, denn es hat gesehen, dass es für Prinzchens Stiefel ursprünglich mal 150 Franken hätte ausspucken müssen, nun aber den Verkäufer mit läppischen 40 Franken hat zufrieden stellen können. Der FeuerwehrRitterRömerPirat mag sich nicht mit uns freuen, denn er ist noch immer ohne Winterschuhe. Ich plädiere für cool und bezahlbar, er aber beharrt auf hässlich und überteuert. Auch die Sache mit den knallbunten Sportschuhen hat er sich noch immer nicht ganz aus dem Kopf geschlagen, weshalb ich ihn irgendwann sehr deutlich mit der schmerzhaften Wahrheit konfrontieren muss: Knallbunte Sportschuhe gibt es im Frühling wieder, hässliche Winterschuhe gibt es nur, wenn sie nicht überteuert sind, wenn er sich nicht endlich entscheidet, schauen wir morgen weiter. Der FeuerwehrRitterRömerPirat ist eingeschnappt, meine Geduld ist überstrapaziert, das Prinzchen liegt beinahe schlafend quer auf einer Bank mitten im Laden und der Zoowärter friert im Auto. 

Habe ich tatsächlich mal behauptet, Schuhe für meine Söhne zu kaufen, sei die einfachste Sache der Welt?

IMG_5475

In der Discounter-Oase

Discounter sind nicht so mein Ding. Also, eigentlich überhaupt nicht, aber wenn eine Freundin mich darum bittet, sie dorthin zu fahren, wäre es ziemlich doof, im Auto zu warten, bis sie fertig eingekauft hat. Darum fand ich mich heute kurz vor dem Mittagessen inmitten von Dauertiefpreisen und Einführungsangeboten. Weil mir für das Mittagessen noch einige Zutaten fehlten, zwang ich mich dazu, über meinen Schatten zu springen und das zu kaufen, was ich brauchte.

Nun ja, ich versuchte, zu kaufen, was ich brauchte, aber das war gar nicht so einfach denn wie mir scheint, bestimmt im Discounter nicht der Einkaufszettel darüber, was in den Wagen kommt, sondern das Angebot. Und dieses ist zumindest für meinen Geschmack ziemlich dürftig. Oh ja, mit Süssigkeiten, Chips und Beutelsuppe könnte man sich eindecken, zur Not findet man auch Knoblauch, Kokosmilch und Currypaste hingegen sucht man vergeblich, auch im Regal mit den asiatischen Produkten.

Nachdem ich jeden Regalmeter erfolglos nach den gewünschten Zutaten abgesucht hatte, sagte ich meiner Freundin, ich würde mich noch schnell im Discounter gegenüber – die Läden treten ja meist im Rudel auf – umsehen, vielleicht würde ich dort fündig. Wurde ich nicht. Im dritten Geschäft fand ich dann endlich Kokosmilch, Currypaste gab es aber auch dort nicht. Manchmal hätten sie diese schon im Sortiment, erklärte mir einer der Verkäufer. 

Manchmal, aber eben nicht heute, bei meinem hoffentlich einzigen Besuch in dieser Discounter-Oase. Ein Besuch, den ich nur schon deshalb nicht so bald wiederholen werde, weil ich schlicht keine Zeit habe, für eine Handvoll Zutaten dreissig Minuten durch die Läden zu hetzen. Als sich beim Mittagessen auch noch der Knoblauch in den Knoblauchbroten eigenartig grün-violett verfärbte, war klar, dass ich bei meiner bisherigen Haltung bleibe: Solange wir es uns leisten können, kaufe ich dort ein, wo für mich die Qualität stimmt. Auch wenn ich dafür etwas tiefer in die Tasche greifen muss. 

img_0947

Vielleicht sollte ich es ihm mal erklären

Neulich entdeckte das Prinzchen in der Migros tiefgekühlte Schinkengipfel. Aufgeregt suchte er mich im Gedränge. „Mama, komm, schau dir diese Gipfeli an!“ Ich warf einen kurzen Blick auf die himmelblauen Riesenschachteln voller Tiefkühl-Apérogebäck und wollte mich Dingen zuwenden, die auf meiner Einkaufsliste standen, doch das Prinzchen hielt mich zurück. „Schau doch, Mama, die sehen aus wie die Gipfeli, die du manchmal bäckst.“ Ich lächelte milde. „Ja, so ähnlich sehen die aus, aber lass uns jetzt weitergehen.“ „Aber Mama, sieh doch, du könntest die Gipfeli auch kaufen, dann müsstest du sie nicht mehr selber machen.“ 

Ich glaube fast, mein Sohn versteht nicht ganz, dass ich nicht backen muss, sondern backen will

img_0843

 

Schmeicheleinheiten

Meine Nerven lagen gerade ziemlich blank: Wocheneinkauf mit Karlsson – „Ich will aber Blutwurst!“ – und Prinzchen – „Wann sind wir endlich in der Spielwarenabteilung?“ – und unzähligen anderen Einkäufern, die am Zahltag vom einmaligen 10% – Rabatt profitieren wollten. In der Hand eine ellenlange Einkaufsliste, im Hinterkopf die Sorge, ob wir es nach Hause schaffen, ehe Zoowärter, FeuerwehrRitterRömerPirat und Luise von der Schule nach Hause kommen, zu Hause ein angefangener Artikel, der zu Ende geschrieben sein wollte und obendrein ein selbstverschuldetes Schlafmanko. Ein typischer „Mama Venditti hat’s mal wieder nicht ganz im Griff“-Nachmittag eben.

Ich war gerade dabei, meine 18 Liter Milch so im Einkaufswagen zu platzieren, dass noch Raum für all das andere Zeug auf meiner Liste blieb, als eine Mutter mit einem etwa fünfjährigen Mädchen auf uns zugesteuert kam. Zuerst glaubte ich, sie wolle mir den Platz am Milchregal streitig machen, doch dann hörte ich sie zu ihrem Töchterlein sagen: „Also, was willst du der Lady-Frau jetzt sagen?“ Das Mädchen sah mich ein wenig verlegen an und murmelte etwas, was ich im Lärm des Einkaufsrummels nicht ganz verstand. „Sie will Ihnen sagen, dass sie Sie so wunderschön findet mit Ihren Blumen im Haar“, erklärte die Mutter.

Ich weiss nicht, wer mehr gestrahlt hat, das Mädchen oder ich. Ich weiss nur, dass ich mich in diesem Augenblick trotz all meiner Unzulänglichkeiten fühlte, als wäre ich etwas ganz Besonderes. Kaum etwas bringt mich so sehr zum Schmelzen wie ein wildfremdes kleines Mädchen, das in mir nicht die gehetzte, ungeduldige Mutter sieht, sondern eine „Lady-Frau“, der man mitten im Getümmel den Tag mit einem hinreissenden Kompliment versüssen muss.

20131026-003413.jpg

„Meiner“ kauft ein

„Meiner“ war auf einer Weiterbildung in Deutschland. Bevor er sich auf die Heimfahrt machte, rief er an, um zu fragen, ob er noch einkaufen solle. „Bring doch einfach ein paar Dinge, die man in der Schweiz nicht bekommt“, antwortete ich. Hier die Liste der Spezialitäten, die er mitgebracht hat:

  • 1 Kilo Paniermehl
  • 1 Kilo Kakao
  • Butterkekse, hierzulande besser bekannt unter dem Namen Petit Beurres
  • 1 Beutel grüne Oliven
  • Vanillinzucker
  • Backpulver
  • Aufbackbrötchen für heute Morgen
  • 1 Kilo Gnocchi
  • Eine Flasche Buntwaschmittel
  • 1 Liter Essigreiniger
  • Parkettreiniger
  • 2 Pack grüne Servietten
  • 3 Flaschen Pepsi Max (habe ich bestellt, weil mein Koffeinpegel gerade bedenklich tief stand, als „Meiner“ anrief)

Gut, er hat auch noch ein paar Dinge speziell für mich mitgebracht, darunter so alltägliche Dinge wie ein Kokosnuss-Brotaufstrich und zweifarbige Flämische Waffeln. Aber ich gehe mal lieber nicht ins Detail, sonst glaubt ihr noch, „Meiner“ würde mich nicht lieben. 

p9070001-small

 

Eingescannt

Natürlich musste ich die Sache mit dem Self-Scanning sogleich ausprobieren, als ich erfuhr, dass jetzt auch mein Detailhändler das System anbietet. Als leidenschaftliche Futtersammlerin muss ich mitreden können, wenn beim nächsten Kaffeeklatsch die Rede auf den Einkauf mit dem Handscanner kommt. Nicht, dass ich oft mit Frauen zusammenkomme, die über nichts anderes als Einkauf, Trockenwerden und Putzmittel reden, aber man sollte zumindest vorbereitet sein. Jetzt also könnte ich mitreden, wenn ich denn müsste, also tue ich es.

Self-Scanning beim Zwischendurch-Einkauf, das geht. Ist zwar langweilig, aber es erinnert mich an meinen Studentenjob an der Kasse, als ich die Chef-Verkäuferin beeindruckte, weil ich fast so schnell scannte wie die Profis. Einer meiner grössten beruflichen Erfolge…

Self-Scanning und Wocheneinkauf geht zwar auch, wird aber schon deutlich schwieriger. Wie soll man sinnvoll einpacken können – Schweres und Hartes unten, Leichtes und Weiches oben -, wenn alles sogleich in die Einkaufstaschen wandert, zuerst die Kakis und erst viel später die Milchflaschen? Aber eben, es geht. Zumindest, wenn man den Verstand nicht vollends ausschaltet, was man beim Einkauf ohnehin nie tun sollte, sonst weiss man zu Hause nicht mehr, weshalb man auf die hirnverbrannte Idee gekommen ist, Trüffelöl zu kaufen, wo doch ausser Karlsson keiner von uns Trüffel mag.

Self-Scanning und FeuerwehrRitterRömerPirat ist geradezu erholsam. Vor lauter scannen vergisst der Junge, Süssigkeiten und Spielsachen zu betteln. Vielleicht spürt er auch einfach, dass betteln jetzt noch zweckloser ist als gewöhnlich. Wenn man zwischendurch mal kurz nachschauen kann, wie viel Geld man am Ende ausgeben wird, wird das Neinsagen so viel einfacher.

Was aber auf gar keinen Fall geht: Self-Scanning und Prinzchen. Mal löscht er mir die eben eingescannten Artikel, dann wieder setzt er mir fröhlich ein paar zusätzliche Raclette-Käse auf die Rechnung, weil es so viel Spass macht, die Plus-Taste zu drücken. Hin und wieder fällt das Gerät zu Boden, weil er es nicht mehr aus den Händen geben will und beim Bezahlen kommt das Geschrei, weil wir nicht bei der Kinderkasse mit dem Treppchen anstehen, sondern bei einer dieser kühl wirkenden Bezahlstationen.

Mag sein, dass ich hie und da wieder zum Scanner greifen werde, aber solange die Bezahlstation nicht mehr zu mir sagt als „Akzeptieren Sie die allgemeinen Geschäftsbedingungen“ und „Geben Sie Ihren PIN-Code bitte verdeckt ein“, wird sich das System bei mir nicht durchsetzen. Ein Grosseinkauf ohne Schwatz mit der Kassiererin ist nichts für mich.

Möbelhaus

Es gab eine Zeit, da liebte ich es, mit „Meinem“ durch die Möbelhäuser zu ziehen, mir alles ganz genau anzuschauen, Preise zu vergleichen und vor allem natürlich einzukaufen. Schwierig war bloss, dass die Kinder nicht mitspielten. Mal waren sie noch zu klein für das Kinderparadies, mal wollten sie sich nicht abgeben lassen, mal wollten sie, aber durften nicht mehr, weil sie schon zu gross waren, mal mussten sie mit in die Möbelausstellung, weil sie mitbestimmen wollten, in welchem Bett sie in Zukunft schlafen würden. Als dann eines Tages der Zoowärter vor lauter Anstrengung mitten im Möbelgeschäft einen Fieberkrampf bekam und mit der Ambulanz ins Spital gefahren werden musste, dämmerte uns endlich, dass unsere Kinder nicht möbelhaustauglich sind. Von daher ging nur noch entweder „Meiner“ oder ich, wenn wir überhaupt Kinder mitnahmen, dann jene, die entweder schon gross genug zum Mithelfen oder noch klein genug, um den Einkauf zu verschlafen waren.

Diese Zeiten sind nun vorbei. Inzwischen können wir problemlos am Samstag ins Möbelhaus fahren. Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat sind in der Jungschar, der Zoowärter und das Prinzchen gehen liebend gerne ins Kinderparadies, weil sie dort noch kaum je waren. Und so können „Meiner“ und ich vollkommen unbeschwert durch die Ausstellung gehen.

Zu dumm, dass wir inzwischen gar keine Lust mehr auf Möbelkauf haben. Zu viele Leute, die nur zum Spass einkaufen gehen und nicht, weil sie ganz dringend einen Tisch brauchen, an dem fünf immer grösser werdende Kinder Platz finden. Zu viel Lärm, zu viele schreiende Kinder, die keine Lust darauf haben, von ihren Eltern durch den Laden geschleppt zu werden. Zu viel Billigware, bei der man nicht dran denken darf, unter welchen Bedingungen sie wohl entstanden ist. Zu genervt, dass schon wieder etwas Neues her muss, weil man einfach keine Qualität mehr geliefert bekommt und zwar unabhängig davon, ob etwas billig oder teuer ist. Zu angewidert von der ewig gleichen Massenware.

Der Möbelkauf hat für uns seinen Reiz verloren. Ausgerechnet jetzt, wo unsere Kinder allmählich auf den Geschmack kommen. Luise zumindest war ziemlich enttäuscht, als sie erfuhr, dass sie nicht mitkommen kann.

20120826-004032.jpg

Privatvorstellung – halten Sie sich bitte da raus!

Wie ich es doch hasse, wenn jemand so tut, als würde ich eine öffentliche Vorstellung in Erziehungs(un)fähigkeit geben, wenn ich mit meinen Kindern unterwegs bin. Neulich zum Beispiel beim Einkauf mit dem Prinzchen. Er hatte Lust auf etwas richtig Ungesundes, am besten fettig und mit viel Zucker. Ich war zwar einverstanden mit „nur halbwegs gesund“, aber zu „fettig und zuckersüss“ sagte ich nein. Man kann sich ja vorstellen, was nun geschah: Das Prinzchen heulte, ich blieb bei meinem Nein, das Prinzchen schrie, ich beharrte auf meinem Standpunkt.

Die Situation an sich war schon ziemlich mühsam, richtig stressig aber wurde sie dadurch, dass eine andere Mutter dabeistand und ihre Kommentare abgab. „Warum wollen Sie ihm denn nicht geben, was er sich wünscht? Finden Sie das zu ungesund?“ „Ja, finde ich“, antwortete ich kurz angebunden und wollte mich wieder dem Prinzchen zuwenden. „Achten Sie auch bei Süssigkeiten darauf, dass er nicht zuviel davon bekommt, oder sind Sie da weniger streng?“ „Er bekommt schon Süsses – Prinzchen, nein, ich habe gesagt, dass du das nicht bekommst und dabei bleibe ich…“ „Also nicht ganz konsequent?“ „Nein, nicht ganz konsequent, aber man tut sein Bestes… Nun komm schon, Prinzchen! Das hier schmeckt doch auch ganz gut…“ „Also ich bin ja mal gespannt, ob er seinen Willen bekommt oder Sie…“ Irgendwie schafft ich es, die andere Mutter auszublenden, auch wenn sie noch immer dabeistand, fasziniert beobachtete, wie ich mit meinem Jüngsten feilschte und hin und wieder einen Kommentar fallen liess. Sie erwartete wohl, mich demnächst bei der erzieherischen Todsünde die da heisst „Na gut, mein Kleiner, du sollst haben, was du dir ertrotzt hast“ zu erwischen, aber diesen Gefallen erwies ich ihr nicht. Im Gegenteil, ich brachte es fertig, das Prinzchen um den Finger zu wickeln und für meine Wahl zu begeistern.

Beim nächsten Mal verlange ich Eintrittsgeld, wenn jemand bei unserem Erziehungstheater zuschauen will.

20120517-001342.jpg

Freuden des Alltags

Rote Rosen? Frühstück im Bett mit Lachs und Champagner? Ein Dîner im Luxusrestaurant? Ach was, alles vollkommen überbewertet. Hier kommt die Liste der wahren Alltagsfreuden:
1. Du erwachst morgens kurz vor neun und siehst als Erstes eine Tasse Tee, die dir „Deiner“ auf den Nachttisch gestellt hat, bevor er zur Arbeit gegangen ist. Okay, der Tee ist längst kalt, aber was zählt, ist, dass er auch nach fast vierzehn Ehejahren noch akzeptiert, dass du ein elender Morgenmuffel bist.
2. Du entdeckst, dass auf einem deiner Bankkonti mehr Geld ist als erwartet. Gerade genug, damit du die Rechnungen begleichen kannst, die vollkommen unerwartet alle miteinander ins Haus geflattert sind.
3. Du tappst im Dunkeln vom Schlafzimmer aufs WC und wieder zurück, ohne dabei auf einen einzigen Legostein zu treten.
4. Du lädst dir beim Wocheneinkauf den Wagen voll mit Futter für die ganze Meute und an der Kasse stellst du fest, dass du die magische 350-Franken-Grenze unterschritten hast. Und das, ohne auf einen einzigen Artikel auf deiner Einkaufsliste zu verzichten.
5. Der FeuerwehrRitterRömerPirat kuschelt sich in deine Arme, sieht dich mit verklärtem Blick an und sagt: „Du bist meine Tankstelle.“
6. Ein ganzer Tag ohne einen einzigen Anruf für Familie Hamchiti. (Für alle, die nicht wissen, wer Hamchitis sind: Das ist die Familie, die früher mal unsere Telefonnummer hatte und die offenbar mit sehr grosser Freude Telefonshopping betrieben hat.)
7. Du willst etwas aus dem Vorratsschrank holen, bringst dabei die Kakaodose und die Ölflasche zu Fall und schaffst es, beides aufzufangen, ohne dass etwas verschüttet wird.
8. Die Abfallsäcke stehen an der Strasse, bevor die Kehrichtabfuhr bei deinem Haus vorbeigekommen ist.
9. Deine Katze setzt sich mitten in der Nacht auf deinen Rücken und massiert mit ihren Pfötchen sämtliche Verspannungen, die du dir im Laufe des Tages zugezogen hast.
10. Du kannst dir zehn Minuten lang ungestört auf dem iPad die Musik anhören, die dir gefällt, bevor eines deiner Kinder brüllt: „Ich will jetzt aber mit Talking Tom spielen!“
11. Ein Tag, an dem du den Besen nur dreimal zur Hand nimmst und das Lavabo im Bad nur ein einziges Mal sauber machen musst.
12. Du machst dir einen Kaffee mit Milchschaum und schaffst es, den Milchschaum abzulöffeln, bevor die Kinder es gesehen und dir alles abgebettelt haben.
13. Du schaffst es, Kinder, kochen, schreiben und Haushalt so unter einen Hut zu bringen, dass du nicht permanent das Gefühl hast, auf der Flucht zu sein.

Wie? Ihr findet das alles banal und erkennt darin einen Hauch von Resignation? Aber nicht doch. All diese kleinen Alltagsfreuden tragen dazu bei, dass man abends noch fit genug ist, eine der grossen Alltagsfreuden zu geniessen. Zum Beispiel mit „Meinem“ aufs Sofa kuscheln und eine Schnulze schauen, die wir beide bereits gesehen haben, was aber weder ihn noch mich stört. Hauptsache, der Tag war gut genug, dass wir uns abends nicht mit Alltagskram herumschlagen müssen.

20120412-233914.jpg