Warum nicht gleich so?

Theorie

„Die einen – auch als Frührhythmiker bezeichnet – können besonders gut am Morgen arbeiten, sind dafür aber am Nachmittag umso eher müde. Die anderen (Spätrhythmiker) kommen erst am späten Vormittag in Schwung, arbeiten dann aber am liebsten bis in den Abend oder gar bis tief in die Nacht hinein.“

„Wenn Sie das herausgefunden haben, versuchen Sie nicht, gegen Ihren natürlichen Tagesrhythmus zu arbeiten, sondern nutzen Sie diese Gesetzmässigkeiten für Ihre Tagesgestaltung. Legen Sie insbesondere die wichtigen Aufgaben mit höchstem Anspruch an die Konzentrationsfähigkeit, die Qualität und die Leitung in das Hoch Ihrer Leistungskurve.“

Praxis, August 2005 – Juni 2010 (Eigentlich schon seit November 2000, aber in leicht abgeschwächter Form)

Ein quietschfideler „Meiner“ hüpft morgens um Viertel vor sechs aus dem Bett, gönnt sich ein kleines Frühstück, rennt zum Bahnhof, fährt mit dem Zug nach Windisch und beglückt dort eine Horde von Kindern mit einer guten Laune, die jeden Morgenmuffel das Fürchten lehrt. Irgendwann, zwischen halb sieben und halb acht quäle ich mich aus den Federn, versuche verzweifelt, mir mit Hilfe von Gesichtsgymnastik ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern, um danach die Kinder aus dem Bett zu jagen. Sind alle mehr oder weniger wach, geht es so richtig los mit dem Gemotze, jeder hat etwas auszusetzen: Der Kakao nicht süss genug, die Kleider nicht geeignet für das Wetter, die Hausaufgaben nicht gemacht, die Kinder zu laut, die Mama zu mies gelaunt, die Milch zu heiss, etc. Ein fröhlicher Start in den Alltag sieht im Erziehungsratgeber irgendwie anders aus.

Abends dann ein anderes Bild: Ich sitze umringt von fröhlichen Kindern auf dem Sofa, jedes hält sein Lieblingsbuch in der Hand. „Mein Buch zuerst!“, jubelt der eine. „Jaaaaa und meines zuletzt!“, freut sich die andere. „Und dann noch für jeden ein Lied!“, fordert der Dritte. Und ich mache bei allem fröhlich mit, tauche mit den Kindern in die Geschichten ein, schmücke noch ein wenig aus, beantworte Fragen. Alle sind selig. Alle, ausser „Meiner“ ,der völlig abgekämpft alle fünf Minuten ins Wohnzimmer geschlichen kommt, beim ersten Mal mit vorwurfsvollem Blick auf die Uhr, beim zweiten Mal mit einem tiefen Seufzer im Sinne von „Seid ihr immer noch dran….“, beim dritten Mal laut schimpfend: „Wann seid ihr denn endlich fertig? Ich will endlich Feierabend machen!“

Praxis August 2010

Ein quietschfideler „Meiner“ hüpft morgens um Viertel vor sieben aus dem Bett und bereitet singend und quatschend das Frühstück für die Familie vor. Zur gleichen Zeit mache ich mich grummelnd mit dem schmutzigen Geschirr von der vorabendlichen Feierabendfete zu schaffen. Und dann, nachdem die Kinder von im gewohnten Stil geweckt worden sind, geht die Party los: Die Frühstücksgäste werden mit einem Stück Banane und Kerzen auf dem Tisch begrüsst, bekommen zu jedem Löffel Corn Flakes einen Witz mitgeliefert und dürfen dann, zum Abschluss des Frühstücks zusehen, wie „Meiner“ eine Banane verspeist. Ach, was erzähle ich da? Es war gar keine Banane, es war eine Bundesrätin, die sich „Meiner“ mit Haut, Haar, Mageninhalt und  „Oh, sie hat gefurzt! Riecht ihr, wie das stinkt?“ zum Start in den Tag gegönnt hat. Nach dieser Show sind Waschen, Anziehen, Zähneputzen und Znüni einpacken eine Kleinigkeit und bevor ich so richtig wach geworden bin, machen sich „Meiner“ und unsere Grossen Kinder fröhlich singend auf, um die Welt zu erobern.

Nun muss eigentlich nur noch ein Weg gefunden werden, wie „Meiner“ und ich die Schichtarbeit für den ganzen Tag einführen können, so dass ich abends auch wirklich für die Kinder da sein kann, anstatt an Sitzungen zu sitzen und dann wären wir auf bestem Wege, Theorie und Praxis in Einklang zu bringen. Bleibt zu hoffen, dass wir für die nächste Etappe nicht wieder zehn Jahre brauchen.

Wurde auch langsam Zeit….

Zwölf lange Jahre hat „Meiner“ Tag für Tag um sechs Uhr früh das Haus verlassen, hat sich über Mittag mit Resten vom Vortag verköstigt und ist irgendwann, etwa zwölf Stunden nachdem er seine schlafende Familie verlassen hatte, nach Hause gekommen, wo ihn eine Ehefrau am Rande des Nervenzusammenbruchs erwartete. Nichts Besonderes, ich weiss. Die meisten Paare, bei denen der eine berufstätig ist, die andere sich zu Hause abrackert, erleben Tag für Tag das gleiche Lied: Zu Hause schmeisst einer alleine den Laden, auswärts verdient einer alleine das Geld für die Brötchen und beide wünschen sich, sie könnten sich hin und wieder ein Stück vom Kuchen des anderen abschneiden. „Meinem“ und mir hat diese Situation so langsam zugesetzt, denn warum soll ein Primarlehrer lange Arbeitswege auf sich nehmen, wo doch in jedem Kaff eine Schule steht?

Seit heute ist Schluss mit dem langen Arbeitsweg. „Meiner“ muss nicht mehr im Morgengrauen aus dem Haus gehen, er kann, wenn er will, über Mittag nach Hause kommen und wenn er nach Schulschluss noch eine oder zwei Stunden Arbeitszeit anhängt, ist der dennoch früher zu Hause als bis anhin. Auch nicht Besonderes, ich weiss. Aber für mich ein entscheidender Zugewinn an Lebensqualität: Am Morgen sind zwei da, die Kakao und Toast zubereiten, zwei, die dafür sorgen, dass alle rechtzeitig aus dem Haus kommen. Ich kann über Mittag kurz klönen, wie mühsam der Vormittag wieder war. Ich muss beim Mittagessen nur noch jede zweite Kinderfrage beantworten, weil „Meiner“ die andere übernimmt und habe so mehr Zeit, mir zu überlegen, was ich denn überhaupt antworten will. Und manchmal, wenn es der Alltag ganz besonders gut mit uns meint, liegen vielleicht gar fünf Minuten Entspannung drin, eine Tasse Kaffee oder ein kurzer Schwatz auf dem Balkon, bevor es zurück an die Arbeit geht.

Schon verrückt, wie wenig es braucht, um die langen Tage zu Hause erträglicher zu machen: Man teile den Tag in zwei Hälften und schon ist die Mama entspannter. Verrückt ist aber auch, dass „Meiner“ und ich so lange gebraucht haben, um zu erkennen, wie wenig es gebraucht hätte, um viel Frust zu vermeiden.

Luxus

Durch die Porzellanabteilung gehen, ohne dabei fürchten zu müssen, dass fünf liebenswerte kleine Elefanten einen Scherbenhaufen anrichten.

Die Füsse in der Aare baden, ohne zittern zu müssen, dass eines der Kinder in den Fluss fällt.

Picknicken.

Sich ein Dessert genehmigen, obschon man noch nicht richtig zu Mittag gegessen hat.

Sich zehn Minuten nach dem Dessert im nächsten Café niederlassen und sich dort einen Cappuccino gönnen.

Sehnsüchtig jedes Neugeborene bestaunen, ohne damit eine endlose Diskussion darüber loszutreten, ob man tatsächlich die eigenen Babys noch viel mehr bestaunt hat, oder ob man das nur behauptet, damit die Eifersucht aufhört.

Bei jedem Kind, das man sieht, denken zu dürfen: „Wie schön, ich habe fünf von diesen wunderbaren Geschöpfen zu Hause“ und nicht denken zu müssen „Ach, wenn ich doch auch eins haben dürfte….“

Ungestört durch die Ikea schlendern und sich dabei so viel Zeit zu nehmen wie man will.

In der Ikea getrost weghören, wenn die Durchsage kommt: „Bitte Samira aus dem Kinderparadies abholen!“

Laut denken dürfen, weil keine kleinen Ohren mithören und keine kleinen Münder tadeln: „Aber Mama, so etwas darf man doch nicht sagen. Das ist nicht nett.“

Dann aufs WC gehen, wenn man wirklich muss und nicht dann, wenn die Kinder müssen und man eben auch noch schnell geht, weil man nachher wohl keine Zeit mehr dazu haben wird.

Den direkten Weg über die Treppe nehmen und nicht den lagen Umweg über die kinderwagentaugliche Rampe nehmen müssen.

Diejenige sein, die der gestressten jungen Mutter mit dem Kinderwagen hilft und nicht die gestresste junge Mutter sein, der mit dem Kinderwagen geholfen werden muss.

Eine Stunde lang über das gleiche Thema reden, es am nächsten Tag wieder aufgreifen und am übernächsten Tag noch einmal Bezug nehmen darauf.

Unvernünftig sein.

Sich am Ende des Tages auf das Wiedersehen mit den Kindern freuen.

Einen lieben Mann zu haben, mit dem man dies alles teilen darf.

Liebe Freunde zu haben, die all diesen Luxus erst möglich machen.

Das sehen wir doch gleich, oder?

Wer heutzutage in den Zoo geht, geht nicht in erster Linie, um Tiere zu beobachten. Die sind nämlich inzwischen derart artgerecht gehalten, dass man sie nur noch mit ganz viel Glück zu Gesicht bekommt. Wenn sie denn überhaupt im Zoo logieren und nicht vorübergehend ausquartiert sind, weil sie gerade ein noch artgerechteres Gehege gebaut bekommen. Da ich ein tierliebender Mensch bin, begrüsse ich diese Entwicklung und ich kann endlich ungehindert das tun, was ich im Zoo schon immer am liebsten getan habe: Die Menschen beobachten. Was in Zeiten eines kleineren Babybooms bedeutet, hochschwangeren Frauen dabei zuzusehen, wie sie sich mühselig durch den Zoo schleppen, an der einen Hand einen Dreikäsehoch, an der anderen Hand ein Kindergartenkind, das in Richtung Giraffengehege drängt, während Mama mit letzter Kraft versucht, einen Sitzplatz auf der letzten freien Parkbank am Schatten zu ergattern.

Sehe ich solche Szenen, wird mir ganz warm ums Herz. Vor sechs Jahren, als „Meiner“ und ich eben geraden den Schritt von der Kleinfamilie zur Grossfamilie wagten – in der Schweiz ging man damals mit drei Kindern bereits als Grossfamilie durch -, tuschelte man hinter unserem Rücken: „Schau mal, das Zweite kann noch kaum laufen und schon ist das Dritte unterwegs!“. Heute entspricht das Bild, das damals noch exotisch war, der Norm. Und so schaue ich mit leiser Wehmut dabei zu, wie Mama den Kampf gegen das Kindergartenkind verliert und sich zum Giraffengehege schleppt, wo sie es trotz ihrer Erschöpfung fertigbringt, die Begeisterungsstürme ihrer Kinder zu teilen. Und wie ich so meine eigene Kinderschar mustere, – Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat schon so gross, dass der Zoobesuch sie schon fast langweilt, der Zoowärter und das Prinzchen auch schon so selbständig und Karlsson gar nicht erst dabei, weil er schon eigene Wege zu gehen beginnt – da kommt sie in mir hoch, die leise Sehnsucht nach einem weiteren Kind. „Ach, wäre das schön! Nur noch einmal so ein klitzekleines Baby zu haben….“, seufzt die Urmutter in mir und schon will ich mich mit schmachtendem Blick „Meinem“ zuwenden und ihn daran erinnern, wie schön es doch war, als wir noch schwanger sein konnten. Vielleicht können wir ja zusammen ein wenig in alten Erinnerungen schwelgen.

Doch bevor ich etwas sagen kann, wendet sich „Meiner“ mir zu und meint: „Weisst du, was ich so unglaublich toll finde? Dass ich weiss, dass du nie mehr schwanger sein wirst. Dass du dich nie mehr so durch den Zoo schleppen musst, an der einen Hand ein Dreikäsehoch, an der anderen ein Kindergartenkind, das dich mit sich zerrt.“

Okay, dann sehen wir die Vergangenheit eben nicht ganz gleich  verklärt, „Meiner“ und ich.

Zum Glück können „Meiner“ und ich uns wenig später den Mund zerreissen über eine Hochschwangere, die sich am Eingang zum Aquarium eine Zigarette anzündet. Man sieht, in gewissen Dingen bleiben wir uns einig, selbst wenn es um Schwangerschaft geht….

Jetzt reicht’s!

Und zwar endgültig. Jetzt müssen sie weg, die Kilos, die ich seit der Prinzchen-Geburt noch nicht losgeworden bin. Und die grauen Haare ebenfalls. Und die schwarzen Augenringe erst recht. Und das alles so schnell wie nur immer möglich.

„Weshalb diese Eile plötzlich?“, mag man sich fragen. „Bis jetzt hat dich das alles ja auch nicht gestört.“ Die Antwort liegt irgendwo auf der Zugstrecke zwischen Basel und Aarau, ich vermute es war irgendwo bei Sissach. Da kam sie, diese nette Kondukteuse und wollte unsere Billette sehen. Artig zeigte ich, was sie sehen wollte: Das Billett für „Meinen“ und mich, mein Halbtax-Abo, die Junior-Karten für Luise und den FeuerwehrRitterRömerPiraten. Die Kondukteuse musterte unsere Familie, schaute etwas verwirrt auf die Ansammlung von Fahrkarten und wollte dann wissen: „Und dieser junge Herr dort? Wo haben Sie sein Billett?“ Zuerst wollte ich nicht so recht verstehen, wen sie mit „dieser junge Herr dort“ meinte. Ob sie wohl wissen wollte, wo der Besitzer der dritten Junior-Karte sei? Wohl kaum, oder? Oder meinte sie gar, der Zoowärter oder das Prinzchen müssten auch schon eine Fahrkarte lösen? Endlich dämmerte mir, wen sie mit der schmeichelhaften Umschreibung meinte: „Meinen“!

Ist das nicht eine himmelschreiende Ungerechtigkeit: Da zeugen „Meiner“ und ich fünf Kinder zusammen, schlagen uns gemeinsam zehn Jahre lang die Nächte mit Füttern, Trösten und Wickeln um die Ohren, kämpfen uns gemeinsam durchs Haushaltschaos, zerbrechen uns gemeinsam den Kopf, wie wir wohl im nächsten Monat finanziell durchkommen und toben gemeinsam mit unseren Knöpfen durchs Leben. Aber während „Meiner“ nach zehn Jahren wie ein „junger Herr“ aussieht, sehe ich aus wie seine Mutter. Am liebsten hätte ich gebrüllt: „Der ‚junge Herr da‘ ist mein ‚Meiner‘ und er ist ganz genau gleich abgekämpft wie ich, auch wenn ihm das kein Mensch ansieht! Er tut bloss so, als sei er jung, relaxed und cool, aber Sie müssten ihn mal sehen, wenn er abends um halb zehn auf dem Sofa einpennt vor lauter Erschöpfung. Dann sieht er nicht mehr ganz so frisch aus.“ Aber was hätte das denn noch gebracht? Die Kondukteuse war schon längst verschwunden und vermutlich schüttelte sie im Herausgehen den Kopf über die modernen Mütter, die sich zuerst einen Haufen Kinder zulegen, um danach mit einem jungen Lover im Schlepptau durchs Land zu ziehen. Oder dachte sie vielleicht, „Meiner“ sei mein Ältester, den ich irgendwann, kurz nach dem Eintritt in die erste Klasse bekommen hätte?

Es ist doch einfach zum Heulen. Demnächst wird man hinter unserem Rücken tuscheln: „Er sieht ja noch richtig gut aus, aber sie…. Wie hat die es bloss geschafft, sich einen solchen Mann zu angeln?“ Da gibt’s nur eins: So schnell als möglich wieder so jung aussehen, wie ich in Wirklichkeit bin.

Oder aber ich sorge dafür, dass „Meiner“ genauso alt aussieht wie ich. Was gar nicht so einfach sein dürfte, denn schwanger werden kann er ja nicht und meine Verschleisspuren sind wohl vor allem auf die Schwangerschaften zurückzuführen. Na dann, ich denke mal, in Zukunft wird er die Nachtschicht ganz alleine übernehmen müssen….

Lazy Day

Am Morgen so gegen neun Uhr aus dem Bett gekrochen kommen, die Kinder und sich selber mit Frühstück versorgen, Taschen packen, die Kinder den absolut zuverlässigen Babysittern überlassen und ab geht’s mit dem Velo. Zuerst zur Migros, wo nur das eingekauft wird, was wir wollen. Dann an die Aare, wo wir uns den perfekten Platz suchen, ungestört von Hunden, Sonnenanbetern und Mücken. Und dann nur noch faules Herumfläzen, ein wenig lesen, ein wenig diskutieren, ein wenig in den blauen Himmel starren, ein wenig essen, ein wenig in alten Erinnerungen schwelgen, ein wenig ausmalen, wie die Zukunft auch noch sein könnte. Dann weiter zum nächstgelegenen Café, wo bei Latte Macchiato und Cappuccino weitere tiefschürfende Gespräche folgen, zurück in den Park, ein wenig dösen, ein wenig in der aktuellen Ausgabe des „Spiegel“ blättern. Danach zurück nach Hause, wo noch kein Mensch ist, weil die Babysitter mit den Kindern noch im Park sind, den wir soeben verlassen haben, ohne unsere Kinder zu sehen.

Was früher, in kinderlosen Zeiten, sommerlicher Alltag war, ist heute Luxus par excellence. Wenn dann noch das ganze Arrangement ein Geschenk von Freunden ist, welche die Babysitter nicht nur organisiert haben, sondern auch bezahlen werden, dann glaubt man, mit Engeln befreundet zu sein. Und wenn man weiss, dass dies erst der erste Tag des Geschenks war und dass noch ein paar weitere im ähnlichen Stil folgen werden, dann glaubt man, für ein paar Tage den Himmel auf Erden zu erleben.

Ja

Zwölf Jahre ist es her, da haben „Meiner“ und ich ja gesagt. Ja zu einem Leben zu zweit, zu einem Leben, das wir uns etwa so vorgestellt hatten: Ein paar Jahre die Zeit zu zweit geniessen, ein wenig reisen, ein wenig studieren und ein wenig Geld verdienen, „Meiner“ zuerst mit unterrichten, dann mit etwas Kreativem, ich vielleicht als Journalistin, vielleicht auch als Gymnasiallehrerin oder vielleicht auch als etwas ganz anderes. Dann irgendwann eins, zwei, drei, vier Kinder, alle schön nacheinander, in gut verkraftbaren Abständen, Junge, Mädchen, Junge, Mädchen oder vielleicht auch Mädchen, Junge, Mädchen, Junge, auf alle Fälle schön gleichmässig nach Geschlechtern aufgeteilt. Ein eigenes Haus würden wir nie besitzen, ein eigenes Auto erst recht nicht.

Zwölf Jahre sind vergangen und alles ist ein wenig anders geworden, als wir es uns damals gedacht hätten: Wir besitzen zwei Drittel eines Hauses, auf dem Vorplatz steht ein eigenes Auto – gut, inzwischen ist es wenigstens kein Siebenplätzer mehr, sondern nur noch ein nettes himmelblaues Kleinwägelchen -, in den Kinderzimmern schlafen fünf Kinder, Junge, Mädchen, Junge, Junge, Junge und die Kinderchen sind nicht schön brav dann gekommen, wann wir sie geplant hätten, sondern dann, wenn ihnen gerade danach war, zu unserer Familie zu stossen. Unser Leben zu zweit dauerte gerade mal anderthalb Jahre, dann waren wir schon zu dritt.

Unser Leben zu zweit, dann zu dritt, zu viert, zu fünft, zu sechst und schliesslich zu siebt steckte voller Überraschungen, viele davon wunderschön, viele davon aber auch niederschmetternd. Wie oft haben wir gestaunt über Dinge, die wir nie für möglich gehalten hätten? Wie oft haben wir geweint, weil wir uns das alles etwas einfacher vorgestellt hatten? Wie oft haben wir gezweifelt, ob unser Weg noch in die richtige Richtung geht? Wie oft haben wir gejubelt, weil Träume wahr geworden sind? Wie oft haben „Meiner“ und ich uns angebrüllt, weil der andere mal wieder so unmöglich war? Wie oft haben wir uns gesagt, wie unendlich glücklich wir uns schätzen, miteinander unterwegs sein zu dürfen?

Zwölf Jahre schon leben wir das, was viele Menschen für ein Auslaufmodell halten. Zwölf Jahre schon fahren wir auf der Berg- und Talbahn des Familienlebens. Zwölf Jahre schon? Oder sind es nicht viel eher zwölf Jahre erst? Denn auch wenn es mir so vorkommt, als wären wir schon seit Ewigkeiten verheiratet, die Zeit verging dennoch wie im Flug.

Nun, wie dem auch sei, wichtig ist daran nur eines: Auch wenn kaum etwas so geworden ist, wie wir uns dies vor zwölf Jahren mal ausgemalt hatten, Ja sagen würde ich auch heute wieder. Wenn auch auf ziemlich andere Art und Weise als damals. Vielleicht könnten „Meiner“ und ich ja noch einmal heiraten….

Verschwenderisch

Verschwenderisch sind wir beide, „Meiner“ und ich, bloss nicht in den gleichen Bereichen. Währenddem ich unser sauer verdientes Geld gerne mit vollen Händen ausgebe, geht „Meiner“ mit den vierundzwanzig Stunden, die uns täglich zur Verfügung stehen mehr als grosszügig um. Und natürlich findet jeder von uns beiden, der andere solle sich doch bitte ein bisschen mehr am Riemen reissen. Er findet, das Planschbecken, das ich bei Ricardo ersteigert habe, sei nun wirklich vollkommen nutzlos, währenddem ich ihm hundertmal unter die Nase reibe, dass wir nun wirklich keine Zeit gehabt hätten, so lange mit der Nachbarin zu quasseln. Er rechnet mir vor, wie viel wir sparen könnten, wenn ich Budget statt Bio kaufen würde und wenn ich mir diese umwerfende Bluse nicht bestellt hätte und ich jammere ihm die Ohren voll, dass es mir zu viel werde zweimal pro Wochenende Gäste zu haben. Er will nicht begreifen, dass ein bisschen Retail Therapy hin und wieder ganz wichtig ist für die frustrierte Hausfrau, ich kann nicht verstehen, weshalb man jede Minute des Tages mit Aktivitäten füllen muss.

Würden wir hier stehen bleiben, unsere Ehe wäre wohl die Hölle auf Erden. Aber interessanterweise scheinen wir uns perfekt zu ergänzen. Denn nachdem ich den ganzen Tag gemotzt habe, dass ich ganz gerne ein wenig Freizeit gehabt hätte, anstatt stundenlang am Herd zu stehen, bin ich diejenige, die fast in Tränen ausbricht, wenn der schöne Abend mit den Gästen so schnell zu Ende gegangen ist und ich ertappe mich dabei, wie ich all die lieben Menschen am liebsten darum bitten würde, jetzt gleich bei uns einzuziehen, damit ich sie nicht gehen lassen muss. Im Gegenzug kann „Meiner“ ohne Gesichtsverlust dazu stehen, dass ich diese wunderschöne Bluse wirklich unbedingt habe kaufen müssen, weil meine Augen damit so schön zur Geltung kommen. Einzig von den Vorzügen des Planschbeckens habe ich ihn noch nicht überzeugen können. Vielleicht lasse ich ihn demnächst an einem sehr sehr heissen Nachmittag mit allen fünf Kindern alleine ins Schwimmbad gehen. Danach wird er mir auf Knien danken, dass ich dieses wunderbare Planschbecken ersteigert habe.

Wann wird es denn endlich heiss hierzulande?

Das perfekte Wochenende

Zutaten für das perfekte Wochenende zu zweit:
– Ein ceylonesisches Mittagessen, spottbillig aber dennoch köstlich
– Ein Spaziergang durch Bern, besonders schön, wenn sich dabei noch ein Paar neue Schuhe  dazugesellen
– Den weltbesten Chai mit Scones (Nein, nicht das klebrige Zeug von Starbucks, sondern der echte Genuss von „Länggass Tee„)
– Eine urgemütliche, warme Jurte, die mit wunderschönen, bunten Möbeln eingerichtet ist
– Ein paar Esel, Schafe, Kamele und Lamas, die einen erstaunt anschauen, wenn man mal den Kopf aus der Jurte streckt
– Regen, der auf das Dach der Jurte prasselt und der einem das Gefühl gibt, man befinde sich am sichersten Ort der Welt
– Ein  Coop-Tankstelle (tut mir Leid, gab gerade keine Migros-Tankstele in der Nähe, aber wäre natürlich besser gewesen 🙂 ) wo man alles findet für ein romantisches Diner in der Jurte
– Ein Ehemann, der sogar daran gedacht hat, Kerzen einzupacken
– Eine gemütliche Autofahrt durchs verregnete und dennoch wunderschöne Emmental. Schadet übrigens nicht, wenn man dabei alte Eros Ramazzotti-Schnulzen hört
– Endlose Stunden in der Sauna. War zwar teuer, aber man entspannt sich ja nicht alle Tage bei Kerzenlicht oder in einer Salzgrotte. Das kleine Bisschen Kopfschmerzen, das die geballte Ladung Entspannung mit sich bringt, nimmt man da gerne in Kauf.

Die zwei allerwichtigsten Zutaten aber sind

a) Absolut verlässliche Babysitter, die auch bei fünf Venditti-Kindern nicht die Nerven verlieren
b) Ein Ehemann, mit dem man die kostbare Zeit zu zweit nicht zum Streiten, sondern zum Geniessen nützen kann

Stimmen all diese Bedingungen, dann macht es einem auch nichts aus, wenn man, kaum ist man zu Hause angekommen, dafür sorgen muss, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat, der Zoowärter und das Prinzchen wieder heil aus der Vorratskammer kommen, in die sie sich aus lauter Freude, dass die Eltern wieder da sind, eingeschlossen haben.

Noch 100 Minuten…..

… und dann werden „Meiner“ und ich das ganze Chaos für 36 Stunden hinter uns lassen. Keine Kinder – nicht mal das Prinzchen darf mit – nur wir zwei. Wir zwei beim Teetrinken im Länggass-Tee, wir zwei beim Schlendern durch die Gassen Berns (den Regen denken wir uns einfach weg), wir zwei beim Übernachten in der Jurte (Wird doch wohl nicht so kalt werden, wie der Wetterfrosch vorausgesagt hat, oder?), wir zwei beim Diskutieren, ob wir jetzt in Bern oder in Luzern in die Sauna gehen sollen, wir zwei beim kompletten Entspannen, egal ob in Bern, Luzern oder anderswo, wir zwei bei der knallharten Landung in der Realität des turbulenten Alltags.

Und wer schaut derweilen zu den Kindern, fragt ihr euch? Na, wer wohl: Drei der zahlreichen weltbesten Nichten werden während unserer Abwesenheit den Laden schmeissen und ich weiss, sie werden die herkulische Aufgabe wie immer sehr gut meistern. Warum also will ich dennoch den Zeitpunkt des Wegfahrens hinauszögern? Wenn man bedenkt, welches Chaos ich hier zurücklasse und welche Ruhe ich dort hoffentlich finden werde, müsste ich doch jetzt schon ungeduldig im Auto warten, bis „Meiner“ endlich bereit ist zum Losfahren. Aber ist nicht gestern Abend das Prinzchen beinahe an einem Stück Karotte erstickt? Was, wenn er heute wieder eine Karotte erwischt? Okay, wir haben gar keine Karotten mehr im Kühlschrank, aber es könnte ja sein, dass jemand unseren Kindern während unserer Abwesenheit  Karotten schenkt… Und hat nicht Karlsson gestern so sehr an meiner Liebe zu ihm gezweifelt, dass ich ihn heute unmöglich verlassen kann. Und die Kinderzimmer sind auch nicht aufgeräumt und am Ende weiss man nie, ob nicht ausgerechnet in den nächsten 36 Stunden ein Tornado über Schönenwerd hinweg rasen wird. Ist zwar seit Menschengedenken noch nie passiert, aber man kann ja nie wissen, oder?

Nein, kann man tatsächlich nicht und deshalb werde ich jetzt wohl oder übel meine Tasche packen und mich ins Vergnügen stürzen müssen. „Meiner“ wartet nämlich schon ganz ungeduldig im Auto…