Prinzchen goes pacifist

„Byte keynen Krieg“ – so lautet Prinzchens Antikriegsbotschaft, wenn man merkt, dass man von links unten nach links oben lesen muss und die zwei letzten Buchstaben zu interpretieren weiss. Ich würde sagen, unser Jüngster ist auf gutem Wege, die hoffentlich eines Tages wieder erwachende Friedensbewegung kreativ zu bereichern. Und nein, ich habe ihm das nicht diktiert, er hat bloss meine alten „Geo Epoche“ in die Finger gekriegt und der Fall war für ihn klar: Nie wieder Krieg!

Bitte entschuldige, mein Kind

In meinem Leben gibt es einen einzigen Erziehungsgrundsatz, den ich – wenn ich mich recht erinnere und nicht die absoluten Tiefstpunkte ausblende – von Anfang an bis heute konsequent durchziehe. Es ist der Grundsatz, der da lautet: Entschuldige dich bei deinem Kind, wenn du Mist gebaut hast und mach dir das zur Gewohnheit, bevor du fürchten musst, dein Gesicht zu verlieren, wenn du endlich damit anfängst. Noch vor Karlssons Geburt fasste ich diesen Entschluss, denn als impulsiver und ziemlich launenhafter Mensch ahnte ich, dass ich wohl das eine oder andere Mal meinen hohen Idealen der Kindererziehung untreu werden könnte. (Das war lange bevor ich wusste, wie gewieft so ein kleiner Mensch die richten Knöpfe bei mir drücken kann, um meine Impulsivität und Launenhaftigkeit zu ihrer vollen Entfaltung zu bringen.)

So sass ich dann also – lange bevor der kleine Mensch der schweizerdeutschen Sprache mächtig war – jeweils abends an seinem Bettchen und sagte Dinge wie: “ Es tut mir leid, dass ich vorhin so laut geworden bin, als du so lange geschrien hast. Ich weiss, du kannst nicht anders, aber ich sollte anders können. Nur gelingt es mir leider nicht immer, wenn ich übermüdet bin.“ Glaubt mir, manchmal fühlte ich mich ziemlich doof, einem zahnlos lächelnden Baby ein Geständnis abzulegen, aber ich zog das durch, auch als weitere Kinder hinzukamen und auch als die Kinder anfingen, aktiv und bewusst zu den Alltagskrisen beizutragen. Meine Entschuldigungsreden lauteten dann etwa so: „Hört mal, dass ich euch vorhin angebrüllt und auf eure Zimmer geschickt habe, war ungerecht. Klar, ihr wart laut, aber ihr habt nichts Falsches gemacht. Ich bin heute furchtbar schlecht drauf und habe das an euch ausgelassen. Bitte verzeiht mir.“ Zuweilen meldete sich in solchen Momenten eine leise Stimme zu Wort, die flüsterte: „Versagermama! Erst baust du Mist und dann machst du dich auch noch vor deinen Kindern  zur Schnecke“, aber ich habe gelernt, dieser Stimme nicht allzu viel Gehör zu schenken, weil sie in meinen Augen schlicht Unrecht hat. 

Warum mir das mit dem Entschuldigen so wichtig ist? Nun, zum einen, weil bei uns Fehler erlaubt sein sollen. Dann auch, weil ich der Meinung bin, Kinder sollten nicht Schuld auf sich nehmen müssen, die nicht die Ihre ist. Kinder neigen ja bekanntlich dazu, sich für Dinge verantwortlich zu fühlen, die ein anderer verbockt hat und darum finde ich es wichtig, klar und deutlich zu meinem Versagen zu stehen. (Dafür nehme ich mir auch die Freiheit heraus, klar und deutlich mit ihnen zu reden, wenn sie Mist gebaut haben, den sie mir in die Schuhe schieben wollen.) Zudem sollen sich unsere Kinder nicht rechthaberischen, unnachgiebigen Eltern ausgeliefert sehen, die nie zu ihren eigenen Fehlern stehen. Wie schmerzhaft es sein kann, wenn empfundenes Unrecht von Eltern beschönigt und gerecht geredet wird, habe ich in meiner Schwiegerfamilie mehr als genug erlebt. Schliesslich hoffte ich insgeheim natürlich auch, unseren Kindern würde ein „Tut mir leid, das habe ich verbockt“ leichter über die Lippen kommen, wenn ich mit gutem Beispiel vorangehe.

Es hat ein wenig gedauert, bis diese Hoffnung in Erfüllung gegangen ist, doch neulich bekam ich doch tatsächlich das Geständnis „Das war ich, Mama. Es tut mir leid. Kann ich es wieder in Ordnung bringen?“ zu hören, als „der andere“ mal wieder sein Unwesen getrieben hatte. Karlsson ist inzwischen gar richtig gut darin, sich bei uns zu entschuldigen, wenn er  – ganz nach der Art seiner Mama – wegen einer Kleinigkeit ausgerastet ist. Dass er inzwischen auch auswärts auf die üblichen Teenager-Ausreden* verzichtet und seiner Lehrerin unumwunden gesteht, er habe bei einer grösseren Arbeit Zeit vertrödelt und sei deshalb ins Hintertreffen geraten, erfüllt mich insgeheim mit Stolz. (Na ja, ich habe ihm zwar nahegelegt, doch immerhin das Wenige, das er bereits geleistet hat, vorzuweisen, damit die Lehrerin nicht denkt, er hätte gar nichts gemacht aber Karlsson fand, das sei unehrlich.) 

Sieht also fast danach aus, als beginne mein einziger konsequent durchgezogener Erziehungsgrundsatz erste Früchte zu tragen. Allzu laut jubeln darf ich aber noch nicht, denn der härteste Brocken liegt noch vor mir. Prinzchen ist nämlich so perfektionistisch veranlagt, dass er sich selber nicht mal Rechtschreibfehler verzeiht und dies, bevor er offiziell lesen und schreiben können muss. Könnte also ein wenig dauern, bis er sich sich selber Fehler zugesteht und noch eine Weile länger, bis er auch den Mut aufbringt, dazu zu stehen. 

* Zum Beispiel: „Mir ist die blaue Tinte ausgegangen, weil mein Hamster alle Patronen angefressen hat und ich konnte keine Ersatzpatronen kaufen, weil meine Mutter zum Mittagessen so mies gekocht hat, dass ich ganz geschwächt war und keine Kraft hatte, mich aufs Velo zu schwingen.“

prettyvenditti.jetzt

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Lesegebrumm

Für eine neue Artikelserie wälze ich derzeit Erziehungsratgeber. Na ja, so richtige Ratgeber sind es nicht, mehr so Bücher, die einem ans Herz legen, eine enge Bindung zum Kind aufzubauen, anstatt starre Programme durchziehen zu wollen. Bücher also, die mir in vielerlei Hinsicht aus dem Herzen sprechen. Und doch rege ich mich zuweilen gewaltig auf bei der Lektüre. 

Zum Beispiel, wenn eine gut situierte Autorin wortreich beteuert, dieser Erziehungsstil sei nicht nur für Gutbetuchte und zwei Abschnitte weiter unten sagt sie, ihr Mann hätte seinen gut bezahlten Job sausen lassen um sich ganz den Kindern zu widmen, weil sie ja genug verdient, um die Familie alleine zu ernähren. Ich lese, überlege kurz, wie unser Kontostand damit fertig würde, wenn einer von uns beiden nur noch für die Familie da wäre und brumme „Nicht nur für Gutbetuchte, genau!“

Oder wenn mehrere Autoren dieser Sparte dafür plädieren, das Baby auch nur mal zum Nuckeln an die Brust zu legen, weil das so viel besser sei als jeder Nuggi. Ich brumme schon wieder: „Schön und gut, aber was ist mit Frauen, die wie ich damals schon ohne dauerndes Anlegen beinahe in der Milch ersaufen und deshalb pausenlos auf der Hut sein müssen vor der nächsten Brustentzündung?“ 

Oder wenn ein Autor rät, wenn Mama die Decke auf den Kopf falle und Baby pausenlos schreie, dann sollten sie doch einfach zusammen an den Strand gehen, ein wenig frische Luft und Wellenrauschen sei genau das Richtige in einem solchen Moment, bei ihnen hätte das jeweils Wunder gewirkt. „Ach so, an den Strand hätte ich gehen müssen. Wäre ja auch gar nicht soooo weit gewesen…“, brumme ich. 

Oder wenn der gleiche Autor freudig davon berichtet, wie er und seine Frau die Kleinen eben auch noch als Dreijährige in der Trage gehabt hätten, wenn das Kind das gebraucht habe. Klar das Kind sei schon etwas grösser und schwerer in diesem Alter, aber damit komme man schon klar. Mein Gebrumm diesmal: „Der FeuerwehrRitterRömerPirat war mit drei wohl knapp einen Meter gross, ich bin eins dreiundfünfzig, wie ich den langen Kerl wohl stundenlang mit mir rumgetragen hätte?“ 

Oder wenn noch einmal dieser Autor ein paar Kapitel weiter hinten aufs Thema Schule zu reden kommt. Man müsse sich eben die Lehrpersonen vor dem Schuleintritt sehr genau anschauen und dann dafür sorgen, dass das Kind zu derjenigen komme, die am besten zum Kind passe. Und falls es trotzdem nicht klappen sollte, müsse man eben eine Schule wählen, die besser auf die Bedürfnisse des Kindes ausgerichtet sei. Und schon wieder brumme ich, etwas, was verdächtig nach „Vollidiot!“ klingt. Und dann schiebe ich hinterher: „Schon mal davon gehört, dass freie Schulwahl in gewissen Ländern nur für Menschen mit grossem Portemonnaie möglich ist?“

Erstaunlich viel Gebrumm für eine Lektüre, die mir in den Grundzügen durchaus zusagt. Ein Gebrumm, das deutlich leiser wäre, wenn die Autoren beim Schreiben etwas weniger Rosarot eingesetzt hätten. 

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Statistenrolle

Das Gefühl kenne ich noch bestens aus Baby- und Kleinkinderjahren: Die Ohnmacht, im eigenen Leben nur noch eine Statistenrolle zu spielen, der Frust, eigentlich nichts mehr zu melden zu haben, sondern einfach nur noch zu reagieren. Einziges Mittel, um mit diesen Ohnmachtsgefühlen fertig zu werden, war der Gedanke, dass wir uns das selber ausgesucht haben. „Wir haben Kinder gewollt und zwar mehr als eins, also Augen zu und durch, wenn immer möglich mit einem Lächeln auf den Lippen“, sagte ich wohl unzählige Male zu mir selber und auch wenn das nicht immer eine sofortige Wirkung zeigte, so half mir dieser Gedanke doch durch viele Tage und Nächte, die anders waren, als ich mir das eigentlich vorgestellt hatte. 

Wenn man mir heute am Telefon sagt: „Der Termin ist am Dienstagnachmittag, wir erwarten Sie um drei. Nein, es geht nicht ohne Sie, es muss jemand dabei sein, der Deutsch spricht“, dann kommen ganz ähnliche Gefühle wie damals auf. „Kann man denn einfach so über mich verfügen?“, grummle ich und weil sich Solches und Ähnliches mehrmals pro Woche so zuträgt, grummle ich viel. Sehr viel. Und dummerweise ist da kein „Wir haben es ja so gewollt…“, das mir hilft, die Sache zu nehmen, wie sie eben ist. Da ist höchstens ein „Was kann ich denn dafür, dass sie nie richtig Deutsch gelernt hat?“ oder ein „Nur, weil ich ihren Sohn geheiratet habe, heisst das noch lange nicht, dass das Spital mich herumkommandieren kann“ und manchmal auch ein „Warum ausgerechnet jetzt, wo die Kinder endlich aus dem Gröbsten raus sind?“ 

Diese Gedanken sind nicht nett, sie ändern auch nichts an der Lage und ich suche immer wieder brav nach Wegen, um doch einigermassen wohlwollend geben zu können, was man von mir erwartet. Dass diese Gedanken kommen, ist aber wohl ebenso unausweichlich wie die Ohnmachtsgefühle, die ich zuweilen empfand, als Luise über mehrere Jahre hinweg die Nacht zum Tag machte. 

rifiuti; prettyvenditti.jetzt

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ICH – WILL – ABER – JETZT!!!

Karlsson will ein neues Handy. Am besten schon vorgestern und natürlich das Beste, das derzeit auf dem Markt ist. Oder zumindest das Zweitbeste.

Luise will einen neuen Koffer. Sie braucht einen Skihelm, eine Skibrille und Skistöcke. Dann noch neue Finken. Und zwei Paar Handschuhe. Und neue Hosen. Und wenn sie das alles nicht jetzt gleich bekommt, zeigt sie uns, wie gut sie schon pubertieren kann. 

Der FeuerwehrRitterRömerPirat muss sein Taschengeld loswerden, bevor er es bekommen hat, denn Geld wird bekanntlich sehr schnell schlecht, wenn man es nicht rechtzeitig loswird. Und dann hat er noch ein oder zwei Bücher zugute. Einen Gutschein sollte er auch noch endlich einlösen, der liegt doch tatsächlich schon einige Wochen unberührt rum.

Der Zoowärter muss diesen Lego-Roboter haben. Vor drei Tagen noch wusste er nichts von dessen Existenz, aber jetzt kann er keine Stunde länger mehr ohne sein, sonst verliert er seine ganze Lebensfreude.

Das Prinzchen braucht einen Haufen Süssigkeiten. Nicht etwa, um sie jetzt zu essen, sondern um sie in den Kindergarten zu schleppen, wo die Kinder während der Fastenzeit alles Süsse, das sie bekommen, in ein Säcklein legen. An Ostern bekommen sie dann den ganzen Haufen zurück, aber weil Prinzchen eine Mutter hat, die nicht einfach so Süssigkeiten kauft, ist er der Einzige, der noch keinen anständigen Haufen beisammen hat. Mit dem staubtrockenen Caramel-Gebäck, das ihm der alte Nachbar jeweils zusteckt, lässt sich natürlich nicht auftrumpfen, also muss das Prinzchen jetzt ganz dringend auch mal etwas mehr Zuckerzeug haben. 

Und was will ich? Keine Ahnung. Bei dem andauernden „ICH WILL ABER JETZT!!!!“-Geschrei (nicht nur von Seiten der Kinder) kann ich meine eigenen Gedanken schon längst nicht mehr hören. 

azione; prettyvenditti.jetzt

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Reifezeichen

Karlsson, der Luise zurechtweist, weil sie abends um halb zehn noch immer fröhlich auf meinen arg strapazierten Nerven rumtanzt. „Wie oft muss Mama noch sagen, dass sie es nicht mehr lustig findet? Kannst du das nicht mal endlich respektieren?“

Luise, die mir dabei zusieht, wie ich ihren kleinen Brüdern die Läuse aus dem Haar kämme und plötzlich sagt: „Also, ich glaube nicht, dass ich so viel Geduld hätte wie du, wenn ich das bei meinen Kindern machen müsste.“ Und dies ganz und gar frei von Ironie, obschon ich eben erst den FeuerwehrRitterRömerPiraten aufs Ärgste zusammengestaucht habe, weil er nie stillsitzen will und bei jedem kleinsten Ziepen losheult.

Der FeuerwehrRitterRömerPirat, der nicht nur brav nickt, wenn ich ihm sage, er dürfe noch eine halbe Stunde ans iPad, müsse danach aber sogleich seine Hausaufgaben erledigen, sondern dies dann auch ohne jegliche Ermahnung so durchzieht und obendrein noch Trompete übt. 

Täusche ich mich, oder zeigen unsere drei grössten Kinder in letzter Zeit beunruhigende Anzeichen von Reife? 

deux, prettyvenditti.jetzt

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Déformation maternelle

Auf dem Einladungszettel fürs Kasperlitheater lese ich den Satz „Kinder unter 8 Jahren bitte nur in Begleitung eines Erwachsenen, Dankeschön.“ und vor meinem inneren Auge sehe ich, wie die Organisatorinnen des Anlasses bei Kaffee und trockenen Guezli am Sitzungstisch sitzen und darüber diskutieren, wie man es hinkriegen soll, dass die faulen Mütter nicht einfach ihre Kinder deponieren, um sich einen schönen Nachmittag zu machen:

„Also letztes Jahr ist das gar nicht gut gelaufen“, spricht die Erste das Thema an. „Da gab es doch tatsächlich Mütter, die ihre Kinder bei uns abgegeben haben und dann verschwunden sind. Sowas geht nicht, wir sind doch hier nicht der Kinderhütedienst.“

„Sonjas Kleiner hat ja andauernd geschrien, der hatte so schreckliche Angst vor dem bösen Wolf. Man kann doch so ein kleines Kind nicht einfach alleine im Theater lassen. Ist doch vollkommen verantwortungslos“, pflichtet eine andere bei.

„Na ja, Sonjas ‚Kleiner‘ ist auch schon sechs. Wenn ihr mich fragt, ist mit dem Kind etwas nicht in Ordnung. In dem Alter fürchtet man sich doch nicht mehr vor dem bösen Wolf“, zickt eine Dritte.

„Okay, Sonjas Sohn ist wohl ein wenig speziell. Aber Brigitte hat ihre Goofen auch einfach hier abgeladen und ist shoppen gegangen. Die hat das noch ganz stolz rumerzählt, als sie nach der Vorstellung mit zwanzig Minuten Verspätung endlich kam, um die Kinder abzuholen. Sowas geht doch einfach nicht“, gibt diejenige, die das Thema angeschnitten hat, zurück.

„Und Sara hat es nicht mal für nötig gehalten, auszusteigen. Die hat ihre Brut einfach aus dem Auto gejagt und ist weggefahren. Ich durfte dann dafür schauen, dass die ihre Eintrittskarten bekommen und zu ihren Plätzen finden. Und dann haben die ja auch immer die Aufführung gestört…“, schaltet sich eine Vierte ein.

„Hast du ihr eigentlich mal gesagt, dass du das nicht so okay findest?“, will ihre Sitznachbarin wissen. „Du wolltest doch mal noch mit ihr darüber reden.“

„Ich hab’s versucht, aber dann hat sie wieder davon angefangen, dass mein Ramon mal angeblich ihrer Svenja das Trottinett kaputt gemacht haben soll….“

„Ach so, jetzt war’s also dein Ramon, der das gemacht haben soll. Eben erst war es noch meine Lia. Dabei weiss jeder, dass Svenja wie eine Irre im Quartier rumflitzt und alles kaputt macht“, wirft ein anderes Mitglied der Runde ein.

„Ladies, wir kommen vom Thema ab“, mahnt diejenige, die Erste. „Wie wollen wir das jetzt hinkriegen, dass wir nicht als billiger Kinderhütedienst missbraucht werden?“

„Ich schlage vor, wir lassen Kinder nur in Begleitung Erwachsener rein“, meint eine Anwesende. 

„Also das kannst du jetzt auch nicht verlangen“, protestiert eine Mehrfachmutter. „Glaubst du, ich will meinen Drittklässler zu Kasperli begleiten?“

„Und wie willst du das dann mit dem Eintritt handhaben? Sollen Mütter bezahlen müssen, die eigentlich nur da sind, weil ihr Kind nicht alleine kommen darf?“, pflichtet ihr eine andere bei.

„Dann schreiben wir eben, Kinder unter sechs Jahren dürften nur in Begleitung eines Erwachsenen rein“, schlägt jemand vor.

„Saras Kinder sind alle älter als sechs und wissen trotzdem nicht, wie man sich benimmt…“, meint Ramons Mutter, die eigentlich ganz gerne noch ein wenig länger über die Sache mit dem Trottinett geredet hätte. 

„Dann eben Kinder unter acht Jahren“, sagt die Erste.

„Das finde ich jetzt ziemlich extrem“, kritisiert die Mehrfachmutter. „Achtjährige wollen doch nicht mehr ins Kasperlitheater…“

„Meine ist elf und liebt den Kasperli noch immer heiss und innig“, bemerkt ihre Sitznachbarin spitz.

„Echt jetzt?“, fragt eine andere mit nur schlecht kaschiertem Spott in der Stimme. „Mein Kleiner findet das jetzt schon zum Gähnen und er wird erst vier.“

„Dürfen Kinder denn nicht mehr Kinder sein, solange sie wollen?“, fragt die Mutter der Elfjährigen beleidigt.

„Laaaaaadies, zurück zum Thema“, mahnt die Erste mit ungeduldigem Singsang. Die Mutter der Kasperli-liebenden Elfährigen und die Mutter des Kasperli-verachtenden Vierjährigen tuscheln weiter, die Stimmung zwischen ihnen spürbar angespannt, aber die übrigen Sitzungsteilnehmerinnen sind wieder beim ursprünglichen Thema.

„Also, wir schreiben jetzt einfach, Kinder unter sieben…“ sagt die Erste.

„Kinder unter acht“, unterbricht eine.

„Okay, Kinder unter acht müssten in Begleitung eines Erwachsenen sein“, fährt die Erste fort.

„Das klingt jetzt aber etwas gar fordernd“, kritisiert eine Letzte, die noch immer nicht genug hat und so kommt es, dass der Forderung auf der Einladung noch ein „Dankeschön“ hinterhergeschoben wird. Inzwischen ist es kurz vor elf Uhr abends und endlich können die Frauen zu Traktandum Nummer 6 (Rückblick auf die Fasnacht) übergehen.

Warum ich so genau weiss, wie dieser Satz zustande gekommen ist? Glaubt mir, ich war dabei. Nicht bei dieser Sitzung, aber bei vielen anderen, wo genau solche Dinge in abendfüllender Länge diskutiert wurden. 

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Musikkritik

Seit Jahren schwelt zwischen „Meinem“ und mir ein nicht offen ausgetragener Streit um die Frage, was schöne Musik ist. Ohne es zu wissen, hat das Prinzchen diesen Streit heute entschieden. Zu meinen Gunsten:

Prinzchen: „Mama, was ist klassische Musik?“

Ich (nach kurzem Überlegen, wie ich das kurz zusammenfassen soll): „Damit meint man die Musik, die zum Beispiel von einem Orchester gespielt wird und die….“

Prinzchen (unterbricht mich): „Du meinst also, schöne Musik.“

Ich: „Ja, also…“

Prinzchen: „Diese schöne Musik, die du jeweils hörst?“

Ich: „Ja, also…“

Prinzchen: „…und nicht diese hässliche Musik, die Papa gefällt?“

Na ja, wenn du’s so sagst, werde ich dir bestimmt nicht widersprechen. 

trois; prettyvenditti.jetzt

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Bye bye, Büsi

„Auch Katzen leben nicht ewig“, mögen die einen vielleicht sagen.

„Es passieren viel schlimmere Dinge auf dieser Welt“, die anderen.

„Damit muss man rechnen, wenn man Haustiere hat“, die Dritten.

Das alles mag stimmen, aber sie war halt auch Teil unserer Familie. Wurde unter unserem Sofa geboren, als die Familie am Nebentisch Mittagessen ass. Begleitete Karlsson regelmässig treu zur Schule und wollte mehr als einmal gar mit zum Elterngespräch. Heimste mit ihrem einmalig gemusterten Fell unzählige Komplimente ein. Tanzte so possierlich auf unseren Nerven herum, dass man ihr nie richtig böse sein konnte, nicht mal, wenn sie eine Lieblingstasse runterschmiss oder ihr Geschäft am falschen Ort verrichtete. War uns allen lieb und teuer, auch wenn sie „nur“ eine ganz gewöhnliche Hauskatze war.

Nun ist sie weg, aus dem Leben gerissen durch einen rücksichtslosen Autofahrer, der nicht mal den Anstand hatte, sich um sie zu kümmern. Hätte nicht eine Fussgängerin das leidende Tier gefunden, sie wäre wohl elend in der Kälte verendet, doch so konnte sie zumindest in Karlssons Begleitung aus dem Leben scheiden.

Solche Dinge passieren eben, ich weiss. Aber weh tut’s trotzdem. 

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Werkzeugkasten & Ehemann beim Onkel Doktor

Heute war der Werkzeugkasten in Begleitung des Ehemanns beim Onkel Doktor, um zu besprechen, wie es mit Schwiegermama weitergeht. Der Onkel Doktor war zwar erst einmal der Meinung, ein solches Gespräch sei nicht nötig, wo sich doch der Spitalaustritt am Horizont abzeichnet, aber sowohl der Ehemann als auch der Werkzeugkasten sind da anderer Meinung, da ganz offensichtlich ist, dass alleine leben für Schwiegermama in den kommenden Wochen nicht in Frage kommt. Der Onkel Doktor kam also ins Krankenzimmer, begrüsste alle Anwesenden freundlich und drehte von da an dem Werkzeugkasten konsequent den Rücken zu und redete einzig mit dem Ehemann. Der Werkzeugkasten fand dies irgendwie nicht in Ordnung, denn erstens war er bis anhin bei fast sämtlichen Arztgesprächen anwesend gewesen und wusste deshalb deutlich besser Bescheid und zweitens wird wohl auch in Zukunft zuerst einmal er herbeigerufen, falls es wieder kritisch werden sollte. Also beschloss der Werkzeugkasten, sich mit gezielten Fragen ins Gespräch einzubringen, was aber den Onkel Doktor nicht weiter beeindruckte, die Antworten richtete er weiterhin an den Ehemann. Mit der Zeit wurde es dem Werkzeugkasten zu bunt und er fing an zu zicken. Nicht heftig, nur ein ganz klein wenig, weil er es nicht ausstehen kann, wenn er nicht ernst genommen wird. In pointierten Worten schilderte er Onkel Doktors Rücken, wie die Lage aus Sicht der Angehörigen aussieht und bat ihn darum, den Sozialdienst ins Spiel zu bringen. Nach einigem Hin und Her hatte der Onkel Doktor endlich ein Einsehen und versprach dem Ehemann, er werde mit dem Sozialdienst Kontakt aufnehmen. Sowohl der Ehemann als auch der Werkzeugkasten bedankten sich und der Werkzeugkasten fügte an, er sei morgen den ganzen Tag erreichbar, man könne sich bei ihm melden, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Jetzt endlich wandte sich der Onkel Doktor dem Werkzeugkasten zu, allerdings mit ziemlich verwirrtem Blick. „Ja, wer von Ihnen ist denn eigentlich zuständig? Mit wem soll der Sozialdienst Kontakt aufnehmen?“ „Wir sind beide zuständig, wir gehören zusammen und sind die engsten Angehörigen“, antwortete der Werkzeugkasten, „aber morgen bin ich besser erreichbar.“

Und wer jetzt denkt, der Onkel Doktor sei halt irgend so ein alter Chauvinist gewesen, der nicht mit Werkzeugkästen redet, der irrt. Der war gerade mal alt genug, dass man ihn nicht für den Sohn des Werkzeugkastens und des Ehemanns halten konnte. 

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