Die hohe Kunst der Schlaflosigkeit

Es gibt ja verschiedene Gründe für Schlaflosigkeit und somit auch verschiedene Niveaus, die es zu erreichen gibt. Ich stelle mir das so ähnlich vor wie im Judo, wo man den 10. Dan ja auch nicht einfach so auf Anhieb verliehen bekommt. Nun möchte ich ja nicht unbescheiden sein, aber ich habe den Eindruck, dass „Meiner“ und ich in der Kunst der Schlaflosigkeit schon ziemlich weit fortgeschritten sind, aber wenn ich auf die vergangene Nacht zurückblicke, wird mir bewusst, dass es noch so viele Variationen gibt, die wir noch nie erlebt haben. So viel zu lernen und unsere Kinder sind schon so gross! Allmählich müssen wir uns beeilen, wenn wir noch wahre Meister der Schlaflosigkeit werden wollen.

Obschon: Die vergangene Nacht wäre nichts für Anfänger gewesen und wir sind ziemlich stolz auf uns selber, dass wir sie ohne namhafte Wutausbrüche und ohne herumfliegende Schoppenflaschen hinter uns gebracht haben. Mir scheint, wir haben ein höheres Niveau erreicht. Dass die Nacht eine echte Herausforderung werden würde, war bereits am späten Abend klar, als ein übermüdeter Zoowärter um Asyl im elterlichen Bett bat. Was wir ihm ohne Prüfung seines Gesuchs gewährten. Wir wissen ja, dass er nur dann zu uns gekrochen kommt, wenn in seinem Heimatbett unhaltbare Zustände herrschen, also zum Beispiel, wenn er vom FeuerwehrRitterRömerPiraten gebissen worden ist, oder wenn er den Kampf um die Bettdecke endgültig verloren hat und er den grossen Bruder nicht mehr wach bekommt, damit er weiter mit ihm streiten kann. Bald schon schlummerte der Zoowärter selig auf meiner Seite des Bettes, was für mich zur Folge hatte, dass ich einmal mehr nahe am Abgrund einschlief.

Aber lange schlief ich ohnehin nicht, denn das Prinzchen hatte mal wieder Lust auf ein mächtiges Gebrüll. Anfangs glaubte ich ja noch, der Wunde Po sei Schuld am ganzen Übel, aber nachdem der wunde Po gesalbt war und das Prinzchen weiter brüllte, war Ursachenforschung angesagt. Und wie das bei der Forschung so ist: Man kommt nicht immer auf einen grünen Zweig. Nichts half, weder Wiegen, Streicheln, Milch noch gutes Zureden, er solle doch jetzt endlich schlafen. Das Prinzchen wurde erst ruhig, als eine brüllende Luise auftauchte. Vor lauter Staunen, dass da jemand mitten in der Nacht noch lauter sein konnte als er, schwieg das Prinzchen und stellte sich schlafend. „Meiner“ und ich übrigens auch. Wenn wir nur lange genug so täten, als würden wir schlafen, würde sich Luise vielleicht selber helfen. Sie ist ja so selbständig.

Aber nichts da: Luise wollte Salbe. Und eine Decke. Und ihre Schmusehäschen, die sie im Bett vergessen hatte. Und weil Luise bei jedem Nein noch lauter brüllte, mussten „Meiner“ und ich alles für sie anschleppen. Irgendwie mussten wir dem Gebrüll ja ein Ende setzen, sonst würden bald auch noch Karlsson und der FeuerwehrRitterRömerPirat auf der Matte stehen, ja, am Ende vielleicht noch meine Mutter, die uns armen geplagten Eltern zu Hilfe eilen würde. Nun, soweit kam es nicht, denn  irgendwann hatte sich Luise in den Schlaf gebrüllt, worauf das Prinzchen, das durch die plötzliche Ruhe aufgeschreckt war, wieder zu brüllen anfing. Aber auch er schlief später erschöpft ein und „Meiner“ und ich hatten für den Rest der Nachts nichts weiteres zu tun, als zu verhindern, dass sich der Zoowärter vollkommen quer legte im Bett und damit beide Elternteile aus dem Bett drängte. Fast ein wenig langweilig für uns alte Hasen, dieser zweite Teil der schlaflosen Nacht.

Aber natürlich wurden wir für die mangelnde Herausforderung fürstlich entschädigt: Am Morgen hatten wir gleich drei wunderbar schlecht gelaunte und unausgeschlafene Kinder, die ihr Bestes dazu taten, ihren wunderbar unausgeschlafenen Eltern den Start in den Tag zu vermiesen. So langsam rückt der Meistertitel vielleicht doch in greifbare Nähe…

Darum also?

Warum musste ich als Zehnjährige mit Übergewicht kämpfen? Also jetzt mal abgesehen davon, dass ich jedes Mal, wenn die Kinder aus Bullerbü Butterbrote assen – und sie essen viele Butterbrote, die Kinder aus Bullerbü und ich las das Buch immer und immer wieder -, in die Küche rannte, um mir zwei oder drei Scheiben Brot in sehr viel Butter zu rösten. Aber war dies vielleicht nicht der einzige Grund? Musste ich auch deshalb mit meinem unbändigen Appetit kämpfen, damit ich heute meine Kinder besser verstehe, wenn es ihnen schwer fällt, sich nicht noch einen Teller voll zu schöpfen?

Warum musste „Meiner“ als Teenager Tag für Tag mit seiner Mutter streiten? So richtig heftig, nicht das übliche Gezänke zwischen Mutter und halbwüchsigem Sohn. Nun ja, die beiden lebten auf völlig verschiedenen Planeten und deshalb war eine Verständigung beinahe unmöglich. Aber musste er vielleicht diese Konflikte auch deshalb durchstehen, weil er heute immer und immer wieder mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat, die sich von ihren Eltern nicht verstanden fühlen? Oder zieht er solche Kinder und Jugendliche regelrecht an, weil sie spüren, dass da einer ist, der sie versteht?

Warum musste ich als Mutter so sehr an meine Grenzen kommen? Also jetzt mal abgesehen davon, dass ich zu viel wollte, zu hohe Ideale hatte, das Falsche wollte, mir von Menschen dreinreden liess, die mir nichts zu sagen haben, zu viel von mir selbst forderte. Musste ich vielleicht auch deshalb tief fallen, damit ich Frauen, die Ähnliches durchmachen  – Glaubt mir, es gibt viele davon -, verstehen kann? Dass ich mit ihnen weinen kann und ihnen Mut machen kann, dass wieder andere Zeiten kommen? Oder habe ich einfach durch die eigenen Erfahrungen gelernt, den traurigen Blick einer Mutter richtig zu interpretieren?

Ich möchte nicht behaupten, dass alles und jedes im Leben einen Sinn ergibt. Zu oft steht da ein dickes fettes WARUM. Aber ich liebe diese seltenen Momente, in denen man spürt, dass man dem anderen das, was er erzählt, nachfühlen kann, weil man selber schon am genau gleichen Ort gewesen ist. Dass man ganz genau weiss, wovon das Gegenüber redet. Dass man hin und wieder gar einen Lichtblick – und keinen Ratschlag –  weitergeben kann. Und auf einmal ist das eigene Erleben nicht mehr so schmerzhaft. Und nicht mehr ganz so sinnlos.

Lange nicht gesehen

Was fragt man eine Frau, die man viele Jahre nicht gesehen hat, die man früher mal gut gekannt hat, über deren aktuelles Leben man aber lediglich weiss, dass sie mehr Kinder hat als der Durchschnittsschweizer? –  „Wie viele sind’s?“
Was fragt man danach? –  „Wo wohnt denn eigentlich deine Schwester?“
Und die nächste Frage? – „Wie viele Kinder hat sie jetzt?“
Und die Frage danach? – „Was macht sie beruflich, deine Schwester?“
Und dann? – „Dein Bruder soll ja beruflich aufgestiegen sein. Wie geht’s ihm denn so?“
Und die abschliessende Frage? – „Ach ja, und dein anderer Bruder, was macht der? Geht’s ihm gut?“

Viele Fragen, noch viele viele mehr, als ich hier protokolliert habe. Aber nicht eine einzige Frage bezieht sich auf die Person, mit der man spricht. Doch was sollte man diese schon fragen? Man weiss ja, dass sie fünf Kinder hat. Und was machen Frauen, die fünf Kinder haben, den lieben langen Tag?

Das Klischee erfüllen natürlich. Was denn sonst?

Willkommen zu Hause, meine Liebsten

Ich habe euch vermisst! So schön, dass ihr wieder da seid, Karlsson, Luise, FeuerwehrRitterRömerPirat und „Meiner“. Nach zwei, drei Tagen ohne euch wird das Leben so richtig öde.

Bloss: Hätte vielleicht jemand die Güte, mir zu erklären, weshalb ich gestern die Wohnung aufgeräumt habe?

Und das ist nicht alles, die Hälfte der Ware habe ich bereits weggeräumt und zwei Waschmaschinen sind gefüllt. Habt ihr übrigens schon meine hübschen neuen Schuhe gesehen…

Ach ja, wo ich schon am Jammern bin: Was, bitte sehr, soll ich bloss damit anfangen:

Gekaufte Choco-Cakes? Und nicht nur einer, sondern drei? Kennt vielleicht jemand eine hungernde Grossfamilie?

Sturmfreie Bude

Genau so fühle ich mich momentan: Wie ein Teenager, der eine sturmfreie Bude hat. Tagelang keine Wäsche gewaschen, – hatte keine Zeit, weil ich mit Freundinnen quatschen musste – das Bett nicht gemacht, das schmutzige Geschirr türmt sich in der Küche und die Post landet ungeöffnet in irgend einer Ecke der Wohnung. Zum Frühstück gibt’s Cola Light mit Weissbrot und keiner schimpft mit mir, denn der Zoowärter weiss noch nicht, dass man keine Cola zum Frühstück trinkt und Karlsson, der mir ganz bestimmt eine Standpauke halten würde, ist nicht zu Hause. Am Morgen bleibe ich so lange im Bett liegen bis mir das Prinzchen vorwurfsvolle Blicke zuwirft und wenn ich mich umziehe, lasse ich die Kleider achtlos liegen und stolpere hundertmal darüber. Fände ich fernsehen nicht unsäglich doof, ich würde meine Pasta mit Mayonnaise wohl vor dem Fernseher essen. So aber lese ich mein neuestes Nigella Lawson-Kochbuch, währenddem ich mich mit Junk Food begnüge. Okay, meine fünf Portionen Früchte und Gemüse müssen dennoch sein, so weit über meinen Schatten springen kann ich nicht mal jetzt, wo ich einen Rückfall in mein Leben als Vierzehnjährige durchmache.

Genau wie damals, als die Eltern verreist waren und wir zu Hause tun und lassen konnten, was wir wollten, steht am Ende der grossen Freiheit die grosse Putzaktion. Obschon ich den Akt des Putzens noch immer so sehr hasse wie damals, Ordnung und Sauberkeit  habe ich zu lieben gelernt. Man sieht also: Auch ich habe mich weiterentwickelt. Und noch etwas anderes hat sich verändert: Während ich früher die grosse Freiheit gerne noch viel länger genossen hätte und ich die Heimkehr meiner Eltern gerne noch etwas hinausgezögert hätte, so kann ich es heute kaum mehr erwarten, bis „Meiner“ und die drei grossen Kinder wieder zu Hause sind. Und weil ich nicht will, dass „Meiner“ gleich wieder Kehrt macht, wenn er das Chaos sieht, mache ich jetzt endlich meine Drohungen wahr, nehme den Putzlappen zur Hand und spiele perfekte Hausfrau. Mal schauen, ob ich die Rolle noch überzeugend hinkriege…

Karfreitag

Vermutlich würde man erwarten, dass eine christliche Familie, wie „Meiner“ und ich sie zu leben versuchen, Karfreitag, den höchsten aller christlichen Feiertage, besonders heiligt. Aber allzu heilig ging es bei uns heute nicht zu und her. Der Tag fing damit an, dass ich um zehn Uhr morgens völlig verkatert – habe wiedermal zu lange gequatscht und zu viel Lesestoff konsumiert letzte Nacht – aus dem Bett gekrochen kam und die Kinder anschnauzte. Es blieb uns genau eine Stunde Zeit, um sieben Personen ausgehfertig zu machen, weil wir um elf Uhr eingeladen waren. Dies führte natürlich zu viel Stress, mehr Herumbrüllen und einigen geknallten Türen. Nein, wirklich nicht sehr heilig, aber immerhin hatte ich danach ein anschauliches Beispiel zur Hand, um den Kindern zu erklären, warum das Geschehen von Karfreitag so wichtig ist für mich. Doch bei diesem einen Wort zum Karfreitag blieb es, denn nachher waren die Kinder vollauf beschäftig mit Ostereierfärben, Pecan-Pie in sich hineinzustopfen und Barbapapa zu schauen, während „Meiner“ und ich die Zeit mit unseren Freunden genossen. Okay, in einem Anfall von religiösem Eifer schmiss das Prinzchen die Buddha-Statue unserer Freunde auf den Fussboden, aber das ist ja eigentlich nicht die Art von Christentum, die wir unseren Kindern zu vermitteln versuchen. Als ich dann, kaum zu Hause, dazu gezwungen war, den Staubsauger in Betrieb zu nehmen, weil das Prinzchen sämtliche Schwarztees auf den Teppich verschüttet hatte, da war mir endgültig klar, dass es heute wohl nichts wird aus Meditation und Besinnlichkeit.

Früher hätte ich mich furchtbar schuldig gefühlt, einen Karfreitag so zu begehen. Ich brauchte die Feiertage, um mir vor Augen zu führen, was meinen Glauben so wichtig für mich macht. Das ganze Jahr über hetzte ich durchs Leben und versuchte mehr schlecht als recht, Regeln einzuhalten, die ich für  besonders christlich hielt. Und an Weihnachten, Karfreitag, Ostern und Pfingsten wurde ich still, liess mich berühren von den Geschehnissen und danach hetzte ich wieder weiter. In den letzten Jahren aber hat sich mein Glaube verändert. Ich habe gelernt, nicht mehr so sehr auf die äusseren Formen zu schauen, nicht mehr einen Katalog von Regeln einzuhalten und stattdessen zu versuchen, das, was ich glaube, in meinen Alltag einzubauen. Und plötzlich kommt es vor, dass ich an einem ganz banalen Dienstag das Gefühl habe, Gott ganz nahe zu sein. Dass ich mich irgendwann, mitten im Jahr berühren lasse von den Geschehnissen an Karfreitag und Ostern. Und dass ich einen Karfreitag erlebe, der zwar schön ist, aber sich nicht im Geringsten unterscheidet von einem ganz normalen wunderbar turbulenten Tag mit meiner Familie.

Alte Tante

Etwas mehr als zwanzig Jahre ist es her, seit ich zum ersten Mal Tante wurde. Ich war eine junge Tante, gerade mal fünfzehn Jahre alt und so stolz, dass ich unablässig von den wunderschönen Augen meines ersten Neffen schwärmte, während die anderen Mädchen meiner Klasse dem Mathelehrer tief in die Augen schauten. Meine zahlreichen Geschwister waren fruchtbar und mehrten sich und bald schon war ich heiss begehrte Babysitterin von vielen kleinen süssen Neffen und Nichten. Und weil „Meiner“ keine Minute von mir getrennt sein wollte, begleitete er mich brav zu meinen diversen Einsätzen. Und so kam es, dass „Meiner“ und ich lange bevor wir eigene Kinder hatten bestens im Bild waren über durchwachte Nächte, Koliken und Kleinkinder, die unbedingt noch etwas trinken müssen und dann noch aufs WC müssen und dann noch eine zehnte Gutenachtgeschichte brauchen und dann noch das Schmusetier vermissen und dann wieder Durst haben und dann noch einen Witz erzählen müssen und dann Angst vor dem bösen Räuber haben und dann kalte Füsse haben und dann aufbleiben wollen, bis Mama und Papa wieder zu Hause sind. Ja, einer meiner damals noch sehr kleinen Neffen schaffte es damals schon, mich zum Heulen zu bringen, weil er partout nicht schlafen wollte und das ausgerechnet ein paar Tage vor meinen Maturprüfungen, für die ich bestens ausgeschlafen sein wollte. Ach ja, und einmal schrieb ich in letzter Minute einen Vortrag mit einer heulenden Nichte auf den Knien. Und ein andermal teilte ich mein Bett mit einer Anderthalbjährigen, die mir alle paar Sekunden ein Knie in den Bauch oder einen Ellbogen in die Rippen rammte. Man sieht also: Ich genoss ein ausgezeichnetes Training, bevor ich selber Kinder hatte.

Fünfzehn Jahre später waren meine Neffen und Nichten gross genug, um meine Kinder zu hüten, ja, sie ermöglichten gar „Meinem“ und mir, zum ersten Mal nach vielen Jahren ein paar Tage alleine zu verreisen. Die Kinder, die ich eben noch in den Schlaf gewiegt hatte, wiegten jetzt meine Kinder in den Schlaf. Die Kinder, denen ich eben noch die Windeln gewechselt hatte, wechselten jetzt die Windeln meiner Kinder. Die Kinder, die mich eben noch zum Wahnsinn getrieben hatten, weil sie der Tante auf der Nase rumtanzten, mussten sich plötzlich von meinen Kindern auf der Nase rumtanzen lassen. Und eines Tages werden sie froh sein, dass sie mit ihren kleinen Cousins und Cousinen schon mal das Kinderhaben üben konnten.

Aber meine Neffen und Nichten sind nicht nur gute Babysitter, sie sind inzwischen auch zu Erwachsenen herangewachsen, mit denen ich stundenlang quatschen könnte. Sie erzählen mir, was sie so alles erleben und machen mir damit Mut, dass am Ende der Pubertät ein äusserst gelungener junger Mensch dastehen kann. Sie freuen sich, wenn ich ihnen erzähle, wie sie früher mal waren. Sie fragen mich, wie ich dies und jenes sehe und immer wieder geben sie mir das Gefühl, dass sich jede Minute, die ich ihnen damals, vor vielen Jahren geschenkt habe, gelohnt hat. Und manchmal, zum Beispiel heute, passiert es, dass mich eine Nichte anruft und fragt, wie es mir denn so gehe, sie habe geträumt von mir. Dann wird mir ganz warm ums Herz, wir quatschen eine Stunde lang miteinander und mir wird bewusst, dass ich inzwischen zwar eine ziemlich alte Tante bin – immerhin sind die „Kinder“ jetzt so alt wie ich war, als ich „Meinen“ kennengelernt habe und das ist Ewigkeiten her -, aber dass ich eine überglückliche alte Tante bin.

Ausgrabungen

Als ich vor etwas mehr als zwei Jahren zu bloggen anfing, – Gab es überhaupt ein Leben vor dem Blog? –  schrieb ich in meinem ersten Post den folgenden Satz: „So läuft die besagte Mutter durch die Welt und schreibt, jedoch immer nur im Kopf. Und wenn dann abends endlich Ruhe ist, sind die Sätze weg. Verschwunden unter Wäschebergen, ersoffen im Putzkessel, zu Boden getrampelt von vier Paar hinreissend schönen, aber gegenüber mütterlichen Gedanken äusserst unsensiblen Kinderfüssen.“ Damals hatte ich geglaubt, einzig mein Schreiben habe unter meinem Dasein als Hausfrau gelitten. Das Schreiben habe ich inzwischen wieder zurückerobert, aber als ich neulich mal wieder in den Wäschebergen zu graben anfing und im Putzkessel fischte, kamen da noch ein paar andere Dinge hervor, die ich schon längst verloren geglaubt hatte. Zum Beispiel meine Leidenschaft für das Backen. Vor lauter unangenehmen Haushaltspflichten hatte ich ganz vergessen, wie überaus befriedigend es ist, irgend ein kompliziertes Rezept hervorzukramen und zu testen, wie das Zeug schmeckt. Und plötzlich folgt auf einen schlecht gelaunten Plunderteig ein äusserst gut gelaunter Plunderteig. Und weil man gerade so schön in Schwung ist, kann man ja die Brötchen für die „Sloppy Joes“ auch gleich selber backen.

Etwas anderes habe ich auch wieder gefunden: Diese unglaubliche Zufriedenheit, die man verspürt, wenn man sich so richtig viel Zeit für die Kinder nehmen kann. Wenn es nichts ausmacht, dass das Prinzchen auch nach zehn Mal „Joggeli, chasch au riite“ (Für diejenigen, die den Joggeli nicht kennen: so ähnlich wie „Hoppe Hoppe Reiter“) nach mehr verlangt. Wenn man dem Zoowärter das Bilderbuch auch noch ein zweites Mal erzählen kann. Wenn man sich freut, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat noch ein wenig mehr über die Römer erfahren will. Wenn es durchaus drinliegt, mit Luise auch noch beim neugeborenen Fohlen vorbeizuschauen. Wenn Karlsson ausführlich vom neusten Geolino-Bericht erzählen darf, ohne dass man ihn unterbrechen muss. Wenn man die schönen Seiten des Familienlebens wieder geniessen kann.

Dann habe ich noch ein paar Dinge gefunden, von denen ich kaum mehr wusste, wie man sie nannte. Lachen, zum Beispiel. Oder Unverkrampftheit. Oder Experimentierfreude. So viel Lebensfreude lag unter den Wäschebergen verschüttet, so viel Lebensqualität war im Putzkessel ertsoffen und das alles, weil ich zu lange geglaubt hatte, dass ich als Mutter zugleich auch Hausfrau sein müsse. Weil ich mich zu lange dagegen gesperrt hatte, eine Putzfrau einzustellen, ein wenig Geld in ein Au-Pair zu investieren. Weil ich nicht den Mut hatte, dazu zu stehen, dass ich mit Ausnahme von kochen, backen, einkaufen und Wäsche aufhängen sämtliche Hausarbeit nicht nur so ein kleines bisschen doof finde, sondern aus tiefstem Herzen hasse. Wie viele Ausraster hätte ich mir ersparen können, wenn ich mich von Wäschebergen und schmutzigen Toiletten nicht so sehr hätte stressen lassen? Wie viele  Bilderbücher habe ich nicht erzählt, wie viele Lider nicht vorgesungen, wie viele Sorgen nicht wahrgenommen? Wie oft habe ich nicht gelacht über ein aberwitzige Situation, weil ich schon wieder ans Aufräumen danach dachte? Wenn ich zurückschaue und sehe, wie sehr meine Abscheu für die Hausarbeit unser Familienleben belastet hat, dann könnte ich mich selber ohrfeigen dafür, dass ich nicht früher eine Veränderung in die Wege geleitet habe.

Grenzenlos naiv…

…. sind „Meiner“ und ich auch noch beim fünften Kind. Das heisst, so richtig naiv bin wohl ich und „Meiner“ hat einfach nichts dagegen unternommen, weil er sich als Einzelkind ganz auf mein Urteil verlässt, wenn es darum geht, auch beim jüngsten Kind darauf zu achten, dass es nicht zu kurz kommt. Als jüngstes von sieben Kindern weiss ich ja sehr genau, welche Fehler man nicht machen sollte. Und mache deshalb genau das Gegenteil, was ebenso falsch ist. Und deshalb hat das Prinzchen wie alle seine Geschwister zu seinem ersten Geburtstag einen grossen Bären bekommen, den grössten, den die Migros im Angebot hatte. Genauer gesagt im Sonderangebot hatte und das hätte mich eigentlich stutzig machen sollen. Hatten wir nicht ziemlich genau acht Jahre zuvor ebenfalls im Sonderangebot einen gewissen Eisbären erstanden, der grösser war als das Kind, das ihn geschenkt bekam und der von da an mit besagtem Kind verwachsen war wie ein siamesischer Zwilling? Hatten wir uns nicht geschworen, wir würden nie mehr den grössten Bären nehmen, sondern vielleicht den zweit- oder drittgrössten? Natürlich hatten wir uns das geschworen, aber weil Luise, der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter an ihren zweit- oder drittgrössten Bären kaum je Interesse zeigten, glaubten wir, eine derart enge Beziehung wie Karlsson zu seinem David pflegt, komme nur einmal pro Familie vor. Und so griff ich gedankenlos zu, als der Riesenbär im Sonderangebot zu haben war und „Meiner“ hielt mich nicht zurück.

Und jetzt haben wir den Schlamassel: Den ganzen Tag schleppt das Prinzchen seinen Riesenbären mit sich herum – Wer sagt denn, dass nur Ameisen fähig sind, Gegenstände mit sich herumzuschleppen, die ein Mehrfaches ihrer eigenen Körpergrösse haben? -, kuschelt sich an ihn, wenn er müde ist und will sogar mit ihm zusammen gewickelt werden. Was gar nicht so einfach ist, weil man unter dem Bären das Prinzchen kaum mehr finden kann. Und ausserdem muss man aufpassen, dass der Bär dabei nicht schmutzig wird, denn für die Waschmaschine ist er zu gross. Eigentlich hätten wir schon vor ein paar Monaten ahnen müssen, dass das Prinzchen und sein Bär zu einem untrennbaren Gespann würden und zwar an dem Tag, als das Prinzchen seinen Bären zum ersten Mal „Bä!“ nannte. Hatte nicht Karlsson seinen David anfangs auch so genannt und man sieht ja, was daraus geworden ist. Aber naiv wie wir sind, haben „Meiner“ und ich damals nicht die Konsequenzen gezogen und den Bären verschwinden lassen, bevor er das Prinzchenherz vollständig erobert hatte. Nein, wir haben dabei zugesehen und „ach, wie süss!“ gesäuselt. Von erfahrenen Eltern sollte man eigentlich erwarten, dass sie sich nicht mehr von diesem zuckersüssen Gehabe einwickeln lassen, aber nein, wir sind und bleiben so butterweich wie eh und je, wenn es um den „Jööööh-Faktor“ geht.

Und so sind „Meiner“ und ich ganz selber Schuld, wenn unsere Zukunft mit dem Prinzchen genau gleich aussehen wird, wie unser bisheriges Leben mit Karlsson: Der Bär kommt überall mit, sogar ins Flugzeug – zum Glück haben wir inzwischen das Fliegen aufgegeben -, der Bär erfährt jedes Geheimnis, der Bär stinkt zum Himmel, weil man ihn nicht waschen kann und noch immer drückt das Kind seine Nase daran platt, der Bär zerfällt in alle Einzelteile und muss unzählige Male operiert werden, weil er trotz seiner Hässlichkeit noch immer innig geliebt wird etc. Und „Meiner“ und ich werden kein Sterbenswörtchen dagegen zu sagen haben, denn diesmal sind wir mit offenen Augen ins Desaster gerannt. Aber wie sagt doch Nigella Lawson – ja, auch ich habe inzwischen der verführerischen Mischung von üppiger Schlemmerei und witziger Formulierung nicht mehr widerstehen können – so schön: „… the sad truth about parenting is that it’s virtually impossible to learn from your mistakes. The whole business is a Dantesque punishment: you’re trapped in the cycle, knowing what you’re doing, but seemingly unable to stop.“ Wie man sieht, brauche ich keine Erziehungsratgeber, ich kann mir meine Erziehungstipps auch beim Backen von Pfannkuchen holen.

Das tut weh

In der Schweiz hat mal wieder eine halbwegs prominente Frau ihren gut bezahlten Job geschmissen, weil ihr die Doppelbelastung von Familie und Beruf zu viel wurde und schon sind die Zeitungen voll von Berichten und Kommentaren zum Thema „Mutter & Burnout“. Ist doch gut, dass darüber geredet wird, sollte man denken. Aber was man dann liest, lässt einem die Galle hochkommen: „Jeder will Erfolg. Das aufpolierte Ego ist gefrässig und verlangt nach mehr. … Ändern Sie Ihr Leben. Vielleicht liegt der schnittige BMW nicht mehr drin oder die jährlichen Malediven-Ferien. …. Alle wollen alles haben…. Wer Burnout hat, ist ausgebrannt. Er bezahlt den Preis für das eigene Gehetz….“ Diese verbalen Ohrfeigen teilt nicht etwa ein konservativer Mann aus, nein, eine Journalistin fühlt sich dazu berufen, ihre Geschlechtsgenossinnen zu einem veränderten Leben aufzurufen.

Ich weiss, ich müsste über diesem Geschreibsel stehen, doch wenn ich solches lese, dann kommt der ganze Schmerz wieder hoch. Dann sehe ich mich wieder vor mir, wie ich stundenlang heulend aus dem Fenster starrte und in mir keinen Funken Kraft zum Weitergehen mehr fand. Nicht etwa, weil ich mir meinen BMW nicht mehr leisten konnte – welche Mama will denn schon einen BMW? – nein, weil ich mich vor lauter Schlafmangel und Schmerzen kaum mehr auf den Füssen halten konnte und von der Ärztin bloss zu hören bekam, ich sollte mich doch hin und wieder ein wenig hinlegen. Ich erinnere mich an die einsamen Waldspaziergänge, bei denen ich meine Not zum Himmel schrie. Nicht die Not, dass ich nicht auf die Malediven jetten konnte, sondern die Not, dass ich am Ende meiner Kräfte war und keine Hilfe bekommen konnte, weil ich „nicht berufstätig“ war und unser Budget eine bezahlte Hilfe nicht zuliess. Beim Lesen sehe ich auch die verzweifelten Gesichter ausgebrannter Freundinnen vor mir. Frauen, die wie ich, oft nicht wissen, wie sie wenigstens fünf Minuten am Tag entspannen können. Frauen, die sich nicht einfach eine Woche Wellness-Urlaub leisten können, wenn sie übermüdet sind. Frauen, die alles geben und ausser dem Lächeln ihrer Kinder und – wenn sie ganz viel Glück haben –  der Liebe ihres Ehemannes keinen Lohn bekommen. Und so überlebenswichtig die zwei Dinge auch sind, sie reichen nicht, um einen vor dem Ausbrennen zu schützen.

Die Gründe für das Ausbrennen sind bei jeder Frau anders: Finanzielle Engpässe (und zwar nicht, weil man auf die Malediven gereist ist und mit dem BMW herumkurvt), kranke Kinder, Verlust der Stelle, komplizierte Schwangerschaften, Krankheiten, Eheprobleme und was man sich sonst noch nie im Leben wünschen würde. Eines aber haben alle Frauen gemeinsam: Sie wollen nicht zu viel, sie geben zu viel.