Sonderbar

Heute Nachmittag waren das Prinzchen und ich alleine zu Hause. Das Prinzchen im Bett und ich mit tausend Ideen im Kopf, wie ich meine drei freien Stunden verbringen könnte ohne nur eine Sekunde daran zu denken, dass da noch Wäsche aufzuhängen wäre, ein Schlafzimmer auf- und ein Geschirrspüler leerzuräumen ist. Ich könnte zum Beispiel meine Hausaufgaben für den Weiterbildungskurs machen und gleich einreichen. Oder ich könnte meinen unglaublich oberflächlichen Roman fertig lesen und danach bei Amazon nach tiefgründigerem Lesestoff stöbern. Ich könnte, wenn das Prinzchen erwacht, einen Spaziergang machen mit ihm. Oder ich könnte ein paar Zeilen schreiben. Vielleicht könnte ich auch von allem ein wenig tun. Drei freie Stunden sind ja eine halbe Ewigkeit, nicht wahr?

Ja, ich hätte ganz schön viel mit meinem freien Nachmittag anfangen können, wäre nicht plötzlich ein mir wildfremder Mensch mit seinen zwei Kindern vor der Haustüre gestanden. Ein Mensch, mit dem ich lediglich zwei Gemeinsamkeiten habe: Wir gehören zur gleichen Partei und sind gegen AKWs. Nun ja, immerhin zwei Gemeinsamkeiten. Aber genügt das, damit man mir ungefragt von politischen Ideen, Ehekrisen und Stress am Arbeitsplatz erzählen kann und mir damit den freien Nachmittag stiehlt? War ja alles ganz interessant, aber irgendwie auch sehr –  wie soll ich bloss sagen? – befremdlich vielleicht? Etwa so wie in einem Film, wo man sich fragt, wie der Regisseur auf diese hirnverbrannte Idee gekommen ist, ausgerechnet diese zwei Charaktere miteinander ins Gespräch zu bringen.

Manchmal ist das Leben doch einfach nur sonderbar. Spannend, ja, aber auch sehr sehr sonderbar…

Warum bloss?

Alles ist friedlich. Die Kinder spielen vergnügt, die Wohnung ist mehr oder weniger aufgeräumt und ich bin in bester Stimmung. Dann fällt die Tür hinter „Meinem“, Karlsson und Luise ins Schloss und ich freue mich auf einen ruhigen Tagesabschluss mit „nur“ drei Kindern. Keine fünf Minuten später heult das Prinzchen, auf dem Küchenfussboden breitet sich eine Lache aus Apfelsaft aus, die der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat aufzulecken versuchen. Und schon bin ich nicht mehr in bester Stimmung, sondern schreie herum, weil der Apfelsaft nicht mehr in der Flasche ist. Und weil ich – nennt mich ruhig konservativ – nicht will, dass meine Kinder Saft vom Boden auflecken. Und weil jetzt die ganze Idylle verflogen ist.

Nach einer Weile hat sich der Sturm wieder gelegt, die Apfelsaft-Lache ist beseitigt, die Kinder stecken im Bett. Und ich frage mich einmal mehr: Warum passieren solche Sachen immer nur dann, wenn es a) Freitagabend ist, b) „Meiner“ ausnahmsweise abends arbeiten muss und c) ich mich darüber gefreut habe, wie idyllisch unser Familienleben sein kann, wenn es denn nur will?

Warme Luft

Hat man mal ein paar Jahre ein Dasein als Hausfrau gefristet, verliert man ziemlich schnell den Draht zur Geschäftswelt. Hat man sich vor seinem Dasein als Hausfrau als Lokaljournalistin betätigt, dann hat man zwar ein breites Allgemeinwissen, aber einen Draht zur Geschäftswelt hat man gar nicht erst aufgebaut. Hat man vor dem Dasein als Hausfrau und vor dem Dasein als Lokaljournalistin dazu noch Geisteswissenschaften studiert, dann hat man von Tuten und Blasen keine Ahnung. Und dann schwirren grosse Fragezeichen um den Kopf, wenn man Sätze wie diese liest: „Ein weiterer Wissensbaustein sind die Anforderungen der Prozessschritte an eine softwaretechnische Umsetzung. Werden sie der Umsetzung angepasst, liegt eine Dokumentation der Programmabläufe vor“.

Es ist nicht etwa so, dass die Ex-(beinahe)Geisteswissenschafterin, Ex-Lokaljournalistin und derzeitige Hausfrau nicht die intellektuellen Kapazitäten hätte, solche Sätze zu verstehen. Aber sie hat sich in derart anderen Kreisen bewegt, dass in ihrem Gehirn keine Verknüpfungen zustande kommen zu irgend etwas, was sich in ihrer Realität abspielt. Und deswegen fühlt sie sich ganz und gar unfähig, den Lernstoff zu erfassen. Dennoch beschliesst sie, ihre Aufgaben gewissenhaft zu erledigen und greift hie und da, wenn nach Beispielen aus dem Berufsalltag gefragt wird, auf Begebenheiten zurück, die sich im Kinderzimmer, an der Vorstandssitzung irgend eines Vereins oder auf der Redaktion abgespielt haben. Und während sie die Frage beantwortet, denkt sie bei sich: „So banal! Ich mache mich ja vollkommen lächerlich, wenn ich das aufschreibe. Aber ich habe nun mal kein besseres Beispiel.“ Verschämt sendet  sie die Aufgabe ein und ist froh, dass sie das Gesicht des Dozenten nicht sehen kann, wenn er ihre Arbeit korrigiert.

Ein paar Tage später schaut sie auf dem Online-Campus nach, ob die Aufgabe schon korrigiert und bewertet ist. Und sie stellt mit Erstaunen fest, dass sie eine 6 bekommen hat. Eine 6, muss man wissen, ist in der Schweiz nicht die schlechteste, sondern die beste Note. Und deshalb dämmert es der Ex-(beinahe)Geisteswissenschafterin, der Ex-Lokaljournalistin und derzeitigen Hausfrau, dass ganz viel von dem, was da so hochgestochen und knochentrocken daherkommt, nichts weiter ist als in gewundene Sätze verpackte warme Luft.

Auch nicht komplizierter, als herauszufinden, wer von den fünf Kindern derjenige war, der die Badewanne mit Schokolade vollgeschmiert hat. Und nie und nimmer so kompliziert, wie einem brüllenden, zappelnden und tretenden Kind mit Durchfall die Windeln zu wechseln…

Ketzerisch

Als ich neulich meine Leserinnen und Leser an meinen Gedanken zur „Privatsache Kind“ teilhaben liess, warnte mich eine Freundin, dass ich mich auf gefährliches Terrain begeben würde, womit sie wohl Recht hatte. Heute nun begebe ich mich auf noch gefährlicheres Terrain, ja, ich riskiere gar, unter den Eltern als Ketzerin zu gelten. Ich stelle nämlich die Frage, ob es denn wirklich so wichtig sei, dass ein Kind immer esse, was auf den Tisch kommt. Ich bin neulich hin und wieder auf Ratschläge gestossen, die mir nun nicht mehr aus dem Kopf wollen. Ich lese von Müttern, die ihre Kinder hemmungslos anlügen, um sie dazu zu bringen, Gemüse zu essen. Ich sehe Fotos von belegten Brötchen mit Smiley-Gesichtern. Ich bekomme Tipps, wie dafür gesorgt werden kann, dass ein Kind, das Fleisch verabscheut, dennoch Fleisch isst. Jede Familie kämpft mit dem Problem, wie sie ihre Kinder dazu bringt, alles zu essen, was auf den Tisch kommt; viele sind gestresst wegen der Sache. Doch keiner fragt: Ist es das ganze Theater überhaupt Wert?

Versteht mich bitte nicht falsch. Ich finde ausgewogene Ernährung eine sehr wichtige Sache. Aber ist es denn wirklich ein Problem, wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat seine fünf Portionen Grünzeug am Tag in Form von zwei Äpfeln, einer Banane und zwei rohen Karotten zu sich nimmt, anstatt zu gekochtem Fenchel, gefüllten Peperoni und grünem Salat zu greifen? Ist es denn eine Tragödie, wenn Karlsson sich auch nach dem zwanzigsten Mal Probieren noch immer nicht dazu durchringen kann, Champignons zu mögen? Ich muss doch nicht jedes Mal mit dem Kind kämpfen, wenn das Zeug auf den Tisch kommt. Solange er Steinpilze, Pfifferlinge und Morcheln – die Morcheln natürlich am allerliebsten – isst, darf er doch ungeniert dazu stehen, dass er keine Champignons mag.

Als ich noch nicht lange Mutter war, machte ich mir einen grossen Stress aus der Sache mit dem Essen. Nicht, weil ich der Meinung war, dass man das müsse, sondern einfach darum, weil andere Familien einen grossen Stress daraus machten. Wenn bei Freunden die Regel galt, dass die Kinder alles essen mussten, was auf den Tisch kam, fühlte ich mich elend, weil ich nicht den Nerv hatte, das durchzuziehen. Wenn eine Familie darauf bestand, dass jedes Kind nur zwei Nahrungsmittel auswählen durfte, die es nicht essen muss, glaubte ich, dies auch tun zu müssen. Wenn Freunde mir sagten, dass ihre Kinder immer den Teller leer essen müssen, fühlte ich mich als Versagerin, weil ich es nicht schaffte, so konsequent zu sein.

Bis ich merkte, dass das alles gar nicht zu uns passt. Bis ich erkannte, dass das Ganze eigentlich ein Luxusproblem ist. Wie viele Menschen auf unserem Planeten können sich denn überhaupt Gedanken machen darüber, wie sie ihre Kinder dazu bringen sollen, aus der Fülle von Lebensmitteln, die ihnen zur Verfügung stehen,  von allem zu essen?  Und weil es ein Luxusproblem ist, habe ich für mich und meine Familie beschlossen, dass ich mir deswegen nicht weiter das Leben erschweren will. Und deshalb gelten bei uns nur noch diese fünf „Regeln“:

1. Der Überfluss, den wir haben, ist ein unglaubliches Privileg, als sei dankbar für das, was du essen darfst.
2. Es wird nicht gemotzt. Irgend jemand auf der Welt würde das, was ich nicht mag, mit Freuden essen. Und irgend jemand – meistens ich – hat sich viel Mühe gegeben, das Essen zuzubereiten. Also wird nicht herumgemäkelt.
3. Es wird von allem probiert, was aber nicht heisst, dass man auch alles ausessen muss. Man darf Dinge nicht mögen. Ich esse ja auch keine Fleisch.
4. Die Ernährung muss ausgewogen sein, doch wie diese Ausgewogenheit zustande kommt, ist mir eigentlich egal.
5. Essen ist eine wunderschöne Sache, also versaut mir nicht den Genuss!

Das Verrückte an der Sache ist: Je weniger Stress ich aus der Sache mache, umso experimentierfreudiger werden unsere Kinder. Und weil er nicht mehr unbedingt muss,  isst der FeuerwehrRitterRömerPirat inzwischen sogar Randensalat…

Konkurrenzkampf

Man sollte eigentlich davon ausgehen können, dass es zu Zeiten von GPS und Google Earth eine Lösung für das Problem gäbe. Doch noch immer grasen die Kinder einander gegenseitig das Revier ab, wenn sie von der Schule ausgesendet werden, um Spenden für wohltätige Organisationen einzutreiben. Bis anhin konnte mir das mehr oder weniger egal sein. Klar, es war zuweilen etwas entnervend, wenn an ein und demselben Tag drei oder vier Kindergruppen mit flehendem Blick vor unserer Haustüre standen und mir Schokoladentaler, Anstecknadeln und dergleichen zum Kauf anboten. Aber kinderliebend wie ich nun mal bin, habe ich klaglos allen etwas abgekauft.

Jetzt aber zieht mein eigener Sohn mit seinem besten Freund von Haus zu Haus und bietet in Indien gefertigte Holzvögel zum Kauf an. Und da bekomme ich natürlich hautnah mit, wenn andere sich erfrechen, an unserer Haustüre zu klingeln, wo diese doch ganz eindeutig zu Karlssons Revier gehört. Und tatsächlich: Beim ersten Klingeln stehen nicht die beiden Jungs vor der Türe sondern zwei Mädchen aus ihrer Klasse. Obschon ich natürlich weiss, dass sie die Konkurrenz meines Sohnes sind, lasse ich Luise einen Vogel von ihnen abkaufen. Karlsson braucht das ja nicht zu erfahren…

Abends aber höre ich, wie Karlsson sich bei Luise beschwert, die beiden Mädchen und zwei weitere Jungen hätten ihnen die Geschäfte gehörig vermiest. An einem Ort seien sie gar weggeschickt worden. Karlsson ist bitter enttäuscht und dies, obschon schon fast alle Vögel aus seiner Schachtel verkauft sind – Karlssons Geschwister haben grosszügigerweise tief in ihre Sparschweinchen gegriffen, als ihr grosser Bruder ihnen die bunten Vögel unter die Nase hielt – und das Portemonnaie vor lauter Geld und Süssigkeiten beinahe platzt. Karlsson findet es einfach hundsgemein, dass seine Klassenkameraden den Ortsplan nicht richtig lesen können. Luise will ihren Bruder trösten und sagt: „Mama und ich haben von den Mädchen nur einen Vogel abgekauft, von dir aber gleich drei.“ Worauf Karlsson in ein Wutgeheul ausbricht, weil seine eigene geliebte Familie ihm auf derart perfide Art in den Rücken gefallen ist. So eine Gemeinheit hätte er von uns nie und nimmer erwartet.

Zum Glück war ich gerade im Badezimmer eingeschlossen, als Karlsson von unserem Verrat erfuhr, sonst wäre er mir bestimmt an die Gurgel gesprungen. Und glaubt mir, ich bin so lange im Bad geblieben, bis Karlssons Zorn verraucht war…

Everlasting Love

Gestern

Name: Liebes Kissen
Gattung: Kuschelkissen
Alter: ca. 35 Jahre und 5 Monate
Name der Besitzerin: Mama
Neupreis: ca. Fr. 5
Heutiger Wert: für Mama: unbezahlbar, für alle anderen: „Wie? Braucht die Frau noch immer ein Schmusekissen?!“
Anzahl neue Bezüge: ca. 20
Mit Suchaktionen nach dem verlorenen Kissen verbrachte Zeit: aber aber, Mama verliert doch nie ihre Sachen… 😉
Bereiste Länder: Frankreich (ca. 6 mal), England (ca. 6 mal), Italien (ca. 4 mal), USA, Griechenland, Ungarn, Tschechische Republik (3 mal), Slowakei, Malta, Deutschland (ca. 4 mal) , Österreich (ca. 4 mal)
Anzahl anvertraute Geheimnisse: Unzählige
Aufenthalte in der Waschmaschine: Unzählige

Heute

Name: David
Gattung: Eisbär
Alter: 8 Jahre, 3 Monate und 20 Tage
Name des Besitzers: Karlsson
Neupreis: Fr. 58
Heutiger Wert: für Karlsson: unbezahlbar, für alle anderen: „Wann schmeisst du das Ding endlich weg? Oder soll ich versuchen, es zu reparieren?“
Anzahl Operationen: ca. 15
Mit Suchaktionen nach dem verlorenen David verbrachte Zeit: gefühlte 2 Jahre, in Wirklichkeit wahrscheinlich etwa 2 Tage
Bereiste Länder: England (2 mal), Frankreich (1 mal), Malta (1 mal), Italien (2 mal), Österreich (4 mal, einmal davon mit Spitalaufenthalt), Deutschland (3 mal), Tschechische Republik (1 mal)
Anzahl anvertraute Geheimnisse: Unzählige
Aufenthalte in der Waschmaschine: Unzählige, bis das Waschen für David irgendwann zu einer lebensgefährlichen Angelegenheit wurde


Name: Äli
Gattung: Schmusetuch mit Häschenkopf
Alter: ca. 6 Jahre und 9 Monate
Name der Besitzerin: Luise
Neupreis: ca. Fr. 20
Heutiger Wert: für Luise: unbezahlbar, für alle anderen: „Was um Himmels Willen soll das sein? Ein Vampir?“
Anzahl Operationen: ca. 15
Mit Suchaktionen nach dem verlorenen Äli verbrachte Zeit: gefühlte 100 Jahre, in Wirklichkeit wahrscheinlich etwa zehn Tage
Bereiste Länder: England (1 mal), Frankreich (1 mal), Malta (1 mal), Italien (1 mal), Österreich (4 mal), Deutschland (2 mal)
Anzahl anvertraute Geheimnisse: Unzählige
Aufenthalte in der Waschmaschine: Unzählige, bis das Waschen für Äli irgendwann zu einer lebensgefährlichen Angelegenheit wurde

Und morgen?

Name: Bä!
Gattung: Teddybär
Alter: 5 Monate und 7 Tage
Name des Besitzers: Prinzchen
Bereiste Länder: noch keine
Operationen, Waschgänge, Suchaktionen, anvertraute Geheimnisse: Noch keine, wobei man bei den Geheimnissen nie ganz sicher sein kann…

Konsequenzen

Heute sei der Internationale Tag der Frau, erinnerte mich eine E-Mail heute früh, als ich zum ersten Mal den Computer aufstartete. Ich solle doch meinen Freundinnen zu diesem besonderen Tag gratulieren. Nun, weil für mich –  und wohl die meisten Frauen auf diesem Planeten – heute ein Montag war wie jeder andere, habe ich das mit den Gratulationen bleiben lassen. Ich habe ja eigentlich noch immer nicht begriffen, wie dieser Gedenktag das Schicksal der Frauen ändern soll… Doch als pflichtbewusste Frau habe ich mir natürlich dennoch ein paar Gedanken gemacht zum heutigen Tag der Frau. Das gehört sich ja wohl, wenn man zwei X-Chromosomen hat, nicht wahr?

Früher habe ich darüber allerdings noch ganz anders gedacht. Mir steigt heute noch die Schamröte ins Gesicht, wenn ich mich daran erinnere, wie ich mich als Achtzehnjährige darüber echauffiert hatte, dass die Forderungen nach Bundesrätinnen immer lauter wurden. Mir ist es heute noch peinlich, dass ich allen Ernstes die Meinung vertreten hatte, die Frauen hätten in unserer Gesellschaft eigentlich genügend Rechte, es sei auf diesem Gebiet alles erreicht, was es zu erreichen gebe. Dass ich sogar ein paar Momente lang geglaubt hatte, wenn frau Kinder habe, gehöre sie in jedem Fall an den Herd, würde ich eigentlich lieber unerwähnt lassen…

Zu meiner Verteidigung muss ich anfügen, dass ich in ziemlich konservativen evangelikalen Kreisen gross geworden bin, wo man noch traditionelle Rollenbilder vorschrieb und wo Frauen, die ihren eigenen Weg suchten, rar waren. Dennoch finde ich es rückblickend bedenklich, wie ich damals gedankenlos Meinungen übernommen und mit Eifer vertreten habe. Nun könnte man einwenden, es sei ja vollkommen normal, dass Achtzehnjährige die Welt noch nicht sehr differenziert betrachten würden. Während ich diesem Einwand zustimmen kann, fällt es mir dennoch schwer, mir selber meine damalige Ignoranz zu verzeihen. Denn ich war nicht nur ignorant, ich glaubte damals auch, dass ich ein Thema, wenn ich mal eine Meinung dazu gefasst hatte, ad Acta legen könne. Und so konnten Gedanken, deren Präsenz ich mir gar nicht mehr bewusst war, ihre eigene Dynamik entwickeln und mich dazu treiben, eine traditionelle Frauenrolle zu übernehmen, obschon diese mir gar nicht entspricht. Und so trage ich heute noch die Konsequenzen meiner Gedankenlosigkeit von früher.

Deshalb ist der achte März, so gerne ich ihn ignorieren möchte,  für mich ein Tag, an dem ich mit meiner eigenen Geschichte konfrontiert werde. Mit einer Geschichte, die ich wohl mit ziemlich vielen Frauen aus unseren Breitengraden teile.

Peinlich…

Als wir vor bald zwei Jahren herausfanden, dass wir bald Eltern von fünf Kindern sein würden, sprach uns eine erfahrene Mutter von vielen Kindern mit folgenden Worten Mut zu: „Wisst ihr, was das Schöne ist, wenn man eine grosse Familie hat? Man wird nur noch von Menschen eingeladen, die einen wirklich lieben.“ Diese Aussage kommt mir immer wieder in den Sinn, wenn wir eingeladen werden, was erstaunlich oft geschieht. Ganz offensichtlich gibt es in unserem Umfeld viele Menschen, die uns lieben.

Manchmal jedoch habe ich das Gefühl, dass wir die Liebe unserer Mitmenschen etwas zu arg strapazieren. Heute Nachmittag zum Beispiel, als wir im Nachbardorf zu Kaffee und Kuchen eingeladen waren. Es fing damit an, dass Karlsson seinen Veloschlüssel nicht finden konnte, weshalb die ganze Meute zu spät kam. Wir wurden von unseren Gastgebern trotz unserer Verspätung freundlich ins Haus gebeten, wo sich unsere Kinder ihrer Jacken und Schuhe entledigten – und es sich herausstellte, dass Karlsson keine Socken trug. Barfuss bei minus fünf Grad, wo heute sogar ich Strümpfe trug! Ich hätte im Boden versinken können. Die Gastgeberin holte ohne mit der Wimper zu zucken ein paar Socken für Karlsson und ich hoffte, dass wir den Rest des Nachmittags ohne weitere Peinlichkeiten hinter uns bringen würden. Was anfangs auch mehr oder weniger der Fall war, wenn man mal davon absieht, dass sich Karlsson und Luise um die letzten Reste der Beeren zankten und  der FeuerwehrRitterRömerPirat in seine Zopf-Scheibe ein Loch bohrte und sie dann achtlos liegen liess.

Dann aber verkündete der Zoowärter, er müsse aufs Klo. Der Zoowärter aufs Klo? Hat er etwa ausgerechnet heute Nachmittag entschieden, dass er jetzt wirklich zu alt ist für Windeln? Leider nicht. Als die Gastgeberin ihn aufs WC begleitet, stellt sich heraus, dass seine Hose nass ist. Ob die Windel wohl undicht war, frage ich mich, als ich mich auch zum Badezimmer begebe. Aber nein, die Windel traf keine Schuld an dem Malheur. Denn die Windel lag bei uns zu Hause auf dem Fussboden und wartete artig darauf, bis der Zoowärter in sie schlüpfen würde. Der Zoowärter stand derweilen ohne Windel, lediglich mit einer tropfnassen Strumpfhose und einer tropfnassen Jeans bekleidet im Badezimmer unserer Gastgeber. „Meiner“ hatte in der Eile nicht bemerkt, dass das Kind gar keine Windel trug, als wir aus dem Haus gingen. Ersatzkleidung hatten wir natürlich auch nicht dabei. Aber immerhin Ersatzwindeln, in die wir das Kind stecken konnten.

Dann wurde es ruhiger. Die Kinder spielten mehr oder weniger friedlich  und wir unterhielten uns mit unseren Gastgebern. Schliesslich war es Zeit, nach Hause zu gehen. Wir räumten artig alle Spielsachen auf, die unsere Kinder über den Fussboden verteilt hatten, verabschiedeten uns und zum Dank für die nette Bewirtung streckte der FeuerwehrRitterRömerPirat dem Gastgeber die Zunge raus.

Was bin ich froh, dass unsere Gastgeber vor vielen Jahren auch mal kleine Kinder hatten….

Armes Wunderkind

Zuweilen trifft man auf Mütter, deren Kinder wahre Genies sind. Zum Beispiel bei der Ballettaufführung, wo die Mutter dir während der Pause mit vor Stolz geschwellter Brust erzählt, was für ein Naturtalent ihr Töchterlein doch sei. „Hast du gesehen, mit welcher Eleganz sie das macht?“, prahlt sie ungeniert und du denkst dir, dass jeder Elefant eleganter aussieht beim Ballet, aber natürlich nickst du nur freundlich und sagst nichts. Das Wunderkind steht daneben und sagt auch nichts.

Zwei Monate später hat die Primaballerina das Tutu gegen den Klavierstuhl eingetauscht. Das Kind muss unbedingt früher als alle anderen Klavierstunden nehmen, denn „es spielt Tag und Nacht Klavier und die Gotte hat auch bestätigt, dass das Kind so unglaublich viel Talent hat. Und die Gotte hat ja selber auch einmal zwei Jahre lang Klavier gespielt.“ Erzählt die Mutter, während das Kind schweigend  daneben steht. Und so  nimmt das Wunderkind jetzt Klavierstunden und hat natürlich keine Zeit mehr für Ballettunterricht.

Ein halbes Jahr später triffst du die ganze Familie Wunderkind auf dem Fussballplatz an: „Die Kleine hat einfach keine Ruhe mehr gegeben. Sie will unbedingt Fussball spielen. Und schau mal, wie schnell sie ist. Ich glaube, sie hat wirklich Talent.“ Wie immer, wenn von dem Wunderkind die Rede ist, nickst du höflich und verkneifst dir eine spitze Bemerkung. Auch diesmal nimmt das Wunderkind keine Stellung zu den Aussagen der Mutter. Es kann ja nicht, denn es muss dem Ball hinterher rennen, weil sonst die Mama enttäuscht ist.

Bald schon triffst du Familie Wunderkind beim Violinenunterricht wieder, weil „die Kleine einfach nicht mehr ohne eine Violine sein konnte. Und die Lehrerin will sie unbedingt behalten.“ Oder vielleicht auch bei einer Theateraufführung, wo das Wunderkind krampfhaft versucht, seine Rolle auszufüllen. Oder vielleicht auch wieder im Ballett, „weil sie es jetzt unbedingt noch einmal mit Ballett probieren wollte“. Irgendwann stellst du die schüchterne Frage, ob dem Wunderkind denn all dies nicht etwas zu viel werde, aber du erfährst, dass es ja ohnehin Klassenbeste ist und sich so fürchterlich langweilt, wenn es seine Talente nicht ausleben kann.

Dann verlierst du das Wunderkind für einige Zeit aus den Augen. Und wenn du es wieder triffst, fragst du es, wie es denn laufe mit dem Violinenunterricht. Worauf dich das Wunderkind traurig anschaut und sagt: „Ich musste aufhören. Weisst du, jetzt, wo ich in die vierte Klasse komme, muss ich so viel lernen, da habe ich einfach keine Zeit mehr für etwas anderes.“

Schon sonderbar: Jetzt, wo das Wunderkind zu einem gewöhnlichen Kind geworden ist, redet plötzlich das Kind. Und die Mutter schweigt.

Acht Sätze, die man nicht zu mir sagen sollte,…

… wenn man unter zwanzig Jahre alt ist und bei mir in Lohn und Brot steht:

1. „Ich habe heute Nacht nur sieben Stunden geschlafen. Ich bin soooooooo müde“  – Und ich habe heute nacht nur sieben Minuten geschlafen oder zumindest fühlt es sich so an, also hör auf zu jammern!

2. „Ich habe heute Nacht nur sieben Stunden geschlafen, weil ich bis vier Uhr morgens gechattet habe und mich meine Mutter schon um elf Uhr geweckt hat.“ – Ich habe heute Nacht auch bis vier Uhr morgens gechattet, mit meinem Prinzchen, das nicht schlafen wollte. Und morgens um sieben musste ich wieder aus den Federn. Und Mütter haben immer Recht, die dürfen einen wecken, wann immer sie Lust dazu haben!

3. „Schau mal, die ist soooooooooo fett. Die trägt Grösse 38. Echt!“ „Ich trage auch Grösse 38.“ „Ach, bei dir ist das etwas anderes. Du hast ja fünf Kinder geboren und da darf man alt und hässlich sein.“

4. „Deine Kinder waren heute unmöglich. Die haben mich so fürchterlich genervt.“ – Ja, meine Kinder sind manchmal nervig, und zwar furchtbar. Aber das darf nur ich sagen und vielleicht noch „Meiner“. Und sonst niemand! Verstanden?

5. (belehrender Unterton): „Ich habe dir das mal in Ordnung gebracht. Willst du das nicht immer so machen wie ich?“ – Nein, will ich nicht und wenn du noch so sehr Recht hättest! Irgendwo muss auch ich noch das Sagen haben, wo mir doch so schon alle auf der Nase herumtanzen.

6. „Iiiiih! Bei euch stinkt’s!“ – Danke, ich weiss, aber würdest du mir mal bitte dabei helfen, die zwei vollgekackten Kinder zu säubern?

7. „Heute Nachmittag verputze ich meinen ganzen Lohn für Kosmetik und neue Schuhe.“ – Das kannst du von mir aus machen, ist ja dein Geld. Aber reibe  bitte nicht mir unter die Nase, was du mit meinem sauer verdienten Geld machst.

8. „Schau mal, die bezahlen viel mehr Lohn als du.“ – Ich habe dir ja gesagt, dass du bei mir nicht fürstlich entlöhnt wirst. Aber immerhin hast du einen Lohn…

Das alles darf man getrost sagen. Zu jedem. Ausser zu mir!