Wiedersehen mit meinem Tussischuh

Meine allertreusten Leserinnen und Leser erinnern sich bestimmt noch an meine Tussischuhe, die ich mir im Frühjahr in einem Anflug von Identitätskrise geleistet hatte. Und vielleicht entsinnt sich der eine oder die andere gar noch der Umstände, unter denen mir diese Schuhe wieder abhanden gekommen waren. Für alle anderen sei es hier kurz erwähnt: Als mich meine Familie mal wieder in den Wahnsinn trieb, kickte ich die Schuhe in hohem Bogen von meinen Füssen. Der eine davon fand sich in Nachbars Garten wieder, der andere blieb verschollen.

Bis heute Morgen, als in Nachbars Garten die Gärtner aufmarschierten und mit lautem Getöse alles kurz und klein schlugen, was die Idylle stört. Und dabei kam auch mein rechter Tussischuh wieder zum Vorschein. Ich erkannte ihn sofort wieder, als ich mit dem Prinzchen unter dem Arm und dem Zoowärter an der Hand vorbeihastete. Und doch tat ich so, als gehe mich das alles nichts an. Die Gärtner schauten mich schon scheel an, weil ich mitten im Winter an ihnen vorbeistöckelte, da wollte ich mich nicht auch noch damit blamieren, dass ich meinen verschollenen Schuh zurückforderte. Da ich den linken Tussischuh bereits weggeschmissen habe, brauchte ich mich ja nicht weiter darum zu kümmern. Sollten doch die Gärtner das Ding entsorgen.

Damit aber gab sich Luise nicht zufrieden. Todesmutig kletterte sie, als die Gärtner Mittagspause hielten, über Nachbars Gartenzaun und rettete meinen Schuh. Und so bekommen meine geschätzten Lesereinnen und Leser das abscheuliche Ding doch noch zu Gesicht, bevor ich diese leidige Angelegenheit endgültig hinter mir lasse:

Ich hab’s getan!

Ich, Frau Venditti, Geborene Martin, 35 Jahre alt, glückliche Mutter und unglückliche Hausfrau, habe heute um zehn nach neun ein Vollbad genommen. Habe alles stehen und liegen lassen. Habe beim Baden nicht einmal in einer der Zeitschriften gelesen, die ich so dringend lesen will, bevor die nächste Ausgabe im Briefkasten liegt. Und nach dem Bad habe ich mich sogar eingecrèmt. Und, halten Sie sich jetzt bitte fest, ich habe mich entspannt. Ja, sie lesen richtig: ENTSPANNT. Das an einem dieser schrecklichen, endlosen Donnerstage. Und das alles ohne schlechtes Gewissen.

Wo bliebt sie eigentlich so lange, meine Tapferkeitsmedaille?

Ich könnte ja, ….

…. ein einziges Mal nur, mein protestantisches Gewissen ignorieren und den zweiten Teil des Vormittags mit einem heissen Bad einläuten. Der Zoowärter schläft nämlich noch selig, das Prinzchen wieder. Den Abfall habe ich bereits vor die Tür gestellt, das Chaos ist heute, an einem Donnerstag (oh, wie hasse ich doch Donnerstage!) ohnehin nicht zu bewältigen und ein beruhigendes Melissenbad wäre genau das Richtige in der hektischen Adventszeit. Ich glaube, meine Familie wird mir dankbar sein, wenn ich mich für einmal in der Badewanne entspanne, anstatt wie eine wütende Wespe durchs Leben zu surren. Ja, ich glaube ich gebe mir den berühmten Tritt in den Hintern und befördere mich ins Bad.

Gleich nachdem ich den Geschirrspüler ausgeräumt habe. Und das schmutzige Geschirr wieder eingeräumt habe. Und die herumliegende Wäsche eingesammelt habe. Und die Bilderbücher im Regal verstaut habe. Und den Tisch geputzt habe. Und dann noch die alten Zeitungen im Altpapier versorgt habe. Dann, ich verspreche es, werde ich mich sogleich in die Wanne stürzen. Falls der Zoowärter dann noch schläft. Denn falls er wach ist, werde ich ihn anziehen, eine kurze Dusche nehmen und dann mit den zwei Jüngsten in die Stadt hetzen, wo ich unbedingt den siebenspaltigen Kalender fürs nächste Jahr abholen muss. Denn so langsam häufen sich die Termine all der Dinge, die man aufs nächste Jahr verschoben hat, weil in diesem Jahr kein Platz mehr war im Kalender. Und diese Termine muss ich ganz dringend eintragen. Ehe ich sie vergesse.

Vielleicht nehme ich mein Bad doch besser erst am Nachmittag. Oder vielleicht am Abend. Oder am Wochenende.

Bin ich denn eine gute Fee?

Nicht, dass ich angeben möchte, aber ich glaube, dieses Jahr habe ich mich selber übertroffen mit den Weihnachtsgeschenken. Ich habe es fertig gebracht, für Luise eine Sascha Morgenthaler Puppe aufzutreiben und dafür weniger auszugeben als das Jahresgehalt des Gesamtbundesrates. Ich habe für den FeuerwehrRitterRömerPiraten mitten im kalten Winter Tauchringe aufgestöbert, für Karlsson orangefarbene und hellblaue Kapla-Steine und für den Zoowärter ein riesiges rosarotes Piglet und dies, obschon der Rest von Winnie Poohs Familie schon längst ausverkauft war. Und meine absolute Glanzleistung: Ich habe es geschafft, dem Prinzchen ein Spielzeug zu besorgen, das es in unserem Haushalt noch nicht gibt. Ist das nicht eine grandiose Leistung? Okay, ich geb’s zu. Wir hatten schon mal eine Kugelbahn, aber die hat inzwischen das Zeitliche gesegnet. Also vielleicht doch keine grandiose Leistung, aber immerhin eine beachtliche. Und das alles ohne Parkplatzsuche und Schlangenstehen, ohne Hetzen in überheizten Geschäften, ja, sogar ohne einen Fuss vor die Haustüre zu setzen.

Vielleicht glaubt „Meiner“ deshalb, dass ich eine Art gute Fee bin, die ihm zu Weihnachten seinen grössten Wunsch erfüllen wird: Mehr Haare auf dem Kopf. Ich weiss nicht, weshalb ausgerechnet ich die Lösung für eines der schwerwiegendsten Probleme der männlichen Hälfte der Menschheit herbeizaubern soll. Und das in bloss acht Tagen, wo sich doch die Forschung seit Jahren die Zähne ausbeisst an der Sache. Auch ich mag ja zwei oder drei Fähigkeiten haben, aber Forschen gehört nicht dazu.

Und so weiss ich schon, wie es an Weihnachten bei uns aussehen wird: Fünf Paar strahlende Kinderaugen und ein betrübter „Meiner“, der sich über die spärlicher werdenden Haare auf dem Kopf streicht. Vielleicht schaffe ich es ja noch, irgendwo eine verstaubte Puderperücke aufzustöbern. Und wer weiss: Vielleicht macht „Meiner“ damit einen alten Modetrend wieder populär und die Probleme der Männer sind gelöst. Zumindest bis der Trend wieder abflaut. Vielleicht bin ich ja doch eine gute Fee?

Gratwanderung

Die folgenden Sätze aus einem Kommentar von gestern wollen mir nicht aus dem Kopf gehen: „Ich liebe Eure Probleme. Ihr wisst nicht, wie gut ihr es habt! …“ Die Aussage stammt von einer Person, die nicht alleine sein möchte. Nehme ich ihr die Aussage übel? Nicht im Geringsten. Denn diese Aussage treibt mich dazu, mir einmal mehr darüber klar zu werden, wie viel mir meine Familie bedeutet. Und wie sehr sie mich dennoch tatgäglich fast in den Wahnsinn treibt…

Nehmen wir heute Nacht, zum Beispiel. Da kommt, irgendwann zwischen vier und fünf Uhr morgens, Luise in unser Bett geschlichen. Wie sie sich so an mich kuschelt, wird mir zum hunderttausendsten Mal bewusst, wie schön es ist, ihre Mutter zu sein. Wie sie so daliegt und in heiligem Ernst  „c – d- e – f – g – a – h – c“ vor sich hin flüstert, um jede Sekunde des Wachseins zum Lernen zu nutzen. Wie sie etwas später mit verzücktem Gesicht von „Erdbeerli“, „Zwergli“ und „Blüemli“ zu schwärmen beginnt. Einfach hinreissend! Doch das ändert nichts an der Tatsache, dass sie mir jedesmal, wenn ich fast wieder eingeschlafen bin, mit einer unbedachten Bewegung die Decke von der Schulter reisst, worauf ich wieder hellwach bin. Es ändert auch nichts daran, dass sie mir zwei wertvolle Stunden Schlaf raubt. Zwei Stunden, die mir im aufreibenden Alltag fehlen werden. Zwei Stunden, die ich nicht einfach werde nachholen können, wenn mir gerade danach ist. Zwei Stunden, die zusammen mit unzähligen anderen auf dem wachsenden Berg meines Schlafmankos landen werden.

Oder nehmen wir „Meinen“. Es vergeht wohl kein Tag, an dem ich nicht dankbar wäre dafür, dass ich mit ihm das Leben teile. Aber ändert es etwas daran, dass er mich in den Wahnsinn treibt, wenn er meinen bis in die letzte Sekunde geplanten Alltag durcheinander bringt? Kleines Beispiel gefällig? Gestern hatten der FeuerwehrRitterRömerPirat, Luise und Karlsson ihre letzte Schwimmstunde in diesem Jahr. Und zwar im Nachbarort. Zur gleichen Zeit hatte Luise ihre erste ausserordentliche Ballettprobe. Bei uns im Dorf. Eine echte Herausforderung, das alles irgendwie zu schaffen. Aber natürlich findet die Mama einen Weg. Sie heckt einen wasserdichten Plan aus, – die Details erspare ich meinen Lesern. Ich will ja niemanden verwirren, – sorgt dafür, dass jeder zur rechten Zeit am rechten Ort ist. Oder genauer gesagt: Am rechten Ort wäre, wenn da nicht „Meiner“, mit der ehrbaren Absicht zu helfen, alles durcheinander bringen würde, indem er ein kleines, aber entscheidendes Detail ändert.

Ich glaube, ich weiss, wie gut ich es habe mit meiner grossen Familie. Ich weiss, dass ich ein Geschenk von unfassbarem Wert bekommen habe und ich wünsche mir nie, aber wirklich gar nie, dass ich dieses Geschenk nicht bekommen hätte. Aber ich weiss auch, dass kein Job der Welt so kräftezehrend, so aufreibend ist wie der, für eine Familie zu sorgen. Wer eine Familie hat, weiss genau, was ich meine, wenn ich sage, dass ich meine Familie über alles liebe, dass ich sie aber gleichzeitig mehrmals täglich auf den Mond wünsche. Nicht für immer. Nur für diese kleinen Momente, in denen sie mich zum Wahnsinn treiben. Nur, um mal kurz zwischendurch die leeren Batterien wieder aufladen zu können, die verpassten Schlafstunden nachholen zu dürfen.

Nebenbei gesagt: Singles, die sich eine Familie wünschen, könnten hier unglaublich viel helfen. Ihr dürftet bei uns das Familienleben geniessen, während wir dank eurer Hilfe für ein paar kurze Momente Singles sein dürften. Dann müssten wir uns unsere Familie nicht immer mal wieder auf den Mond wünschen. Können wir ins Geschäft kommen?

Versuch 2346

Vielleicht ist es auch schon Versuch 5418 oder erst Versuch 1979. So genau weiss ich es nicht mehr. Irgendwann habe ich nämlich das Zählen aufgegeben. Das Problem aber ist geblieben: Meine Kinder gehen nicht aus dem Haus, ohne einen Streit vom Zaun zu reissen, ohne sich hundertsiebenmal ermahnen zu lassen, sie müssten jetzt endlich gehen, ohne mir schon morgens um acht den letzten meiner nicht gerade in Massen vorhandenen Nerven auszureissen. Was haben wir schon alles versucht, damit es besser wird?

Smileypläne, zum Beispiel. Für einen Morgen ohne Krach gab’s einen Smiley-Sticker. Für zehn Smileys gab’s eine kleine Belohnung, für zwanzig eine etwas Grössere. Das Ganze hat genau bis zum zwanzigsten Smiley hingehauen, dann ging das Theater wieder los. Dann probierten wir es eine Weile lang damit, dass „Meiner“, bevor er um sechs Uhr aus dem Haus hetzte, den Kindern ein schönes Frühstück bereitstellte, Tee kochte und eine Kerze anzündete. War nicht wirklich die zündende Idee, auch wenn die Kinder anfangs noch begeistert waren von den liebevoll angerichteten Apfelschnitzen. Dann probierte ich es mit klassischer Musik, weil ich dachte, wenn Kühe sich dabei leichter melken liessen, würden sich Kinder damit vielleicht leichter aus dem Haus manövrieren lassen. Dann kam der Versuch mit dem Erzählen von Geschichten, dann derjenige mit meiner Mutter, die jeden Tag helfen kam, dann der Versuch mit dem „in den Hammer laufen lassen, wenn sie zu spät zur Schule kommen“ und dann platzte mir der Kragen und von da an fielen mir nur noch Herumbrüllen und Türen knallen ein.

Das kann es ja auch nicht sein, dachte ich und bestellte, nach dem letzten Eklat, eine überteuerte „Morgenmuffel-Uhr“, auf Französisch viel weniger euphemistisch „Montre pour ceux qui se lèvent de mauvaise humeur“ genannt. Diese Uhr lässt sich so einstellen, dass immer dann, wenn man mit etwas fertig sein sollte, ein Signal ertönt: 30 Minuten fürs Frühstück – Gong- 5 Minuten fürs Zähneputzen – Gong- 15 Minuten fürs Waschen, Anziehen und Kämmen – Gong – fünf Minuten um Schuhe und Jacke anzuziehen – Gong – und raus mit der Bande! Klingt gut, nicht wahr?

Bleibt zu hoffen, dass dass Ding seinen Preis Wert ist. Und dass der grösste Morgenmuffel im Hause Venditti damit endlich die Probleme in Griff kriegt…..

Lasst mich doch endlich einmal schlafen!

An mein permanentes Schlafmanko habe ich mich eigentlich schon längst gewöhnt und zwar so sehr, dass ich davon im Normalfall gar nichts mehr spüre. Doch in letzter Zeit habe ich es wohl doch ein wenig übertrieben und so kann ich die Watte im Kopf nicht länger ignorieren. Das erste Jahr mit dem Prinzchen, die Sitzungen, die ich durch angeregte Gespräche mit interessanten Frauen in die Länge gezogen habe, das stundenlange Geplauder mit „Meinem“, der elende Haushalt und schliesslich auch noch das Novemberschreiben, das ich in vollen Zügen genossen habe, waren nun wohl doch etwas viel. Und so gehe ich einmal mehr auf dem Zahnfleisch. So sehr, dass ich mich endlich dazu durchgerungen habe, abends etwas früher ins Bett zu gehen.

Was zur Folge hat, dass meine Familie verrückt spielt. Einmal kriecht „Meiner“, der sonst immer brav gleichzeitig mit mir zu Bett geht, morgens um vier vom Sofa, wo er nach „10 vor 10“ eingepennt war, ins Bett, macht schnell das Licht an, um den Wecker zu stellen und schnarcht dann selig neben mir weiter. Worauf es vorbei ist mit meiner Nachtruhe. An einem anderen Abend wird das Prinzchen wach, kaum habe ich es mir im Bett so richtig bequem gemacht. Und dann wird geplaudert, als habe man nie sonst die Gelegenheit dazu. Ein anderes Mal kommt Karlsson am frühen Morgen ins Zimmer gestürmt und fordert mich auf, aufzustehen, es sei schon fünf vor sieben. Ach Karlsson, warum immer so vernünftig? Ich wollte doch bloss noch ein paar Minuten vor mich hindösen. So wie Obelix, der jedesmal, wenn Asterix ihn wecken will, protestiert „Nur noch ein bisschen…“. Womit auch klar ist, wer bei uns Asterix und wer Obelix ist…

Ich weiss nicht mehr, was sich meine Familie sonst noch ausgedacht hat, um mich vom Schlafen abzuhalten, aber es war viel. So viel, dass ich eines Nachmittags nach dem Kaffee auf dem Sofa eingepennt bin und erst wieder erwachte, als der FeuerwehrRitterRömerPirat die einzige Rolle Aluminium-Folie, die ich je in meinem Leben besessen habe, zu Geburtstagsgeschenken für seine  Freunde verarbeitet hatte. Und da wusste ich, dass etwas geschehen musste. Also verkündete ich meiner Familie, dass ich heute zu Hause bleiben würde, während sie alle zusammen in die Kirche gehen. Die Kinder in ihren diversen Kinderprogrammen bestens versorgt, kann sich auch „Meiner“ im Gottesdienst selig zurücklehnen und ich kann endlich einmal schlafen. Ist doch schön, nicht wahr?

Nun, zu schön, um wahr zu sein. Denn heute früh um fünf nach acht kommt der FeuerwehrRitterRömerPirat ins Zimmer geschlichen. Ist er nicht zuckersüss?, denke ich schlaftrunken, als er sich an mich kuschelt und mich anstrahlt, wie er sonst nur strahlt, wenn er von seiner Liebsten redet. Irgendwann merke ich, dass er mit mir redet. Und was er da sagt, will mir gar nicht gefallen. „Papa hat gesagt, ich soll dich wecken.“ Wie? Habe ich richtig gehört? „Papa hat gesagt, ich soll dich wecken. Der Zoowärter hätte auch mitkommen sollen, aber er will nicht.“ „Ach so, der Zoowärter wollte nicht aufstehen“, filtert mein müdes Gehirn die Informationen heraus, die es hören will. „Das kann mir ja egal sein. Ich schlafe heute aus.“ „Mama, du musst jetzt aufstehen. Der Papa hat’s gesagt“, insistiert der FeuerwehrRitterRömerPirat und mir wird endlich klar, dass ich mich nicht verhört habe. Leider. Denn als ich mich aus dem Bett gekämpft habe, verkündet mir „Meiner“ völlig arglos, die Kinder würden auf die Adventsgeschichte warten.

Und die kann natürlich nur ich erzählen?

Her mit meinem Auto! Aber ein bisschen schnell!

Können Sie sich Peter Pan als nadelgestreiften Banker vorstellen? Winnie Pooh im Tarnanzug? Schneewittchen auf einer Demo für Frauenrechte? Sie können es nicht?  Nun, Sie müssen aber. Denn sonst können Sie sich auch nicht Frau Venditti im Autocenter Emil Frey vorstellen. Und genau dies müssen Sie jetzt. Und zwar mit nassem Haar, ungeschminkt und mit einem barfüssigen Prinzchen – er hat sich mal wieder die Socken und Finken ausgezogen – auf dem Arm. Umgeben von Cadillacs und wie die Dinger alle heissen mögen. Unpassender geht’s nimmer. Aber ich will ja nur mal schnell mein Auto abholen, da spielt es keine Rolle, ob ich passe oder nicht.

Habe ich schnell gesagt? Als ich dies der Dame am Empfang sage, mustert sie mich abfällig. Wo denn mein Auto sei, will sie wissen. Als ich ihr sage, das wüsste ich nicht, mein Mann habe es vor drei Tagen abgegeben und ich müsse es jetzt einfach schnell abholen, wird sie ungeduldig. Ob ich denn nicht wüsste, wie viele Abteilungen sie hätten? Neuwagen? Occasionen? Unfallabteilung?Reparaturwerkstatt? Nein, weiss ich nicht. Ich habe ja nicht mal den eigenen Laden im Griff. Da kann ich doch nicht auch noch im Autocenter den Überblick behalten. Und überhaupt: Das ist ihr Job, nicht meiner. Also soll sie jetzt gefälligst mein Auto herausrücken. Ich habe zu tun.

Aber so geht das hier nicht. Die Frau will meine Autonummer wissen. Meine Autonummer? Ach, irgend etwas mit sieben, neun und null. Aber in welcher Reihenfolge? Keine Ahnung. Ich weiss ja manchmal kaum mehr, wie ich selber heisse. Reicht es denn nicht, dass ich weiss, dass unser Auto hellblau ist, mit Vornamen Sirion, mit Nachnamen Daihatsu heisst? Nein, es reicht anscheinend nicht. Die Frau beginnt herumzutelefonieren, das Prinzchen bekommt ein Puzzle in die Hand gedrückt, ich zwei Kaffeebons und dann werde ich ins Café geschickt. Himmel, was glaubt die denn, was ich arbeite? Ich bin Hausfrau. Nicht irgend ein überbezahlter und unterbeschäftigter Manager. Ich habe doch nicht mitten am Vormittag Zeit, herumzusitzen und Kaffee zu trinken. Das kann ich mir einfach nicht leisten, auch wenn der Kaffee gratis ist. Also nehme ich demonstrativ keinen, sonst meint die Dame noch, sie dürfe sich Zeit lassen.

Wenig später hat die Dame mein Auto endlich aufspüren können. Ein Mitarbeiter bekommt die Aufgabe, das Prinzchen und mich zur Unfallabteilung zu geleiten. Aber wir hatten doch gar keinen Unfall? Egal, Hauptsache, es geht vorwärts. Doch es soll nicht sein. Kaum hat mich der Herr, der für unser Auto zuständig ist begrüsst, hängt er auch schon an der Strippe und lässt das Prinzchen und mich warten. Eine halbe Ewigkeit. Bis sein Kollege sich meiner erbarmt, mit einen Fackel zum Unterschreiben hinhält, mir die horrende Summe nennt, die wir bezahlen müssen und mir den Schlüssel in die Hand drückt. Dann sind das Prinzchen und ich entlassen. Fast. Denn als ich losfahren will, rennt mir der Herr, der mich hat warten lassen, entgegen. Er wolle sich nur noch rasch entschuldigen, dass er mich habe warten lassen. Ist ja ganz nett, aber dafür habe ich nun wirklich keine Zeit. Zu Hause wartet ein Berg Arbeit auf mich.

Weihnachtsengel

Darauf hat die Welt gewartet:

Wie? Ihr seht nicht was an diesem Pfefferkuchen-Engel besonders sein soll? Nein, es ist nicht der abgeschnittene Kopf, obschon der auch ganz originell ist. Diese leichte Abschrägung, ist sie nicht einmalig? Aber natürlich ist sie das, denn es handelt sich bei diesem Kunstwerk um den allerersten Pfefferkuchen, den das Prinzchen gemacht hat. Völlig freiwillig, weil er nicht mehr länger zusehen mochte, wie die grossen Geschwister ihren Spass haben. Und fast ohne meine Hilfe. Ist er nicht ein Genie? Aber klar ist er das. In zwanzig Jahren kann Sprüngli zusammenpacken mit seinen Luxemburgerli. Dann kommt das Prinzchen. Und ich kann mir endlich gratis den Bauch vollschlagen.

Vorausgesetzt, das Prinzchen bleibt bei seienr Berufung und wird nicht Anwalt oder Bauarbeiter, sondern der weltbeste Konditor. Ganz, wie die Mama wollte…

Sentimental

Was bin ich doch für ein sentimentaler Narr! Breche beinahe in Tränen aus, als ich die letzten Babykleidchen zum Weggeben bereit mache. Halte jedes einzelne Stück seufzend in den Händen und wünsche mir, eines meiner Kinder möchte doch noch einmal ganz klein sein. So klein, dass es in Grösse 50 passt. Schaue mit schwerem Herzen dem Prinzchen zu, wie er auf steifen Beinchen durch die Wohnung stakst und dabei alle paar Meter auf dem Hintern landet. Und natürlich sofort wieder aufsteht, um sein Training fortzusetzen.

Klar, ich freue mich, dass er solche Fortschritte macht. Dass er mir jedes Wort nachzuplappern versucht, dass er jeden Tag ein kleines bisschen selbständiger wird. Ich freue mich natürlich auch, dass der Zoowärter schon ganze Geschichten erzählen kann, der FeuerwehrRitterRömerPirat sich selber das Lesen und Schreiben beibringt, Luise ihre erste Ballettaufführung hat und Karlsson schon so vernünftig ist, dass ich mir selber zuweilen richtig kindisch vorkomme neben ihm. Ja, ich will, dass meine Kinder gross werden.

Und doch geht es mir manchmal zu schnell. Wie oft jammere ich über volle Windelkübel, unaufgeräumte Zimmer, ständig unterbrochene Nächte. Und doch kann ich mir das Leben nicht mehr anders vorstellen, habe ich mich so daran gewöhnt, von kleinen Menschen umgeben zu sein, dass ich mich manchmal ganz verloren fühle ohne sie. Was bin ich doch nur für eine Glucke geworden. Ausgerechnet ich, die ich mir früher ein Leben ohne Kinder ganz gut hätte vorstellen können. Ausgerechnet ich, die ich vor etwas mehr als einem Jahr noch Rotz und Wasser geheult hatte, weil ich noch einmal ganz von vorne anfangen musste. Und jetzt bekomme ich feuchte Augen, wenn ich ein Neugeborenes sehe. Wenn das so weitergeht mit mir, werde ich eine jener Frauen, die sich Puppen kaufen, die aussehen wie echte Babys. Oder eine, die neugeboreren Müttern das Baby fast aus dem Arm reisst, um wiedermal das unbeschreibliche Gefühl zu erleben, ein frisches Menschlein zu halten. Und dass man sich damit nicht bleiebt macht, weiss ich ja.