Eine Familien-Ära geht zu Ende

Immer mal wieder zwischen 1996 und 2004:

„Eine Putzfrau kommt mir nie ins Haus. Ist doch das Letzte, jemanden die Drecksarbeit machen zu lassen und selber auf der faulen Haut zu liegen. Und nachher motzen, dass sie es nicht recht gemacht hat. Sind doch alles nur verwöhnte Tussis, die sich zu fein sind, selber einen Lappen in die Hand zu nehmen…“

2005, drei Vorschulkinder, ein kürzlich abgeschlossener Umbau, ein Feierabend-Teilzeitjob:

„Manchmal überlege ich mir schon, ob es nicht Zeit wäre, eine Putzfrau einzustellen. Jemand, der einmal pro Woche gründlich sauber macht und ich würde während der übrigen Zeit Schadensbegrenzung betreiben. Aber ob unser Budget das mitmachen würde? Und überhaupt, meine Mama hat es auch ohne hingekriegt und die hatte ein paar Kinder mehr als ich. Ich kann doch nicht einfach jemand anderem meine Drecksarbeit aufbürden.“

Ende 2006, drei Wochen vor dem Geburtstermin, Mutterschaftsurlaub, beginnende Erschöpfung, weil Töchterchen seit zwei Jahren keine Nacht durchschläft:

„Auuuuuutsch!!! Scheissmöbel!!!! Das war mein Zeh!!!!“

Drei Stunden später:

Zeh gebrochen, der Arzt befiehlt Hochlagerung des Fusses und eine Haushalthilfe.

Drei Tage später:

„Es tut mir wirklich schrecklich Leid, dass ich hier faul auf dem Sofa liege, währenddem Sie für mich die Drecksarbeit erledigen müssen, aber ich schaffe es einfach nicht, mehr als fünf Minuten auf den Beinen zu sein. Ach, das ist mir jetzt peinlich, dass Sie auch noch hinter diesem Buffet putzen müssen. Das hätte ich schon längst tun wollen, aber Sie wissen ja, mit drei kleinen Kindern. Und jetzt dieser elende Zeh. Wenn ich Ihnen doch bloss helfen könnte, aber der Arzt hat gesagt…“

Ende Januar 2007, Heimkehr aus dem Spital mit Zoowärter und einem Rezept für mehrere Monate Haushalthilfe:

„Ich bin ja schon froh, dass die Haushalthilfe noch etwas länger bleibt, aber eigentlich müsste ich das jetzt selber schaffen. Ich kann doch nicht immer faul herumliegen. Klar, ich bin müde und der Zoowärter braucht mich rund um die Uhr, aber irgendwie muss ich das doch wieder alleine hinkriegen. Und die Krankenkasse will ja jetzt doch nichts daran zahlen. Also, wir machen das nicht länger als unbedingt nötig.“

Herbst 2007, vier kleine Kinder, ein Feierabend-Teilzeitjob, drei Ehrenämter, keine Haushalthilfe mehr:

„Okay, wir schaffen es nicht ohne. Rufen wir halt die Frau, die das Inserat aufgehängt hat, mal an. Vielleicht ist es wirklich besser, wenn wir es eine Weile lang so machen. Zumindest, bis ich die Ehrenämter abgegeben habe.“

Eine Woche später, Samstagmorgen:

„Gut, einmal die Woche, nur putzen, das Aufräumen erledigen wir selber. Schön, dann sehen wir uns nächsten Montag.“

März 2008, vier kleine Kinder, Feierabend-Teilzeitjob aufgegeben, Ehrenämter fast abgegeben, Erschöpfungszustand ärztlich diagnostiziert, ein positiver Schwangerschaftstest:

„Die Putzfrau bleibt, koste es, was es wolle! Und wenn das Baby kommt, muss für die ersten Monate ein Au Pair her, anders schaffe ich das auf keinen Fall.“

Oktober 2008, fünf Kinder, Familienchaos pur:

„Gott sei Dank haben wir eine Putzfrau! Sonst würden wir im Chaos untergehen.“

Bis Frühling 2013 wird sich an dieser Überzeugung nichts mehr ändern. 

Herbst 2013, der Familienalltag ist etwas ruhiger geworden, Körper und Seele haben sich von den Strapazen der vergangenen Jahre erholt, der neue Teilzeitjob lässt sich von zu Hause aus erledigen, alle Kinder sind theoretisch gross genug, um selber zu Staubsauger und Putzlappen zu greifen:

„Ich glaube, wir müssen uns allmählich Gedanken darüber machen, ob es nicht auch ohne Putzfrau geht. Die Kinder nehmen das alles viel zu selbstverständlich und ich habe ja jetzt auch wieder mehr Zeit. Aber ich bringe es einfach nicht übers Herz, sie gehen zu lassen. Klar, sie hat ihre Eigenarten, aber sie ist eine tolle Frau und ich mag sie wirklich.“

Ende 2013, das Familienbudget ächzt unter Weiterbildungskosten, die sich weniger schnell als erwartet bezahlt machen:

„Es geht nicht mehr anders, wir müssen auf die Putzfrau verzichten. Es klappt ja jetzt wirklich ganz ordentlich ohne ihre Hilfe, aber es fällt mir trotzdem unglaublich schwer. Es muss wohl einfach sein… nun ja, vielleicht können wir sie später hin und wieder für den Frühjahrsputz oder andere grössere Einsätze engagieren. So ganz ohne sie ist das ja auch irgendwie schwierig…“

29. Januar 2014:

„Sie muss unbedingt bald einmal zum Kaffee kommen, sag ihr das, wenn sie heute zum letzen Mal kommt. Schade, dass ich nicht zu Hause bin, ich hätte sie so gerne noch einmal gesehen. Du musst sie aber wirklich unbedingt einladen, ich will sie nach all den Jahren doch nicht einfach so ohne irgend eine Anerkennung ziehen lassen. Und ich muss ihr unbedingt noch ein Geschenk besorgen…“

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Aus dem Gröbsten raus…

Wenn du kleine Kinder hast, so zwei, drei Jahre alte, dann sitzt du manchmal seufzend da und betrachtest die Scherbenhaufen, die sie angerichtet haben, währenddem du zwei Minuten auf dem WC warst. „Wenn sie erst mal grösser sind“, sagst du zu dir selber, „dann wird es ruhiger und es wird kein Problem mehr sein, sie mal eine Weile lang unbeaufsichtigt zu lassen.“ Eine nette Überzeugung, die ich auch lange für richtig gehalten habe. Hier ein paar Gründe, weshalb ich inzwischen daran zweifle:

  • Ein Spiegel, der bei dem ewigen Gerenne durch den Flur in die Brüche gegangen ist.
  • Eine Tube Badeschaum, vorgesehen als Geschenk für ein Patenkind, deren gesamter Inhalt grundlos auf Wände und Fussboden verteilt wurde.
  • Eine Flasche wertvolles Koffeingesöff – vorgesehen für Mamas und Papas Nerven -, die auf dem Heimweg vom Einkauf auf der Strecke bleibt und eine zweite, die ohne Kohlensäure, dafür mit Loch und folglich mit reduziertem Inhalt zu Hause ankommt. Das alles nur, weil man verbotenerweise mit dem Trottinett in die Migros gefahren ist (und den kleinen Bruder, der hätte mitkommen wollen, schluchzend und schniefend zu Hause gelassen hat). 
  • Ein mit Rosenblütenblättern verstopfter Badewannenabfluss. 
  • Eine löchrige Giesskanne. Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat neun Löcher gezählt, jedoch keine Ahnung, wie sie entstanden sind.
  • Eine Nachbarin, die mit zitternden Knien im Treppenhaus steht und darauf hinweist, dass sich gerade drei Kinder gefährlich weit aus dem Dachfenster gelehnt haben. 
  • Ein Stilleben auf der Küchenkombination: Angebranntes Porridge, daneben ein fast leerer Beutel mit matschigen Tiefkühlerdbeeren, diverse verklebte Löffel und Löffelchen, das Ganze umflossen von gut einem Liter teurer Bio-Milch. Und natürlich keiner in Sicht, der etwas von der Sache weiss.
  • Ein hartgekochtes Ei, das auf dem Kopf der einzigen Schwester landet. Nein, nicht zufällig.
  • Eine am Morgen noch volle Flasche Shampoo speziell für langes Haar, die abends leer ist und das ohne dass eine der beiden Langhaarigen an diesem Tag die Flasche in den Händen gehabt hätte. Und auch von den anderen hat keiner die Haare gewaschen.
  • Rasant schwindende Schokoladenvorräte. 
  • Karottenschalen unter dem Küchentisch. Keiner war’s, aber wie sollte man dagegen etwas einwenden können? Immerhin haben sie Karotten gegessen und nicht Schokolade.
  • Stofftiere im Regen. Tagelang.
  • Fehlende Latten im Bettrost, die lange Zeit unauffindbar bleiben und später auf wundersame Weise als Waffen wieder auferstehen. Leider nicht mehr ganz  in Form, so dass eine Wiedereingliederung in den Lattenrost nicht möglich ist.
  • Ein verstörter Kater namens Gottegris in Mamas Handtasche, die an einem Kinderarm baumelt.
  • Ein halb voller Beutel Katzenfutter im Kühlschrank. Die Erklärung: „Weisst du, ich hab Gottegris auf Diät gesetzt und jetzt bekommt er immer nur noch einen halben Beutel.“ 

Dies nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Alltag einer Familie, in der sämtliche Kinder „aus dem Gröbsten raus sind“, wie man so gerne sagt. Ruhiger? Von wegen! Aber ganz sicher schwerer zu verstehen, warum die noch immer solchen Mist anstellen, kaum dreht man ihnen den Rücken zu. Als sie kleiner waren, konnte man sich immerhin der Illusion hingeben, sie wüssten es eben nicht besser…

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Im Bienenhaus

11:00 Uhr Meine Nichte und ich sitzen in der Küche, bereiten das Mittagessen vor und unterhalten uns bestens.
11:40 Nach und nach trudeln die fünf kleinen bis mittelgrossen Vendittis ein.
12:07 „Meiner“ kommt nach Hause und bringt die zwei Praktikantinnen, die drei Wochen lang in seiner Klasse im Einsatz waren, zum Essen mit. Angekündigt, versteht sich. Gemütliches und sehr lebhaftes Mittagessen zu zehnt.
12:57 Das Prinzchen, der sich unbemerkt davon gemacht hatte, taucht mit seinem besten Freund auf.
13:12 „Meiner“, die Praktikantinnen und Luise gehen zur Schule. Das Prinzchen lässt sich nach viel Gezeter vom Zoowärter und dem besten Freund in den Kindergarten begleiten.
13:30 Zoowärter, FeuerwehrRitterRömerPirat, Karlsson, meine Nichte und ich geniessen die relative Ruhe.
14:07 Zoowärters Freund kommt zum Spielen. Meine Nichte und ich suchen im Internet nach Praktikumsstellen.
14:50 Meine Schwester und ihre kleine Tochter bringen ein Geburtstagsgeschenk für den Zoowärter, bleiben zu Kaffee und Saft und berichten, dass sie im Garten dem Kaninchen begegnet sind.
15:05 Luise kommt nach Hause.
15:10 Luise und meine Nichte gehen nach draussen, um das Kaninchen einzufangen. Es gelingt ihnen, den Ausreisser in die Volière zurückzubringen.
15:12 Eine Schulkameradin des FeuerwehrRitterRömerPiraten lädt sich selber zum Spielen ein, obschon der FeuerwehrRitterRömerPirat sich mit Händen und Füssen dagegen zur Wehr setzt.
15:25 Zoowärters Freundin kommt ebenfalls zum Spielen.
15:42 Meine Schwester und ihr Töchterlein verabschieden sich. Schade, wir hatten kaum Zeit zum Reden vor lauter Durcheinander.
16:30 Ich greife panisch zum Telefon, um „Meinen“ nach Hause zu bestellen, damit er Karlsson rechtzeitig zur Konzertprobe chauffieren kann.
16:40 Ich erkundige mich bei den Kindern, wer wann nach Hause gehen muss.
16:45 „Meiner“ holt Karlsson ab.
16:55 Zeit, um Zoowärters Freund und die Freundin des FeuerwehrRitterRömerPiraten nach Hause zu schicken. Das Mädchen bettelt, ob sie noch bleiben dürfe, aber ich erlaube es nicht. Wir müssen bald weg.
17:08 Die Freundin des FeuerwehrRitterRömerPiraten kommt zurück. Sie hat ihre Schultasche vergessen und bittet um ein Glas Wasser.
17:10 Die Mama des Mädchens ruft an, um nach dem Verbleib ihrer Tochter zu fragen. Das Kind sei unterwegs, sage ich. Was auch stimmt, vor wenigen Augenblicken hat sie – diesmal mit Schultasche – das Haus verlassen.
17:14 „Meiner“ kommt nach Hause.
17:20 Die Mama von Zoowärters Freundin kommt, um ihre Tochter abzuholen. Wir unterhalten uns kurz über den Karlsson-Propeller, den sie dem Zoowärter zum Geburtstag geschenkt hat.
17:35 Meine Nichte wird abgeholt. Es war so schön, sie den ganzen Tag hier zu haben.
17:55 Prinzchens bester Freund geht nach Hause, weil wir weg müssen.
18:00 Luise und ich gehen zum Bahnhof, „Meiner“ kommt wenig später mit dem Auto nach.
18:35 Zum ersten Mal in der Geschichte sitzt Familie Venditti eine halbe Stunde vor Konzertbeginn in der vordersten Reihe und wartet gespannt auf Karlssons Auftritt. Ach, wie schön menschenleer es in der vordersten Reihe doch ist. Nach all den Lieben heute mögen wir uns nicht auch noch mit Fremden herumschlagen…

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Frühsport

Zwanzig nach sieben, Karlsson verlässt als Erster das Haus, Momente später klingelt jemand Sturm. „Ein Eingeschriebener? Aber wir haben doch nichts falsch gemacht“, schiesst es durch meinen noch sehr müden Kopf. „Meiner“ geht an die Tür und kommt nicht wieder, was mich nach einer Weile zu beunruhigen beginnt. Wenn er so lange nicht zurückkommt, gibt’s bestimmt schlechte Nachrichten. Vielleicht ist etwas passiert… (Nein, nicht auslachen. Im Halbschlaf bin ich manchmal ein wenig irrational.)

Ich mache mich auf die Suche, finde ihn im Garten auf Hasenjagd. Der Zoowärter hat gestern offenbar vergessen, nach dem Füttern der Tiere die Volière zu schliessen. Er muss wohl noch ein wenig üben, ehe er als Wärter in einem echten Zoo taugt. Vögel und Wachteln sind zum Glück noch da, die Kaninchen aber sind entwischt. Das Weisse, handzahme, hat „Meiner“ bereits wieder eingefangen, das Dunkelgraue hoppelt im Dunkelgrau der Morgendämmerung herum und will sich nicht fangen lassen, auch nicht, als ich „Meinem“ zu Hilfe komme. Nach einer Weile gibt „Meiner“ auf, er muss zur Arbeit. Also bleibe ich – barfuss und im Pyjama – draussen und versuche das Tierchen davon zu überzeugen, dass es in der Volière sicherer ist als im Garten. Kater Gottegris gesellt sich zu mir, völlig aus dem Häuschen, weil er einen seiner Fernsehstars aus nächster Nähe zu sehen bekommt. Er hilft mir bei der Jagd, wohl in der Hoffnung, ein Autogramm zu ergattern, doch das Kaninchen hat jetzt keine Lust auf eine Begegnung mit seinem treuesten Fan und schlägt deshalb jedesmal einen Haken, wenn wir ihm auf den Fersen sind.

Irgendwann muss auch ich aufgeben, denn nachdem „Meiner“ das Haus verlassen hat, werde ich oben gebraucht. Dringend offenbar, denn während das Kaninchen sich nicht in sein Haus jagen lassen will, sträubt sich der FeuerwehrRitterRömerPirat dagegen, aus dem Haus gejagt zu werden. Na ja, immerhin bin ich nach dem Herumgerenne an der frischen Luft wach genug, um mich dem Widerstand meiner Kinder zu stellen. Als ich später wieder in den Garten komme, ist das Kaninchen unauffindbar, dafür kommt wenig später der FeuerwehrRitterRömerPirat wieder von der Schule nach Hause. Ihm sei so schlecht, sagt er. Am Nachmittag lässt sich der Ausreisser wieder blicken, einfangen können ihn Luise und ihr Cousin aber nicht.

Ich hoffe doch sehr, dass das Tier in dieser Nacht Vernunft annimmt und sich morgen freiwillig wieder in die Volière begibt. Auf eine erneute Runde Frühsport im Morgengrauen kann ich nämlich ganz gut verzichten. Auch wenn es für einmal ganz erfrischend war.

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Déja v(éc)u

Morgen gehen die Einladungen raus, Ende Woche muss ich die Schürze waschen, Mitte nächster Woche werden Fleischbällchen gedreht, bis sich mein an vegetarische Kost gewöhnter Magen umdreht, am Mittwochnachmittag schliesslich werde ich mir die karierte Schürze umbinden und mit der Holzkelle die kleinen Rotznasen vom Stehlen der Fleischbällchen abhalten. Kurz, ich werde die gehässige Hildur Bock geben.

Wieder einmal. Diese Rolle spielte ich jeweils an Karlssons Geburtstagsparties, beim ersten Mal freiwillig, danach auf Drängen von Karlssons Freunden, die mich schon Wochen vor der Party wissen liessen, dass sie fest mit Fräulein Bock rechnen. Also drehte ich Fleischbällchen, band mir die Schürze um und jagte die Kinder durch die Wohnung, auch dann noch, als Karlsson längst dem Karlsson vom Dach-Alter entwachsen war. 

Nun also wünscht der Zoowärter das gleiche Programm und ich freue mich darauf. Zum einen, weil wir uns für einmal nicht den Kopf darüber zerbrechen müssen, was wir mit der Rasselbande bloss wieder anstellen sollen. Zum anderen, weil Zoowärters Freunde ähnlich fantasievoll und begeisterungsfähig sind wie damals Karlssons Freunde – wir hatten auch schon Parties, bei denen trotz aller Bemühungen unsererseits keine Freude aufkommen wollte – und zum dritten, weil das endlich mal wieder eine Party wird, bei der auch ich meinen Spass haben werde. 

Eine einzige Frage nur raubt mir den Schlaf: Schaffe ich dieses ganze Herumgerenne überhaupt noch? Zwischen diesem und dem letzen Mal liegen immerhin einige Lebensjahre, zwei Schwangerschaften und ein paar zusätzliche Kilos auf den Rippen. 

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Was wir unsere Kinder zu lehren versuchen

Je lauter einer schreit „Ich kann’s!“, umso weniger kann er es wirklich.

Je lauter einer also schreit, umso weniger braucht man sich von ihm beeindrucken zu lassen.

Man braucht keine aufregenden Ferienerlebnisse zu erfinden, wenn man keine hatte. Es ist durchaus erlaubt, auch mal langweilige Ferien zu haben. Meines Wissens gibt es auch noch andere Familien, die das Jahr ohne viermal Dubai, zweimal St. Moritz, achtmal New York und einmal Mondflug überstehen müssen.

Die Füsse gehören nicht auf den Tisch, auch dann nicht, wenn man Prinzchen heisst.

Es ist ein Privileg, in die Schule gehen zu dürfen. Auch wenn man das zuweilen kaum glauben mag und auch wenn mich selber hin und wieder gewisse Zweifel beschleichen.

Es geht mich nichts an, wie alt die Mama irgend einer Schulkameradin war, als sie zum ersten Mal ihre Tage hatte. Zum Glück teilen unsere Kinder meine Meinung, sonst müsste ich fürchten, sie würden von mir auch Dinge herumerzählen, die keinen etwas angehen.

Messer rechts, Gabel links, Teller in der Mitte, Glas oben rechts. Und zwar ohne, dass ich sie vor jeder Mahlzeit dazu auffordern müsste.

Die Katze ist kein Spielzeug. Auch dann nicht, wenn sie sich wie eines aufführt.

Es reicht, dass die kleinen Geschwister bei ihren Kameraden hässliche Wörter aufschnappen, sie brauchen diese nicht vom grossen Bruder und der grossen Schwester gelehrt bekommen.

Bloss weil Papa als Secondo weniger Hemmungen bezüglich hässlicher Wörter hat, bedeutet dies noch lange nicht, dass ich sie toleriere. Die Sprache ist mein Revier, so wie das Visuelle seines ist und er duldet auch keine hässlichen Bilder an der Wand.

Wir meinen es immer gut mit euch. Selbst dann, wenn ihr euch das beim besten Willen nicht vorstellen könnt.

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Es ist wieder diese Zeit im Jahr…

…in der unsere kleineren Kinder die Sommerkleider aus dem Schrank zerren und halb nackt aus dem Haus rennen würden, wenn wir sie nicht rechtzeitig erwischten.

…in der ich Stunden damit verbringe, das Internet nach dem perfekten Ferienhaus an perfekter Lage abzusuchen und weil es noch eine halbe Ewigkeit dauert, bis der Sommer da ist, bilde ich mir ein, wir könnten vielleicht zwischendurch doch noch ein paar Tage irgendwohin…Halt! Erst mal den Kontostand wieder ins Lot bringen!

…in der wir fast jedes Wochenende Gäste haben oder eingeladen sind, weil man im alten Jahr alles aufs neue verschoben hat.

…in der Luise fragt, ob wir nicht wieder einmal, eventuell, wenn wir Eltern nichts dagegen hätten, Skifahren gehen könnten. Und wenn wir antworten, wir wüssten es nicht, schnappt sie sich den neuesten Kleiderkatalog und zeigt uns, was sie in ihrer Sommergarderobe alles haben möchte.

…in der ich mindestens einmal wöchentlich träume, ich hätte den richtigen Zeitpunkt zum Ansäen von Setzlingen verpasst und stünde zum Frühlingsbeginn ohne Pflänzchen da.

…in der man sich einbildet, es dauere noch ewig, bis die Nichte heiratet, bis Markttag sei, bis der runde Geburtstag da sei… und auf einmal steht man wieder völlig unvorbereitet da, weil die Zeit mal wieder schneller war als die Einbildung.

…in der ich den Frühling kaum erwarten kann.

Jedes Jahr im Winter ist es wieder so, auch dann, wenn der Winter sich nicht wie ein Winter aufführt.

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Geständnis

Schon mehrmals stand ich kurz davor, dieses Geständnis hier abzulegen, doch jedes Mal entschied ich mich nach reiflicher Überlegung dagegen. Es ist ja auch nicht ganz einfach, so etwas zu gestehen, aber der Moment ist gekommen, wo ich nicht mehr länger schweigen kann und darum schreibe ich mir die Sache jetzt einfach mal von der Seele. Hier also die ungeschminkte Wahrheit:

Ich hasse den Samstag. Ich verabscheue ihn zutiefst, diesen miesen Kerl, der so tut, als wäre er ein freier Tag, dabei ist er ein Sammelbecken für all den kleinen Mist, den du wochentags nicht erledigen kannst und sonntags nicht erledigen willst. Möbelpolitur und Teppichschaum kaufen, zum Beispiel, oder den Kühlschrank putzen, oder zu Hause die Stellung halten, damit „Deiner“ Sperrgut entsorgen gehen kann.

Weil der Samstag vorgibt, er sei ein freier Tag, bleibst du morgens länger liegen als die Kinder, was dem Chaos einen Vorsprung verschafft, den du den ganzen Tag nicht mehr wettmachen wirst. Das bedeutet, dass du erst frühstücken wirst, nachdem du die Kinder dazu verdonnert hast, ihre Kakaospuren und leeren Joghurtbecher zu beseitigen – oder aber, nachdem du das selber erledigt hast, weil du den Tag nicht mit Zoff anfangen willst. Wenn du dann endlich frühstücken kannst, werden sich deine Kinder unterdessen frisch und fröhlich hinter die Fingerfarben machen, oder sie werden mit sämtlichen Decken eine Hütte bauen, dabei hast du doch verkündigt, heute müsse aufgeräumt werden, weil morgen Gäste kommen.

Den Rest des Tages wirst du damit verbringen, Spuren zu beseitigen, den Sinn des Aufräumens für Gäste zu erläutern, Kleinkram zu erledigen und dich insgeheim zu ärgern, weil du von diesem Tag doch irgendwie mehr erwartest – mehr Zeit mit den Kindern, mehr Zeit mit „Deinem“, mehr Raum, nette Dinge zu tun, die Wochentags eben auch keinen Platz finden.

Vielleicht steht gegen Abend doch noch etwas Nettes auf dem Programm, eine Geburtstagseinladung zum Beispiel oder Gäste zum Kaffee, aber bis dieser Programmpunkt endlich da sein wird, ist dir schon längst die Decke auf den Kopf gekracht und dir ist jede Lust vergangen, dich jetzt noch einmal aufzuraffen und doch noch etwas Anständiges aus dem Tag zu machen.

So ist er, der Samstag, zumindest bei uns. Weder Werktag noch Sonntag, weder Pflicht noch Freiheit, nur so ein ärgerliches Zwischending, das sich nicht entscheiden kann, was es sein will. Manchmal wünschte ich mir, der Samstag wäre ein Werktag wie jeder andere. Dann wüsste man wenigstens, woran man bei ihm ist und würde von ihm nicht erwarten, was er nicht bieten kann.

Unknown

 

Käfer-Variationen

Als Familie kann man sich Käfer auf ganz unterschiedliche Varianten einfangen. Da gibt es zum Beispiel die komfortable Variante:

Papa hat Ferien, Mama hat Ferien, die Kinder haben Ferien und alle liegen krank im Bett. Keiner stört, um den Kindern Hausaufgaben vorbeizubringen, die Erwachsenen brauchen kein schlechtes Gewissen zu haben, weil sie ihre Arbeitskollegen hängen lassen und weil alle nur wie halbtote Fliegen herumliegen, braucht man sich höchstens mal aufzuraffen, um Tee oder Grießsuppe zu kochen. 

Auch nicht schlecht ist die folgende Kombination:

Wochenende, Mama (oder wahlweise Papa) ist krank, die Kinder haben Programm und die kranke Mama (oder der kranke Papa) kann sich umsorgen lassen.

Ebenfalls akzeptabel ist es, wenn ein Elternteil und ein paar Kinder krank sind. Dann können die Kranken fläzen und die Gesunden für alles Nötige sorgen. 

Ziemlich viel mühsamer wird es, wenn die folgende Situation eintritt:

Die Kinder haben Ferien, das Wetter ist saumässig, Papa muss arbeiten und Mama wird krank. 

Auch ziemlich blöd:

Papa und Mama müssen arbeiten, die Kinder werden krank und zwar schön einer nach dem anderen, damit man auch wirklich lange damit herausgefordert ist, alle Verpflichtungen irgendwie unter einen Hut zu bringen. 

Die dümmste aller Möglichkeiten aber ist diese hier:

Papa und Mama sind krank, Papa muss trotzdem arbeiten, weil er Praktikantinnen zu betreuen hat, der Haushalt bräuchte ganz dringend Zuwendung, ein Kind liegt ebenfalls im Bett, aber alle anderen sind a) quietschfidel und b) auf Chauffeurdienste, Hilfe bei den Hausaufgaben und warme Mahlzeiten angewiesen. 

„Meiner“ und ich haben uns heute für diese letzte Variante entschieden. Ein bisschen Spass hin und wieder muss doch einfach sein. 

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Die können ja, wenn sie wollen

Prinzchen hat heute mit meiner Hilfe seine erste Wähe gebacken. Ein kleines Ding, gerade mal gross genug, um einen kleinen Kindermagen zwischendurch ruhig zu stellen. Natürlich gab es für alle zusammen noch eine Grosse. Wo kämen wir denn hin, wenn einer alleine den ganzen Genuss hätte? Oder jeder nur einen winzigen Bissen abbekäme? Die Grosse war im Nu weggeputzt, einzig Prinzchens Küchlein lag noch auf dem Tisch, als sich beim Zoowärter der Wunsch nach mehr Wähe regte.

Zoowärter beinahe schüchtern zum Prinzchen: „Gibst du mir einen Bissen von deiner Wähe ab?“
Prinzchen: „Nicht jetzt.“
Zoowärter, leicht eingeschnappt: „Hab ja nur gefragt…“
Prinzchen, fällt ihm ins Wort: „Nicht jetzt, habe ich gesagt. Aber wenn ich wieder hochkomme, darfst du sie haben.“
Zoowärter, verwundert: „Die ganze Wähe?“
Prinzchen: „Ja, die Ganze. Aber erst gehe ich jetzt noch ein wenig zu Grossmama. Ach was, iss sie doch jetzt…“

Eine Stunde später, das Prinzchen ist wieder da und die Wähe schon längst in Zoowärters Bauch.
Prinzchen: „Wo ist meine Wähe?“
Zoowärter schaut schuldbewusst zu Boden: „Die habe ich gegessen.“
Prinzchen: „Die Ganze?“
Zoowärter, beschämt aber auch leicht irritiert: „Du hast es doch gesagt…da habe ich eben gedacht…“
Prinzchen: „Kein Problem. Ich habe doch nur gefragt.“

Zum Glück war die Sache damit erledigt. Wenn das Prinzchen den Zoowärter auch noch gefragt hätte, ob ihm die Wähe geschmeckt hat, hätte ich es mit der Angst zu tun bekommen. Ich meine, das geht doch nicht, die Dinge so ganz ohne Tobsuchtanfälle und elterliche Intervention zu regeln.

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