N-E-I-N

Mama Venditti dreht mal wieder im roten Bereich. Termine beim Kinderarzt, Elterngespräche, Konzepte verfassen, Kindern zeigen, wie sehr man sie liebt, weiterbilden, Newsletter schreiben, gute Ehefrau sein, vollwertig kochen, Wäscheberge abtragen, Vorsprechen bei Parteien und Gemeinderat, Freundschaften pflegen, Buchprojekt vorantreiben, Kindern zeigen, wie zermürbend es ist, wenn sie nicht gehorchen wollen, Hüpfburg organisieren, Mails beantworten… und der Tag hat noch immer bloss 24 Stunden. Was zur Folge hat, dass es nicht ganz ohne Getöse abgeht, wenn Mama Venditti einen der Bälle fallenlässt, mit denen sie tagtäglich jongliert. Was wiederum zur Folge hat, dass Personen, die Mama Vendittis Zusammenbruch vor zwei Jahren miterlebt haben, schüchtern fragen: „Hast du nicht gesagt, du würdest jetzt kürzer treten?“

Wenn Mama Venditti mit solchen Fragen konfrontiert wird, dann geht sie in sich, und zwar ganz tief. „Genügt es, wenn ich nur noch die Dinge tue, die ich mit Leidenschaft tun kann?“, fragt sie sich zum Beispiel. „Oder zehrt am Ende die Leidenschaft ebenso sehr an den Kräften, wie das halbherzige Durchbeissen?“ Sie forscht nach, ob sie sich selbst belügt, wenn sie behauptet, sie würde sich jetzt mehr Zeit zur Erholung nehmen. Sie überlegt, ob sie tatsächlich mehr Zeit zum Schreiben findet, oder ob die neuen Verpflichtungen schon Überhand gewonnen haben. Und das alles mündet in der überlebenswichtigen Frage: „Bin ich noch auf gutem Wege, oder bin ich schon wieder dabei, den Weg für einen nächsten Zusammenbruch zu bahnen?“

Manchmal zweifelt Mama Venditti, ob sie es schaffen wird, ob sie stark genug ist, die Aufgaben zu meistern. Doch dann fällt ihr wieder ein, dass sie ein neues Wort gelernt hat, ein Wort mit nur vier Buchstaben, aber mit einer unglaublichen Macht. Das Wort heisst N-E-I-N und Mama Venditti versucht, es dann anzuwenden, wenn jemand mit einer Bitte an sie herantritt, die sie nicht erfüllen kann oder nicht erfüllen will. Immer gelingt ihr das natürlich nicht, denn was man ein Leben lang nicht geschafft hat, lernt man nicht von heute auf morgen. Doch immer öfter kommt es vor, dass Mama Venditti nicht sagt: „Lass mich mal sehen. Vielleicht kann ich ja auf meinen freien Abend mit ‚Meinem‘ verzichten…“, sondern dass sie sagt: „Tut mir leid, im Moment bin ich vollkommen ausgelastet. Mit mir kannst du in nächster Zeit nicht rechnen.“ Und sie sagt es nicht nur dann, wenn tatsächlich jeder Abend ausgebucht ist, sondern auch dann, wenn sie nicht auf ihre Freiräume verzichten will. Denn Mama Venditti hat gelernt, dass man im Leben auch Zeit zum Erholen braucht, wenn man überleben will.

Manchmal ist Mama Venditti gar so verwegen, dass sie Nein sagt, wenn der Wäscheberg mit seinen Forderungen an sie tritt, oder der leere Kühlschrank, oder der unaufgeräumte Bürotisch. Aber bitte sagt „Meinem“ nichts davon. Der findet nämlich, bei uns sehe es momentan ziemlich schlimm aus und die Hauptverantwortung im Haushalt trägt leider noch immer Mama Venditti…

Vorsicht! Bissig!

Ob mit mir etwas nicht mehr stimmt? Da träume ich doch neulich von so einer Besserwissermama. Ihr wisst schon, die Frauen, die zu allem und jedem ihren Senf dazu geben müssen. Die Frauen, die vielsagend die Augenbrauen hochziehen, wenn man ihnen vom neuesten Versagen erzählt und bemerken, sie hätten die Situation ganz anders und natürlich viel besser gemeistert. Die Frauen, die man gerne mit versteckter Kamera überwachen möchte, um sie endlich dabei zu erwischen, wie sie ihren Kindern Big Macs und Pommes servieren und selber drei oder vier Bierchen kippen. Kurz: Ich träumte vom Albtraum aller Mütter.

Dieser Albtraum aller Mütter liess mich wissen, dass es doch keine Sache sei, morgens die Kinder ohne Stress, ohne Geschrei und ohne Chaos aus dem Haus zu bringen. Zum Glück habe ich ein paar gute Freundinnen, auf die ich sogar im Traum zählen kann und so sprang eine meiner Freundinnen in die Bresche und liess die Besserwissermama wissen, ich hätte ja immerhin fünf Kinder zu erziehen, während sie nur eines habe. Aber eine echte Besserwissermama lässt sich von solchen Kleinigkeiten nicht beirren und deshalb liess mich wissen, auch mit fünf Kindern sei es möglich, den Tag in Ruhe und Frieden zu starten. Und zwar jeden Tag.

Im realen Leben würde ich wohl eine spitze Bemerkung fallen lassen und der Besserwissermama die kalte Schulter zeigen. Im Traum aber tat ich, was ich wohl schon öfters gerne getan hätte: Ich sprang der Besserwissermama an die Gurgel und biss ihr in den Oberarm. Und zwar so richtig heftig. Wie ein Rottweiler, oder so.

Vielleicht sollte ich diesen Traum mal analysieren lassen…

Ätsch! Reingelegt!

Da erscheint auf beautifulvenditti wie gewohnt jeden Tag ein neuer Post mitsamt Bild von „Meinem“ und ihr alle glaubt, ich hätte über die Auffahrtstage nichts anderes zu tun als zu bloggen. Dabei bin ich mit Kind, Kegel und was man braucht, um Kind, Kegel und Eltern einigermassen zufrieden zu halten, also mit Schmusetierchen, Zahnbürsten, Duschgel und Handy, verreist. Aber als pflichtbewusste Bloggerin weiss ich natürlich, was ich meiner Leserschaft schuldig bin und deshalb habe ich „vorgebloggt“. Habe ich in meiner Zeit als Vollzeithausfrau gelernt: Wenn du keine Zeit zum Kochen hast, kochst du eben vor, wenn du keine Zeit zum Bloggen hast, bloggst du vor. Blog-Konserven, sozusagen.

Ich wünsche euch allen ein schönes Wochenende und ab morgen wird wieder frisch gekocht, ääähm.., ich meine gebloggt.

Arme kleine Jungs!

Vor drei, vier Monaten noch galt der Zoowärter als drolliges kleines Kerlchen, das sich so charmant verhaspelte beim Reden und das mit seinem schelmischen Lächeln jeden für sich einnehmen konnte. Wo immer er hinkam bekam man zu hören, wie süss der Kleine doch sei, wie liebenswert, wie einmalig.

Dann aber passierte etwas: Der Zoowärter entdeckte den Kämpfer in sich und schwupps, war es vorbei mit drollig. Ein Junge, der bedrohlich Holzkellen schwingt und dazu brüllt, als ei er ein wild gewordener Löwe, geht nicht mehr als herzig durch. Ein Junge, der mal Ritter, mal böser Römer, mal angriffslustiger Wikinger ist, passt nicht ins Schema von „ach, wie süss!“. Wenn dann hin und wieder noch sein Kampfesgeist mit ihm durchgeht und er vergisst, dass die Putzfrau weder sein Feind noch die Holzkelle eine Waffe ist, dann ist fertig lustig. Dann muss man als Mama aufpassen, dass das eben noch kleine süsse Kerlchen als unmöglicher, schwer erziehbarer Bengel beschimpft wird. Das charmante Verhaspeln und das schelmische Lächeln sind zwar noch immer da, aber keiner nimmt es mehr wahr.

Wäre der Zoowärter mein erster Junge, ich wäre jetzt am Boden zerstört. Weil ich aber die gleiche Entwicklung schon bei Karlsson und beim FeuerwehrRitterRömerPiraten durchgemacht habe, bin ich einfach nur traurig. Denn warum, so frage ich mich, applaudiert man kräftig, wenn ein Mädchen die Tänzerin, die Reiterin oder die Coiffeuse in sich entdeckt, wenn aber ein Junge den Kämpfer in sich entdeckt, wendet man sich angewidert von ihm ab? Arme kleine Jungs! Ihnen bleibt so wenig Zeit, in der sie gehätschelt werden.

Verunsichert

Wenn ich sehe, wie oft die Leute bei beautifulvenditti landen, weil sie sich eine Antwort auf die Frage „Braucht mein Kind ein eigenes Zimmer?“ erhoffen, dann stimmt mich das nachdenklich. Irgendwo, in den unendlichen Weiten des Internets erhofft man sich eine Antwort auf die Frage, die man eigentlich nur beantworten kann, wenn man den Charakter der eigenen Kinder, den Grundriss der Wohnung und das monatliche Budget anschaut. Warum, so frage ich mich jeweils, sind wir Eltern so verunsichert, dass wir unserer eigenen Urteilskraft und unserer grossen Liebe, die wir für unsere Kinder empfinden, nicht mehr trauen? Warum glauben wir, dass ein anderer uns besser sagen kann, wo es lang geht? Klar, es gibt Eltern, die sollten dringend auf die Ratschläge anderer hören, aber das sind ja meistens nicht diejenigen, die durchs Netz surfen, um herauszufinden, was für ihr Kind das Beste sei. Allen anderen Eltern, „Meiner“ und ich eingeschlossen, wünsche ich, dass sie wieder lernen, ihrem eigenen Urteil mehr zu trauen.

Wenn mir eine befreundete Mutter, die mit Kleinkindern arbeitet, erzählt, wie schockiert die Eltern jeweils sind, wenn sie hören, dass die Kinder bei ihr unter Aufsicht mit Küchenmesser und Scheren hantieren dürfen, dann stimmt mich das nachdenklich. Warum, so frage ich mich, haben wir Eltern so grosse Mühe, zu begreifen, dass es viel gefährlicher ist, wenn Kinder nicht lernen, mit Gefahren umzugehen und ihnen dann schutzlos ausgeliefert sind? Warum trauen wir, die wir in unserer Kindheit meist kaum beaufsichtigt waren, unseren Kindern nicht zu, dass sie fähig sind, den Umgang mit gefährlichen Gegenständen zu lernen? Auch hier muss man leider wieder sagen: Gewisse Eltern täten besser daran, hinzuschauen und aufzupassen, was ihr Nachwuchs macht, aber auch hier tun es meistens gerade die nicht, die sollten.

Wenn ich am Samstagnachmittag mit Karlsson und Luise mit dem Fahrrad ins Dorf fahre und eine Frau, die uns im Auto überholt, brüllt mich an, Luises Fahrrad sei zu gross, dann stimmt mich das nachdenklich. Warum, so frage ich mich, sieht die Frau nicht, dass ich keine Zeit habe für ihre Tipps, weil ich aufpassen muss, dass meine Kinder heil durch den Verkehr kommen? Und warum traut sie mir nicht zu, dass ich mit den Kind beim Fahrradhändler war, um abzuchecken, wie gross das Velo für Luise sein muss? Die Medien sind so voll von Geschichten über verantwortungslose Eltern, dass jeder, der eine Mama mit Kind(ern) sieht glaubt, er müsse für Ordnung sorgen, weil ja ohnehin keiner für die Kinder schaue. Dass die Eltern sich Gedanken machen, dass sie das Beste für ihre Kinder wollen, glaubt schon gar keiner mehr und darum mischt man sich ein, wo man eigentlich besser schweigen sollte. Und schaut weg, wo dringend mal einer sagen sollte, dass es jetzt reicht.

Man sollte meinen, dass mich nach bald zehn Jahren Muttersein diese Spannungen kalt lassen, dass ich mich an sie gewöhnt habe. Aber dem ist nicht so: Sie beschäftigen mich je länger je mehr. Aber zumindest lasse ich mich nicht mehr so leicht verunsichern wie auch schon.

Ob er krank ist?

Heute früh begrüsste mich der FeuerwehrRitterRömerPirat mit folgender Frage:“ Mama, als die Römer den Hadrianswall bauten, mussten die Sklaven die ganze Arbeit machen. Warum war das so?“ Nun sind solche Fragen für den FeuerwehrRitterRömerPiraten tagsüber nichts Ungewöhnliches, aber morgens um sieben sagt er gewöhnlich gar nichts oder raunzt „Lass mich weiterschlafen!“ oder droht „Ich stehe nur auf, wenn du mir zweimal ‚Früeh am Morge‘ singst.“ Alles schon gehabt und deshalb haut mich fast nichts mehr aus den Socken. Wenn aber mein störrischer kleiner Langschläfer schon im Morgengrauen hellwach ist und historische Probleme lösen will, dann mache ich mir schon fast ein wenig Sorgen um ihn. Ob ihm etwas fehlt?

Ich hätte die kleine Episode im Frühstücksstress dennoch schnell wieder vergessen, wäre dreissig Minuten später nicht noch Unerhörteres geschehen. Da lege ich mir innerlich wie jeden Tag eine Strategie zurecht, mit welchem Trick ich den FeuerwehrRitterRömerPiraten heute aus dem Haus bringen kann und gebe ihm derweilen noch ein paar Ermahnungen und ‚hab dich lieb‘ mit auf den Weg. Doch mitten im Satz unterbricht mich mein Sohn: „Ist schon gut, Mama. Aber ich muss jetzt wirklich gehen.“

Ob ich mit dem Jungen mal zum Kinderarzt gehen soll?

Noch 100 Minuten…..

… und dann werden „Meiner“ und ich das ganze Chaos für 36 Stunden hinter uns lassen. Keine Kinder – nicht mal das Prinzchen darf mit – nur wir zwei. Wir zwei beim Teetrinken im Länggass-Tee, wir zwei beim Schlendern durch die Gassen Berns (den Regen denken wir uns einfach weg), wir zwei beim Übernachten in der Jurte (Wird doch wohl nicht so kalt werden, wie der Wetterfrosch vorausgesagt hat, oder?), wir zwei beim Diskutieren, ob wir jetzt in Bern oder in Luzern in die Sauna gehen sollen, wir zwei beim kompletten Entspannen, egal ob in Bern, Luzern oder anderswo, wir zwei bei der knallharten Landung in der Realität des turbulenten Alltags.

Und wer schaut derweilen zu den Kindern, fragt ihr euch? Na, wer wohl: Drei der zahlreichen weltbesten Nichten werden während unserer Abwesenheit den Laden schmeissen und ich weiss, sie werden die herkulische Aufgabe wie immer sehr gut meistern. Warum also will ich dennoch den Zeitpunkt des Wegfahrens hinauszögern? Wenn man bedenkt, welches Chaos ich hier zurücklasse und welche Ruhe ich dort hoffentlich finden werde, müsste ich doch jetzt schon ungeduldig im Auto warten, bis „Meiner“ endlich bereit ist zum Losfahren. Aber ist nicht gestern Abend das Prinzchen beinahe an einem Stück Karotte erstickt? Was, wenn er heute wieder eine Karotte erwischt? Okay, wir haben gar keine Karotten mehr im Kühlschrank, aber es könnte ja sein, dass jemand unseren Kindern während unserer Abwesenheit  Karotten schenkt… Und hat nicht Karlsson gestern so sehr an meiner Liebe zu ihm gezweifelt, dass ich ihn heute unmöglich verlassen kann. Und die Kinderzimmer sind auch nicht aufgeräumt und am Ende weiss man nie, ob nicht ausgerechnet in den nächsten 36 Stunden ein Tornado über Schönenwerd hinweg rasen wird. Ist zwar seit Menschengedenken noch nie passiert, aber man kann ja nie wissen, oder?

Nein, kann man tatsächlich nicht und deshalb werde ich jetzt wohl oder übel meine Tasche packen und mich ins Vergnügen stürzen müssen. „Meiner“ wartet nämlich schon ganz ungeduldig im Auto…

Hilfe! Polizei!

Was soll man bloss tun, wenn ein fünfjähriger Junge durch einen Kiosk schleicht, sich umsieht und nach Spuren eines Einbruchs sucht? Na, was wohl? Man fragt ihn, was er hier zu suchen habe und fordert ihn dazu auf, sofort den Kiosk zu verlassen. Und was tut man, wenn der kleine Junge sich weigert, den Kiosk zu verlassen – er hat ja die Spuren der Einbrecher noch nicht gefunden – und sich stattdessen auf den Boden setzt und zu trotzen anfängt? Was man dann tun soll? Aber, aber, das ist doch keine Frage! Man greift natürlich zum Telefon und droht dem Kind, man werde jetzt sofort die Polizei rufen, wenn es nicht schnurstracks den Kiosk verlässt. Jawohl, das tut man. Denn wie man weiss, steckt in jedem kleinen Kind ein Schwerverbrecher.

Beste Mama des Jahres

Mist! Schon wieder Minuspunkte eingefahren im mit harten Bandagen geführten Kampf um den heiss begehrten Titel „Beste Mama des Jahres“. Eine Mama, die morgens um Viertel vor acht noch selig schlummert, anstatt in der Küche zu stehen und den Nachwuchs, der schon längst geputzt und gestriegelt sein müsste, mit einem vollwertigen Frühstück zu verwöhnen, hat sich ja wohl endgültig disqualifiziert. Wäre nicht meine eigene Mama todesmutig nach oben gekommen, um zaghaft an meine Schlafzimmertür zu klopfen und zu fragen, ob wir nicht vielleicht aufstehen müssten, wir alle lägen noch immer selig in unseren Betten. Mit ihrer heldenhaften Tat, eine bekennende Langschläferin, deren miese Laune am Morgen legendär ist, sanft aus dem Träumen zu reissen, hätte meine Mama eigentlich den Titel „Beste Mama des Jahres“ bereits auf sicher. Aber ich weiss nicht, ob beim Wettbewerb auch Grossmamas zugelassen sind. Es sei denn, um sie für ihr Lebenswerk zu ehren.

Wie dem auch sei, ich legte mal wieder eine perfekte Performance für die „Mieseste Mama des Jahres“ an den Tag: Die Kinder mit Joghurt abgespeist – ja, ich weiss, enthält viel zu viel Zucker – , vierhundertdreizehn Mal gesagt „Jetzt beeilt euch doch!“, den FeuerwehrRitterRömerPiraten mit einem Donald Duck-Heft abgespeist, damit er, der immer trödelt, aus dem Weg ist, solange Karlsson und Luise noch nach Socken für die Füsse und Bananen für die grosse Pause suchten, mich selber mit einem Glas Cola light wachgeknüppelt, weil der sanfte Start in den Tag ohnehin versaut war, das Prinzchen in nasser Windel herumwatscheln lassen, solange die Grossen noch nicht aus dem Haus waren, den FeuerwehrRitterRömerPiraten zu spät in den Kindergarten geschickt und dann auch noch den Zoowärter mit einem Bonbon belohnt, weil er trotz allem Chaos so brav aufs WC gegangen ist. Und, wie viele pädagogische Todsünden macht das insgesamt? Sehr viele und wenn man bedenkt, dass ich mir früher jeweils vorgestellt hatte, ich würde meinen Kindern jeden Tag Pfannkuchen oder Waffeln backen zum Frühstück, dann sind es noch ein paar mehr und ich fürchte, ich bin definitiv aus dem Rennen für den Titel „Beste Mama des Jahres“.

Okay, ich habe danach wieder Boden gut gemacht, als ich die Rolle des David übernahm im Kampf gegen Zoowärter-Goliath. Weil der Zoowärter noch nicht begriffen hat, dass in dieser Geschichte der Kleine der wirklich Grosse ist, überlässt er mir stets grosszügig die Heldenrolle und so kam ich in den Genuss eines bewundernden Publikums, als ich da in der Küche mutig meine imaginäre Schleuder über dem Kopf schwang. Das Prinzchen konnte von dem Schauspiel gar nicht genug bekommen und so flogen dem armen Goliath die imaginären Kieselsteine nur so um die Ohren. Wo doch jedes Kind – mit Ausnahme des Prinzchens – weiss, dass David schon beim ersten Mal getroffen hat. Eigentlich sollte ich mit diesem Auftritt meine Minuspunkte wieder kompensiert haben, aber ich fürchte, dass solche Qualitäten nicht gefragt sind, wenn es darum geht, zur „Besten Mama des Jahres“ gewählt zu werden.

Ach ja, ich habe mich übrigens gar nicht bei einem derartigen Wettbewerb angemeldet, aber ich bin mir sicher, dass er irgendwo auf diesem Planeten ausgetragen wird. Wenn nicht hier, dann ganz bestimmt in den USA.

P.S. Habe soeben noch einen draufgegeben: Während ich auf dem Trottoir mit einer anderen Mama, die etwas bei mir abliefert, über die besten Feierabend-Filme quatsche, verrichtet der Zoowärter oben sein grosses Geschäft und weil er vergessen hat, dass das Geschäft gross und nicht klein war, landet die Sache im Lavabo und der Zoowärter brüllt. Grossartig, wie ich meine Kinder im Griff habe, nicht wahr? Und nein, ich sage nicht, was die Freundin abgeliefert hat, sonst meinen alle, die ältere Kinder haben, sie dürften ihre Keller räumen und auch bei mir abliefern. Aber solche Sachen nehme ich nur von Freunden, die verstehen, dass auch eine Grossfamilie nicht unbegrenzten Bedarf hat….

Hach, wie romantisch!

Gärtnern ist pädagogisch äusserst wertvoll. Das weiss heute jeder, der mal einem Kind beim Wühlen in der Erde zugeschaut hat. Im Garten lernen die Kinder, wie aus fast nichts etwas Wunderbares, etwas Essbares, etwas Duftendes, etwas Buntes oder sonst irgend etwas werden kann. Ein wenig Erde, ein wenig Licht, ein wenig Wasser und schon kann man dem Wunder beim Wachsen zuschauen. Und weil das Wasser Gott sei Dank nicht jeden Tag von selber kommt, lernen die lieben Kinderlein auch gleich, dass man schön brav giessen muss, wenn man im Herbst ernten will. Dazu kommen noch die netten Nebeneffekte wie Zeit an der frischen Luft, Bewegung, helfen und was der erstrebenswerten Dinge sonst noch sind. Gärtnern ist für Eltern, die um das Gedeihen ihrer Kinder besorgt sind, praktisch Pflicht. Ausserdem gibt es wohl kaum einen idyllischeren Anblick als eine Mama und ein Papa, die in der Erde wühlen, während eine Schar kleinerer und grösserer Kinderlein mit Giesskännchen, Schäufelchen und Rechen an ihrer Seite werkeln. Hach, wie  herzerwärmend romantisch!

Nun, wie immer kriegen „Meiner“ und ich das mit der Idylle nicht so recht hin. Okay, unsere Kinder sind hübsch genug fürs Werbefoto – wessen Kinder sind das nicht? -, unser Garten lässt sich auch sehen und der strahlende Frühlingshimmel und die blühenden Bäume sorgen für die perfekte Kulisse. Nur das Harken-schwingende Prinzchen will nicht so recht ins Bild des trauten Familienglücks passen. Und der Zoowärter, der sich zum dritten Mal hinter die Salatsetzlinge macht und versucht, sie ratzekahl abzufressen. Wer braucht da noch Schnecken, wenn man einen Zoowärter hat, der dafür sorgt, dass die Salatköpfe putzig klein bleiben? Und wenn der Zoowärter endlich die Salatköpfe in Ruhe lässt, giesst er hingebungsvoll die Erdbeeren, die in ihrem Beet zu ertrinken drohen. Da wären auch noch Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat, die sich einen hitzigen Kampf mit vollen Giesskannen liefern und dafür sorgen, dass der Gang in den Keller, um neues Wasser zu holen, zu einer gefährlichen Rutschpartie wird. Schliesslich kommt noch Karlsson dazu, der zwar mit äusserster Sorgfalt die Pflänzchen pflegt, der aber ausrastet, kaum lässt man ihn wissen, dass die Pflanze, die er bearbeitet, jetzt bestimmt genug Liebe bekommen hat. Dass „Meiner“ und ich uns zwischen diversen pädagogisch nicht besonders ausgefeilten Erziehungspredigten eine hitzige Diskussion liefern, ob Rucola „einfach köstlich“ (ich) oder „abscheulich“ („Meiner“) sei, setzt dem Ganzen das Sahnehäubchen auf.

Eigentlich erstaunlich, dass uns allen das Gärtnern dennoch unglaublich viel Freude macht. Vielleicht liegt’s daran, dass wir gar nicht erst probieren, eine pädagogisch wertvolle Idylle zu schaffen, sondern dass wir auch im Garten ganz uns selber sind, Macken und Streitigkeiten inbegriffen. Wie, ob es mir nichts ausmacht, dass die Nachbarn alles mitbekommen? Nein, es macht mir nichts aus. Zumindest solange nicht, bis ihr Rasenmäher idyllischer lärmt als unsere Kinder sich streiten.