Nicht mehr die gleiche Zielgruppe

Da „Meiner“ und ich fast auf den Tag genau gleich alt und schon mehr als das halbe Leben miteinander unterwegs sind, haben wir nicht nur viele entscheidende Schritte – Matura, Berufswahl, erwachsen werden, …- gemeinsam unternommen, wir gehörten offenbar auch über viele Jahre der gleichen Zielgruppe an. Die Banken bewarben sich um die Anlage unseres nicht vorhandenen Vermögens, die Versicherungen bemühten sich darum, Dinge, abzusichern, die sich in Wirklichkeit nicht absichern lassen, alle anderen führten uns in den schillerndsten Farben vor Augen, was wir für unser Glück und das Glück unserer Kinder so alles brauchen. Nur ganz selten einmal kam es vor, dass sie uns mit unterschiedlichen Strategien zu bezirzen versuchten und einmal bestand der Kerl, der uns ein „Weltwoche“-Abo aufschwatzen wollte, doch tatsächlich darauf, das „Nein“ aus dem Munde meines Herrn Gemahl zu vernehmen, ehe er von uns abliess, doch das erstaunt bei diesem Blatt ja nicht wirklich. Im Grossen und Ganzen aber hatten sie in ihren Bemühungen, uns das Geld aus dem Sack zu ziehen, uns gemeinsam im Visier.

Seitdem wir – natürlich wieder fast gleichzeitig – die Vierzig überschritten haben, fahren die Werber nun aber plötzlich getrennte Strategien. „Meiner“ ist jetzt offenbar in dem Alter angekommen, in dem man von Männern erwartet, sich um ihre Gesundheit zu sorgen. Fast täglich landen an ihn adressierte Gesundheitsbroschüren und Bettelbriefe, in denen er gebeten wird, doch bitte einen Beitrag zur Erforschung einer seltenen Krankheit zu leisten, im Briefkasten. Damit er auch ganz sicher etwas springen lässt, versucht man, ihn mit Lupen, Tischkalendern, Kugelschreibern und anderem Kram zu ködern. Mir hingegen wird gar nichts geschenkt, ich bekomme nur plötzlich haufenweise Kataloge, die von vorne bis hinten voll sind mit sündhaft teuren geblümten und gerüschten Dingen, mit denen ich mein trautes Heim auf meine alten Tage hin hübsch herrichten soll. Also nichts mehr mit gleicher Zielgruppe. Während er sich gefälligst um seine Gesundheit kümmern soll, wird es für mich Zeit, mir einen romantischen Mikrokosmos aufzubauen, in dem ich irgendwann mit dem pastellfarbenen Hintergrund verschmelzen würde, so ich denn  endlich einsichtig wäre und mich meinem hohen Alter entsprechend dezent pastellfarben kleiden würde. 

Ach ja, da ist noch so eine Sache, in der wir nicht mehr ganz gleich sind, „Meiner“ und ich. Während er zuweilen doch tatsächlich noch als „jung und gut aussehend“ bezeichnet wird, hat man mir heute – unter wortreichen Beteuerungen, ich sei natürlich noch längst nicht alt – eine Brille mit einer Vorstufe von Gleitsichtgläsern verkauft. 

IMG_8868

Überzuckert

„Kein Problem, das schaffen wir mit Links“, sagte ich, als die Kinderärztin meinte, wir sollten es beim Zoowärter mal ein paar Tage lang gänzlich ohne Frucht- und anderen zucker probieren. Dann gingen wir nach Hause und versuchten, das umzusetzen, was ich in der Arztpraxis so grossmäulig für kinderleicht erklärt hatte.

Das mit den Früchten war zwar niederschmetternd für den Zoowärter, der seine Äpfel, Birnen und Bananen über alles liebt, aber einfach umzusetzen. Das mit den Süssigkeiten auch, denn die kommen ja nicht täglich auf den Tisch. Zum ersten Mal leer schlucken musste er, als ich ihm erklärte, er müsse in den kommenden Tagen seine Milch ohne Kakao trinken und seine Filmjölk ohne Ahornsirup löffeln. Richtig traurig aber wurde er, als ihm bewusst wurde, dass auch Honig im Tee bis auf Weiteres Tabu ist. 

Bis zu diesem Punkt war die Angelegenheit zwar schmerzhaft, aber tatsächlich spielend leicht umsetzbar. Schwieriger wurde es, als wir uns auf die Suche machten nach dem versteckten Zucker, von dem man zwar stets redet, dessen Anwesenheit man aber gerne ignoriert. Seither kommt es zu solchen Szenen am Esstisch:

Zoowärter: „Karlsson, reichst du mir bitte den Schinken?“

Karlsson: „Moment, ich lese erst mal die Liste mit den Zutaten durch.“

Karlsson liest, während Zoowärter mit sehnsüchtigem Blick auf den Schinken starrt.

Karlsson: „Tut mir leid, da hat’s Zucker drin. Das darfst du nicht essen.“

Zoowärter versucht, nicht allzu traurig zu sein, Karlsson schimpft lautstark über den elenden Zucker, der seinem kleinen Bruder die Mahlzeit verdirbt.

Diese und ähnliche Szenen wiederholen sich mehrmals am Tag. Bei den Essiggurken. Beim Frischkäse. Bei den Maiskölbchen. Bei den Corn Flakes – und zwar die angeblich gesunde Sorte, nicht das klebrige Zeug, bei dem man den Kindern ebensogut Würfelzucker servieren könnte. Zucker, wohin man auch schaut und das in einem Haushalt, in dem mehrheitlich Hausgemachtes auf den Tisch kommt. Ich will mir gar nicht ausmalen, wie es wäre, wenn wir öfter auf Fertigprodukte zurückgreifen würden. 

Ich weiss gar nicht so recht, welchen Ausgang ich mir für diesen zuckerfrei-Versuch wünschen soll. Einerseits wäre ich natürlich froh, der Schuldige für Zoowärters Bauchschmerzen wäre endlich gefunden. Andererseits graut mir vor der Vorstellung, auf Dauer einen traurigen Feinschmecker am Esstisch zu haben.

IMG_8810

Verhinderte Sternstunde

Es hätte eine Sternstunde werden sollen. Einer jener heiligen Momente, wenn sich ein Musikinstrument das zu ihm passende Kind aussucht. Wie lange hatten wir uns darauf gefreut, das Prinzchen und ich. Bei ihm würde das noch wunderbarer werden als bei allen anderen, dachte ich. Er, der sich schon früh vom guten alten Johann Sebastian in den Schlaf hat wiegen lassen. Er, der eigentlich immer singt und sich schon als Zweijähriger in der Prager Metro so laut und melodiös in den Schlaf sang, dass sich alle Welt nach ihm umdrehte – vermutlich vor allem, weil der Gesang in den hallenden Gängen so klang, als sei da einer sturzbetrunken unterwegs. Er, der mit Feuereifer in die Klaviertasten greift. Er, der seit Jahren darauf hinfiebert, endlich auch ein Instrument zu lernen. Wunderbar würde das werden mit ihm bei der Instrumentenvorführung der Musikschule.

Dass es nicht ganz so wunderbar wie erwartet werden würde, zeichnete sich bereits Mitte Woche ab. Ein fieser Käfer streckte unseren Jüngsten nieder, weil er sich aber den Morgen mit den Musikinstrumenten auf gar keinen Fall entgehen lassen wollte, kam er gestern früh blass und mit zitternden Knien aus dem Bett gekrochen. In der Schule dann die grosse Enttäuschung: „Haben die nicht mehr Instrumente hier? Ich hab‘ gemeint, die hätten auch Alphorn, Tuba und Harfe“, meinte er traurig. (Später stellte sich dann heraus, dass er das mit Alphorn & Co. nur geträumt hatte, aber offenbar ausgesprochen lebhaft.) Gerade berauschend ist die Auswahl bei uns tatsächlich nicht, aber einem der Instrumente würde es bestimmt gelingen, Prinzchens Herz zu erobern, dachte ich. 

Aber der Junge war wahrlich nicht sonderlich in Stimmung, sich bezirzen und erobern zu lassen. Lustlos klimperte er am Klavier seine an Beethovens „Ode an die Freude“ angelehnte Eigenkreation, die er gewöhnlich mit viel Schwung in die Tasten haut, traurig entlockte er der Geige ein paar zittrige Töne, dann wollte er gar nichts mehr. Nur noch die Blockflöte hören, kurz bei der Klarinette vorbeischauen und dann trübselig hinter mir her trotten, weil ich unbedingt noch Zoowärters künftige Cellolehrerin kennen lernen wollte und noch schnell von der Klavierlehrerin in Erfahrung bringen musste, mit welcher Methode sie die Anfänger an die Musiknoten heranführt.

Peinlich war mir das, denn ich wusste genau, wie wir beiden aussahen, nämlich wie die übereifrige Mutter, die ihr unwilliges Kind zum Musikunterricht zwingen will, weil sie der festen Überzeugung ist, einem zukünftigen Weltstar das Leben geschenkt zu haben. Dass der Klarinettenlehrer glaubte, mir erklären zu müssen, nicht jedes Kind sei zum Musiker geboren, machte die Sache nicht besser. Im Gegenteil, ich liess mich dazu verleiten, ihm zu erklären, unser Jüngster liebe Musik über alles und bestätigte damit alles, was er schon gedacht hatte, als ich mit dem gelangweilten, hohlwangigen Prinzchen im Schlepptau ins Zimmer getreten war. 

Nun, irgendwann hatten wir alles gesehen, was unser Sohn an diesem Morgen zu sehen bereit war und um mich nicht länger dem Verdacht auszusetzen, ich wolle ihn zu etwas zwingen, was er nicht will, machten wir uns auf den Heimweg, ohne den magischen Moment, wenn Kind und Instrument sich finden, erlebt zu haben. „Was möchtest du denn nun lernen?“, fragte ich, als wir im Auto sassen. „Blockflöte“, antwortete das Prinzchen. „Und später vielleicht Klarinette.“

Blockflöte? Ausgerechnet das Prinzchen, der so liebend gerne mit viel Pedal und Getöse Klavier spielt? Jawohl, Blockflöte. Bei diesem Wunsch ist er bis heute geblieben, auch wenn er heute wieder fast ganz gesund und munter ist. Und weil er inzwischen erfahren hat, dass ich mich selber zehn Jahre lang mit dem Instrument abgemüht habe, liegt er mir jetzt bewundernd zu Füssen, wenn ich mit Mühe und Not ein fehlerfreies „Die Blümelein sie schlafen“ zustande bringe. 

Vielleicht sollten wir zusammen Unterricht nehmen. 

IMG_2051

 

Zoff mit der Glucke

„Wie geht es dir denn so?“, fragte mich neulich eine entfernte Bekannte und wie man eben sagt, wenn Menschen, die einem nicht besonders nahe stehen, antwortete ich: „Ganz gut, danke“ und obschon das sehr oberflächlich klingt, meinte ich es mehr oder weniger so, wie ich es sagte. Nach ein paar Minuten Smalltalk trennten sich unsere Wege, aber ich blieb nicht lange alleine, denn die Glucke gesellte sich zu mir.

Glucke: „Bist du von Sinnen? Du behauptest, dir gehe es gut, dabei sind doch da die Kinder…“

Ich (ungeduldig, denn ich hatte gerade absolut keine Lust auf die Glucke): „Die Bekannte hat nach meinem Befinden gefragt, nicht nach dem Befinden der Kinder.“

Glucke (verständnislos): „Und wo ist da der Unterschied? Geht es den Kindern gut, geht es dir auch gut, geht es den Kindern schlecht, geht es dir auch schlecht. Ist doch ganz einfach.“

Ich: „Na ja, oberflächlich betrachtet, hast du bestimmt recht. Die Sorge um die Kinder kann einen tatsächlich ganz schön in Beschlag nehmen. Bei genauerem Hinsehen, kann ich aber sagen, dass mein Leben momentan viel näher an dem dran ist, was ich schon immer angestrebt habe. Ich bin also ganz zufrie…“

Glucke (unterbricht mich empört, schreit beinahe): „Zufrieden? Wolltest du wirklich zufrieden sagen? Ist dir Zoowärters Bauchweh denn egal? Und Luises Kopfweh? Karlssons Prüfung? Die Sorgen des FeuerwehrRitterRömerPiraten? Prinzchens Grippe? Geht dir das alles am A… vorbei?“

Ich: „Himmel, nein, natürlich ist mir das alles nicht egal und es beschert mir auch mehr als genug schlaflose Nächte, aber die Frage lautete nicht, wie es den Kindern geht, es ging ausnahmsweise mal um mein Befinden und das ist momentan eigentlich ganz gut. Mal abgesehen davon, dass mein Schreiben unter den aktuellen Umständen leidet und ich manchmal ziemlich gestresst bin wegen der vielen Arzttermine…“

Glucke: „Mir wird gleich schlecht vor so viel Egoismus. Die jammert doch tatsächlich über Arzttermine und mangelnde Zeit, um sich selbst zu hätscheln. Und dann klagt sie auch noch, die Leute würden zu wenig nach ihr fragen.“

Ich: „Wann, bitte sehr, habe ich mich beklagt, die Leute würden zu wenig nach mir fragen?“

Glucke: „Na, gerade eben. Dieses ‚ausnahmsweise‘, das du da eingeschoben hast, hat Bände gesprochen. Du möchtest also lieber gefragt werden, wie denn das Befinden der verwöhnten Prinzessin sei, die wegen ihrer Brut vom Schreiben abgehalten wird?“

Ich: „Nun hör schon auf, mir Dinge in den Mund zu legen, die ich so nicht gesagt habe. Dieses ‚ausnahmsweise‘ sollte nur darauf hinweisen, dass ich derzeit sehr viel Zeit damit verbringe, mit anderen Leuten über die Sorgen meiner Kinder zu sprechen. Manchmal muss ich da einfach wieder etwas Abstand gewinnen, um dankbar sagen zu können, dass das Leben trotz aller Schwierigkeiten, die wir derzeit zu meistern haben, eigentlich ganz gut ist. Man wird ja wohl noch differenzieren dürfen, ohne gleich als Rabenmutter abgestempelt zu werden.“

Glucke (mit Tränen in den Augen): „Differenzieren? Wenn dein eigen Fleisch und Blut schwierige Zeiten durchmacht, wird nicht differenziert, dann wird gefälligst mitgelitten und zwar so, dass du, wenn du nach deinem Befinden gefragt wirst, nur noch in Tränen ausbrechen kannst. So macht man das, wenn man ein Herz in seiner Brust hat.“

An diesem Punkt wurde mir einmal mehr bewusst, wie unmöglich es ist, mit der Glucke ein halbwegs vernünftiges Gespräch zu führen. Ich liess sie links liegen, wandte mich dem Zoowärter zu und fragte: „Wie geht es dir denn heute?“ „Meinem Bauch überhaupt nicht gut“, antwortete er, „aber ich könnte platzen vor Freude, wenn ich daran denke, dass mich morgen mein bester Freund besuchen kommt.“

Da siehst du mal, meine liebe Glucke, wie gut das geht mit dem Differenzieren…

IMG_6590

Leute, wo Deutsch können

Manchmal, wenn mich mein Alltag nervt und keine Möglichkeit besteht, ihm zu entfliehen, lasse ich mich auf die zahlreichen Umfrage-Anfragen ein, die in meinem Postfach landen. Meistens ist das ja eine ziemlich öde Sache, aber heute haben die es doch tatsächlich geschafft, nicht nur mich, sondern meine halbe Familie zum Lachen zu bringen. Wie so etwas geht? Mit solchen Aussagen, die zu bewerten waren:

„Für uns gibt es heutzutage wenig Chancen, es zu ‚öppis‘ zu bringen.“

„Die Schnelllebigkeit, wo mit den Computern, Handys und Internet gekommen ist, lehne ich ab.“

„Ich gehöre zu den Menschen, wo im Leben immer wieder gerne etwas völlig Neues ausprobieren.“

„Bevor man sich bei der Arbeit herumkommandieren lässt, lebt man lieber von der Arbeitslosenunterstützung.“

„Ich habe grosses Verständnis für Leute, wo nur machen, wo sie gerade Lust darauf haben.“

Nach dem Ausfüllen dieser Umfrage kann ich nur noch sagen: Wenn die Marktforschungsinstitute mehr Leute einstellen würden, wo so gut Deutsch können, hätte ich viel häufiger ‚öppis“ zum Lachen.

IMG_0411

 

Fast schon wie früher

Kurz nach Mittag, Mama Venditti sitzt am halb abgeräumten Esstisch und denkt halblaut nach: „Hmmm, mal überlegen…was steht heute Nachmittag alles an? Zuerst müsste ich…“

Der Zoowärter kommt angehumpelt (Sein Bauch schmerzt noch immer.): „Mama, machst du mir einen Tee?“

Mama Venditti geht in die Küche, um Teewasser aufzusetzen und murmelt: „Okay, erst mal Tee kochen und dann…“

Wenig später sitzt das Kind mit dem Tee auf dem Sofa, Mama wendet sich wieder ihren Tagesplänen zu: „Also, zuerst müsste ich schnell in den Garten, bevor der Regen…“

Weiter kommt sie nicht, denn jetzt steht Luise da: „Mama, wo ist mein Französischbuch?“

Mama: „Ich weiss nicht, aber du musst jetzt doch nicht lernen, wenn du krank geschrieben bist.“

Mama und Tochter diskutieren eine Weile, Tochter zieht sich ins Zimmer zurück, Mama versucht, ihren Gedankenfaden wieder aufzunehmen: „Zuerst also in den Garten und dann…“

Karlsson ruft: „Mama, kann ich den Laptop nehmen?“ 

Karlsson? Müsste der nicht längst in der Schule sein? Ach nein, der darf ja für seine Projektarbeit zu Hause arbeiten. Mama holt den Laptop, Sohn richtet sich ein, Mama mag jetzt nicht mehr länger überlegen und geht in den Garten, bevor der Regen kommt.

Das Fenster des Esszimmers geht auf, Karlsson schaut raus: „Mama, der Computer spinnt. Kommst du kurz hoch?“

Mama lässt die Akeleien, die eingepflanzt werden möchten, achtlos liegen und geht seufzend die Treppe hoch. Der Computer spinnt tatsächlich und fordert ziemlich viel Aufmerksamkeit, bis er sich wieder eingekriegt hat.

Mama geht zurück zu ihren Akeleien, Augenblicke später geht das Fenster wieder auf. Der Zoowärter: „Mama, mir ist sooooooo langweilig…“

Mama: „Moment, ich komme gleich hoch.“ Hastig buddelt sie die restlichen Akeleien, den Eisenhut und den Rittersporn in die Erde und geht wieder hoch, um sich des Unterhaltungswunsches ihres Sohnes anzunehmen. Bevor sie dazu kommt, muss aber noch einmal eine Computerfrage von Karlsson geklärt werden und Luise, die nun trotzdem Hausaufgaben macht, braucht ebenfalls Hilfe. Dann endlich schreibt sie eine Nachricht an die Mutter von Zoowärters Freund, um einen Besuch zu arrangieren, damit das Kind ein paar Stunden mit Brettspielen von den Bauchschmerzen abgelenkt wird.

Einen Moment lang ist alles ruhig, Mama Venditti fängt wieder an zu überlegen: „Okay, der Garten ist für heute erledigt. Dann wäre da noch der Brotteig…“

Viel weiter kommt sie nicht, denn schon wieder steht da jemand, der etwas braucht und dann schon wieder und dann schon wieder und dann schon wieder, bis irgendwann der Nachmittag um ist und Mama Venditti erkennt, dass das Stundenplanwunder bis auf Weiteres ausser Kraft gesetzt ist. 

IMG_8780

 

 

Sahnehäubchen

Es gab eine Zeit in meinem Leben, da war Genuss ein rares Gut. Ich war buchstäblich rund um die Uhr gefordert, sehr oft auch körperlich. Ein Bad zu nehmen, ungestört ein Tässchen Tee zu geniessen oder einen ganzen Film am Stück zu schauen, war purer Luxus. Während dieser Zeit bedeuten fünfzehn ungestörte Minuten mit einem liebevoll angerichteten Dessert, einem Latte Macchiato und einer Duftkerze die Welt. Wer mir eine wirklich grosse Freude bereiten wollte, schenkte mir nicht nur eine Badekugel von Lush, sondern gleich noch einen dicken Schmöker und eine Stunde kinderfrei dazu. Alles Liebliche zog mich magisch an, denn um mich herum herrschte fast immer das Chaos. Wann immer ich ein paar Franken übrig hatte, schleppte ich Rosarotes und Geblümtes an, um meinem Leben einen freundlicheren Anstrich zu verleihen. 

Inzwischen ist mein Leben nicht unbedingt weniger herausfordernd, doch die Dinge, die vor ein paar Jahren noch mein Herz hatten höher schlagen lassen, sind selbstverständlicher geworden. Wenn ich finde, ich hätte mal wieder etwas Entspannung nötig, lässt sich das meist einrichten und falls es doch mal nicht klappen sollte, ist das zwar ärgerlich, ein Vollbad im Selbstmitleid nehme ich deswegen aber nicht. Mein Bedürfnis nach Ruhe und Erholung hat also wieder halbwegs normale Ausmasse angenommen. Wenn es um meine eigene Zeit geht, steht nicht mehr der Wunsch nach Entspannung im Vordergrund, sondern der unbändige Drang, zumindest einen Teil der Ideen, die in meinem Kopf schlummern, zum Leben zu erwecken. 

Mit einem gewissen Befremden registriere ich jetzt den ganzen „Gönn dir was“-Kult, der sich in den letzten Jahren ausgebreitet hat. Die Regale in den Läden, die vollgestopft sind mit wunderschönen, aber eigentlich unnützen Dingen, das Tamtam das gemacht wird um die perfekte Kaffeepause im perfekten Ambiente, der Aufwand, der betrieben wird, um es sich selber gut gehen zu lassen. Klar haben wir es uns verdient, nach den anstrengenden Kleinkinderjahren ein wenig auszuspannen und die Ruhezeiten, die wir verpasst haben, nachzuholen. Natürlich tut es gut, hin und wieder die Füsse hochzulegen, über das Leben nachzudenken und die schönen Dinge zu geniessen. Es ist sogar nötig, das hin und wieder zu tun, sonst verrennt man sich so leicht. Manchmal aber scheint mir, wir Mütter zwischen vierzig und sechzig seien drauf und dran, uns das, was eigentlich das Sahnehäubchen sein sollte, zum Lebensinhalt zu machen.

IMG_8788

 

Vollmundig

Schachklub kommt dann mal gar nicht in Frage für ihre Kinder. Und Fussball auch nicht. Na ja, ganz verbieten würden sie Fussball nicht, aber die Ausrüstung müsste der Nachwuchs selber bezahlen und natürlich würden die Eltern nicht ein einziges Mal zu den Spielen gehen. Damit muss man leben, wenn man sich für so eine Sportart entscheidet. Ein sportbegeistertes Kind wäre ja ohnehin eine Strafe für die Eltern. Eines, das Volksmusik mag übrigens auch. Falls sich die Knöpfe weigern, Blumenkohl zu essen, wird kurzer Prozess gemacht: Mund auf, Blumenkohl rein, Mund wieder zu. Beim Essen wird man dann ohnehin mal genau hinschauen müssen. Wählerisch dürfen sie nicht sein, die lieben Kleinen. Immer nur wie die Barbaren Pommes und Chicken Nuggets in sich reinstopfen geht gar nicht. Und dann diese Vergnügungsparks. Reine Zeit- und Geldverschwendung. 

Dies und noch viel mehr verkünden unsere Kinder vollmundig. Jawohl, genau die Kinder, die ihre alternativ angehauchten Eltern dazu gebracht haben,…

  • mit ihnen zu McDonald’s zu gehen, obschon „Meiner“ und ich in Vorkinderzeiten ähnlich vollmundig behauptet hatten, dorthin würden wir N-I-E gehen.
  • Ferien in kleinkarierten Kinderhotels zu verbringen (Immerhin war ich standhaft genug, um nicht bei dieser schrecklich peinlichen Polonaise mitzumachen, während „Meiner“ nicht den Mumm hatte, sich quer zu stellen, aber das ist ja auch kein Wunder, wo er doch als Kind schon immer zu solchen Dingen gezwungen wurde.)
  • am Schüler-Fussballturnier frierend am Spielfeldrand zu stehen und zu hoffen, dass die Mannschaft nicht noch eine Runde weiter kommt, damit endlich Schluss ist mit diesem Mist.
  • sich durch den Europa-Park zu quälen. (Also zumindest die Mama, der Papa hat sich bis anhin erfolgreich vor dieser Tortur gedrückt.)
  • Dosen-Ravioli zu kaufen, was Gott sei Dank nur einmal vorgekommen ist, da keiner das Zeug mochte.
  • viel Geld für Barbies, Minions, Transformers und anderen Kram liegen zu lassen, weil man Weihnachts- und Geburtstagswünsche halt einfach erfüllen muss. (Na ja, unsere Kinder würden natürlich behaupten, sie würden sich rundheraus weigern, solches Zeug zu verschenken, aber die haben ja keine Ahnung…)
  • Toast Hawaii zum Mittagessen zu servieren.
  • an einem regnerischen Samstag ins Shopping Center zu fahren.
  • Pullis mit „Bob der Baumeister“-Aufdruck zu kaufen.
  • bei offenem Fenster „Mir Senne heis luschtig“ vorzusingen.
  • Milchschnitten zu kaufen. (Na ja, immerhin habe ich sie nicht selber in den Einkaufswagen gelegt, sondern nur müde genickt und „Von mir aus, aber nur dieses eine Mal“ geseufzt.)
  • sich an unzähligen Orten im Schneckentempo mit diesen dämlichen Eisenbahnen herumkarren zu lassen und jedes Mal wie irr zu winken, wenn der „Zug“ bei Papa, der den Kinderwagen hüten musste, vorbeituckerte.
  • so zu tun, als würden wir bei dem Affentheater an Kinderkonzerten begeistert mitmachen, obschon man sich bis ins Innerste für den Hampelmann auf der Bühne fremdschämte.
  • nach dem Konzert eine halbe Stunde beim Hampelmann für ein Autogramm anzustehen.

und noch ganz viele andere schreckliche Dinge, die wir nie im Leben hatten tun wollen, die wir dann aber doch getan haben, weil Eltern so blöd sind, fast jeden Preis zu zahlen, um ihre Kinder glücklich zu machen. 

Sie werden dann ja sehen, wie das läuft. Und ich werde ihnen dann genüsslich diesen Text vorlesen.

IMG_8794

Warum überhaupt?

„Warum willst du überhaupt eine Diagnose?“, fragte neulich jemand, als wir darauf zu reden kamen, dass beim FeuerwehrRitterRömerPiraten einige Dinge anders sind als bei anderen Kindern. „Er ist halt einfach der FeuerwehrRitterRömerPirat mit all seinen liebenswerten und auch einigen schwierigen Seiten. Nehmt ihn doch einfach, wie er ist und verzichtet auf die Abklärungen“, meinte die Person und ich hätte ihr nur zu gerne beigepflichtet.

Eigentlich hat sie ja recht. Wozu soll so ein Etikett gut sein, das man dem Kind anheftet? Sind die Menschen denn nicht in der Lage, ein Kind einfach so zu nehmen, wie es nun mal ist? Mit ihm unterwegs zu sein und ihm zu helfen, die wunderbaren Dinge, die in ihm drin stecken, zu Tage zu befördern? Die Geduld aufzubringen, mit ihm manches, was bei anderen mit zunehmendem Alter ganz von selbst kommt, Schritt für Schritt zu erlernen?

 Nein, das sind sie ganz offensichtlich nicht, oder zumindest lässt das System ihnen nur sehr wenig Spielraum, diese Geduld aufzubringen. Ein Kind hat gefälligst so zu funktionieren, wie die Mehrheit der Kinder in einem bestimmten Alter funktioniert und wenn es das nicht tut, unterstellt man ihm schnell einmal Unwilligkeit. Alle seine Fähigkeiten und liebenswerten Eigenschaften spielen plötzlich keine Rolle mehr, es ist nur noch das Kind, das nicht liefert, was man glaubt, von ihm erwarten zu können.

Wie schwierig es ist, für ein solches Kind nur schon ein Minimum an Unterstützung zu bekommen, habe ich an anderer Stelle schon zur Genüge beschrieben. Erweist sich dann aber das Minimum, das man dem Kind irgendwann doch noch zugestanden hat, als zu wenig, läuft ohne präzise Diagnose überhaupt nichts mehr. Also hast du die Wahl: Entweder, du lässt die Experten an dein Kind heran, die herausfinden, wo der Grund für die Schwierigkeiten liegt, oder du lässt dein Kind untergehen. (Ja, ich weiss, einige würden jetzt für Homeschooling plädieren, aber aus Gründen, die nicht hierher gehören, geht das im Falle des FeuerwehrRitterRömerPiraten nicht.)

Mit etwas Glück gerätst du nach langer Suche endlich an eine kompetente Fachperson, die das Kind nimmt, wie es ist, mit all seinen Schwächen und Stärken. Diese Fachperson darf dann, wenn Sie herausgefunden hat, wo der Hase im Pfeffer liegt, mit der Diagnose in der Hand für die nötige Unterstützung kämpfen. Sogar dann, wenn sich – wie Gott sei Dank in unserem Fall – die Schule nach ihren Erläuterungen willig zeigt, dem Kind zu geben, was es braucht, muss das noch lange nichts heissen. Das letzte Wort hat nämlich die Bildungspolitik und die hat ja trotz verankertem Recht auf Bildung in erster Linie die Finanzen im Blick. Die Diagnose ist also noch lange keine Garantie auf echte Unterstützung – vielleicht weicht sie ja einen halben Millimeter von dem ab, was noch durchgeht -, aber immerhin öffnet sie dir die Tür einen Spalt breit, damit wieder ein Schimmer Hoffnung auf das trübe Szenario von Versagensängsten, Überforderung und Schulfrust scheint. 

Und weil der FeuerwehrRitterRömerPirat diesen Hoffnungsschimmer ganz dringend braucht, sind wir ganz froh, nach vielen unnötigen Umwegen endlich eine Diagnose zu haben (die übrigens das bestätigt, was wir beobachtet haben und jetzt hat das Kind auch einen Namen bekommen).

IMG_2015.jpg

Politisiert

Zufrieden? Na ja, ein weiteres Loch im Gotthard hätte es meiner Meinung nach nicht gebraucht und ich gehöre auch zu der Minderheit, die findet, mit Essen dürfe man nicht spielen, aber davon abgesehen erlebe ich heute den ersten glücklichen Abstimmungssonntag seit Jahren. Nicht nur wegen dem, was man jetzt in sämtlichen Medien im In- und Ausland lesen kann – weshalb ich es an dieser Stelle nicht zu wiederholen brauche -, sondern auch, weil „Meiner“ und ich jetzt nicht mehr die einzigen sind, die am Familientisch über Politik diskutieren. Gut, Politik war schon immer ein Thema bei uns, und die ältesten unserer Kinder erinnern sich noch lebhaft an meinen Luftsprung, als der Milliardär aus Herrliberg aus dem Bundesrat abgewählt wurde, doch bis jetzt verliefen die politischen Gespräche eher so:

Kinder: „Ist das ein Guter oder ein Böser?“

„Meiner“: „Ein Böser.“

Kinder: „Warum?“

Ich: „Weil der bei der letzen Abstimmung…“

Inzwischen aber ist Karlsson gross genug, um sich seine eigenen Gedanken zu machen, kluge Beobachtungen anzustellen und herausfordernde Fragen zu stellen. Luise kann zwar noch immer nicht ganz nachvollziehen, warum wir dem Thema so viel Beachtung schenken, aber auch sie fängt an zu begreifen, dass das alles auch etwas mit ihrem Leben zu tun hat. Beim FeuerwehrRitterRömerPiraten könnte man glauben, er verstehe von der Sache noch überhaupt nichts, fangen seine Augen doch jedes Mal, wenn im politischen Zusammenhang das Wort „Kampf“ fällt, gefährlich an zu leuchten, doch kurz darauf stellt er wieder Verständnisfragen, die es in sich haben. Man darf also gespannt sein, wie sich das in den kommenden Jahren entwickelt.

Ich hoffe einfach, „Meinem“ und mir ist es gelungen, eine gute Basis zu legen, damit sie in ein paar Jahren, wenn sie abstimmen und wählen dürfen, auch das Gleiche auf ihre Zettel schreiben wie wir. 

IMG_0536