Gelernt

Das Prinzchen beherrscht jetzt nicht bloss seine ersten Zweiwortsätze, diesen unglaublich schelmischen Blick und das Kritzeln mit der linken Hand,- wenn er so weitermacht, wird er Linkshänder Nummer 4 in unserer Familie -, nein, der liebe Kleine weiss seit gestern auch, wie man mit Schlafsack aus dem Gitterbett klettert. Was den Feierabend für „Meinen“ und mich um eine gute Stunde nach hinten verschoben hat, was bedeutet, dass wir eigentlich gar nicht mehr zu Bett gehen müssten, da wir ohnehin gleich wieder aufstehen müssen.

Der Zoowärter will sich natürlich nicht lumpen lassen, wenn der kleine Bruder Dampf macht und deshalb legt auch er einen Zacken zu. Nicht nur hat er sich zum Grossmeister der Tobsuchtanfälle gemausert – so laut wie er hat noch keiner geschrien im Hause Venditti -, er hat auch gelernt, dass man die Herzen der Erwachsenen im Sturm erobert, wenn man versucht, Französisch oder Englisch zu reden. Und darum sagt er jetzt tagein,  tagaus „Moo döö, matiöö!“, was soviel heissen soll wie „Mon Dieu, Mathieu!“, was sich an eines unserer aktivsten Familienmitglieder richtet, aber ich sage nicht, an welches….

Der FeuerwehrRitterRömerPirat scheint inzwischen erkannt zu haben, dass man bei Vendittis derzeit am besten aus der Reihe tanzen kann, wenn man still, nachdenklich und artig ist. Und aus der Reihe tanzen, das will er, unser Dritter. Und so macht er derzeit den Musterknaben, der sich ohne Widerstand anzieht, die Zähne putzt und den Teller abräumt. Würde er nicht wie eh und je jeden Morgen massiven Widerstand leisten, wenn er in den Kindergarten gehen muss, ich würde mir ernsthafte Sorgen machen um meinen Sohn.

Luise bringt nicht nur jeden Tag einen ganzen Rucksack voller Wissen mit nach Hause, sie hat inzwischen auch gelernt, dass irgendwer die Zicke machen muss. Ich vermute, dass sie in unbeobachteten Momenten vor sich hingrummelt: „Immer muss ich diejenige sein, die hier zickt, nie hilft mir einer. Aber wenn ich es nicht mache, dann tut es ja sonst keiner in diesem elenden Männerhaushalt…“ Zum Glück hat sie sich auch wieder auf eine ihrer ältesten Eigenarten besonnen und so verbringt sie die Zeit, in der sie nicht zickt, bei  Mama oder Papa auf dem Schoss und schnurrt wie ein zufriedenes Kätzchen.

Wo so viel gelernt wird, will natürlich auch Karlsson dabei sein. Seine neueste Errungenschaft ist das Ziehen von Grenzen. Leider grenzt er sich aber nicht gegen solche ab, die ihm frech kommen, nein, er verteidigt gnadenlos die Grenzen zu seinem Zimmer. Wer das Wegrecht erhalten will, um mal kurz durch sein Zimmer zu gehen, der muss ihn zuerst auf Knien anflehen, er möge doch bittebittebitte für drei Sekunden die Türe aufmachen. Hoffen wir mal, das heldenhafte Verteidigen seiner Privatsphäre führe dazu, dass er auch mutiger wird, wenn ihm andere zu nahe treten. Ach und ja, er hat neulich auch gelernt, uns zu glauben, wenn wir ihm sagen, dass wir ihn schon vom ersten Moment an geliebt haben. Bis vor Kurzem hat er nämlich noch behauptet, das könne doch gar nicht wahr sein.

Und sogar „Meiner“, der doch eigentlich gar nichts mehr lernen müsste, weil Lehrer ja ohnehin alles wissen und alles können, hat sich etwas Neues angeeignet: Er hat gelernt, dass er auch mal liegenbleiben darf, dass nicht immer alles an ihm hängen bleiben muss. Ach, was bin ich stolz auf ihn! Wenn da bloss jemand wäre, der während der Zeit, in der er liegenbleibt, die Arbeit erledigt, die er sonst getan hat. Nun ja, eigentlich wäre da schon jemand, aber die Person hat auch eben erst gelernt, die Dinge auch mal liegenzulassen….

Hilft denn keiner diesen armen Kindern?

Mehrstimmiges Wehklagen tönte heute um elf Uhr vormittags durch das Haus Venditti. Was war bloss geschehen? War vielleicht ein geliebtes Haustier verstorben? Nein, natürlich nicht. Abgesehen von Stubenfliegen, Ameisen und ein paar Marienkäferlarven gibt’s im Hause Venditti gar keine Haustiere. Waren die Kinder krank? Nein, auch nicht. Ausnahmsweise verzichten wir mal für ein paar Wochen auf den Austausch von krankmachenden Käfern. Man kann ja nicht immer Spass haben. Hatten sich die lieben Kinderlein denn so lange gestritten, bis alle am Heulen waren? Leider auch falsch, der wahre Grund für das Geheul war ein viel Schlimmerer: Mama und Papa Venditti hatten verkündet, dass heute die Zimmer aufgeräumt werden müssen. Einfach so, obschon das Leben doch auch schön ist, wenn man bei jedem zweiten Schritt in einen Legostein tritt oder sich die Knöchel verstaucht beim Versuch, über Kissen und Decken zu steigen, ohne sich dabei in Wollfäden, die sich durchs ganze Zimmer spannen, zu verheddern.

Ja, „Meiner“ und ich können ganz schön gemein sein. Ohne Vorwarnung – denn was sind schon die drei, vier auf die ganze Woche verteilten Ankündigungen, dass am Samstag aufgeräumt werde? – zu befehlen, dass jetzt Ordnung gemacht wird. Da kann man ja nicht anders, als zu heulen. Und das tat Luise lange und ausgiebig. So lange, bis die Aufräumaktion vorbei war. Auch der FeuerwehrRitterRömerPirat schluchzte zum Steinerweichen, und hätte ich nicht gewusst, was der Grund für das Schluchzen war, ich hätte das arme Kind sofort mit einer warmen Honigmilch und einem Fieberthermometer unter die Bettdecke gesteckt und den Arzt angerufen. Bei Karlsson flossen die Tränen nicht sofort, sondern erst, nachdem „Meiner“ ihn zur Rede gestellt hatte, weil er wieder das ganze Zimmer umstellte, anstatt endlich Ordnung zu machen. Warum der Zoowärter heulte, weiss ich eigentlich nicht so genau. Er dachte wohl einfach, dass das heute zum Tagesprogramm gehört. Und weil das Prinzchen überall dabei sein will, wo seine grossen Geschwister dabei sind, stimmte auch er mit ein. All das Geheule im Chor klang so grauenvoll, dass es mich erstaunt, dass noch keiner gekommen ist, um „Meinem“ und mir die Kinder wegzunehmen.

Irgendwann waren die Zimmer dann doch noch soweit aufgeräumt, dass man mit den vergossenen Tränen den Boden putzen konnte. Und jetzt endlich konnte ich den Kindern gestehen, dass ich so gut verstehen kann, wie elend ihnen ist. Denn gibt es etwas Schlimmeres, als am Samstag – oder an irgend einem Tag – aufräumen zu müssen?

Fehlkäufe

Ich möchte ja gar nicht wissen, welche Unsummen von Geld ich in den vergangenen zehn Jahren aus dem Fenster geschmissen habe. Es muss unglaublich viel gewesen sein und ich wünschte, ich könnte all die Fehlkäufe rückgängig machen. Wer jetzt denkt, ich würde dem Geld nachheulen, das ich für Schuhe, Kleider, Handtaschen und Make-Up über die Jahre liegengelassen habe, der irrt. Für mich selber schmeisse ich eigentlich nur mit Geld um mich, wenn ich Bücher kaufe und wer will denn schon behaupten, sich mit Lesestoff einzudecken sei herausgeschmissenes Geld? Selbst das dümmste Buch ist seinen Preis wert und wenn es nur der unfreiwillige Unterhaltungswert ist, den man da bezahlt. Nein, ich klage nicht über Fehlkäufe, die ich für mich selber getätigt habe; ich bereue es, all das Geld für Playmobil, Legos, Barbies, Puppentheater und dergleichen ausgegeben zu haben.

Alles, was ich für meine Kinder hätte kaufen müssen, wären ein paar Kochlöffel, zwei oder drei Teesiebe, einen Haufen Tücher und natürlich mehrere Tortenheber gewesen. Das sind nämlich die einzigen Spielsachen, – mal abgesehen von den Stofftieren, die ebenfalls äusserst beliebt sind – an denen unsere Kinder nicht nach wenigen Stunden schon das Interesse verlieren. Während Luises Barbies schon bald einmal kahlgeschoren oder geköpft, die Playmobil-Ritter allesamt ohne Schädeldecke unterwegs und die Legosteine in alle Himmelsrichtungen achtlos zerstreut waren, sind und bleiben Schaumkelle, Schneebesen & Co. hoch im Kurs. Angefangen hat damit Karlsson, der zwischen seinem zweiten und vierten Lebensjahr selten ohne „seine“ Tortenschaufel anzutreffen war. Noch heute jubelt er jedesmal, wenn er dem Ding zufällig begegnet.

Mit seiner Liebe zu Küchenutensilien hat Karlsson offenbar all seine Geschwister, mit Ausnahme von Luise, vielleicht,  angesteckt und so streite ich mich Tag für Tag mit meinen Kindern, wer jetzt gerade die Bratenschaufel haben dürfe. Wobei es sich auch trefflich darüber streiten lässt, ob das Ding denn wirklich eine Bratenschaufel sei, oder nicht doch viel eher ein Säbel oder ein Morgenstern. Was man darin sehen will, hängt nämlich ganz vom eigenen Standpunkt ab. Und ob man damit gerade einen gefährlichen Ritter besiegen muss oder ein Schnitzel in der Bratpfanne wenden möchte.

Und wisst ihr, was das Traurigste ist an der ganzen Sache: Die meisten Fehlkäufe habe ich mir selber in die Schuhe zu schieben. Als jüngstes von sieben Kindern habe ich so sehr darunter gelitten, immer nur mit einarmigen Puppen, mehrfach operierten Teddybären und kahlköpfigen Playmobil-Figuren zu spielen, dass ich wollte, dass meine Kinder es einmal besser haben. Und weil es eines meiner traumatischsten Kindheitserlebnisse war, dass meine grossen Brüder den Einkaufsladen zu einer Seifenkiste umfunktionierten, weil sie nicht daran dachten, dass ihre kleinen Schwestern im besten Einkaufsladen-Alter waren, sorge ich dafür, dass auch das Prinzchen hin und wieder etwas Neues bekommt.

Wenn man die Sachen wenigstens später noch für gutes Geld bei Ricardo verscherbeln könnte, wäre das ja alles halb so schlimm. Aber das Meiste kommt in solch desolatem Zustand aus den Kinderzimmern, dass wir es wohl nicht einmal für unsere Enkelkinder aufbewahren können. Ich frage mich bloss, wie die Kinder es überhaupt schaffen, das Zeug kaputt zu machen, wo sie doch immer nur mit meinen Kochlöffeln spielen.

Die macht ja doch, was sie will

Da habe ich mir heute Nachmittag endlich wieder mal ein wenig Zeit genommen, mich der Hauptperson meiner neuen Geschichte zu widmen. Und was macht die Tante? Genau das Gegenteil von dem, was ich von ihr erwartet hätte. Da verbiete ich ihr ausdrücklich, sich zu verlieben und zwei Seiten später angelt sie sich den einzigen Mann, der in der Geschichte vorkommt. Eine halbe Seite später ist die verheiratet und noch zwei Zeilen weiter unten ist sie schwanger. Dabei hatte ich ihr doch gesagt, sie solle sich endlich mal mit ihrem verdrehten Weltbild auseinandersetzen, bevor sie nur daran denkt, sich fortzupflanzen. Ich will doch nicht, dass ihre Kinder genauso verdreht herauskommen wie sie. Aber was habe ich denn schon zu melden? Die Dame tut ohnehin, was ihr gefällt.

Die Sache macht mich ja schon ein wenig nachdenklich. Wenn ich es nicht einmal schaffe, eine fiktive Figur positiv zu beeinflussen, wie wird das dann erst mit meinen sehr realen Kindern werden? Was, wenn sie nach rechts abdriften, bloss weil ihre Mama links wählt? Was, wenn meine Tochter mit sechzehn Mama wird, bloss weil ich ihr sage, sie solle zuerst einen anständigen Beruf erlernen, bevor sie ans Kinderhaben denkt? Luise hat mir nämlich neulich eröffnet, dass sie von Beruf Mama werden will, nachdem ich ihr gesagt hatte, dass Kinderhaben das grösste Glück auf Erden sei. Was, wenn meine Söhne zu Machos werden, bloss weil „Meiner“ und ich ihnen beizubringen versuchen, dass die Sache zwischen Mann und Frau am besten funktioniert, wenn die beiden auf Augenhöhe zueinander stehen.

Ich glaube, ich muss mich ganz dringend noch einmal hinter meine Geschichte machen. Um meine Überzeugungskraft ein wenig zu trainieren. Vielleicht schaffe ich es ja noch, dass die Hauptfigur mir gestattet, die letzten zwei Seiten zu löschen und so ungeschehen zu machen, was sie vermasselt hat. Ich fürchte aber, dass ich keinen Erfolg haben werde. Die Dame ist nämlich ganz schön verliebt und man weiss ja, was verliebte zu tun pflegen, wenn man sich ihrer grossen Liebe in den Weg stellt.

Uns gibt’s nur so

Über Jahre habe ich mich der Illusion hingegeben, „Meiner“ und ich seien so aufgeschlossen, dass wir nie und nimmer ein Problem haben würden damit, unsere Kontakte zu Kinderlosen zu behalten. Klar sind die Kinder für uns das Wichtigste im Leben, aber es gibt noch so viele andere Dinge, die uns interessieren, weshalb wir ganz gerne auch mal über anderes reden. Ein wenig Horizonterweiterung schadet auch uns Eltern nicht. Solange Karlsson noch ein Baby war, konnten wir die Illusion noch aufrechterhalten, aber kaum war der Knopf auf eigenen Füssen unterwegs, bekam die Illusion erste Kratzer. Und zwar, als ein Gast unseren Erstgeborenen, der fröhlich summend seine Runden um den Kaffeetisch drehte, wissen liess: „Karlsson, wir wissen, dass du da bist. Du kannst jetzt also wieder aufhören, laut zu sein.“ Muss ich erwähnen, dass dieser Gast zum letzen Mal bei uns zu Besuch war? Wer nicht akzeptiert, dass zu Vendittis auch Kinder gehören und dass derjenige, der bei uns zu Gast ist, auch bei unseren Kindern zu Gast ist, der hat ein Problem mit uns.

Je grösser unsere Kinder werden, umso öfter muss ich feststellen, dass längst nicht alle, die bei uns ein- und ausgehen damit leben können, dass sie „Meinen“ und mich nicht ohne unsere Kinder haben können. Dass Lärm bei uns eben dazugehört, dass tadellose Ordnung ein Ding der Unmöglichkeit ist, dass Vieles nicht planbar ist. Und auch wenn ich es absolut nicht in Ordnung finde, wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat einer ihm fremden Person gegen das Bein tritt und ich ihm dies auch ganz klar verbiete, so muss ich doch auch ein ganz kleines bisschen Verständnis haben für meinen Sohn. Wenn er nämlich von dieser Person wie Luft behandelt wird, wenn diese Person sich in seinem Revier so aufführt, als hätte er hier nichts verloren, dann erstaunt es mich nicht, dass er nicht allzu gut zu sprechen ist auf sie. Klar, der Junge muss lernen, so etwas nicht zu tun, weil er mit seinem Verhalten völlig daneben liegt. Aber liegt die andere Person nicht ebenso daneben, wenn sie es nicht einmal für nötig erachtet, unser Kind, das bei uns immerhin zu Hause und Teil der Familie ist, nicht einmal zu grüssen? Vielleicht bin ich ja in meiner Mutterliebe blind, aber für mich ist Respekt gegenüber Kindern ebenso wichtig wie Respekt gegenüber Erwachsenen.

Ich bin froh, dass ich auch andere Menschen kenne. Menschen, die selber zwar keine Kinder haben, die es aber geniessen, hin und wieder Zeit mit unseren Kindern zu verbringen. Menschen, die nicht nur daran interessiert sind, was „Meiner“ und ich so machen, sondern die auch wissen wollen, wie es Karlssons abgeliebtem Eisbären David geht, was Luise im Ballett gelernt hat, ob der FeuerwehrRitterRömerPirat noch immer so glühend an Römern interessiert ist, ob Winnie the Pooh dem Zoowärter auch schön gehorcht und ob das Prinzchen wieder neue Wörtchen gelernt hat. Menschen, die plötzlich im Kinderzimmer verschwinden, weil sie auch mit unseren Knöpfen Zeit verbringen wollen, nicht nur mit uns. Ich liebe solche Menschen, denn sie lassen mich daran glauben, dass Kinderlose und Reichbekinderte nicht auf zwei völlig verschiedenen Planeten leben.

Wann sind wir endlich da?

Es gibt Zeiten, da befindet sich meine mütterliche Autorität im Keller. Tief im Keller, fast schon ganz unter der Erde. So eine Zeit erlebe ich gerade jetzt. Und dann kommt es zu folgenden Szenen:

Mama Venditti, freundlich aber bestimmt: „Nein, es gibt jetzt kein Eis. Zuerst räumt ihr euer schmutziges Geschirr vom Tisch.“
Kinder rennen zum Gefrierschrank, drängeln einander zur Seite und kämpfen um den vordersten Platz an der Eisschublade.
Mama Venditti, streng, aber noch nicht übermässig laut: „Habe ich nicht gesagt, ihr sollt zuerst den Tisch abräumen? Ihr schliesst jetzt sofort den Eisschrank und kommt hierher!“
Kinder scheren sich einen Dreck um Mama, kämpfen jetzt mit Ellbogeneinsatz darum, wer der Erste ist.
Mama Venditti, zornig und laut, aber offenbar nicht laut genug:
„Hallo! Ihr kommt jetzt hierher und räumt den Tisch auf. Sonst gibt es heute gar kein Eis!“
Kinder balgen weiter, vielleicht versucht Luise oder Karlsson, sich aus dem Knäuel zu befreien, um doch noch zu tun, was Mama gesagt hat, aber ohne Erfolg, also wird weiter um den ersten Platz am Eisschrank gestritten.
Mama Venditti, sehr zornig, sehr laut und sehr böse:  „
Jetzt reicht’s! Ihr kommt augenblicklich hierher, räumt euer Geschirr weg und dann verschwindet ihr für eine halbe Stunde in eure Zimmer!“
Kinder
stimmen unisono in ein lautes Geheul ein: „Mama, du bist soooooo unfair! Nie dürfen wir ein Eis haben. Immer schreist du uns an!“

Dann räumen sie sehr widerwillig ihr Geschirr weg und verziehen sich schluchzend in ihre Zimmer, wo sie wohl über ihre ganz ganz böse Mama herziehen, die ihnen nie eine Freude gönnt und die immer rumschreit.

Diese Szene wiederholt sich im Laufe des Tages mit unterschiedlichen Streitpunkten und zuweilen auch in etwas reduzierter Besetzung unzählige Male am Tag. Ob es nun darum geht, rechtzeitig für die Schule bereit zu sein, den Tisch abzuräumen, die Schuhe am richtigen Ort zu versorgen, die Zähne zu putzen, nach der spontanen Gartenparty, welche die Kinder mit elterlichem Segen ganz alleine bezahlt, organisiert und gefeiert haben, den Garten wieder aufzuräumen, ins Bett zu gehen oder wie die vielen überrissenen elterlichen Forderungen noch heissen mögen. Immer das gleiche Muster: Mama verlangt etwas Kleines, das eigentlich schon längst selbstverständlich sein sollte, Kinder tun so, als hätten sie nichts gehört und fordern stattdessen etwas Cooles, Mama ermahnt, Kinder überhören geflissentlich, Mama droht Konsequenzen an, Kinder tun noch immer so, als hätten sie Petersilie in den Ohren und hörten nichts, Mama schlägt mit der Faust auf den Tisch, gibt lautstark den Tarif durch und streicht sämtliche Privilegien, Kinder parieren gesenkten Hauptes und heulen dazu, als hätte man sie geschlagen. Manchmal, wenn Mama ganz viel Glück hat, kommt später eines der grösseren Kinder und entschuldigt sich. Manchmal aber auch nicht.

Bevor ihr jetzt denkt, das sei bei uns zu Hause immer so und ich sei eine pädagogische Niete, muss ich zu unser aller Verteidigung sagen, dass das nicht immer so läuft bei uns. Im Gegenteil: Wir alle können auch ganz anders. Aber zuweilen, wenn die Kinder schulmüde sind, wenn die Mama ein riesiges, für einmal nicht selbstverschuldetes, Schlafmanko mit sich herumschleppt, wenn das Wetter schön ist, die Sommerferien aber noch nicht da sind, wenn der Zoowärter eine ganz schlimme Rebellionsphase durchmacht und damit die Grossen ansteckt, wenn der Terminkalender aller Familienmitglieder zu voll ist, wenn zu wenig Zeit für Nähe und zu viel Zeit für Verpflichtungen da war, kurz: Wenn Mama und Kinder keine Zeit finden, immer wieder Momente des gemeinsamen Auftankens zu finden, dann laufen die Dinge aus dem Ruder.

Ich weiss, es wird wieder besser, ich weiss wir werden einander wieder finden, dann, wenn der ganze Frühsommerstress vorbei ist und wir endlich wieder Zeit finden, Familie zu sein. Alles, was wir brauchen, sind wiedermal ein paar Tage, an denen wir einfach Zeit haben zum Leben, zum Nachdenken, ein paar Tage, an denen nicht irgend einer oder vielleicht auch alle schon längst irgendwo sein müssten, ein paar Tage, die einfach Vendittis gehören und die wir mit niemandem teilen müssen.

Wann fangen endlich diese Sommerferien an…..




Eindeutig noch zu früh…

Seit Jahren schon liegen uns unsere Kinder mit dem Wunsch in den Ohren: „Wann dürfen wir endlich ein Haustier haben? Eine junge Katze vielleicht, oder zwei Häschen, oder Meerschweinchen.“ „Meiner“ und ich reagieren auf diese Bitte so, wie schon unsere Eltern reagiert hatten: „Natürlich sind Haustiere süss. Aber wer wird dafür sorgen, dass das Gehege sauber bleibt?“ Worauf uns unsere Kinder, wie alle Kinder auf diesem Planeten, uns mit treuherzigen Kulleraugen anschauen und sagen: „Wir werden immer dafür sorgen, dass das Gehege sauber bleibt. Und wir werden die Tiere immer füttern. Und immer streicheln. Und immer alles für sie machen. Alle anderen haben ja auch ein Haustier. Warum dürfen wir nicht?“ Bis vor Kurzem hatten „Meiner“ und ich ein Totschlägerargument im Sack, welches das Flehen unserer Kinder zum Verstummen brachte: „Wir haben zwar keine Haustiere, dafür haben wir ein Baby und das haben alle anderen nicht und das ist viiiieeeel spezieller.“ Doch seitdem das Prinzchen fleissig mitstreitet, wenn sich unser Knöpfe in die Haare geraten, seitdem er einen Tobsuchtanfall bekommt, wenn er kein Eis haben darf, seitdem er laut und deutlich sagen kann, was er will, seither zieht das Argument mit dem Baby nicht mehr, denn unsere Kinder haben schneller als wir Eltern begriffen, dass das Prinzchen kein Baby mehr sein will.

Und deshalb haben „Meiner“ und ich uns erweichen lassen und wir haben uns Haustiere angeschafft. Nun ja, zumindest eine Haustierzucht, oder vielleicht eher eine Gartentierzucht. Wir haben nämlich ein Marienkäfer-Aufzuchtset gekauft. Schaffen es unsere Kinder, gut für die Eier, die Larven und später die Marienkäfer zu sorgen, dann können wir im nächsten Sommer vielleicht zu den Pantoffeltierchen übergehen. Und wenn das auch gut läuft, dann können die Kinder allenfalls mit uns darüber reden, ob wir vielleicht, aber nur vielleicht, dazu bereit sind, eine jener schrecklichen Zuchtstationen für Urzeitkrebse zu kaufen und wenn auch das gut läuft, dann…. bin ich sicher, dass Karlsson spätestens zu seinem fünfundzwanzigsten Geburtstag einen Zwerghasen bekommt und Luise zum Zweiundzwanzigsten  vielleicht eine junge Katze.

Doch leider muss ich sagen, dass das mit den Marienkäfern nicht ganz so läuft wie erhofft. Schon am ersten Tag liess der FeuerwehrRitterRömerPirat das Zuchtset auf den Boden fallen, worauf sich Marienkäfereier und Mehlmotteneiner, die eigentlich als Nahrung für die Larven vorgesehen sind, auf dem Fussboden verteilten. Worauf Karlsson, der in der Schule bereits Erfahrungen mit dem Züchten von Marienkäfern gesammelt hat, in Tränen ausbrach, weil er fürchtete, jetzt seien alle Eier kaputt. Ich wäre ebenfalls fast in Tränen ausgebrochen, denn ich sah vor meinem inneren Auge bereits die Maden, die aus den Mehlmotteneiern schlüpfen würden, was mich dazu trieb, den Fussboden mit kochendem Wasser zu reinigen, damit garantiert kein Mehlmottenei auf unserem Fussboden überleben würde.

Gott sei Dank haben trotz dieses Unfalls ziemlich viele Marienkäfereier überlebt, was sich gestern eindeutig bestätigte: Die ersten Larven sind geschlüpft. Aber die armen Larven haben bei uns kein glückliches Larvenleben. Immer wieder müssen sie an einen neuen Ort umziehen, weil Karlsson fürchtet, sie seien zu sehr dem Sonnenlicht ausgesetzt. Sobald Karlsson einen besseren Ort gefunden hat, macht das Prinzchen diesen ausfindig und bald schon werden die armen Larven hin und her geschüttelt und sie müssen ganz schön aufpassen, dass sie nicht versehentlich auf dem Fussboden landen, wo sie der sichere Tod durch Zertreten erwartet. Wenn das so weitergeht, dann wird vielleicht ein einziger Marienkäfer unser Haus lebend verlassen und im Garten den Kampf gegen die Blattläuse aufnehmen können.

Man sieht also: Vendittis Kinder sind noch nicht reif für Haustiere. Wir werden dann wohl noch eine Weile bei den Stofftieren bleiben.

Das darf doch nicht wahr sein!

Als Karlsson noch ganz winzig war und ich, kaum hatten wir das Spital verlassen, wieder für eine Woche einrücken mussten, weil das kleine Kerlchen es nicht schaffte, alle Milch zu trinken, die ich in meiner mütterlichen Überschwenglichkeit im Angebot hatte, da hatte ich noch kein Problem damit. Klar, die Brustentzündung war äusserst schmerzhaft, aber für meinen lieben kleinen Karlsson war ich noch so gerne bereit, trotz wiederholter Entzündungen acht Monate lang zu stillen, bis er eines Morgens im Urlaub die Brust von sich schob und jeden weiteren Tropfen Muttermilch verweigerte. Und mir damit prompt eine weitere Entzündung bescherte.

Auch als Luise unter Tränen stillen musste, weil sich da heimlich still und leise ein riesiger Abszess gebildet hatte, der entfernt werden musste, nahm ich das noch so gerne auf mich. Hauptsache, ich konnte meine Tochter so lange wie möglich stillen. Was dann leider nur drei Monate dauerte, aber immerhin. Ich hatte auch kein Problem damit, für den FeuerwehrRitterRömerPiraten zuerst voll abzustillen, um dann die Milch in der für ihn richtigen Menge wieder kommen zu lassen. Hauptsache, ich konnte meinem dritten Kind, für das so wenig Zeit blieb im aufreibenden Alltag, diese Stillzeiten mit mir ganz alleine schenken. Auch für den Zoowärter und das Prinzchen nahm ich es noch so gerne in Kauf, dass ich hin und wieder mit schmerzhaften Milchstaus und Brustentzündungen flach lag und das eine oder andere Familienfest sausen lassen musste. Ich möchte nie und nimmer behaupten, dass jede Mutter das so sehen muss, aber für mich war das Stillen enorm wichtig und ich scheute keinen Schmerz, wenn ich dafür diese ganz spezielle Zeit mit jedem meiner Kinder geniessen konnte.

Soweit so gut, aber das ist jetzt wirklich zu viel: Da quäle ich mich heute früh aus dem Bett und spüre dieses vertraute Gefühl. Lange Zeit dämmert mir nicht, was mit mir los ist. Warum sollte es auch, habe ich doch vor einem guten Jahr abgestillt. Als ich mich aber immer schlapper fühle, die Schmerzen in der Brust immer schlimmer werden, als ich schliesslich laut aufheule, als das Prinzchen auf mir rumklettert, da geht mir endlich ein Licht auf: Ich habe eine Brustentzündung. Ohne Stillen, ohne Baby, einfach so. Während ich all die anderen Brustentzündungen mehr oder weniger klaglos auf mich genommen habe, weigere ich mich diesmal, das einfach so hinzunehmen. Leiden für meine Kinder ist okay, aber leiden, einfach weil mein Körper findet, er könne mal wieder meine Schwachstelle angreifen, das geht zu weit. Entweder bekomme ich jetzt gleich das Baby, das zur Brustentzündung einfach dazugehört, oder ich mache nicht mehr mit.

Verstanden, mein guter alter Körper?

Und dann noch eine Bemerkung am Rande: Wer darf sich ins Bett legen? Das Au-Pair, das  einen Angina-Rückfall hat, weil sie die Antibiotika nicht nach ärztlicher Vorschrift eingenommen hat oder die Mama, die sich ohne Stillen eine Brustentzündung zugezogen hat? Ist doch klar: Das Au-Pair, denn sie hat ja auch noch nicht erleben dürfen, dass Frau immer auf die Zähne beisst, egal, wie elend ihr ist. Und wer rennt am Nachmittag wieder im Garten herum? Das Au-Pair oder die Mama? Beide natürlich. Die Mama, weil sie verhindern muss, dass sich das Prinzchen unter ein Auto wirft,  das Au-Pair, weil sie den Rest des unerwarteten freien Tages geniessen darf.

Mist!

Dass ich als Mutter schon viel falsch gemacht habe, ist mir klar und ich habe auch kein grundsätzliches Problem damit. Fehler gehören für mich einfach dazu und ich habe mir auch schon damals, als Karlsson noch in der Wiege lag, daran gewöhnt, mich bei ihm zu entschuldigen, wenn ich ihm Unrecht getan hatte. Damit ich lerne, meinem Kind gegenüber zu meinem Versagen zu stehen, bevor ich zu stolz bin dazu und verbissen auf meinem Standpunkt beharren muss. Bis heute habe ich mich in der Illusion gewiegt, dass ich mit diesem Grundsatz für meine Kinder mein Bestes gegeben habe.

Aber mit dieser Illusion ist jetzt Schluss. Ich habe nämlich einen Katalog zugeschickt bekommen mit vielerlei Krimskrams, der viel kostet, der aber das Leben um so viel lebenswerter machen wird, dass kein Geld der Welt den wahren Wert dieser Dinge aufwiegen könnte. In diesem Katalog also, auf Seite 45 unten, werde ich mit meinem Versagen konfrontiert: „Manchen Kindern wird die Musikalität in die Wiege gelegt. Aber eben nur manchen. Das ist uns nicht zuverlässig genug, und so lange wollen wir auch nicht warten“, steht da geschrieben. „Mist!“, denke ich. „Ich habe vielleicht doch nicht mein Bestes gegeben“ und lese weiter: „Unseren Nachwuchs versorgen wir schon Monate vor der Geburt mit lieblichen Klängen und lehren ihn auf unterschiedlichste äussere Reize zu reagieren sowie schön zu entspannen. Dass unser Music Belt nicht nur äusserst kleidsam, sondern auch bequem und individuell einstellbar ist, versteht sich von selbst.“ Wer jetzt denkt, es könne mir doch vollkommen schnurz sein, ob manche Mütter glauben, sie müssten ihre Ungeborenen bereits im Mutterleib mit Hintergrundmusik berieseln und dazu eigens einen hellblauen Gurt mit weissen Punkten tragen, der irrt. Es ist durchaus von Beduetung, ob man das getan hat oder nicht, denn der nächste Satz macht klipp und klar, dass dieses Gadget für eine gute Mutter unverzichtbar ist: „Schliesslich geht es hier um die besten Mütter der Welt!“ Jawohl! Die besten Mütter der Welt, die wissen eben, worauf es ankommt und die geben von Herzen gerne 99.90 Franken aus, um dafür zu sorgen, dass ihre Kleinen optimale Startbedingungen haben.

Ach, was bin ich doch für eine dumme Mutter! Da glaube ich doch allen Ernstes, ich würde meinen Kindern das Beste bieten, indem ich ehrlich bin mit ihnen und ihnen offen meine Liebe zeige. Und bei all meinen Bemühungen, eine leidenschaftliche Mama zu sein, habe ich das nicht getan, was die besten Mamas der Welt tun: Ich habe im letzten Schwangerschaftsdrittel jeweils keinen hellblauen Gurt mit weissen Punkten getragen, der meinen Nachwuchs mit Musik versorgt. Sollte aus meinen Kindern nichts werden, dann wisst ihr jetzt, warum.

Wer sucht,….

…. der findet auch bei uns irgend etwas, aber leider meistens nicht das, wonach er gesucht hat. So tauchten zum Beispiel heute Morgen die Au-Pair-Unterlagen, die ich seit drei Tagen verzweifelt gesucht hatte wider auf ausserdem der Schlüsselbund von „Meinem“, den am Sonntag so ziemlich jedes Familienmitglied mal in der Hand gehabt hatte, so dass nicht mehr nachvollziehbar war, wer ihn zuletzt wo liegen gelassen hatte. Nun, seit heute früh wissen wir, wo der Kerl gesteckt hat: Auf dem Wickeltisch, unter einem Berg von Kleidern verborgen. Was mich darauf schliessen lässt, dass das Prinzchen zuletzt damit gespielt hat, denn er ist der Einzige, der auf dem Wickeltisch überhaupt noch etwas zu suchen – oder wohl eher liegenzulassen – hat. Man sieht also: Unsere Suchaktion war äusserst erfolgreich. Bloss half uns das nicht weiter, denn Karlsson brach trotzdem in Tränen aus, weil seine Streifen verschwunden blieben und er den Zorn der Lehrerin fürchtete.

Ich kann gar nicht verstehen, warum Karlsson immer so sehr in Panik gerät, wenn er etwas nicht finden kann. Für ihn ist jeder kleine Misstritt der Anfang des Weltuntergangs und er malt sich dann jeweils in den schwärzesten Farben aus, was mit ihm alles passieren könnte, bloss weil mal wieder etwas daneben gegangen ist. Dabei hat er doch stets eine Ausrede zur Hand: Er kann seinen kleinen Brüdern die Schuld geben am ganzen Schlamassel. Aber nein, Karlsson nimmt alle Schuld auf sich, macht sich Vorwürfe und zittert vor der Strafe, die dann meist gar nicht eintritt, weil er bei der Lehrerin einen grossen Stein im Brett hat. Also ich war ja ganz anders in dem Alter. Ich machte nie ein solches Geschrei. Musste ich auch gar nicht, denn aus lauter Angst, dass ich etwas falsch machen könnte und dass die Lehrerin mir deswegen böse sein könnte, war ich stets darauf bedacht, nur ja nichts zu vergessen, kein Blatt zu zerknittern, keine Papierschnipsel zu verlegen. Ich hatte ja auch keine jüngeren Geschwister, denen ich den Fehler in die Schuhe schieben konnte und so musste ich eben im Vornherein dafür sorgen, dass alles war, wie es sein sollte. Um stets den nötigen Druck zu haben, alles richtig zu machen, malte ich mir jeweils in den schwärzesten Farben aus, was mit mir passieren würde, wenn ich einen Fehler beginge. Das ist dann wohl der Grosse Unterschied zwischen Karlsson und mir: Ich zitterte vorher, er zittert nachher. Aber perfektionistische Angsthasen sind wir beide.

So, aber jetzt muss ich los. Die Papierstreifen sind wieder aufgetaucht, als ich nach der Kabelrolle suchte, um die Pumpe des Schwimmbeckens in Betrieb zu nehmen. Wenn ich jetzt ganz schnell zur Schule renne, dann schaffe ich es noch, Karlsson die Streifen in der grossen Pause in die Hand zu drücken und dann können wir vielleicht noch verhindern, dass die Lehrerin schimpft….