Jugendfestvorbereitungen

Lass mal sehen… Luise braucht ein blaues T-Shirt und blaue Hosen, kann aber auch schwarzes T-Shirt und schwarze Hosen tragen, oder blaues T-Shirt mit schwarzer Hose, oder schwarzes T-Shirt mit… ach was, spielt ja keine Rolle. Hauptsache, der Aufdruck auf dem T-Shirt ist nicht zu auffällig. Der FeuerwehrRitterRömerPirat braucht noch eine blaue Hose. Das weisse T-Shirt hat er ja bereits. Hoffe, er findet das auch wieder in seinem Chaos…FeuerwehrRitterRömerPirat, was meinst du zu dieser blauen Hose? Nicht? Warum nicht? Ist doch perfekt… Und die hier? Auch nicht? Himmel, jetzt fang bitte nicht an, ein Theater zu machen, wir brauchen noch Sachen für das Prinzchen und für Karlsson. Was braucht eigentlich der Zoowärter? Ist da mal ein Brief nach Hause gekommen? Nicht, dass ich wüsste. Zoowärter, habt ihr mal einen Brief mitbekommen? Nein? Was müsst ihr denn am Jugendfest anziehen? Weiss. Okay, nur oben oder auch unten? Unten auch? Hmmmm, ich glaube, weisse Hosen haben wir keine mehr in deiner Grösse…Dann suchen wir die eben auch noch. Prinzchen, bist du dir wirklich sicher, dass du gelbe Hosen brauchst? Gelbe Hosen für Jungs? Wo in aller Welt sollen wir das jetzt noch finden? Haben ja immer nur so fade Kleider für Jungs hier… Schau mal, Zoowärter, hier hat’s eine weisse Hose für dich. Wie, du brauchst keine weisse Hose? Du hast doch gesagt… Ach so, nur das T-Shirt muss weiss sein. Gut, dann nehmen wir hier dieses weisse Hemd, dann können wir den Zoowärter abhaken. Aber sonst finde ich in diesem Laden nichts… „Meiner“, ich geh‘ dann mal rüber, vielleicht hat’s dort eine bessere Auswahl. Du kommst dann mit Luise nach? Okay, jetzt also noch blaue Hosen für den Zoow…, äh, nein, für den FeuerwehrRitterRömerPiraten, gelbe Hosen für das Prinzchen, die ganze Garnitur für Luise… für Karlsson hat „Meiner“ bereits gesorgt…Oh, sieh mal an, hier hat’s eine gelbe Hose für das Prinzchen und dann erst noch zum halben Preis und was meinst du zu dieser Hose FeuerwehrRitterRö…Nicht? Warum denn wieder nicht? Einfach so? Jetzt reicht’s mir dann aber allmählich. Und die hier? Guuuuuuuut, du nimmst sie! Welch ein Wunder…Wo wohl „Meiner“ bleibt? Ach, dort drüben ist er ja. Sieht danach aus, als hätte Luise nun auch etwas gefunden… Jungs, bleibt bitte hier! Ich will euch nicht wieder suchen müssen…Mist, ich muss dringend aufs WC. „Meiner“, übernimmst du mal die Kinder? Himmel, diese Schlange vor dem WC…Ja, selbstverständlich passe ich auf Ihr Baby auf, währenddem Sie auf dem WC sind. Hatte ja auch mal so kleine Kinder…Okay, mal sehen, ob ich „Meinen“ und die Kinder wieder finde…. Da sind sie ja…. Nein, Jungs, jetzt reicht es wirklich! Ihr könnt hier nicht…Wo ist „Meiner“ jetzt plötzlich hingekommen? Einfach weg, wie vom Erdboden verschluckt…HIMMEL! JUNGS! ES! REICHT! MIR!!!!! Müssen die mich so blöd anschauen? Haben die nie ihre Nerven verloren, als sie mit ihren Kinder im grössten Chaos…..Und wenn „Meiner“ nicht endlich auftaucht, nehmen wir den Bus… Eine Runde noch, wenn ich ihn dann nicht finde….Okay, nicht gefunden (nein, keiner von uns hat ein Handy dabei), Jungs, wir nehmen den Bus, ich geb’s auf…

Eine Stunde später:

„Meiner“ und Luise kommen nach Hause, schwer beladen mit Kleidern, die Luise ihrem Papa hat abschwatzen können. „Wo seid ihr gewesen? Wir haben euch überall gesucht?“ – „Wo seid ihr gewesen? Ihr könnt doch nicht einfach so verschwinden…“ Ach, was soll’s. Immerhin haben wir alles, was die Kinder am Samstag brauchen in den richtigen Farben gefunden.

Wehe, die sagen am Samstag den Umzug ab! 

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Schon fast ein Feiertag

Wenn die Kinder mittags nach Hause kommen, herrscht bei uns erst mal buntes Chaos, bis alle erzählt haben, was sie unbedingt loswerden müssen. Oft nehme ich dabei die Rolle des Abfallkübels ein, der bis zum Rand angefüllt wird mit dem ganzen Mist, der sich am Vormittag angesammelt hat. Und weil keiner den anderen ausreden lässt, halte ich mir irgendwann die Ohren zu, um erst dann wieder etwas hören zu müssen, wenn alle satt und deshalb auch wieder halbwegs zufrieden sind. An gewissen Tagen aber kommen die Kinder in die Küche gestürmt und überhäufen mich mit guten Nachrichten. Zum Beispiel heute:

Karlsson (mit einem schlecht kaschierten Grinsen auf dem Gesicht): „Ich hab‘ heute den Mathetest zurückbekommen. Ist total mies herausgekommen.“

Ich: „Ach ja, darum strahlst du auch über dein ganzes Gesicht.“

Karlsson (jetzt ganz offensichtlich grinsend): „Nein, wirklich. Total mies. Ich hatte eine drei.“ (Für Leser aus Deutschland: 6 ist bei uns die beste Note, 1 die schlechteste.)

Ich: „Ach komm schon, sag endlich, was du wirklich hattest, sonst platzt du noch vor Glück.“

Karlsson: „Okay, es ist wirklich mies.“ Und dann nennt er mir eine Note, die irgendwo zwischen 5 und 6 liegt, also eine sensationelle Mathenote für einen Venditti.

Ehe ich mich fertig gefreut habe, kommt der Zoowärter angerannt und drückt mir ein Blatt Papier in die Hand. Ich brauche gar nicht erst zu lesen, um zu sehen, worum es geht. Der mit Leuchtstift markierte Name des Zoowärters sticht mir sofort ins Auge und ich weiss, dass er es geschafft hat, zu den 6 Schnellsten seines Jahrgangs zu gehören. Das heisst, er darf am Freitag am grossen Rennen mitmachen. Etwas, was vor ihm noch kein Venditti geschafft hat. Ausser Luise, doch dann wurde das Rennen wegen schlechten Wetters abgesagt.

Wieder komme ich kaum dazu, meiner Freude Ausdruck zu verleihen, denn jetzt steht Luise da: „Ich bin dabei! Ich war Drittschnellste. Und der Zoowärter ist auch dabei! Und in Sachkunde hatte ich eine…“ Sie nennt ebenfalls eine Note, die irgendwo zwischen 5 und 6 liegt und ich bringe vor lauter Staunen meinen Mund nicht zu, hatte ich doch beim Abfragen befürchtet, sie würde den Test in den Sand setzen. 

Momente später bekomme ich ein weiteres Blatt in die Hand gedrückt, diesmal vom Prinzchen. Es ist die Einladung zum Kindergarten-Abschlussfest. Das Fest, bei dem die Kinder von den Kindergärtnerinnen dazu verdonnert werden, zuerst allen Junk-Food aufzuessen, ehe sie Früchte und Gemüse bekommen. Und falls es warm ist, müssen sie sich eine richtig wilde Wasserschlacht liefern. Also noch einmal wunderbare Nachrichten. 

Einzig der FeuerwehrRitterRömerPirat kommt heute ohne freudige Überraschung nach Hause. In mir will schon leise Panik hochkommen, denn ich weiss, wie sensibel unser Dritter reagiert, wenn alle glücklich sind, nur er nicht. Doch dann kommt mir in den Sinn, dass der Pöstler einen bunten Brief für ihn gebracht hat. Ein Brief voller wunderbarer Gutscheine, von denen er einen gemeinsam mit seinem Cousin oder einem Freund einlösen darf. Also strahlt auch der FeuerwehrRitterRömerPirat. 

Jetzt, wo alle für einmal überglücklich und vollkommen friedfertig sind, kann ich endlich auch erzählen, was mich heute Vormittag fast hat platzen lassen vor lauter Freude: Zwei noch ganz winzige Schwalbenschwanzraupen, die auf meinem Fenchel das Licht der Welt erblickt haben. Ich weiss nicht, wie viele Jahre ich auf dieses kleine Wunder gewartet habe, aber jetzt ist es endlich eingetroffen. 

Eigentlich wäre heute Mittag ein Festessen fällig gewesen.

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Heldentat

Vielleicht sollte ich euch noch von dem Treffen zwischen „Meinem“ und La Burocrazia erzählen. Selber war ich zwar nicht dabei, als mein Herr Gemahl in Begleitung von Mama, Zia, Italienischem Pass (abgelaufen), Schweizer Pass (abgelaufen), Schweizer Identitätskarte (abgelaufen) und Familienbüchlein nach Basel zur Italienischen Botschaft fuhr, um die Unterschrift zu bekommen, die das bürokratische Unheil von unserer Familie fernhalten soll. „Meiner“ hat mir allerdings ziemlich ausführlich Bericht erstattet, als er Stunden später wieder nach Hause kam. 

Eigentlich hatte es ja schon ziemlich viel Mut gekostet, einfach so nach Basel zu fahren, denn La Burocrazia hatte „Meinen“ tags zuvor per Mail gewarnt, vor dem 23. Juni wolle sie ihn nicht sehen und überhaupt hätte sie im Moment technische Probleme und könne sich nicht um seinen Kram kümmern. „Meiner“ fuhr trotzdem, denn die Stellvertretung in der Schule war bereits organisiert. Natürlich zeigte La Burocrazia „Meinem“ erst einmal die kalte Schulter, als er mit Mama und Zia im Schlepptau daherkam. Er könne hier doch nicht einfach aufkreuzen, beschied sie ihm, man habe heute keine Zeit. Ob er denn nicht wenigstens einen Termin vereinbaren könne, bettelte „Meiner“. „Vielleicht“, gab La Burocrazia zur Antwort, „aber nur, wenn mein Diener die Zeit findet, aus seinem Büro zu kommen und die Agenda aufzuschlagen.“

Betrübt zog sich „Meiner“ mit seinem bereits leicht hysterischen Gefolge in den Garten der Botschaft zurück, wo er dem Diener eine Mail schrieb. Er sei jetzt im Garten der Botschaft und wünsche, einen Termin zu vereinbaren. Ob der Diener vielleicht so nett wäre, schnell aus seinem Büro zu kommen. Der Diener war so nett. Ja, er war sogar noch viel netter. Er beschloss nämlich, „Meinen“ zu empfangen, ihm trotz abgelaufener Ausweise zu glauben, dass er derjenige ist, den er zu sein vorgibt, das gewünschte Formular zu vervollständigen und Punkt für Punkt mit seinen ungebetenen Gästen durchzugehen. Gut, irgendwann kam er auf die Idee, dass „Meiner“ noch schnell zwei Zeugen suchen gehen müsse, denn ohne sei die Sache nicht rechtskräftig. „Meiner“ überlegte sich schon, wie er zwei nichts ahnende Passanten davon überzeugen könnte, ihm in die Botschaft zu folgen, wo sie ein Dokument unterschreiben sollten, von dem sie kein einziges Wort verstehen, doch zum Glück fiel dem Diener ein, dass es in diesem besonderen Fall auch ohne Zeugen geht.

Nun wäre also der feierliche Moment da gewesen, in dem die Unterschriften unter das Dokument hätten gesetzt werden sollen, doch dummerweise konnte der Diener die Datei auf seinem Computer nicht mehr finden. Hat wohl noch nie etwas von einem Download-Ordner gehört… Dafür fand er plötzlich, dass er ein Herz hat und darum setzte er den ganzen Mist noch einmal auf, wies einen Besucher, der starrköpfig auf seinem Termin bestehen wollte, aus dem Zimmer und zog die Sache durch, bis alle Unterschriften am richtigen Ort waren. Und dafür liess er sich nicht mal ein Trinkgeld geben. So etwas tun La Burocrazias Diener aus Prinzip nicht. 

Ohne zu wissen, wie ihnen geschehen war, fanden sich „Meiner“, la Mama und la Zia wenig später mit einem unterschriebenen und mit zahlreichen Siegeln versehenen Dokument vor der Botschaft, wo sie einander erleichtert in die Arme fielen. Gut, allzu lange währte der Familienfrieden nicht, denn nun musste ausdiskutiert werden, in welchem Couvert „Meiner“ das Dokument nach Italien senden muss, wo die Adresse hinkommt und ob man vor oder nach dem Mittagessen zur die Post gehen soll. Nach einigen Stunden hin und her waren aber auch diese Fragen geklärt, so dass „Meiner“ als stolzer Bezwinger von La Burocrazia heimkehren konnte. 

Nachdem er seine Heldentat in allen Details geschildert hatte, beschloss Luise, in Zukunft nicht mehr auf ihre italienische Herkunft hinzuweisen, sondern sich nur noch als Schweizerin zu bezeichnen. Ich kann gar nicht recht verstehen, warum…

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Sommerfaulheit

Die Johannisbeeren wollen zu Gelée werden, die Lindenblüten zu Sirup. Die Wachteln warten auf das grosse Ausmisten, der Kompost aufs Umgraben. Die Dreckwäsche weiss nicht, wie sie ohne meine Hilfe in die Waschküche kommen soll, die saubere Wäsche wiederum fragt sich, wann ich ihr endlich die Treppe hoch helfe. Die Tomaten wünschen, dass ich den Löwenzahn entferne, der sich zu ihren Füssen niedergelassen hat, die Melonen müssen in die Schranken gewiesen werden. Karlssons Violine soll in die Reparatur, für den Zoowärter und Luise müssen Cellos her. Die Kinder sollten ihre Joker-Tage beziehen, weil sie Ende Schuljahr verfallen, meine Arbeitstage werden von katholischen Feiertagen und ihren Brückentagen aufgefressen. 

Ich müsste mich jetzt ganz dringend einmal aufraffen, doch die Sommerferienlaune hindert mich mit allen Mitteln daran. 

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La Burocrazia

Alle, die gedenken, ihr Leben auf Dauer mit einem Italiener oder einer Italienerin zu teilen, sollen heute mal besonders genau lesen, denn ich habe eine wichtige Mitteilung zu machen. Egal, wie sehr dein Angebeteter oder deine Angebetete dich liebt, ihr werdet nie alleine sein in dieser Beziehung. Okay, ihr denkt jetzt an die besonders einmischungsfreudige Verwandtschaft und wollt anfangen, mir zu erzählen, welch genialen Weg ihr gefunden habt, um die neugierige Schwiegermutter  – „Wie viel Geld habt ihr für den Wocheneinkauf ausgegeben? Nur 200? Da bekommt mein Sohn aber nicht gerade viel Fleisch auf den Teller.“ – und den erpresserischen Nonno – „Ich liege wegen eines schlimmen Schnupfens im Sterben und du fährst ans Meer, anstatt mich in meinem abgelegenen Nest in Kalabrien zu besuchen.“ – in Schach zu halten. Ihr glaubt, ihr hättet es geschafft, die Italianità in so klare Schranken zu weisen, dass sie sich nur noch dann zeigt, wenn sie auch willkommen ist. Beim Pizzabacken, zum Beispiel oder beim Gartenfest in lauen Sommernächten.

Bitte, meine Lieben, lasst euch gewarnt sein, denn ihr wiegt euch in falscher Sicherheit. Ihr habt noch nicht mal erkannt, dass sich mit dem feurigen Südländer und seiner Familie noch jemand anders in euer Leben geschlichen hat, nämlich La Burocrazia Italiana. Ja, ihr glaubt, die hättet ihr auch schon getroffen, damals, als ganz dringend ein Dokument her musste und die auf dem Konsulat sich ganz fürchterlich kompliziert gebärdeten und erst nach viel Gestikulieren den gewünschten Fackel rausrückten, aber glaubt mir, das war erst ein kleiner Vorgeschmack, der euch davor hätte warnen sollen, was nachher kommt. Erst wenn ihr Jahre lang verheiratet seid und glaubt, ihr hättet das mit der binationalen Beziehung ganz gut hingekriegt, zeigt euch La  Burocrazia ihr wahres Gesicht.

Eines sonnigen Tages, wenn ihr sie am allerwenigsten erwartet, wird sie in euer Haus getanzt kommen mit einer fröhlichen Forderung, in Lichtgeschwindigkeit ein mit Blut unterzeichnetes, von einem italienischen Notar beglaubigtes Dokument herbeizuzaubern, welches noch vor dem nächsten Vollmond um Mitternacht in der Heimatgemeinde deines Angetrauten oder deiner Angetrauten auf dem Schreibpult des Sindaco zu landen hat. Trifft dieses Dokument nicht rechtzeitig im sonnigen Süden ein, wird sich der gierige und sehr klamme Vater Staat aus eueren Taschen das Geld greifen, das er so dringend braucht, um all seinen Dienern die fetten Beamtenlimousinen zu finanzieren.

La Burocrazia kommt natürlich nicht in Form eines anzugtragenden, schmierigen Beamten, um euch die Forderung zu überbringen. Käme sie in dieser Gestalt, würde man sie hochkant vor die Tür setzen, aber La Burocrazia ist raffiniert. Sie betraut eine liebe Verwandte mit der schwierigen Aufgabe, euch unter Tränen anzuflehen, sofort alles stehen und liegen zu lassen, um die böse Krake aus dem Süden zufrieden zu stellen, weil sonst die ganze Verwandtschaft bis ins dritte oder vierte Glied mit einem bösen bürokratischen Fluch bestraft wird. Gut, auch dieser Verwandtenbesuch wäre nicht ganz unangekündigt gewesen, La Burocrazia hat euch nämlich ein paar Monate zuvor einen in Geheimschrift verfassten zehnseitigen Brief zukommen lassen, aus dem ihr hättet entnehmen können, dass eure Familie als nächste dran ist mit bezahlen. Hättet ihr diesen Brief genau studiert und sogar verstanden, müsstet ihr jetzt nicht sämtliche Termine – beruflich oder privat – absagen, um euch voll und ganz den Forderungen von La Burocrazia zu widmen. Aber natürlich habt ihr den Brief nicht genau studiert. Warum auch? Der Mann oder die Frau an eurer Seite ist doch längst nur noch auf dem Papier Italiener(in), gelebt habt ihr nie im Süden und Besitz habt ihr keinen dort. Glaubt ihr. Aber da irrt ihr euch. La Burocrazia findet immer irgend einen verblichenen Verwandten, der in seiner unendlichen Grosszügigkeit seinen ins Ausland geflüchteten Nachfahren ein steiniges, unfruchtbares Stück Land vermacht hat, aus dem der Staat ein paar Euro Steuern pressen kann.

Darum, meine Lieben, die ihr gedenkt, euer Leben auf Dauer mit einem Italiener oder einer Italienerin zu teilen: Schenkt der geliebten Person an eurer Seite zur Hochzeit eine neue Identität. Die Schwiegermama wird zwar nicht erfreut sein, wenn sich ihr Sohn auf einmal Kevin Rüdisüli nennt, aber wer sich vor La Burocrazia schützen will, nimmt alles in Kauf. Auch den Zorn einer eingeschnappten italienischen Mama.  

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Ouch!

Okay, der Mann hatte schon etwas viel Bier intus und er stammte aus einer Kultur, in der die Frauen deutlich früher Mutter werden als hierzulande. Dennoch war ich innerlich ziemlich eingeschnappt, als er zum Prinzchen sagte, das sei aber wirklich schön, dass er mit seiner Grossmama unterwegs sein dürfe. Sein erstauntes „Wirklich?!“, als ich ihm sagte, ich sei Prinzchens Mama, machte die Sache auch nicht unbedingt besser…

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Was Frauen wollen sollen

„Frauen wissen, was Frauen wollen“, behaupten sie und darum soll ich ihre Kreditkarte anfordern. Frauen wollen ihre Handtasche versichert haben. Sie wollen verlängerte Garantie auf die Dinge, die sie im Netz kaufen. Sie wollen ihre Einkäufe versichert haben. Sie wollen Rechtsschutz, wenn sie mal nicht zufrieden sind mit dem, was sie eingekauft haben. Sie wollen sich beim Einkaufen mit der Frauen-Kreditkarte Treuepunkte für Accessoires verdienen. Sie wollen Schokolade, Parfum und Mode im Sonderangebot. Oder kurz gesagt: Frauen wollen rund um die Uhr und überall auf dem Globus nichts anderes tun, als Geld ausgeben. 

Ich hab‘ die Werbung weggeschmissen, denn nach dem, was ich im Prospekt gelesen habe, zweifle ich daran, ob ich eine Frau bin.

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Wie man sich selber von Mamas Liebe überzeugt

Wie ich gestern erzählt habe, zweifelt der Zoowärter derzeit an meiner Liebe zu ihm. Warum? Weil er, der gewöhnlich sehr still, friedliebend und folgsam ist, in letzter Zeit öfters mal meine Geduld aufs Ärgste strapaziert, insbesondere am frühen Morgen und am späten Abend und wer am frühen Morgen oder am späten Abend meine Geduld strapaziert, bekommt was zu hören und zwar ziemlich laut. Unsere anderen Kinder sind weitaus weniger still, friedliebend und folgsam als der Zoowärter und darum haben sie sich längst an diese lauten Töne gewöhnt. Sie wissen, dass ich wieder lieb und versöhnlich werde, sobald ich meinem Ärger Luft gemacht habe. Der Zoowärter aber gerät in tiefste Verzweiflung, wenn sich mein mütterlicher Zorn mal gegen ihn richtet. „Immer schimpfst du mit mir“, schluchzt er dann, „alle anderen liebst du, nur mich nicht.“ 

Natürlich versuche ich, dem Zoowärter diese Gefühle auszureden, ich sage ihm, wie sehr ich ihn liebe und was ich alles an ihm mag, doch eigentlich könnte ich mir die Mühe sparen, denn ich weiss, dass er seinen eigenen Weg finden muss, um wieder an meine Liebe zu glauben. Dieser eigene Weg heisst „Ich will gehätschelt werden“. Fragt mich nicht, wie es so kommt, aber jedes Mal, wenn der Zoowärter mal wieder glaubt, ich würde ihn nicht lieben, plagt ihn ein paar Stunden oder Tage später ein kleines Leiden, das verarztet und überwacht werden muss. Er tut das nicht mit Absicht, des bin ich mir sicher. Es geschieht einfach.

In diesen Tagen zum Beispiel ist es eine Schürfwunde, die der Zoowärter sich auf der Rutschbahn im Schwimmbad zugezogen hat, die heute früh übel genug aussah, um mich dazu zu bringen, den Erstklässler von der Schule abzumelden und zur Begutachtung in die Apotheke zu bringen. Dies allein hätte wohl schon genügt, um den Zoowärter wieder fröhlich zu stimmen, doch dann wurde er in der Apotheke auch noch liebevoll verarztet und mit Honig und Traubenzucker versehen wieder nach Hause geschickt. Die zwei Käsebrezeln, das Erdbeerwasser und die Sensation, dass ich ihn zur Schule begleitete, taten das Übrige, um den Zoowärter wieder aufzubauen. Und da die Wunde inzwischen zwar besser, aber längst noch nicht gut aussieht, dürfte die Spezialbehandlung in leicht reduzierter Form noch ein paar Tage andauern. Bis zur kompletten Heilung wird der Liebestank des Zoowärters wieder randvoll sein.

Hoffentlich reicht dieser Vorrat für Verletzungsfreie Sommerferien. 

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Früh am Morgen

Der FeuerwehrRitterRömerPirat will nicht aufstehen, vergiesst sogar ein paar Tränen. Mit gutem Grund, wie sich drei Minuten, bevor er aus dem Haus müsste, herausstellt. Die Hausaufgaben sind nämlich nicht fertig gelöst, aber daran ist Papa schuld, denn der hat gestern Abend angeblich gesagt, der FeuerwehrRitterRömerPirat dürfe mit seinen Freunden auf den Schulkirschbaum, auch wenn die Hausaufgaben noch nicht ganz fertig seien.  Ja, die Mama hat ausdrücklich gesagt, zuerst müsse alles fertig sein, aber wenn Papa das nicht eben so ausdrücklich sagt, sondern nur impliziert, kann doch der FeuerwehrRitterRömerPirat nichts dafür, dass die Hausaufgaben nicht erledigt sind. Und überhaupt, in diesem Haus findet man nie einen Bleistift, mit dem man die Hausaufgaben lösen könnte und daran ist ganz bestimmt nicht der FeuerwehrRitterRömerPirat schuld, genau so wenig wie all anderen, die in diesem Haus regelmässig Hausaufgaben lösen. Bleistifte, das muss man wissen, machen sich ganz von selbst aus dem Staub, wenn sie sich irgendwo attraktivere Arbeitsbedingungen erhoffen, zum Beispiel als Türsteher im Abflussrohr oder als Grabschaufler beim Begräbnis des Babyvogels, der den Sturz aus dem elterlichen Nest nicht überlebt hat. 

Der Zoowärter kommt nicht aus dem Bett, weil der Papa immer nur nein sagt zu allem und darum sagt der Zoowärter heute halt auch mal nein zur Schule, um den Papa für seine Sturheit zu bestrafen. Okay, ist vielleicht nicht ganz fair, dass jetzt die Mama zig Mal die Treppen hochsteigen muss, um ihn doch noch aus dem Bett zu jagen, das gibt der Zoowärter offen zu. Aber die Mama ist ja selber schuld, dass sie einen Mann geheiratet hat, der immer zu allem nein sagt, was dem Zoowärter gerade Spass machen würde. Irgendwann lässt sich der Junge doch noch dazu überreden, aus dem Bett zu kommen, aber nur, damit er dem Papa ins Gesicht sagen kann, dass heute nichts wird mit Schule. Und damit er der Mama vorhalten kann, sie liebe nur das Prinzchen, ihn aber gar kein bisschen. Das hat er ihr ja schon gestern und vorgestern gesagt, warum also steht sie nicht endlich offen dazu?  Und überhaupt: Wie will sie dem Zoowärter ausgerechnet an einen Tag wie heute, wo das Prinzchen mit einem ganzen Rucksack voller Leckereien und liebevoll mit Sonnencrème und Zeckenspray eingeschmiert aus dem Haus geschickt wird, weis machen, sie hätte alle ihre Kinder auf ihre ganz spezielle Weise gleich lieb? Und jetzt faselt sie davon, wie sie vor zwei Wochen, als der Zoowärter Schulreise hatte, genau gleich viel eingekauft hat. Das zählt doch nicht mehr, ist längst alles verdaut und vergessen. Zum Glück schenkt das Prinzchen dem störrischen grösseren Bruder ganz ohne Zwang eine ganze Schachtel Bonbons – „Ich kann doch nicht so viele Süssigkeiten essen!“ – und damit sind auch die Zweifel an Mamas Liebe wie weggeblasen. Als Entschädigung für den Zoff bekommt Mama sogar einen grasgrünen Bonbon geschenkt, was sie natürlich sofort als zoowärterschen Liebesbeweis deutet. 

Luise überkommen plötzlich die Zweifel, ob ihre neuen Shorts in der Schule überhaupt zugelassen sind, oder ob die in die Kategorie „Hot Pants“ fallen und damit verboten sind. Mama versucht ihr weis zu machen, dass diese Shorts gar keine Hot Pants sein können, weil sie diese ja ohne Luises Wissen gekauft hat und Mama würde ihrer minderjährigen Tochter ganz bestimmt nie im Leben Hot Pants erlauben oder gar kaufen. Luise ist nicht so recht überzeugt, denn die Schule tendiert dazu, die Dinge etwas enger zu sehen als Mama, doch aus Furcht, zu spät zu kommen, beschliesst sie, ihrer antiautoritär angehauchten Mutter zu glauben, auch wenn die Schule alles andere als antiautoritär angehaucht ist. 

Das Prinzchen verhält sich für einmal ganz kooperativ, was vermutlich an oben genanntem Rucksack liegt, Karlsson sagt ohnehin seit Wochen nichts anderes mehr als „Getrocknete Bananen“ und „Weli Gluscht gha han“ und erbringt damit den eindeutigen Beweis, dass er wohlbehalten in der Pubertät angekommen ist. „Meiner“ befindet sich in seinem alljährlichen „Ich bin mit meinen Nerven am Ende und weiss nicht mehr, wo mir der Kopf steht“-Schuljahresend-Tief, was sich zum Beispiel darin äussert, dass er ohne ersichtlichen Grund von mir wissen will, wo an meinem Laptop der „Print Screen“-Knopf zu finden ist und dann nicht sagen will, weshalb er diesen Knopf ganz dringend im Morgengrauen finden muss und dann erst noch ausgerechnet in dem Moment, in dem seine Frau gerade dabei ist, die Generalreinigung der Katzenkistchen vorzunehmen und ziemlich in der Sch…. steckt. 

Himmel, lass endlich diese Sommerferien beginnen!

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Fussballzwang

Offen gestanden interessiert es mich nicht im Geringsten und nach all den Dingen, die man gelesen hat, widert mich die Sache regelrecht an. Die scheinheilige „Wir sind alle eine grosse, glückliche Familie“-Werbung finde ich zum Kotzen. Die Flaggen auf sämtlichen Produkten nerven und es ist mir fast schon peinlich, die Sachen in den Einkaufswagen zu legen, weil man glauben könnte, ich sei auch ein Fan. Mir graut jetzt schon vor dem nicht enden wollenden Gehupt, das auf unseren Strassen zu hören sein wird. 

Dennoch werde ich mich der WM nicht entziehen können. Mit drei kleinen Fussballfans und einem fussballbegeisterten Cugino im Haus, ist klar, welches Thema in den kommenden Wochen die Tischgespräche dominieren wird. Wo, um Himmels Willen finde ich ein kleines Körnchen Begeisterung für die Sache, damit ich nicht zum Spielverderber werde?

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