Mütter

Man sollte ja eigentlich davon ausgehen können, dass eine Mutter von fünf Kindern, zwar  widerwillige aber doch immerhin Autobesitzerin, Teil einer weit verzweigten Verwandtschaft, gesegnet mit vielen Freunden und dem besten Au Pair der Welt, irgend einen Weg findet, ihr Kind von der Spielgruppe abzuholen. Aber weil diese Mutter momentan das mit der Organisation nicht so ganz auf die Reihe kriegt, war sie blöd genug, „Ihrem“ zu sagen, es sei doch kein Problem, wenn er bei diesem Mistwetter das Auto nehme, um zur Arbeit zu fahren, ohne daran zu denken, dass sie ja das Auto selber brauchen würde. Aber diese Mutter weiss, dass sie eine Mutter im Hause hat, die notfalls auch mal ihr Auto zur Verfügung stellt. Aber die Mutter der Mutter braucht heute das Auto selber. Was dann? Die Nachbarin fragen? Nein, geht nicht, denn die hat heute Vormittag bereits angefragt, ob sie das Auto der fünffachen Mutter ausleihen könne, weil die Nachbarin nicht dran gedacht hatte, dass sie heute Morgen ihr Auto braucht und deshalb „Ihrem“ gesagt hat, es sei kein Problem, wenn er bei diesem Mistwetter mit dem Auto zur Arbeit fahre… Dann eben das Au Pair fragen, ob man sich kurz ihr Auto leihen könne? Geht auch nicht, denn das Au Pair hat frei und was wäre man denn für eine Gastmutter, wenn man einen jungen Menschen einfach aus dem Bett schmeissen würde, bloss weil man mal wieder ein organisatorisches Chaos angerichtet hat?

Nun mag vielleicht jemand die Idee bringen, die Mutter könnte ja zu Fuss gehen, denn der Weg sei zwar schon weit, aber nicht so weit, dass man ihn nicht notfalls zu Fuss bewältigen könnte. Und die Mutter würde sofort sagen, dass dies durchaus eine Option wäre, auch wenn man bei diesem Mistwetter nicht gerne zu Fuss unterwegs ist. Aber die Mutter kann dennoch nicht zu Fuss gehen, denn sie hat da noch ein Prinzchen, aber keinen Kinderwagen mehr, in den sie das Kind setzen könnte. Und einen zappeligen kleinen Prinzen bei Mistwetter den Berg hochschleppen, das ist auch einer Frau, die fünfmal die Qualen der Geburt durchgestanden hat, zu viel der Anstrengung.

Da bleibt nur ein Weg, das Problem zu lösen: Darüber bloggen, in der Hoffnung, dass beim Schreiben die Erleuchtung kommt, auf welchem Wege der Zoowärter wieder zurück zu seiner Mama kommt. Und dann, mitten im Schreiben, der Anruf der Schwester, die mitteilt, die Mutter der Mutter und der Schwester werde dafür sorgen, dass der Zoowärter wieder zurück zu seiner Mutter komme. Die Mutter des Zoowärters freut sich, dass sich das Problem so problemlos lösen lässt und denkt dann, dass sie sich ja gar keine Sorgen hätte machen müssen. Denn welche Mutter lässt denn schon ihr Kind in der Tinte sitzen? Egal, wie alt das Kind ist. Und egal, wie sehr das erwachsene Kind selber Schuld ist, dass es in der Tinte sitzt, weil es momentan das mit der Organisation nicht so ganz auf die Reihe kriegt…

 

Nach den Ferien ist vor den Ferien

Man nimmt es sich ja jedes Mal vor, wenn man wegfährt: Nach der Rückkehr wird man sich nicht sogleich wieder vom Alltag mitreissen lassen. Nein, diesmal ganz bestimmt nicht. Man wird die guten Gewohnheiten, die man in der freien Zeit ausgiebig gepflegt hat – alle zwei Stunden einen Tee oder einen Kaffee trinken, das Schöne bewundern, den Gedanken nachhängen – ins ganz gewöhnliche Leben mitnehmen. Man wird sich nicht mehr so leicht hetzen lassen, man wird mit den Kindern geduldiger sein, man wird das Telefon auch mal einfach klingeln lassen, weil man in den Ferien gemerkt hat, dass es auch ohne ständige Erreichbarkeit geht. Ja, so wird man das machen.

Und dann kommt man zu Hause an und alles ist wieder wie immer. Allein das Auspacken der Koffer verursacht ein derartiges Chaos, dass man gar nicht anders kann als aufzuräumen. Dann sind da natürlich auch noch die Wäscheberge und all die Anrufe, die man während der Abwesenheit nicht hat entgegennehmen können. Spätestens nach einem Tag sind die neuen, guten Gewohnheiten wieder verschwunden, die alten, schlechten wieder da: Den Tee kalt werden lassen, weil man nur noch ganz kurz eine Mail beantworten will, den Fussboden fegen und den Tisch abräumen muss, bevor man sich so richtig entspannen kann. Die Kinder anschnauzen, obschon man sie doch eben noch so sehr vermisst hat. Irgendwann zwischen Telefonaten, Windeln wechseln und Essen einkaufen noch kurz irgend etwas in sich hineinschlingen, damit man wieder genügend Treibstoff für die nächste Runde hat. Nichts da mit genüsslichem Essen, mit bewusster Entspannung, mit Zeit zum Nachdenken. Man ist wieder da, mitten drin im Alltag, der niemals ruht.

So ist es jedes Mal und es gibt nur eines, was sich dagegen tun lässt: Den letzten Rest an neu gewonnenem Idealismus in das Organisieren der nächsten Ferien investieren. Wenn sich die Ferienstimmung nicht konservieren lässt, muss man sich eben hin und wieder eine frische Portion holen.

Bio oder billig?

Wenn man jeweils so über unser Leben liest, könnte man auf den irrigen Gedanken kommen, dass „Meiner“ und ich die perfekte Ehe führen und dass wir uns in allem und jedem einig sind. Es ist ja tatsächlich so, dass wir ziemlich gut harmonieren, aber es gibt da so eine Sache, bei der wir uns so langsam aber sicher immer weiter voneinander entfernen. Nämlich in der Frage Bio oder billig, Reformhaus oder Aldi, umweltgerecht oder budgetverträglich.

Dass es so kommen würde war schon von Anfang an absehbar. Nämlich damals, als „Meiner“ und ich einen ganzen sonnigen Sommermorgen im Schwimmbad der Frage nachgingen, ob zwischen einem Bio-Joghurt und einem gewöhnlichen Joghurt tatsächlich ein geschmacklicher Unterschied bestehe, oder ob man sich dies bloss einbilde, weil man für den Bio-Joghurt mehr bezahlt hat. Und wie das so ist im zarten Alter von siebzehn oder achtzehn Jahren, vertrat jeder die Meinung, die am weitesten von seiner Herkunft entfernt war. „Meiner“, der aus einer Familie stammt, in der man gar keinen Joghurt ass, weil das viel zu gesund und deshalb anrüchig war, vertrat vehement die Meinung, dass ein Bio-Joghurt zehnmal besser sei als jeder herkömmliche Mist aus der Migros. Ich mit meinem grünen Hintergrund – handgestrickte Jacken aus handgesponnener Wolle von den eigenen Schafen, hausgemachtes Brot aus frisch gemahlenen Körnern und Sonnenkollektoren auf dem Dach – war hingegen der Ansicht, dass Bio bloss Geldmacherei sei.

Wie das so ist im Leben, nähert man im Laufe der Jahre, wenn man fertig rebelliert hat, wieder seiner Herkunft an und so kommt es, dass „Meiner“ und ich heute die gleiche Diskussion mit umgekehrten Vorzeichen führen. Während bei mir die Dinge immer ökologischer, sozialverträglicher und natürlicher sein müssen, zieht es „Meinen“ immer öfter zum Regal mit den Billigstprodukten. Das führt dann dazu, dass „Meiner“ mir freundlich anerbietet, den Einkauf zu übernehmen, was ich im Wissen, dass er wieder billig statt Bio anschleppen wird, zu verhindern suche. Schliesslich aber muss ich ihn hin und wieder doch ziehen lassen, weil ich einfach zu viel anderes um die Ohren habe und am Ende haben wir wieder Zoff, weil „Meiner“ Eier aus Bodenhaltung gekauft hat und sich mit der faulen Ausrede „Sei doch froh, dass ich keine ausländischen Eier genommen habe“ herausredet. Dann wieder gerät „Meiner“ in Rage, wenn gegen Ende des Geldes noch ein ganzes Stück Monat übrig ist und ich dennoch darauf bestehe, möglichst viel Bio und Fairtrade zu kaufen.

So banal die Sache ist, für unsere Beziehung birgt sie erstaunlich viel Zündstoff, streiten wir doch über kaum etwas öfter, als über dieses Thema. Weshalb wir uns dennoch immer wieder versöhnen? Weil „Meiner“ insgeheim sehr genau weiss, dass ökologisch, und fair besser wäre. Und weil ich sehr genau weiss, dass unser Budget leider nicht immer ökologisch und fair verkraften kann.

Befreiend

Endlich ist es draussen. Schon lange war die Sache im Raum gestanden, aber keiner wollte der Erste sein, der es laut und deutlich ausspricht. Gut, ich hatte hin und wieder eine Bemerkung fallen lassen, aber „Meiner“ hatte stets abgewiegelt. „Nein, so schlimm ist es nicht“, hatte er gesagt. Oder: „Ach komm schon, bei mir wäre es doch auch nicht besser.“ Oder: „Wenn die Kinder dann grösser sind, wird das schon wieder.“ So redeten wir um den heissen Brei herum, aber so richtig wohl war uns beiden nicht. Mir nicht, weil mich das schlechte Gewissen plagte, ihm nicht, weil er zwar sah, dass der gute Wille da war, das Resultat aber dennoch äusserst bescheiden ausfiel.

Gestern endlich nannte er das Kind beim Namen und ich war froh, dass die Sache so offen zur Sprache kam. Ich weiss nicht genau, weshalb wir ausgerechnet gestern die nötige Offenheit aufbringen konnten, um darüber zu reden. Vielleicht lag es daran, dass „Meiner“ in den vergangenen Tagen mal wieder für Ordnung gesorgt hatte. Vielleicht ist es aber auch so, dass „Meiner“ jetzt, wo ich endlich wieder eine feste Anstellung habe und nicht mehr ausschliesslich Hausfrau bin, sich freier fühlt, Dinge anzusprechen, die mich vorher verletzt hätten. Was auch immer der Grund war, ich bin froh, dass er es gesagt hat. „Meine liebe Frau“, sagte er „du hast zwar sehr viele Talente, aber im Haushalten bist du eine Niete.“ Er sagte es nicht vorwurfsvoll, nicht herablassend und schon gar nicht im Zorn. Nein, er sprach einfach das aus, was wir beide schon lange wussten, es aber nicht offen ansprechen konnten, weil wir ohnehin keinen Weg sahen, die Dinge zu ändern.

Ich bin erstaunt, wie viel Druck von mir abgefallen ist durch diese einzige Feststellung. Denn eigentlich ist mir selber ja nicht neu, dass ich die Sache mit dem Haushalt nicht auf die Reihe kriege. Aber solange „Meiner“ noch den Schein aufrecht erhalten hatte, dass alles halb so schlimm sei, hatte ich mich unter Druck gefühlt, zumindest eine halbwegs passable Hausfrau zu sein. Denn wenn ich zwar wusste, dass ich nichts taugte, „Meiner“ aber doch in vielen Dingen auf mich zählte, musste ich mich eben abmühen, zumindest das zu schaffen, was man mir zutraute. Jetzt aber, mit dem befreienden Wissen, dass „Meiner“ in Sachen Haushalt nicht auf mein Können zählt, kann ich aufatmen. Wenn man nichts von mir erwartet, dann fällt es mir viel leichter, das Wenige, das ich auf die Reihe zu kriegen, auch richtig zu machen.

Nach diesem offenen Gespräch fühlte ich mich so erleichtert, dass ich es heute doch tatsächlich nach langer Zeit wieder mal fertig gebracht habe, die Wohnung zu putzen, ohne dabei alle anzuraunzen und wie ein wild gewordenes Wildschwein durch die Wohnung zu stürmen. Und weil ich danach noch so schön in Schwung war, zauberte ich gleich eine halbwegs gelungene Luzerner Chügelipastete, die ich unseren Gästen morgen servieren werde. (Ja, ich habe daran gedacht, dass man die Füllung erst kurz vor dem Servieren einfüllt, also keine Haushaltstipps, wenn ich bitten darf.) Vielleicht werde ich jetzt, wo ich nichts mehr beweisen muss, doch noch zu einer halbwegs passablen Hausfrau.

 

Suspekt

Nach langem Hin und Her haben „Meiner“ und ich uns nun doch dazu entschieden, nach einem neuen Au Pair zu suchen. Das bedeutet, dass ich seit einigen Tagen wieder dabei bin, die Profile all der jungen Frauen – Männer kommen bei uns nicht in Frage, weil Luise sich weigert, ein weiteres männliches Wesen in unserer Familie aufzunehmen – genau zu studieren. Neben vielen sehr sympathischen jungen Menschen gibt es da auch einige, die mir äusserst suspekt sind. Ich meine jetzt nicht diejenigen mit dem angewiderten Gesichtsausdruck, den unzähligen Piercings und der Erklärung, sie würden gerne als Au Pair arbeiten, weil sie mal endlich ihren strengen Eltern entrinnen, möglichst viel Spass und am liebsten nichts mit Kindern zu tun haben möchten. Gut, die kommen nicht in Frage für uns, da ich zwar sehr viel Verständnis für diese Wünsche habe, diese aber in unserer Familie leider nicht erfüllt werden können.

Nein, so richtig heiss und kalt läuft es mir den Rücken herunter, wenn ich Sätze wie diese lese: „Meine Eltern haben mir sehr gute Manieren beigebracht und ich würde mich selber als einen sehr moralischen Menschen beschreiben. Ich lege viel Wert darauf, den Kindern, die ich betreue, hohe Wertvorstellungen mitzugeben.“ Oder junge Frauen, die sinngemäss schreiben: „Für mich gibt es nichts Schlimmeres, als Kinder, die den ganzen Tag vor dem Fernseher sitzen. Ich werde mit Ihren Kindern tolle Spiele spielen, mit ihnen jeden Tag fünf Stunden an der frischen Luft verbringen, dafür sorgen, dass sie stets bestens verpflegt sind  und zudem dafür sorgen, dass ihr Haushalt stets in bester Ordnung ist.“ Gut, ich weiss, die jungen Frauen möchten damit wohl einfach sagen, dass sie nicht zur Kategorie „Schlampe, die den ganzen Tag Reality-TV glotzt, währenddem die Kinder sich von Chips und Cola ernähren“ gehören. Sie möchten mir zeigen, dass sie ihre Aufgabe ernst nehmen werden und dass sie mehr als nur eine Ahnung davon haben, was für Kinder gut ist und was nicht. Dennoch kommen für mich solche Frauen ebenso wenig in Frage, wie die oben erwähnten.

Warum eigentlich, wo ich doch selber ziemlich konkrete Wertvorstellungen habe und auch versuche, diese im Alltag zu leben? Wo „Meiner“ und ich doch auch viel Wert auf gesunde Ernährung, sinnvolle Freizeitgestaltung, bewussten Medienkonsum, anständige Manieren und liebevollen Umgang legen? Nun, es gibt zwei Gründe, die mich daran hindern, ein Au Pair anzufragen, das sich als die perfekte Erzieherin und Hausfrau präsentiert: Erstens misstraue ich grundsätzlich jedem Menschen, der es sich so einfach vorstellt, das, was man für richtig und wichtig erkannt hat, auch eins zu eins im Leben umzusetzen. Zu oft habe ich erlebt, dass ich trotz meiner hehren Überzeugungen genau das Gegenteil getan habe von dem, was ich hätte tun wollen: Ich habe herumgebrüllt, obschon ich tief im Innersten wusste, dass eine liebevolle Umarmung dran gewesen wäre. Ich habe die Kinder einen Film schauen lassen, obschon mir klar war, dass zwei Stunden an der frischen Luft besser gewesen wären. Ich habe ja gesagt zum Nutellabrot, auch wenn eigentlich ein Apfel sinnvoller gewesen wäre. Und das alles nur, weil es sehr anstrengend sein kann, konsequent zu sein, wenn man zum Beispiel krank auf dem Sofa liegt oder gerade mit einem Neugeborenen so beschäftigt ist, dass der stetige Kampf um die Prinzipien zu aufreibend ist. Man mag mich schwach und ohne Rückgrat nennen, aber ich für meinen Teil habe erkennen müssen, dass mir der Preis, den ich für die absolute Konsequenz bezahlen müsste, zu hoch ist.

Und dies führt mich zum zweiten Grund, weshalb mir Au Pairs, die auf absolute Konsequenz schwören, suspekt sind. Wer, wie ich, einmal zu der Sorte junger Menschen gehört hat, die allen Ernstes der Überzeugung waren, man müsste sich nur ein wenig am Riemen reissen, dann würde das schon klappen mit den perfekten Kindern und dem perfekten Haushalt, dem graut davor, einen solchen jungen Menschen zu sich einzuladen. Zu gut erinnere ich mich an meine eigene verurteilende Art, als dass ich mir heute, wo ich nicht mehr so leicht verurteilen kann, das schlechte Gewissen in Person ins Haus holen würde. Vorwürfe für mein Versagen mache ich mir schon genug, da brauche ich nicht noch jemanden im Haus, der glaubt, mir zeigen zu müssen, wie man es richtig machen würde. Nein, dann lieber jemand, der weniger perfekt, dafür aber auch etwas nachsichtiger mit meinen Fehlern ist. Und deshalb muss ich bei den „perfekten“ Au Pairs ebenso nein sagen wie bei den „gleichgültigen“.

Ach, bevor ich es vergesse: Zumindest eine der gestern gestellten Fragen hat sich geklärt. Inzwischen weiss ich, dass Monteure für Haushaltgeräte nicht nur mittwochs arbeiten, sondern auch „erst am Freitag“, wenn sie im gleichen Haushalt zwei Geräte anstatt nur eines zu reparieren haben.

Warum?

Warum muss Geschirrspüler Nummer zwei, der bis anhin nun wirklich nicht allzu arg gefordert war, ausgerechnet dann den Geist aufgeben, wenn Geschirrspüler Nummer eins eine schwere Krise durchmacht?

Warum können Monteure für Haushaltgeräte immer „erst am Mittwoch“ kommen? Arbeiten die an anderen Wochentagen nicht?

Warum muss „Meiner“, der bis heute früh den Haushalt halbwegs hat managen können, ausgerechnet dann krank werden, wenn ich feststellen muss, dass ich auch nach dem zweiten Tag im Bett noch nicht gesund genug bin, um morgen den Laden wieder zu schmeissen?

Warum müssen die Käfer, die uns im Herbst gemieden haben, ausgerechnet dann angreifen, wenn wir mal ein paar gemütliche Familientage geniessen könnten?

Warum quäle ich mich ausgerechnet dann, wenn das reale Leben ohnehin schon nervtötend ist, durch die fiktiven aber deswegen nicht minder deprimierenden Tagebücher des Adrian Mole?

Warum kommt der ganze Mist nicht schön dosiert, sondern immer als ganze Ladung auf einmal?

Warum bekommt man das Leben nicht mit einem hübschen roten Knopf – er darf von mir aus auch rosa oder gelb sein – geliefert, den man drücken kann, wenn man die irre Achterbahnfahrt mal für einen Moment lang anhalten möchte, um sich ein wenig Erholung zu gönnen?

Warum sind wir Erwachsenen so blöd, dass wir uns Erholung nur noch in Form von Kranksein gönnen?

Warum muss ich mich jetzt auch noch fragen, ob ich am Ende die einzige bin, die so blöd ist, oder ob auch andere sich immer bis zum Umfallen abmühen?

Warum kann ich an einem Tag wie heute nicht ausnahmsweise mal meine Klappe halten und still und leise vor mich hin jammern?

 

Weihnachts-Nachlese

Trotz Noro-Besuch lasse ich es mir nicht nehmen, auf die Dinge hinzuweisen, die Weihnachten 2010 zu einem wunderbaren Fest gemacht haben. Da wären zum Beispiel

– fünf rundum zufriedene kleine Vendittis, die alles bekommen haben, was sie sich gewünscht haben. Zitat Karlsson: „Ich hätte nicht geglaubt, dass ich je ein Trichtergrammophon bekommen würde und jetzt ist mein Traum wahr geworden.“

– der schönste Tea-for-One-Teekrug aller Zeiten, den ich seit vorgestern mein Eigen nennen darf.

– die Erkenntnis, dass meine Herkunftsfamilie wirklich cool ist. Nachdem ich, ein bekennendes Herdentier, mich in den vergangenen Jahren innerlich ganz bewusst von meiner Herkunftsgrossfamilie distanziert habe, um mich meiner eigenen Grossfamilie zuzuwenden, durfte ich gestern erkennen: Meine Schwestern, meine Brüder, meine Eltern und all die verschiedenen „Anhänge“ sind cool, auch wenn sie nicht perfekt sind. Dass meine Neffen und Nichten cool und obendrein nahezu perfekt sind, habe ich übrigens gar nie bezweifelt. Wie könnte ich auch, wo ich doch durch sie gelernt habe, wie großartig Kinder sind?

– ein paar noch nie gewagte kulinarische Experimente – darunter Trifle mit Birnen, weißer Schokolade und Gewürzen, ein Auflauf aus Mais und Kastanien sowie eine himmlische Fenchel-Kartoffelsuppe mit Anis – die mir heute noch trotz Übelkeit und Bauchschmerzen das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen.

– Karlssons Kompliment, dass ich aufgrund meines Weihnachtsmenüs endlich einen Preis bekommen sollte. Aber was will ich mit Preisen, wo doch die Tatsache, dass selbst der FeuerwehrRitterRömerPirat beherzt zugegriffen hat, die höchste aller Auszeichnungen ist?

– das Weihnachtsgeschenk, das „Meiner“ und ich uns gönnen: Drei Tage Prag ohne Kinder und es haben sich so viele Leute freiwillig zur Kinderbetreuung gemeldet, dass wir uns ganz dringend noch zwei oder drei Knöpfe zulegen sollten, um die Nachfrage nach zu betreuenden kleinen Vendittis zu befriedigen.

Das also wären die Highlights. Dass ich obendrauf noch völlig unbeabsichtigt zu einem Haussklaven – auch Roboter-Staubsauger genannt -gekommen bin, erzähle ich dann vielleicht bei anderer Gelegenheit ausführlicher. Denn zuerst muss sich erweisen, ob das Ding tatsächlich solch ein Segen ist, wie es momentan noch den Anschein macht.

Wenn ich ein Geschirrspüler wäre…

… dann würde ich es auch so machen. Ich würde Tag für Tag klaglos meinen Dienst tun und würde höchstens leise vor mich hin brummen, dass es doch eine Schweinerei sei, dass diese Vendittis immer so viel schmutziges Geschirr haben und dass es eine himmelschreiende Ungerechtigkeit ist, dass das Au Pair einen Lohn kriegt, die Maschine, die auch noch da sein wird, wenn das Au Pair längst wieder weg ist, hingegen nicht. Ich würde mich darüber ärgern, dass die mich nicht wahrnehmen, aber ich würde dennoch schön brav tun, was von mir erwartet würde. Auch wenn diese Vendittis einem ganz schön etwas zumuten können, wenn sie einen bis oben hin mit Pfannen vollstopfen, bloss weil sie zu faul sind, hin und wieder selber zu Spülbürste und Geschirrtuch zu greifen.

So würde ich das tun, aber irgendwann wäre es leid, täglich ohne Dank und Lob die gleiche Arbeit tun zu müssen und deshalb würde ich mir überlegen, wann die mich denn am meisten vermissen würden, wenn ich meinen Dienst verweigern würde. Vielleicht am Geburtstag eines der Kinder? Oder wenn Gäste da sind? Nein, alles viel zu wenig effektvoll. Die müssten wirklich spüren, wie unverzichtbar ich bin. Und deshalb würde ich den Entschluss fassen, ein paar Tage vor Heilig Abend mit einem eigenartigen Piepsen anzufangen. Ich würde aber meine Arbeit weiterhin so halbwegs erledigen, so dass diese Vendittis nicht auf die Idee kommen, einen Monteur zu rufen. Und dann, am 23. Dezember, kurz vor Feierabend würde ich ein letztes hysterisches Piepsen von mir geben und darauf einfach meine Arbeit niederlegen. Der Anblick der verzweifelten Vendittis, die nicht mehr wissen, wohin mit all dem schmutzigen Geschirr, das sich ansammelt, weil sie mal wieder so unglaublich viel kochen und backen wollen zu Weihnachten, würde mich für all meine Mühen entschädigen.

Genau das würde ich tun, wenn ich ein Geschirrspüler wäre und deshalb habe ich auch ein gewisses Verständnis für unseren Geschirrspüler, der genau dies getan hat. Dumm nur, dass der Geschirrspüler vergessen hat, dass oben, in unserer Zweitküche – ja, wir haben zwei Küchen, fragt mich bitte nicht, weshalb und vertraut mir einfach, dass es Gründe, wenn auch nicht besonders einleuchtende, dafür gibt – ein armer vernachlässigter Kollege steht, der auch so gerne wieder mal arbeiten möchte. Und deshalb lassen wir uns nicht von einem übel gelaunten Haushaltgerät das Fest verderben, sondern nützen die Gelegenheit, ein paar überschüssige Kalorien abzubauen, indem wir das schmutzige Geschirr nach oben tragen.

Frohe Weihnachten allerseits!

Auch nur ein Mensch

Wir Christen zerbrechen uns ja gerne den Kopf darüber, was Gnade sei. Ob Menschen, die anders glauben als wir, sich auch so sehr mit diesem Thema auseinandersetzen, weiss ich nicht. Ich weiss aber, dass ich schon unzählige Predigten zu diesem Thema gehört habe und dass mir der Begriff dennoch immer ein wenig schleierhaft geblieben ist. Gestern Abend brachte ein einziger Satz zustande, was endlose Predigten bis jetzt bei mir nicht geschafft hatten: Ich erlebte, wie es sich anfühlt, wenn jemand gnädig ist.

Wie ihr wohl mitgekriegt habt, entsprach ich gestern noch weniger der perfekten Mutter, als ich es gewöhnlich tue. Ja, ich weiss, die perfekte Mutter gibt es nicht. Aber machen wir uns doch nichts vor: Wir versuchen dennoch insgeheim, die Erste zu sein, die es schafft. Ich schaffe es nicht. An gewöhnlichen Tagen nicht und gestern erst recht nicht. Abends, bevor die Kinder zu Bett gingen, rief ich sie deshalb noch einmal zusammen und gestand ihnen unter Tränen, wie Leid es mir tue, dass ich so eine böse, ungeduldige, schlecht gelaunte, brüllende, ungerechte Versagermama gewesen sei. Gut, ich kroch nicht mehr im Staube, wie ich es früher getan hätte, aber ich habe dennoch ganz offen und ehrlich darüber geredet, wie gerne ich dem Tag eine andere Wendung gegeben hätte, wie ich es aber einfach nicht geschafft hätte, das Steuer herumzureissen um uns alle wieder auf einen friedlicheren, liebevolleren Weg zu bringen. Anders als sonst hielt ich dabei den Kindern nicht vor, wie viel sie selber dazu beigetragen hatten, dass der Tag so schrecklich geworden war. Denn was nützt eine Entschuldigung, die zugleich dem anderen Schuld auflädt?

Für einmal hörten mir die Kinder brav zu. Nun gut, das Prinzchen hätte wohl nicht zugehört, sondern alles nachgeplappert, aber weil er schon schlief, schwieg er ausnahmsweise auch. Als ich mit meiner Rede am Ende war, schauten mich die vier Knöpfe treuherzig an und murmelten etwas von „wir haben ja auch ziemlich blöd getan“. Und dann sagte Luise diesen entscheidenden Satz, der alles besser machte: „Weisst du Mama“, sagte sie ernst „du bist auch nur ein Mensch.“ Ein banaler Satz? Nicht in diesem Moment, denn mit diesen wenigen, sonst oft so leeren Worten hatte Luise mir klar gemacht, dass sie damit leben kann, dass ich nicht perfekt bin, ja, mehr noch, dass sie gar nicht erwartet, dass ich alles richtig mache. Mit dieser einen klaren Aussage hatte Luise all mein Herumbrüllen, all meine Ungeduld und meine Unzufriedenheit in einen Abfallsack gestopft und den Sack zugebunden. Und durch ihr zustimmendes Nicken bestätigten mir Karlsson, der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter, dass sie das ganz genau gleich sahen wie ihre Schwester.

Ach ja, ganz durchschaut habe ich das grosse theologische Geheimnis dennoch nicht. Denn anstatt den Abfallsack, den mir meine Kinder so gnädig geschnürt hatten, im Müll zu entsorgen, nahm ich all den Mist später noch einmal hervor, schaute mir voller Abscheu jedes meiner Versagen noch einmal an und als „Meiner“ nach drei sehr langen Elterngesrprächen nach Hause kam, musste er sich den ganzen Müll auch noch einmal anschauen. Aber immerhin habe ich es danach fertig gebracht, zu mir selber zu sagen „Was soll’s? Du bist eben wirklich nur ein Mensch und morgen ist ein neuer Tag, an dem du es zwar nicht perfekt, aber immerhin besser machen kannst.“

Was übrigens auch keine grosse Kunst war, denn um heute eine bessere Mama als gestern zu sein, brauchte es nun wirklich nicht viel…

Nicht lernfähig?

An gewissen Tagen zweifle ich, ob ich je lernen werde, was das Leben mir so gerne beibringen will. Zum Beispiel an Tagen wie heute, an denen man von morgens um sieben bis abends um halb neun pausenlos auf Achse ist. Tage, an denen man abends um halb neun mit leerem Blick auf das schmutzige Geschirr starrt, das auch noch weg sollte. Tage, an denen man gar nicht erst daran denken darf, dass da auch noch die Wäsche wartet. Tage voller Versagen – ich hatte doch geglaubt, ich hätte mir das Herumbrüllen abgewöhnt – Tage voller Ärger über Dinge, die es nicht Wert sind, Tage, die man sich selber schwer gemacht hat, weil man mal wieder zu allzu vielen Dingen ja gesagt hat.

Tage wie heute lassen mich ernsthaft daran zweifeln, ob ich es je ganz schaffen werde, über den Berg zu kommen. Sie bringen mich zum Grübeln darüber, ob es denn wirklich einen Unterschied macht, wenn man sich nicht mehr aus Angst, sondern aus Leidenschaft verausgabt. Stimmt es, dass das, was man mit Begeisterung tut, einem soviel zurückgibt, dass man nicht ausbrennt? Oder redet man sich dies alles bloss ein, weil man zu feige ist, endlich zu lernen, nicht stets an der Belastungsgrenze zu leben?

Heute Abend habe ich auf all diese Fragen noch viel weniger eine Antwort als sonst. Dafür aber weiss ich, das die Küche noch aufgeräumt, die Wäsche noch aufgehängt und die Weihnachtsgeschenke noch verpackt werden müssen. Ist doch gut, immerhin weiss ich noch, was ich zu tun habe. Wo ich schon nicht weiss, ob ich mich mal wieder verrannt habe.