Jahresbilanz – Was ich 2014 erreicht habe

  • Schwiegermama davon überzeugt, dass Atomenergie eine ganz ganz böse Sache ist. (Nicht, dass sie zu dem Thema eine Meinung gehabt hätte, aber nachdem sie mich gefragt hat, wozu diese Jodtabletten, die man ihr zum ersten Mal zugeschickt hat, gut sein sollen, habe ich ihr gleich erklärt, was man von dem ganzen Atomzeugs halten soll: Dagegen sein, voll und ganz, ohne Wenn und Aber.)
  • Mir durch irgend eine heldenhafte Tat Schwiegermamas Achtung gesichert und damit erreicht, dass meine Meinung inzwischen den Status der allein seligmachenden Wahrheit hat.
  • Zum ersten Mal überhaupt eine Lesung ohne Nervenflattern überstanden (was ich der Feststellung zu verdanken habe, dass mir Rotwein zwar noch immer nicht besonders gut schmeckt, aber äusserst wirksam ist, wenn es gilt, meine Nerven vom Flattern abzuhalten). 
  • Die Krücke, die mir in den vergangenen Jahren den Aufstieg aus dem Schwarzen Loch erleichtert hat, entsorgt. 
  • Die alte Kratzbürste in mir ein wenig gehätschelt, damit sie wieder mehr zum Zug kommt. 
  • Bücher gelesen, für die ich vor drei Jahren noch zu müde gewesen wäre. 
  • Kopfschüttelnd ein paar Bücher überflogen, die ich vor drei Jahren noch für durchaus annehmbar gehalten habe. (Die Frage, ob ich sie wegschmeissen, oder als Erinnerung an eine Zeit, in der mir alles Anspruchsvolle zu anspruchsvoll war, behalten soll, ist noch nicht geklärt.)
  • Mit „Meinem“ ins Kino gegangen. Spontan! Und dann auch noch Tränen gelacht, obschon der Opa neben mir das alles so gar nicht lustig fand.
  • Mehrmals wie so eine richtige Hausfrau vormittags in den Cafés der Stadt rumgehängt und dabei festgestellt, dass es diese rumhängenden Hausfrauen tatsächlich gibt. (Die kommen so gegen neun Uhr morgens aus ihren Löchern gekrochen, kippen literweise Kaffee in sich hinein und gehen erst nach Hause, wenn ich schon längst wieder am Herd stehe, weshalb ich ihnen pauschal unterstelle, der Familie Fertigprodukte vorzusetzen.)
  • Zwei oder dreimal erlebt, dass von mir verfasste Worte genau die Worte waren, die jemand anders gebraucht hatte. 
  • Im Hoteldschungel von Paris die Ferienwohnung aufgespürt, die alle sieben Vendittis umwerfend toll finden. 
  • Zum ersten Mal überhaupt mit „Meinem“ an einem lauen Herbstabend in der Stadt einen Cocktail geschlürft und mich dabei gefragt, ob wir bereits im Jahr 2007 Konkurs hätten anmelden müssen, wenn wir das regelmässig getan hätten, oder ob das Geld vielleicht bis 2009 gereicht hätte. 
  • Mich endlich bei Twitter angemeldet, damit ich auch auf diesem Weg die virtuelle Öffentlichkeit vollquatschen kann. 
Lusso per tutti; Gianluca Venditti

lusso per tutti; prettyvenditti.jetzt

Wer sich das (nicht) antun sollte

Wenn man…

  • keine Tomaten mag oder die Farbe Rot nicht ausstehen kann,…
  • keinen anständigen Stabmixer hat,… (Na ja, mein Stabmixer ist auch nicht anständig, ich rede mir immer nur ein, er sei es und dann merke ich doch, dass es nicht so ist. Dann stehe ich wieder verzweifelt bei meiner Mutter in der Küche und bitte sie, mir ihren auszuleihen, ein altes Ding aus dem letzten Jahrhundert, das nichts anderes kann als mixen, das aber sehr gut.)
  • an sonnigen Herbsttagen nicht stundenlang in der Küche stehen möchte,…
  • keinen Sinn darin sieht, etwas selber zu machen, was man ebenso gut im Laden kaufen könnte,…
  • der italienischen Verwandtschaft beweisen will, dass man das ebenso gut kann, wie die,… (Vergesst es, die können das ohnehin besser. Die sind viel besser ausgerüstet und lernen schon im Mutterleib, wie man das macht.)
  • Ambitionen auf den Titel „Domestic Goddess 2014“ hat,… (Spart euch die Mühe, mit Tomaten beeindruckt man keinen. Perfekt verzierte Torten sind weitaus fotogener.)

…dann sollte man sich auf gar keinen Fall dazu verleiten lassen. 

Wenn man aber…

  • beim Anblick von tiefroten Tomaten, die vor kurzer Zeit noch in der Sonne Süditaliens reiften, beinahe in Freudentränen ausbricht,…
  • einen Keller voller Weckgläser hat, die ganz dringend wieder gebraucht werden möchten,…
  • gerne weiss, dass ausser den Tomaten nichts anderes im Einmachglas landen wird,…
  • es satt hat, immer überall Nestlé & Co. auf den Etiketten lesen zu müssen, obschon man überzeugt war, dass das bis anhin bevorzugte Produkt auf keinen Fall von denen sein kann,…
  • einen Gemüsehändler im Nachbardorf hat, der nicht nur schönste Ware zu anständigen Preisen anbietet, sondern einem das Zeug auch ins Auto lädt,…
  • einfaches Essen mit vorzüglichem Geschmack liebt,…
  • vielleicht einen ganz kleinen und vollkommen harmlosen Knall hat,…
  • mit Menschen befreundet ist, die den gleichen kleinen und vollkommen harmlosen Knall haben und deshalb einen schlechten Einfluss auf einen ausüben,…

…dann kann man gar nicht anders, als hundert Kilo Tomaten zu kaufen, um sie einzumachen. Obschon man sich manchmal fragt, warum man sich so eine Knochenarbeit überhaupt antut, wo man doch in jedem Laden Tomatenkonserven kaufen kann. 

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Mummy?

Diese Anfrage hat mich zutiefst verunsichert: Ob ich vielleicht an einem Mummy-Blogger-Event zur Lancierung eines neues Putzmittels teilnehmen wolle, fragte eine Kommunikationsagentur an. Auf dem Programm steht Cupcake-Backen mit einer bekannten Mummy-Bloggerin, danach wird gemeinsam die Küche geputzt, natürlich mit dem Produkt, das an die Frau gebracht werden soll. „Und keine Angst“, so schreibt die Frau von der Agentur vermutlich augenzwinkernd, „die Cupcakes, nicht das Putzen, werden die Hauptaktion sein.“ Hihihi! Ihr, meine lieben Leser, hättet auch noch etwas davon. Ich dürfte nämlich nicht nur viele lobende Zeilen über das sensationelle Produkt veröffentlichen, ich dürfte auch ein paar Putzmittel verlosen.

Seitdem ich diese Nachricht gelesen habe, geht mir eine Frage nicht mehr aus dem Kopf: In welchem meiner rund 1800 Texte, die ich in den vergangenen Jahren hier geschrieben habe, habe ich den Eindruck erweckt, in meinem Leben drehe sich alles um perfekte Sauberkeit und noch perfekteres Backwerk? Okay, ich backe gern – anständige Cupcakes bringe ich trotzdem nicht zustande -, Putzen muss ich gezwungenermassen auch, was hier hin und wieder durchschimmert, und natürlich erfährt man so mehr oder weniger zwischen den Zeilen auch, dass ich Kinder habe. Aber macht mich all dies wirklich zur „Mummy-Bloggerin“ (Wenn ich nur schon dieses Wort lese….grrrrrrrrrr!)?

Bitte, bitte, bitte sagt mir, dass ihr hier nur mitlest, weil ihr mein virtuelles Geschwätz soooooooooo unglaublich tiefsinnig und humorvoll findet und nicht, weil ihr hier die perfekte „Mummy“ zu finden hofft, die euch zeigt, wie ihr euren Liebsten trautes Heim, Glück allein und dergleichen bieten könnt. Letzteres würde mich nämlich dazu zwingen, die Bloggerei umgehend einzustellen und was würde ich dann mit meiner Zeit anfangen? Am Ende käme ich noch auf die Idee, zu putzen…

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Bloggerfrust

Nein, keine Angst, das Bloggen ist mir nicht verleidet. (Na ja, vielleicht wären ein paar Menschen da draussen gar nicht so unglücklich, wenn ich endlich genug hätte davon…) Es gibt nur gewisse Tage, an denen ich etwas frustriert bin über das, was bei der Leserschaft ankommt.

Da brütest du tagelang über ein paar klugen Sätzen zu einem gesellschaftlich relevanten Thema. Du diskutierst mit „Deinem“ und mit anderen Mitmenschen, du schreibst, verwirfst, drehst und wendest und bevor du auf „Publizieren“ klickst, lässt du „Deinen“ noch einmal gegenlesen, damit deine Argumentation auch ganz bestimmt lückenlos und stringent ist. Ist das Kind deiner Gedanken endlich geboren, bist du fast ein wenig stolz auf das, was du geleistet hast. Zwar wirst du damit nicht die Welt verändern, aber immerhin hast du dafür gesorgt, dass ein paar hundert Leute durch deine Arbeit zum Mitdenken angeregt werden. Du kannst es kaum erwarten, bis die ersten Reaktionen kommen und du im virtuellen Austausch mit deiner Leserschaft anfangen kannst, an der Verbesserung der Welt zu arbeiten. Doch dann geschieht – nichts. Okay, vielleicht ein oder zwei „Gefällt mir“ auf Facebook, doch das war’s dann schon mit dem Austausch.

Schreibst du hingegen spät abends mit schlechtem Gewissen über die Zusammenführung von getrennten Sockenpaaren – Wen interessieren denn schon von meine Hausfrauenprobleme? -, hast du bereits am frühen Morgen Kommentare, „Gefällt mir“ und fröhlich grinsende Smileys.

Versteht mich bitte nicht falsch, ihr lieben Menschen da draussen, die ihr euch samstags im Morgengrauen die Mühe macht, mir zu erzählen, wie ihr das nervige Problem der hohen Sockenscheidungsrate in Angriff nehmt. Ich freue mich sehr über eure Beiträge und es rührt mich zutiefst, dass mein Geschriebenes euch zum Zurückschreiben motiviert. Es gibt mir ein sehr gutes Gefühl, zu wissen, dass ich über Dinge schreibe, die euch auch bewegen. Manchmal aber wüsste ich zu gerne, ob ihr auch durch die Artikel, in denen ich über weniger banale lebensnahe Dinge schreibe, zum Mitdenken angeregt werdet. Lasst es mich doch bitte hin und wieder wissen. Solange die Kommentare frei von Beleidigungen sind, freue ich mich darüber nämlich mindestens so sehr wie über eure Beiträge zu den getrennten Socken.

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Sockenpaare

Nach einer längeren Pause betätige ich mich seit einiger Zeit wieder in der Sockenzusammenführung. Die Pause war nötig geworden, weil ich es einfach nicht mehr länger mitansehen konnte, wie harmonische Sockenpaare scheinbar grundlos getrennte Wege gehen, manche erst nach mehreren Jahren, andere bereits kurz nach dem Einkauf. Es wollte mir beinahe das Herz brechen, wenn ich nutzlose Einzelsocken irgendwo in einem der vielen Winkel unserer Wohnung liegen sah und doch sah ich irgendwann keinen Sinn mehr darin, mich dem Kitten der gescheiterten Sockenbeziehungen zu widmen. Zwar konnte ich mich nicht dazu durchringen, die sitzengelassenen Einzelsocken zu entsorgen – dies tat jeweils „Meiner“, der in solchen Dingen weniger sentimental veranlagt ist als ich -, ich bot aber auch keine ausgedehnten Therapiesitzungen für Sockenpaare, die ihrer Beziehung eine neue Chance geben wollten, mehr an. Ich hatte schlicht und einfach resigniert ob der immensen Scheidungswelle. Meinen Kindern machte das übrigens nichts aus. Die schnappten sich einfach zwei Einzelsocken, die sich entfernt ähnlich sahen. 

Eine Weile lang ging das ganz gut so, doch in letzter Zeit begann ich mich zu fragen, ob es denn nicht doch einen Weg gäbe, die getrennten Socken wieder zusammenzuführen. Seither beauftrage ich die Sockenpatrouille wieder vermehrt, die Einzelsocken in den Kinderzimmern aufzuspüren. Die Patrouille zeigt sich nicht gerade begeistert über diesen Auftrag, doch durch einen gezielten Verzicht auf Sockenwaschen ist es mir gelungen, den Nachschub in den Kleiderschränken derart zu verknappen, dass sich die Patrouille gezwungen sieht, alles einzusammeln, was noch da ist. Die – gewöhnlich schmutzigen – Einzelsocken kommen gemeinsam mit den intakten Sockenpaaren in ein gesondertes Waschbecken, so dass keiner in Versuchung kommen kann, sich in Kissenbezügen, Hosenbeinen und dergleichen zu verkriechen. Ist das Sockenbecken voll, kommt alles in ein Waschnetz, um zu verhindern, dass sich trennungswillige Socken mithilfe der gefrässigen Waschmaschine aus dem Staub machen. Zuweilen will es der Zufall, dass sich getrennte Paare bereits im Waschnetz wieder finden, alle anderen Einzelsocken kommen nach dem Waschen in die Sockenauffangstation, wo sich eine geduldige Expertin – meine Mutter – um die Zusammenführung der getrennten Paare kümmert. 

Mit diesem ausgeklügelten System und meinem neu gefundenen Elan hoffe ich, die Scheidungsrate in der Sockenschublade deutlich zu senken. Damit ich am Ende meines Lebens behaupten kann, zumindest ein Problem des modernen Lebens hätte ich aus der Welt geschafft. 

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Nur ein bisschen Langeweile, bitte

Wäre es nicht wunderbar, wenn man sich mal wieder langweilen dürfte? Nicht allzu lange natürlich, nur einen Tag oder zwei, vielleicht auch drei. Nein, nicht diese Tage, an denen man im faul im Liegestuhl liegt und sich von der Sonne bescheinen lässt, sondern Tage, an denen alles nur langweilige Routine ist. Tage, an denen man abends getrost sagen kann, dass man erledigt hat, was man sich vorgenommen hat. Alles schön nach Plan, vielleicht sogar auf die Viertelstunde genau. 

Kein Backofen, der mitten im Einmachen von Tomaten seinen Geist aufgibt. Keine unangemeldeten Besucher, die den Schreibfluss unterbrechen. Keine Computerpannen, keine „Mist, ich muss doch heute noch unbedingt…“-Momente, keine Milchpfützen auf dem Fussboden, kein spontanes Einspringen für jemanden, der in der Tinte sitzt, keine hektische Suche nach verschwundenen linken Kindersandalen und Schulheften mit Eselsohren. Einfach nur öder, geregelter Alltag, über den man jammern würde, wenn man ihn täglich auf die gleiche graue Weise durchstehen müsste. 

Es käme mir nicht im Traum in den Sinn, mir ein solches Leben zu wünschen. Zu farblos, zu vorhersehbar, zu langweilig eben. Aber hin und wieder ein solcher Tag, der einem erlaubt, durchzuatmen und zu erledigen, was man andauernd vor sich her schiebt, weil immer irgend etwas die Pläne über den Haufen wirft, das wäre schon nett. 

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Schon wieder fremdbestimmt

Als unsere Kinder klein waren, war mein Leben fast rund um die Uhr fremdbestimmt. Ich nahm mir am Morgen fest vor, ein entspannendes Bad zu nehmen, wenn die Kleinen Mittagsschlaf hielten und stattdessen kroch ich nach dem Mittagessen auf dem Fussboden herum und wischte Erbrochenes auf. Ich ging früh zu Bett, um endlich mal wieder zu schlafen, doch just als mir die Augen zufielen, drang aus dem eben noch stillen Kinderzimmer vielstimmiges Geschrei, das bis morgens um drei anhielt. Anstatt den dringend nötigen Wohnungsputz vorzunehmen, sass ich gelangweilt am Planschbecken und passte auf, dass keiner ertrinkt, zum Mittagessen gab es Milchreis anstelle von scharf gewürztem Curry und in den Ferien fuhren wir mit der Familienkutsche ins Kinderhotel, anstatt mit dem Nachtzug nach irgendwo.

Zugegeben, es war nicht immer einfach und auch wenn ich heute oft mit verklärtem Blick auf jene Tage zurückschaue, so erinnere ich mich doch noch an viele Momente der Überforderung und des Frusts. Dennoch war es okay so, wie es war. Ich stellte meine eigenen Interessen ja nicht für irgendwen in den Hintergrund, sondern für die Kinder, die ich über alles liebe. Die Kinder, für die wir uns ganz bewusst entschieden haben und die das Beste sind, was das Leben und hat schenken können. Ja, ich war fremdbestimmt – und „Meiner“ auch – aber das gehört sich so in der Phase, in der die Kinder zu klein sind, um für sich selber zu schauen. 

Heute ist das anders. Unsere Kinder werfen zwar immer noch hie und da meine Pläne über den Haufen und überschreiten meine Grenzen, aber im Grossen und Ganzen haben sie begriffen, dass ich eine eigenständige Person bin, die auch ab und zu ihre Freiheit braucht. Darum wage ich allmählich wieder, an einen – bis zu einem gewissen Grad – geregelten und planbaren Tagesablauf zu glauben. Ich stehe morgens nicht mehr mit dem Bewusstsein auf, dass alles, was ich mir für den Tag vorgenommen habe, ohnehin liegen bleiben wird. Wenn ich genug geschlafen habe, bin ich voller Tatendrang, weil es so viele Dinge gibt, die ich machen darf oder will. Zwar sorgen die Menschen und Tiere in unserem Haus noch immer für viel Unvorhergesehenes, aber im Vergleich zu früher ist das ein Klacks und das verleiht mir neue Energie.

Neue Energie, aber auch eine gewisse Überempfindlichkeit gegenüber jenen, die mir andauernd mit kleinen Störungen die Freiheit rauben, die ich nach Jahren der berechtigten Fremdbestimmung nun wieder geniessen möchte. Solange es liebe Freunde oder Verwandte sind, macht mir das nichts aus, denn für sie hatte ich in den vergangenen Jahren ja auch nicht gerade viel Zeit. Auf alle anderen aber reagiere ich derzeit ziemlich allergisch. Auf die fremden Kinder, die ohne zu klingeln und ohne um Erlaubnis zu fragen plötzlich bei mir in der Küche stehen und sich nicht abwimmeln lassen. Auf die Anrufer, die mir mit unsinnigem Werbegeschwätz Zeit stehlen. Auf Leute, die mir irgend eine ehrenwerte Aufgabe aufschwatzen wollen, weil ich jetzt ja wieder mehr Zeit habe. Auf Telefontechniker, die anstatt ihrer Arbeit nachzugehen, mit mir über unsere Katzen quatschen wollen. Auf inhaltlosen Smalltalk beim Einkauf, weil gewisse Leute sich nicht mit einer kurzen Begrüssung und einem Nachfragen nach der Befindlichkeit zufrieden geben können. Auf Anrufer, die eigentlich „Meinen“ sprechen möchten, aber nicht daran denken, dass Lehrer am Vormittag gewöhnlich nicht zu Hause zu erreichen sind. 

Klar, das alles sind Kleinigkeiten, aber wenn mehrere von diesen Kleinigkeiten an einem Tag zusammenkommen, bin ich am Ende ebenso fremdbestimmt wie früher, als die Kinder noch keinen Augenblick ohne meine Anwesenheit zurechtkamen. Der einzige Unterschied ist, dass ich jene, die heute meine Zeit stehlen, nicht über alles liebe und deshalb alles für sie tun würde. Und darum werde ich einen Weg finden müssen, sie in die Schranken zu weisen. 

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Ehefrauentest

Man kennt sie ja, die „Persönlichkeitstests“, die auf Facebook ihre Runden machen. „Welche Blume bist du?“, „Welche Farbe passt zu dir?“, „Welche Märchenfigur ist dir ähnlich?“ und solchen Kram. Manchmal, wenn ich die Sekunden zwischen „Mama, hilfst du mir mal bei diesen Rechnungen?“ und „Guten Tag, Frau Venditti. Ist „Ihrer“ vielleicht zu Hause?“ überbrücken muss, klicke ich mich durch einen dieser dämlichen Tests, weil ich dämliche Tests und noch dämlichere Resultate schon immer gemocht habe. Heute landete ich bei „Bist du eine gute Ehefrau?“ Im Folgenden die sieben Fragen und die Antworten, die man hätte geben müssen, um zur Ehefrau des Jahrhunderts gekürt zu werden:

1 Frage: „Wie gern gehst du Hausarbeit nach?“

Hausarbeit ist das Grösste in meinem Leben. „Meiner“ hat nämlich gar keine Frau gesucht, sondern eine Haushälterin. Ich habe als Erste auf das Inserat geantwortet und weil ich seine Unterwäsche stets so schön gebügelt habe, hat er sich meiner erbarmt und mich geheiratet.

2. Frage: „Wie sieht es denn mit Kindern aus?“

Natürlich hat er auch noch meine Fruchtbarkeit testen lassen, ehe er mir einen Heiratsantrag gemacht hat. Hätte ich ihm keine Söhne geboren, hätte er mich verstossen. 

3. Frage: „Was ist für dich die Erfüllung deines Lebens?“ (Als Antwort stehen zur Auswahl: Kind, Job oder perfekte Work-Life-Balance.)

Seitdem er mich geheiratet hat, bin ich wunschlos glücklich. 

4. Frage: „Nach einem anstrengendem (sic!) Arbeitstag kommst du nach Hause, keiner hat bislang gekocht. Jeder hat Hunger. Was tust du?“

In meiner Familie kommt diese Situation nie vor, denn mein Lebenssinn besteht darin, die Meinen stets mit reichlich gesunder Kost zu versorgen. 

5. Frage: „Du bist im Edeka einkaufen. Wie gehst du dabei vor?“

Als ich „Meinem“ mal erzählte, wie ich einkaufe, hatte er danach tagelang Zweifel, ob er mich wirklich heiraten will. Nachdem ich ihm versprochen habe, mein Einkaufsverhalten zu ändern, hat er mir dann doch eine Chance gegeben. 

6. Frage: „Wähle:

  • Grosses, freistehendes Einfamilienhaus in ruhiger Wohnsiedlung
  • Schickes Loft mitten in der Stadt
  • Schnuckeliges Reihenhaus am Stadtrand“

Wo auch immer er zu leben wünscht, werde ich ihm ein wohliges Heim bereiten, in dem er sich von dem harten Männerleben da draussen erholen kann. 

7. Frage: „Dein Mann bittet dich, ihn bei einem wichtigen Geschäftsdinner zu begleiten. Eigentlich hast du aber keine Lust und müsstest viel dringendere Dinge erledigen. Was tust du?“

Sein Wunsch ist mir Befehl, aber ich muss ihn erst um Geld bitten, damit ich mir etwas Passendes zum Anziehen kaufen kann. Schliesslich will ich ihm keine Schande machen. Am Abend selber werde ich nicht von seiner Seite weichen und pausenlos bewundernd zu ihm aufblicken. 

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Vielseitigkeit

An Tagen wie heute merke ich, dass ich eben doch vielseitiger bin, als mir bewusst ist. Ich kann nämlich:

  • Gute Miene zum bösen Spiel machen, wenn mir der Techniker mitteilt, er könne unsere Telefonleitung nicht reparieren, da müsse der Hauselektriker her. Sogar die bissige Bemerkung, auf eine solche Nachricht hätte ich nicht vier Tage warten müssen, kann ich mir verkneifen. 
  • Meinen ganzen Frust über einen vergeudeten Arbeitsmorgen – der nette Herr Techniker hat mich fast zwei Stunden vom Internet abgehängt – an hausgemachtem Kartoffelbrei auslassen.
  • Meinen Ekel überwinden und Kalbsschnitzel panieren. Ohne Handschuhe.
  • Den Hauselektriker anrufen und die Dame am Empfang ganz nett bitten, doch bald jemanden zu schicken, weil ich schon furchtbar lange ohne Telefon sei. Was daran so besonders ist? Nun, zuweilen gerate ich in Versuchung, meinen Frust an Unschuldigen auszulassen.
  • „Meinem“ technische Probleme aus dem Weg räumen, damit er heute Abend einen einwandfreien Vortrag halten kann. Okay, ob der Vortrag wirklich einwandfrei war, werde ich erst wissen, wenn er wieder zu Hause ist. 
  • Den Zoowärter ganz furchtbar ungerecht behandeln und ihn nie zu Wort kommen lassen. Dies zumindest seine Sicht der Dinge.
  • Mich dezidiert dafür einsetzen, dass der Zoowärter nicht immer unterbricht, wenn Karlsson mir von einer Begebenheit in der Schule erzählen will. Dies meine Sicht der Dinge.
  • Ungerührt dabei zusehen, wie der Elektriker den ganzen Wandschrank ausräumt, weil er nach langem Suchen herausgefunden hat, dass die kaputte Telefonleitung sich dort befindet.
  • Nicht in Tränen ausbrechen, wenn mir der Elektriker mitteilt, er habe soeben eine Telefonleitung entsorgt, die schätzungsweise aus den Dreissigerjahren des letzten Jahrhunderts stammt.
  • Meinen Kaffee lauwarm geniessen, weil ich gefühlte hundertmal davon abgehalten worden bin, als er noch heiss war.
  • Mir durchaus bewusst sein, wie dumm es ist, sich über das andauernde Klingeln des Telefons aufzuregen, wo ich doch unbedingt wollte, dass die Leitung so schnell als möglich wieder repariert wird. (War irgendwie ruhiger, als das Ding eine Woche lang stumm blieb.)
  • Karlsson beinahe ungerührt sagen, ich wüsste beim besten Willen nicht, wie ich ihn heute ins Nachbardorf chauffieren solle, wo ich doch das Haus voller Kinder hätte.
  • Den ganzen Tag mit einer Scherbe im Fuss rumlaufen und so rund, als würde es mir überhaupt nichts ausmachen, dass ich keine Zeit habe, mich darum zu kümmern.
  • Beinahe platzen vor Freude, weil sich sechs Schulkameraden dafür stark machen, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat mitspielen darf und damit bewirken, dass derjenige, der unseren Sohn ausschliessen wollte, sich freiwillig entschuldigt.
  • Der Katze ein übrig gebliebenes Kalbsschnitzel servieren, weil das Futter ausgegangen ist und sie so fürchterlich klagt.
  • Einem hinreissenden kleinen Mädchen sagen, sie dürfe heute leider nicht in unserem Garten spielen, weil ich vor lauter Kindern nicht mehr wüsste, wo mir der Kopf steht.
  • Einen kleinen Taugenichts, der im Vorbeigehen dem Prinzchen „Arschloch!“ zugerufen hat, so zusammenstauchen, dass alle seine Freunde finden, ich hätte voll und ganz recht und er solle sich beim nächsten Mal gefälligst anständig aufführen. 
  • Eine Dreijährige einen ganzen Nachmittag lang mehr oder weniger geduldig davon abhalten, sich aus meinem Blickfeld zu begeben und irgendwelche Dummheiten anzustellen.
  • Mit einem riesigen, geliehenen Auto durch die Gegend kutschieren und sogar dann ruhig bleiben, als einer meinen Vortritt missachtet und beinahe das riesige, geliehene Auto zu Schrott macht.
  • Einhändig bloggen, weil gerade eine kleine Katze auf meinem Arm schnurrt.
  • Trotz vieler weiterer Kleinigkeiten, die meinen Tag zu einem Dauerlauf im Hamsterrad gemacht haben, abends noch immer wissen, wie ich heisse, wo ich wohne und wie alt ich bin. (Hundertdreissig, wenn ich mich nicht irre.)

Ist doch gut, wenn einem das Leben ab und zu die eigene Vielseitigkeit vor Augen führt. Aber muss das alles unbedingt an einem einzigen Tag sein?

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Reichlich naiv

Ich geb’s ja zu, es war reichlich naiv von mir zu glauben, so eine neue Mischbatterie sei ganz einfach anzubringen. Vor allem, wenn die Alte partout nicht von der Wand weg will. Aber ich kann doch nicht eine halbe Ewigkeit warten, bis „Meiner“ mal gar nichts um die Ohren hat und sich darum um die Verschönerung unseres uralten Badezimmers kümmern kann.

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Na ja, immerhin ist „Meiner“ jetzt dazu gezwungen, sich umgehend des Wasserhahns anzunehmen, wenn er nach Hause kommt. Es sei denn, er wolle nie wieder duschen. Was ich aus verschiedenen Gründen nicht hoffe.