Abnehmfronten

Mit dem Gedanken, mal ein paar Kilos loszuwerden, spiele ich schon länger und gerade jetzt stimmen die Bedingungen, um die Sache mal endlich anzugehen. (Ein noch nicht ganz erledigter Magen-Darm-Käfer sorgt schon mal für Starthilfe.) Nur eine klitzekleine Angst hat mich bis anhin davon abgehalten, den Gedanken in die Tat umzusetzen. Nein, nicht die Angst, es ohne Schokolade nicht auszuhalten, denn auch wenn ich das Zeug mag, finde ich doch, es sei ziemlich überbewertet. Lohnt sich doch wirklich nicht, für einen Augenblick des Genusses drei Stunden Sodbrennen in Kauf zu nehmen. Es ist die Angst, zwischen die Fronten zu geraten, die mich zögern lässt, mein Vorhaben anzugehen. Die Fronten? Na ja, ihr wisst schon, die Abnehmfronten.

Auf der einen Seite die Frauen, die glauben, nur wer sich hart an der Grenze zur Anorexie bewege, sei in der Lage, ein glückliches Leben zu führen. Die Frauen, die hinter deinem Rücken sagen: „Wenn ich Grösse 38 tragen müsste, würde ich mir die Kugel geben.“ Die Frauen, die dir um den Hals fallen, wenn du die ersten Kilos geschafft hast und quietschen: „Du siehst sooooooo viel besser aus! Ist doch bestimmt ein ganz anderes Lebensgefühl so.“ Die Frauen, die glauben, mit etwas weniger Speck auf den Rippen würdest du dich plötzlich für Frauenzeitschriften, Nail Design und die aktuellen Modetrends interessieren, weil sie meinen, du hättest diese Dinge bis anhin nur gemieden, weil du zu fett warst dafür. 

Auf der anderen Seite die Frauen, die fürchten, mit dir könne man jetzt keinen Spass mehr haben, du hättest die Fronten gewechselt und würdest dir nun nur noch den Kopf darüber zerbrechen, ob der Macchiato noch drin liegt, oder ob das schon ein paar Kalorien zuviel sind. Die Frauen, die meinen, du wolltest irgend einem unrealistischen Ideal nacheifern, egal, wie oft du ihnen versicherst, du möchtest nicht aussehen wie damals mit zwanzig, sondern dich einfach wieder etwas wohler fühlen. Die Frauen, die deinen Entschluss schon fast als Verrat an der Emanzipation verstehen und insgeheim denken, du wolltest das nur tun, weil „Deiner“ ein böser Sexist ist, der droht, dich zu verlassen, wenn du nicht innert fünf Monaten spindeldürr wirst. 

Nun könnte man natürlich einwenden, man müsste einfach nichts übers Abnehmen sagen, dann sei das mit den Fronten kein Problem, aber das kann nur jemand sagen, der noch nie zuvor ein paar Kilos losgeworden ist. Ich rede da aus Erfahrung: Spätestens wenn die ersten fünf Kilos weg sind, wird die Sache zum Thema, und zwar auf beiden Seiten, ob dir das nun passt oder nicht. Also sage ich lieber zum Vornherein, was ich vorhabe, damit ihr Frauen da draussen wisst, dass ihr gefälligst eure Klappe halten sollt, falls ich wirklich ein paar Kilos loswerde.

Und falls ich es nicht schaffe, gibt es dann keine Kommentare? Mit Sicherheit nicht. Die einen werden nichts sagen, weil sie mich wegen meines Misserfolgs zutiefst bemitleiden (Na ja, die hier würde vermutlich schon etwas sagen, wenn sie etwas von meinem Vorhaben wüsste….), die anderen werden schweigen, weil sie mich nicht auf die Idee bringen wollen, es noch einmal zu versuchen. 

ottant' anni

ottant‘ anni; prettyvenditti.jetzt

Inkonsequent

„Sie tun mir aber leid“, sagte ich zu der Kassiererin, die mir kurz vor Weihnachten erzählte, samstags sei das Geschäft jetzt jeweils bis 20 Uhr offen. „Irgendwann müssen Sie doch auch Feierabend haben und an den Bahnhöfen gibt es ja genügend Läden, die bis spät geöffnet sind.“

„So ein Schwachsinn“, sagte ich etwas später zu „Meinem“. „Wollen die denn eine 24-Stunden-Gesellschaft wie in den USA? Man kann seine Einkäufe doch planen, dann braucht man nicht am Samstagabend noch in die Läden zu rennen.“

„Du willst mir doch nicht weismachen, dass du zu keiner anderen Tageszeit einkaufen gehen kannst?“, sagte ich ein paar Tage später zu einer Freundin, als sie mir erklärte, sie sei ganz froh um die verlängerten Öffnungszeiten am Samstag. 

„Wir brauchen ganz dringend noch Katzenfutter, WC-Papier, Katzenstreu und Haushaltpapier. Ich glaube, ich fahre am besten noch schnell ins Einkaufszentrum. Die haben doch jetzt am Samstag bis 20 Uhr offen und wenn ich mich recht erinnere, haben sie alles im Sonderangebot, was wir brauchen“, sagte ich heute Abend, als ich mit Schrecken feststellte, dass gleich vier ziemlich unentbehrliche Dinge fürs Wochenende fehlten. 

Na ja, immerhin war ich konsequent genug, nicht an der Kasse anzustehen, an der die Kassiererin sass, die ich kurz vor Weihnachten dafür bemitleidet hatte, dass sie jetzt samstags bis 20 Uhr arbeiten muss. 

(Und eigentlich ist das alles gar nicht meine Schuld. Hätte Karlsson den Katzen nicht bei jedem kläglichen Miauen den Fressnapf gefüllt, wären die Futtervorräte nicht heute kurz nach 18 Uhr aufgebraucht gewesen. Katzenstreu hätten wir dann auch keine gebraucht. Und folglich auch kein Haushaltpapier, aber da gehe ich jetzt lieber nicht ins Detail.)

pasta al zafferano

pasta al zafferano; prettyvenditti.jetzt

Der vertreibt mir noch die Hamchitis

Wer hier mitliest weiss: Hamchitis gehören zu meinem Leben. Okay, anfangs war ich nicht gerade begeistert über ihre Anwesenheit, aber da sie für Unterhaltung in meinem ach so öden Alltag sorgen und mir auch immer wieder Schreibstoff liefern, möchte ich sie inzwischen nicht mehr missen. Neulich erklärte mir zwar eine nette Sachbearbeiterin, die eigentlich eine ausstehende Rechnung meines Freundes Halim hätte eintreiben wollen, wie ich Hamchitis für immer loswerden könnte, aber irgendwie wäre mir das so vorgekommen, als würde ich mich nach einer langen Ehe von einem lästigen aber immerhin treuen Partner trennen. Doch kaum habe ich den Entschluss gefasst, nichts gegen Hamchitis zu unternehmen, hat „Meiner“ sich dazu entschieden, mit ihnen Schluss zu machen. Darum reisst er das Telefon jedes Mal an sich, wenn eine unbekannte Nummer auf dem Display erscheint. Die Gespräche laufen dann etwa so:

Unbekannte Anruferin: „Hallo. Isch Halim da?“

„Meiner“: „Ich nehme gerne eine Margherita.“

UA: „Wo Halim Hamchiti. Er da?“

„Meiner“: Eine Margherita mit Oliven, dann noch eine Funghi-Prosciutto und…“

UA. „Du nicht wissen wo Halim?“

„Meiner“: „…dann noch einen grünen Salat. Liefern Sie ins Haus, oder soll ich die Pizza abholen?“

UA, verwirrt: „Sie albanisch?“

„Meiner“, vollkommen ungerührt: „Wie viel macht das dann, alles zusammen?“

UA: „Sie nicht albanisch?“

„Meiner“ zu mir, leicht enttäuscht: „Sie hat aufgehängt.“

Ich hab‘ „Meinem“ jetzt gesagt, er solle aufhören mit diesem Mist. Wenn sich in Hamchitis Bekanntenkreis herumspricht, dass der gute alte Halim vollends durchgedreht ist und nur noch von Pizza Margherita redet, will bald keiner mehr mit ihm abhängen und wer ruft mich dann noch an?

i'm rich

i’m rich; prettyvenditti.jetzt

Stets zu Zoowärters Diensten

Nächste Woche wird der Zoowärter acht und das bewegt das Prinzchen, der ein ausgeprägt nächstenliebender Mensch ist, zutiefst. Ein Geburtstag, das weiss das Prinzchen aus bitterer Erfahrung, ist viel zu schnell vorbei und darum muss das Geburtstagskind möglichst lange und ausgiebig verwöhnt werden. Das ist nicht getan, indem man dem grossen Bruder einen Berg von Geschenken bastelt, da muss mehr her, viel mehr. Und darum nimmt das Prinzchen dem Zoowärter seit einigen Tagen jede unangenehme Aufgabe ab. 

Der Zoowärter verschüttet am Tisch seinen Sirup, das Prinzchen springt auf, holt Haushaltpapier und wischt die Lache auf.

Der Zoowärter fängt an, seinen Teil des Tischdeckens zu übernehmen, das Prinzchen nimmt ihm den Tellerstapel aus der Hand und sagt: „Du hast Geburtstag, lass mich das machen.“ Manchmal aber ist der Zoowärter schneller als das Prinzchen. Dann wird der Kleine wütend und zwar auf mich, weil ich nicht eingegriffen und den Grossen am Tischdecken gehindert habe. 

Der Zoowärter soll sein Zimmer aufräumen, was in diesen Tagen so läuft, dass das Prinzchen die Arbeit macht, währenddem der grosse Bruder auf dem Bett liegt und „Lustige Taschenbücher“ liest.

Der Zoowärter muss als Hausaufgabe Bilder und Wörter ausschneiden und richtig zuordnen. Das Prinzchen übernimmt das lästige Ausschneiden, übt derweilen gerade ein wenig lesen und hilft dem Zoowärter beim Zuordnen. 

„Das müsste doch der Zoowärter erledigen“, sage ich jeweils erstaunt, wenn der kleine Prinz, der nicht gerade stämmig gebaut ist, sich nach Leibeskräften darum bemüht, einen schweren Abfallsack die Treppe hinunterzutragen. „Aber er hat Geburtstag“, antwortet das Prinzchen keuchend und schleppt weiter. Anfänglich war es dem Zoowärter ein wenig peinlich, dabei zuzuschauen, wie sein kleiner Bruder sich für ihn abrackerte, doch inzwischen hat er sich daran gewöhnt. Nicht freiwillig allerdings. Das Prinzchen musste mehrmals ziemlich heftig werden, weil das zukünftige Geburtstagskind sich nicht widerstandslos bedienen lassen wollte.

So langsam scheint es dem Zoowärter allerdings nichts mehr auszumachen, sich nach Strich und Faden verwöhnen zu lassen. Warum auch? Er hat doch Geburtstag. In einer Woche. 

tè

tè; prettyvenditti.jetzt

Anti-aging

Zugegeben: Es war wohl mal wieder grenzenlos naiv von mir, zu glauben, meine Töpfchen und Tiegelchen – von denen ich übrigens nicht allzu viele besitze – seien jetzt, wo auch das Prinzchen halbwegs gross ist, vor überneugierigen Kinderfingern geschützt. Dass der Kampf ums Fond-de-Teint-Döschen mit Luises ersten Pickeln erst richtig entbrennen würde, ahnte ich erst, als sie mich eingehend befragte, wie man das Zeug denn anwenden müsse. Da diese Familie aber schon öfters mal eine mütterliche „Wer hat sich schon wieder an meinen Sachen vergriffen? Wisst ihr eigentlich, wie teuer das Zeug ist?“-Schimpftirade erlebt hat, glaubte ich trotzdem, die Zeit der plötzlich leeren Töpfchen sei endlich überstanden. 

Ist sie aber nicht. Als ich mir heute Morgen vor dem Einkauf ein wenig Farbe ins Gesicht klatschen wollte, griff ich mal wieder ins Leere. Nein, nicht in dieses „Mit etwas Mühe bringe ich vielleicht noch einen winzigen Rest raus“-Leere, sondern in das jeder Mutter bekannte „Die haben das doch nicht etwa ausgeleckt?“-Leere, von einfacheren Gemütern auch einfach „L-E-E-R“-Leere genannt. Eine Leere, die mich dazu zwang, vollkommen farblos aus dem Haus zu gehen.

Was nicht weiter schlimm wäre, wenn ich mir die Farbe ins Gesicht schmieren wollte, um etwas besser auszusehen, aber in meinem Fall ist die Farbe ein soziales Engagement, da mein ungeschminktes Antlitz mein Umfeld in tiefe Sorge stürzt. (Also so etwas wie: „Geht’s dir wirklich gut, oder soll ich vielleicht doch lieber einen Krankenwagen rufen?“) Ein Hauch von Farbe ist also Pflicht und darum musste beim Einkauf auch sofort ein neues Döschen her.

Bloss, wie schütze ich das Ding vor Luises Zugriff? Ich glaube, ich habe eine Lösung gefunden: Ich habe mir einfach das Ding mit der fetten „Anti-aging“-Aufschrift geschnappt. Jetzt muss ich Luise nur noch weismachen, „anti-aging“ bewirke bei Menschen unter vierzig, dass sie innert einer Woche so abgekämpft und übermüdet aussähen wie ihre eigene Mutter, und das Problem ist gelöst.  

Zumindest hoffe ich das. Luise behauptet nämlich standhaft, sie habe sich gar nicht an meinem Farbtöpfchen vergriffen und da auch die anderen vier kleinen bis mittelgrossen Vendittis glaubhaft versichern, sie hätten nichts damit zu tun, muss ich davon ausgehen, dass mal wieder „der andere“ zugeschlagen hat und dass der sich durch „anti-aging“ beeindrucken lässt, ist zu bezweifeln. 

retrospettiva colorata

retrospettiva colorata; prettyvenditti.jetzt

Womit mich die Schule auf die Palme treibt

Schönfärberei I

Ein Elternabend mit netten Power-Point-Präsentationen, die beweisen sollen, wie sorgfältig die Zuweisung in die verschiedenen Oberstufentypen doch durchgeführt wird und ich kann nur den Kopf schütteln, weil ich jeden Tag mit eigenen Augen sehe, wie wenig die Tabellen und bunten Feldchen mit der harten Realität zu tun haben. So schlimm sind meine Zweifel am hiesigen Schulsytem inzwischen, dass ich mich manchmal beim Gedanken ertappe, unsere Sachen zu packen und zurück in den Aargau zu ziehen. (Tut mir leid, liebe Leser von anderswo, aber die Tragweite dieser Aussage ist leider nur für Schweizer verständlich.)

Finken – Nein, nicht die fliegenden, die für die Füsse

Finken sind doof. Fand ich schon immer und darum trage ich keine. Als grundsätzlich zur Kooperation bereiter Mensch sehe ich aber ein, dass ich meinen Kindern Finken kaufen muss, weil die Schule dies so wünscht. Also stürme ich einmal im Jahr – im August, auf den letzten Drücker – ins Schuhgeschäft, um mit meiner Horde Finken zu kaufen. Damit habe ich meine Pflicht getan und ich will die Finken erst wieder zu Gesicht bekommen, wenn sie zerfetzt und unbrauchbar sind und deshalb ersetzt werden müssen. Von mir aus dürfte die Schule sie auch gleich entsorgen, aber da meine Kinder zuweilen mitten im Schuljahr auf die abstruse Idee kommen, sie bräuchten neue Finken, bin ich ganz froh, wenn man mir Beweismaterial nach Hause bringt, mit dem die Notwendigkeit eines Kauf zweifelsfrei belegt werden kann. 

Lange Jahre ging das gut, aber in letzter Zeit hat die Schule sich diese Saumode angewöhnt: Am letzten Tag vor den Ferien schicken sie mir die Kinder mitsamt Finken nach Hause, am ersten Tag nach den Ferien erwarten sie meine Sprösslinge wieder zurück, natürlich mit Finken. Und das fünfmal im Jahr, bei mindestens zwei, manchmal auch bei drei Kindern, je nach Bereitschaft der Lehrperson, das Schuhwerk über die Ferien irgendwo im Schulzimmer vor dem putzwütigen Abwart in Sicherheit zu bringen. Natürlich schaffen es die Kinder nicht, ihre Finken über die Ferien im Schulsack zu lassen, was unweigerlich dazu führt, dass die eine oder andere Lehrerin mir gegen Ende der ersten Schulwoche ein Brieflein zukommen lässt: „Liebe Frau Venditti, würden Sie dem FeuerwehrRitterRömerPiraten bitte dringend ein Paar Finken mitgeben.“ Aber natürlich sind die Dinger von vor den Ferien nicht mehr auffindbar, weshalb ich mich entweder zu einer ausgedehnten Suchaktion oder einem Besuch im Schuhgeschäft genötigt sehe. Eindeutig zu viel Finken-Theater für meinen Geschmack…

Schönfärberei II

Man macht jetzt keine „Beurteilungsgespräche“ mehr, weil das zu negativ klingt. Der Inhalt des inzwischen üblichen „Standortgesprächs“ ist deswegen aber nicht erbaulicher geworden. 

Turnsachen 

Eigentlich die gleiche Geschichte wie bei den Finken, mit dem Unterschied, dass die Kinder das ganz und gar nicht verschwitzte Turnzeug jedes Mal nach dem Turnunterricht nach Hause bringen und beim nächsten Mal wieder mitnehmen müssen. (Wohlverstanden, wir reden hier nicht von Teenagern, die das Zeug tüchtig verschwitzen, sondern von Siebenjährigen, denen beim Sport wohl nicht mal richtig warm wird. Zu Karlssons Zeiten durfte man den Beutel jeweils noch in der Schule lassen, bis wieder Ferien waren, was bei uns ja alle paar Wochen der Fall ist.)

Lassen Sie mal Ihr Kind abklären…

…aber erwarten Sie bloss keine Unterstützung von unserer Seite. Unsere Kapazitäten sind mit den echten Problemfällen mehr als ausgeschöpft. (Was ich als Ehefrau eines Lehrers voll und ganz verstehe, aber das Problem an unserem Bildungssystem sind ja auch nicht die praktizierenden Lehrer, sondern die gescheiterten Lehrer, die jetzt irgendwo in einem Büro der Bildungsdirektion sitzen und auf sehr sehr geduldigem Papier die Schule von morgen skizzieren.)

calorie

calorie; prettyvenditti.jetzt

Nicht-Vorsätze

Nicht, dass das hier jetzt Schule macht, wenn ich bitten darf, aber wenn Opa mir ein Stöckchen zuwirft, dann hebe ich das natürlich artig auf, auch wenn ich wirklich nicht so der Stöckchen-Typ bin. Aber eben, für Leute, die mich schon so lange bloggend begleiten, mache ich eine Ausnahme. Opa wollte also von mir wissen, ob ich mir Vorsätze für das neue Jahr gefasst habe.

Na ja, was soll ich sagen? So richtige Vorsätze gefasst habe ich nicht, dazu bin ich einfach nicht diszipliniert genug. Die Tatsache, dass ich mir vor ein paar Augenblicken einen Entsafter bestellt habe, könnten Aussenstehende aber durchaus so interpretieren, dass ich doch nicht ganz immun bin gegen das ganze Vorsatz-Fieber. Den Entschluss, mehr frische Säfte zu konsumieren fällt aber nur zufälligerweise mit dem Jahreswechsel zusammen. Der wahre Grund ist, dass ich die Chemiekeule losgeworden bin, die sich meinen Stoffwechsel zum Sklaven gemacht hatte, weshalb ich jetzt endlich daran denken kann, ein paar der Kilos abzuwerfen, die nach Prinzchens Auszug aus dem Uterus an mir hängen geblieben sind. Ein Vorsatz? Vielleicht, aber keiner, der mit dem Wechsel von 2014 auf 2015 zusammenhängt.

Natürlich könnte man mir auch unterstellen, ich hätte einen Vorsatz in Sachen Schule gefasst, weil ich vor ein paar Tagen „Meinem“ klipp und klar zu verstehen gegeben habe, ich sei nicht mehr länger bereit, unsere Kinder zurechtzuschnipseln, bis sie ins Schulsystem passen. Ob uns andere Wege offen stehen, ist unklar, aber noch so ein Jahr wie das Vergangene stehe ich nicht ein zweites Mal durch. Auch das hat wenig mit dem Jahreswechsel zu tun, es beschäftigt mich einfach jetzt ganz besonders, weil wir fast pausenlos dran sind, mit Luise zu büffeln und mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten Schulprobleme zu wälzen.

Ach ja, da wäre noch die Sache mit dem neuen Entsorgungssystem, über das ich mir Gedanken mache. Weil „Meiner“ meine Versuche, ein möglichst konsequent grünes Leben zu führen im Bereich Recycling permanent untergräbt. Aber ob das ein Vorsatz ist? Ich glaube nicht. Immerhin rede ich „Meinem“ schon seit Jahren erfolglos ins Gewissen, darum wird es Zeit, eine härtere Gangart einzulegen.

Und sonst? Ein paar Gedanken, wie ich meinen Alltag gestalten soll, mache ich mir schon, aber das mache ich mir immer, wenn die Schulferien zu Ende gehen und ich hoffe, endlich einmal ungestört meiner Arbeit nachgehen zu können. Vorsätze würde ich das also nicht nennen. Dann schon eher Luftschlösser, die sich dann doch wieder in Nichts auflösen, wenn der Erste einen Magen-Darm-Käfer von der Schule nach Hause bringt.

Das also, lieber Opa, sind meine Nicht-Vorsätze. Und falls Vaterdasein, Schreibschaukel oder Zwergenalarm ebenfalls über ihre Vorsätze schreiben möchten, nur zu. Aber bitte nicht mir zuliebe, sondern nur, um dem Opa eine Freude zu machen. Der hat sich nämlich für das neue Jahr vorgenommen, öfters mal ein Stöckchen zu werfen und das macht ja keinen Spass, wenn sich keiner bückt, um das Ding aufzuheben. 

pane per tutti; Gianluca Venditti

pane per tutti; prettyvenditti.jetzt

Wenn…

Wenn die Leute in der Migros einander fast über den Haufen rennen, weil sie keinen tolerieren, der zwischen sie und das tolle Neujahrs-Sonderangebot, das sie gar nicht unbedingt brauchen, kommt…

Wenn Prinzchen nach einer halben Stunde einkaufen fleht, wir möchten doch jetzt endlich in die alte Stadtgärtnerei gehen, weil es dort trotz Regenwetter tausendmal schöner ist als in diesem überfüllten Einkaufstempel…

Wenn die Autos vor dem Parkhaus Schlange stehen wie die Leute auf alten Fotos aus Sowjetzeiten in der Metzgerei…

Wenn eben noch überteuerter Ramsch heute zu dem Preis angeboten wird, der wohl von Anfang an angebracht gewesen wäre…

Wenn die Ananas aus Costa Rica billiger zu haben ist als das Kilo Birnen aus der Region…

Wenn der Rentner hinter mir ungeduldig wird, weil ich noch drei Sekunden brauche, um mein Leergut fertig zu entsorgen…

Wenn ich sehe, was man alles voll und ganz problemlos auf Pump kaufen könnte…

Wenn man mich mit Werbung bombardiert, die mir sagt, wie ich unliebsame Weihnachtsgeschenke wieder loswerden kann…

Wenn der noch kaum benutzte Stabmixer schon wieder den Geist aufgibt… 

und das noch nicht alte Telefon auch…

und der fast neue Drucker auch…

und wenn ich mir vorstelle, wie der Verkäufer aus der Wäsche schauen würde, falls ich ihn fragte, ob man das Zeug reparieren könne…

dann überkommen mich grosse Zweifel an dem, was wir so voller Stolz „hohe Lebensqualität“ nennen.

litchi; Gianluca Venditti

litchi; prettyvenditti.jetzt

Alles Gute und so

Mir ist natürlich klar, was euch, liebe Leserinnen und Leser, heute von mir zusteht: Danke, dass ihr in diesem Jahr mit mir unterwegs wart, dass ihr mitgeholfen habt, die Besucherzahlen zu verdoppeln, dass ihr mitgelacht und mitgeweint habt. Dann natürlich auch noch die guten Wünsche: Nur das Beste im neuen Jahr, gute Gesundheit, viel Glück und überreichen Segen. All das habt ihr mehr als verdient und doch hätte ich beinahe vergessen, euch das zu schreiben. Nachdem ich mich nämlich am heutigen Abend mit zwei kranken Kindern, einem dezent übellaunigen Ehemann, unzureichenden Nerven und einem widerspenstigen Ikea-Möbel herumgeschlagen habe, hätte ich den Jahreswechsel beinahe verpasst.

Darum also noch ganz knapp, bevor ihr die Korken knallen lasst: Danke, dass ihr in diesem Jahr mit mir… Ach was, das habe ich oben ja alles schon geschrieben. Aber es kommt von Herzen. ❤

menu leggero; Gianluca Venditti

menu leggero; prettyvenditti.jetz

Jahresbilanz – Was ich 2014 erreicht habe

  • Schwiegermama davon überzeugt, dass Atomenergie eine ganz ganz böse Sache ist. (Nicht, dass sie zu dem Thema eine Meinung gehabt hätte, aber nachdem sie mich gefragt hat, wozu diese Jodtabletten, die man ihr zum ersten Mal zugeschickt hat, gut sein sollen, habe ich ihr gleich erklärt, was man von dem ganzen Atomzeugs halten soll: Dagegen sein, voll und ganz, ohne Wenn und Aber.)
  • Mir durch irgend eine heldenhafte Tat Schwiegermamas Achtung gesichert und damit erreicht, dass meine Meinung inzwischen den Status der allein seligmachenden Wahrheit hat.
  • Zum ersten Mal überhaupt eine Lesung ohne Nervenflattern überstanden (was ich der Feststellung zu verdanken habe, dass mir Rotwein zwar noch immer nicht besonders gut schmeckt, aber äusserst wirksam ist, wenn es gilt, meine Nerven vom Flattern abzuhalten). 
  • Die Krücke, die mir in den vergangenen Jahren den Aufstieg aus dem Schwarzen Loch erleichtert hat, entsorgt. 
  • Die alte Kratzbürste in mir ein wenig gehätschelt, damit sie wieder mehr zum Zug kommt. 
  • Bücher gelesen, für die ich vor drei Jahren noch zu müde gewesen wäre. 
  • Kopfschüttelnd ein paar Bücher überflogen, die ich vor drei Jahren noch für durchaus annehmbar gehalten habe. (Die Frage, ob ich sie wegschmeissen, oder als Erinnerung an eine Zeit, in der mir alles Anspruchsvolle zu anspruchsvoll war, behalten soll, ist noch nicht geklärt.)
  • Mit „Meinem“ ins Kino gegangen. Spontan! Und dann auch noch Tränen gelacht, obschon der Opa neben mir das alles so gar nicht lustig fand.
  • Mehrmals wie so eine richtige Hausfrau vormittags in den Cafés der Stadt rumgehängt und dabei festgestellt, dass es diese rumhängenden Hausfrauen tatsächlich gibt. (Die kommen so gegen neun Uhr morgens aus ihren Löchern gekrochen, kippen literweise Kaffee in sich hinein und gehen erst nach Hause, wenn ich schon längst wieder am Herd stehe, weshalb ich ihnen pauschal unterstelle, der Familie Fertigprodukte vorzusetzen.)
  • Zwei oder dreimal erlebt, dass von mir verfasste Worte genau die Worte waren, die jemand anders gebraucht hatte. 
  • Im Hoteldschungel von Paris die Ferienwohnung aufgespürt, die alle sieben Vendittis umwerfend toll finden. 
  • Zum ersten Mal überhaupt mit „Meinem“ an einem lauen Herbstabend in der Stadt einen Cocktail geschlürft und mich dabei gefragt, ob wir bereits im Jahr 2007 Konkurs hätten anmelden müssen, wenn wir das regelmässig getan hätten, oder ob das Geld vielleicht bis 2009 gereicht hätte. 
  • Mich endlich bei Twitter angemeldet, damit ich auch auf diesem Weg die virtuelle Öffentlichkeit vollquatschen kann. 
Lusso per tutti; Gianluca Venditti

lusso per tutti; prettyvenditti.jetzt