Hilft denn keiner diesen armen Kindern?

Mehrstimmiges Wehklagen tönte heute um elf Uhr vormittags durch das Haus Venditti. Was war bloss geschehen? War vielleicht ein geliebtes Haustier verstorben? Nein, natürlich nicht. Abgesehen von Stubenfliegen, Ameisen und ein paar Marienkäferlarven gibt’s im Hause Venditti gar keine Haustiere. Waren die Kinder krank? Nein, auch nicht. Ausnahmsweise verzichten wir mal für ein paar Wochen auf den Austausch von krankmachenden Käfern. Man kann ja nicht immer Spass haben. Hatten sich die lieben Kinderlein denn so lange gestritten, bis alle am Heulen waren? Leider auch falsch, der wahre Grund für das Geheul war ein viel Schlimmerer: Mama und Papa Venditti hatten verkündet, dass heute die Zimmer aufgeräumt werden müssen. Einfach so, obschon das Leben doch auch schön ist, wenn man bei jedem zweiten Schritt in einen Legostein tritt oder sich die Knöchel verstaucht beim Versuch, über Kissen und Decken zu steigen, ohne sich dabei in Wollfäden, die sich durchs ganze Zimmer spannen, zu verheddern.

Ja, „Meiner“ und ich können ganz schön gemein sein. Ohne Vorwarnung – denn was sind schon die drei, vier auf die ganze Woche verteilten Ankündigungen, dass am Samstag aufgeräumt werde? – zu befehlen, dass jetzt Ordnung gemacht wird. Da kann man ja nicht anders, als zu heulen. Und das tat Luise lange und ausgiebig. So lange, bis die Aufräumaktion vorbei war. Auch der FeuerwehrRitterRömerPirat schluchzte zum Steinerweichen, und hätte ich nicht gewusst, was der Grund für das Schluchzen war, ich hätte das arme Kind sofort mit einer warmen Honigmilch und einem Fieberthermometer unter die Bettdecke gesteckt und den Arzt angerufen. Bei Karlsson flossen die Tränen nicht sofort, sondern erst, nachdem „Meiner“ ihn zur Rede gestellt hatte, weil er wieder das ganze Zimmer umstellte, anstatt endlich Ordnung zu machen. Warum der Zoowärter heulte, weiss ich eigentlich nicht so genau. Er dachte wohl einfach, dass das heute zum Tagesprogramm gehört. Und weil das Prinzchen überall dabei sein will, wo seine grossen Geschwister dabei sind, stimmte auch er mit ein. All das Geheule im Chor klang so grauenvoll, dass es mich erstaunt, dass noch keiner gekommen ist, um „Meinem“ und mir die Kinder wegzunehmen.

Irgendwann waren die Zimmer dann doch noch soweit aufgeräumt, dass man mit den vergossenen Tränen den Boden putzen konnte. Und jetzt endlich konnte ich den Kindern gestehen, dass ich so gut verstehen kann, wie elend ihnen ist. Denn gibt es etwas Schlimmeres, als am Samstag – oder an irgend einem Tag – aufräumen zu müssen?

Fehlkäufe

Ich möchte ja gar nicht wissen, welche Unsummen von Geld ich in den vergangenen zehn Jahren aus dem Fenster geschmissen habe. Es muss unglaublich viel gewesen sein und ich wünschte, ich könnte all die Fehlkäufe rückgängig machen. Wer jetzt denkt, ich würde dem Geld nachheulen, das ich für Schuhe, Kleider, Handtaschen und Make-Up über die Jahre liegengelassen habe, der irrt. Für mich selber schmeisse ich eigentlich nur mit Geld um mich, wenn ich Bücher kaufe und wer will denn schon behaupten, sich mit Lesestoff einzudecken sei herausgeschmissenes Geld? Selbst das dümmste Buch ist seinen Preis wert und wenn es nur der unfreiwillige Unterhaltungswert ist, den man da bezahlt. Nein, ich klage nicht über Fehlkäufe, die ich für mich selber getätigt habe; ich bereue es, all das Geld für Playmobil, Legos, Barbies, Puppentheater und dergleichen ausgegeben zu haben.

Alles, was ich für meine Kinder hätte kaufen müssen, wären ein paar Kochlöffel, zwei oder drei Teesiebe, einen Haufen Tücher und natürlich mehrere Tortenheber gewesen. Das sind nämlich die einzigen Spielsachen, – mal abgesehen von den Stofftieren, die ebenfalls äusserst beliebt sind – an denen unsere Kinder nicht nach wenigen Stunden schon das Interesse verlieren. Während Luises Barbies schon bald einmal kahlgeschoren oder geköpft, die Playmobil-Ritter allesamt ohne Schädeldecke unterwegs und die Legosteine in alle Himmelsrichtungen achtlos zerstreut waren, sind und bleiben Schaumkelle, Schneebesen & Co. hoch im Kurs. Angefangen hat damit Karlsson, der zwischen seinem zweiten und vierten Lebensjahr selten ohne „seine“ Tortenschaufel anzutreffen war. Noch heute jubelt er jedesmal, wenn er dem Ding zufällig begegnet.

Mit seiner Liebe zu Küchenutensilien hat Karlsson offenbar all seine Geschwister, mit Ausnahme von Luise, vielleicht,  angesteckt und so streite ich mich Tag für Tag mit meinen Kindern, wer jetzt gerade die Bratenschaufel haben dürfe. Wobei es sich auch trefflich darüber streiten lässt, ob das Ding denn wirklich eine Bratenschaufel sei, oder nicht doch viel eher ein Säbel oder ein Morgenstern. Was man darin sehen will, hängt nämlich ganz vom eigenen Standpunkt ab. Und ob man damit gerade einen gefährlichen Ritter besiegen muss oder ein Schnitzel in der Bratpfanne wenden möchte.

Und wisst ihr, was das Traurigste ist an der ganzen Sache: Die meisten Fehlkäufe habe ich mir selber in die Schuhe zu schieben. Als jüngstes von sieben Kindern habe ich so sehr darunter gelitten, immer nur mit einarmigen Puppen, mehrfach operierten Teddybären und kahlköpfigen Playmobil-Figuren zu spielen, dass ich wollte, dass meine Kinder es einmal besser haben. Und weil es eines meiner traumatischsten Kindheitserlebnisse war, dass meine grossen Brüder den Einkaufsladen zu einer Seifenkiste umfunktionierten, weil sie nicht daran dachten, dass ihre kleinen Schwestern im besten Einkaufsladen-Alter waren, sorge ich dafür, dass auch das Prinzchen hin und wieder etwas Neues bekommt.

Wenn man die Sachen wenigstens später noch für gutes Geld bei Ricardo verscherbeln könnte, wäre das ja alles halb so schlimm. Aber das Meiste kommt in solch desolatem Zustand aus den Kinderzimmern, dass wir es wohl nicht einmal für unsere Enkelkinder aufbewahren können. Ich frage mich bloss, wie die Kinder es überhaupt schaffen, das Zeug kaputt zu machen, wo sie doch immer nur mit meinen Kochlöffeln spielen.

Uns gibt’s nur so

Über Jahre habe ich mich der Illusion hingegeben, „Meiner“ und ich seien so aufgeschlossen, dass wir nie und nimmer ein Problem haben würden damit, unsere Kontakte zu Kinderlosen zu behalten. Klar sind die Kinder für uns das Wichtigste im Leben, aber es gibt noch so viele andere Dinge, die uns interessieren, weshalb wir ganz gerne auch mal über anderes reden. Ein wenig Horizonterweiterung schadet auch uns Eltern nicht. Solange Karlsson noch ein Baby war, konnten wir die Illusion noch aufrechterhalten, aber kaum war der Knopf auf eigenen Füssen unterwegs, bekam die Illusion erste Kratzer. Und zwar, als ein Gast unseren Erstgeborenen, der fröhlich summend seine Runden um den Kaffeetisch drehte, wissen liess: „Karlsson, wir wissen, dass du da bist. Du kannst jetzt also wieder aufhören, laut zu sein.“ Muss ich erwähnen, dass dieser Gast zum letzen Mal bei uns zu Besuch war? Wer nicht akzeptiert, dass zu Vendittis auch Kinder gehören und dass derjenige, der bei uns zu Gast ist, auch bei unseren Kindern zu Gast ist, der hat ein Problem mit uns.

Je grösser unsere Kinder werden, umso öfter muss ich feststellen, dass längst nicht alle, die bei uns ein- und ausgehen damit leben können, dass sie „Meinen“ und mich nicht ohne unsere Kinder haben können. Dass Lärm bei uns eben dazugehört, dass tadellose Ordnung ein Ding der Unmöglichkeit ist, dass Vieles nicht planbar ist. Und auch wenn ich es absolut nicht in Ordnung finde, wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat einer ihm fremden Person gegen das Bein tritt und ich ihm dies auch ganz klar verbiete, so muss ich doch auch ein ganz kleines bisschen Verständnis haben für meinen Sohn. Wenn er nämlich von dieser Person wie Luft behandelt wird, wenn diese Person sich in seinem Revier so aufführt, als hätte er hier nichts verloren, dann erstaunt es mich nicht, dass er nicht allzu gut zu sprechen ist auf sie. Klar, der Junge muss lernen, so etwas nicht zu tun, weil er mit seinem Verhalten völlig daneben liegt. Aber liegt die andere Person nicht ebenso daneben, wenn sie es nicht einmal für nötig erachtet, unser Kind, das bei uns immerhin zu Hause und Teil der Familie ist, nicht einmal zu grüssen? Vielleicht bin ich ja in meiner Mutterliebe blind, aber für mich ist Respekt gegenüber Kindern ebenso wichtig wie Respekt gegenüber Erwachsenen.

Ich bin froh, dass ich auch andere Menschen kenne. Menschen, die selber zwar keine Kinder haben, die es aber geniessen, hin und wieder Zeit mit unseren Kindern zu verbringen. Menschen, die nicht nur daran interessiert sind, was „Meiner“ und ich so machen, sondern die auch wissen wollen, wie es Karlssons abgeliebtem Eisbären David geht, was Luise im Ballett gelernt hat, ob der FeuerwehrRitterRömerPirat noch immer so glühend an Römern interessiert ist, ob Winnie the Pooh dem Zoowärter auch schön gehorcht und ob das Prinzchen wieder neue Wörtchen gelernt hat. Menschen, die plötzlich im Kinderzimmer verschwinden, weil sie auch mit unseren Knöpfen Zeit verbringen wollen, nicht nur mit uns. Ich liebe solche Menschen, denn sie lassen mich daran glauben, dass Kinderlose und Reichbekinderte nicht auf zwei völlig verschiedenen Planeten leben.

Wann sind wir endlich da?

Es gibt Zeiten, da befindet sich meine mütterliche Autorität im Keller. Tief im Keller, fast schon ganz unter der Erde. So eine Zeit erlebe ich gerade jetzt. Und dann kommt es zu folgenden Szenen:

Mama Venditti, freundlich aber bestimmt: „Nein, es gibt jetzt kein Eis. Zuerst räumt ihr euer schmutziges Geschirr vom Tisch.“
Kinder rennen zum Gefrierschrank, drängeln einander zur Seite und kämpfen um den vordersten Platz an der Eisschublade.
Mama Venditti, streng, aber noch nicht übermässig laut: „Habe ich nicht gesagt, ihr sollt zuerst den Tisch abräumen? Ihr schliesst jetzt sofort den Eisschrank und kommt hierher!“
Kinder scheren sich einen Dreck um Mama, kämpfen jetzt mit Ellbogeneinsatz darum, wer der Erste ist.
Mama Venditti, zornig und laut, aber offenbar nicht laut genug:
„Hallo! Ihr kommt jetzt hierher und räumt den Tisch auf. Sonst gibt es heute gar kein Eis!“
Kinder balgen weiter, vielleicht versucht Luise oder Karlsson, sich aus dem Knäuel zu befreien, um doch noch zu tun, was Mama gesagt hat, aber ohne Erfolg, also wird weiter um den ersten Platz am Eisschrank gestritten.
Mama Venditti, sehr zornig, sehr laut und sehr böse:  „
Jetzt reicht’s! Ihr kommt augenblicklich hierher, räumt euer Geschirr weg und dann verschwindet ihr für eine halbe Stunde in eure Zimmer!“
Kinder
stimmen unisono in ein lautes Geheul ein: „Mama, du bist soooooo unfair! Nie dürfen wir ein Eis haben. Immer schreist du uns an!“

Dann räumen sie sehr widerwillig ihr Geschirr weg und verziehen sich schluchzend in ihre Zimmer, wo sie wohl über ihre ganz ganz böse Mama herziehen, die ihnen nie eine Freude gönnt und die immer rumschreit.

Diese Szene wiederholt sich im Laufe des Tages mit unterschiedlichen Streitpunkten und zuweilen auch in etwas reduzierter Besetzung unzählige Male am Tag. Ob es nun darum geht, rechtzeitig für die Schule bereit zu sein, den Tisch abzuräumen, die Schuhe am richtigen Ort zu versorgen, die Zähne zu putzen, nach der spontanen Gartenparty, welche die Kinder mit elterlichem Segen ganz alleine bezahlt, organisiert und gefeiert haben, den Garten wieder aufzuräumen, ins Bett zu gehen oder wie die vielen überrissenen elterlichen Forderungen noch heissen mögen. Immer das gleiche Muster: Mama verlangt etwas Kleines, das eigentlich schon längst selbstverständlich sein sollte, Kinder tun so, als hätten sie nichts gehört und fordern stattdessen etwas Cooles, Mama ermahnt, Kinder überhören geflissentlich, Mama droht Konsequenzen an, Kinder tun noch immer so, als hätten sie Petersilie in den Ohren und hörten nichts, Mama schlägt mit der Faust auf den Tisch, gibt lautstark den Tarif durch und streicht sämtliche Privilegien, Kinder parieren gesenkten Hauptes und heulen dazu, als hätte man sie geschlagen. Manchmal, wenn Mama ganz viel Glück hat, kommt später eines der grösseren Kinder und entschuldigt sich. Manchmal aber auch nicht.

Bevor ihr jetzt denkt, das sei bei uns zu Hause immer so und ich sei eine pädagogische Niete, muss ich zu unser aller Verteidigung sagen, dass das nicht immer so läuft bei uns. Im Gegenteil: Wir alle können auch ganz anders. Aber zuweilen, wenn die Kinder schulmüde sind, wenn die Mama ein riesiges, für einmal nicht selbstverschuldetes, Schlafmanko mit sich herumschleppt, wenn das Wetter schön ist, die Sommerferien aber noch nicht da sind, wenn der Zoowärter eine ganz schlimme Rebellionsphase durchmacht und damit die Grossen ansteckt, wenn der Terminkalender aller Familienmitglieder zu voll ist, wenn zu wenig Zeit für Nähe und zu viel Zeit für Verpflichtungen da war, kurz: Wenn Mama und Kinder keine Zeit finden, immer wieder Momente des gemeinsamen Auftankens zu finden, dann laufen die Dinge aus dem Ruder.

Ich weiss, es wird wieder besser, ich weiss wir werden einander wieder finden, dann, wenn der ganze Frühsommerstress vorbei ist und wir endlich wieder Zeit finden, Familie zu sein. Alles, was wir brauchen, sind wiedermal ein paar Tage, an denen wir einfach Zeit haben zum Leben, zum Nachdenken, ein paar Tage, an denen nicht irgend einer oder vielleicht auch alle schon längst irgendwo sein müssten, ein paar Tage, die einfach Vendittis gehören und die wir mit niemandem teilen müssen.

Wann fangen endlich diese Sommerferien an…..




Eindeutig noch zu früh…

Seit Jahren schon liegen uns unsere Kinder mit dem Wunsch in den Ohren: „Wann dürfen wir endlich ein Haustier haben? Eine junge Katze vielleicht, oder zwei Häschen, oder Meerschweinchen.“ „Meiner“ und ich reagieren auf diese Bitte so, wie schon unsere Eltern reagiert hatten: „Natürlich sind Haustiere süss. Aber wer wird dafür sorgen, dass das Gehege sauber bleibt?“ Worauf uns unsere Kinder, wie alle Kinder auf diesem Planeten, uns mit treuherzigen Kulleraugen anschauen und sagen: „Wir werden immer dafür sorgen, dass das Gehege sauber bleibt. Und wir werden die Tiere immer füttern. Und immer streicheln. Und immer alles für sie machen. Alle anderen haben ja auch ein Haustier. Warum dürfen wir nicht?“ Bis vor Kurzem hatten „Meiner“ und ich ein Totschlägerargument im Sack, welches das Flehen unserer Kinder zum Verstummen brachte: „Wir haben zwar keine Haustiere, dafür haben wir ein Baby und das haben alle anderen nicht und das ist viiiieeeel spezieller.“ Doch seitdem das Prinzchen fleissig mitstreitet, wenn sich unser Knöpfe in die Haare geraten, seitdem er einen Tobsuchtanfall bekommt, wenn er kein Eis haben darf, seitdem er laut und deutlich sagen kann, was er will, seither zieht das Argument mit dem Baby nicht mehr, denn unsere Kinder haben schneller als wir Eltern begriffen, dass das Prinzchen kein Baby mehr sein will.

Und deshalb haben „Meiner“ und ich uns erweichen lassen und wir haben uns Haustiere angeschafft. Nun ja, zumindest eine Haustierzucht, oder vielleicht eher eine Gartentierzucht. Wir haben nämlich ein Marienkäfer-Aufzuchtset gekauft. Schaffen es unsere Kinder, gut für die Eier, die Larven und später die Marienkäfer zu sorgen, dann können wir im nächsten Sommer vielleicht zu den Pantoffeltierchen übergehen. Und wenn das auch gut läuft, dann können die Kinder allenfalls mit uns darüber reden, ob wir vielleicht, aber nur vielleicht, dazu bereit sind, eine jener schrecklichen Zuchtstationen für Urzeitkrebse zu kaufen und wenn auch das gut läuft, dann…. bin ich sicher, dass Karlsson spätestens zu seinem fünfundzwanzigsten Geburtstag einen Zwerghasen bekommt und Luise zum Zweiundzwanzigsten  vielleicht eine junge Katze.

Doch leider muss ich sagen, dass das mit den Marienkäfern nicht ganz so läuft wie erhofft. Schon am ersten Tag liess der FeuerwehrRitterRömerPirat das Zuchtset auf den Boden fallen, worauf sich Marienkäfereier und Mehlmotteneiner, die eigentlich als Nahrung für die Larven vorgesehen sind, auf dem Fussboden verteilten. Worauf Karlsson, der in der Schule bereits Erfahrungen mit dem Züchten von Marienkäfern gesammelt hat, in Tränen ausbrach, weil er fürchtete, jetzt seien alle Eier kaputt. Ich wäre ebenfalls fast in Tränen ausgebrochen, denn ich sah vor meinem inneren Auge bereits die Maden, die aus den Mehlmotteneiern schlüpfen würden, was mich dazu trieb, den Fussboden mit kochendem Wasser zu reinigen, damit garantiert kein Mehlmottenei auf unserem Fussboden überleben würde.

Gott sei Dank haben trotz dieses Unfalls ziemlich viele Marienkäfereier überlebt, was sich gestern eindeutig bestätigte: Die ersten Larven sind geschlüpft. Aber die armen Larven haben bei uns kein glückliches Larvenleben. Immer wieder müssen sie an einen neuen Ort umziehen, weil Karlsson fürchtet, sie seien zu sehr dem Sonnenlicht ausgesetzt. Sobald Karlsson einen besseren Ort gefunden hat, macht das Prinzchen diesen ausfindig und bald schon werden die armen Larven hin und her geschüttelt und sie müssen ganz schön aufpassen, dass sie nicht versehentlich auf dem Fussboden landen, wo sie der sichere Tod durch Zertreten erwartet. Wenn das so weitergeht, dann wird vielleicht ein einziger Marienkäfer unser Haus lebend verlassen und im Garten den Kampf gegen die Blattläuse aufnehmen können.

Man sieht also: Vendittis Kinder sind noch nicht reif für Haustiere. Wir werden dann wohl noch eine Weile bei den Stofftieren bleiben.

Mist!

Dass ich als Mutter schon viel falsch gemacht habe, ist mir klar und ich habe auch kein grundsätzliches Problem damit. Fehler gehören für mich einfach dazu und ich habe mir auch schon damals, als Karlsson noch in der Wiege lag, daran gewöhnt, mich bei ihm zu entschuldigen, wenn ich ihm Unrecht getan hatte. Damit ich lerne, meinem Kind gegenüber zu meinem Versagen zu stehen, bevor ich zu stolz bin dazu und verbissen auf meinem Standpunkt beharren muss. Bis heute habe ich mich in der Illusion gewiegt, dass ich mit diesem Grundsatz für meine Kinder mein Bestes gegeben habe.

Aber mit dieser Illusion ist jetzt Schluss. Ich habe nämlich einen Katalog zugeschickt bekommen mit vielerlei Krimskrams, der viel kostet, der aber das Leben um so viel lebenswerter machen wird, dass kein Geld der Welt den wahren Wert dieser Dinge aufwiegen könnte. In diesem Katalog also, auf Seite 45 unten, werde ich mit meinem Versagen konfrontiert: „Manchen Kindern wird die Musikalität in die Wiege gelegt. Aber eben nur manchen. Das ist uns nicht zuverlässig genug, und so lange wollen wir auch nicht warten“, steht da geschrieben. „Mist!“, denke ich. „Ich habe vielleicht doch nicht mein Bestes gegeben“ und lese weiter: „Unseren Nachwuchs versorgen wir schon Monate vor der Geburt mit lieblichen Klängen und lehren ihn auf unterschiedlichste äussere Reize zu reagieren sowie schön zu entspannen. Dass unser Music Belt nicht nur äusserst kleidsam, sondern auch bequem und individuell einstellbar ist, versteht sich von selbst.“ Wer jetzt denkt, es könne mir doch vollkommen schnurz sein, ob manche Mütter glauben, sie müssten ihre Ungeborenen bereits im Mutterleib mit Hintergrundmusik berieseln und dazu eigens einen hellblauen Gurt mit weissen Punkten tragen, der irrt. Es ist durchaus von Beduetung, ob man das getan hat oder nicht, denn der nächste Satz macht klipp und klar, dass dieses Gadget für eine gute Mutter unverzichtbar ist: „Schliesslich geht es hier um die besten Mütter der Welt!“ Jawohl! Die besten Mütter der Welt, die wissen eben, worauf es ankommt und die geben von Herzen gerne 99.90 Franken aus, um dafür zu sorgen, dass ihre Kleinen optimale Startbedingungen haben.

Ach, was bin ich doch für eine dumme Mutter! Da glaube ich doch allen Ernstes, ich würde meinen Kindern das Beste bieten, indem ich ehrlich bin mit ihnen und ihnen offen meine Liebe zeige. Und bei all meinen Bemühungen, eine leidenschaftliche Mama zu sein, habe ich das nicht getan, was die besten Mamas der Welt tun: Ich habe im letzten Schwangerschaftsdrittel jeweils keinen hellblauen Gurt mit weissen Punkten getragen, der meinen Nachwuchs mit Musik versorgt. Sollte aus meinen Kindern nichts werden, dann wisst ihr jetzt, warum.

Wer sucht,….

…. der findet auch bei uns irgend etwas, aber leider meistens nicht das, wonach er gesucht hat. So tauchten zum Beispiel heute Morgen die Au-Pair-Unterlagen, die ich seit drei Tagen verzweifelt gesucht hatte wider auf ausserdem der Schlüsselbund von „Meinem“, den am Sonntag so ziemlich jedes Familienmitglied mal in der Hand gehabt hatte, so dass nicht mehr nachvollziehbar war, wer ihn zuletzt wo liegen gelassen hatte. Nun, seit heute früh wissen wir, wo der Kerl gesteckt hat: Auf dem Wickeltisch, unter einem Berg von Kleidern verborgen. Was mich darauf schliessen lässt, dass das Prinzchen zuletzt damit gespielt hat, denn er ist der Einzige, der auf dem Wickeltisch überhaupt noch etwas zu suchen – oder wohl eher liegenzulassen – hat. Man sieht also: Unsere Suchaktion war äusserst erfolgreich. Bloss half uns das nicht weiter, denn Karlsson brach trotzdem in Tränen aus, weil seine Streifen verschwunden blieben und er den Zorn der Lehrerin fürchtete.

Ich kann gar nicht verstehen, warum Karlsson immer so sehr in Panik gerät, wenn er etwas nicht finden kann. Für ihn ist jeder kleine Misstritt der Anfang des Weltuntergangs und er malt sich dann jeweils in den schwärzesten Farben aus, was mit ihm alles passieren könnte, bloss weil mal wieder etwas daneben gegangen ist. Dabei hat er doch stets eine Ausrede zur Hand: Er kann seinen kleinen Brüdern die Schuld geben am ganzen Schlamassel. Aber nein, Karlsson nimmt alle Schuld auf sich, macht sich Vorwürfe und zittert vor der Strafe, die dann meist gar nicht eintritt, weil er bei der Lehrerin einen grossen Stein im Brett hat. Also ich war ja ganz anders in dem Alter. Ich machte nie ein solches Geschrei. Musste ich auch gar nicht, denn aus lauter Angst, dass ich etwas falsch machen könnte und dass die Lehrerin mir deswegen böse sein könnte, war ich stets darauf bedacht, nur ja nichts zu vergessen, kein Blatt zu zerknittern, keine Papierschnipsel zu verlegen. Ich hatte ja auch keine jüngeren Geschwister, denen ich den Fehler in die Schuhe schieben konnte und so musste ich eben im Vornherein dafür sorgen, dass alles war, wie es sein sollte. Um stets den nötigen Druck zu haben, alles richtig zu machen, malte ich mir jeweils in den schwärzesten Farben aus, was mit mir passieren würde, wenn ich einen Fehler beginge. Das ist dann wohl der Grosse Unterschied zwischen Karlsson und mir: Ich zitterte vorher, er zittert nachher. Aber perfektionistische Angsthasen sind wir beide.

So, aber jetzt muss ich los. Die Papierstreifen sind wieder aufgetaucht, als ich nach der Kabelrolle suchte, um die Pumpe des Schwimmbeckens in Betrieb zu nehmen. Wenn ich jetzt ganz schnell zur Schule renne, dann schaffe ich es noch, Karlsson die Streifen in der grossen Pause in die Hand zu drücken und dann können wir vielleicht noch verhindern, dass die Lehrerin schimpft….

Unmöglich?

Sind denn unsere Vorstellungen so unrealistisch, dass es einfach nicht klappen will? Man sollte  doch meinen, dass es in der Schweiz ein oder zwei, vielleicht sogar drei, junge Frauen gibt, die gerne mal für ein Jahr als Au-Pair arbeiten. Ich meine jetzt nicht Sklavenarbeit, sondern bloss dreissig Stunden die Woche ein paar Wäscheberge beseitigen und die Küche aufräumen, mit dem Zoowärter und dem Prinzchen spazieren gehen, dafür sorgen, dass die Kinder am Nachmittag eine Zwischenmahlzeit bekommen, wenn Mama Venditti sich im Büro verschanzt hat und dergleichen. Nett wäre ausserdem, wenn sie unsere Kinder nicht als lästiges Ungeziefer, sondern als nette kleine Menschen ansähe, die natürlich auch ihre Macken haben. Als Gegenleistung bekäme sie von uns ein sauberes Zimmer, ein eigenes Bad, warme Mahlzeiten, Bezahlung nach den gängigen Richtlinien und Familienanschluss. So schlimm kann das doch nicht sein, oder?

Nun, mag ja sein, dass es Ausnahmen gibt, aber die Kandidatinnen, die sich bis jetzt gemeldet haben, scheinen etwas andere Vorstellungen von einem Au-Pair-Job zu haben. Schimpft  mich ruhig eine Pessimistin, aber wenn die erste Frage lautet, wie weit es denn von uns bis nach Zürich sei, dann werde ich misstrauisch. Vielleicht bin ich in euren Augen ja ein Snob, aber wenn ich erfahre, dass die junge Dame in keiner Schule tragbar war, dann beschleichen mich ernsthafte Zweifel, ob sie der richtige Umgang für unsere Kinder sei. Ihr dürft auch sagen, ich sei kleinlich, aber wenn die junge Dame schon zum ersten Kennenlernen nicht erscheint, dann schrillen bei mir die Alarmglocken.

So langsam habe ich das Gefühl, dass ich mal wieder das Unmögliche will. Und deshalb habe ich heute Nachmittag kurzerhand beschlossen, unser Au-Pair-Suche auf den ganzen Planeten auszuweiten. Irgendwo auf dieser Welt wird es bestimmt eine junge Dame geben, – und weiblich muss sie sein, denn noch mehr Testosteron kann unser Haushalt nicht mehr ertragen – die es Zwölf Monate mit Vendittis aushält. Wir sind ja keine Monster, bloss etwas laut und chaotisch, aber damit sollte man leben können. Immerhin halten wir es auch aus mit uns selber und wir müssen uns selber schon ein ganzes Leben lang ertragen.

Alles klarer

Nach drei Unfällen mit spitzen Gegenständen, unzähligen Besuchen beim Augenarzt und vier oder fünf verschiedenen Augentropfen ist Luise seit heute Nachmittag um halb zwei – die Zeit werde ich so schnell nicht mehr vergessen, hat sie doch seit gestern Abend im Minutentakt gefragt, wann denn endlich halb zwei sei – stolze Brillenbesitzerin. Nun ja, eigentlich ist sie Besitzerin einer „Entlastungsbrille zum Lesen“, was bedeuten würde, dass sie an einem sonnigen Samstag wie heute  die Brille keine Sekunde hätte tragen müssen. Weder beim Zimmeraufräumen, noch beim Aufstellen des neuen Pools, – „Meiner“ ist inzwischen übrigens begeistert davon! – noch beim Herumtollen mit den Brüdern. Aber wenn man stolze Besitzerin einer „Wilden Hühner“-Brille geworden ist, dann muss das Ding auf die Nase, ist ja klar. Und auch wenn die Korrektur nur minimal ist, Luise ist dennoch felsenfest davon überzeugt, dass sie jetzt alles schärfer sieht. Die Bäume sind grüner, der Himmel blauer und das Wort „pasteurisiert“ lässt sich mit Brille eindeutig besser entziffern als ohne. Okay, ich nehme mal an die Tatsache, dass sie das schwierige Wort zweimal ohne und einmal mit Brille gelesen hat, trug  ebenso entscheidend dazu bei, dass es beim dritten Mal besser ging, aber das habe ich meiner Tochter natürlich nicht gesagt. Denn ich will ja, dass sie das Gestell so oft wie möglich im Gesicht hat. Ob es nur der Stolz auf die neue Brille ist, der Luise klarer sehen lässt, oder ob die Korrektur tatsächlich so viel bewirkt, ist mir eigentlich egal. Hauptsache, die wunderschönen blauen Augen meiner Luise sind endlich vor spitzen Gegenständen geschützt.

Übrigens: Das heutige Bild stammt von Karlsson. Der Junge ist ganz der Papa, auch wenn er nicht so aussieht.

Wortwörtlich

Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat sind heute auf einem Ausflug. Was dem Zoowärter natürlich fast das Herz zerreisst. Warum dürfen Schulkinder und Kindergartenkinder mit einem Rucksack voller guter, ungesunder Sachen losziehen, währenddem er, das Spielgruppenkind, mit der Mama und dem Prinzchen zu Hause bleiben muss? Dass die Mama auch für ihn Würstchen, Chips, Smarties und Kaugummi besorgt hat, ist kein Trost. Die Welt ist so unfair, wenn man drei ist.

Zum Glück gibt’s Au-Pairs, kann ich in einem solchen Moment nur sagen. Die können mit den lieben Kleinen einen Spaziergang machen und das Ganze als Ausflug deklarieren. Mit Chips, Äpfeln und Brötchen im Rucksack merkt der Zoowärter bestimmt nicht, dass wir ihm einen öden Spaziergang als Ausflug verkaufen, oder? Ich bin mir sicher, er hätte nichts gemerkt, hätte ich nicht diesen einen Satz gesagt: „So, nun ziehst du dir noch die Schuhe an und dann könnt ihr ausfliegen!“ Worauf der Zoowärter mich natürlich beim Wort nahm und wissen wollte: „Mama, wo ist denn das Flugzeug, mit dem wir fliegen werden?“

Ääähhm, tja, und jetzt erkläre man mal einem tieftraurigen Zoowärter, dass das mit dem Ausfliegen nicht wörtlich gemeint war und dass die Grossen ja auch nicht mit dem Flugzeug ausgeflogen seien. Man sollte meinen, beim vierten Kind hätte ich endlich gelernt, dass man mit Dreijährigen keine Wortspiele macht….