Brot-Snobs

Karlsson findet, im Restaurant, wo er neulich mit der Klasse zum Brunch war, hätten sie keine Ahnung, wie man anständige Baguettes und Croissants bäckt. Zoowärter beklagt sich, das Brot in der Migros sei auch nicht mehr, was es mal gewesen sei. Viel zu weich, fast schon wie Gummi sei es. Kommt ausnahmsweise mal wieder ein Brot aus der Bäckerei auf den Tisch, geht des Gemotze erst recht los. Das Zeug könne man nun wirklich nicht essen, ob ich es überhaupt noch verantworten könne, in einem Laden Geld auszugeben, der so wenig auf anständige Qualität gebe, wollen die Knöpfe unisono wissen. 

Nach aussen gebe ich natürlich die Moralistin. „Nun seid doch dankbar für das, was ihr habt. Andere Kinder müssen hungern“, sage ich, wenn sie jammern, weil gerade nichts Ofenfrisches zu haben ist. Insgeheim bewegt es mich aber sehr, dass sie inzwischen zu regelrechten Snobs in Sachen Brot geworden sind, denn damit sagen sie mir, dass ich auf meinem Weg, richtig gutes Brot zu backen ein ganzes Stück weiter gekommen bin. Und eigentlich bin ich kein bisschen besser als meine Brut, habe ich doch gestern, als „Meiner“ und ich endlich mal wieder ein paar Momente ohne Kinder in der Bar am Fluss sassen, das Brot kaltschnäuzig verschmäht, obschon es eines war, das ich vor noch nicht allzu langer Zeit als durchaus gut bezeichnet hätte. 

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Nicht mikrowellentauglich

Vor einiger Zeit bekamen wir eine „Backmischung“ für einen Tassenkuchen als Werbegeschenk überreicht. Ihr wisst schon, diese schrecklichen Beutel für die Mikrowelle, die es seit einiger Zeit zu kaufen gibt. Aus Gründen, die mir gerade entfallen sind, habe ich das Ding nicht weggeschmissen und in der Ahnung, dass wir hier vermutlich eine Mikrowelle haben würden, ist es beim Ausmisten der Küche im Reisegepäck gelandet. Heute Abend, als ich warten musste, bis die jüngeren Vendittis – die sich freiwillig zu dritt ein Bett teilen und einander dann doch den ganzen Abend die Köpfe einschlagen – endlich eingeschlafen waren, beschloss ich, diesen Kuchen zu „backen“. Das Resultat sah dann allerdings nicht ganz so unappetitlich aus, wie auf der Packung, sondern noch unappetitlicher. Ich mag ja wohl in der Lage sein, Gotlandbrot und dergleichen zu backen, aber eine Anleitung lesen, in der geschrieben steht, wie man aus Pulver und Milch einen „Kuchen“ erhitzt, kann ich ganz offensichtlich nicht. Zuerst wollte ich ja dem Hersteller die Schuld in die Schuhe schieben, aber es lag wohl doch eher daran, dass ich nicht 40 Milliliter Milch mit dem Pulver in eine 300-Mililitertasse gefüllt hatte, sondern 300 ml Milch mit dem Pulver in eine 310-Mililitertasse. Meine Erkenntnis nach dem „Genuss“ des Ungeniessbaren: Ich bin nicht mikrowellentauglich. (Was auch nicht weiter schlimm ist.) 

Überzuckert

Fertig, Schluss, aus! Ich mache nicht mehr mit bei dem unsinnigen Wettlauf um den buntesten, zuckrigsten und perfektesten Geburtstagskuchen. Nicht dass ich je ernsthafte Chancen gehabt hätte, in diesem Bereich zu glänzen, dazu habe ich weder das nötige Geschick, noch die Ausbildung, noch den Küchenschrank voller angesagter, überteuerter Gadgets. Mitgemacht habe ich aber trotzdem irgendwie. Weil ich gerne backe. Weil meine Kinder schrecklich beeindruckt waren von den Eisenbahnen, Piratenköpfen und Beinahe-Hochzeitstorten, die sie bei ihren Freunden vorgesetzt bekommen. Und weil das Zeug, das meine talentierten Bekannten auf Facebook posten, halt schon beeindruckend aussieht.

Mein Zeug sieht nie so perfekt aus, egal, wie sehr ich mich ins Zeug lege dafür, was zu ziemlich viel Frust über misslungene Kreationen geführt hat. Aber der Grund, weshalb ich nicht mehr mitmache, ist ein anderer: Ich habe diese übertriebene Süsse satt. Mein Gaumen hat genug von diesen dicken, zuckrigen Fondant-Schichten, die all die feineren Aromen, die eine Torte in sich haben sollte, überdecken. Mein Magen rebelliert frühestens nach drei Bissen, weil er nicht verdauen mag, was da kunstvoll auf die Tortenplatte geschichtet steht. Mein Auge, das sonst kräftigen Farben ganz und gar nicht abgeneigt ist, mag den ganzen Kitsch nicht mehr sehen.

Immer öfter ertappe ich mich dabei, wie ich mir beim Herunterwürg…  – äääähm, ich meine natürlich beim Essen -eines solchen Kunstwerks wünschte, ich hätte ein Stück des simplen Gâteau Breton meiner Mutter auf dem Teller.  Der sah wahrlich nicht sonderlich beeindruckend aus in seiner Schlichtheit aus Butter, Zucker, Ei und Mehl. Er war flach, gelbbraun und einzig mit ein paar Gabelstrichen verziert, doch er hatte etwas, was den Fondant-Träumen ganz und gar abgeht, nämlich das volle Aroma natürlicher Zutaten. Und weil man weder beim Rezept noch beim Verzieren irgend etwas falsch machen konnte, sass ganz bestimmt keine übellaunige Mutter am Tisch, die sich darüber ärgerte, dass ihre Kreation nicht ganz genau so aussah, wie sie sich das vorgestellt hatte. Ausserdem hatte der Kuchen den Vorteil, dass man ihn auch wirklich essen wollte. Dieses klebrige Fondant-Zeug bleibt ja doch immer angebissen auf den Tellern liegen, weil es sogar für Kinder zu süss ist. 

Ich glaube, ich rufe einen neuen Trend ins Leben und serviere beim nächsten Kindergeburtstag Gâteau Breton. 

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Pädagogisch inkorrekt

Noch selten habe ich die Sache mit den Zimtsternen, Mailänderli und Spitzbuben so lange vor mir hergeschoben wie dieses Jahr. Dabei hätte ich durchaus Lust zum Backen. Was ich aber nicht habe, ist Lust, mit den Kindern in der Küche zu stehen. Ich hab die Nase voll von diesemWaschdirzuerstdieHändeund stecknichtandauernddieFingerindenMundzuerstbekommterdenEngel-AusstecherdannduHimmelmachtnichtsoeineSauereiesstnichtzuviel
rohen
TeigsonstbekommtihrBauchwehMistjetztistschonwieder
allesangebrannt!
Ich will mir nicht anhören müssen, meine Matcha-Sablés seien viel zu herb und zu wenig süss, will nicht erklären, wie man Eier trennt, will nicht der Tradition zuliebe das Zeug machen müssen, das man zu Weihnachten eben so macht, sondern ausprobieren, was wir noch nicht kennen. Für einmal wünschte ich mir, ich wäre eine jener auf Sauberkeit bedachten Mütter, die ihre Kinder nicht in die Küche lassen, weil sie die Sauerei fürchten. Ich möchte die Fähigkeit besitzen, meine feste Überzeugung auszuschalten, die da lautet: „Kinder sollen am Herd experimentieren dürfen. Nur so bekommen sie Freude am Kochen.“ Ja, ich habe mich gar beim Gedanken ertappt, meine backwütigen Kinder mit ein oder zwei Paketen Fertigteig abzuspeisen und abends im Geheimen ganz für mich alleine eine zünftige Backorgie zu veranstalten. 

Mir ist selbstverständlich bewusst, wie pädagogisch inkorrekt solche Gedanken sind und darum werde ich morgen – oder übermorgen, vielleicht auch erst am Samstag – mit den Kindern die obligaten Weihnachtsguetzli backen. Heute Nachmittag aber, als fast alle aus dem Haus waren und das Prinzchen der Grossmama einen Besuch abstattete, packte ich die Gelegenheit beim Schopf und tobte mich ganz egoistisch alleine in der Küche aus. Zu meinem grossen Erstaunen haben die Kinder nicht mal gemotzt, dass ich ohne sie angefangen habe.

Ich glaube fast, die Matcha-Sablés sind süss genug geworden. 

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carne povera; prettyvenditti.jetzt

 

Zuckersüss, rosarot und geblümt

Das Prinzchen will backen. So richtig tolle Sachen, wie sie momentan gerade im Trend sind. Darum wünscht er sich zum Geburtstag ganz viel Backzubehör. Nein, nicht das Baustellen- und Piratenschiff-Zeugs, das kleine Jungs angeblich so toll finden, sondern das Zuckersüsse, Rosarote, Geblümte. Mich freut das natürlich, zeigt es mir doch, dass das Prinzchen verstanden hat, dass seine Männlichkeit – die ihm sehr wichtig ist – durch seinen Hang zum Kitsch nicht in Frage gestellt wird. Mich freut es auch, weil ich endlich mal wieder so richtig viel Kitsch einkaufen darf. 

Weniger erfreut bin ich, wenn ich mir die Kinder-Backbücher ansehe. Die Botschaft der Verlage ist klar: Jungs mögen wohl backen, aber ganz bestimmt nicht zuckersüss, rosarot und geblümt. Vielleicht backen sie Brot über dem Lagerfeuer oder Pizza im Steinofen, aber sicher keine Cupcakes und Cake Pops. Solche Sachen gehören ins Revier von Hello Kitty und den Disney Prinzessinnen und in dieses Revier wird sich das Prinzchen nicht verirren, so sehr er auch für kitschige Törtchen zu begeistern ist. 

Keine Frage, ich werde so lange suchen, bis ich ein Prinzchen-verträgliches Backbuch finde. Der Gedanke, dass zuckersüss, rosarot und geblümt auch im Jahr 2014 nach Christus den Frauen vorbehalten sein soll, will trotzdem nicht so recht in meinen Kopf. 

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Die Prinzessin und der Manitoba-Weizen

Wir hatten erneut die Ehre, eine Küchenmaschine vermacht zu bekommen, eine Dame aus dem edlen Geschlecht der Kitchen Aid, von ihren ersten Besitzern getauft auf den Namen Princess Leia – von mir kann sie diesen Namen nicht haben, ich habe bis heute noch immer kein Star Wars gesehen. Unter anderem um diesem adligen Geschöpf in reinem Weiss ein standesgemässes Zuhause bieten zu können, eroberte ich mir meine Traumküche zurück. Die Prinzessin bekam dort einem Ehrenplatz auf der blitzblank polierten Arbeitsfläche. Ich glaube, sie fühlte sich auf Anhieb wohl dort und als ich meine Mehlvorräte aus der Mühle anschleppte, begann sie vor lauter Vorfreude zu glänzen. Sophie wurde aufs Altenteil geschickt, wo sie hin und wieder Weizen mahlen oder alle Schaltjahre Fleisch durch den Wolf drehen darf und Charlotte hat ihren Dienst in einer anderen Küche nicht weit von hier aufgenommen. Da mich nun die grosse Backwut packte, hatte die Prinzessin beste Aussichten auf ein glückliches Leben bei uns.

Dann aber geschah das Unglück: Herr Hadjiandreou, dessen Buch ich mir selbst zur Einweihung meiner Küche schenkte, erklärte mir, dass nicht das lange Kneten einen guten Teig macht, sondern die Ruhe zwischen zwei kurzen Knetvorgängen. Na ja, kneten ist vielleicht das falsche Wort, man müsste wohl eher von streicheln reden und das beherrsche ich eindeutig besser als die Prinzessin. So kam es, dass die Arme traurig dabei zusah, wie ich mich mit meinem Teig vergnügte und ihr kaum Beachtung schenkte. Gut, hin und wieder tätschelte ich sie liebevoll und versprach ihr, sie bald einmal ganz gross herauskommen zu lassen, doch die Prinzessin schniefte nur verdriesslich und schmiedete im Geheimen wohl Pläne, diesem trostlosen Ort zu entfliehen.

Doch dann, fast wie im richtigen Märchen, kam ein Retter daher, zwar nicht auf einem Schimmel, sondern in einem gelben Auto, das viele Pakete aus aller Welt geladen hatte. Manitoba-Weizen heisst der edle Herr und ich habe ihn eigens aus Deutschland herbeigerufen, weil mein Panettone beim ersten Versuch nicht richtig aufgehen wollte. Das Internet hat mir dann erklärt, dass der Teig eben nicht anders konnte, als eher flach zu bleiben, weil das Stärkegerüst nicht fest genug gewesen sei, darum müsse beim nächsten Mal der starke Kerl aus Manitoba her.

Zum Glück kam er gerade noch rechtzeitig vor Weihnachten an, damit der Teig über drei Tage werden kann und weil die ersten Schritte langes Kneten von Hand erforderten, wusste ich zugleich, dass ich den Richtigen gefunden hatte, um die Prinzessin wieder glücklich zu machen. Wer noch nie einen Teig mit einem Anteil von Manitoba-Weizen geknetet hat und auch keine Lust hat, dies je zu tun, kann sich diese Arbeit etwa so vorstellen: Drei Rollen von diesem klebrigen Einmeterkaugummi so lange kauen, bis er weich ist und danach gründlich von Hand durchkneten, etwa zehn Minuten lang. Glaubt mir, ich war von Herzen dankbar, als mir das Rezept bei Schritt 17318 endlich gestattete, die Prinzessin ranzulassen. Die Gute stürzte sich mit Freuden auf die Arbeit und bewies diesem Manitoba-Kerl, wer hier das Sagen hat.

Noch ist der Panettone nicht ganz fertig, doch der Teig zeigt mir, dass sich hier zwei gefunden haben, die zueinander gehören. Und wenn mir nicht irgendwann der Nachschub an Weizen ausgeht oder die Prinzessin den Geist aufgibt, werden sie zusammen noch viele Jahre lang glücklich herzige kleine Panettone, Ciabatte und Baguettes erzeugen.

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