Die Instagram-Krise

Keine Frage, unsere Teenager befinden sich derzeit auf Konfrontationskurs. Kaum hat sich die Zahnfee-Krise gelegt, ist heute die Instagram-Krise ausgebrochen. Schuld daran ist einzig und alleine Luises Fleiss, der sich in letzter Zeit ganz gewaltig entwickelt hat. Das Kind hat sich ein Ziel gesetzt und um dieses Ziel zu erreichen, muss sie sich hinter die Bücher machen. Das haben nicht wir ihr gesagt, das hat sie selbst begriffen und darum lernt sie mit einem Eifer, den sie gewöhnlich nur für neue Schuhe, neugeborene Tiere, die Jungschar oder Familienfeste aufbringt. (Himmel, wie schafft sie das nur, sich im zarten Alter von elf Jahren nicht nur Ziele zu setzen, sondern diese auch zu verfolgen? Ich musste erst mal fünfzehn werden, einen anständigen Mathelehrer bekommen und mich von einigen schlechten Einflüssen distanzieren, ehe ich in der Lage war, mir zum Ziel zu setzen, wenigstens in Deutsch, Geschichte, Englisch und Französisch ganz vorne mitzumischen.)

Nun also, wo sie so fleissig war und sich die ersten Früchte ihrer Arbeit zeigten, war für Luise die Zeit gekommen, sich eine Belohnung zu gönnen und diese Belohnung sollte auf den klingenden Namen Instagram hören. Die hat sie sich dann auch sogleich ohne Rücksprache mit uns heruntergeladen und in Betrieb genommen. Nun gut, Luise behauptet natürlich, ich hätte die Erlaubnis erteilt. Offenbar verstand sie mein „Lass uns mal in Ruhe darüber sprechen“, das ich zwischen Tür und Angel aussprach, als „Aber natürlich darfst du dir Instagram herunterladen. Und wo du schon dabei bist, könntest du dir doch auch noch ein Facebook-Profil einrichten.“ Mit glänzenden Augen teilte sie mir heute mit, sie hätte bereits drei Freunde auf Instagram und werde jetzt dann gleich noch den Papa anfragen. Ob ich wisse, wie der auf Instagram heisst. 

Ich war nicht gerade erfreut ob dieser Nachricht, war aber nach einigem Nachdenken gewillt, Luise diese Belohnung zu gönnen. Immerhin wird sie in ein paar Monaten zwölf und da sie sich der Gefahren von Social Media nicht nur bewusst ist, sondern diese auch sehr ernst nimmt und mir freiwillig alles Unangenehme, das ihr bei WhatsApp begegnet, haarklein schildert, glaubte ich, ihr Instagram zutrauen zu können. „Meiner“ sah das ähnlich und Luise durfte ihre weiteren Schritte auf Instagram mit elterlicher Genehmigung machen. Zu dumm, dass Luise schon bald einmal ihrem grossen Bruder in die virtuellen Arme lief  – war vielleicht nicht besonders schlau von ihr, sein Bild zu liken – und dieser war alles andere als erfreut über die Begegnung mit seiner Schwester. 

Das Gewitter der Entrüstung entlud sich natürlich über mir. Nie habe ich ihm etwas erlaubt, immer musste er warten, bis ich endlich mein Einverständnis gab. Luise muss nicht mal fragen, er aber musste mich auf den Knien anflehen. Dann macht er ab jetzt eben auch einfach, was er will und nein, er wird mir nie verzeihen, egal, wie sehr ich mich darum bemühe, die Sache wieder ins Lot zu bringen, etc. Wer mit einem Teenager unter einem Dach lebt oder nicht vergessen hat, wie er selber mal war, kennt die Leier. Und diese Leier hat durchaus ihre Berechtigung. Stelle ich mich auf Karlssons Position, kann ich nämlich die Ungerechtigkeit, die ihn zur Weissglut treibt, durchaus erkennen.

Was also tun? Eigentlich haben „Meiner“ und ich mal klipp und klar gesagt, Social Media gäbe es erst ab dem Alter, ab dem der jeweilige Dienst freigegeben ist und Luise hat diesen Entscheid untergraben. Andererseits gab es für Karlsson, als er in Luises Alter war, ein eigens für ihn ausgedachtes Mathe-Lern-Belohnungssystem, das Luise weder will noch braucht, weil sie sich selber motiviert. Ein Entgegenkommen in Sachen Instagram wäre also durchaus vertretbar…

Uns stehen wohl noch ein paar harte Krisengespräche bevor, ehe wir zu einem für beide Seiten fairen Entscheid gelangt sind. Immerhin aber haben die ersten Gespräche am runden Tisch bewirkt, dass die Zwei sich nicht mehr gegenseitig anknurren, wenn sie einander im Flur begegnen.

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Die Zahnfee-Krise

Gestern Abend, kurz vor zehn Uhr, Luise kommt zu mir in die Küche: „Mama, der Zoowärter hat einen Zahn verloren und ihn unter sein Kopfkissen gelegt, damit die Zahnfee ihn holen kommt. Du musst ihm unbedingt ein kleines Geschenk unters Kissen legen.“

Ich: „Warum soll ich jetzt plötzlich die Zahnfee spielen? Das habe ich bei euch doch auch nie gemacht.“

Luise: „Wenn du wüsstest, wie sehr ich immer gehofft habe, die Zahnfee würde kommen…“

Ich: „Du armes Kind! Warum hast du mir nichts davon gesagt? Nicht im Traum wäre ich auf die Idee gekommen, dass du an die Zahnfee glaubst. Woher auch? Ich habe euch diesen Bären ja nicht aufgebunden. Es tut mir ganz schrecklich leid…“

Luise (unterbricht mich): „Ist schon okay, Mama. Aber der Zoowärter muss unbedingt etwas bekommen. Er wünscht es sich doch so sehr. Stell dir vor, wie traurig er sein wird, wenn morgen der Zahn noch immer unter dem Kissen liegt.“ (Irre ich mich, oder schwingt in Luises Stimme ein Hauch von bitterer Erfahrung mit?)

Ich: „Na gut, dann leg ihm eben dieses Fläschchen Fruchtnektar unters Kopfkissen.“

Heute Morgen am Frühstückstisch. Der Zoowärter streckt mir freudestrahlend den Fruchtnektar entgegen: „Sie mal, Mama, die Zahnfee war bei mir!“

Karlsson: „Die Zahnfee war hier? Zu mir ist die nicht ein einziges Mal gekommen und dabei habe ich mir das immer so sehr gewünscht.“

Ich: „Aber Karlsson, warum hast du mir das denn nie gesagt?“

Karlsson: „Abend für Abend habe ich meine ausgefallenen Zähne unter mein Kopfkissen gelegt und Morgen für Morgen war ich enttäuscht, weil kein Geschenk unter dem Kopfkissen lag…“

Zoowärter: „Aber zu mir ist sie gekommen!“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Zu mir ist sie nur ein einziges Mal gekommen. Sie hat mir Smarties gebracht.“

Karlsson: „Und zu mir nicht ein einziges Mal. Bei den Kleinen macht man plötzlich Dinge, an die bei mir keiner gedacht hat.“

Ich: „Ich hätte überhaupt nichts gemacht, wenn Luise mich nicht bestürmt hätte.“

Karlsson: „Es ist trotzdem unfair.“

Ich: „Natürlich ist es das und es tut mir auch ganz schrecklich leid, aber ich wusste doch gar nicht, dass du an die Zahnfee glaubst. Glaub mir, hätte ich gewusst, wie sehr du dir das wünschst, ich hätte dir sofort etwas unters Kopfkissen gelegt. Es tut mir wirklich von Herzen leid. Aber ich habe euch doch immerhin sonst mal die eine oder andere Überraschung geboten…“

Karlsson: „Ja schon, aber die Zahnfee ist halt trotzdem nie gekommen…“

Irgendwann verlief das Gespräch im Sande und ich blieb alleine mit meinem schlechten Gewissen in der Küche zurück. Kein Zweifel, in Sachen Zahnfee habe ich komplett versagt, weil es mir nicht im Traum in den Sinn gekommen wäre, diesen mir vollkommen fremden Brauch zu pflegen. Und das Dümmste an der Sache ist: Ich kann es nicht wieder gut machen, indem ich bei den Kleinen nachhole, was ich bei den Grossen verpasst habe, ohne die Grossen vor den Kopf zu stossen. Die Zahnfee weiterhin ignorieren geht wohl auch nicht mehr, denn nach der heutigen Krise weiss auch das Prinzchen, was Kinder zu erwarten haben, wenn sie ihre Milchzähne verlieren. Mir bleibt also gar nichts anderes übrig, als auf diesem Gebiet weitere Fehler zu begehen.

Blöde Zahnfee.

Und zu mir ist sie auch nie gekommen. Nicht ein einziges Mal. 

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Sockenpaare

Nach einer längeren Pause betätige ich mich seit einiger Zeit wieder in der Sockenzusammenführung. Die Pause war nötig geworden, weil ich es einfach nicht mehr länger mitansehen konnte, wie harmonische Sockenpaare scheinbar grundlos getrennte Wege gehen, manche erst nach mehreren Jahren, andere bereits kurz nach dem Einkauf. Es wollte mir beinahe das Herz brechen, wenn ich nutzlose Einzelsocken irgendwo in einem der vielen Winkel unserer Wohnung liegen sah und doch sah ich irgendwann keinen Sinn mehr darin, mich dem Kitten der gescheiterten Sockenbeziehungen zu widmen. Zwar konnte ich mich nicht dazu durchringen, die sitzengelassenen Einzelsocken zu entsorgen – dies tat jeweils „Meiner“, der in solchen Dingen weniger sentimental veranlagt ist als ich -, ich bot aber auch keine ausgedehnten Therapiesitzungen für Sockenpaare, die ihrer Beziehung eine neue Chance geben wollten, mehr an. Ich hatte schlicht und einfach resigniert ob der immensen Scheidungswelle. Meinen Kindern machte das übrigens nichts aus. Die schnappten sich einfach zwei Einzelsocken, die sich entfernt ähnlich sahen. 

Eine Weile lang ging das ganz gut so, doch in letzter Zeit begann ich mich zu fragen, ob es denn nicht doch einen Weg gäbe, die getrennten Socken wieder zusammenzuführen. Seither beauftrage ich die Sockenpatrouille wieder vermehrt, die Einzelsocken in den Kinderzimmern aufzuspüren. Die Patrouille zeigt sich nicht gerade begeistert über diesen Auftrag, doch durch einen gezielten Verzicht auf Sockenwaschen ist es mir gelungen, den Nachschub in den Kleiderschränken derart zu verknappen, dass sich die Patrouille gezwungen sieht, alles einzusammeln, was noch da ist. Die – gewöhnlich schmutzigen – Einzelsocken kommen gemeinsam mit den intakten Sockenpaaren in ein gesondertes Waschbecken, so dass keiner in Versuchung kommen kann, sich in Kissenbezügen, Hosenbeinen und dergleichen zu verkriechen. Ist das Sockenbecken voll, kommt alles in ein Waschnetz, um zu verhindern, dass sich trennungswillige Socken mithilfe der gefrässigen Waschmaschine aus dem Staub machen. Zuweilen will es der Zufall, dass sich getrennte Paare bereits im Waschnetz wieder finden, alle anderen Einzelsocken kommen nach dem Waschen in die Sockenauffangstation, wo sich eine geduldige Expertin – meine Mutter – um die Zusammenführung der getrennten Paare kümmert. 

Mit diesem ausgeklügelten System und meinem neu gefundenen Elan hoffe ich, die Scheidungsrate in der Sockenschublade deutlich zu senken. Damit ich am Ende meines Lebens behaupten kann, zumindest ein Problem des modernen Lebens hätte ich aus der Welt geschafft. 

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Bagatelle

Da meine geschätzte Leserschaft inzwischen bestimmt die Nase voll hat von Spitalgeschichten, in meinem Kopf derzeit aber nicht viel anderes herumschwirrt, heute nur diese kleine Begebenheit:

Da gehe ich abends um halb neun am Empfangsschalter der Notaufnahme vorbei. Es wimmelt von aufgeregten Eltern und weinenden Kindern und aus dem Stimmengewirr höre ich, wie die Dame am Empfang mit einer kaum wahrnehmbaren Spur von Ungeduld in der Stimme einen ziemlich forsch auftretenden Vater fragt: „Sie waren also gestern Abend bereits hier und man hat nichts Schwerwiegendes herausgefunden?“ 

Mehr brauchte ich nicht zu hören, um dem lieben Gott zu danken, dass ich damals, als es um die Berufswahl ging, nicht den Weg in Richtung Pflege eingeschlagen habe. Nicht einen Tag würde ich Eltern aushalten, die es tagsüber nicht fertig bringen, ihr Kind zum Arzt zu bringen, dann aber abends die Notfallstation wegen Bagatellfällen aufsuchen. 

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Das Schreckgespenst gibt sich zahm

Die Hirnhautentzündung ist ein Schreckgespenst, vor dem nicht nur ich grossen Respekt habe. Die meisten von uns bekommen ein mulmiges Gefühl, wenn wir davon hören und vor allem wir Eltern rennen lieber einmal zu viel zum Arzt, aus Angst vor dem, was es anrichten könnte. Inzwischen kann ich dieses Schreckgespenst bereits zum zweiten Mal aus nächster Nähe bei seiner furchterregenden Arbeit beobachten und allmählich dämmert mir, dass es ganz unterschiedlich kann.

Bei „Meinem“ erzwang es mit furchterregend hohem Fieber, heftigen Gleichgewichts- und Sprachstörungen und extremer Schwäche einen längeren Berufsausfall und noch heute, fast zwei Jahre später, erinnert es uns mit Lärmempfindlichkeit und kleinen Gedächtnislücken daran, dass es ihn mal besucht hat. Und das Ganze war noch harmlos im Vergleich zu dem, was andere erleben.

Beim Zoowärter hingegen gibt es sich ganz zahm. Okay, da sind die heftigen Kopfschmerzen, die ohne regelmässige Gabe von Schmerzmitteln nicht zu ertragen wären. Ansonsten aber tut das Gespenst so, als wäre es gar nicht da. Kein Fieber und auch sonst keine Beeintächtigungen, mal abgesehen von einer Appetitlosigkeit, die dem gut genährten Kind aber nicht schadet. Und weil es derzeit ganz danach aussieht, als sei das Gespenst auf ganz anderem Weg zum Zoowärter gekommen als zu „Meinem“, redet man bereits davon, dass der Junge das Spital morgen wieder verlassen kann, denn die Medikamente kann man ihm auch zu Hause verabreichen.

Meinen Respekt vor dem Schreckgespenst habe ich durch diese zwei Begegnungen nicht verloren, aber immerhin habe ich das Gefühl, es jetzt ein wenig zu kennen. Und weil man mit Bekannten offener reden kann als mit Fremden, werde ich es höflich bitten, uns in Zukunft nicht mehr zu besuchen. Denn auch wenn es sich beim Zoowärter äusserst gesittet aufführt, so finde ich doch, wir hätten jetzt genug miteinander zu tun gehabt.

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Wunsch erfüllt oder so ähnlich

Nach Langeweile habe ich mich gesehnt und so etwas in der Richtung habe ich auch bekommen. Tagwache irgendwann zwischen Morgengrauen und sieben Uhr, Frühstück um halb acht, um halb neun muss das Bett auf dem Balkon stehen, Mittagessen um halb zwölf, Abendessen um Viertel nach fünf, dazwischen Sirup reichen, am Kiosk kleine Überraschungen kaufen, trösten, Fragen beantworten, Fragen stellen, Trinkprotokoll führen und warten. Alles schön vorhersehbar und geregelt.

Alles? Na ja, nicht ganz, denn wie heftig Zoowärters Hirnhautentzündung ist, was diese verursacht hat und wie es weitergeht, das lässt sich nicht vorhersehen, sondern nur Schritt für Schritt nehmen. Dankbar sein, dass die Ursache für seine unerträglichen Kopfschmerzen gefunden ist, noch dankbarer, dass es ihm den Umständen entsprechend gut geht und hoffen, dass die Genesung rasch und ohne Komplikationen voranschreitet. Mehr gibt es im Moment nicht zu tun. Zumindest hier im Spitalzimmer nicht.

Zu Hause hingegen, na ja, da gäbe es schon zwei oder drei Dinge zu erledigen, aber das muss – und darf – jetzt halt warten.

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Himmel hilf, ich werde peinlich!

Schuld daran ist einzig und alleine dieser grottenschlecht geschriebene Zwillings-Ratgeber, den ich mir derzeit als Vorbereitung auf meine nächste Artikelserie bei swissmom zu Gemüte führe. Auf jeder fünften oder sechsten Seite schauen mich herzige Babies aus sanften Kulleraugen an, dazwischen steht geschrieben, wie wunderbar es doch ist, wenn die Kleinen die grosse Welt erobern. Schaue ich vom Buch auf, geistert in meinem Kopf Prinzchens Zwilling herum, dessen  winziges Herzchen leider bereits nach den ersten anstrengenden Schwangerschaftswochen zu schlagen aufgehört hat und obschon die Sache schon längst weit hinter mir liegt, frage ich mich mit nicht allzu leiser Wehmut: „Was wäre gewesen, wenn…?“ 

Derart emotional aufgeladen zwingt mich der leere Kühlschrank zu einem Kurzbesuch in der Migros, wo vor mir an der Kasse eine Mama mit zwei kleinen Jungs ist. Keine Zwillinge, aber dennoch unglaublich…na ja, also, wie soll ich sagen…so…hmmm….also ja…Mist, dann sag‘ ich eben, wie es ist: Sie sind zuckersüss und hinreissend und was einem sonst noch so an Adjektiven in den Sinn kommt, wenn man so kleine Menschen sieht. Und ehe ich mich versehe, ist es rausgerutscht: „Ihre zwei Jungs sind einfach umwerfend herzig“, sage ich zu der Mama, die vollkommen gestresst ist, weil sie versucht, ihre Einkäufe so schnell als möglich zu verstauen und gleichzeitig ihren Zweijährigen nicht aus den Augen zu verlieren. Kaum ist es gesagt, könnte ich mich selber ohrfeigen. Jetzt bin ich also auch eine von denen, die sentimentales Gebrabbel von sich gibt, wenn sie kleine Menschen sieht. Zugegeben, ich hab‘ damit gerechnet, dass es früher oder später so kommen wird, aber so früh schon?

Ich weiss genau, wie das enden wird, in fünfundzwanzig oder dreissig Jahren, wenn ich müde und verschrumpelt an der Bushaltestelle sitzen werde. „Ach, wie süss doch ihre Kinder sind“, werde ich zu der Mutter sagen, die mit ihren Kleinen auf den gleichen Bus wartet. Sie wird mich müde anlächeln und ich werde fortfahren: „Eine schöne Zeit ist das, wenn sie noch so klein sind. Geniessen Sie es, es geht so schnell vorbei.“ Die junge Mutter wird höflich nicken und nichts sagen, also werde ich fortfahren: „Ich hatte selber auch fünf. Wunderschöne Babies waren das, das können Sie mir glauben. Und so lieb. Haben fast vom ersten Tag an durchgeschlafen, waren immer so brav und hilfsbereit…Die schönste Zeit meines Lebens.“

Nur mit Mühe wird sich die junge Mutter, die gerade versuchen wird, ihren sperrigen Kinderwagen durch die noch immer nicht kinderwagenfreundlich gestaltete Bustür zu zwängen, ihre bissige Bemerkung verkneifen können, aber denken wird sie ganz bestimmt: „Sentimentale alte Kuh, warum hilfst du mir denn nicht, wenn du doch genau weisst, wie es ist?“

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Wie lehren wir unsere Kinder…?

Wie können wir sie lehren, den einzelnen Menschen und seine Geschichte zu sehen und nicht „die Schweizer“, „die Ausländer“, „die Christen“, „die Juden“, „die Muslime“, „die Reichen“, „die Sozialschmarotzer“…?

Wie bringen wir ihnen bei, zu fragen und zuzuhören, ehe sie sich eine Meinung bilden und (ver)urteilen?

Wie zeigen wir ihnen, dass gesunde Grenzen zu ziehen nicht ausschliessen bedeutet?

Wie lernen sie, nicht mit den Wölfen zu heulen, sondern kritisch zu denken und anders zu handeln?

Wie können sie begreifen, dass teilen nicht arm macht?

Wie lehren wir sie, zu lieben anstatt zu hassen?

Vor allem durch Vorleben, ich weiss. Und doch frage ich mich zuweilen, ob das reicht, wo man heute wieder ganz ungeniert hasst und ausgrenzt. 

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Verfolgungsjagd

Ich: „Schnell, Zoowärter, renn! Sonst sieht sie uns.“

Zoowärter: „Mist! Sie hat uns schon gesehen.“

Ich: „Komm über die Strasse. Vielleicht können wir sie so abschütteln.“

Zoowärter: „Mama, sie kommt rüber…“

Ich: „Oh nein…“

Zoowärter: „Soll ich ihr hinterher?“

Ich: „Ja, mach das. Vertreib sie einfach.“

Zoowärter (leicht verzweifelt): „Mama, sie kommt mir trotzdem hinterher…Was soll ich machen?“

Ich: „Komm, wir laufen! Schnell! So sollten wir es schaffen, sie abzuhängen…“

Wir werfen einen Blick zurück.

Zoowärter: „Sie kommt…“

Ich: „Lauf schneller!“

Wieder ein Blick zurück.

Ich: „Ich glaube, jetzt haben wir sie abgehängt.“

Zoowärter: „Oh Mann, das war knapp!“

Ein klägliches Miauen aus Nachbars Garten bestätigt uns, dass wir es geschafft haben, das schwarz-weisse Kätzchen zurückzulassen, das jedes Mal nachfolgt, wenn ein Venditti das Haus verlässt.

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Schon wieder fremdbestimmt

Als unsere Kinder klein waren, war mein Leben fast rund um die Uhr fremdbestimmt. Ich nahm mir am Morgen fest vor, ein entspannendes Bad zu nehmen, wenn die Kleinen Mittagsschlaf hielten und stattdessen kroch ich nach dem Mittagessen auf dem Fussboden herum und wischte Erbrochenes auf. Ich ging früh zu Bett, um endlich mal wieder zu schlafen, doch just als mir die Augen zufielen, drang aus dem eben noch stillen Kinderzimmer vielstimmiges Geschrei, das bis morgens um drei anhielt. Anstatt den dringend nötigen Wohnungsputz vorzunehmen, sass ich gelangweilt am Planschbecken und passte auf, dass keiner ertrinkt, zum Mittagessen gab es Milchreis anstelle von scharf gewürztem Curry und in den Ferien fuhren wir mit der Familienkutsche ins Kinderhotel, anstatt mit dem Nachtzug nach irgendwo.

Zugegeben, es war nicht immer einfach und auch wenn ich heute oft mit verklärtem Blick auf jene Tage zurückschaue, so erinnere ich mich doch noch an viele Momente der Überforderung und des Frusts. Dennoch war es okay so, wie es war. Ich stellte meine eigenen Interessen ja nicht für irgendwen in den Hintergrund, sondern für die Kinder, die ich über alles liebe. Die Kinder, für die wir uns ganz bewusst entschieden haben und die das Beste sind, was das Leben und hat schenken können. Ja, ich war fremdbestimmt – und „Meiner“ auch – aber das gehört sich so in der Phase, in der die Kinder zu klein sind, um für sich selber zu schauen. 

Heute ist das anders. Unsere Kinder werfen zwar immer noch hie und da meine Pläne über den Haufen und überschreiten meine Grenzen, aber im Grossen und Ganzen haben sie begriffen, dass ich eine eigenständige Person bin, die auch ab und zu ihre Freiheit braucht. Darum wage ich allmählich wieder, an einen – bis zu einem gewissen Grad – geregelten und planbaren Tagesablauf zu glauben. Ich stehe morgens nicht mehr mit dem Bewusstsein auf, dass alles, was ich mir für den Tag vorgenommen habe, ohnehin liegen bleiben wird. Wenn ich genug geschlafen habe, bin ich voller Tatendrang, weil es so viele Dinge gibt, die ich machen darf oder will. Zwar sorgen die Menschen und Tiere in unserem Haus noch immer für viel Unvorhergesehenes, aber im Vergleich zu früher ist das ein Klacks und das verleiht mir neue Energie.

Neue Energie, aber auch eine gewisse Überempfindlichkeit gegenüber jenen, die mir andauernd mit kleinen Störungen die Freiheit rauben, die ich nach Jahren der berechtigten Fremdbestimmung nun wieder geniessen möchte. Solange es liebe Freunde oder Verwandte sind, macht mir das nichts aus, denn für sie hatte ich in den vergangenen Jahren ja auch nicht gerade viel Zeit. Auf alle anderen aber reagiere ich derzeit ziemlich allergisch. Auf die fremden Kinder, die ohne zu klingeln und ohne um Erlaubnis zu fragen plötzlich bei mir in der Küche stehen und sich nicht abwimmeln lassen. Auf die Anrufer, die mir mit unsinnigem Werbegeschwätz Zeit stehlen. Auf Leute, die mir irgend eine ehrenwerte Aufgabe aufschwatzen wollen, weil ich jetzt ja wieder mehr Zeit habe. Auf Telefontechniker, die anstatt ihrer Arbeit nachzugehen, mit mir über unsere Katzen quatschen wollen. Auf inhaltlosen Smalltalk beim Einkauf, weil gewisse Leute sich nicht mit einer kurzen Begrüssung und einem Nachfragen nach der Befindlichkeit zufrieden geben können. Auf Anrufer, die eigentlich „Meinen“ sprechen möchten, aber nicht daran denken, dass Lehrer am Vormittag gewöhnlich nicht zu Hause zu erreichen sind. 

Klar, das alles sind Kleinigkeiten, aber wenn mehrere von diesen Kleinigkeiten an einem Tag zusammenkommen, bin ich am Ende ebenso fremdbestimmt wie früher, als die Kinder noch keinen Augenblick ohne meine Anwesenheit zurechtkamen. Der einzige Unterschied ist, dass ich jene, die heute meine Zeit stehlen, nicht über alles liebe und deshalb alles für sie tun würde. Und darum werde ich einen Weg finden müssen, sie in die Schranken zu weisen. 

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