Armes Wunderkind

Zuweilen trifft man auf Mütter, deren Kinder wahre Genies sind. Zum Beispiel bei der Ballettaufführung, wo die Mutter dir während der Pause mit vor Stolz geschwellter Brust erzählt, was für ein Naturtalent ihr Töchterlein doch sei. „Hast du gesehen, mit welcher Eleganz sie das macht?“, prahlt sie ungeniert und du denkst dir, dass jeder Elefant eleganter aussieht beim Ballet, aber natürlich nickst du nur freundlich und sagst nichts. Das Wunderkind steht daneben und sagt auch nichts.

Zwei Monate später hat die Primaballerina das Tutu gegen den Klavierstuhl eingetauscht. Das Kind muss unbedingt früher als alle anderen Klavierstunden nehmen, denn „es spielt Tag und Nacht Klavier und die Gotte hat auch bestätigt, dass das Kind so unglaublich viel Talent hat. Und die Gotte hat ja selber auch einmal zwei Jahre lang Klavier gespielt.“ Erzählt die Mutter, während das Kind schweigend  daneben steht. Und so  nimmt das Wunderkind jetzt Klavierstunden und hat natürlich keine Zeit mehr für Ballettunterricht.

Ein halbes Jahr später triffst du die ganze Familie Wunderkind auf dem Fussballplatz an: „Die Kleine hat einfach keine Ruhe mehr gegeben. Sie will unbedingt Fussball spielen. Und schau mal, wie schnell sie ist. Ich glaube, sie hat wirklich Talent.“ Wie immer, wenn von dem Wunderkind die Rede ist, nickst du höflich und verkneifst dir eine spitze Bemerkung. Auch diesmal nimmt das Wunderkind keine Stellung zu den Aussagen der Mutter. Es kann ja nicht, denn es muss dem Ball hinterher rennen, weil sonst die Mama enttäuscht ist.

Bald schon triffst du Familie Wunderkind beim Violinenunterricht wieder, weil „die Kleine einfach nicht mehr ohne eine Violine sein konnte. Und die Lehrerin will sie unbedingt behalten.“ Oder vielleicht auch bei einer Theateraufführung, wo das Wunderkind krampfhaft versucht, seine Rolle auszufüllen. Oder vielleicht auch wieder im Ballett, „weil sie es jetzt unbedingt noch einmal mit Ballett probieren wollte“. Irgendwann stellst du die schüchterne Frage, ob dem Wunderkind denn all dies nicht etwas zu viel werde, aber du erfährst, dass es ja ohnehin Klassenbeste ist und sich so fürchterlich langweilt, wenn es seine Talente nicht ausleben kann.

Dann verlierst du das Wunderkind für einige Zeit aus den Augen. Und wenn du es wieder triffst, fragst du es, wie es denn laufe mit dem Violinenunterricht. Worauf dich das Wunderkind traurig anschaut und sagt: „Ich musste aufhören. Weisst du, jetzt, wo ich in die vierte Klasse komme, muss ich so viel lernen, da habe ich einfach keine Zeit mehr für etwas anderes.“

Schon sonderbar: Jetzt, wo das Wunderkind zu einem gewöhnlichen Kind geworden ist, redet plötzlich das Kind. Und die Mutter schweigt.

Acht Sätze, die man nicht zu mir sagen sollte,…

… wenn man unter zwanzig Jahre alt ist und bei mir in Lohn und Brot steht:

1. „Ich habe heute Nacht nur sieben Stunden geschlafen. Ich bin soooooooo müde“  – Und ich habe heute nacht nur sieben Minuten geschlafen oder zumindest fühlt es sich so an, also hör auf zu jammern!

2. „Ich habe heute Nacht nur sieben Stunden geschlafen, weil ich bis vier Uhr morgens gechattet habe und mich meine Mutter schon um elf Uhr geweckt hat.“ – Ich habe heute Nacht auch bis vier Uhr morgens gechattet, mit meinem Prinzchen, das nicht schlafen wollte. Und morgens um sieben musste ich wieder aus den Federn. Und Mütter haben immer Recht, die dürfen einen wecken, wann immer sie Lust dazu haben!

3. „Schau mal, die ist soooooooooo fett. Die trägt Grösse 38. Echt!“ „Ich trage auch Grösse 38.“ „Ach, bei dir ist das etwas anderes. Du hast ja fünf Kinder geboren und da darf man alt und hässlich sein.“

4. „Deine Kinder waren heute unmöglich. Die haben mich so fürchterlich genervt.“ – Ja, meine Kinder sind manchmal nervig, und zwar furchtbar. Aber das darf nur ich sagen und vielleicht noch „Meiner“. Und sonst niemand! Verstanden?

5. (belehrender Unterton): „Ich habe dir das mal in Ordnung gebracht. Willst du das nicht immer so machen wie ich?“ – Nein, will ich nicht und wenn du noch so sehr Recht hättest! Irgendwo muss auch ich noch das Sagen haben, wo mir doch so schon alle auf der Nase herumtanzen.

6. „Iiiiih! Bei euch stinkt’s!“ – Danke, ich weiss, aber würdest du mir mal bitte dabei helfen, die zwei vollgekackten Kinder zu säubern?

7. „Heute Nachmittag verputze ich meinen ganzen Lohn für Kosmetik und neue Schuhe.“ – Das kannst du von mir aus machen, ist ja dein Geld. Aber reibe  bitte nicht mir unter die Nase, was du mit meinem sauer verdienten Geld machst.

8. „Schau mal, die bezahlen viel mehr Lohn als du.“ – Ich habe dir ja gesagt, dass du bei mir nicht fürstlich entlöhnt wirst. Aber immerhin hast du einen Lohn…

Das alles darf man getrost sagen. Zu jedem. Ausser zu mir!

Power-Frau?

Früher, als es noch in war, dass frau leidenschaftliche Mutter und Hausfrau war, da war es ja so: Jede Hausfrau wusste, wie „man“ die Dinge macht. Jede wusste, was die andere „falsch“ macht. Jede sah auf diejenigen herab, die nicht so perfekt waren. Da kam es zum Beispiel vor, dass eine Hausfrau am falschen Tag grosse Wäsche machte, oder dass eine nicht fähig war, das erforderliche Repertoire an Kochrezepten zu beherrschen, oder dass sich eine Frau erlaubte, nicht auf die richtige Art das Haus sauber zu halten. Und mit all dem machte sie sich zu einem äusserst fragwürdigen Individuum, auf das man getrost herabschauen konnte.

Bis auf einige Ausnahmen sind diese Zeiten zum Glück vorbei. Aber weil Frauen offenbar nicht sein können ohne die leidigen Vergleiche, haben sie einen neuen Tick ersonnen, der auf dem gleichen Muster basiert, aber Auswirkungen in die gegenseitige Richtung hat. Jetzt wird nicht mehr auf angeblich fehlerhafte Hausfrauen herabgeschaut, jetzt hebt man angeblich perfekte Mütter und Hausfrauen aufs Podest und suhlt sich im Frust über das eigene Versagen. Da kommt es dann vor, dass frau Sätze wie diesen zu hören bekommt: „Du hast ja immer alles im Griff. Bei dir kommt es bestimmt nicht vor, dass du einen Termin vergisst.“ Oder: „Ich wünschte, ich könnte so ruhig bleiben wie du. Ich selber verliere so schnell die Nerven.“ Oder: „Für dich ist das ja keine Sache, du schaffst ja ohnehin alles mit Links.“ Je mehr Kinder man hat, umso öfter bekommt man solche Sätze zu hören.

Wie, ich suche mal wieder das Haar in der Suppe? Was ich bloss an diesen „netten Komplimenten“ auszusetzen habe? Nun, wenn ich ehrlich bin, ziemlich viel. Erstens einmal nerven mich diese ewigen Vergleiche an sich. Ob man nun den anderen runtermacht oder ihn aufs Podest hebt. Jeder lebt sein ganz eigenes Leben, da sind solche Vergleiche doch einfach sinnlos. Zweitens werden solche Aussagen oft dazu missbraucht, die Arbeit an jemand anderen abzuschieben. Was so nett klingt, heisst eigentlich mit anderen Worten:  „Ich bin unfähig, das Geforderte zu leisten, ich bin ja nicht perfekt. Aber du bist eine Power-Frau, für dich ist das alles kein Problem. Also kannst du die Sache erledigen.“ Drittens spricht man einer Person, die man aufs Podest gehoben hat, jegliches Recht auf Schwäche ab. Da mag die „Power-Frau“ noch so laut schreien und sagen, dass es jetzt reicht. Da mag sie  noch so oft beteuern, dass ihr das alles zuviel wird und dass sie auch nur ein Mensch ist. Es wird ihr nicht geglaubt. Die Power-Frau soll gefälligst ihrem Image gerecht werden, auch wenn sie es sich nicht selbst zugelegt hat.

Und bald schon ist die vermeintliche Power-Frau sehr sehr einsam, weil sie niemandem ihr Herz ausschütten kann, ohne zu hören zu bekommen, für sie sei doch das alles kein Problem, sie schaffe ja alles mit links. Und so ist man wieder am gleichen Punkt, wie damals, als es noch das Ideal der perfekten Hausfrau gab: Man sieht nicht die Person, sondern das Ideal, das es zu erfüllen gilt. Und das ist und bleibt ungesund, auch dann, wenn die Ideale sich gewandelt haben.

Ach, Pooh Bär!

So schnell werde ich kein Stossgebet mehr gen Himmel schicken, wenn ich nicht weiss, worüber ich bloggen soll. Kaum hatte ich fertig geklönt, stellte ich mit Schrecken fest, dass der Schlüssel zur Vorratskammer weg war. Nicht einfach weg im Sinne von auf dem Fussboden liegend, sondern wirklich weg. Und niemand war Schuld; Karlsson nicht, Luise nicht, der FeuerwehrRitterRömerPirat nicht, der Zoowärter erst recht nicht. Nein, es war Winnie the Pooh, der das Ding zum Verschwinden gebracht hatte und zwar fünf Minuten bevor es Zeit war, zu kochen. Winnie the Pooh hatte das Ding offenbar in den Abfallkübel geschmissen, erzählte mir der FeuerwehrRitterRömerPirat. Er habe es genau gesehen. Dumm war bloss, dass Pooh nirgends zu finden war, denn derjenige, der gewöhnlich Pooh ist, war im Moment ein ganz anderer, nämlich Donald Duck. Und auch wenn Pooh vor dem Abendessen wieder auftauchen würde, hatte ich keine Gewähr, dass er sich noch an den Verbleib des Schlüssels erinnern würde. Man weiss ja, wie vergesslich Pooh ist.

Was also sollte ich tun? Den Abfallsack nach dem Schlüssel durchwühlen? Keine gute Idee. Ich bin eine bekennende Memme und mein Magen hat heute schon einmal rebelliert, als ich Luises eitrige Wunde am Fuss – nicht am Auge, Gott sei Dank! – verarztete. Also blieb mir nichts anderes übrig, als zu warten, bis „Meiner“ nach Hause käme, bevor ich mich weiter um den Schlüssel kümmern konnte. Und so kochte ich für einmal ohne Olivenöl, ohne Bouillon, ohne Zwiebeln und ohne getrocknete Kräuter. Also ja, ohne Zwiebeln koche ich fast immer, weil ich die Dinger hasse, aber weil es heute Fleisch gab und ich das Zeug bekanntlich nicht esse, hätte ich „Meinen“ und Karlsson gerne mit Zwiebeln überrascht. Aber ohne Schlüssel keine Zwiebeln. Und kein Öl. Und keinen Besen, um endlich den Dreckhaufen auf dem Fussboden aufzuwischen, damit ich nicht immer reintrete.

Kurz vor dem Abendessen tauchte Winnie the Pooh wieder auf. Ist mir noch gar nicht aufgefallen, wie ähnlich sich Pooh und unser Zoowärter sind…  Wie ich vermutet hatte, konnte Pooh sich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, ob er den Schlüssel in den Abfallsack, auf die Strasse oder auf den Baum geschmissen hatte. Nun, „Meiner“ hat das Ding dann wieder gefunden. Es lag tatsächlich im Abfallsack. Und deshalb kann ich ab morgen zusammen mit der Frau von Costa y Bravo wieder getrost sagen: Hombré! Ich koche nur mit Olivenöl.

Und wer meinen Schlusssatz nicht verstanden hat, soll gefälligst mal wieder seine Asterix-Sammlung entstauben!

Ins Auge gegangen

Wieder mal haben wir einen Sonntagnachmittag auf der Notfallstation verbracht. Zum dritten Mal innert drei Monaten hatte Luises Auge gestern eine Begegnung mit einem spitzen Gegenstand und weil die Schmerzen schlimmer statt besser wurden, beschlossen wir irgendwann, nicht bis morgen zu warten, bevor wir das Auge kontrollieren lassen. Erste Station: Kinder-Notaufnahme, wo ein netter Doktor Luises Auge ansieht. „Das machst du wunderbar, Luise!“, lobt er das Kind alle paar Sekunden. „Hast du schlimme Schmerzen, Luise?“, fragt er jedes Mal, wenn sie leicht zusammenzuckt. „Ich glaube, du bist schon mal hier gewesen. Ich habe dich auch schon gesehen, Luise“, sagt er beim Abschied und fragt sie, wie viele Geschwister sie hat und ob sie die Älteste ist und dann wünscht er ihr alles Gute. Und schickt uns zu Doktor Nummer zwei, dem diensthabenden Augenarzt.

Dieser würdigt uns keines Blickes, als er uns ins Zimmer bittet. Luises Namen will er gar nicht erst wissen und um solche Kleinigkeiten wie Schmerzen kümmert er sich gar nicht erst. Das Kind soll auf den Stuhl sitzen und zwar sofort. Und dann soll es ihm so schnell als möglich die Buchstaben nennen, die es sieht. Und wenn es zögert, schnaubt er ungeduldig. Und es soll gefälligst nicht zusammenzucken, wenn man ihm mit einem Stäbchen das Auge berührt. Und eine Erklärung, weshalb man dies getan hat, ist man dem Kind auch nicht schuldig, auch wenn es laut und deutlich, wenn auch leicht eingeschüchtert, danach fragt. Und wenn das Kind vor Schmerzen aufheult, zuckt man mit keiner Wimper. Wozu auch? Ist doch bloss eine Routineuntersuchung. Irgendwann ist diese überstanden, das Kind klettert erschöpft vom Untersuchungsstuhl, die Mama bekommt Augentropfen in die Hand gedrückt, hört, dass alles mehr oder weniger in Ordnung sei, auch wenn das Kind es nicht geschafft hat, Buchstaben zu erkennen, die es sonst immer erkennt. Für den Doktor ist alles im grünen Bereich, also soll die lästige Kundschaft gefälligst abziehen.

Das tun wir dann auch, denn Luise ist völlig geschafft von der Untersuchung. Was bin ich froh, wenn wir übernächste Woche wieder zum Augenarzt unseres Vertrauens gehen können. Der sagt zwar auch nicht viel, aber er behandelt Luise mit soviel Liebe, dass sie jedes Mal traurig ist, wenn ihr Auge wieder für eine Weile gesund ist. Vielleicht übersieht sie die spitzen Gegenstände ja mit Absicht? Damit sie wieder zu diesem netten Doktor gehen darf? Der von heute war nämlich ein Idiot, hat Luise gesagt.

Sollte der Herr Doktor per Zufall diesen Post lesen, dann bitte ich ihn, diese Bemerkung nicht persönlich zu nehmen. Luise ist manchmal etwas direkt, vor allem, wenn sie Schmerzen hat. Aber wir nehmen es ja auch nicht persönlich, lieber Herr Doktor, dass Sie Luise wie ein Stück Holz behandelt haben, sondern entschuldigen Ihr Verhalten mit Ihren miesen Arbeitsbedingungen.

Was tust du da, Mama?

„Meiner“ hatte heute einen wichtigen Termin und da er etwas spät dran war, habe ich etwas für ihn getan, was ich sonst nie, aber auch wirklich gar nie tue: Ich habe sein Hemd gebügelt. Nachdem er mir gesagt hatte, wo das Bügeleisen bei uns seinen Platz hat. Und nachdem er mich ermahnt hatte, ich möchte das Ding doch nicht auf dem Glastisch bügeln, sondern zumindest eine Decke als Unterlage nehmen. So stand ich da und bügelte das Hemd meines Gatten, fast so, wie gute Hausfrauen dies tun. Und da dieser Anblick im Hause Venditti so ungewohnt ist – wer hat denn schon Zeit zum Bügeln, wo es doch so viel zu Bloggen gibt? – war ich schon bald von meinen Kindern umringt. Was ich hier tun würde, wollten die jüngeren Kinder wissen, denn für sie ist der Anblick eines Bügeleisens ähnlich fremd wie für ein Kind in Afrika der Anblick von Schnee. Die älteren Kinder, die sich noch schwach an Zeiten erinnern, in denen Mama geglaubt hatte, eine Hausfrau müsse auch bügeln können, wussten natürlich, was ich da tat, aber sie waren dennoch tief beeindruckt. Mama kann ja tatsächlich Hemdem bügeln, wenn sie nur will. Dem FeuerwehrRitterRömerPiraten dauerte die Vorstellung allerdings zu lange: „Mama, warum musst du immer Papas Hemden bügeln?“, wollte er wissen.

Recht hat er: Jede Sekunde, die man mit einem Bügeleisen verbringt, ist eine Sekunde zuviel. Es sei denn, „Meiner“ habe einen wichtigen Termin…

Schuld(un)bewusstsein

Es ist schon verrückt: Der FeuerwehrRitterRömerPirat kann kurz hintereinander Tapete von den Wänden reissen, Tinte auf Mamas Bürotisch ausgiessen, Löcher ins Leintuch schneiden, die Wände mit dem Namen seiner Liebsten verzieren, das Bad unter Wasser setzen und ich weiss nicht was noch alles. Und wenn man ihn zur Rede stellt, dann zuckt er mit der Schulter, lächelt einen schelmisch an und zieht weiter fröhlich seines Weges. Okay, neulich hat er mir versprochen, dass er nur noch Unfug machen wird, wenn er böse ist auf jemanden und im Moment scheint er mit der Welt im Reinen zu sein. Aber grundsätzlich gilt für ihn: Ich mache Unfug, wann immer es mir passt und wenn jemand etwas dagegen einzuwenden hat, ist das nicht mein Problem.

Wenn aber Luise vergessen hat, die Türe von Grossmamas Gefrierschrank zu schliessen und sie weiss ganz genau, dass sie den Gefrierschrank nicht hätte öffnen dürfen, dann kommt sie beinahe auf Knien angekrochen, fleht um Entschuldigung, heult, als hätte sie einen schlimmen Unfall verursacht und lässt sich kaum mehr trösten. Sie macht sich Vorwürfe und man kann ihr hundertmal sagen, dass so etwas passieren kann, sie schafft es dennoch kaum, sich den Fauxpas zu verzeihen.

Was lernt die stets lernwillige Mama aus dem so unterschiedlichen Verhalten ihrer Kinder? Dass sie nie, aber auch wirklich gar nie ihre fünf Kinder über den gleichen Kamm scheren darf. Dass es auf der ganzen Welt nicht einen einzigen Erziehungsratschlag gibt, der für alle seine Gültigkeit hat. Und dass sie wohl bis ans Ende ihrer Tage immer erst im Nachhinein wissen wird, wo sie die Schraube mehr hätte anziehen sollen und wo sie ein Auge hätte zudrücken müssen.

Und raus damit!

Es ist vielleicht sechzehn Jahre her, da sass eines Abends ein junger Mann an seinem Schreibtisch und lernte auf eine Prüfung. Vielleicht in Geschichte, vielleicht auch in Französisch, ja, es könnte gar sein, dass es eine Physikprüfung war. Ist ja auch nicht so wichtig. Viel wichtiger ist, dass er, als er so richtig in seine Bücher vertieft war, seine Mama aus der Küche rief, ob er eine Banane essen wolle. Er wollte nicht und wenn seine Mama eine gewöhnliche Mama gewesen wäre, hätte sie sein Nein akzeptiert. Seine Mama war aber eine Italienische Mama und deshalb fragte sie noch einmal, worauf der junge Mann wieder nein sagte. Weil die Mama aber eine Italienische Mama von altem Schrot und Korn war, fragte sie noch einmal und als der junge Mann ein drittes Mal nein sagte, stand die Mama bald darauf mit der geschälten Banane im Zimmer des jungen Mannes. Worauf der junge Mann so wütend wurde, dass er das Fenster öffnete und die Banane in Nachbars Garten schmiss.

Zu der Zeit, als dies geschah, war der junge Mann mit einer jungen Frau liiert, die diesen Vorfall äusserst witzig fand. Die Geschichte mit der Banane wurde zu einer der beliebtesten Anekdoten, welche die beiden erzählten, wenn jemand wissen wollte, wie denn das Verhältnis zur Mama des jungen Mannes sei. Eine weitere Bedeutung mass die junge Frau dieser Begebenheit nicht zu und es fiel ihr auch über Jahre nicht auf, dass der junge Mann immer mal wieder Dinge aus dem Fenster schmiss, wenn sie zu lange herumlagen oder ihm sonst auf irgend eine Weise auf die Nerven fielen.

Neulich aber sah die junge Frau, die inzwischen mit dem jungen Mann verheiratet ist und mit ihm zusammen fünf Kinder hat, dass in der Dachrinne eine Strumpfhose der Tochter lag. Und auf der Rutschbahn ein Paar Socken des zweitjüngsten Sohnes. Und im Erdbeerbeet ein T-Shirt des mittleren Sohnes. Die junge Frau,- die inzwischen übrigens schon einige graue Haare hat und deshalb eigentlich gar nicht mehr jung ist – fragte ihre Kinder, weshalb all die Kleider im Garten liegen würden. Worauf ihr Ältester gleichmütig erklärte: „Die haben die anderen in meinem Zimmer liegen lassen und weil sie sie nicht weggeräumt haben, habe ich sie eben zum Fenster raus geschmissen. Das macht der Papa ja auch immer, wenn wir nicht aufräumen.“

Eines ist jetzt schon klar: Die Mama dieser Kinder wird sie nie mit bereits geschälten Bananen belästigen, wenn sie am Lernen sind. Aber sie ist ja auch keine italienische Mama.

Nein! Nicht jetzt schon!

Nach der doch sehr anstrengenden Kleindkind-Phase und der nicht minder anstrengenden Zeit des Einstiegs in den Kindergarten folgen ein paar wunderbare Jahre mit den Kindern. Sie ziehen sich selbständig an, können ihr Zimmer selber aufräumen, so sie denn wollen, sie schlafen nachts durch. Sie können selber lesen, wenn man keine Zeit hat, Geschichten zu erzählen, sie brauchen nur noch ein paar Anleitungen um einen Kuchen zu backen oder Spaghetti zu kochen. Sie saugen Wissen in sich auf, sind noch klein und niedlich aber nicht mehr so klein, dass es für die Erwachsenen anstrengend wäre. Und das Beste an allem: Die Eltern sind die Grössten! Was Mama sagt, ist wahr, was Papa cool findet, findet man auch cool. Karlsson und Luise sind gerade in dieser Phase. Es ist einfach herrlich, wenn auch nicht immer konfliktfrei.

Auch Lehrpersonen sind hoch geachtet in diesem Alter. Sagt die Lehrerin, die Kinder sollten über Mittag ein wenig frische Luft schnappen, dann tut Karlsson dies gewissenhaft. Sagt sie, die einzige Hausaufgabe über die Ferien sei die, dass die Kinder sich so richtig erholen, dann liegt Karlsson während Stunden auf dem Bett und erholt sich. Soweit alles perfekt. Doch in letzter Zeit gibt es da eine Veränderung, die mir nicht gefallen will. Nehmen wir das Beispiel mit der Erholung: Da liegt er also auf dem Bett, der Karlsson, vertieft in ein Buch und erholt sich mit heiligem Ernst. Die Mama klopft sanft an die Zimmertür, Karlsson murmelt irgend etwas, was die Mama als Aufforderung versteht, hereinzukommen. „Karlsson, in einer halbe Stunde essen wir. Ich möchte, dass du vorher noch deine Schuhe wegräumst. Nicht gerade jetzt, aber einfach noch vor dem Essen“, sagt die Mama mit Engelsstimme. Worauf Karlsson losheult, das Buch in die Ecke knallt und brüllt: „Immer muss ich aufräumen! Du bist so unfair! Und die Lehrerin hat doch gesagt, wir müssten uns erholen.“

Ein weiteres Beispiel gefällig? Karlsson steht vor dem Spiegel und betrachtet sich kritisch, schiebt sich die etwas zu langen Haare aus den Augen und murmelt, dass er kaum mehr etwas sehen kann wegen seiner Haare.

Mama, zuckersüss: „Karlsson, was meinst du? Sollen wir mal wieder zum Coiffeur gehen mit dir? Deine Haare stören dich bestimmt.“

Karlsson, schreiend: „Ich will mir nicht die Haare schneiden! Meine Haare sind genau richtig. Du bist immer so gemein zu mir!“

Mama, geduldig, aber mit der nötigen Strenge: „Hör mal, ich war  ganz nett mit dir. Ich habe nur einen Vorschlag gemacht und du brüllst mich an. So kannst du mit mir nicht umgehen.“

Karlsson, lauter brüllend: „Immer schimpfst du mit mir! Ich will dir überhaupt nie mehr zuhören. Du schreist mich immer an!“

Mama, noch immer ruhig, aber noch eine Spur strenger: „Ich habe dich nicht angeschrien. Ich habe dir bloss klargemacht, dass du so nicht mit mir umgehen kannst. Klar geht man sich in einer Familie hin und wieder auf die Nerven. Aber so können wir miteinander nicht reden.“

Karlsson, stapft wütend davon, knallt die Türe, heult und schreit dazu: „Immer seid ihr alle so gemein zu mir!“

Mama steht verdattert da und fragt sich im Stillen, ob der Junge einfach schlecht gelaunt ist, oder ob dies – Gott bewahre! – bereits die Vorpubertät ist.


Kleiner Hinweis an die Mütter, die dies Lesen und die diese Phase bereits hinter sich haben: Ihr dürft von mir aus denken, dass dies die Vorpubertät ist. Aber schreiben dürft ihr mir dies nicht. Ich bin noch nicht bereit, mich der Tatsache zu stellen. Noch lange nicht.