Wortwörtlich

Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat sind heute auf einem Ausflug. Was dem Zoowärter natürlich fast das Herz zerreisst. Warum dürfen Schulkinder und Kindergartenkinder mit einem Rucksack voller guter, ungesunder Sachen losziehen, währenddem er, das Spielgruppenkind, mit der Mama und dem Prinzchen zu Hause bleiben muss? Dass die Mama auch für ihn Würstchen, Chips, Smarties und Kaugummi besorgt hat, ist kein Trost. Die Welt ist so unfair, wenn man drei ist.

Zum Glück gibt’s Au-Pairs, kann ich in einem solchen Moment nur sagen. Die können mit den lieben Kleinen einen Spaziergang machen und das Ganze als Ausflug deklarieren. Mit Chips, Äpfeln und Brötchen im Rucksack merkt der Zoowärter bestimmt nicht, dass wir ihm einen öden Spaziergang als Ausflug verkaufen, oder? Ich bin mir sicher, er hätte nichts gemerkt, hätte ich nicht diesen einen Satz gesagt: „So, nun ziehst du dir noch die Schuhe an und dann könnt ihr ausfliegen!“ Worauf der Zoowärter mich natürlich beim Wort nahm und wissen wollte: „Mama, wo ist denn das Flugzeug, mit dem wir fliegen werden?“

Ääähhm, tja, und jetzt erkläre man mal einem tieftraurigen Zoowärter, dass das mit dem Ausfliegen nicht wörtlich gemeint war und dass die Grossen ja auch nicht mit dem Flugzeug ausgeflogen seien. Man sollte meinen, beim vierten Kind hätte ich endlich gelernt, dass man mit Dreijährigen keine Wortspiele macht….

Einige Gedanken an einem ganz gewöhnlichen Mittwoch

1. Ist es ein Zeichen von unverbesserlichem Optimismus, wenn man morgens, kaum sind die drei Grossen aus dem Haus, das Prinzchen und den Zoowärter ins Auto packt, um Sommerkleider für die Kinder einzukaufen? Oder wurde der Sommer für dieses Jahr offiziell abgesagt und ich bin die Einzige, die es nicht mitbekommen hat?

2. Manchmal ist es so schwierig, ein benachteiligtes Kind zu lieben. Nicht, weil es nicht liebenswert wäre, sondern weil es alles tut, um zu verhindern, dass deine Liebe sein Herz berühren und verletzen könnte. Meistens kann ich gut damit leben. Aber zuweilen, wenn meine Liebe zu oft ins Leere gelaufen ist und meine Tochter auch noch darunter leiden muss, dann möchte ich den Bettel nur noch hinschmeissen und mich den Kindern zuwenden, die es schätzen, von mir geliebt zu werden. Es gibt Tage, da zweifle ich daran, ob es richtig war, die Türen unseres Hauses so weit zu öffnen, dass nicht nur wir und unsere Kinder darin Platz haben.

3. Wie schafft man es, innert 5 Minuten eine Flasche Bio-Olivenöl zu verschütten, eine randvolle Dose Rohrzucker zu zerschlagen und einen halben Liter Orangensaft auf dem Fussboden zu verteilen? Wenn ihr jetzt glaubt, es habe etwas mit dem Prinzchen zu tun, dann irrt ihr gewaltig. Zuweilen sorgen auch die drei ältesten Mitglieder des Venditti-Clans für Chaos. Und das sogar ohne, dass wir uns in die Haare geraten wären und mit Geschirr um uns geschmissen hätten.Und nein: Ich war nicht alleine Schuld an dem Desaster.

4. Fronleichnam ist nicht lustig. Schon gar nicht dann, wenn man in einem katholischen Gebiet lebt und der Papa in einem protestantischen Gebiet arbeitet. Das heisst: Fünf Kinder und eine übermüdete Mama, die morgen keinen Ausflug machen können, weil Mama zu genervt sein wird, um mit allen Fünfen auszufliegen. Und das alles an einem Donnerstag, wo ich doch Donnerstage leidenschaftlicher verabscheue als Garfield die Montage. Oder kurz gesagt: Ich freue mich nicht auf morgen.

5. Eigentlich möchte ich es ja nicht wahrhaben, aber es lässt sich dennoch nicht leugnen: Ich bin so viel zufriedener, wenn ich weiss, dass auf unserem Konto genug Geld ist. Ich möchte von mir behaupten können, dass ich rund um die Uhr singend und pfeifend durchs Haus tanze, egal, wie hoch oder tief der Kontostand ist. Doch leider erwische ich mich fast immer nur dann beim spontanen Singen und Pfeifen, wenn ich weiss, womit ich den nächsten Wocheneinkauf bezahlen werde.

6. Wie viele Putzkessel hat meine Mutter wohl in ihrem ganzen bisherigen Leben kaufen müssen? Drei vielleicht, oder vier? Was mache ich bloss falsch, dass ich heute bereits den vierten Putzkessel in diesem Jahr habe kaufen müssen, weil schon wieder einer kaputt gegangen ist? An meinem Putzfimmel kann es nicht liegen. Ich habe nämlich gar keinen.

7. Manchmal zweifle ich daran, ob ich gerade die passende Rolle erwischt habe. Ist jetzt gerade die liebevolle, verständnisvolle Mama gefragt oder hätte ich die gestrenge Übermutter herauskehren müssen? Warum spricht man mich als Projektleiterin an, wo ich doch ganz offensichtlich als übermüdete Hausfrau beim Monsterwocheneinkauf unterwegs bin? Muss ich jetzt wirklich die top organisierte Familienfrau spielen, wo ich doch für die Rolle der redseligen Kaffeetante vorgesprochen habe?

8. Sieht er nicht grossartig aus in weiss, mein Karlsson? Und ist es nicht wundervoll, mal nur mit ihm alleine unterwegs zu sein? Welche Brille sich Luise wohl aussuchen wird? Die Zeiten, wo man ein Kind wegen einer Brille auslacht sind doch vorbei, oder muss ich sie vielleicht darauf vorbereiten, dass es dumme Sprüche geben könnte? Wie schön, der FeuerwehrRitterRömerPirat hat mich umarmt. Freiwillig. Armer Zoowärter! So süss und so trotzig. Hoffentlich merkt er bald, dass man im Leben nicht um alles kämpfen muss. Ach, mein Prinzchen! So klein und schon so übermütig! Wenn er bloss nicht vom Stuhl fällt. Unglaublich:  „Meiner“ und ich haben heute ganze zehn Minuten ungestört miteinander reden können!

9. Hätte ich vielleicht doch ein paar Flaschen Cola kaufen sollen? Die nächsten Tage könnten anstrengend werden.

So ist mein Leben: Ein Spagat zwischen den verschiedenen Welten. Immer. Auch an einem ganz gewöhnlichen Mittwoch. Wobei, so gewöhnlich war der Mittwoch gar nicht. Ich habe nämlich den Wocheneinkauf um einen Tag vorgezogen, weil morgen Fronleichnam ist, worauf ich mich gar nicht freue. Aber das hatten wir ja bereits.

Fast hätten wir’s geschafft….

Da habe ich mich gestern doch lauthals darüber beklagt, wie unausstehlich meine Kinder zurzeit sind, wenn sie aus dem Bett kommen, und was machen sie heute? Sie führen sich mustergültig auf. Sogar der FeuerwehrRitterRömerPirat, den ich sonst immer mit Schimpf und Schande aus dem Haus jagen muss, weil er mich sonst nicht verlassen will, war heute in den Kleidern, bevor ich überhaupt gemerkt hatte, dass er aufgestanden war. Und hätte ich mich nicht beeilt, ich hätte ihn nicht mal mehr zum Abschied umarmen und ihm einen schönen Morgen wünschen können.

Aber es war nicht bloss das mustergültige Verhalten, es waren auch die mustergültigen Gespräche, die wir heute beim Frühstück geführt haben. Glaubt mir: Wie im Erziehungsratgeber! Da fragt mich Karlsson so ganz nebenbei, ob denn Trinkhalme auch mitschuldig seien daran, dass die Eisbären vom Aussterben bedroht sind – Karlsson bangt noch immer Tag für Tag um das Wohl seiner Lieblingstiere – und bald schon waren wir in ein ganz wichtiges Gespräch vertieft. Wir redeten von Tieren, die andere Tiere fressen und der FeuerwehrRitterRömerPirat belehrte seine grossen Geschwister, dass Ameisen Marienkäfern den Kampf ansagen, weshalb Ameisen ganz ganz böse seien. Luise erklärte Karlsson, weshalb wir kein schlechtes Gewissen haben müssten, wenn wir Früchte essen, weil Bäume ja dazu da seien. Und wie es so läuft, irgendwann waren wir bei der Ölkatastrophe im Golf von Mexico und ich versichere euch: So wie wir die Probleme unserer konsumwütigen Gesellschaft auf den Punkt gebracht haben, waren wir ganz nahe daran, die Welt zu retten. Noch ein paar Minuten länger und wir hätten es geschafft.

Doch leider war es plötzlich acht Uhr und die Kinder mussten gehen. Vielleicht schaffen wir es ja heute Nachmittag, die Welt zu retten. Wobei, nein, das geht nicht. Karlsson und Luise haben Schule und der FeuerwehrRitterRömerPirat und ich schaffen das nicht ohne ihre Hilfe. Na ja, dann vielleicht eben morgen, wenn nichts anderes dazwischenkommt….

Was kann ich denn schon dafür?

Habt doch bitte endlich Erbarmen mit uns und lasst die Sommerferien beginnen! Nicht, dass ich ferienreifer wäre als gewöhnlich. Ich lechze immer gleich stark nach Erholung. Nicht dass ich mich danach sehne, fünf Wochen lang eine Horde unterbeschäftigter Kinder daran zu hindern, einander die Köpfe abzureissen. Aber so langsam habe ich die Nase voll davon, mich jeden Morgen anraunzen zu lassen, weil die Kinder nicht mehr aufstehen mögen. Als ob ich Schuld daran wäre, dass die Knöpfe jetzt einfach ausgelaugt sind vom langen Schuljahr. Als ob ich die Sommerzeit eingeführt hätte, die abends das Einschlafen erschwert. Als ob ich dafür gesorgt hätte, dass in den letzten Schulwochen noch alles rein muss: Sporttag, Schulreise, Elterngespräch, Jugendfest, verpassten Schulstoff aufarbeiten, Fussballturnier, Schülerkonzerte, Schnuppermorgen, Abschlussfeiern und was einem sonst noch in den Sinn kommen könnte, um auch noch den letzten weissen Fleck auf dem Kalender zu füllen.

Es ist einfach zum Heulen im Moment und das, bevor die Post-it-Tage offiziell begonnen haben. Und so kommt es, dass ich momentan mal wieder den Abfallkübel der Familie mache: „Mama, wo hast du meine Schuhe versteckt?“ „Mama, ich will jetzt einfach nicht zur Schule gehen, also lass mich schlafen.“ „Mama, warum hast du mir meine Lernzielkontrolle nicht in den Schulsack gelegt, nachdem du sie unterschrieben hast?“ „Mama, warum hast du keine ganz roten Äpfel gekauft?“ „Mama, wegen dir komme ich noch zu spät.“ Meine sonst so lieben und bescheidenen Kinderlein, die mich an gewöhnlichen Tagen vergöttern,  haben mich zum Sündenbock auserkoren und das alles nur, weil sie ihren Frust und ihre Übermüdung nicht an der Lehrerin auslassen können. Oder am Schulleiter. Oder am Bildungsdirektor.

Dabei hätten die Bildungsdirektoren eigentlich die Schelte verdient. Die bringen es nämlich tatsächlich fertig, dass „Meiner“, der im Aargau unterrichtet, eine Woche früher Schulferien hat als unsere Kinder, die im Kanton Solothurn zur Schule gehen. Ich fürchte, das wird eine sehr sehr schwierige letzte Schulwoche. Vielleicht frage ich mal den Bildungsdirektor, ob an den letzen Schultagen bei uns zu Hause das Wecken und Kinder-zur- Schule-schicken übernimmt.

Besser als ihr Ruf

So langsam bin ich ein wenig verunsichert. Überall wird über Teenager hergezogen, in den Zeitungen, in Diskussionsrunden am Fernsehen, an Elternabenden und am lautesten im Gespräch mit anderen Eltern. Mütter – Väter übrigens kaum -, die erfahrener sind als ich, malen mir in den schlimmsten Farben aus, was mich alles erwarte, wenn dereinst meine Kinder in der Pubertät seien. Das habe ich schon immer besonders geliebt: Mütter, die nichts Besseres zu tun wissen, als anderen Müttern Angst einzujagen. Das fängt meist schon in der Schwangerschaft an: „Du wirst sehen, die Geburt ist eine grauenvolle Sache. Also ich habe das kaum überlebt…“ Es geht weiter, wenn das Baby da ist: „Warte mal ab, bis das Trotzalter kommt. Jetzt mag er ja noch ganz süss und pflegeleicht sein, aber wehe, wenn er anfängt, sich tobend auf dem Fussboden zu wälzen…“. Wenn der Schuleintritt naht, folgen weitere Drohungen: „Du kannst mir glauben, das wird furchtbar! All diese Hausaufgaben. Und die bösen Lehrer. Und dann erst die Schulkameraden mit ihrem Gruppendruck….“ Die wüstesten Vorhersagen betreffen aber die Pubertät: „Du wirst deine Kinder nicht wieder erkennen. Es ist ganz einfach grässlich, miterleben zu müssen, wie aus deinem ehemals süssen Baby ein unausstehlicher Fratz wird, den du am liebsten in die Besenkammer sperren möchtest….“ Das nennt man dann wohl Ermutigung.

Was mich an der Sache verunsichert ist weniger die Aussicht darauf, dass bei unserem Ältesten die Teenagerjahre nicht mehr fern sind. Was mich verunsichert, ist die Tatsache, dass ich in meinem Bekanntenkreis und in meiner Verwandtschaft noch keines jener Monster begegnet ist, die da jeweils geschildert werden. Gut, man könnte jetzt einwenden, ich hätte ja kaum einmal mit Teenagern zu tun. Aber das stimmt nicht. Dreimal die Woche sitzt einer bei uns am Mittagstisch, seit bald zwei Monaten bereichert einer vorübergehend unser Familienleben, unter meinen Neffen und Nichten wimmelt es nur so von Halbwüchsigen und gestern Abend hatten wir gleich ein Dutzend Exemplare dieser verrufenen Spezies bei uns zu Gast. Und auch wenn ich es selbst kaum glauben kann, wir haben es überlebt, mehr noch, wir geniessen die Gesellschaft dieser jungen Menschen und freuen uns, zu sehen, dass sie gar nicht so übel sind wie ihr Ruf. Im Gegenteil: Sie sind grossartige junge Menschen, sogar diejenigen, die schon einiges auf dem Kerbholz haben und die auf den ersten Blick jeden Erwachsenen das Fürchten lehren.

Warum denn, so frage ich mich, findet alle Welt die Teenager so schlimm? Sind sie wirklich so unausstehlich oder haben wir Erwachsenen nur einfach vergessen, wie schwierig das Leben damals war, als wir nicht mehr Kind und doch noch nicht erwachsen waren? Sind sie wirklich alle so ungehobelt, oder reden sie bloss so schnoddrig, weil sie sich nicht akzeptiert fühlen von uns? Ich zumindest habe mich schon mehrmals dabei ertappt, wie ich zu Jugendlichen unfreundlich war, bloss weil ich gerade einen negativen Artikel über die Jungend von heute gelesen hatte. Und wie reagierten die Jugendlichen? Sie beschämten mich, indem sie mir anboten, den Kinderwagen die Treppe hochzutragen und einer wollte am Ende gar ein Foto von meinem „süssen Baby“ schiessen. So langsam dämmert in mir die Erkenntnis, dass auch Teenager nichts anderes wollen, als geliebt und akzeptiert zu werden, auch wenn sie einem dies nicht immer einfach machen.

Wer jetzt denkt „Die hat gut reden. Die hat ja noch keine Kinder, die Teenager sind“, der hat vermutlich Recht. Denn auch ich werde damit zu kämpfen haben, wenn meine Kinder mich bald schon nur noch doof und peinlich finden werden. Auch ich werde Mühe haben damit, zu akzeptieren, dass sie manchmal sehr kurzsichtige und aus erwachsener Sicht sehr dumme Entscheidungen fällen werden. Auch ich werde immer mal wieder darüber seufzen, wie anstrengend das Leben mit Teenagern doch sei. Genauso, wie ich über das Zahnen, das Trotzalter, die durchwachten Nächte und dergleichen geseufzt habe und noch immer seufze. Sie werden mich zum Wahnsinn treiben, oh ja, ganz bestimmt. Aber gehört das nicht alles zum Kinderhaben dazu? Und sind es denn nicht immer noch meine geliebten Kinder, auch wenn ich dies hin und wieder vergessen werde, wenn sie dereinst meine Liebe bis aufs Äusserste testen werden?

Aus diesem Grund habe ich beschlossen, mich nicht mehr weiter vor den Teenagerjahren meiner Kinder zu fürchten, auch wenn mir das nicht immer leicht fällt. Aber genauso, wie ich beschlossen habe, dass es mir nicht weiterhilft, wenn eine Mama mir zwei Tage vor der Geburt erzählt, wie schrecklich das Gebären doch sei, genauso hilft es mir nichts, jetzt in Panik zu verfallen, wenn meine Kinder grösser werden. Ich nutze die mir verbleibende Zeit wohl besser damit, mich wohl darin zu üben, sie trotz all ihrer Macken zu lieben. Und die Gelegenheit, dies zu üben, bekomme ich ja bereits heute, Tag für Tag. Zum Beispiel gerade jetzt, wo Luise den Zoowärter als Piraten geschminkt hat, obschon sie beide schon längst im Land der Träume sein sollten…

Warum so negativ, meine lieben Kinder?

Luise hatte sechs Tage Zeit, um ein kleines Gedicht auswendig zu lernen. In dem Gedicht ging es darum, wie man mit Panik umgehen kann. Aber das Auswendiglernen allein löste so grosse Panik in dem armen Kind aus, dass sie sich gar nicht auf den Inhalt konzentrieren konnte. „Ich schaffe das niiiiiiiiieeeeeeee“, heulte sie und wälzte sich auf dem Fussboden. „Ich kann das einfach nicht.“ Irgendwie konnte ich das Kind dennoch dazu bringen, mir das Gedicht vorzutragen. Und siehe da: Sie konnte es! Aber was tat meine liebste kleine Luise? Klopfte sie sich selber auf die Schulter und verkündete stolz, dass sie es kann? Nein, sie heulte weiter, weil sie es „nicht gut genug kann und überhaupt viel zu dumm ist“.

Karlsson sass still und schüchtern neben mir am Tisch und hörte artig seiner Lehrerin zu, die ihn über allen grünen Klee lobte: Im Rechnen sei er supergut, in Sprache supermegagut. Sie sei stolz auf ihn. Karlsson nickte brav, als die Lehrerin zu ihm sagte, er solle das alles wortwörtlich seinem Papa erzählen. Auf dem Heimweg erzählte mir Karlsson, wie erleichtert er doch sei, dass er die Klasse nicht repetieren müsse, denn das wäre sehr schlimm gewesen für ihn. „Wie bitte, mein liebster Karlsson, du hast geglaubt, du müsstest die Klasse wiederholen? Hast du denn nicht gehört, wie die Lehrerin deine Leistungen gerühmt hat?“, fragte ich entrüstet.  Zu Hause angekommen, forderte ich meinen Ältesten auf, zu tun, was er der Lehrerin versprochen hatte: „Erzähl dem Papa mal, was die Lehrerin über dich gesagt hat“, sagte ich und platzte fast vor lauter Mutterstolz. „Die Lehrerin hat gesagt, ich soll lauter reden und schneller arbeiten.“

Warum bloss sind unsere Kinder so streng mit sich selber? Warum sehen sie immer nur ihr Unvermögen, nicht aber ihre Stärken?

Liegt es etwa daran:

Vorgestern verbrachten wir einen traumhaften Pfingstsonntag im Garten von Freunden. Ein paar Tage vor unserem Besuch hatte unser Gastgeber, ebenfalls ein Primarlehrer, bei „Meinem“ einen Unterrichtsbesuch abgestattet und als wir da so gemütlich im Garten sassen,  liess er „Meinen“ wissen, wie gut er seine Arbeit mache, wie gut er mit der Klasse umgehen könne, wie geeignet er für seinen Beruf sei. „Meiner“ suchte verzweifelt nach Einwänden, um das Kompliment entkräften zu können, aber er hatte keine Chance: Unser Gastgeber blieb beharrlich bei seiner Meinung, dass „Meiner“ ein guter Lehrer sei. Und ich beging noch den entsetzlichen Vertrauensbruch, unseren Freund in seiner Aussage zu bekräftigen. Stand „Meiner“ nach diesem Gespräch mit stolzgeschwellter Brust da und sonnte sich in seinem Ruhm? Aber nicht doch! Am Abend gerieten wir uns in die Haare, weil er behauptete, er habe auf der ganzen Linie versagt…

Vielleicht aber liegt es ja auch daran, dass unsere beiden Ältesten so wenig auf ihr eigenes Können geben:

Da präsentierte ich heute Abend einmal mehr das Projekt, das zurzeit einen grossen Teil meiner Energie in Anspruch nimmt. Diesmal durfte ich vor Eltern reden, die dankbarste Zuhörerschaft, wenn es um den Aufbau eines Familienzentrums inmitten einer Betreuungswüste geht. Entsprechend positiv waren die Reaktionen. Alle, bis auf eine. Und was erzählte ich „Meinem“, als ich nach Hause kam? „Die sind alle total begeistert. Ich glaube, ich mache eine gute Arbeit“? Oh nein, nicht doch! Ich jammerte ihm den Kopf voll, weil mich die eine negative Reaktion so sehr getroffen hat, dass ich am liebsten die ganze Sache hingeschmissen hätte.

Kopfball

Fussball ist nicht gerade Karlssons allerliebste Freizeitbeschäftigung. Im Gegenteil: Bis vor einigen Monaten hat er um jeden Ball einen weiten Bogen gemacht. Deshalb waren wir auch sehr erstaunt, dass der Junge sich freiwillig zum Schülerturnier angemeldet hat und bis heute früh waren wir nicht sicher, ob er auch tatsächlich auf dem Rasen stehen würde, wenn es ernst gilt. Kam er doch mehr als einmal völlig frustriert vom Training nach Hause. Erstaunlicherweise liess er es sich dennoch nicht nehmen, schon im Morgengrauen ins Elternschlafzimmer zu schleichen, um uns zur Eile anzutreiben, weil das erste Spiel doch „schon in zwei Stunden“ beginnen würde.

Trotz viel zu kurzer Nacht liessen es „Meiner“ und ich es uns nicht nehmen, abwechslungsweise die Spiele unseres Ältesten durch unsere Anwesenheit zu würdigen. Man weiss ja nie, ob Karlsson je wieder Lust haben wird, einem Ball nachzurennen, da er weder väterlicher- noch mütterlicherseits Fusballergene vererbt bekommen hat. Nun ja, als ich noch sehr sehr jung war, habe ich mich hin und wieder an Grümpelturnieren beteiligt, aber bloss, weil es mir so viel Spass machte, wenn die Jungs aufheulten vor Schmerz, weil ich konsequent gegen ihre Schienbeine trat, wenn ich eigentlich den Ball hätte treffen sollen.

Nun, Karlsson trat niemanden gegen die Schienbeine, aber er trat auch nicht gegen den Ball. Sobald dieser nämlich in seine Nähe kam, suchte er das Weite und so schaffte er es, an einem Fussballturnier dabei zu sein, ohne Fussball zu spielen. Aber er war glücklich dabei und darum waren wir es auch. Am Ende hatte ich aber dennoch eine Frage: „Karlsson, weshalb weichst du denn eigentlich dem Ball immer aus?“, wollte ich wissen. „Weil ich Kopfbälle machen muss, wenn der Ball zu mir kommt“, antwortete er mir. Als ich wissen wollte, ob er denn Angst vor Kopfbällen habe, meinte er ganz ernsthaft: „Nein, natürlich nicht. Aber bei jedem Kopfball geht eine Gehirnzelle kaputt und ich will doch mein Gehirn nicht kaputt machen.“

Kluges Kerlchen. Er weiss, dass es sich nicht lohnt, sich wegen eines doofen Balls das Gehirn zerstören zu lassen. Wobei zwei oder drei Kopfbälle seinem Gehirn ganz bestimmt nicht geschadet hätte. Er hat ja nicht bloss zwei oder drei Gehirnzellen….

Troubleshooter-Mama

Wenn es ums Aufwachen und Aufstehen geht, ist Troubleshooter-Mama noch immer auf die Hilfe ihrer Kinder angewiesen, dann aber schlüpft sie in ihr unsichtbares Superwoman-Kostüm und macht sich auf, den Widrigkeiten des Tages den Kampf anzusagen. Die erste Widrigkeit des heutigen Tages: Eine zerbrochene Schale. Genauer gesagt: Eine vormals mit Reibkäse gefüllte zerbrochene Schale. Noch genauer gesagt: Eine vormals mit Reibkäse gefüllte zerbrochene Schale, die aussen mit roten Herzen verziert war und die Luise „Meinem“ zum fünfunddreissigsten Geburtstag geschenkt hatte und die Karlsson, als er sein Joghurt aus dem Kühlschrank nehmen wollte, zu Boden fallen liess, weil sie im Wege stand, weil Troubleshooter-Mama gestern Abend zu später Stunde zu faul gewesen war, die Schale an einem sicheren Ort unterzubringen.

Alles klar? Nicht? Macht nichts. Es ist ja auch nicht eure Aufgabe, den heulenden Karlsson – „Papa wird so enttäuscht sein! Ich bin so uuuhhhuuungeehhhhschiiihhhhckt!“ – und die tieftraurige Luise – „Die Schale habe ich Papa zum Geburtstag geschenkt! Ich werde ihm nie mehr so eine schöne Schale schenken können!“ – zu beruhigen. Das ist ein Job für Troubleshooter-Mama und der geht so: Karlsson und Luise heulen, machen sich schlimme Vorwürfe und geraten einander schliesslich fast in die Haare, aber nur fast, denn jetzt greift Troubleshooter-Mama ein und nimmt alle Schuld auf sich: „Ich war ja so blöd, die Schale am falschen Ort hinzustellen, also bin ich Schuld.“ Karlsson will etwas einwenden, aber Troubleshooter-Mama kommt ihm zuvor: „Nein Karlsson, du bist nicht zu ungeschickt, ich habe den Fehler gemacht. Luise, wir werden für Papa eine neue Schale kaufen. Und ich bezahle, denn es war ja meine Schuld. Und ich werde auch mit Papa reden, denn es war ja nicht euer Fehler…“

Problem Nummer eins ist kaum gelöst, da steht schon Problem Nummer zwei an: Ein nicht mehr eingefasstes Zahlenbuch, das Karlsson unbedingt noch heute Morgen einfassen will, weil sonst die Lehrerin so böse wird. Aber Troubleshooter-Mama weigert sich, das Buch jetzt auf der Stelle einzufassen, denn a) sie hat gar kein geeignetes Papier im Haus, b) sie hat keine Geduld dazu, denn Karlsson wird das Buch selber einfassen wollen und danach doch nicht ohne Mamas Hilfe auskommen und c) sie hat jetzt keine Zeit dazu, denn Probleme Nummer drei, vier und fünf warten schon darauf, gelöst zu werden. Während Troubleshooter-Mama sich Problem Nummer 3 annimmt, – Luise kann die seit Wochen vermissten Bibliotheksbücher nicht mehr finden und ist deshalb in Tränen aufgelöst – heult sich Karlsson fast die Seele aus dem Leib, weil er Angst hat vor dem Zorn der Lehrerin. Warum bloss hat das Kind Angst vor dem Zorn der Lehrerin, lebt er doch immerhin seit mehr als neun Jahren mit einer emotional ziemlich wechselhaft veranlagten Mama?

Troubleshooter-Mama gerät ob der beiden zusammentreffenden Probleme beinahe ins Strudeln, besinnt sich dann aber auf ihr Allheilmittel in schwierigen Situationen: Sie greift zu Stift und Papier. Ein Briefchen für Luises Lehrerin, in dem steht, dass die Bücher nicht mehr auffindbar sind und deshalb von Vendittis ersetzt werden, ein Briefchen für Karlssons Lehrerin, in dem steht,  dass gestern zu später Stunde der Einband des Zahlenbuches kaputt gegangen sei und dass dieser Fehler selbstverständlich übers Wochenende behoben werde. Beide Briefchen mit „Besten Dank für Ihr Verständnis“ abgeschlossen und auf zu Problem Nummer vier, das da heisst „FeuerwehrRitterRömerPirat davon überzeugen, dass er noch keine Kindergartendispens erhalten hat – und diese auch nie erhalten wird – und dass er deshalb in die Kleider schlüpfen soll und zwar schnell, weil sonst all der Kuchen, den heute zwei Geburtstagskinder mitbringen werden, ohne ihn aufgegessen wird.“

Danach muss sich Troubleshooter-Mama nur noch um ein paar kleinere Problemchen kümmern: Luise trösten, die heult, weil Karlsson und sein Freund ohne sie abgezogen sind, dem Prinzchen die laufende Nase putzen, obschon sie ihm wehtut, weil sie vor ein paar Tagen eine unangenehme Begegnung mit einer Schaukel hatte, dem Au-Pair einen Glassplitter aus dem Finger entfernen und sie beruhigen, dass ihre Angst, dass der nicht mehr vorhandene Splitter in die Blutbahn geschwemmt und in ihre Herzaorta geraten und ihren Tod verursachen könnte, völlig unbegründet sei.

Dann wird es ruhiger und Troubleshooter-Mama darf sich endlich ins Büro zurückziehen, wo ein ganzer Berg Arbeit auf sie wartet. Aber der Berg Arbeit muss leider noch etwas länger warten, denn Troubleshooter-Mama muss sich mal ernsthafte Gedanken machen darüber, ob es pädagogisch sinnvoll sei, den Kindern immer und immer wieder aus der Patsche zu helfen.

Ein Ende in Sicht…

Wann hat’s das zum  letzen Mal gegeben? Ich weiss es nicht, zu lange ist es schon her, so lange, dass es schon fast einem historischen Ereignis gleichkommt: Bei Vendittis gibt’s nur noch ein einziges Wickelkind. Der Zoowärter ist seit heute nämlich auch nachts windelfrei. Ein ein einziges Wickelkind, kann man sich so etwas vorstellen? Das heisst, nur noch vier bis fünfmal am Tag am Wickeltisch zu stehen. Das heisst, nur noch etwa zweimal in der Woche zur Dusche greifen zu müssen, weil man in der Windel eine riesige Sauerei vorgefunden hat. Das heisst, beim Sonderangebot nur noch drei Pack Windeln in den Einkaufswagen zu laden. Das heisst, nur noch einen Windeleimer im Badezimmer stehen zu haben. Das heisst, nur noch bei einem Kind regelmässig die Nase an den Po zu halten – gibt es eine andere Tätigkeit auf dieser Welt, die für Nichteltern abstossender ist? -,  um zu riechen, ob es in der Windel riecht.

Ich habe zwar nie verstehen können, was die Menschheit am Wickeln so schlimm findet. Für mich gehört das zum Kinderhaben einfach dazu und ob wir nun ein Wickelkind hatten, zwei oder zeitweise gar drei, „Meiner“ und ich haben damit leben können. Klar, es gab peinliche Momente. Zum Beispiel, als wir mal mit drei Kleinkindern aber ohne Windeln auf eine Alp gondelten, wo die übervolle Windel des FeuerwehrRitterRömerPiraten ausgerechnet im Bergrestaurant den Geist aufgab. Klar wäre ich schon hundertmal froh gewesen, wenn ich keine Windeln hätte kaufen müssen, was aber nicht möglich war, weil die Verdauung unserer Kinder sich buchstäblich einen Dreck schert um unser Budget. Klar gab es zuweilen ganz böse Überraschungen. Zum Beispiel, als der damals etwa zweijährige FeuerwehrRitterRömerPirat zugleich Windpocken und Durchfall hatte und aus lauter Verzweiflung seine Exkremente grossflächig an die Wand schmierte. (Als der Durchfall dann vorbei war, fing er damit an, seine Exkremente im Zimmer herumzuschmeissen, aber auf weitere Details verzichte ich lieber.)

Ja, die Windeln gehören für uns einfach dazu, seit bald zehn Jahren schon und es gäbe da noch ein paar Anekdoten, über die man Jahre später lauthals lacht und ich bin mir sicher, dass die eine oder andere Geschichte in die Familiengeschichte eingehen wird. Aber ich bin dennoch froh, dass das Ende des Windelkapitels absehbar wird. Ich glaube, so langsam haben wir genug gewickelt.

Bleibt nur noch ein Problem: Womit fülle ich denn jetzt  bloss den zweiten, nur noch dreiviertelvollen 60-Liter-Kehrichtsack? (Nein, ich kaufe noch keine 30-Liter-Säcke; ein Wickelkind haben wir ja noch.)

Es wird alles noch viel lustiger

Das Prinzchen kann jetzt nämlich nicht bloss au dem Bett klettern – inzwischen gar ohne die Hilfe seines Riesenbären -, er hat jetzt auch herausgefunden, wie man den Trip Trap zweckentfremdet, um zum Wasserhahn zu gelangen. Und zur Herdplatte. Und zum Fenstergriff. Weil das alles noch nicht spannend genug ist, versucht unser Jüngster mit ziemlich beachtlichem Erfolg, frisch angezogen in die volle Badewanne zu klettern, wenn der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat ein Bad nehmen. Als jüngstes Kind hat der Kleine natürlich auch noch einen besonders starken Drang, die Eltern mit unerwarteten Fähigkeiten zu überraschen – ich rede da aus eigener Erfahrung – und deshalb bringt es unser Prinzchen schon im zarten Alter von 18 Monaten fertig, eine geschlagene halbe Stunde zu toben, wenn die böse Mama ihm den Zutritt zum Badezimmer und damit zur vollen Badewanne verwehrt. Wenn er dann voller Zorn seinen Nuggi (Für meine Leser aus Deutschland: Das ist das Ding, das man den Babys in den Mund stopft, damit sie aufhören zu brüllen) in die Ecke schmeisst und mit den Füssen stampft, dann sehe ich dass das Trotzalter im Anzug ist. Jetzt schon.

Oh ja, das Prinzchen zieht alle Register, um zu verhindern, dass mir langweilig wird. Er denkt sich wohl, dass ich mit meinem letzten Baby noch einmal so richtig viel Spass haben soll. Oder vielleicht hat er ja neulich mein sentimentales Gesülze gelesen und will jetzt mit allen Mitteln verhindern, dass ihm eines Tages ein kleines schreiendes Bündel den Platz streitig macht.