Lesemotivation

Zum Lesen motivieren wollte ich sie, also schnappte ich mir den Roman, den ich in ihrem Alter mehrmals mit Begeisterung verschlungen habe. „Désirée“ von Annemarie Selinko, ein historischer Schinken über die Frau, die als junges Mädchen von Napoléon sitzen gelassen und später Königin von Schweden wurde. Das Buch hat alles, was Luise ansprechen sollte, meinte ich: Eine weibliche Hauptfigur, Liebe, Intrigen, eine erträgliche Dosis Spannung, Bezüge zu Frankreich – wo wir bald sein werden – und Schweden – wo wir schon zweimal waren.

Um ihr den Einstieg zu erleichtern, las ich nach dem Mittagessen das erste Kapitel vor. Erst sassen nur Luise und ich am Tisch, doch als ich zu der Stelle kam, wo Désirées Bruder abgeführt wird, gesellte sich das Prinzchen zu uns. Soooooo spannend sei das, meinte er. Ob denn der Bruder wieder freikomme, oder ob er geköpft werde? Wenig später, als von der Guillotine und den Blutlachen die Rede war, stiess der FeuerwehrRitterRömerPirat zu uns, auch er voller Fragen, wie es denn weitergehe. Und sogar der Zoowärter, der zwar Wichtigeres zu tun hatte, als mit uns am Tisch zu sitzen, liess sich aus dem Nebenzimmer vernehmen: „War das jetzt der Bruder, dem sie den Kopf abgehauen haben, oder war das ein anderer?“ Einzig Luise, die ich ja eigentlich dazu motivieren möchte, die weiteren 600 Seiten zu verschlingen, sass gelangweilt da und wollte wissen, wann sie endlich ins Bad gehen dürfe, sie müsse noch ganz dringend ihren Pferdeschwanz binden, bevor die Schule anfange. 

Ich schätze mal, ich werde nach einem Buch suchen müssen, das mir ganz und gar nicht zusagt, um Luise zum Lesen zu motivieren. Unsere Söhne haben sich offensichtlich so viel von meiner Leidenschaft für Historisches geschnappt, dass für Luise nicht mal ein Krümel übrig geblieben ist. 

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Mama Krokodil

Treffender hätte Karlsson meinen – oder allgemein den mütterlichen? – Sinn für Humor nicht beschreiben können. „Bei dir weiss man nie, woran man ist“, erklärte er. „Wie bei diesem Spiel mit dem Krokodil, das Zahnschmerzen hat. Man drückt ein Zahn nach dem anderen und irgendwann schnappt das Krokodil zu. Du bist genau gleich: Man macht einen Witz, du lachst, man macht den nächsten Witz, du lachst wieder und irgendwann – man weiss nicht wann – kriegt man – zack! – eins auf den Deckel.“

Irgendwie fühlte ich mich nach dieser Erklärung ertappt. Gerade so, als hätte das Krokodil für einmal bei mir zugeschnappt. 

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Albtraum im Handyzeitalter

Zu unseren Zeiten war so ein Albtraum noch richtig furchteinflössend. Mit rasendem Herzen lag man schweissgebadet und stocksteif im Bett, flach atmend, damit das Böse, dem man im Traum begegnet war, einen nicht bemerken würde. Nachdem der schlimmste Schrecken vorbei war, begann man zu überlegen, ob man es wagen konnte, das schützende Bett zu verlassen, um die Eltern oder zumindest die ältere Schwester zu alarmieren. Zaghaft streckte man schliesslich den grossen Zeh unter der Bettdecke hervor, zog ihn aber wegen eines verdächtigen Geräusches im Gebälk sogleich wieder zurück. Alleine und verängstigt im Bett liegen zu bleiben erschien unerträglich, noch unerträglicher aber erschien der Gedanke, auf der Suche nach Trost durch den kalten, dunklen und von allerlei imaginären Schreckgestalten bevölkerten Flur zu tapsen. Also blieb man liegen, presste die Augen zu und sehnte den Schlaf herbei, der irgendwann wieder zurückkam, diesmal hoffentlich ohne albtraumhafte Begleitung. 

Heute geht sowas anders, zumindest, wenn man alt genug ist, ein Handy sein eigen zu nennen. Oder wenn man in der Nähe eines mit Handy ausgerüsteten Teenagers schläft. Dann läuft das so: Man wird durch den Albtraum aus dem Schlaf gerissen, greift zum Handy und alarmiert die Eltern, die sofort zwei Treppen hochgerannt kommen, um einen ins sichere Elternbett zu geleiten. Die bösen Geister sind vertrieben, der Schlaf kann zurückkommen. 

Jetzt muss es nur noch den Eltern gelingen, die Horrorszenarien, die sich wegen des Anrufs zu später Stunde vor ihren inneren Augen abgespielt haben, wieder zu vertreiben und die Nachtruhe ist gerettet. 

pasta e formaggio; prettyvenditti.jetzt

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Prinzchen goes pacifist

„Byte keynen Krieg“ – so lautet Prinzchens Antikriegsbotschaft, wenn man merkt, dass man von links unten nach links oben lesen muss und die zwei letzten Buchstaben zu interpretieren weiss. Ich würde sagen, unser Jüngster ist auf gutem Wege, die hoffentlich eines Tages wieder erwachende Friedensbewegung kreativ zu bereichern. Und nein, ich habe ihm das nicht diktiert, er hat bloss meine alten „Geo Epoche“ in die Finger gekriegt und der Fall war für ihn klar: Nie wieder Krieg!

Bitte entschuldige, mein Kind

In meinem Leben gibt es einen einzigen Erziehungsgrundsatz, den ich – wenn ich mich recht erinnere und nicht die absoluten Tiefstpunkte ausblende – von Anfang an bis heute konsequent durchziehe. Es ist der Grundsatz, der da lautet: Entschuldige dich bei deinem Kind, wenn du Mist gebaut hast und mach dir das zur Gewohnheit, bevor du fürchten musst, dein Gesicht zu verlieren, wenn du endlich damit anfängst. Noch vor Karlssons Geburt fasste ich diesen Entschluss, denn als impulsiver und ziemlich launenhafter Mensch ahnte ich, dass ich wohl das eine oder andere Mal meinen hohen Idealen der Kindererziehung untreu werden könnte. (Das war lange bevor ich wusste, wie gewieft so ein kleiner Mensch die richten Knöpfe bei mir drücken kann, um meine Impulsivität und Launenhaftigkeit zu ihrer vollen Entfaltung zu bringen.)

So sass ich dann also – lange bevor der kleine Mensch der schweizerdeutschen Sprache mächtig war – jeweils abends an seinem Bettchen und sagte Dinge wie: “ Es tut mir leid, dass ich vorhin so laut geworden bin, als du so lange geschrien hast. Ich weiss, du kannst nicht anders, aber ich sollte anders können. Nur gelingt es mir leider nicht immer, wenn ich übermüdet bin.“ Glaubt mir, manchmal fühlte ich mich ziemlich doof, einem zahnlos lächelnden Baby ein Geständnis abzulegen, aber ich zog das durch, auch als weitere Kinder hinzukamen und auch als die Kinder anfingen, aktiv und bewusst zu den Alltagskrisen beizutragen. Meine Entschuldigungsreden lauteten dann etwa so: „Hört mal, dass ich euch vorhin angebrüllt und auf eure Zimmer geschickt habe, war ungerecht. Klar, ihr wart laut, aber ihr habt nichts Falsches gemacht. Ich bin heute furchtbar schlecht drauf und habe das an euch ausgelassen. Bitte verzeiht mir.“ Zuweilen meldete sich in solchen Momenten eine leise Stimme zu Wort, die flüsterte: „Versagermama! Erst baust du Mist und dann machst du dich auch noch vor deinen Kindern  zur Schnecke“, aber ich habe gelernt, dieser Stimme nicht allzu viel Gehör zu schenken, weil sie in meinen Augen schlicht Unrecht hat. 

Warum mir das mit dem Entschuldigen so wichtig ist? Nun, zum einen, weil bei uns Fehler erlaubt sein sollen. Dann auch, weil ich der Meinung bin, Kinder sollten nicht Schuld auf sich nehmen müssen, die nicht die Ihre ist. Kinder neigen ja bekanntlich dazu, sich für Dinge verantwortlich zu fühlen, die ein anderer verbockt hat und darum finde ich es wichtig, klar und deutlich zu meinem Versagen zu stehen. (Dafür nehme ich mir auch die Freiheit heraus, klar und deutlich mit ihnen zu reden, wenn sie Mist gebaut haben, den sie mir in die Schuhe schieben wollen.) Zudem sollen sich unsere Kinder nicht rechthaberischen, unnachgiebigen Eltern ausgeliefert sehen, die nie zu ihren eigenen Fehlern stehen. Wie schmerzhaft es sein kann, wenn empfundenes Unrecht von Eltern beschönigt und gerecht geredet wird, habe ich in meiner Schwiegerfamilie mehr als genug erlebt. Schliesslich hoffte ich insgeheim natürlich auch, unseren Kindern würde ein „Tut mir leid, das habe ich verbockt“ leichter über die Lippen kommen, wenn ich mit gutem Beispiel vorangehe.

Es hat ein wenig gedauert, bis diese Hoffnung in Erfüllung gegangen ist, doch neulich bekam ich doch tatsächlich das Geständnis „Das war ich, Mama. Es tut mir leid. Kann ich es wieder in Ordnung bringen?“ zu hören, als „der andere“ mal wieder sein Unwesen getrieben hatte. Karlsson ist inzwischen gar richtig gut darin, sich bei uns zu entschuldigen, wenn er  – ganz nach der Art seiner Mama – wegen einer Kleinigkeit ausgerastet ist. Dass er inzwischen auch auswärts auf die üblichen Teenager-Ausreden* verzichtet und seiner Lehrerin unumwunden gesteht, er habe bei einer grösseren Arbeit Zeit vertrödelt und sei deshalb ins Hintertreffen geraten, erfüllt mich insgeheim mit Stolz. (Na ja, ich habe ihm zwar nahegelegt, doch immerhin das Wenige, das er bereits geleistet hat, vorzuweisen, damit die Lehrerin nicht denkt, er hätte gar nichts gemacht aber Karlsson fand, das sei unehrlich.) 

Sieht also fast danach aus, als beginne mein einziger konsequent durchgezogener Erziehungsgrundsatz erste Früchte zu tragen. Allzu laut jubeln darf ich aber noch nicht, denn der härteste Brocken liegt noch vor mir. Prinzchen ist nämlich so perfektionistisch veranlagt, dass er sich selber nicht mal Rechtschreibfehler verzeiht und dies, bevor er offiziell lesen und schreiben können muss. Könnte also ein wenig dauern, bis er sich sich selber Fehler zugesteht und noch eine Weile länger, bis er auch den Mut aufbringt, dazu zu stehen. 

* Zum Beispiel: „Mir ist die blaue Tinte ausgegangen, weil mein Hamster alle Patronen angefressen hat und ich konnte keine Ersatzpatronen kaufen, weil meine Mutter zum Mittagessen so mies gekocht hat, dass ich ganz geschwächt war und keine Kraft hatte, mich aufs Velo zu schwingen.“

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Lehrgespräche unter Brüdern

Mal lehrt das Prinzchen den Zoowärter…

Prinzchen: „Mist! Ich glaube, das war Make-up, was ich mir da gerade ins Gesicht geschmiert habe.“

Zoowärter: „Was denn?“

Prinzchen: „Na, das Zeug da aus dieser sonderbaren Flasche.“

Zoowärter: „Lass mich auch mal.“

Prinzchen: „Nein, lass es lieber bleiben, ich glaube, das ist wirklich Make-up.“

Zoowärter: „Was ist Make-up?“

Prinzchen: „Ach, irgend so eine Crème, mit der man Pickel und solche Sachen zudeckt.“

Zoowärter: „Hä?“

Prinzchen: „Also, das gehört Mama, du nimmst es wirklich besser nicht. Ich glaube, Luise braucht das manchmal auch.“

Und jetzt endlich glaubt der Zoowärter, dass er wohl tatsächlich lieber die Finger von dem Zeug lassen sollte.

…mal lehr der Zoowärter das Prinzchen:

Zoowärter: „Schliess mal die Augen. Nur die Augen, nicht die Ohren.“

Prinzchen schliesst gehorsam die Augen, nicht aber die Ohren.

Zoowärter: „Und jetzt hörst du ganz gut hin. Liegen die Töne, die ich auf dem Cello spiele, nahe beieinander oder nicht?“

Prinzchen: „Hä?“

Zoowärter: „Du musst gut zuhören und mir sagen, ob die zwei Töne nahe beieinander liegen.“

Prinzchen: „Hä?“

Zoowärter: „Mach mal die Augen auf. Siehst du, du musst mir sagen, ob die Saiten der Töne nahe beieinander sind oder nicht. Verstanden? Dann schliess die Augen.“

Prinzchen schliesst wieder die Augen, Zoowärter spielt zwei Töne.

Zoowärter: „Und? Liegen die Töne nahe beieinander?“

Prinzchen: „Ja.“

Zoowärter: „Nein, aber kannst du mir jetzt noch sagen, wie die Saiten heissen, die ich gespielt habe?“

Das Prinzchen kann nicht, denn der Zoowärter hat vergessen zu sagen, dass die Saiten unterschiedlich heissen. 

la dignità; prettyvenditti.jetzt

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Lesegebrumm

Für eine neue Artikelserie wälze ich derzeit Erziehungsratgeber. Na ja, so richtige Ratgeber sind es nicht, mehr so Bücher, die einem ans Herz legen, eine enge Bindung zum Kind aufzubauen, anstatt starre Programme durchziehen zu wollen. Bücher also, die mir in vielerlei Hinsicht aus dem Herzen sprechen. Und doch rege ich mich zuweilen gewaltig auf bei der Lektüre. 

Zum Beispiel, wenn eine gut situierte Autorin wortreich beteuert, dieser Erziehungsstil sei nicht nur für Gutbetuchte und zwei Abschnitte weiter unten sagt sie, ihr Mann hätte seinen gut bezahlten Job sausen lassen um sich ganz den Kindern zu widmen, weil sie ja genug verdient, um die Familie alleine zu ernähren. Ich lese, überlege kurz, wie unser Kontostand damit fertig würde, wenn einer von uns beiden nur noch für die Familie da wäre und brumme „Nicht nur für Gutbetuchte, genau!“

Oder wenn mehrere Autoren dieser Sparte dafür plädieren, das Baby auch nur mal zum Nuckeln an die Brust zu legen, weil das so viel besser sei als jeder Nuggi. Ich brumme schon wieder: „Schön und gut, aber was ist mit Frauen, die wie ich damals schon ohne dauerndes Anlegen beinahe in der Milch ersaufen und deshalb pausenlos auf der Hut sein müssen vor der nächsten Brustentzündung?“ 

Oder wenn ein Autor rät, wenn Mama die Decke auf den Kopf falle und Baby pausenlos schreie, dann sollten sie doch einfach zusammen an den Strand gehen, ein wenig frische Luft und Wellenrauschen sei genau das Richtige in einem solchen Moment, bei ihnen hätte das jeweils Wunder gewirkt. „Ach so, an den Strand hätte ich gehen müssen. Wäre ja auch gar nicht soooo weit gewesen…“, brumme ich. 

Oder wenn der gleiche Autor freudig davon berichtet, wie er und seine Frau die Kleinen eben auch noch als Dreijährige in der Trage gehabt hätten, wenn das Kind das gebraucht habe. Klar das Kind sei schon etwas grösser und schwerer in diesem Alter, aber damit komme man schon klar. Mein Gebrumm diesmal: „Der FeuerwehrRitterRömerPirat war mit drei wohl knapp einen Meter gross, ich bin eins dreiundfünfzig, wie ich den langen Kerl wohl stundenlang mit mir rumgetragen hätte?“ 

Oder wenn noch einmal dieser Autor ein paar Kapitel weiter hinten aufs Thema Schule zu reden kommt. Man müsse sich eben die Lehrpersonen vor dem Schuleintritt sehr genau anschauen und dann dafür sorgen, dass das Kind zu derjenigen komme, die am besten zum Kind passe. Und falls es trotzdem nicht klappen sollte, müsse man eben eine Schule wählen, die besser auf die Bedürfnisse des Kindes ausgerichtet sei. Und schon wieder brumme ich, etwas, was verdächtig nach „Vollidiot!“ klingt. Und dann schiebe ich hinterher: „Schon mal davon gehört, dass freie Schulwahl in gewissen Ländern nur für Menschen mit grossem Portemonnaie möglich ist?“

Erstaunlich viel Gebrumm für eine Lektüre, die mir in den Grundzügen durchaus zusagt. Ein Gebrumm, das deutlich leiser wäre, wenn die Autoren beim Schreiben etwas weniger Rosarot eingesetzt hätten. 

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Gluckenfreie Zone

Bei Luise hat die Glucke nichts zu melden, das weiss ich schon, lange und spüren tue ich es noch viel länger, vielleicht schon seit jenem Tag, an dem sie wie ein Champagnerkorken aus mir rausgeflogen kam und mit wachem Blick aus grossen, himmelblauen Augen den Gebärsaal inspizierte. Klar, auch Luise ist Sentimentalitäten gegenüber nicht ganz abgeneigt, aber den Zeitpunkt für solche Dinge bestimmt sie und dann sind wir gefälligst gemeinsam sentimental. Aber dass Mama einfach so ein wenig die Glucke loslässt, bloss weil Töchterchen für ein paar Tage ins Ski- oder Jungscharlager fährt, sowas geht bei Luise nicht. Und weil man bei so einer Glucke nie ganz sicher sein kann, ob sie nicht doch noch im dümmsten Moment angerannt kommt, tanzt Luise in den Tagen von der Abreise so gekonnt auf meinen Nerven rum, dass sie am Vorabend ganz vergnügt zu mir sagen kann: „Mama, bist du nicht froh, mich für ein paar Tage los zu werden?“ und offen gestanden wäre mir das eine oder andere Mal schon fast ein „Ja, eigentlich schon“ rausgerutscht. Dieses Verhalten bringt durchaus auch Vorteile mit sich, denn ist es Luise erst mal gelungen, die Glucke in ihre Schranken zu weisen, darf ich meine Tochter nicht nur zum Reisecar begleiten – etwas, was mir Karlsson nie erlaubt hätte -, ich darf sie sogar vor den Augen ihrer versammelten Schulklasse umarmen. 

Was Luise nicht weiss und was ich ihr auch ganz bestimmt nie sagen werde: Die Glucke ist sehr wohl dabei, wenn ich meine Tochter verabschiede, sie hält sich einfach so lange wie nötig still. „Du lässt zu, dass Luise mit einem Reisecar verreist?“, fragte sie heute früh ganz entsetzt. „Du weisst aber schon, was passieren kann, wenn so ein Chauffeur nicht richtig gut aufpasst?“

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Karlsson verstehen, schwer gemacht

Okay, Karlsson, jetzt nochmal von vorn: Du hast mir keine Gartenhandschuhe aus der Migros gebracht, weil du mir eigentlich Hässliche in Schlammgrün hättest kaufen wollen, um dir einen Scherz zu erlauben. Aber es hatte keine Hässlichen in Schlammgrün, sondern nur Hübsche, geblümte, von denen du sicher warst, dass sie mir gefallen würden. Aber wenn du mir die gekauft hättest, wäre dein Scherz im Eimer gewesen, also hast du nur die von mir verlange Gartenschere gekauft. Und um mir den Wind aus den Segeln zu nehmen, hast du dir auf dem Nachhauseweg noch kurz das Argument mit der Rohstoffverschwendung ausgedacht, weil ich ja angeblich irgendwo noch tonnenweise Gartenhandschuhe horte.

Und wie, mein lieber Sohn, soll ich das jetzt meinen von Brombeerdornen geschundenen Fingern erklären?

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Statistenrolle

Das Gefühl kenne ich noch bestens aus Baby- und Kleinkinderjahren: Die Ohnmacht, im eigenen Leben nur noch eine Statistenrolle zu spielen, der Frust, eigentlich nichts mehr zu melden zu haben, sondern einfach nur noch zu reagieren. Einziges Mittel, um mit diesen Ohnmachtsgefühlen fertig zu werden, war der Gedanke, dass wir uns das selber ausgesucht haben. „Wir haben Kinder gewollt und zwar mehr als eins, also Augen zu und durch, wenn immer möglich mit einem Lächeln auf den Lippen“, sagte ich wohl unzählige Male zu mir selber und auch wenn das nicht immer eine sofortige Wirkung zeigte, so half mir dieser Gedanke doch durch viele Tage und Nächte, die anders waren, als ich mir das eigentlich vorgestellt hatte. 

Wenn man mir heute am Telefon sagt: „Der Termin ist am Dienstagnachmittag, wir erwarten Sie um drei. Nein, es geht nicht ohne Sie, es muss jemand dabei sein, der Deutsch spricht“, dann kommen ganz ähnliche Gefühle wie damals auf. „Kann man denn einfach so über mich verfügen?“, grummle ich und weil sich Solches und Ähnliches mehrmals pro Woche so zuträgt, grummle ich viel. Sehr viel. Und dummerweise ist da kein „Wir haben es ja so gewollt…“, das mir hilft, die Sache zu nehmen, wie sie eben ist. Da ist höchstens ein „Was kann ich denn dafür, dass sie nie richtig Deutsch gelernt hat?“ oder ein „Nur, weil ich ihren Sohn geheiratet habe, heisst das noch lange nicht, dass das Spital mich herumkommandieren kann“ und manchmal auch ein „Warum ausgerechnet jetzt, wo die Kinder endlich aus dem Gröbsten raus sind?“ 

Diese Gedanken sind nicht nett, sie ändern auch nichts an der Lage und ich suche immer wieder brav nach Wegen, um doch einigermassen wohlwollend geben zu können, was man von mir erwartet. Dass diese Gedanken kommen, ist aber wohl ebenso unausweichlich wie die Ohnmachtsgefühle, die ich zuweilen empfand, als Luise über mehrere Jahre hinweg die Nacht zum Tag machte. 

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