Träume…

Früher hatte ich noch grosse Träume. Eine gerechtere Welt. Ferne Länder bereisen. Etwas Grosses aufbauen. Positive Spuren hinterlassen. Erfolgreich schreiben. Und wenn aus all dem nichts wird, dann wenigstens eine richtig tolle Küche haben. Mal abgesehen davon, dass ich eine ziemlich grosse Familie aufgebaut habe, ist aus diesen Träumen herzlich wenig geworden. Das Träumen aber habe ich nicht aufgegeben. Nur der Inhalt hat sich leicht geändert. Heute träume ich…

…davon, mich einfach mal aufs WC setzen zu können, ohne vorher überprüfen zu müssen, ob der Vorgänger wirklich alles so hinterlassen hat, wie man es schon tausendmal gepredigt hat.

…dass der Wäscheberg uns mal ein paar Tage in Ruhe lässt. Also, ich meine jetzt nicht diese trügerische Ruhe, die herrscht, wenn man einfach so tut, als wäre er nicht da und er derweilen ungehindert weiterwächst, sondern die himmlische Ruhe, die wir hätten, wenn er sich mal für eine Weile von uns fernhalten würde.

…davon, mindestens eine Woche lang keinen einzigen Anruf aus dem Schulhaus zu bekommen.

…davon, auf Facebook nicht andauernd über Fallfehler und andere Scheusslichkeiten stolpern zu müssen. (Okay, da gibt es auch ziemlich viele inhaltliche Dinge, über die ich nicht stolpern möchte, aber wir wollen mal nicht übertreiben mit den Wünschen.)

…davon, wenigstens einen Tag lang keinem einzigen Legostein in die Quere zu kommen. 

…dass Bibliotheksbücher an dem Tag, an dem sie zurück ins Schulhaus müssen, morgens unaufgefordert aus ihren Verstecken hervorgekrochen kommen.

…von einer papierlosen Kommunikation mit der Schule. Und wenn das nicht geht, dann wenigstens von einer strikten räumlichen Trennung zwischen vollen Kakaotassen und Elternbriefen, die unterschrieben in die Schule zurück müssen. 

…dass ich ein offenes Buch, dem ich für eine Weile den Rücken kehren muss, noch an der genau gleichen Stelle geöffnet vorfinde, wenn ich mich ihm wieder zuwende. (Ach, wo wir schon von Büchern sprechen: Wäre nett, wenn ich mit dem Knausgård noch in diesem Jahrzehnt fertig würde.)

Wie, ihr findet, ich sei bescheiden geworden? Aber nicht doch. Die Dinge, die ich mir früher gewünscht habe, waren weitaus realistischer als die Luftschlösser, die ich heute baue.

  

Gescheiterte Demotivationsstrategie

Wer es in unserem Kanton nach der sechsten Klasse nicht in die richtige Stufe schafft, kann später nur über den Umweg einer Prüfung ans Gymnasium. An offiziellen Schulveranstaltungen erklärt man das den Eltern der enttäuschten Zwölfjährigen so: „Im neunten Schuljahr gibt es die Möglichkeit, eine Aufnahmeprüfung zu machen, aber die schafft eigentlich keiner.“ Dies hält leider einzelne Schüler nicht davon ab, sich laut zu überlegen, ob sie es nicht vielleicht doch probieren sollten und so erklärte neulich eine Lehrerin – nicht an unserer Schule – den übermotiverten Teenagern: „Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand diese Prüfung besteht, ist etwa gleich gross wie die Chance, dass man lebend unten ankommt, wenn man vom Eiffelturm springt.“ Bedauerlicherweise gibt es sogar nach dieser Warnung noch ein paar Todesmutige, die sich zur Prüfung anmelden und fleissig büffeln. Ja, da sind sogar einige Lehrpersonen, die den Prüflingen Mut zusprechen, ergänzendes Lernmaterial herbeischaffen und Zusatzpunkte vergeben. Unerhört, so etwas! Einige – unter ihnen Karlsson und drei seiner Schulkameradinnen- fühlten sich so natürlich dazu ermutigt, ihr Bestes zu geben und die Aufnahme aus Gymnasium zu schaffen. 

Ich finde, wenn die Demotivationsstrategie derart versagt, sollten die Schulverantwortlichen ganz dringend über die Bücher gehen. Es darf doch nicht sein, dass Teenager sich einfach so über die Grenzen, welche die Schulpolitik ihnen  aufzeigt, hinwegsetzen. 

  

Ob sich das lohnt?

Die meisten Kinder haben wohl hin und wieder Bedenken, ob sich das mit dem Erwachsenwerden wirklich lohnt. Den einen graut davor, irgendwann so kleinkariert und langweilig zu werden wie ihre Eltern, andere möchten lieber nie so eine behaarte Brust wie Papa, manche finden die Vorstellung, nie mehr vollends im Spiel zu versinken ganz grauenvoll und es soll sogar welche geben, die schon im ganz zarten Alter ahnen, dass die Sache mit den Steuern nicht besonders toll ist. 

Auch Prinzchen macht sich vermehrt Gedanken über das Grosswerden. Manches – zum Beispiel die Vorstellung, Archäologe zu werden – beflügelt ihn. Anderes – der Gedanke, selber einmal Papa zu sein – ist für ihn gänzlich unvorstellbar. Und dann gibt es noch diese eine Sache, die ihn regelrecht anwidert: „Papa, muss ich auch solche Sachen machen, wenn ich mal gross bin?“, fragte er voller Entsetzen, als er „Meinem“ dabei zusah, wie er in der Küche einen neuen Verputz anbrachte. 

Nein, Prinzchen, das musst du natürlich nicht. Es sei denn, du wolltest eines Tages dieses Haus, das du gemeinsam mit deinen Geschwistern in Schutt und Asche zu legen versuchst, übernehmen.

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Kritisieren um des Kritisierens Willen

Man darf von mir aus gerne kritisch hinschauen bei der Schule. Tue ich ja auch. Einfach nur kritisch hinschauen, damit man etwas zum Schimpfen hat – so wie heute ein Vater am Besuchstag -, finde ich aber ziemlich daneben:

Die Stunde fängt an, die Hälfte der Klasse führt sich anständig auf, die andere sieht keinen Grund, sich in irgend einer Form auf Unterricht einzulassen. Warum auch? Ist ja kein Promotionsfach. Der Vater knurrt irgend etwas, das verdächtig wie „absolut unfähig, diese Lehrerin“ klingt. Irgendwann ist es dann doch halbwegs still im Zimmer, die Lehrerin erklärt, was zu tun ist und kommt dann nach hinten zu den Eltern.

„Was ist das Lernziel dieser Arbeit?“, fragt der Vater mürrisch. Die Lehrerin erläutert, unter welchem Oberthema das Ganze steht, in welche Arbeitsschritte die Aufgabe gegliedert ist, welche Fertigkeiten bei jedem einzelnen Arbeitsschritt im Zentrum stehen und welches Resultat am Ende erwartet wird. Ich bin beeindruckt. Ziemlich durchdacht, wenn man bedenkt, dass es sich um eines der „unwichtigen“ Schulfächer handelt.

Der Vater neben mir sieht das anders: „Und wie wollen Sie überprüfen, ob ein Schüler sein Ziel erreicht hat?“ Da die Arbeit in vier klar definierte Schritte gegliedert sei, könne sie ziemlich genau beurteilen, ob vom ersten bis zum letzten Schritt eine Entwicklung stattgefunden habe, erklärt die Lehrerin. Das Talent des Schülers falle bei dieser Arbeit weniger ins Gewicht als ein klar erkennbarer Versuch, das Gelernte umzusetzen. „Nach dieser Antwort wird er ja wohl zufrieden sein“, denke ich, aber natürlich irre ich.

„Was ist, wenn ein Kind gefehlt hat und deshalb weniger Zeit hatte für die Arbeit?“, will er wissen. Das werde bei der Beurteilung berücksichtigt, versichert die Lehrerin. Sie halte wenig davon, solche Arbeiten zum Fertigstellen mit nach Hause zu geben, denn dann trügen sie nachher meist die Handschrift der Eltern und das sei ja nicht das Ziel.

Ob der Vater nun endlich zufrieden ist? Vermutlich nicht, aber die Lehrerin hat jetzt keine Zeit mehr für weitere Fragen. Einige Schüler fühlen sich nämlich durch die Anwesenheit der Besucher erst recht dazu angestachelt, sich von ihrer herausforderndsten Seite zu zeigen und darum ist Einschreiten gefragt. Kaum ist die Lehrerin ausser Hörweite, fängt der Vater schon wieder an zu knurren: „Wie kann man der Fantasie bloss durch derart eng formulierte Lernziele solche Grenzen setzen?“

Wer war das nochmal, der vor fünf Minuten nach klar formulierten Lernzielen gefragt hat?

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Dinge, die ich in den letzten Tagen gelernt habe

  • Der Satz „Die Eltern kennen ihr Kind am besten“ gilt bei gewissen Ärzten nur, solange Mama und Papa mit ihrer Einschätzung auf ihrer Linie liegen. Allzu starke Abweichungen von der ärztlichen Meinung darf sich das elterliche Bauchgefühl nicht erlauben, sonst wird es schnell einmal schwierig.
  • Es gibt auf diesem Planeten mindestens einen Spitalclown, der so umwerfend komisch ist, dass er selbst meine miese Laune zu vertreiben vermag. Der Kerl hätte vermutlich sogar unserem Bundespräsidenten den Anflug eines Lächelns aufs Gesicht gezaubert. 
  • Manche Menschen fühlen sich offenbar durch ihren Titel dazu berechtigt, ein neunjähriges Kind in Abwesenheit seiner Mutter zu fragen, ob es manchmal so verzweifelt sei, dass es nicht mehr leben wolle. Bin mir immer noch unschlüssig, ob ich es dabei belassen soll, das verwirrte Kind wieder gerade zu rücken, oder ob ich doch eine bissige Rückmeldung geben soll. (Nein, drängt mich bitte nicht dazu. Das Erstgespräch war schon eher…na ja… schwierig und ich weiss nicht ob ich mich noch einmal auf so etwas einlassen mag.)
  • Trotz allem gibt es noch ein paar ganz anständige Ärzte da draussen, mit denen sich ein Konsens finden lässt. Vielleicht hat es geholfen, dass ich irgendwann gesagt habe: „Ich lechze nicht nach Ihrer Aufmerksamkeit, ich brauche auch nicht unbedingt eine Diagnose, ich will nur, dass es meinem Kind endlich wieder besser geht.“
  • Ich brauche wirklich keine Diagnose, um glücklich zu sein. Wenn man mich endlich halbwegs ernst nimmt und zumindest versucht, den festgefahrenen Pfad zu verlassen und einen neuen zu suchen, bin ich schon ganz zufrieden. Erst recht, wenn wir diesen Pfad mehrheitlich zu Hause weitergehen können und nicht mehr in diesem engen Zimmerchen eingesperrt bleiben müssen.
  • Wobei anzumerken wäre: In diesem engen Zimmerchen ist es sehr viel erträglicher, wenn es von zwei Grossfamilienkindern geteilt wird, die sich trotz drei Jahren Altersunterschied blendend verstehen. Dieser Zoowärter findet doch einfach überall, wo er hingeht, einen Freund, mit dem er sich schieflachen kann. 
  • Bauchschmerzen sind auch so ein Thema, zu dem jeder eine Meinung hat. Eine Meinung, die übrigens meist deckungsgleich ist mit der Meinung, die diese Person über Kopfschmerzen hat. 
  • Ich brauche jetzt ganz dringend ein paar Gartentage. Also, sobald ich die verpasste Arbeitszeit nachgeholt und den Haushalt wieder im Griff habe…

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Spitalmüde

Wieder diese endlosen Stunden im engen Spitalzimmer. Wieder die gleichen Untersuchungen – Blut, Urin, Stuhl, Abtasten, Ausfragen – wie schon zig mal in den vergangenen Wochen. Wieder zum Ultraschall beim gleichen Arzt, der spitz bemerkt, man müsse vielleicht mal eine andere Untersuchungsart wählen, wenn die Schmerzen bleiben, die Ursache sich aber mit dem Schallkopf nicht finden lässt, gerade so, als wären wir Eltern diejenigen, die ihn dazu verdonnert haben, noch einmal das Gleiche zu machen. Wieder dieses teilnahmslose „Okay, wir nehmen das zur Kenntnis“, wenn wir sagen, dass der Zoowärter die Schmerzen manchmal kaum mehr aushält, aber halt doch lieber auf die Zähne beisst, wenn ein Fremder sich seinen Bauch ansieht. Wieder diese suggestiven Fragen, ob es ihm denn gefalle in der Schule und ob er sich wirklich sicher sei, dass er gute Freunde habe. Wieder dieses Gefühl, in einer Schublade eingeordnet zu sein, aus der man uns nicht mehr rauslässt, ganz egal, was wir sagen und erklären. 

Gerade so, als hätten wir nichts Besseres zu tun, als ein paar Ärzte auf Trab zu halten, weil uns ja sonst so langweilig wäre. 

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Karlsson-freies Osterwochenende

Das ist einfach nicht fair. Den anderen wird das Geld in den Hintern geschoben und mir knöpfen sie noch den letzten Rest ab. Während bei ihnen jeder investierte Rappen ein Mehrfaches an Gewinn bringt, schreibe ich einen Verlust nach dem anderen. Als ob das nicht schlimm genug wäre, regnet das Glück in Strömen auf sie hinab, meine Pechsträhne aber will kein Ende nehmen. Der kleinste Hoffnungsschimmer auf bessere Zeiten erlischt sogleich, wenn wieder irgend so ein Abzocker daherkommt und mit fiesem Grinsen eine unverschämte Forderung stellt, der ich natürlich umgehend nachkommen muss, ganz egal, wie klamm ich bin. Sollte mir das Glück doch einmal einen Augenblick lang hold sein, schlägt das Schicksal einen miesen Haken und ich stehe schlechter da als zuvor. Am Ende weiss ich nicht mehr, ob ich heulen oder ausrasten soll. 

Ich hasse es, wenn „Meiner“ und ich mit Luise Monopoly spielen müssen, damit sie die Karlsson-freien Ostertage irgendwie übersteht. 

  

So schlimm sind sie gar nicht, die kleinen Monster

Hört man sich ein wenig um, wie die Kinder von heute so sind, könnte man glauben, sie seien allesamt gefühllose, verwöhnte Monster, die beim Spielen sinnentleerter Games allmählich verblöden und nichts als Konsum und Mobbing im Kopf haben. Natürlich gibt manche, die sich in diese Richtung bewegen, ein paar Beispiele aus dem Leben unserer Kinder lassen aber auch vermuten, dass es ganz so schlimm nicht sein kann mit der heutigen Jugend:

  • Prinzchen und seine Schulfreunde liegen sich derzeit in den Haaren, weil jeder behauptet, er sei als einziger in der Lage, an einem Tag ein ganzes Buch zu verschlingen, was die anderen natürlich nicht glauben wollen. Wenn sie fertig gestritten haben, versuchen sie, einander gegenseitig mit ihrem grossen Allgemeinwissen zu übertrumpfen. Natürlich ist das nicht besonders nett, aber allzu verblödet kommen mir diese Erstklässler nicht vor.
  • Seitdem der Zoowärter mit seinen Bauchschmerzen zu Hause ist, klingelt es öfter mal um die Mittagszeit an unserer Tür. Kinder, von denen ich teilweise nicht mal den Namen kenne, weil sie noch nie zum Spielen bei uns waren, fragen mich, wie es ihm denn geht, ob sie ihn mal besuchen dürfen und wann er endlich wieder zur Schule komme, es sei so langweilig ohne ihn. Schafft er es mal, für ein paar Stunden den Unterricht zu besuchen, jubeln seine Freunde, das sei der schönste Tag der Woche. Zwei oder drei Mädchen – in diesem Alter ja nicht gerade interessiert an doofen Jungs – liessen sich sogar dazu hinreissen, den Brief, den sie ihm alle zusammen geschrieben haben, mit Herzchen zu unterschreiben. Alles andere als gefühllos also, diese Knöpfe.
  • Der FeuerwehrRitterRömerPirat, an dem Luise seit einiger Zeit kaum ein gutes Haar lässt, bastelt im Werkunterricht für seine Schwester in liebevoller Kleinarbeit ein schillerndes Osterei, das er ihr als verspätetes Geburtstagsgeschenk überreicht. So schön ist es geworden, dass sie gar nicht anders kann als zu erkennen, wie sehr der nervige jüngere Bruder sie insgeheim mag. Sie haben eben doch ein Herz, diese kleinen Monster.
  • Luise ist im Moment eigentlich alles andere als gut zu sprechen auf die zwei Menschen, die sie gezeugt haben. Dennoch sind wir ihr ganz und gar nicht egal. „Ich sehe doch, dass du traurig bist, also sag nicht, es sei nichts, wenn ich dich frage, was los ist“, raunzte sie neulich und brachte mich dazu, ihr, die ja laut der gängigen Meinung über die Jugend von heute nur an ihrem Smartphone und der neuesten Jeans interessiert sein dürfte, mein Leid zu klagen. (Okay, ich geb’s zu, ich musste mich ganz schön kurz fassen zwischen all den Nachrichten, die in der Zeit auf ihrem Handy eingegangen sind, aber sie hat mir tatsächlich zugehört.)
  • Die Jugendlichen, die gelegentlich bei uns ins Haus kommen, um mit Karlsson an Schulprojekten zu arbeiten, sind so anständig, nett und fleissig, dass ich mich in ihrer Gegenwart wie ein vergammelter Hippie fühle, der ganz dringend sein Leben in den Griff kriegen und seine Höhle aufräumen müsste. (Bis jetzt ist es mir zum Glück noch gelungen, sie mit Selbstgebackenem daran zu hindern, mir das Sozialamt auf den Hals zu hetzen.)

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Verstaubt

Als sie neun war, war sie über alle Massen beeindruckt von Facebook. So viel Privates über so viele Menschen, die sie ja auch irgendwie kannte, war für sie, die ein ausgesprochen sozialer Mensch ist, unglaublich spannend.

Als sie zehn war, liess sie keine Gelegenheit aus, mein Facebook-Profil zu durchforsten,  sich durch die Fotos meiner Freunde zu klicken und manchmal in meinem Namen ein „gefällt mir“ zu hinterlassen, wo ich keines hätte hinterlassen wollen.

Als sie elf war, war sie der festen Überzeugung, es werde nun allmählich Zeit, dass sie auch dabei sein darf. Hätten wir es nicht ausdrücklich verboten, sie hätte sich wohl ganz ohne unsere Hilfe ein Profil angelegt. 

Kurz vor ihrem zwölften Geburtstag kam es zu einem erbitterten Streit mit Karlsson, weil sie sich selber die Erlaubnis erteilte, bei Instagram mitzumachen und natürlich kam in diesem Zusammenhang wieder die Frage auf, warum wir kleinkarierten Eltern nicht dazu bereit waren, ein Auge zuzudrücken, um ihr einen verfrühten Einstieg bei Facebook zu gestatten.

Inzwischen ist sie dreizehn und jetzt, wo sie endlich dürfte, käme es ihr nicht im Traum in den Sinn, bei Facebook mitzumachen. Ist doch alles längst Schnee von gestern. Abgesehen von den verstaubten Alten, die sich über Kochrezepte, Erinnerungen an längst vergangene Tage und Politik austauschen, treibt sich doch kein Mensch mehr dort rum.

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Socken-Lieferdienst

Etwas eigenartig fand ich es schon, als ich in letzter Zeit immer wieder einzelne Socken vor unserer Wohnungstür einsammeln musste, aber da unsere Kinder nicht gerade berühmt sind für ihre Ordentlichkeit, dachte ich mir nicht viel dabei. Höchstens vielleicht, dass wohl mal wieder eine kleine Moralpredigt – „Wir sind eine Familie, also trägt gefälligst jeder dazu bei, dass hier Ordnung herrscht!“ – fällig wäre. 

Ich war noch nicht dazu gekommen, meinen Lieben ins Gewissen zu reden, als die Einzelsocken damit anfingen, in die Wohnung einzudringen, den Eingang in Beschlag zu nehmen und schliesslich auch unter dem Esstisch herumzulungern. „Nun reicht es aber wirklich“, schimpfte ich vor mich hin, während ich die verirrten Socken mit dem Besen unter dem Tisch hervor angelte. 

Die Einzelsocken häuften sich, der richtige Zeitpunkt für die Standpauke liess sich irgendwie nie finden und eines Morgens stand des Rätsels Lösung laut miauend vor der Wohnungstür: Katze Henrietta, die im Frühling immer etwas sonderbar ist, seitdem sie keine Kinder mehr bekommen kann, mit einer einzelnen Socke zwischen den Zähnen. Voller Stolz legte sie mir ihre Beute zu Füssen, als ich ihr die Tür öffnete. Da sie mich mit ihren grossen, sanften Augen so treuherzig ansah, konnte ich nicht anders, als sie für ihre aktive Mithilfe im Haushalt zu loben – obschon die Socke mit ziemlicher Sicherheit vom ungewaschenen Wäscheberg stammte.

Das Lob tat ihr offenbar gut. Seither ruft sie mich mehrmals täglich herbei, um mir neue Socken zu Füssen zu legen. Falls ich es mal nicht rechtzeitig zur Tür schaffe, verschafft sie sich selber Einlass, um ihre Beute unter dem Esstisch zu deponieren. Manchmal treffe ich sie auch im Hauseingang an, wo sie verzweifelte Kreise zieht, weil irgend ein unwissendes Familienmitglied die Kellertür zugemacht und ihr den Weg zum Sockennachschub versperrt hat.

Obschon die herumliegenden Socken ganz schön nerven, bin ich Henrietta in mehrfacher Hinsicht dankbar für ihren Dienst. Erstens weiss ich jetzt, dass unsere Kinder nicht alleine verantwortlich sind für die Unordnung im Haus. Zweitens finden auf diese Weise vielleicht ein paar seit Langem getrennte Sockenpaare wieder zusammen. Und drittens lässt sie Nachbars Gartenhandschuhe in Ruhe, solange sie mit den Socken alle Pfoten voll zu tun hat. 

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