Am Wasser

Da liegt es also vor uns, tiefblau und friedlich. Eine kleine, saubere Bucht, Muscheln, kreischende Möwen und nette kleine Wellen. Sandburgen bauen, Muscheln sammeln, planschen, bis man so nass ist, dass man auch ein Bad im noch zu kühlen Wasser wagen kann. Familienfrieden pur, zumindest so lange, bis einer etwas mehr Wasser abbekommen hat, als ihm lieb gewesen wäre. 

Kann das wirklich das gleiche Wasser sein? Das Wasser, von dem sie wieder andauernd reden, in den Nachrichten, in Diskussionsrunden, in Parlamenten? Das Wasser, das den einen Vergnügen bereitet, den anderen den Tod? Dort ihr Elend, hier unser Glück.

Ein Urteil ist so leicht gesprochen, wenn man am sicheren Ufer sitzt. 

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Je (ne) regrette (rien)

Jetzt sollen wir Mütter also der Welt erzählen, warum wir es bereuen, Mütter geworden zu sein. Anfangs wollte ich mich der Debatte ja verweigern, weil es immer irgendwie schief rauskommt, wenn Blogger halb verdaute und vermutlich auch falsch verstandene Aussagen aus wissenschaftlichen Studien auf ihr eigenes Leben zu übertragen suchen. Doch dann erinnerte ich mich daran, wie ich vor gut sieben Jahren jeweils stundenlang mit leerem Blick am Fenster stand und mich fragte, wie ich auf dieses Karussell geraten war, das sich immer schneller drehte, pausenlos, ohne die Möglichkeit, einmal für ein paar Momente abzusteigen, um dem Schwindel Einhalt zu gebieten. Das Ticket war „non-refundable“, das wusste ich, aber könnte man mich vielleicht in eine etwas komfortablere Karussell-Kategorie wechseln lassen? Oder den Betreiber dazu bringen, das Ding etwas langsamer laufen lassen? Oder mal zwei, drei, vier, fünf Runden ohne mich zu drehen? Oder könnte man den Kerl dazu überreden, mich ans Schaltpult zu lassen, damit ich wenigstens selber bestimmen könnte, wann und wie schnell dieses Karussell drehte? Oder das Karussell auf eine andere Chilbi stellen, eine, auf der es etwas ruhiger und freundlicher zuginge? Oder könnte jemand anders für mich einen Teil der Fahrten übernehmen, damit ich mich anderswo austoben könnte? Und natürlich auch: Würde mir das Karussellfahren je wieder Spass machen?

Solche Fragen quälten mich damals und weil mich damals diese Fragen quälten, stand gestern Nachmittag, als ich mal wieder einen Artikel über die ganze Regrettinmotherhood-Debatte las, eine andere Frage vor mir: „Trifft doch genau auf dein Erleben zu, diese ganze Sache, nicht wahr?“ Dick und fett und aufdringlich stand sie da, diese Frage und sie weigerte sich, mir aus dem Weg zu gehen, so oft ich mich auch anderen Themen zuzuwenden versuchte.  Also versuchte ich, sie mit Scheinantworten zufrieden zu stellen. „Das kann ich nicht beurteilen, ohne die Studie gelesen zu haben“, war eine davon. „Da müsste ich mich erst mal eingehend mit der Sache befassen“, eine andere. „Es gibt schon Dinge, die ich bereue, aber doch nicht so“, eine dritte. Die Frage gab sich damit nicht zufrieden, im Gegenteil, sie wurde noch aufdringlicher: „Vielleicht muss ich deutlicher werden“, sagte sie mit herausforderndem Blick, „Bereust du es, Mutter geworden zu sein? Ja oder Nein?“ 

„Nein“, antwortete ich ohne nur einen Augenblick lang zu zögern. „Und ich habe es auch damals, als sich alles nur noch drehte und ich den Boden unter den Füssen zu verlieren drohte, nie bereut. Ich bereue in diesem Zusammenhang viel, aber nicht, dass ich Mutter geworden bin.“ Um meiner Leserschaft das ganze „antwortete ich“, „fragte sie mit herausforderndem Blick“, „insistierte ich“ Beigemüse zu ersparen, höre ich jetzt auf, dieses Selbstgespräch wiederzugeben und schreibe klipp und klar, was ich bereue:

  • Ich bereue, meine Kinder in einer Gesellschaft geboren zu haben, die keine Kinder mag, die sie als Privatsache ansieht, die man irgendwie selber managen soll, aber bitte schön so, dass man andere dabei nicht stört. (Man könnte auch sagen „Ich bereue, in der Schweiz geblieben zu sein“, aber darf man das sagen, wenn man in einem Land lebt, in dem alles so reibungslos funktioniert? Und weiss man denn, ob es einem anderswo besser ergangen wäre?)
  • Ich bereue, schwanger geworden zu sein, bevor ich beruflich genügend etabliert war, um zu wissen, was ich will und wie ich es will. (Also, eigentlich bereue ich nicht das mit der Schwangerschaft, sondern die ihr vorangehende Naivität, dass es sich irgendwie schon so ergeben würde, wie es uns zusagt.) 
  • Ich bereue, dass „Meiner“ und ich bis heute in einer Rollenteilung festgefahren sind, die unseren Fähigkeiten nicht entspricht und weil das Karussell noch immer unaufhaltsam dreht, ist es gar nicht so einfach, diese Rollenteilung zu durchbrechen, vor allem in finanzieller Hinsicht nicht. 
  • Ich bereue, die Weichen auf „Mutter = Hausfrau“ gestellt zu haben, obschon das nie mein Ding war. 
  • Ich bereue, mich selber nicht besser gekannt zu haben, bevor ich Mutter geworden bin, aber manchmal frage ich mich, ob ich mich selber überhaupt je so intensiv kennen gelernt hätte, wenn ich nicht Mutter geworden wäre.
  • Ich bereue, dass ich jahrelang unbewusst eine „Das macht man halt so“-Haltung an den Tag gelegt habe, anstatt so lange nach unserem Weg zu suchen, bis wir ihn gefunden haben.
  • Ich bereue, auf Menschen gehört zu haben, die in meinem Leben nichts zu melden haben.
  • Ich bereue, mich an Müttern orientiert zu haben, die nicht im geringsten so ticken wie ich.
  • Ich bereue, zu sehr auf das geschaut zu haben, was die Gesellschaft über Mütter denkt, anstatt mich damit zu befassen, wie ich mit dem, was mir in die Wiege gelegt worden ist, authentisch Mutter sein kann. (Okay, ich habe keine Ahnung, ob man das versteht, aber es war mir halt doch wichtig, das noch anzufügen.)

Und ich bereue übrigens auch, nach Kind Nummer fünf zu einem eindeutigen Schlussstrich in Sachen Kinderkriegen eingewilligt zu haben, obschon ich in der Schwangerschaft mit Kind Nummer fünf gewahr wurde, dass das Karussell für meinen Geschmack etwas zu heftig dreht. (Darum habe ich ja auch eingewilligt.) 

Kurz und knapp zusammengefasst: Ich bereue nicht, dass ich Mutter geworden bin, ich bereue, wie ich es geworden bin. Aber im Nachhinein ist man immer schlauer. Und wer kann denn schon mit Sicherheit sagen, dass es andersrum nicht nur anders, sondern auch besser gewesen wäre?

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Grenzen(los)

Man sagt ja, wir lebten in einer globalisierten Welt, einer Welt, die zumindest innerhalb von Europa kaum mehr Grenzen kennt. Irgendwie stimmt das ja auch. Zumindest ist es eine ganze Weile her, seitdem ich zum letzen Mal an einer innereuropäischen Grenze ein Reisedokument habe vorweisen müssen und das, obschon wir Schweizer ja nicht so richtig dazugehören (wollen). Dafür aber stößt man im virtuellen Bereich immer wieder auf überraschende Grenzen. Zum Beispiel kann ich mir bei Netflix meine „Tudors“ ganz ungehindert zu Ende reinziehen,  „Meiner“ aber wird bis Juni warten müssen, um zu erfahren, wie „The Americans“ ausgeht, denn das gibt’s hier nicht. Dafür aber eine seichte Romcom über einen traurigen Koch, die wir uns nur angesehen haben, weil das zu Hause nicht geht (und wir uns an jenem Abend wirklich gar nichts zu sagen hatten, da wir einander tagsüber mehrmals in die Haare geraten waren). Wir hätten natürlich auch „Downton Abbey“ haben können, dafür aber kein „House of Cards“, was in der Schweiz genau umgekehrt wäre. 

Will ich mich beim Schweizer Fernsehen darüber informieren, was zu Hause so läuft, kann ich das immer erst dann tun, wenn die Sendung im Archiv ist, live geht nicht, aus rechtlichen Gründen, wie mir ein Popup erklärt. Was aus Patrick Jane wird, kann „Meiner“ entweder auf Französisch erfahren, oder gar nicht, denn was in Deutschland ausgestrahlt wird, darf offenbar in Frankreich nur über den Fernseher empfangen werden, aber der hier im Haus empfängt ausschließlich französische Sender, was auch gut ist, denn sonst kämen die Kinder noch auf die Idee, bei diesem Prachtwetter vor der Glotze abhängen zu wollen. So müssen sie sich mit Handy und iPad zufrieden geben, was bei den streng bewachten Internetgrenzen aber…. Ach, ich glaube fast, das habe ich schon erklärt. 

Darum ziehen sie sich jetzt halt Carmen und Robert Geiss auf youtube rein. Für Trash gibt’s offenbar keine Grenzbestimmungen. 

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Kinderlose Kinderexperten

Meine kinderlosen Freundinnen sind Gold wert. Mit ihnen kann ich über die Dinge quatschen, die sich außerhalb meiner Mamawelt abspielen. Sie erfahren von mir, was sie ohne Kinder verpassen (und was nicht), ich lerne von ihnen, wie man die Dinge auch noch sehen könnte, wenn man sie nicht immer im Hinblick auf die eigenen Kinder betrachtete. Bei ihnen kann ich auch mal ungehemmt darüber lästern, wie sehr mir der Tanz ums goldene Kind, den manche Mütter veranstalten, auf den Geist geht. Im Gegenzug berichten sie mir schonungslos offen über die Abgründe des „Single-WG-wie soll meine Zukunft aussehen?“-Lebens. Kurzum, sie sind eine echte Bereicherung, diese Frauen. 

Was ich hingegen nicht ertragen kann, sind kinderlose Menschen, die Kinder und Teenager nur vom Hörensagen und vor allem aus den Medien kennen und sich dennoch für Experten halten. Menschen, mit denen man solche Gespräche führt (Dieses hier ist übrigens fiktiv, leider aber nicht frei erfunden.): 

Ich: „Meine Tochter ist in den Ferien jeweils sehr viel experimentierfreudiger mit ihrem Kleiderstil. Dann trägt sie Dinge, die sie für die Schule nie anziehen würde.“

Mein Gegenüber seufzt tief, legt die Stirn in sorgenvolle Falten und sagt: „Ja, das ist heutzutage einfach schlimm mit diesem Markenwahn. Die Kinder trauen sich ja nicht mehr aus dem Haus, wenn sie nicht die richtigen Klamotten tragen…“

„So habe ich das nicht gemeint“, unterbreche ich, um mir nicht den ganzen Markenkleider-Sermon, den ich inzwischen in- und auswendig kenne, anhören zu müssen. „An unserer Schule ist das eigentlich kein Problem…“

Weiter komme ich nicht, bevor mein Gegenüber ins Wort fällt: „Nein, glaub mir, die Kids leiden richtig. Wenn die die falschen Schuhe an den Füssen haben, werden die verprügelt. Ich habe neulich diesen Artikel gelesen…“

Jetzt ist es an mir, unhöflich zu sein: „Ich weiss, an manchen Schulen läuft das tatsächlich so, aber bei uns schlagen wir uns mit anderen Themen rum. Meine Tochter ist halt jetzt einfach in dem Alter, in dem man nicht auffallen will…“

„Das ist es genau, was ich meine“, unterbricht mich mein Gegenüber schon wieder. „In dem Artikel haben sie diese bekannte Jugendpsychologin zitiert…wie heisst sie nochmal?… Ach, ist ja auch egal, aber auf alle Fälle hat sie gesagt, die Kids wollten auf gar keinen Fall mehr auffallen, weil sie sonst…“

So geht das dann so lange weiter, bis die Person meine Aussage über Luises Kleiderstil so weit zurechtgebogen hat, dass sie als Beleg für die Thesen aus dem Zeitungsartikel herhalten kann. Und bis ich mir überlege, ob ich der Person einen Praktikumsplatz bei uns zu Hause anbieten soll, damit sie mal Kinder und Teenager in freier Wildbahn erleben kann. 

Noch Fragen, warum ich solche Menschen nicht zu meinem Freundeskreis zähle?

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Lehrerfortbildung

„Meiner“ befindet sich derzeit bekanntlich in einer längeren Lehrerweiterbildung und da mir in den letzten Jahren ein kritischer Blick auf die Schule zur Gewohnheit geworden ist, kann ich mir eine gewisse Belustigung nicht verkneifen, wenn der Herr Gemahl mir abends von seinem „Schultag“ berichtet. (Von den Bastelarbeiten, die er nach Hause bringt, reden wir an dieser Stelle nicht. Ich frage mich einfach, ob man die auch über Jahre aufbewahren muss, weil sie – na ja, wie soll ich sagen? – sich nur geringfügig von Prinzchens Kindergartenbasteleien unterscheiden.) Am Dienstag zum Beispiel werden die gestressten Lehrkräfte jeweils mit Entspannungsmethoden bekannt gemacht, die ihnen helfen sollen, im Schulzimmer kühlen Kopf zu bewahren und nicht auszubrennen. Heute früh auf dem Programm: Yoga.

Gerade so, als wäre das eine revolutionäre neue Sache, von der hierzulande noch keiner je gehört hat. Als würde sich nicht bereits jetzt die Hälfte aller Lehrkräfte nach der wöchentlichen Endlossitzung ins Yogastudio flüchten. Als würden die alten Hasen nicht vor Langeweile einschlafen, wenn sie einen Vormittag lang so tun müssen, als wären sie blutige Anfänger. Als wüssten die Organisatoren nicht, dass heutzutage einzig die Menschen kein Yoga machen, die kein Yoga machen wollen

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Prinzchen goes pacifist

„Byte keynen Krieg“ – so lautet Prinzchens Antikriegsbotschaft, wenn man merkt, dass man von links unten nach links oben lesen muss und die zwei letzten Buchstaben zu interpretieren weiss. Ich würde sagen, unser Jüngster ist auf gutem Wege, die hoffentlich eines Tages wieder erwachende Friedensbewegung kreativ zu bereichern. Und nein, ich habe ihm das nicht diktiert, er hat bloss meine alten „Geo Epoche“ in die Finger gekriegt und der Fall war für ihn klar: Nie wieder Krieg!

Werkzeugkasten & Ehemann beim Onkel Doktor

Heute war der Werkzeugkasten in Begleitung des Ehemanns beim Onkel Doktor, um zu besprechen, wie es mit Schwiegermama weitergeht. Der Onkel Doktor war zwar erst einmal der Meinung, ein solches Gespräch sei nicht nötig, wo sich doch der Spitalaustritt am Horizont abzeichnet, aber sowohl der Ehemann als auch der Werkzeugkasten sind da anderer Meinung, da ganz offensichtlich ist, dass alleine leben für Schwiegermama in den kommenden Wochen nicht in Frage kommt. Der Onkel Doktor kam also ins Krankenzimmer, begrüsste alle Anwesenden freundlich und drehte von da an dem Werkzeugkasten konsequent den Rücken zu und redete einzig mit dem Ehemann. Der Werkzeugkasten fand dies irgendwie nicht in Ordnung, denn erstens war er bis anhin bei fast sämtlichen Arztgesprächen anwesend gewesen und wusste deshalb deutlich besser Bescheid und zweitens wird wohl auch in Zukunft zuerst einmal er herbeigerufen, falls es wieder kritisch werden sollte. Also beschloss der Werkzeugkasten, sich mit gezielten Fragen ins Gespräch einzubringen, was aber den Onkel Doktor nicht weiter beeindruckte, die Antworten richtete er weiterhin an den Ehemann. Mit der Zeit wurde es dem Werkzeugkasten zu bunt und er fing an zu zicken. Nicht heftig, nur ein ganz klein wenig, weil er es nicht ausstehen kann, wenn er nicht ernst genommen wird. In pointierten Worten schilderte er Onkel Doktors Rücken, wie die Lage aus Sicht der Angehörigen aussieht und bat ihn darum, den Sozialdienst ins Spiel zu bringen. Nach einigem Hin und Her hatte der Onkel Doktor endlich ein Einsehen und versprach dem Ehemann, er werde mit dem Sozialdienst Kontakt aufnehmen. Sowohl der Ehemann als auch der Werkzeugkasten bedankten sich und der Werkzeugkasten fügte an, er sei morgen den ganzen Tag erreichbar, man könne sich bei ihm melden, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Jetzt endlich wandte sich der Onkel Doktor dem Werkzeugkasten zu, allerdings mit ziemlich verwirrtem Blick. „Ja, wer von Ihnen ist denn eigentlich zuständig? Mit wem soll der Sozialdienst Kontakt aufnehmen?“ „Wir sind beide zuständig, wir gehören zusammen und sind die engsten Angehörigen“, antwortete der Werkzeugkasten, „aber morgen bin ich besser erreichbar.“

Und wer jetzt denkt, der Onkel Doktor sei halt irgend so ein alter Chauvinist gewesen, der nicht mit Werkzeugkästen redet, der irrt. Der war gerade mal alt genug, dass man ihn nicht für den Sohn des Werkzeugkastens und des Ehemanns halten konnte. 

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Werkzeugkasten

Heutzutage, das weiss jedes Kind, kann man nicht mehr einfach so davon ausgehen, dass Frau zu Hause am Herd auf Anweisungen wartet, was sie mit ihrer Zeit und ihren Fähigkeiten anfangen soll. In der Theorie zumindest ist das so und ich hoffe sehr, dass sich in Lebenswelten, in denen sich meine Geschlechtsgenossinnen bewegen, die Gleichberechtigung in irgend einer Weise bemerkbar macht. In meiner Lebenswelt, die sich derzeit trotz Berufstätigkeit vorwiegend in den eigenen vier Wänden abspielt, ist alles noch irgendwie so, wie es war, als Frauen noch nichts anderes zu tun hatten, als für Mann und Kinder zu sorgen. Dies nicht etwa, weil „Meiner“ ein übler Pascha wäre, der mir keine Freiheiten gönnt, sondern weil eine Frau, die zu Hause ist, von vielen noch immer als eine Art Werkzeugkasten angesehen wird, der nach Belieben dahin geschoben werden kann, wo es im Familiensystem gerade klemmt. Wenn Frau zu Hause ist, kann das, was sie tut, so wichtig ja nicht sein, denn sonst hätte sie einen „richtigen“ Job bekommen, so scheint man noch immer zu denken. 

Mal ist es die Aushilfslehrerin des FeuerwehrRitterRömerPiraten, die darauf besteht, meinen Sohn nach Hause zu schicken, obschon ich ihr schon hundertmal erklärt habe, dass a) unser Dritter ganz gerne die Sache mit dem Bauchweh bringt, wenn er keinen Bock hat auf Schule und b) ich am Arbeiten bin und deshalb genau so wenig verfügbar bin wie eine Mutter, die einen Job ausser Hause hat. Mal ist es Zoowärters Lehrerin, die mich jetzt gleich in der Schule sehen will, weil mein Sohn mal wieder etwas vergessen hat. Auf meine Kolumnen-Deadline kann sie keine Rücksicht nehmen, denn nachher muss sie mit der Klasse ins Turnen. (Sagt jetzt bitte nicht, ich solle halt nicht ans Telefon gehen. Wenn auf dem Display „Schule“ steht, spult mein Gehirn sämtliche Horrorszenarien ab und ich kann gar nicht anders, als ranzugehen.) Wenn es nicht die Schule ist, die meine Dienste wünscht, dann ist es ein Arzt, der mich ganz dringend ins Spital bestellt, weil es Schwiegermama nicht gut geht und intern gerade niemand verfügbar ist, der ihr auf Italienisch erklären kann, was los ist. Eine halbe Woche später wiederum ist es ein anderer Arzt, der mir erklärt, Schwiegermama gehe es viel besser, man könne den Spitalaustritt ins Auge fassen, ich solle doch so rasch als möglich vorbeikommen, damit man die Details besprechen könne. Wenn die italienische Verwandtschaft vom verbesserten Zustand erfährt, steht sogleich die Erwartung im Raum, dass Schwiegermama bei uns einziehen kann, weil ich ja Zeit habe, sie zu pflegen. Und während ich mir noch den Kopf zerbreche, wie wir die Differenz zwischen Ansprüchen und Realität überbrücken sollen, ohne einen epochalen Familienstreit vom Zaun zu brechen, kommt ein freudenstrahlender Zoowärter angerannt, der mir berichtet, die Lehrerin sei krank, der Unterricht falle aus. Das Brieflein, in dem stehen würde, wer keine Betreuungsmöglichkeit habe, könne sein Kind in die Schule schicken, händigt er mir leider nicht aus, denn ich bin ja zu Hause…

Bitte versteht mich nicht falsch. Wenn meine Lieben in der Tinte sitzen, will ich für sie da sein, keine Frage. Was mich an der Sache stört, ist die Selbstverständlichkeit, mit der man sich an mich wendet, wenn es irgendwo brennt. So wurde zum Beispiel „Meiner“ noch nicht ein einziges Mal herbeizitiert, seitdem seine Mutter erkrankt ist, man ruft ganz selbstverständlich mich. Und als er letze Woche mal von sich aus alles stehen und liegen liess, weil es wirklich nicht gut aussah, wurde das von gewissen Menschen mit Kopfschütteln quittiert. „Warum rennst du denn?“, fragten sie ihn, „deine Frau schaut doch zu deiner Mutter.“ 

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Wo bleibt bloss mein Verständnis?

Neulich unterhielt ich mich mit jemandem darüber, wie schwer wir uns damit tun, zu verstehen, was einen Menschen dazu treibt, sich vegan zu ernähren. „Ich meine, ein Leben so ganz ohne Käse und Eier, das kann ich mir schlicht nicht vorstellen“, sagte ich und plötzlich kam mir das, was ich sagte, ganz bekannt vor. „Ich meine, ein Leben so ganz ohne Steaks und Würste, das kann ich mir schlicht nicht vorstellen…“ Wie oft habe ich diesen Satz gehört, seitdem ich als Zehnjährige dem Fleisch abgeschworen habe? 

Fleisch hatte ich noch nie besonders gerne gegessen, erst recht nicht, als die Schafe, die wir mit der Schoppenflasche aufgepäppelt hatten, auf dem Teller landeten. Als wir mit der Schulklasse den Jägern einen Besuch abstatteten, standen da Eimer voller Blut herum und das gab mir den Rest. Damit begann der Kampf ums Verständnis. „Das machst du nur, um aufzufallen“, behaupteten die einen, „Das ist total ungesund“, die anderen, „Das ist nur eine Phase“, die Dritten. Es war keine Phase und nur um Aufmerksamkeit zu bekommen, zog man sowas in den frühen Achtzigern nicht durch. Da galt man nämlich noch als unglaublich schüchtern, wenn man beim Metzger die Wurstscheibe dankend ablehnte und bekam deshalb gleich zwei. Im Ferienlager wurde man als „schnäderfrässig“ beschimpft, wenn man auf Fleisch verzichtete und es konnte durchaus vorkommen, dass ein sadistisch veranlagter Lagerleiter einen dazu zwang, einen Landjäger runterzuwürgen, weil „gegessen wird, was auf den Tisch kommt“. In der Kochschule war man als Letzte fertig mit dem Essen, weil es überall Speckwürfel oder Schinkenstücke drin hatte, die man mühselig rausklauben musste und später, als die ersten Vegi-Menüs aufkamen, hatte man die Wahl zwischen Tortellini (Ricotta und Spinat) im Alltag und Auberginen-Schnitzel beim Festessen, weil Köche damals noch glaubten, ein Vegetarier brauche etwas Schnitzelförmiges auf dem Teller, damit er am Tisch nicht unangenehm auffällt. (Fragt nicht, auf wie vielen Hochzeiten um die Jahrtausendwende ich Auberginen-Schnitzel gegessen habe. Ich habe sie nicht gezählt. Aber glaubt mir, meine lieben Freunde, ich habe euch inzwischen verziehen.)

In jenen fernen Tagen fragte natürlich noch niemand „Esst ihr alles, oder ist jemand von euch Vegetarier?“ wenn man eingeladen wurde und so kam es öfter mal vor, dass ich mit Todesverachtung und möglichst ohne zu kauen Schinkengipfel oder Chicorée im Schinkenmantel runterwürgte, weil die Gastgeber ausser ein paar welken Salatblättern nichts Fleischloses auf den Tisch gebracht hatten. Der Satz „Tut mir Leid, ich bin Vegetarierin, ich esse lieber nichts“, war in jenen Tagen noch nicht überall salonfähig und hätte eine aufkeimende Freundschaft ernsthaft gefährden können. Aussergewöhnlich rücksichtsvolle Gastgeber dachten natürlich schon damals an die Bedürfnisse der Fleischverächter und kochten deshalb für die Vegetarier etwas mit Poulet. Wie hätte man bei so viel Rücksichtnahme sagen sollen, dass Poulet genau so wenig geht wie Schwein oder Rind?

Besonders schwierig wurde es, als ich Schwiegermama kennen lernte. „Du isst kein Fleisch?“, fragte sie ungläubig. „Na, dann nimm doch wenigstens ein bisschen Salami.“ „Ääääähm, Salami ist auch Fleisch…“ „Dann eben Rohschinken?“ „Auch Fleisch….“ „Aber Aufschnitt isst du doch bestimmt?“ „Leider nein….“ Noch irgendwelche Fragen, warum Schwiegermama und ich uns nicht auf Anhieb bestens verstanden haben? Um des lieben Familienfriedens Willen rang ich mich schweren Herzens dazu durch, wenigstens Poulet zu essen, was so lange halbwegs gut ging, bis mir Schwiegermamas Schwester Hühnerhälse vorsetzte. Von da an war ich wieder strikte Vegetarierin – bis auf die paar Bissen Fisch, die ich hin und wieder aus Vernunftgründen esse, weil Fisch ja bekanntlich klug macht – , auch wenn es Jahre brauchte, bis Schwiegermama sich daran gewöhnen konnte, mir kein Poulet mehr anzubieten und es nicht persönlich zu nehmen, wenn ich ablehnte. 

Inzwischen ist es natürlich längst kein Problem mehr, überall anständiges bis sehr gutes vegetarisches Essen zu bekommen. Die Frage, ob man Vegetarier ist, gehört bei jeder Einladung standardmässig dazu, ebenso wie das Aufatmen, wenn man sagt „Ja, aber nur Vegetarier, nicht vegan. Ich esse eigentlich alles, ausser Fleisch und Fisch.“ Vielleicht füge ich noch an. „Aus Überzeugung und weil ich es nicht mag, aber ich würde nie jemanden dazu zwingen, auf Fleisch zu verzichten. Und ja, für meine Kinder koche ich Fleisch“, weil ich genau weiss, dass diese Fragen folgen werden. Vegetarier sind inzwischen so alltäglich, dass sie schon fast langweilig sind. Heute ist sollte man mindestens vegan sein, vielleicht noch ein wenig laktoseintolerant oder Gluten-unverträglich obendrein.

Und wenn ich diesen letzten Satz so schreibe, schäme ich mich ein wenig, denn wer, wenn nicht ich, sollte Verständnis haben, wenn jemand aus Überzeugung seine Ernährung umstellt, obschon die anderen das irgendwie seltsam finden? 

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Mitgehört im Zug

Junge Frau greift zum Handy:

„Guten Tag, ich habe heute einen Termin bei Ihnen, aber ich komme etwas verspätet.“

Schweigen

„Ich musste eben gestern Abend bis elf Uhr durcharbeiten und jetzt sind heute die Zugverbindungen etwas schlecht.“

Schweigen

„Wie viel später? Ja, ich denke, etwa eine halbe Stunde später oder so.“

Schweigen

(ungehalten): „Ja, wann haben Sie denn den nächsten freien Termin für mich?“

Schweigen

(spöttisch): „Das sollte ja wohl noch reichen, oder? Braucht ja nicht sooooo viel Zeit.“

Schweigen

(aufgebracht): „Ja, was kann ich denn dafür, dass ich bis elf durcharbeiten musste und erst um zwei in die Federn konnte?“

Schweigen

(sarkastisch): „Dann bestellen Sie mir doch einen Helikopter und sorgen Sie dafür, dass ich in vier Minuten pünktlich zum Termin erscheine!“

Schweigen

(als wäre nie ein unfreundliches Wort gefallen): „Danke, Ihnen auch einen schönen Tag.“

Ich glaube, die junge Frau wird’s mal wirklich weit bringen in ihrem Leben.

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